Mut und Freiheit - Burkhart Veigel - E-Book

Mut und Freiheit E-Book

Burkhart Veigel

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Beschreibung

Warum flüchtet ein Mensch aus seiner Heimat, verlässt seine Familie, seine Freunde, seinen Arbeitsplatz, sein bisheriges Leben, und fängt ein neues Leben an, oft noch einmal ganz von vorn? Und warum wird ein Mensch zum Fluchthelfer? Aus Altruismus, aus Abenteuerlust? Und hat sich seine Kreativität auch im späteren Leben gezeigt? Diese und ähnliche Fragen versucht der ehemalige DDR-Fluchthelfer Burkhart Veigel in seinem neuen Buch durch Interviews mit 20 Flüchtlingen und 8 Fluchthelfern zu beantworten. Er kennt und kannte seine Protagonisten alle persönlich und kann deshalb auch schwierigen Situationen in deren Leben ohne Tabus auf den Grund gehen. Auch das umfangreiche Bildmaterial vermittelt einen Eindruck des Lebens in der zweigeteilten Stadt Berlin und im zweigeteilten Deutschland, des privaten Lebens der Protagonisten wie der historischen Ereignisse im Kalten Krieg.

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Seitenzahl: 622

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, aber das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.

Perikles

Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, damit sie nicht zur Hölle wird!

Fritz Bauer

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen. Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.

Deutsches Trutzlied

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Flüchtlinge

Sabine Baumgärtner

Sabine Dey

Familie Klemmt

Harry Oskar F. Klemmt

Eva Klemmt

Irena Eva Klemmt

Jeanette Klemmt (Jenny)

Dietrich Wärme (Fridolin)

Dorit Moses

Dieter Mitzscherling

Hans-Friedrich Saalfeld

Jost Nawrath

Irmgard Müller

Familie Koitzsch

Veronika Christa Koitzsch

Klaus Koitzsch

Michael Koitzsch

Thomas Koitzsch

Sabine Stallmann

Fluchthelfer

Dieter Thieme

Detlef Girrmann

Bodo-Eberhard Köhler

Hasso Herschel

Joachim Neumann (Achim)

Ulrich Pfeifer (Ulli)

Rudolf von Oertzen (Charly)

John Ireland (Joe)

Zum Schluss

Glossar

Namensregister

Danksagung

Der Autor

Der Osten verstößt am 13. August 1961 gegen alle internationalen Abkommen.

Aber der Westen tut nichts dagegen. Deshalb muss ich etwas tun!

Vorwort

Im Frühjahr 1961 kam ich in „mein“ Berlin, das Berlin, das ich mir als Studienort ausgesucht hatte, das Zentrum der politischen Welt und das Mekka der Kunst. Nur wenige Monate später, am 13. August, schloss die DDR die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, von deren Existenz all die Jahre seit 1945 jeder wusste, die aber im Alltag fast keine Rolle gespielt hatte. Jetzt war Berlin plötzlich das Zentrum des Kalten Kriegs, und für mich wurde es zum Ort einer Berufung: Aus dem 23-jährigen musisch interessierten und engagierten Medizinstudenten aus Baden-Württemberg wurde ein professioneller Fluchthelfer, der es nicht akzeptieren wollte, dass das kommunistische Regime seine Bürger hinter einer Mauer einsperrt.

Anderen Menschen bei der Flucht aus der DDR zu helfen, wurde neun Jahre lang zu einem Fulltime-Job für mich, zu einer Obsession, wichtiger als mein Studium, wichtiger als alles, was mich bisher interessiert und beschäftigt hatte, und mir wie auf den Leib geschnitten: Mir lag die Rolle des „heimlichen Helden“ – das war ich in den Augen der West-Berliner, auch der Politik, der Polizei und der Presse, bis zum Dezember 1963 tatsächlich1, ein Held, der im Gegensatz zu den Politikern etwas unternahm, die Kommunisten immer wieder austrickste, ohne dass die etwas dagegen tun konnten, und auf den man deshalb stolz war. Wichtig war nur, dass alles streng geheim ablief. Je weniger die Grenzer der DDR und die Stasi von mir und meinen Aktivitäten bemerkten und wussten, desto erfolgreicher arbeitete ich offensichtlich und umso erfolgreicher konnte ich konspirativ weiterarbeiten.

Es war ganz klar, dass es mir – wie meinen drei Lehrmeistern innerhalb der Girrmann-Gruppe, Detlef Girrmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler, von denen ich das „Handwerk“ der Fluchthilfe gelernt habe – darum ging, anderen Menschen zu helfen. Aber ein bisschen fühlte ich mich auch als Gegner des Regimes der DDR, der Stasi und der Grenzer, später auch der scheinheiligen Justizorgane, die sich oft so zivilisiert gaben, aber für jeden sichtbar doch nur einer Diktatur dienten. Der Unterschied zwischen uns bestand darin, dass ich ihnen gern und möglichst häufig ein Schnippchen schlagen wollte; sie wollten mich verhaften und zum Tod verurteilen, wie ich am 4. Januar 1963 erfuhr.

