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Als der Jazzmusiker Jan Hag auf einem seiner Streifzüge durch seine Heimatstadt Dortmund in ein Book Outlet stolpert, um sich neuen Lesestoff zu besorgen, lernt er die etwas exotisch anmutende, hübsche Buchhändlerin Lena Pörtning kennen. Was die beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Sie haben nicht nur eine Affinität zum geschriebenen Wort, sondern auch zu viersaitigen Musikinstrumenten. Jan als Berufsmusiker am Bass, Lena als Hobbycellistin in einem Streichquartett.Es wird die Begegnungen im Book Outlet noch öfter geben. Jedes Mal werden die zwei Protagonisten ein bisschen mehr voneinander erfahren. Bald besuchen sie gegenseitig ihre Konzerte, bis sie schließlich gemeinsam auf die Bühnen-Bretter und vielleicht auch weiter gehen. Doch bis dahin müssen sie, jeder für sich, erst einmal ihr Leben meistern. Es werden Saiten gezupft und gestrichen, was das Zeug hält, und die persönlichen Geschichten mischen sich mit den allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen zwischen dem Herbst 2014 und Sommer 2015.In diesem Roman, in dem die beiden Protagonisten im Ping-Pong-Wechsel über ihr Leben und Lieben erzählen, stehen die Musik als Motor des Lebens und die Kraft der Liebe im Mittelpunkt.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Saskia Rhodos und Stan Bieler
Musiker-Liebe
Roman
„Darf ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte mich die Buchhändlerin.
„Ich suche ein Buch.“ Peinliche Antwort. Zu spät.
„Das ist ja mal eine Überraschung, vor allem in einem Buchladen“, lächelte sie mich an.
Lächeln und lächeln. Dieses Lächeln des ganzen Gesichtes hatte ich in dieser Form zuletzt bei meiner Omma Anni gesehen. (Omma muss im Ruhrgebiet zwingend mit zwei m geschrieben werden. Geht gar nicht anders. Nicht veröffentlichtes lokales Dudengesetz).
Da war es also endlich mal wieder, das tiefenentspannte Lächeln meiner Omma Anni, komplett entwaffnend.
Meine Omma Anni war vor fünf Jahren gestorben. Diese Frau jedoch lebte, eindeutig. Omma Annis Lächeln auf dem ovalen Gesicht dieser hübschen Schwarzgelockten. Ein Gesicht, das nicht nach Dortmund passt. Exotisch wäre es anderswo. In Dortmund ist Exotik eine Frage der Himmelsrichtung. Raus aus dem Laden, links die Brückstraße hoch Richtung Norden zehn Minuten zu Fuß, und Exotik wäre der Normalfall.
Allerdings stand ich nicht in der Nordstadt, sondern immer noch im Book Outlet in der Brückstraße und starrte, etwas verwirrt, auf dieses außergewöhnliche, zierliche Gesicht.
„Roman, männlicher Autor“, hatte sich meine Stimme zum Glück wieder etwas gefestigt.
„Das nenn ich doch mal kurz und präzise. Aber warum?“ –
„Warum was?“ –
„Warum männlicher Autor?“
„Weil ich keine Romane von Frauen lese. Weil Frauen nicht wissen, wie Männer ticken. Weil ein Roman, sobald in der Geschichte ein zweites Geschlecht auftaucht, eigentlich von einer Frau und einem Mann gleichzeitig oder abwechselnd geschrieben werden müsste. Das wäre innovativ.“ –
„Sie lesen also keine Romane, die von Frauen geschrieben wurden. Aha. Gilt das für immer?“ –
Das Aha war zu viel, aber wir waren auf dem Weg zu einer gemeinsamen Humorebene.
„Was ist schon für immer? Falls Dorle Herz den Literatur-Nobelpreis bekommen sollte, würde ich das grundlegend überdenken. Oder noch besser: Dorle Herz und Minka Ode bekämen geteilt den Nobelpreis. Das könnte mich umstimmen.“
„Ganz schön frech“, spitzbübelte die Fremde.
„Ja, ich weiß. Frech wie Schifferscheiße, hat mein Onkel Gerd immer gesagt. Ich bin aber nur ein Verbalfrecher. Eigentlich total lieb, vom Grunde meines Herzens. Dieses Buch hier nehme ich übrigens.“
Wir gingen drei Meter eng nebeneinander her und trennten uns kurz vor der Kasse. Sie hüben, ich drüben, oder umgekehrt, je nach Sichtweise.
Die Schöne schaute auf das Cover: „‘Die Zunge Europas‘ von Heinz Strunk. Eine gute Wahl. Vier Euro Neunundneunzig.“ Sie tippte das Erforderliche in ihren Computer, nahm meinen 10 Euro-Schein und gab mir Fünfnulleins zurück.
„Bisher habe ich nur „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk gelesen. Bin schon gespannt“, war ich mittlerweile schon deutlich kleinlauter, falls es diese Steigerung überhaupt gibt.
Seitdem ich im Kassenbereich stand, überkam mich ein leichtes Kribbeln. Ein Kriechstrom, der auf meinem Körper herumkroch. Wahrscheinlich was Psychosomatisches, wird schon wieder weggehen.
„Tüss. Schönen Tag noch und alles Gute.“ Braver Jan, fein gemacht.
„Danke, Ihnen auch und viel Spaß mit dem Buch“, lächelte sie „Omma Anni in memoriam“.
Die Brückstraße hatte mich wieder und führte mich nach rechts in Richtung Platz von Leeds.
Das Buch holte ich aus dem Rucksack und sah auf dem Cover Heinz Strunk im dunklen Anzug mit schwarzer Krawatte in einem gestriegelten Park auf einem Stein sitzen. Unten rechts auf seinem Anzug ein weißer Aufkleber mit schwarzer Schrift, der mich darüber informieren sollte, dass der Preis von Eur 8,95 auf Eur 4,99 reduziert wurde.
