Musik und Transzendenz - Geschichte eines Dreamteams - Richard Koechli - E-Book

Musik und Transzendenz - Geschichte eines Dreamteams E-Book

Richard Koechli

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Beschreibung

Musik berauscht, verzaubert, befeuert, befreit, beruhigt, tröstet, heilt. Wie kaum ein anderes Medium lässt sie uns abheben, in eine Welt jenseits von Zeit und Raum. Wie schafft sie das? Worin liegt das Geheimnis der Töne? Es gibt Theorien, Vermutungen und Ahnungen aus den verschiedensten Fachbereichen, doch in keiner Epoche gelang es bisher, den Schleier endgültig zu lüften.Hartnäckig, verspielt und zuweilen ironisch sucht der Schweizer Musiker und Buchautor Richard Koechli nach Antworten, wie und warum Musik uns berührt und im Sinne der «Transzendenz» sogar über uns hinausführt. Was laufen da für Prozesse ab, im Gehirn und in der Seele? Wie hat das alles in die Menschheitsgeschichte hineingewirkt? Akribisch untersucht Koechli Erklärungen aus der Musikwissenschaft, Naturwissenschaft, Psychologie, Musiktherapie, Soziologie, Literatur, Philosophie, Mystik, Spiritualität und Metaphysik. Leidenschaftlich zitiert er legendäre Stars, wie sie den Zauber erleben. Besorgt stellt er sich auch die Frage, warum uns seit jeher die «Droge» Musik oft nicht reicht, weshalb wir glauben, den Höhenflug mit irgendwelchen Substanzen oder okkulten Praktiken noch toppen zu können. Zu guter Letzt beendet Koechli das 220-seitige Abenteuer mit einem faszinierenden Streifzug durch die Geschichte des «Psychedelic Rock», weil jene Musik aus der Hippie-Zeit damals auch ihm das Abheben beibrachte. In der Rolle als mehrfach preisgekrönter Bluesmusiker und Singer-Songwriter ergänzt er das Ganze zudem mit einem sehr persönlichen Album: «Transcendental Blues» (Download-Link im Buch), ein komplexer Musiktrip durch die Höhen und Tiefen des MenschseinsFür alle, die auf irgendeine Weise mit Musik zu tun haben. Ein relevantes Buch, weil es den Respekt vor dem Geheimnis der Töne multipliziert. Ein aufwühlendes, weil es die Liebe zur Musik ins Unendliche überführt

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Seitenzahl: 296

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musik und Transzendenz Geschichte eines DreamTeams

Das Geheimnis der Töne, von der Antike bis zum Psychedelic Rock

Richard Koechli

Impressum

© 2023 Richard Koechli (1. Auflage) www.richardkoechli.ch

Buchcover, Layout: Richard Koechli, Evelyne Rosier

Teile der grafischen Elemente lizenziert unter: shutterstock 1445065250

Layout, Schriftsatz: Richard Koechli Lektorat, Korrektorat: Gerd Bingemann

Der Autor stammt aus der Schweiz, es gelten deshalb die entsprechenden orthografischen Sonderregelungen des CH-Dudens

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

ISBN Softcover: 978-3-347-92829-9

ISBN Hardcover: 978-3-347-92830-5

ISBN E-Book: 978-3-347-92831-2

Das Werk einschliesslich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich; jede Verwertung ist ohne seine Erlaubnis unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgt in Richard Koechlis Auftrag; zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland. Das Album „Transcendental Blues“ ist nur als Beilage (mp3-Download) zum Buch erhältlich und wird nicht separat vertrieben; es ist hingegen im digitalen Handel (Streaming, Download) verfügbar. Das Buch ist auch in einer englischen Übersetzung erhältlich (tredition).

Sponsoren: Für die grosszügige finanzielle Unterstützung dieses Projektes bedanke ich mich herzlich bei Walter und Marlise Köchli, Thomas Bühlmann, Sylvia Frey, Cyrill Deschamps

Herzlichen Dank: An alle grossartigen Künstlerinnen, die unsere Musikgeschichte durch ihr Leben, ihre Leidenschaft und ihre beseelte Arbeit bereicherten und bereichern. An alle, die sich von Musik berühren lassen. An alle, die mithalfen, dieses Projekt hier zu verwirklichen: Evelyne Rosier, Marlise und Walter Köchli, Hape Schuwey, Sylvia Frey, Urs & Françoise Friderich, Thomas Bühlmann, Reinhold Weber, Gerd und Ursi Bingemann, Cyrill Deschamps, Stefan Künzli, Philippe Schneeberger, Blues Festival Baden, das Tredition-, CMS-, Fontastix- und cede-Team. An meine langjährige Live-Band (Fausto Medici, David Zopfi, Michael Dolmetsch, Heini Heitz, Dani Lauk) und an mein treues, feines Publikum.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Album «Transcendental Blues» (Credits & Lyrics):

Vorwort

Der Plot

Musik berauscht! Tatsächlich?

Wie hat Musik früher berauscht? Wie erlebten das die Stars der verschiedenen Epochen?

Die Ursprünge der Musik

Warum berauscht oder verzaubert Musik? Was sagt die Wissenschaft?