Die näheren Umstände dieses aus heutiger Sicht kriminellen und jeder Justiz unwürdigen Vorhabens meiner Gegner – ich möchte sie wie Herta Müller als „moralisch verwahrlost“ bezeichnen – habe ich in meinem Wege-Buch ausführlich geschildert und möchte deshalb hier nicht näher darauf eingehen (außer der kurzen Erklärung weiter unten). Hier sollen einige „meiner“ Flüchtlinge und einige Fluchthelfer zu Wort kommen. Meine eigene „Karriere“ als Fluchthelfer stelle ich im nächsten Kapitel kurz dar, um dem Leser die Einordnung der jeweiligen Fluchten zu erleichtern. Ich schildere auch, wie ich mit meinen jeweiligen Protagonisten zusammengekommen bin. Aber ich habe dieses Buch geschrieben, um an die Zeit damals und an die Menschen zu erinnern, an ihren Mut und ihre Sehnsucht nach Freiheit, nicht um mich selbst darzustellen.

Ich war also im Wesentlichen altruistisch motiviert, sah aber – als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums und aufgewachsen in einer bildungsnahen Familie – auch mit Entsetzen, dass die für mich selbstverständlichen Werte unserer Demokratie, der Aufklärung und des Humanismus, die Werte der Freiheit des Geistes und eines Gebots des Selbstzweifels, in der DDR offensichtlich nicht bekannt waren. Diesen Staat, seine Ideologie, seine Diener, die Stasi und die Grenzer, konnte ich nur verachten. Und ich machte einen klaren Unterschied zwischen denen und mir: Hier ich mit meinen gelebten Idealen von Freiheit und dem Drang nach Wissen, dort ideologisch benebelte Schwachsinnige, die den Finger ständig am Abzug einer Waffe hatten und vom „Weltfrieden“ schwafelten (Herfried Münkler nannte sie „Stechschrittpazifisten“), die es aber nicht schafften, das Volk glücklich zu machen und es zufriedenstellend zu versorgen.2

Mein Altruismus erschöpfte sich aber nicht im Reden, im Beten oder durch das Aufstellen von Kerzen im Fenster. Ich wollte etwas tun! Meine Schützlinge waren für mich Menschen, denen, genau wie mir, ein freies und selbstbestimmtes Leben zustand, und ich war dafür verantwortlich, es ihnen zu ermöglichen. Und weil ich aufgrund der ständig an mich herangetragenen Bitten um Fluchthilfe annahm, dass fast alle Menschen aus der DDR flüchten wollten, arbeitete ich Tag und Nacht, um meiner Selbstverpflichtung, meiner Mission, nachzukommen.

Und mit einigem Erfolg: Ich holte mit meinen Freunden und den von mir entwickelten Fluchttouren in den neun Jahren zwischen 1961 und 1970 etwa 950 Flüchtlinge3 aus der DDR in den freien Westen. Es ging mir dabei aber nicht – wie den vielen „privaten“, nicht professionellen Fluchthelfern – um Freunde oder Verwandte, sondern um jeden freiheitsliebenden Menschen in der DDR. Oder, wie ich das empfand: Ich wollte die auch für mich unerträgliche Unfreiheit mir unbekannter, aber ähnlich denkender Menschen ein für allemal beenden, und in diesem Kampf war ich selbstverständlich bereit, auch meine Freiheit aufs Spiel zu setzen – und gegebenenfalls sogar mein Leben.

Ein politischer Umsturz oder Rache an dem Regime, unter dem ich ja nie gelitten hatte, lagen mir fern. Dennoch las ich mit großer Freude in einem Artikel von Karl Wilhelm Fricke in Aus Politik und Zeitgeschichte aus dem Jahr 1999, dass er Fluchthilfe als politischen Widerstand gegen das kommunistische Regime in der DDR bezeichnete (Fluchthilfe als Widerstand im Kalten Krieg – Anmerkungen zu einem ungeschriebenen Kapitel der DDR-Widerstandsgeschichte). Dass die Verantwortlichen in der DDR und die Stasi das schon immer so sahen, wusste ich. Für sie waren Fluchthelfer „kriminelle Menschenhändler“, „Terroristen“ oder „CIA-Agenten“, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen und „auszulöschen“ galt.

Hilde Benjamin, die damalige Justizministerin der DDR, erklärte mich und drei meiner Freunde sogar zu Staatsfeinden und wollte gegen uns die Todesstrafe verhängen lassen, wenn uns ihre Helfershelfer aus dem Ministerium für Staatssicherheit endlich geschnappt hätten. Das schafften die zum Glück aber nicht, bei keinem von uns, u.a. auch deshalb, weil ich zwei Entführungsversuchen, 1964 in West-Berlin und 1965 in Wien, entkam (meine drei Freunde stellten ihre Aktivitäten schon 1964 ein; auf sie wurde nie ein Anschlag verübt).