Auf seinem rechten Arm klebte ein breitovales gelbes Etikett, auf dem in geschmackvollem Schwarz vermerkt war, dass ich einen Bestseller erstanden hatte. Welch eine Hausnummer: Bestseller!
Mich beschäftigte die Frage, wie viele Bücher Heinz Strunk verkaufen musste, um straffrei diesen Aufkleber verwenden zu dürfen.
Zigtausende? Hunderttausende? Millionen? Fantastilliarden?
Mit CD-Verkäufen kannte ich mich eindeutig besser aus.
Auf der Unterkante des Buches ernüchternd aufgestempelt: Preisreduziertes Mängelexemplar.
Hatte jemand die drei letzten Seiten herausgerissen oder in welchem Bereich lagen die Mängel?
Mittwoch, Markttag auf dem Hansaplatz. Der Mittwoch ist, im Gegensatz zum Samstag, für Besucher nur schwer berechenbar. Bei vorhergesagtem Regenwetter machte sich bestenfalls die Hälfte der Anbieter auf den steinigen Weg nach Dortmund, dementsprechend schlecht die Besucherfrequenz.
Bei eindeutig sonnigem Wetter, wie an diesem Tag, kamen alle Ratten aus ihren Löchern und es war richtig schön.
Ich Ratte ging also hinter dem ehemaligen Karstadt Technikhaus, in dem sich jetzt so ein bescheuerter Billigrumpelpumpelmarkt eingenistet hat, rechts ein Stück Kampstraße, um vor der Meyerschen in die Hansastraße zum Markt einzubiegen.
Die Kasse surrte an diesem Morgen viel zu laut, viel lauter als an manchen anderen Tagen.
Es war spät geworden gestern, nach der Probe. Achim, unser Bratscher, hatte am Sonntag zuvor Geburtstag gehabt, und darauf wollte getrunken werden.
Zum Glück musste ich die Kasse nicht allzu oft an diesem Morgen betätigen, denn wie meistens, zwischen 9 und 10 Uhr, fanden erst wenige Kunden den Weg in meinen Laden.
Ich hatte einen Buchladen. Nicht besonders groß, vorwiegend Outlet für Mängelexemplare, aber gemütlich und vor allem: Ich war unabhängig. Kein Vorstandsmitglied großer Ladenketten konnte mich am Monatsende abkanzeln, weil ich zu wenig Umsatz gemacht hatte. Ich musste mich nur vor mir selber rechtfertigen, bzw. noch einen Monat länger auf das ersehnte Paar neuer Schuhe warten, wenn es nicht so lief. Aber das war mir die Sache wert.
Früher hatte ich in einem Hamsterrad gelebt. Es war auf den ersten Blick ein nettes Hamsterrad, mit goldenen Speichen sozusagen. Ich verdiente gut an der Pressestelle, meine Kollegen waren nett, vor allem Lisa, die Operndramaturgin, und Alfons, der Theaterpädagoge, der jahrelang hinter dem Ballettchef her war und immer davon träumte, einmal im Leben mit Feder-Boa und Zigarettenspitze eine Showtreppe hinunter zu schreiten. Wir hatten viel Spaß zusammen.
Aber das war beim Generalmusikdirektor nicht gern gesehen. Arbeit war Arbeit und hatte nichts mit Spaß zu tun zu haben, es sei denn, er persönlich hatte seine Zweiersitzung mit dem Dramatischen Sopran. Da hörte man schon mal Geräusche durch die doppelt gesicherte Bürotür, die garantiert ihren Ursprung im Vergnügen hatten.
Jedenfalls hatte er die Vermeidung von Spaß bei „seiner Mannschaft“, wie er uns nannte, so lange verordnet, bis der Chef der Technik-Abteilung, die Disponentin und ich ein Burn-out bekamen. Alfons war da schon lange verschwunden und ich tat es ihm nach, bevor es zu spät war.
Jetzt war ich seit fünf Jahren mein eigener Intendant: vier Jahre als Freelancer und nun mit meinem eigenen Buchladen. Der Spaßfaktor war wieder um hundert Prozent gestiegen. Nur noch nicht an diesem Morgen. Die Aspirin-Tablette hatte ich schon vor dem Frühstücksbrötchen eingeworfen, sonst wäre ich gar nicht bis zur Kaffeemaschine gekommen. Und irgendwie hatte ich es geschafft, mein äußeres Erscheinungsbild in eine passable Form zu bringen, so dass mich Leute, die mich kannten, auch an diesem Morgen auf dem Weg zu Arbeit grüßten.
Da stand ich nun in der Krimiabteilung, sortierte die Neulieferungen ein und hoffte auf nicht allzu viele Sinnesreize, besonders akustischer Art. Gleichzeitig wünschte ich mir, möglichst keine intellektuell anspruchsvollen Gespräche führen zu müssen.
Es sah ganz so aus, als würde sich mein Wunsch erfüllen. Bis etwa halb zwölf, als ein Kunde hereinmarschierte, der sich wohl für einen von der ganz originellen Sorte hielt.
Er suche, man glaubt es kaum, ein Buch, meinte er auf meine Frage, ob ich ihm weiterhelfen könne. Na sowas. Ein richtiger Spaßvogel! Sowas hatte mir auch noch gefehlt.
‚Der Kunde ist König, denk‘ an die blauen Wildleder-Pumps und sei nett‘, sagte ich zu mir selbst und schenkte ihm mein bezauberndstes Lächeln.
Er machte einen leicht verwirrten Eindruck, als ich ihm freundlich antwortete, dass ich das für eine totale Überraschung hielt, wurde dann aber konkreter. „Roman, männlicher Autor“, lautete sein präzise formulierter Wunsch. Ich wollte ihm schon vorschlagen, sich lieber an zeitgenössische Lyrik zu halten, denn wie konnte er zweihundert oder mehr Seiten ganzer Sätze lesen, wenn er einen solchen Stichwort-Stil bevorzugte?