Trance

Veränderte Gehirnwellen

Musiktherapie

Magisch-mythische Form der Musikheilung

Rational-wissenschaftliche Musikheilungen in der Antike und im Mittelalter

Renaissance und Barock

Romantik

Das 20. Jahrhundert

Musikwissenschaft

Musikpsychologie

Musikphilosophie

Transzendenz in der Musik – wie geht das?

Gibt‘s denn wirklich keine Tricks?

Und das Nachhelfen …?

Falsche Versprechen

Die etwas andere Sicht auf psychedelische Drogen

Und die gute Nachricht?

Psychedelic Rock

Psychedelische Musik – was war neu daran?

Der Spirit dahinter

Die Musik

Grateful Dead

Love

The Doors

Jefferson Airplane

Beach Boys

The 13 th Floor Elevators

The Velvet Underground

Die Szene in Grossbritannien

Beatles

Yardbirds (Shapes of Things)

Rolling Stones

Pink Floyd

Mike Oldfield

Music is the Happiness Pill

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Titelblatt

Urheberrechte

Album «Transcendental Blues» (Credits & Lyrics):

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Downloads

Der Link zum Downloaden von Richard Koechlis Album «Transcendental Blues» (mp3, 320 kb/s):

The link to download Richard Koechli's album «Transcendental Blues»

(mp3, 320 kb/s)

www.richardkoechli.ch/images/downloads/transcendental-blues.pdf

Album «Transcendental Blues» (Credits & Lyrics):

Music: Richard Koechli

Lyrics (partially inspired by selected passages from the Holy Bible): Richard Koechli

Vocals, Guitars, Backing-Vocals, Bass, Sound-Collage: Richard Koechli Piano, Hammond, Mellotron: Michael Dolmetsch Drums, Percussions: Fausto Medici

Bass (on «Night is not the end of the road»): David Zopfi Saxophon (on «Night is not the end of the road»): Stefan Künzli

Recorded at: Tirnanog Studio (France), Little Mountain Studio (Switzerland), Medici Studio (Italy)

Mixed by: Richard Koechli at Tirnanog Studio (France)

Mastered by: Philippe Schneeberger at Lakeland Studio (www.foh-rent.ch)

01 Transcendental Blues The Whole Trip

An epic song in 6 parts

2 Dark Night Of The Soul

(Micah 3:6)

It will be night for me, without vision

And darkness for me, without divination

The sun will go down on the prophets

And the day will become dark over them

(John 1:5)

The light shines on in the darkness

And the darkness has never put it out

(John 3:19)

People love the darkness more than the light

Their deeds are evil

(Luke 22:42)

Father, if you are willing,

take this cup of suffering away from me

Yet not my will, but yours be done

(Matthew 26:42,45)

Father, if this cup cannot pass unless I drink it,

may Your will be done

In this darkest night, darkest night ever

Oh my God, why have you forsaken me?

(Isaiah 9:2)

The people who walk in darkness,

will see a great light

Those who live in a dark land,

the light will shine on them

(1 Thessalonians 5:4)

But you, dear brothers and sisters,

you aren’t in the dark about these things

And you won’t be surprised

when the day of the Lord comes like a thief

(Romans 13:12)

The night is almost gone, and the day is near

Therefore let us lay aside the deeds of darkness

And put on the armor of light

(Luke 11:34)

The eye is the lamp of your body

When your eye is clear,

your whole body also is full of light

Full of light

3 New Morning

(Psalm 30:5)

Weeping may tarry for the night,

but joy comes with the morning

(2 Corinthians 4:16)

We are being renewed day by day

(Psalm 118:24)

This is the day that the Lord has made

Let us rejoice and be glad in it

Backing Choir:

(Philippians 2:5-11)

(2 Corinthians 5:17)

(Numbers 6:24-26)

Let the mind of Christ be in you

The old is gone, the new has come

Let his face of love

(grace, peace, glory, hope) shine on you

This day will never happen again

(Isaiah 60:1)

Arise ‚n‘shine, for your light has come

(Psalms 126:5)

Those who sow in tears shall reap in joy

(Psalm 23)

The Lord is my shepherd

(Psalm 27)

The Lord is my light and my salvation

(Ecclesiastes 9:7)

Go, eat your bread with joy, and drink your

wine with a merry heart

For God has already accepted your works

(Nehemiah 8:10)

The joy of the Lord is your strength

(John 13:1)

Let not your heart be troubled Believe in God

(Galatians 5:22-23)

The fruit of the Spirit is love, joy, peace,

patience, kindness, goodness, faithfulness,

gentleness, self-control

Against such things there is now law,

(Matthew 5:8)

Blessed are the pure in heart,

for they shall see God

(Proverbs 15:13)

A glad heart makes a cheerful face,

but by sorrow of heart the spirit is crushed

(Proverbs 17:22)

A joyful heart is good medicine

But a crushed spirit dries up the bones

(Matthew 5:9)

Blessed are the peacemakers

(Revelation 1:5-6)

He washed the sins away

Jesus washed the sins away

(Ecclesiastes 3:1-8)