Bemerkenswert an Frickes Artikel ist aber auch, dass er eine ganze Reihe von Fluchthelfern namentlich nennt, mich aber nicht erwähnt. Darauf bin ich besonders stolz, denn mir war ja wichtig, dass meine Aktivitäten nicht erkannt und nicht bekannt werden. Das gelang mir ab Oktober 1963 so gut, dass in den Akten der Staatssicherheit ab 1965 nur noch Vermutungen über mich angestellt werden. Und das hatte zur Folge, dass bei meinen Aktionen ab April 1965 – bis 1970! – nie mehr etwas schiefging (s. Prolog).

Das war bei den von Fricke genannten Fluchthelfern anders, weil sie fast alle einen oder mehrere Spitzel in ihren Reihen hatten. Und weil deshalb bei ihnen immer wieder Fluchtversuche aufflogen, wurden sie regelmäßig in der Ost-Presse und folgend in den westlichen Medien erwähnt, und ihre Namen waren jedem, der sich mit dem Thema Flucht und Fluchthilfe beschäftigte, geläufig.

Zur Erklärung: Die Stasi hatte generell nur zwei Informationsquellen: IMs, die sie in der Nähe einer Zielperson platzieren konnte, und verhaftete Flüchtlinge und Fluchthelfer nach einem fehlgeschlagenen Fluchtversuch. Mit diesem Instrumentarium konnte sie fast alle Fluchthelfer sehr genau „orten“, „aufklären“ und danach „unschädlich machen“, „vernichten“ und „liquidieren“. Bei mir hatten die Genossen damit jedoch keinen Erfolg. Wie war das möglich?

Im Januar 1962 kam auf Vermittlung von Dieter Thieme, einem meiner Lehrmeister in Sachen Fluchthilfe, ein junger Mann in meine neu gegründete eigene Fluchthelfer-Gruppe, der gerade geflüchtet war und uns anbot, eine neue Fluchttour auf der Basis seines eigenen Fluchtwegs aufzubauen, durch die Stacheldrahtzäune bei Frohnau/Hohen Neuendorf. Dort könnten auch große Gruppen von Menschen flüchten. Das klang verlockend in einer Zeit, in der gerade – am 7. Januar 1962 – unsere unglaublich erfolgreiche Tour mit Ausländerpässen geplatzt war. Im Mai 1962 erkannte ich aber, dass er ein Spitzel der Stasi war, weil aus heiterem Himmel fünf Flüchtlinge und drei Fluchthelfer verhaftet worden waren und alles darauf hinwies, dass er sie verraten hatte. Ich selbst entkam mit viel Glück einer Falle, die er und sein Führungsoffizier für mich am Grenzzaun bei Frohnau aufgebaut hatten. Das konnte ich Jahrzehnte später alles in den Akten nachlesen. Damals, 1962, war ich aber hell entsetzt über die Tatsache, dass ich mit Jürgen Mielke, Deckname „Udo“, gelacht und getanzt hatte – er war als ehemaliger Palucca-Schüler ein ausgezeichneter Tänzer –, ohne zu bemerken, dass er die ganze Zeit vorhatte, mich der Stasi ans Messer zu liefern.

Die Enttäuschung über meine Unfähigkeit, aber auch das Erschrecken über die möglichen Konsequenzen saßen tief: Entweder war ich nicht ausreichend professionell vorbereitet oder einfach nicht sensibel genug für meine Tätigkeit als Fluchthelfer.4 Ich reagierte mit einem tiefen Misstrauen gegen alle Menschen, mit denen ich fortan zu tun hatte, und mit einer extremen Wachsamkeit in allen Dingen, die meine Fluchthilfe betrafen. Ich unternahm nichts mehr, wenn ich auch nur den leisesten Verdacht hatte, dass an einer Geschichte etwas nicht stimmen könnte. Und das war gut so: Meine Professionalität verbesserte sich noch während meiner aktiven Zeit als Fluchthelfer entscheidend.

Deshalb gelang es der Stasi nie mehr, einen Spitzel an mich anzudocken, und ich schaffte es, dass bei meiner Fluchthilfe ab April 1965, fünf Jahre lang, nichts mehr schiefging. Ich sicherte meine Touren so ab, dass die Grenzer (die ja ab 1962 Stasi-Mitarbeiter in Grenzer-Uniform waren) sie nie mehr „in flagranti“ aufdecken konnten.