Aber auch das verkniff ich mir. Vor meinem geistigen Auge tauchten wieder die blauen Wildleder-Pumps auf. Und so fragte ich ihn mit mir selbstauferlegter Ruhe, warum er denn ausschließlich etwas von einem Mann lesen wolle. Er hatte natürlich eine Antwort darauf: Frauen können sich nicht in Männer hineinversetzen. Klar, hatte ich vergessen.
Und dann hob er zu einer längeren Abhandlung doch noch mit Subjekt, Prädikat und Objekt an, die darauf beruhte, zwei geschätzte Schriftstellerinnen, sagen wir, in eine überaus eindeutig bewertete Kategorie einzuordnen, sie unsachgemäß in Zusammenhang mit dem Literaturnobelpreis zu bringen.
Dabei hatte ich mir doch so gewünscht, an diesem Morgen möglichst wenig Input verarbeiten zu müssen. Und jetzt stand da jemand vor mir, der sich fast blaue Lippen redete und wahrscheinlich auch noch erwartete, dass ich darauf reagierte.
Das war an diesem Morgen einfach zu viel. Auch wenn es nicht ganz uninteressant war, was er da für Thesen aufstellte.
Schließlich kam er von der Literatur weg, erzählte noch etwas von seinem Onkel Gerd und kaufte letztendlich ein Buch von Heinz Strunk.
Ich war erleichtert, als wir zur Kasse gingen, nicht, weil ich ihn nicht mochte, sondern weil ich aufgrund meines Zustandes argumentativ nicht wechseln konnte. Und ich wäre auch nicht viel länger in der Lage gewesen, diesem Mann weiter zuzuhören.
Als ich ihm an der Kasse das Wechselgeld reichte, spürte ich ein leichtes Kribbeln. Das waren bestimmt noch die Nachwirkungen des Prosecco, dachte ich mir. Er verabschiedete sich überaus höflich und jetzt fiel es mir leicht, ihm ein Lächeln zu schenken, ohne dabei an die blauen Wildleder-Pumps zu denken.
Den Westenhellweg überquert, machte ich gleich am ersten Obst- und Gemüsestand auf der rechten Seite der Hansastraße halt. Was meinen Kauf anging, hatte ich keinen speziellen Plan.
Der nachgemachte Schultenhof. Fast drei Jahre hatte ich gebraucht, um herauszufinden, dass dieser Schultenhof-Stand nicht das Geringste zu tun hat mit dem gleichnamigen Ökohof in Barop. Also fast drei Jahre mit äußerst gutem Gefühl billig eingekauft.
In einer großen Holzkiste lagen beutelweise Jazz-Äpfel aus Neuseeland, 2,98 Euro für den 2,5 Kilo-Beutel.
Der absolut geile Name Jazz-Äpfel glich mein schlechtes Gewissen von wegen der wahnsinnig langen Anreise aus Neuseeland nach Germany Dortmund Hansastraße komplett aus. Sie waren Wochen unterwegs. Jetzt hatten sie es sich redlich verdient, von mir verputzt zu werden. Also kaufte ich sie.
Von den Jazz-Äpfeln gleich weiter zur Kaffeebude auf dem Hansaplatz. Hier treffen sich neben vielen normalen Menschen gerne auch Musiker auf ein Schwätzchen zum Austausch von Neuigkeiten. Also eine Art Börse.
Geduldig wie ein Engländer schloss ich mich der Schlange vor der Kaffeebude an, bis ich mir meinen Cappuccino, den besten in der Stadt, bestellen konnte.
Dabei dachte ich an ein Interview mit Helge Schneider, in dem unser aller Helge gefragt wurde, wo sich denn in seiner Heimatstadt Mülheim/Ruhr die Szene getroffen hat. Kurze Antwort von Helge: Bei Eduscho (oder war es Tchibo?) und in der Eisdiele.
Viel kürzer und treffender kann man die Größe einer Stadt kaum beschreiben.
Den Cappuccino bezahlte ich mit abgezähltem Geld und wartete darauf, dass mir die Bedienung einen Stempel auf die Bonuskarte setzte. Soll dokumentieren: Hier bin ich Stammkunde.
Meinem Freund Stefan winkte ich mit der rechten Hand zu und ging mit meinem Kaffee in der linken zu dem Bistrotisch, an dem Stefan neben einer Frau stand, die ich nicht kannte. Sie war groß und breitschultrig mit gut unterfüttertem, rundem Gesicht und einem geblondeten Kurzhaarschnitt inclusive rosa Strähnchen, die zwanzig Jahre früher bestimmt gut zu ihr gepasst hätten. Verwaltungsangestellte aus dem benachbarten Rathaus? Verwaltungspunk.
Stefan streckte, mit Blick zum Verwaltungspunk, seinen Arm mit der Handinnenfläche nach oben, zu mir: „Das ist der berühmte Jazzbassist Jan Hag. Leider schon vergeben.“
Das machte ich ihm ähnlich nach. „Das ist Stefan Black, der uneheliche Sohn von Roy Black.“
„Ehrlich?“, fragte der Verwaltungspunk, ging mit leerer Kaffeetasse zur Ablage links neben dem Kaffeestand, entschwand und ward nicht mehr gesehen.
Wir zwei Süßen standen mit offenem Mund da. In der Kürze liegt die Würze. Für Verwirrung sorgen mit einem einzigen Wort, verziert mit einem Fragezeigen.
Solche Begegnungen hatte ich eigentlich nur mit meinem Freund und Kollegen Stefan „die Taste“ Schwarz. Der Peinlichsten einer. Sohn des legendären Klarinettisten Karl Schwarz aus dem noch legendäreren (Tschuldigung) Gerhard Siggi-Quartett, fossile Stammkapelle im Baroper Storkshof.