Everything has its own time

Everything has its own time

A time to be born and a time to die

A time to plant and a time to pull out

Everything has its own time

A time to tear down and a time to build up

A time t o cry and a time to laugh

A time to mourn and a time to dance

A time to hug and a time to stop hugging

04 Love Endures Everything

Let‘s talk about life …

(1 Corinthians 13)

Everything should be done in love

Love should be shown without pretending

Abhor what is evil, and hold on to what is good

If I can speak in all languages, even like angels,

but do not know love …

If I can see like a prophet,

if I know all the secrets,

but do not know love,

(then) I‘m just a booming braggart

If I can move mountains with my faith

If I give all I have to the poor

Without love I‘m just nothing, nothing

If I dominate my body and make it suffer,

if I do all this just to boast,

all my sacrifice and pain is for nothing

Love is patient, love is kind,

it isn’t jealous, it doesn’t brag,

Love isn’t proud, it isn’t rude, it isn’t self-seeking,

it keeps no record of wrongs

Love isn’t happy with injustice, but with honesty

Love endures everything

Love believes everything

Love hopes everything,

stands up to anything

Now faith, hope, and love remain

But the greatest is love

There is no fear in love, no fear in love

For perfect love casteth out fear

Nobody makes it to the top of this perfect love

We are falling, again and again

We are tired‘n‘weak, again and again

Everybody hurts, everybody cries …

(Luke 1:28)

Hail, holy Queen, Mother of Mercy Hail,

Holy Mary, can you hear us,

Mother of Jesus

Here are the sighs and lamentations

from our vale of tears

Fear disappears when we are in your arms

Pain is eased when you are praying for us

(James 5:16)

Pray for us sinners Please pray for us

05 False Promises

(Revelation 12:7)

Now war arose in heaven

Michael and his angels fighting

against the dragon

And the dragon and his angels fought back

O earth and sea,

for the devil has come down to you,

because he knows that his time is short

(Isaiah 14:12)

How you are fallen from heaven,

O Day Star, son of Dawn

How you are cut down to the ground

You who laid the nations low

Sometimes we just have fun

Sometimes we want more, much more

A quick peek behind the curtain

A trip to paradise

A short flight with Luzie in the sky

We could sell our soul

We could flood our body with heat,

flood our mind with colors

Light of temptation blinds

The psychedelic kings play

the theater of redemption,

grinning triumphantly ….

And then, their torch burns out

They lead us into the valley of loneliness

Into an eternal darkness

The price is too high

For a fake it‘s much too high

06 Music Is The Happiness Pill

The true light has its price too

But if we trust, endure, wait and love,

one day the night will disappear forever

The sun will turn us

into a ball of fire glowing with happiness

One day, when the time is right for us,

when it‘s right for us

But not when we think it‘s right

Now let‘s celebrate life Let‘s love,

let‘s fall, get up,

laugh and comfort each other

Let‘s improvise, let‘s have a good jam,

all the time, all the way down to earth

Music, music, music is the happiness pill

Music is the quick peek into paradise,

free of charge, without false promises

Quick peek into paradise, free of charge,

without false promises

Enjoy it, without

limits Let‘s improvise

Music is the gift of the Holy Spirit

Celebrate life, celebrate life,

with a little help from the Holy Spirit

Music, music, music makes me high …

07 Night Is Not The End Of The Road

Dirty streets, nasty traps, walking on a bed of glowing ashes,

scoffers, know-it-alls, birds drowning in a river of tears

But night is not the end of the road

Love comes down to lighten the load

We can be salt of the earth, we can be light of the world

A healing breeze will carry us

Mountains fall into the heart of the sea

Liars and doomsayers try to sell the shares of fear

But there must be a way to endure

At the end of the road is Mercy, I‘m sure

If we try to be salt of the earth, try to be light of the world

A healing breeze will carry us

The Lord‘s breeze will carry us

It‘s a breeze, not a storm

Storm destroys, breeze heals

It makes happy, music is the happiness pill

The breeze comes with music …

08 Transcendental Blues Instrumental Trip

Vorwort

«Wie kaum ein anderes Medium dient Musik als Eintrittskarte in eine Welt jenseits von Zeit und Raum.»

Diesen Satz aus Burkhard Reinartz‘s Radiosendung «Die Welt ist Klang – Eine Annäherung an die ewige Macht der Musik» (Deutschlandfunk, 25.12.2012), den müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen. Reinartz ist ein sehr interessanter Mensch übrigens; Sozialwissenschaftler, Musiker, Autor, Journalist, Hörspielproduzent und vieles mehr.

Nun, der Satz liest sich wunderbar einfach, für mich als Musiker klingt er ziemlich vertraut, obwohl ich mir natürlich nicht einbilde, bei meiner Arbeit jederzeit und aus eigener Kraft den Schritt in die jenseitige Welt zu schaffen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob wir uns die unglaubliche Radikalität dieses Satzes wirklich bewusst sind.