Bei den Recherchen für dieses Buch war ich dann überrascht, wie komplett fast alle meine „Kollegen“ von IMs unterwandert waren und wie viele Misserfolge sie dadurch hatten. Der Unterschied zu mir: Alle anderen Fluchthelfer konnten „ihre“ Spitzel erstaunlicherweise erst nach 1992, durch die Öffnung der Stasi-Akten, enttarnen. Deshalb hatte auch niemand außer mir einen ähnlich lehrreichen und heilsamen Schock erlebt. Und weil die Verräter meinen Kollegen oft jahrelang im Nacken saßen, gelang es der Stasi, die meisten seriösen Fluchthelfer-Gruppen bis 1964/1965 zu „liquidieren“.

Detlef Girrmann und Dieter Thieme, meine Lehrmeister, mit denen ich dieses Problem 2009 einmal diskutierte, waren beim Lesen ihrer Akten 1992 entsetzt gewesen, dass sie zwei Spitzeln – Georgios Rhaptis und Siegfried Uhse – vertraut und sich gegenseitig und mir misstraut hatten. Das zeigt aber nur, wie leicht fast jeder Mensch hintergangen und verführt werden kann, wenn er nicht entsprechend konspirativ geschult ist oder selbstkritisch über eine längere Zeit Erfahrungen gesammelt hat.

In den letzten Jahren meiner Fluchthilfe hatte ich dann so etwas wie einen „Riecher“ für Gefahren entwickelt, ja, ich war so professionell geworden, dass ich es schaffte, nebenbei das medizinische Staatsexamen zu machen, Arzt zu werden, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Aber im „Hauptberuf“ blieb ich Fluchthelfer bis 1970, bis meine beiden Freunde, die ich als Strohmänner aufgebaut und denen ich 1969 meine letzte Fluchttour, die „Franzosen-Tour“, ganz übergeben hatte, diese beenden mussten, weil der französische Soldat nach Frankreich zurückbeordert worden war. Erst danach war ich dann wirklich frei für ein „ziviles“ Leben.

Im Sommer 2001, nach 38 Jahren, traf ich mich zum ersten Mal wieder mit Detlef Girrmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler in Dieters Wohnung in der Mörchinger Straße. Neben der spannenden Frage, warum uns die Stasi damals nicht einfach umgebracht hat – willige Scharfschützen und Bombenbauer hätte sie sicher in ihren Reihen gefunden –, diskutierten wir auch, wer von uns die Geschichte der Girrmann-Gruppe und der Fluchthilfe in Berlin aufschreiben könnte. Keiner von den dreien wollte sich damit belasten. Sie waren deshalb froh, als ich sagte, ich könne das übernehmen, allerdings erst nach meiner Berentung, die ich für 2006 geplant hatte.

Als Grundlage für meine Recherchen begann ich dann aber schon 2001, Flüchtlinge und Fluchthelfer zu interviewen, vermehrt nach dem 1. Mai 2007, nachdem ich wieder nach Berlin gezogen war.

Bis dahin kannte ich von „meinen“ Flüchtlingen nur die Eckdaten, Adresse, Körpergröße, Augenfarbe und die „Ansprech-Codes“. Ihre Beweggründe zur Flucht waren für mich zweitrangig gewesen. Dass aus einer Diktatur jeder flüchten würde, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet, war für mich selbstverständlich. Da brauchte es keine Begründung.

60 Jahre später, nachdem meine Zeit als Fluchthelfer und mein Leben als Arzt lange hinter mir lagen, wollte ich das Kennenlernen, auch ihrer Beweggründe, nachholen: Was waren das für Menschen, die nach dem Bau der Mauer flüchteten? Warum nahmen sie das Risiko auf sich, erschossen oder verhaftet und zu langen Freiheitsstrafen verurteilt zu werden? Was hat sie bewogen, alles hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen?

Und genauso interessierte mich, was für Menschen die Helfer waren, mit denen ich oft jahrelang zusammengearbeitet hatte, ohne mich im Detail für ihre Motivation zu interessieren. Sind sie einfach irgendwie in die Szene hineingerutscht, vielleicht durch Freunde? Wieviel Abenteuerlust steckte dahinter? Waren sie in ihrem Freiheitsdrang – ähnlich wie ich – über den Bau der Mauer so empört, dass sie gar nicht anders konnten als zu helfen; waren sie genauso altruistisch eingestellt wie ich? Und wie sind sie damit umgegangen, dass bei unseren Aktivitäten manchmal auch Flüchtlinge und Helfer verhaftet oder erschossen wurden? Hat die Fluchthilfe sie irgendwie geprägt? Sind sie in ihrem späteren Leben genauso kreativ gewesen wie in ihrer Zeit als Fluchthelfer?