„Grad erst gekommen oder hast du schon eingekauft?“
„Schon eingekauft, aber nur ein paar Äpfel und ein Buch von Heinz Strunk. Ich war in dem neuen Book Outlet in der Brückstraße. Lohnt sich, alleine wegen der Buchhändlerin. Sieht total süß aus. Hat so ein Gesicht, das gar nicht nach Dortmund passt, aber so was von schnuckelig.“
„Denk daran, du bist doch schon so gut wie verheiratet. Alles gut mit Katrin?“
„Ja, alles wie immer: Ihr Schulleiter ist blöd, die Schüler sind dumm und die Eltern total bescheuert. Dazu ab und zu eine Migräne. Also alles wie immer.“
„Mensch, Jan, sei doch froh. Du…freiberuflicher Musiker. Katrin…Lehrerin…verbeamtet. Das ist doch die ideale Kombi. Besser geht’s doch gar nicht.“
„Komm, Stefan, fang du nicht auch noch an. Bin ich der Schmarotzer, oder was?“
„Komm wieder runter, war doch überhaupt nicht so gemeint. Bist du immer noch sauer auf Teddy, weil er dir die Dozentenstelle am Jazz-College nicht angeboten hat?“
„Quatsch, nein. Oder doch. So ganz verstanden hab ich’s jedenfalls nicht.“
„Teddy hält nichts von Enschede. Und von den Kollegen, die in Enschede studiert haben, hält er auch nichts.“
„Soll er doch. Ich brauch den Scheißjob nicht.“
„Ist bei dir für heute Abend alles klar? Ich hol dich um 18.30 Uhr ab. Wir spielen irgendwo im Süden bei einer Ausstellungseröffnung. Oliver am Schlagzeug. Er hat mir gestern Abend zugesagt
„Ja klar, alles klar. E-Bass oder Kontrabass?“
„Bring den Kontrabass mit. Bei solchen Geschichten wollen die Leute den dicken Kontrabass sehen. Bin übrigens fast mit einem neuen Stück fertig. Vielleicht können wir das ausprobieren heute Abend. Ansonsten viel bekanntes Zeugs.“
„Von mir aus gerne was Neues. Gibt so einige Songs, die ich nicht unbedingt haben muss.“
„Kommst du noch mit, n‘ Fisch picken bei der tätowierten Frau?“
„Nee, heute nicht. Werd ‘wohl noch mit Katrin n‘ Happen essen, wenn sie aus der Schule nach Haus kommt.“
„Auch gut. Dann bis später.“
„Man sieht sich.“
Zurück zur Hansastraße. Durch die Stadt zu surfen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen (Cruisen ist nicht meine Szene und würde es nicht treffen).
Die Hansastraße heißt ab dem Wall Hohe Straße und führt als City-Süd-Achse genau ins Paradies: Westfalenstadion, Kampfbahn Rote Erde, Westfalenhallen… und zu unserer Wohnung.
Auf der rechten Seite vorbei an den Möchtegerns vor dem Va Piano, vorbei am Opernhaus über den Hiltropwall bis zur Sonnenstraße.
Was ich auf dem Weg gesehen habe? Die Frage ist berechtigt.
Im Opernhaus, das uninformierte Fremde gerne für unseren Hauptbahnhof halten, spielten sie immer noch „Jesus Christ Superstar“.
Auch eine schöne Oper.
Die Sonnenstraße verlässt kurz vor der ehemaligen Ultras-Stammkneipe Lenz die Hohe Straße nach links oder rechts. Wenn man zu Katrin und mir möchte, nach rechts. Also rechts rein.
Links Häuser, rechts die S-Bahntrasse der S4 von Unna nach Lütgendortmund. Zuerst kommen die Budokans, dann die Fachhochschule und irgendwann, zwischen der Poppelsdorfer Straße und der Liebigstraße unsere Wohnung in der 3. Etage.
Die 3. Etage. Eine Herausforderung für Senioren und Bassisten mit einer dicken Berta.
Ich hatte es nicht eilig an diesem Abend, aber ich hatte ein Ziel: Schon seit Tagen hatte ich es verschoben, mich um mein Cello zu kümmern, genauer gesagt, um die d-Saite, die bei der letzten Probe schlapp gemacht hatte. Ich wusste, wo ich die besten neuen Saiten bekam, bei Harald Kupffer, dem Fachmann für Streichinstrumente in der Stadt.
Da der Abend noch lau und trocken war, beschloss ich zu seiner Werkstatt zu laufen. Er hatte sehr flexible Öffnungszeiten und ich hatte mich für halb acht angemeldet. Ich ging also quer durch die Stadt, am Opernhaus vorbei, die Hohe Straße hinauf, bis zu der Ecke, wo eine Werbetafel eine mir völlig unverständliche Reklame einer Stromfirma entgegenschleuderte. Irgendwas mit Strom und Treue, die irgendwo wohnt. Treue, die wohnt nicht, die ist da oder eben nicht! Wenn ich irgendetwas hasse, dann sind es schlechte Werbetexte. Aber Hass auf schlechte Werbetexte, das kann man sich heutzutage nicht mehr leisten, da wäre man nur noch mit geballter Aggressivität unterwegs.
Also verkniff ich mir die aufkommenden Wutgefühle, ließ das Plakat hinter mir und freute mich auf meinen Besuch bei Harald Kupffer. Beschwingt bog ich in die Sonnenstraße ein, als mir ein Mann auffiel, der sich mit einem Kontrabass abmühte. Was für ein Glück, dachte ich, dass ich mein Instrument eine Nummer kleiner gewählt habe.
Als ich näher kam, sah ich den Musiker etwas genauer und er kam mir ein bisschen bekannt vor. Das ist so ein Problem von mir: Ich sehe Leute und denke, ich kenne sie, aber wenn ich sie nicht in der Umgebung treffe, wo ich sie kennengelernt habe, weiß ich sie nicht einzuordnen. So ging es mir auch mit diesem Mann. Wo hatte ich ihn bloß gesehen?
Nachdenklich ging ich weiter, bis ich vor der Werkstatt des Instrumentenmachers stand. Ich hatte kaum die Tür erreicht, da wurde mir auch schon geöffnet. Es ist schön, erwartet zu werden!
Nach dem ich den Meister begrüßt hatte, atmete ich tief ein. Der Holzgeruch löste immer wieder Glücksgefühle in mir aus.
„Darf ich?“, fragte ich Kupffer.