Überlegen Sie mal – in diesem Musikverständnis liegt die Sprengkraft einer Atombombe! Einer Bombe, die unser aufgeklärtes, naturalistisches und naturwissenschaftliches Weltbild mit einem Schlag vernichtet. Ein Zeitgeist-Killer sozusagen. Finden Sie übertrieben, diese Darstellung? Na gut. Dennoch, meditieren Sie bitte noch mal über den Satz: «Zeit und Raum …»

Natürlich, seit Albert Einsteins Relativitätstheorie von 1905 haben sich unsere klassischen Vorstellungen von Zeit und Raum verändert; wir wissen jetzt, dass es keine absolute Zeit und keinen absoluten Raum gibt, und dass beides nicht unabhängig voneinander existiert. Doch wir haben nicht den geringsten Schimmer, was jenseits dieser Ebene existiert, und wir wissen noch nicht mal, ob es da überhaupt was gibt («schwarzes Loch» ist letztlich nicht mehr als ein rhetorischer Trick um zu sagen, «wir wissen NICHTS»).

Können wir auch gar nicht wissen. Beruhigen soll zwar dieses berühmte Mantra «… falls es da wirklich was gibt, so lässt es sich erklären, morgen oder übermorgen», aber wirklich ruhig stellt uns das ja auch nicht. Aufrichtige Forscher: innen spüren hinter diesem Mantra intuitiv einen schreienden Widerspruch: Wissenschaft kann ihrem Selbstverständnis nach nur auf Wissen gründen, niemals jedoch auf Hoffnung oder Prophezeiung. «Alles lässt sich erklären, wenn nicht jetzt, dann später» ist somit ein zutiefst unwissenschaftlicher Satz. Was uns bleibt, ist das Messbare, das persönlich Erfahrbare, und natürlich das Erahnen. Ahnungen zählen in der modernen Welt allerdings kaum – sie sind für Aufgeklärte etwa so unwesentlich wie Wahnvorstellungen.

Auf jeden Fall aber herrscht hier im Reich der Raumzeit so was wie ein intellektueller Konsens: Wir haben ihn nicht, diesen Schlüssel ins Jenseits; oder eben, wir dürfen allerhöchstens davon träumen, ihn morgen zu finden, vielleicht auch erst übermorgen, oder dann über-über-übermorgen. Damit haben wir uns abzufinden – heute und bis auf Weiteres bleibt das Tor verschlossen!

Apropos, warum eigentlich? Aus dem einfachen Grund, weil uns die Lichtgeschwindigkeit gefangen hält. Lassen Sie es mich erklären (ich wusste es bisher auch nicht, doch ich habe recherchiert, so dass ich jetzt hier den Neunmalklugen spielen kann):

Die Einteilung von Ereignissen in vergangene, gegenwärtige und zukünftige erfolgt mithilfe eines Raum-Zeit-Diagramms (dem MINKOWSKI-Diagramm): Aus Sicht der Relativitätstheorie liegen alle Ereignisse innerhalb oder auf einem Kegel, der durch Lichtsignale gebildet wird. Man bezeichnet ihn auch als Ereigniskegel. Ursache für ein künftiges Ereignis kann somit nur ein gegenwärtiges Ereignis sein, wobei sich das künftige Ereignis im Zukunftskegel abspielt. Die Lichtgeschwindigkeit ist nun eben der Spielverderber; sie begrenzt die Raum-Zeit-Bereiche, in denen Ereignisse ablaufen können. Anders formuliert: Wäre es möglich, Signale mit einer grösseren Geschwindigkeit als der Vakuumlichtgeschwindigkeit auszusenden, könnten wir Informationen aus der Zukunft erhalten oder Informationen in die Vergangenheit senden – das Schloss knacken und ins Jenseits eindringen also. Beides widerspricht nun aber jeglicher irdischen Erfahrung. Wir können es nicht.

Lässt sich schlucken, diese Kröte, mit ein bisschen Demut. Aber eben, jetzt kommt da ein bestimmter Berufsstand, die Musiker: innen, generell einfach die Künstler: innen, nicht systemrelevante Tagträumer: innen also … – und die rufen in dreister Weise: «Wonach sucht ihr denn? Wir haben das Ticket. Musik ist der Schlüssel! Wir haben ihn, den Zutritt zu dieser Welt jenseits von Zeit und Raum.»

Jetzt verstehen Sie vermutlich, was ich meine mit Sprengstoff. Und wenn Sie meine bisherigen Bücher kennen, oder eben spätestens jetzt nach diesen ersten Zeilen des Vorworts – merken Sie bestimmt auch, dass ich jeweils mit einer Prise Ironie und Provokation schreibe. Dennoch, die Dinge sind mir sehr ernst. Ich möchte in die Tiefe gehen, mehr erfahren – über das Wunder der Musik, das Geheimnis des Menschseins, über Kulturgeschichte, über Philosophie, Naturwissenschaft, Metaphysik, Spiritualität und all diese wunderbaren interdisziplinären Dinge, die unsere Existenz immerhin teilweise entschlüsseln, zumindest aber enorm bereichern können. Ich möchte mehr über all dies erfahren, in der Hoffnung, Musikgeschichte besser verstehen zu können, Musik noch intensiver erleben zu können.