Begleitet von einem professionellen Historiker – Andreas Kuttner – und seiner Freundin Corinna Steffen, die viele meiner Interviews transkribierte, recherchierte ich dann zehn Jahre lang zu den Themen Flucht, Fluchthilfe, DDR, Stasi und Kalter Krieg. Daraus sind unter anderem drei Bücher entstanden: Ich wollte keine Frage ausgelassen haben, eine kommentierte Transkription des Tonbandes, das Uwe Johnson während seiner Interviews mit Fluchthelfern aufgenommen hatte (2010, Suhrkamp Verlag); Wege durch die Mauer – Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West, ein Sachbuch auf emotionaler Basis, in dem ich die Geschichte der Fluchthilfe bis 1972 im Detail schildere (2011, Edition Berliner Unterwelten im Ch. Links Verlag, letztmalig aktualisiert und erweitert in der 5. Auflage 2019); und der Roman FREI, den ich gemeinsam mit meiner damaligen zweiten Frau, der Schriftstellerin Roswitha Quadflieg, geschrieben habe; hier stellten wir unserer Romanfigur Janus mein Leben als Fluchthelfer zur Verfügung und verknüpften es mit einer fiktiven Ost-West-Liebesgeschichte (2018, Europa Verlag).

Im hier vorliegenden Band erzählen einige „meiner“ Flüchtlinge und meiner Fluchthelfer-Freunde, oft mit eigenen Worten, wie es dazu kam, dass ein zentrales Thema der Nachkriegsjahre, die Flucht von Deutschland nach Deutschland, sie in so besonderer Weise tangierte. Mich interessierte dabei aber auch ihre und ihrer Eltern Haltung zu den beiden Diktaturen auf deutschem Boden und warum und wie sie sich zu Gegnern und Dissidenten entwickelten.

Als Zeitzeuge – eigentlich als beteiligter Beobachter, dem die Geschichte des Kalten Kriegs nicht einfach „passierte“, der sie vielmehr ein winziges Stückchen mitgestaltet hat, als Fluchthelfer, aber auch als zeitweiliger Mitarbeiter bei der antikommunistischen Satire-Zeitschrift Tarantel –, möchte ich hier die meist nur aktenorientierte Geschichtsschreibung der Historiker vervollständigen durch die persönlichen Geschichten von 50 Flüchtlingen und acht Fluchthelfern, auch mit ihrer erzählerischen Kraft und ihrer emotionalen Wucht.

Dazu bin ich noch in der Lage, weil ich nie durch das Justizsystem der DDR und die Stasi „kleingemacht“ und „zersetzt“ wurde, weil diese Unmenschen mich nie in ihre Fänge bekamen und mich meiner Menschenwürde berauben konnten. Ihre Opfer, die sie zu einer Nummer, zu einem Häufchen Elend und zuletzt zu einem Schmutzfleck irgendwo in der Ecke herabwürdigten, haben leider oft nicht mehr die Kraft, ihre ehemaligen Schergen in die Schranken zu weisen.

Aber warum empfand ich meine Fluchthilfe als Berufung? Hätte ich auch anders handeln können?

Wenn der Vorsitzende des Staatsrats der DDR, Walter Ulbricht, sich an die bestehenden Abmachungen der Alliierten gehalten hätte und die Grenze um Berlin herum, zwischen Groß-Berlin und der DDR, geschlossen hätte, um der millionenfachen Flucht „seiner“ Bürger in den Westen einen Riegel vorzuschieben, wäre ich 1961 weiter Student geblieben, hätte mein Studium generale und meine musikalischen Aktivitäten fortgesetzt und wäre mit Sicherheit nicht Fluchthelfer geworden. Ulbricht rang dem Ersten Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, aber Anfang August 1961 die Erlaubnis ab, nicht die Grenze zwischen Berlin und dem Umland zu verbarrikadieren, wie eigentlich vorgesehen war, sondern die Bezirksgrenzen zwischen Ost- und West-Berlin, mitten in der Stadt. Dadurch schloss die DDR am 13. August 1961 das letzte Schlupfloch zur Flucht aus der DDR und aus Ost-Berlin. Und sie schnitt etwa 1.200 Grenzgänger-Studenten, 1.600 Grenzgänger-Schüler und rund 50.000 Grenzgänger-Arbeiter von ihren Unis, Schulen und Arbeitsplätzen in West-Berlin ab und trennte ca. 13.000 Berliner Familien.

Ich hoffte zwar – wie viele Berliner, vor allem in Ost-Berlin! –, dass sich die Amerikaner die Torpedierung des Vier-Mächte-Status der Stadt nicht gefallen lassen würden, dass sie den Stacheldraht, der vier Tage lang die einzige Barriere an der neuen Grenze bildete, bevor die Mauer gebaut wurde, mit einigen Panzern einfach wegschieben würden. Als sie aber keinerlei Anstalten dazu machten, war klar, dass die Großmächte die Weltgeschicke nicht in der Weise regeln würden, wie es in meinen Augen notwendig gewesen wäre.5 Deshalb musste ich fast zwangsläufig den eingeschlossenen Untertanen des Ost-Regimes zu Hilfe kommen.