„Natürlich, schauen Sie sich in Ruhe um. Ich sehe in der Zwischenzeit nach Ihrer Saite“, nickte er und verschwand in dem Raum hinter der Theke, wo er in scheinbar unendlichen Regalen und Schubladenschränken Zubehör, Werkzeug und Ersatzmaterialien aufbewahrte. Abends, wenn es dunkel war, konnte man die Räume von außen besonders gut betrachten. Er leuchtete sie stets aus und hatte keine Rollläden vor den Fenstern.
Mich in seinem Ausstellungsraum umzuschauen war für mich immer wieder ein Erlebnis wie in Kindertagen, wenn mich meine Eltern in ein Spielwarengeschäft mitnahmen. Ein Ausflug in ein kleines Paradies, ein Mini-Trip in ein Schlaraffenland. Auch an diesem Abend betrachtete ich wieder die älteren, zum Teil unverkäuflichen Kostbarkeiten mit höchster Aufmerksamkeit und mein Blick fiel bereits nach wenigen Augenblicken gezielt und ein wenig ängstlich in die Ecke hinter einer Glasvitrine, wo Kupffer seit einiger Zeit eine Gambe ausgestellt hatte. Ich hatte eine Leidenschaft für dieses historische Instrument und hätte es längst erworben, wenn sein Preis nicht so völlig inkompatibel mit meinen Einkünften gewesen wäre. Bei jedem meiner Besuche hoffte ich, dass es noch nicht verkauft war. Bis jetzt, so auch an diesem Abend, hatte ich Glück gehabt. Erleichtert atmete ich auf und betrachtete die Gambe liebevoll.
„Ich habe die Saite vorrätig“, hörte ich jetzt die Stimme des Geigenbauers. Ich löste mich aus meinem Reich der Glückseligkeit und ging zur Theke.
„Und, was machen die Geschäfte?“, fragte mich der Meister freundlich.
„Danke, alles gut bisher, ich kann mich nicht beklagen“, antwortete ich.
„Nette Kunden oder Nervensägen heute gehabt?“
„Nein, keine Nervensägen, zum Glück“, lachte ich. „Aber der eine oder andere Paradiesvogel ist schon dabei!“
Kupffer war neugierig geworden. „Was meinen Sie mit ‚Paradiesvogel‘?“
„Na ja“, begann ich, „heute war ein Kunde da, der nur Romane von Männern liest. Glücklicherweise habe ich ja auch davon genug Auswahl, aber das ist mir bisher noch nicht vorgekommen.“
„Hat er das näher begründet?“
„Oh ja. Er meinte, eine Frau könne sich nicht in einen Mann beim Schreiben hineinversetzen und umgekehrt.“
„Da hat er Recht“, lachte Kupffer, „da ist was dran. Wenn es anders wäre, hätten wir weniger Probleme in der Welt. 28 Euro 50 bitte.“
Ich bezahlte, wechselte noch ein paar herzliche Worte mit Kupffer und machte mich dann auf den Weg zur U-Bahn. Der eine Satz von Kupffer wühlte noch ein wenig in meinem Gehirn.
Der dicke Bass ist mein Schatz, mein Akustikbass, mein Rubner Kontrabass.
Vor drei Jahren, beim Jazzfestival in Burghausen, hatte ich ihn einem Orchestermusiker aus Klagenfurt, nebenbei leidenschaftlicher Jazzer, abgekauft.
Der österreichische Kollege hatte kurz vor dem Burghausen-Festival sein Trauminstrument in London gefunden und gekauft. Nun wohnte sein ehemaliger Bass bei mir.
Berta, ein 4-saitiger ¾ Kontrabass, wurde 1960 von Otto Rubner in Markneukirchen gebaut. Die Decke aus feinjähriger Fichte, der Ahornboden gewölbt und geflammt. Genau 6.000,00 Euro musste ich für dieses feine Teil hinlegen. Für mich ein fairer Preis, für den Kollegen auch, also ein win-win-deal.
Den Apfelbeutel vom nachgemachten Schultenhof (Was ist in dieser Stadt noch echt?) riss ich am Küchentisch auf, um mir einen Jazz-Apfel herauszuholen. Gewaschen, gegessen, lecker, sehr lecker. Mit jazzigem Abgang (Ich sollte es nicht übertreiben).
Unsere Wohnung – ein Traum, sagen alle Besucher.
Ein kleiner Auszug gefällig?
„Ihr wohnt ja toll…“
„… und so großzügig…“
„Ist das eine schöne Wohnung, ich krieg mich gar nicht mehr ein.“
„… und dann noch im Kreuzviertel.“
Stimmt alles. Bad, Küche, Schlafzimmer nach hinten raus mit Blick in den Hinterhof.
Wohnzimmer, Katrins Arbeitszimmer, mein Musikzimmer, davor ein idyllischer, länglicher Balkon, der von Katrin floristisch versorgt wird und zu allen drei Zimmern eine Verbindungstür hat. Die Sonnenstraßen-Seite.
Im Musikzimmer stellte ich mir grad die Berta zurecht, mit Blick auf die S-Bahntrasse, die Fußgängerbrücke zum Klinikviertel und seitlich rechts zum Neubautrakt der städtischen Kliniken. Während des Übens überlegte ich, wer von uns sein Zimmer räumen muss, wenn wir ein Kind bekommen. Katrin will demnächst die Pille absetzen. Wir werden uns kebbeln müssen. Wahrscheinlich ziehe ich den Kürzeren und muss mir einen preiswerten Proberaum in der Nordstadt anmieten. Alles noch Zukunft, in den Sternen geschrieben.
„… und dann noch im Kreuzviertel.“ Wie oft habe ich das gehört. Das Kreuzviertel ist das Disneyland für Akademiker. Hier wohnen Uniprofs, Studenten, Lehrer, Künstler und viele, die sich dafür halten. Liebevoll eingerichtete Cafés, Restaurants aller Couleur, Musikschulen, Weinläden und und und.