Und was ich da auf diesen Entdeckungsreisen erfahre und erkenne, kann ich gleich auch mit Ihnen teilen, liebe Leser: innen; macht mir enorm Spass! Keine Angst, das wird keine Mission hier. Allerdings, ein Feuer will sich vermehren, das ist schon klar. Sagen wir‘s mal so: Als Reiseleiter wird man eben doch irgendwie zum Missionar; die Reisegruppe soll ja das versprochene Ziel (Entfachen von Leidenschaft, Gewinn an Tiefe und Wissen) erreichen, und soll nebenbei auch vor Irrwegen bewahrt werden.

Irrwege? Yeah, die gibt‘s zuhauf bei diesen Trips ins Jenseits.

Bei allem Paradiesischem, welches uns erwartet; es wimmelt dort leider auch von Gefahren – dies jedenfalls versichern uns Leute, die sich Zugang oder zumindest einen flüchtigen Blick verschafften. Vor allem der Versuch, die Tür zu dieser Welt gewaltsam einzutreten, etwa mit einem beim Chemikalien-Händler gekauften oder im Pilzwald geklauten Schlüssel – so was kann böse Überraschungen bescheren und nachhaltig Schaden zufügen.

Okay, dass es nicht ratsam ist, um jeden Preis sich Zugang zu dieser Welt zu verschaffen, scheint irgendwie einleuchtend zu sein. Dennoch, der Mensch ist leicht verführbar – wir kennen unzählige grossartige Künstler: innen, die in die Falle tappten, darin zwar faszinierende und legendäre Werke schufen, uns damit bereicherten, aber einen viel zu hohen Preis bezahlten. Sie spüren, worauf ich hinaus will; ich kann es einigermassen salopp und kurz wie folgt zusammenfassen:

Mich interessiert das Geheimnis der Töne, mich interessiert Musik. Wie und warum sie uns berührt, berauscht, verzaubert, manchmal heilt und – im Sinne der vielbesagten «Transzendenz» – sogar über uns hinausführt. Wie zum Teufel (oder noch besser: um Gottes Willen) funktioniert das? Was laufen da für Prozesse ab, in unserem Gehirn zum Beispiel, oder in unserer Seele. Und wie hat das alles in die Menschheits- und Musikgeschichte hineingewirkt?

Mich interessiert andererseits die Frage, warum uns seit Menschengedenken die «Droge» Musik oft nicht reicht, warum wir glauben, diesen Höhenflug mit irgendwelchen Substanzen oder okkulten Praktiken noch toppen zu müssen. Beziehungsweise warum wir glauben, ohne diese Krücken gar nicht erst in der Lage zu sein, berauschende Musik produzieren zu können oder uns von Musik verzaubern lassen zu können.

Im letzten Teil dann ein spannender Ausflug in die Geschichte jener Musik, die mich persönlich damals prägte, mir das Abheben beibrachte und mich bis heute inspiriert; Psychedelic Rock, Folk Rock, die Musik der Hippies aus der revolutionären Epoche der 1960er- und 1970er-Jahre – Musik, die oft nicht ohne chemische oder okkulte Krücken auskam. Mein Blick auf diese Zeit und ihre Werke wird voller Bewunderung und Respekt sein, und dennoch kann und will ich den hohen Preis nicht ausblenden, der dafür bezahlt wurde (und noch immer bezahlt wird, denn die Drogenmisere ist eines der grössten aktuellen Weltprobleme).

Parallel dazu wie immer ein Versuch von mir als Musiker, mit einem eigenen Werk (dem diesem Buch beiliegenden Audio-Album) mein Credo zu unterstreichen: «Transcendental Blues», ein 80-minütiger Blues-Trip, um das Wechselbad des Lebens zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt musikalischpersönlich zu verarbeiten. Das Herzstück des Albums ist eine 30-minütige, ziemlich psychedelische Komposition mit mystischen Texten, unterteilt in 6 Szenen. Die Szenen gibt‘s zudem als einzelne Songs, und darüber hinaus noch das Ganze als Instrumentalmix zum Chillen.

Tausend Dank an Sie, liebe Leser: innen – ohne Ihr Interesse an meiner Arbeit wäre dieser Trip hier reiner Selbstzweck. Und er würde in völliger Einsamkeit ohnehin nicht gelingen, denn ich kann als Autor am besten nachdenken, Informationen interpretieren und Visionen entwickeln, wenn ich mir permanent eine imaginäre Leserschaft vorstelle, mich mit ihr auseinandersetze, sie zu überzeugen versuche oder aber von ihrer Sicht lernen möchte. Aus mir allein kommt nicht sehr viel – wir sind alle verbunden. Zum guten Glück.

Der Plot

Bei einem Buchprojekt muss ich mein einfach gestricktes Gehirn jeweils überlisten; wenn ich dem nämlich ein präzises Drehbuch aufbrumme, wird es schnell bockig. Deshalb habe ich mir angewöhnt, den Plan für ein Buch auf das denkbar Einfachste zu reduzieren, auf ein paar simple, hemdsärmelige Stichwörter. Das muss reichen – der Rest ist Improvisation, gepaart mit der Hoffnung, dass die Leidenschaft was Inspirierendes in Bewegung bringt. Fragen Sie mich nicht, wie das funktioniert. Wenn es nur funktioniert! Bei der Musik ist es dasselbe – die Reise eines Gitarrensolos beginnt mit dem ersten Ton. Lassen wir uns überraschen …

Nun, die Stichwörter:

• Musik «berauscht» (ich verwende diesen Begriff pauschal auch als Synonym für berühren, verzaubern, beglücken, erheben, trösten, heilen usw.)