Noch wusste ich nicht, wie intensiv die Fluchthilfe mein Leben bestimmen würde und wie gefährlich sie werden konnte. Die Gefahren musste ich aber – auch später – nicht ausblenden. Ich hatte eine Aufgabe, die mir absolut wichtig war, und die wollte ich so gut wie möglich erfüllen. Alles andere – die Gefahr, die Zeit, die ich „verlieren“ würde, meine Mutter, die mir immer fremder wurde, etc. – war vergleichsweise nebensächlich. Von Detlef Girrmann und Dieter Thieme erfuhr ich, wie ich DDR-Bürger mit Ausländer-Pässen sicher über die Grenze bringe, und die beiden erklärten mir auch, wie ich mich in Ost-Berlin verhalten musste, um nicht aufzufallen. Das war meine Grundausrüstung. Dazu kam eine ganze Portion Glück, dass ich trotz meiner westlichen Kleidung – meist trug ich einen amerikanischen Parka, in dessen großen Taschen sich Pässe und andere Flucht-Utensilien sehr gut transportieren ließen – und trotz meiner fast täglichen Besuche im Ostteil der Stadt niemandem auffiel. So überstand ich die für mich gefährlichste Phase, die Anfangszeit, ohne Schaden, bis ich genügend Erfahrung hatte, Gefahren schon im Ansatz zu erkennen.

Wir wussten, dass uns die Grenzer über kurz oder lang auf die Schliche kommen würden, dass wir deshalb versuchen mussten, möglichst viele Fluchtwillige in möglichst kurzer Zeit in den Westen zu holen. Ich besuchte deshalb keine Vorlesungen mehr, gab mein Musizieren auf – ich spielte gleichzeitig in einem Klavier-Quintett, einem Streich-Quartett und einem Klavier-Trio –, nahm keine Geigenstunden mehr, aber ich testete auch, quasi in einem medizinischen Selbstversuch, wie lange ich es schaffe, mit nur zwei Stunden Schlaf pro Tag auszukommen. Nach sechs Wochen bemerkte ich die ersten Ausfallerscheinungen: Bei einer Autofahrt mit einem Freund hörten wir im Radio das Beethoven-Violinkonzert, die Geige schwelgte in den höchsten Tönen – und ich wunderte mich darüber, dass die Stasi diese hohen Töne erlaubt! In der Folge stockte ich mein Schlafkontingent auf täglich vier Stunden auf. Und diese vier Stunden reichten mir, auch in der folgenden Zeit, um gut zu funktionieren.

Unterstützt wurde ich wie alle Fluchthelfer in der Zeit nach dem Bau der Mauer durch die fantastische Solidarität der West-Berliner, die in der Grundstimmung gipfelte: Lieber tot als rot! Oder: Wenn die Sowjets es wagen sollten, ihre Hände auch noch nach West-Berlin auszustrecken, werde ich alles tun, um ihren Erfolg zu verhindern, selbst wenn das mein Leben kosten sollte.

Natürlich stärkte diese Grundstimmung mein Selbstbewusstsein, fühlte ich mich doch mindestens bis Ende 1963 eins mit der Bevölkerung, der Politik, der Polizei, den Medien und unseren Schutzmächten: Wir alle wollten gemeinsam unseren „Brüdern und Schwestern“ im Osten helfen, ihr Leben nach unseren „westlichen Werten“ zu gestalten. So wurde ich sehr schnell zu einem „Kalten Krieger“, und ich sah das trotz aller linken Häme nie als Makel, sondern war stolz darauf! Es war auch klar, dass ich immer vorbereitet sein wollte auf einen Krieg – im Sinne von Si vis pacem para bellum, wenn du Frieden haben willst, musst du für einen Krieg gerüstet sein. Dann musst du nicht um Frieden bitten oder betteln, nein, du bestimmst selbst über Krieg und Frieden!

Dieses Denken aus einer Position der Stärke nützte mir bei meiner Fluchthilfe sicher nicht viel. Da musste ich mich eher klein und unsichtbar machen. Es war aber die Grundlage dafür, dass ich neun Jahre als Fluchthelfer aktiv blieb, dass ich mich von Misserfolgen nicht entmutigen ließ und dass ich letztlich 950 Menschen zur Freiheit verhelfen konnte.6

In den letzten 20 Jahren habe ich etwa 100 Interviews mit Flüchtlingen und Fluchthelfern auf Tonträger aufgenommen und transkribiert. Aus dieser Sammlung wählte ich die hier vorgestellten Lebensläufe aus und ergänzte sie durch neue Interviews und meine Aufzeichnungen. Im Buch sind sie fast durchweg chronologisch nach dem Zeitpunkt ihrer Flucht bzw. nach ihren ersten Aktivitäten als Fluchthelfer geordnet.7