Hier säuft sich der Oberstudienrat abends niveauvoll seine Schüler, Kollegen und sein Leben schön. Oder, wie einige Dorfpolitiker vollmundig meinen: das deutsche Notting Hill.
Hier leben viele meiner Kollegen, so dass ständig Saxofone, Klaviere, Kontrabässe und andere Instrumente, außer Schlagzeug, erklingen. Die Grünen haben bei allen Wahlen Spitzenwerte um die 20%. Das heißt, dass es hier doppelt so viele Autos gibt wie anderswo und die Parkplätze äußerst rar sind. So viel Schmäh muss sein.
Kurzum: Ich liebe dieses Viertel.
Während ich einige Zweiklänge und Slides ausprobiere, höre ich, wie sich Katrins Schlüssel im Schloss unserer Haustür den Weg bahnt.
Sie kommt über den Flur durch die offen stehende Tür meiner Musikinsel auf mich zu und küsst mich. „Hallo Jannischatzi, warst du auf dem Markt?“
„Ja, hab mir in der City ein Buch und auf dem Markt Äpfel gekauft. Danach mit Stefan Kaffee getrunken.“
„Du hast noch was vom Leben.“
„Ja, stimmt, und wie war‘s bei dir?“
„Andrea ist immer noch krank, demnächst gibt es eine Klassenfahrt, wo ich mitfahren muss, und Kerner hat sich ein neues Auto gekauft, einen gebrauchten Saab, um die 8.000,00 Euro hat er bezahlt. Hab das Gefühl, unser Herr Schulleiter hat sich dabei übers Ohr ziehen lassen.“
Übers Ohr ziehen lassen. Wegen dieser Sprachverwirrungen, die Katrin an guten Tagen reihenweise raushauen kann, hatte ich mich vor neun Jahren in sie verliebt.
An ihrem 31. Geburtstag.
Trommel-Olivers Freundin Sonja ist auch Lehrerin, welch Wunder. Sie und Oliver hatten mich zu Katrins Geburtstagsfete mitgenommen, da ich solo und angeblich unausstehlich war und dringend an die Frau gebracht werden sollte. Hat ja auch prima geklappt, allerdings nicht wegen der Party, die natürlich zum monotonen Lehrertreff mutierte mit dem einzigen Thema… Genau, gut erkannt.
Irgendwann, weit nach Mitternacht, war ich der letzte und einzige Gast und…
Nein, dass erzähle ich nicht. Das bleibt mein Geheimnis.
„Gehen wir gleich noch gemeinsam was essen, Katrinchen?“ „Nein, Janni, hab mich gleich mit Betty zum Essen verabredet. Wo wir was essen, ist noch nicht klar. Muss mich noch ein bisschen fertig machen.“ Sie verschwand im Bad.
Zehn Minuten später folgte ich ihr aus durchsichtigen Gründen, sah sie leicht nach vorn gebeugt vor dem Waschbecken stehen bei ihrem Fertigmachen, nackt.
Vorsichtig schmiegte ich mich an sie, streichelte ihre Arme und ihren Rücken.
Sie drehte sich abwehrend leicht nach links, mit einem Geräusch, dass ich gerne in Buchstaben fassen würde. Vielleicht einige n aneinander gereiht, nnnnnn. Mit der Hauptbetonung auf dem ersten n, mit einem zaghaften Knurren. Das würde es, wenn auch nur unzureichend, halbwegs treffen.
Eine halbe Stunde später verabschiedete sie sich zu ihrem Treff mit Betty.
Betty ist auch eine ihrer Lehrerkolleginnen, aber trotzdem Katrins beste Freundin.
Mein Hunger war durch einen Jazz-Apfel nicht gestillt, so dass ich mich auf Futtersuche begab, zum indischen Italiener hinter dem Sonnenplatz, gegenüber von Edeka. Spaghetti mit Currysauce, auf dem Fernsehmonitor ein Bollywoodfilm. Eine seltsame Mischung. Wo gibt’s das schon, außer in Berlin?
Danach zurück zur Wohnung, in mein Arbeitszimmer und weitergeprobt.
Gegen 18 Uhr verpackte ich den Kontrabass und zog mir das kleine Schwarze an. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Künstler immer in Schwarz, der Schrecken aller Pressefotografen.
Um 18.25 Uhr schleppte ich meine Schultertasche, den Kontrabass und den Bassverstärker nach unten.
Stefan ist einer von der ganz pünktlichen Sorte, zum Glück. Mit unpünktlichen, unzuverlässigen, lahmarschigen, antriebslosen Kollegen zu arbeiten, war mir ein Gräuel. Deshalb passte Stefan zu mir und umgekehrt. 18.30 war nicht 18.29 und nicht 18.31, sondern genau 18.30.
Es konnte passieren, dass wir deutlich später als geplant anfangen durften, doch wir mussten immer pünktlich vor Ort sein. Immer. „Run and wait“ heißt das bei Stefan.
Ein weiterer Spruch von ihm: Das wichtigste Instrument des Musikers ist der Wecker.
So war es nicht weiter erstaunlich, dass Stefan mit seinem alten Volvo-Kombi um 18.30 vor unserem Haus stand, der Volvo mit der Schnauze in Richtung Lindemannstraße, also Westen, weil die Sonnenstraße eine Einbahnstraße ist.
In die falsche Richtung dürfen nur Fahrräder fahren, von denen es dort, wo viele Menschen die Grünen wählen, auch eine Menge gibt. Das muss ich der Gerechtigkeit halber sagen, ganz ohne Schmäh. Den Bass, meinen Verstärker und meine Umhängetasche legte ich zu Tastes Sachen in den Kofferraum.
Den Rest besorgte Stefans Navi, das uns stressfrei in den Dortmunder Süden führte.
Meine Stadt ist nach Himmelsrichtungen sozialinhaltlich aufgeteilt. Im Norden wohnen die Armen, im Süden die Reichen und Entscheider, im Kreuzviertel die Intelligenz, mit Verlaub. Der Rest wohnt verstreut.