• Wie hat Musik früher berauscht, wie haben diese Räusche in den verschiedenen Epochen Geschichte geschrieben?

• Warum berauscht sie? Was geht da im Detail genau ab?

• Wie erleben berühmte Künstler: innen diesen Rausch, wie beschreiben sie ihn?

• Gibt‘s Tricks, diesen Rausch zu erzeugen oder zu verstärken? Wie kann ich als Musiker den Mojo in Gang bringen, wie kann ich Menschen berühren?

• Wie funktionieren oder wirken solche Tricks?

• Was ist der Preis für solche Tricks (nicht in Geldwährung)?

• Wie findet der Mensch wieder heraus, wenn der Preis zu hoch war?

• Was ging da alles ab in der Zeit des Psychedelic Rock, jener Musik der Hippies, die damals auch mich sozialisierte?

Das ist mein ungefährer Plot. Mit der Betonung darauf, dass ich diese Fragen jeweils möglichst interdisziplinär betrachten möchte; mich interessieren Antworten aus den verschiedensten Bereichen: Musikgeschichte, Musikwissenschaft, Naturwissenschaft, Psychologie, Soziologie, Literatur, Philosophie, Mystik, Spiritualität, Metaphysik. Alles Pole also, die sich teilweise hart kontrastieren oder gar widersprechen – und genau das macht es spannend. Eine Sauce mit all diesen Zutaten hat vielleicht am ehesten noch die Chance, uns dem grossen Geheimnis der Töne ein Stück näher zu bringen.

Okay, das waren nun sozusagen die letzten Begrüssungsworte Ihres Reiseleiters direkt vor der Startlinie zu einem aufregenden Trip. Schön, dass Sie dabei sind! Wenn der Startschuss erfolgt, und das passiert im nächsten Augenblick, gibt‘s kein Zurück mehr – im allerletzten Moment deshalb noch schnell der obligatorische Hinweis aufs Kleingedruckte in der Packungsbeilage:

Allfällige Risiken und Nebenwirkungen gehen in die Richtung, dass Sie nach der Lektüre dieses Buches womöglich nicht mehr auf dieselbe Weise Musik hören – oder dass Sie vielleicht sogar nicht mehr exakt derselbe Mensch sein werden …

Musik berauscht! Tatsächlich?

Tatsächlich? Für mich als Musiker ist die Frage zwar hinfällig, aber wenn sie unbedingt gestellt werden muss, dann würde ich sie verlagern auf die berühmte 2-Buchstaben-Frage: «Wo?»

Lassen Sie mich das erklären: Wenn wir beim Musikhören oder -machen nicht den geringsten Kontrollverlust erfahren, wenn wir haargenau wissen, wo wir sind, in unserem Körper und im Hier und Jetzt, gesteuert von einer neurologischen Software und von durchschaubarer Biochemie – dann würde ich diese Frage nämlich mit Nein beantworten. Musik würde uns dann kaum berauschen, sie würde uns nicht entführen, und das ganze jahrtausendealte Tamtam um die geheimnisvolle Wirkung der Musik wäre nichts als Einbildung.

In seinem Buch «Weltfremdheit» fragt der deutsche Philosoph, Kulturwissenschaftler und Publizist Peter Sloterdijk: «Wo sind wir, wenn wir Musik hören?» Seine Antwort darauf: «Im Hinweg und im Rückweg.» Das klingt geheimnisvoll, und gemeint ist damit wohl der Weg zu genau jener Welt jenseits von Zeit und Raum, von welcher Burkhard Reinartz spricht (Sloterdijk war in der Tat Reinartz‘s eigentliche Inspiration zu diesem Satz).

Nun, im Grunde genügt es allein schon, wenn nur ein einziger Mensch auf Erden sich diese Frage stellt. Wäre jener Ort der Musik nämlich fassbar, wäre er ohne jeden Zweifel im Diesseits, so käme kein einziger Mensch auf die verrückte Idee, «wo sind wir?» zu rufen. Oder niemand würde zumindest die Frage für unnötig halten (womit Naturwissenschaftler: innen vielleicht tatsächlich liebäugeln, wo Schallwellen doch messbar, räumlich begrenzt und darstellbar sind). Doch die Frage wird nun mal immer und immer wieder gestellt, seit Beginn der Menschheit, bis heute. Das muss nach allen Gesetzen der Anthropologie ein Beweis dafür sein, dass Musik mehr ist als blosse Schallwellen, unendlich viel mehr. Und dass sie uns dadurch eben berauscht.

Nebenbei bemerkt ist «Rausch» ein heikler Begriff, er ist missverständlich. Ich rede hier nicht von einem benebelten oder verwirrten Zustand, in welchem der Mensch seiner Sinne nicht mehr mächtig ist – sondern vielmehr davon, wie Musik uns ergreift, verzaubert und entführt, während wir im Kopf in der Regel vollkommen klar bleiben. Der Kontrollverlust besteht darin, dass wir nicht wissen, wohin wir entführt werden, und nicht wissen, was da genau passiert. Es ist ein Zauber, und vielleicht sollten wir tatsächlich eher von «Verzaubern» sprechen als von «Berauschen».