Die Lebensläufe bereits gestorbener oder inzwischen dementer Protagonisten habe ich nachrecherchiert und mich bemüht, sie durch Freunde zu verifizieren, bei Frau Baumgärtner z.B. durch „Jake“, Prof. Manfred Bierwisch, damals der letzte Überlebende des Johnson-Kreises in Leipzig, bei Dietrich Wärme durch Ulrich Pfeifer, bei Hans Saalfeld und John Ireland durch ihre hinterbliebenen Frauen und bei Familie Koitzsch durch die Kinder. Bei Detlef Girrmann und Dieter Thieme hatte ich das Glück, dass sie meine erste Niederschrift (in meinem Archiv Bericht von Dieter Thieme bzw. Bericht von Detlef Girrmann in Flucht mit Ausw.+Päss.1) gelesen und korrigiert haben. Über meinen aktuellen Text zur Girrmann-Gruppe konnte ich außerdem ausführlich mit einem Freund und Mithelfer der beiden, Dr. Theo Seidel – Vorsitzender Richter im ersten Mauerschützenprozess –, reden.

Vier „interne“ Themen möchte ich schon hier, im Vorwort, anschneiden, weil sie für unsere Fluchthilfe eine zentrale Bedeutung hatten und in fast allen Kapiteln angesprochen werden müssten: unsere Finanzierungsprobleme; die Tatsache, dass uns die westlichen Behörden, die Polizei und die Geheimdienste in Ruhe gelassen haben, obwohl wir sehr oft neben der Legalität unterwegs waren; die Frage, ob Naivität, vor allem, wenn andere Menschen darunter leiden, kriminell ist und vielleicht sogar bestraft werden sollte; und der oft mangelnde Mut der Deutschen, sich an ihrem Gewissen zu orientieren.

Die meisten professionellen Fluchthelfer der ersten Stunde und in jedem Fall alle Fluchthelfer, die in der Girrmann-Gruppe zusammenarbeiteten, waren sich einig, dass Flüchtlinge für eine Fluchthilfe nie etwas bezahlen sollten. In der Planwirtschaft der sozialistischen Staaten hatten sie kaum Gelegenheit gehabt, Reichtümer anzusammeln, und nach der Flucht besaßen sie sowieso nichts als die Kleider, die sie auf dem Leib trugen.

Bis Ende 1963 gingen wir aber auch davon aus, dass gar keine Notwendigkeit bestand, Geld für unsere Hilfe zu fordern, weil uns der Berliner Senat oder eine bundesrepublikanische Institution finanziell unterstützen würden, sobald geklärt war, aus welchem Topf und auf welchen Wegen sie uns Geld zukommen lassen könnten. Wir sahen uns damals ja noch völlig auf der gleichen Linie wie die Politik: Wir alle versuchen gemeinsam, das Schicksal unserer „Brüder und Schwestern im Osten“ zu verbessern.

Diese Fehleinschätzung des Engagements der Politik machte uns keine Probleme bis zum 6. Januar 1962, weil in dieser Anfangszeit eine Flucht „20 Ost-Pfennige für die S-Bahn von Ost- nach West-Berlin und vielleicht mal ‘ne Bockwurst für den Kurier“ kostete, wie Girrmann einmal sagte. Aber ab dem 7. Januar 1962, als die DDR ihre Grenzkontrollen massiv verstärkte, unsere Pass-Touren deshalb nicht mehr „liefen“ und wir neue, aufwendigere Touren entwickeln mussten, fielen wesentlich höhere Kosten an als vorher: Bei den „Nordland-Touren“ nach Schweden und Dänemark zum Beispiel kamen für die Fahrkarten von (angeblich) West-Berlin nach Kopenhagen bzw. Stockholm, für die Platzkarten und die Liegewagen-Plätze, die Visa, die Überfahrten mit der Fähre nach Kiel bzw. Hamburg und die Flüge nach West-Berlin sowie die Vorbereitungskosten etwa 2.000 DM pro Person zusammen. Jetzt waren unentgeltliche Fluchten nicht mehr möglich, jetzt musste die Girrmann-Gruppe, die diese Tour vor allem betrieb, die Antragsteller – oder nach der Flucht die Flüchtlinge – bitten, die entstandenen Kosten zu übernehmen. Und ab Mai 1962 gingen die drei Leiter der Gruppe teilweise sogar dazu über, die Bittsteller schriftlich zu verpflichten, nach der Flucht eine bestimmte Summe zu bezahlen (s. u.).