Die Galerie entsprach meinen Erwartungen. Dort begrüßten uns der Gastgeber und seine Gattin.
Es gab eine kleine Bühne mit schlichter Beleuchtung immerhin, ein schon fertig aufgebautes Buffet zu einer Ausstellung mit quietschbunten Bildern der Künstlerin Beate Fischer, die hypernervös mit errötetem Gesicht noch letzte Hand anlegte.
Oliver war auch schon da und hatte seine Schießbude aufgebaut.
Beate kam auf uns zu mit Umarmung und bekundete ihre Freude über unser Kommen.
Die drei Gäste, die zu jeder Party zu früh kommen, waren auch schon da. Darunter ein älterer Herr, der sichtlich Spaß hatte, als er sah, wie ich mich mit meiner dicken Berta abmühte. „Hätten Sie mal Flöte oder Mundharmonika gelernt, junger Mann, oder Triangel, dann hätten Sie nicht so viel zu tragen.“
„Der Witz ist gut, den muss ich mir merken“, grinste ich. Genau genommen entstand dieser Gag handgestoppte 50 Sekunden nach Erfindung des Kontrabasses.
Mit Oliver hat man nicht viel Ärger. Er ist ununterbrochen mit seinem Smartphone beschäftigt, geschäftig mit neuen Gigs, wenn wir nicht grad spielen oder am Buffet stehen.
Den Oliver mag ich als Schlagzeuger, weil er immer das nötigste Set mitbringt, keine Materialschlacht betreibt mit Double Bass Drum, fünf Becken, sechs Hängetoms und ähnlichem Schnickschnack. Er trommelt uns die Nummern nicht kaputt, sondern spielt eher sachlich. Heftiger wirbelt er nur, wenn für ihn ein Solo ansteht. Ein Drummer wird nicht besser durch noch mehr Schlagzeug.
Meinen Fender 59 Bassman-Verstärker mit seinen warmen 50 Watt und lackiertem Tweet bezogen baute ich auf der linken Seite der Bühne auf. Lackierter Tweet. Das Auge hört auch mit. Danach die Fuckelei mit dem Fishman BP-100-Tonabnehmer, mit den Klammern die Piezoteile festmachen, Routine.
Stefan hatte tatsächlich seine neue Nummer zu Ende geschrieben und reichte Oliver und mir die ausgedruckten Noten. Neue Nummer, neues Lied, neuer Song, neues Stück, neues Werk. So wie ich Stefan kenne, hat er bestimmt das Neue nach dem letzten Taktstrich noch online bei der GEMA angemeldet. Bei der GEMA heißt es eindeutig Werk. Das Werk wird mit der Werkanmeldung angemeldet, erhält dann von der GEMA eine Werknummer für die GEMA-Werkbank. Werk hat was von Work, was mir ganz gut gefällt.
„Fish from the tattooed woman“ hatte er sein neues Werk genannt.
Von den Noten guckte ich auf zu Stefan: „Lass uns das gleich beim Soundcheck anspielen. Mein Bass ist eingestöpselt. Von mir aus können wir loslegen.“
Stefan zählte ein, begann im ersten Takt mit seinem Nord Piano. Oliver kam im zweiten Takt dazu, ich im dritten.
„Klingt gut, könnte im letzten Teil etwas früher auf den Punkt kommen, aber klingt gut. Gefällt mir.“
Stefan antwortete nicht, lächelte und freute sich über mein Statement.
Oliver gefiel der „Fisch der tätowierten Frau“ ebenfalls. Er ist positiv und meckert selten. Es ist ein angenehmes Arbeiten mit ihm.
Der Gastgeber hielt sich vornehm im Hintergrund. Das war nicht sein Arbeitsbereich. Seine Frau hatte das Kommando an diesem Abend. Sie hielt eine leise, kurze Begrüßungsrede mit allen Höflichkeiten. Vergaß weder die Künstlerin, noch die wichtigen Gäste und das Stefan Schwarz Trio.
Easy Evening. Wir spielten ein Set 30 Minuten ganz piano zum Buffet und später noch einmal eine halbe Stunde. Von Gene Harris bis zur tätowierten Frau. Zwischenzeitlich durften wir uns an den Häppchen vergnügen. Eine runde Sache. So macht die Arbeit Spaß.
Gastgeber und Gastgeberin waren zufrieden. Beate Fischer war glücklich, hatte sogar schon neben drei Bildern rote Punkte kleben.
Für uns war es okay.
Wir packten unseren Kram ein, kassierten die Kohle gegen Quittung und verabschiedeten uns von den Veranstaltern und Beate Fischer, die ihre Wangen mittlerweile wieder auf Normaltemperatur runtergekühlt hatte.
Tüss Oliver und ab nach Hause.
Stefan lieferte mich wohlbehalten zu Hause ab. Kofferraum auf, Kontrabass, Tasche und Verstärker raus, Tüss Stefan, und schon tappte ich leise mit meinem opulenten Berufsgepäck die Treppen hinauf zur Wohnung.
Katrin schlief noch nicht, war bei kleinem Licht in ein Buch vertieft.
Ich ging ins Bad, zog mich aus bis auf den Slip und legte mich zu ihr ins Bett, im Sinne von sehr nah zu ihr ins Bett.
Meine geplanten Annäherungsversuche nach der Philosophie „Das Ziel ist der Weg“ fruchteten nicht. Katrin drehte sich wie heute Nachmittag mit etwa dem gleichen Geräusch zur Seite.
Gute Nacht.
Als ich zu Hause ankam, wehte mir ein kühler Hauch aus meiner Wohnung an der Tür entgegen. Hatte ich das Fenster aufgelassen? Ich konnte mich nicht erinnern. Irgendetwas war anders als heute Morgen, als ich die Wohnung verlassen hatte. Da fiel ich über etwas Dunkles, Weiches, Schwarzes – eine Reisetasche. Das war doch: Patricks Reisetasche! Patrick war zurück.
Patrick war zurück? Ich stutzte. Ich hatte ihn erst in zwei Monaten erwartet. Er hatte ein großes Projekt in Thailand zu betreuen.