Okay, Musik verzaubert; eine Binsenweisheit sozusagen, das können wir abhaken. Wenn Sie das der Musik nicht zutrauen würden, hätten Sie dieses Buch hier nicht gekauft. Bevor wir nun also auf interdisziplinäre Weise untersuchen, woher der Zauber stammen könnte und was sich dabei genau abspielt, würde mich erst mal interessieren, wie das Ganze denn früher erlebt und wahrgenommen wurde. Der Blick zurück scheint mir das Natürlichste der Welt zu sein – weil wir bei aller Einzigartigkeit und Fortschrittlichkeit nämlich stets nur das eine verkörpern können: die Kontinuität der vergangenen Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende …

Wie hat Musik früher berauscht? Wie erlebten das die Stars der verschiedenen Epochen?

Allein darüber liesse sich natürlich ein dicker Wälzer schreiben, denn die Geschichte ist voll von entsprechenden Musikbeispielen, und von Berichten berühmter Komponist: innen, Musiker: innen, Musikkritiker: innen, Schriftsteller: innen,

Philosoph: innen und Mystiker: innen darüber, wie sie den Musikzauber empfinden. Der Zauber selber lässt sich ja nicht beschreiben – nur das persönliche Erleben, es wird durch Worte greifbar. Musik an sich spielt im Grunde ausserhalb der Ebene des Wortes, doch wenn der Mensch dann nach dem Rückweg eben wieder hier ankommt, will er immerhin beschreiben, wie der Hinweg war, was dort drüben so alles abging in dieser andern Welt – und das gelingt oft sehr gut mit Worten und Bildern.

Ich habe mich in der Literatur etwas schlau gemacht und faszinierende, inspirierende Statements aus allen möglichen Epochen gefunden – darüber, wie Musik seit Urzeiten verzaubert. Die kann ich jetzt hier am besten einfach lose und ohne chronologische Ordnung zitieren; im Grunde sprechen sie alle für sich und sind scharf genug gewürzt, so dass ich noch nicht mal meinen Senf dazugeben müsste. Dennoch ist es natürlich höchst interessant, sie jeweils kommentierend in unseren Kontext zu bringen und zudem mit dem Erzählen einiger Anekdoten die Urheber etwas «greifbarer» zu machen.

Beginnen wir am besten mit einem modernen Mystiker. Musik ist unfassbar; unfassbare Dinge irgendwie in Worte zu verpacken, gehört für Mystiker: innen zum Tagesgeschäft. Die Rede ist von Emil M. Cioran (1911–1995), ein legendärer rumänischer Philosoph und Essayist, der vor allem in Frankreich lebte. Obwohl seine Arbeit im Allgemeinen von einem starken Pessimismus und Nihilismus gekennzeichnet war, wurde er von Musik ganz offensichtlich in einer göttlichen Weise ergriffen:

«Wenn man bedenkt, dass so viele Philosophen und Theologen Tage und Nächte damit verloren haben, nach Gottesbeweisen zu suchen – und den eigentlichen verloren haben. Nach einem Oratorium, einer Kantate oder einer Passion muss er existieren. Sonst wäre das ganze Werk des Kantors nur eine herzzerreissende Illusion.»

«Wenn wir mit Bach die Sehnsucht nach dem Paradies fühlen, so sind wir mit Mozart darin. Diese Musik ist paradiesisch. Ihre Harmonien sind Lichttanz im Ewigen.»

«Musik ist die endgültige Emanation des Universums wie Gott die äusserste Emanation der Musik ist.»

Grossartig, wie Cioran dies mehrmals beschrieb. Der Mann war ein ewiger Sinnsucher, konnte seine religiöse Sehnsucht nie wirklich stillen, blieb für immer ein Zweifler, ein Provokateur – doch sobald Musik ins Spiel kam, gelang es ihm auf wunderbare Weise, zu glauben. Und dann, sobald sie verklungen war, wurde er wieder zum Provokateur. Als die Académie Française ihn als einen der bedeutendsten Kulturkritiker des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem höchstdotierten Prix Morand auszeichnen wollte, lehnte er den Award ab.

Dickschädel! Nur Musik schaffte es, ihn für Momente zu beruhigen. «Paradiesisch. Lichttanz im Ewigen. Gottesbeweis. Endgültige Emanation (Ausstrahlung) des Universums.» Was für Worte! Im Grunde ist damit fast alles gesagt, wir könnten geradezu zum Schlusswort übergehen. Doch Dickschädel, wie auch ich nun mal einer bin, will ich auf dieser Autorenreise noch mehr erleben. Fahren wir fort …

Musik ist nicht von dieser Welt. Oder sie ist von dieser Welt und führt in die andere Welt, wie es Reinartz eben beschreibt. In seiner Radiosendung («Die Welt ist Klang») formuliert er noch weiter:

«Vielleicht zeigt Musik immer dann eine überirdische Qualität, wenn sie ein Ringen um die letzten Geheimnisse des Daseins widerspiegelt oder die Schönheit der Welt feiert. Besonders dann, wenn es um die grossen Themen geht wie Schicksal, Liebe, Tod oder Lebenssinn. Für all diese Fragen gibt es letztlich keine sprachlichen Antworten. Es sind die in Töne und Melodien eingewobenen musikalischen Botschaften, die Antworten ahnen lassen.»