Patrick war also zurück. Deswegen begrüßte mich Karlie auch nicht.
Karlie ist mein Papagei, ein schlaues Kerlchen mit einem beträchtlichen Wortschatz. Er verabschiedet mich jeden Morgen mit „Mach’s gut, meine Süße“ und abends werde ich mit „Hallo, hallo, wie war dein Tag?“ begrüßt. Aber wenn Patrick da war, schwieg Karlie. Wenn Patrick da war, schwiegen alle, hatten alle zu schweigen, auch mein Cello. Denn Patrick brauchte Ruhe. Ruhe für sein geniusgesteuertes Sein und Wirken.
Patrick, also Patrick A. (das stand für Arnold) Danemann, war seit fünf Jahren mein Lebensgefährte und seines Zeichens Star-Architekt. Er baute weltweit Brücken, Geschäftsgebäude und Artverwandtes und war spezialisiert auf „schwierige Baugrundstücke“. Er war also die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Wir hatten uns auf der Neubau-Einweihungsparty des Alles-Für-Die-Bühne-Verlags kennengelernt, bei Lachs-Häppchen und prickelndem Prosecco. Er hatte das futuristische Gebäude, das an ein Moorgebiet angrenzte, entworfen, und ich war als Journalistin beauftragt worden, mit möglichst interessanten Menschen Interviews zu führen.
Patrick wohnte damals in Düsseldorf, ich hatte meine Wohnung berufsbedingt in Tübingen. Die Fernbeziehung klappte prima. Als ich dann später nach Dortmund zog, quartierte er sich nach und nach bei mir ein. Erst mit zwei Koffern, dann mit siebzehn Bücherkisten (da hatten wir ein gemeinsames Thema) und später auch noch mit seinem sandfarbenen Bauernschrank samt seiner 21 Designeranzüge, seiner Golfausstattung und diverser Tennis-Outfits (da hatten wir kein gemeinsames Thema). Ein Mann mit Krawatten, Facetten und Handicap.
Wir hatten damals viel Besuch, vor allem von meinen weiblichen Bekannten, die den „Star-Architekten“ an meiner Seite unbedingt kennenlernen wollten. Patrick genoss es, wenn die Damen bei seinen Erzählungen aus fernen Ländern an seinen Lippen hingen. Es waren schließlich schöne Lippen.
Irgendwann hatte Patrick seine Wohnung am Rhein vermietet. „Lohnt sich ja kaum für mich, eine eigene Wohnung zu halten“, hatte er gesagt. Gesagt, verkündet und beschlossen, mit sich, nicht mit mir. Aber mir fiel damals auch kein Argument dagegen ein, warum auch!
Meistens war er ja auch in der Weltgeschichte unterwegs. Also war es fast wie vorher, in der Fernbeziehung zwischen der Welt bzw. Düsseldorf und Tübingen.
Nur dass er, wenn er jetzt „nach Hause“ kam, seine schmutzige Wäsche in Tüten auf die Ablage der Waschmaschine knallte, und darauf wartete, dass sie sauber wurde – durch meiner Hände Betätigung selbstverständlich. Er hatte ja schließlich monatelang hart gearbeitet…
Ich schlenderte ins Wohnzimmer. Patrick kehrte mir in dem Bequem-Sessel (meinem!) den Rücken zu – ich sah seine dunklen Locken über die Lehne ragen – und schien zu schlafen. Ich näherte mich ihm vorsichtig und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. „Hallo Schatz“, versuchte ich leise, ihn zu begrüßen. Schlaftrunken öffnete er die Augen und sah mich erstaunt an. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, wo er war und wer ich war. „Hallo, meine Liebe“, lächelte er dann. „Da staunst du, was?“
„Ja, allerdings“, antwortete ich und sah ihn erwartungsvoll an.
„Der Bauherr hat kalte Füße bekommen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Da mussten wir alles vorzeitig abblasen.“
„Du meinst, ihm ist das Geld ausgegangen?“
„Genau!“ Er seufzte, aber richtig schlecht schien es ihm mit dem vorzeitigen Urlaub nicht zu gehen. „Und, wie geht es dir?“
„Prima, Danke. Ich war gerade bei Harald Kupffer, die d-Saite erneuern lassen. Bin schon gespannt, wie sie klingt.“
„Du willst doch jetzt nicht noch etwa spielen?“, fragte Patrick lauernd und leicht drohend. Mir war plötzlich wieder kälter.
„Nein, ich weiß ja, dass du deine Ruhe brauchst, Schatz“, lächelte ich und merkte, wie ich mich dabei anstrengen musste. Eigentlich hatte ich jetzt richtig Lust, die neue Saite auszuprobieren, aber…
„Machst du mir ein paar Bratkartoffeln?“, fragte Patrick. „Deine unvergleichlichen knusprigen, weltweit einmaligen Bartkartoffeln?“
„Ja, klar, in einer guten halben Stunde sind sie fertig.“ Ich ging Richtung Küche.
Wir speisten, stilvoll natürlich zur Feier des Tages. Ich hatte ein sauberes Damast-Tischtuch aufgelegt und eine Flasche Rotwein geöffnet, das gute Geschirr stand auf dem Tisch und in dem weißen Kerzenständer brannte eine neue Kerze. Zu den „unvergleichlichen knusprigen, weltweit einmaligen Bartkartoffeln“ gab es noch einen grünen Salat.
Ich verkniff mir, eine CD aufzulegen – aus den besagten Gründen. Und zum ersten Mal hörte ich an diesem Abend die Stille, die hinter unserem Gespräch lag. Sie war weit und weiß und kalt. Auch wenn Patrick munter von den vergangenen Wochen erzählte. Ein Monolog, der keinen Platz für Einwürfe ließ.
Nach und nach zog ich mir erst einen Pullover, dann auch noch eine Strickjacke über die Bluse und schließlich holte ich mir noch eine Decke. Noch immer ging ein kühler Luftzug durch die Wohnung.