Die letzten Geheimnisse des Daseins, die Sprache, die darauf keine Antworten findet, die musikalischen Botschaften, eingewoben in Töne und Melodien, die uns hingegen Antworten erahnen lassen – Sie merken, liebe Leser: innen, wieder landen wir ohne Umschweif bei diesem Erahnen, von welchem ich im Vorwort sprach.

Nun, ganz so überirdisch geht‘s natürlich nicht immer zu und her; es gibt durchaus grosse Persönlichkeiten der Weltgeschichte, die sich ein Leben ohne Musik zwar nicht vorstellen können, dabei aber dennoch nicht gleich ins Jenseits abdriften. Es ist wohl tatsächlich auch eine Frage der Weltanschauung; von einem wie Friedrich Nietzsche (1844–1900), der «Gott ist tot» rief und sich für die Dekonstruktion der christlichen Kultur ins Zeug legte, können wir nun mal keine religiösen Bilder erwarten. Dennoch, auch er liebte Musik über alles, wurde von ihr verzaubert, und sein bekannter Satz «ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum» ist eine Verkürzung, die dieser Leidenschaft nur ungenügend gerecht wird. Nietzsches Statement über Musik war länger und vielsagender:

«Musik drückt nicht diese bestimmte Freude, diese oder jene Betrübnis aus, sondern die Trauer, die Freude, die Gemütsruhe. Keine Kunst wirkt auf den Menschen so unmittelbar, so tief wie die Musik, eben weil keine uns das Wesen der Welt so tief und unmittelbar erkennen lässt. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.»

Mit diesen Worten gibt sich einer ganz offensichtlich alle Mühe, die Tür nicht aufzustossen, das Reich jenseits von Zeit und Raum nicht zu betreten – doch seine schreibenden Finger jucken, er kann es fast nicht verklemmen. Wenn Nietzsche vom «Wesen der Welt» spricht, verlässt sein Geist die Welt nämlich im selben Moment, weil jenes Wesen ja eben nicht erklärbar ist, schon gar nicht mit Worten. Nietzsche deutet auf diese Weise zwar vorsichtig an, dass Musik diese Welt verlässt (oder gar von einer andern Welt kommt) – und dennoch bringt er sein eigenes Weltbild nicht in Gefahr. Raffiniert; so wie wir es von einem Philosophen seines Kalibers schliesslich auch erwarten dürfen.

Ungefähr aus derselben Epoche und mindestens in derselben Liga war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Dichter und Maler, ein gewisser Hermann Hesse (1877–1962). Die Etikette spielt bei ihm eigentlich keine grosse Rolle; dank seiner legendären und an Tiefe kaum zu überbietenden Erzählkunst spielte er auch im Genre der Philosophen und Mystiker in der Champions League. Auf jeden Fall zählt Hesse zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern aller Zeiten; seine Trophäensammlung (mehr als 10 hochkarätige Auszeichnungen, darunter der Literatur-Nobelpreis 1946) kann sich genauso sehen lassen wie sein Umsatz (weltweit mehr als 150 Millionen verkaufte Bücher). Der langen Rede kurzer Sinn: Wenn Hermann Hesse etwas sagt, hat es Gewicht – und über Musik sagte er immerhin diese Worte hier:

«Das ist ja das Geheimnis der Musik, dass sie unsere Seele fordert, die aber ganz. Sie fordert nicht Intelligenz und Bildung, sie stellt über alle Wissenschaften und Sprachen hinweg in vieldeutigen, aber im letzten Sinne immer selbstverständlichen Gestaltungen stets nur die Seele des Menschen dar.»

«Der Musik ist eine Urkraft und ein tiefer Heilzauber eigen, mehr noch als die anderen Künste vermag sie die Natur zu ersetzen.»

Hesse gibt den Tarif durch. Allein schon, dass er Musik als ein «Geheimnis» sieht, spricht Bände; im Diesseits gibt‘s keine wirklichen Geheimnisse. Und dann natürlich dieser Verweis auf die «Seele des Menschen», der macht alles klar. Wer von Seelen spricht, denkt in der Kategorie der Ewigkeit – und lässt die Wissenschaft (die noch immer oder gar mehr denn je die Existenz einer Seele verneint) auf der Erde zurück.

Tja, und mit «Urkraft» und «Heilzauber» landet er schon beinahe im psychedelischen Bereich. Kein Wunder übrigens, wurde Hermann Hesse in den 1960er-Jahren zu einer regelrechten Leitfigur der Hippiebewegung. Das ist höchst bemerkenswert, denn es ist sehr gut möglich, dass die Weltgeschichte ohne Hesse anders verlaufen wäre – dass die Hippiebewegung, welche damals die Dekonstruktion unserer westlichen Kultur in Bewegung brachte, auf diese Weise und in dieser Intensität nie entstanden wäre. Übertrieben, diese Analyse?