Das, was sie dabei einnahmen, war aber immer noch daran orientiert, was sie für moralisch vertretbar hielten, und reichte bei Weitem nicht aus, ihre Fluchthilfe auf eine solide finanzielle Basis zu stellen. Keiner von ihnen war in der Lage, finanzwirtschaftlich über einen hauswirtschaftlichen Rahmen hinaus zu denken, und was sie regelmäßig vergaßen, war, dass jede Flucht ja vorfinanziert werden musste. Bei den Skandinavien-Touren waren z.B. zahlreiche Testfahrten in diversen Varianten notwendig, mit dem Grenzübertritt per Zubringer vom Bahnhof Zoo aus oder mit der S-Bahn über die Friedrichstraße oder zu Fuß über die Heinrich-Heine-Straße, mit den Originalpapieren oder gefälschten Tages-Aufenthaltsgenehmigungen, mit dem Schlafwagen oder ohne etc., bevor die Tour „stand“ und für einen Flüchtling eingesetzt werden konnte. Deshalb verlangten wir – auch ich – ab Ende 1962 Vorauszahlungen von den Antragstellern, selbst wenn noch gar nicht absehbar war, wann wir die besprochene Flucht würden realisieren können. Das war aber kein Problem für uns, weil wir immer noch davon ausgingen, dass die Politik uns quasi „freikaufen“ würde. Wir liehen dem Staat quasi das Geld, das er eigentlich für seine Bürger hätte ausgeben müssen.

Wir hatten eigentlich auch allen Grund für unseren Optimismus: Die Bürger der DDR waren ja laut Grundgesetz schon vor der Wiedervereinigung „normale“ Bürger der Bundesrepublik, mit der Folge, dass unsere Politiker verantwortlich auch für sie waren. Die West-Politik hätte deshalb versuchen müssen, mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln das Grundrecht der Freizügigkeit, das unseren ostdeutschen Mitbürgern durch den Bau der Mauer genommen worden war, wiederherzustellen. Und wenn das nicht möglich war, hätte man ersatzweise uns Fluchthelfer unterstützen müssen, weil wir die einzigen waren, die diesen über allen Gesetzen stehenden Auftrag – die Grundrechte für alle Deutschen zu sichern – realisierten! Die West-Politiker hielten stattdessen Fensterreden zu den Jahrestagen und setzen sich letztlich bei den Gesprächen und den Abkommen mit dem Osten fast nur für die Bürger der Bundesrepublik und die West-Berliner ein.

Dr. Theo Seidel, Freund und Mithelfer Girrmanns, später der Vorsitzende Richter im ersten Mauerschützenprozess, der hier in der Geschichte der Familie Koitzsch noch eine Rolle spielt, sah das in unserem Gespräch am 19. April 2023 ganz anders: Die Politiker der Bundesrepublik und West-Berlins hätten überhaupt nicht die Möglichkeit gehabt, direkt oder indirekt die Politik der DDR entscheidend zu beeinflussen. Eine offene Unterstützung unserer Fluchthilfe hätte wahrscheinlich sogar den Erfolg der Annäherung zwischen Ost und West, die Willy Brandt und Egon Bahr in die Wege geleitet hatten, verhindert.

Das ist sicher richtig. Aber man hätte uns die entsprechenden Zuwendungen einerseits ebenso so geheim wie bei den Häftlingsfreikäufen übergeben können.8 Und andererseits zeigt die Ost-West-Geschichte, dass man Forderungen der DDR nicht immer erfüllen musste, um einen Erfolg in unserem Sinne zu erzielen: Während der Passierscheingespräche im Dezember 1963 zum Beispiel drohten die Unterhändler der DDR, die Gespräche abzubrechen, wenn der Westen nicht „die Fluchthelfer aus dem Verkehr zieht“. Der Berliner Senat versuchte das zwar, aber kein einziger Fluchthelfer stellte seine Tätigkeit ein – und das Passierscheinabkommen wurde (am 17. Dezember 1963) trotzdem unterzeichnet, und in den folgenden drei Jahren ebenso!

Dass uns die Politik nicht offen unterstützen wollte, verstanden wir aber und machten uns wegen des langen Ausbleibens der erwarteten Hilfe keine großen Gedanken. Ab Ende 1963 mussten wir dann aber feststellen, dass uns speziell die SPD unter Brandt und Bahr nicht nur nicht unterstützte, sondern sogar versuchte, uns zu schaden. Man ließ uns quasi „am langen Arm verhungern“ – wie übrigens auch alle Dissidenten in der DDR und im kommunistischen Osten! Die SPD unterstützte im Rahmen eines unglaublichen Realitätsverlustes sogar noch nach dem Fall der Mauer 1989 lieber die SED und die sozialistische Politik – und „verkaufte“ das dann als „Wandel durch Annäherung“ und später als „Wandel durch Handel“.

Für uns wurden deshalb aus den Vorauszahlungen, die wir von den Antragstellern angenommen hatten, plötzlich Schulden. Girrmann, Thieme und Köhler stellten 1962 fest, dass sie mit 97.000 DM verschuldet waren, ich, mitten im Studium, saß 1964, als ich den Cadillac zum Fluchtfahrzeug umbaute, mit 50.000 DM Schulden da (Details in meinem Wege-Buch, 4. Auflage, und hier im Bericht über Dieter Thieme). Diese Schulden hätten wir mit „normaler“ Arbeit niemals abtragen können. Was blieb uns da anderes übrig als weiter Fluchthilfe zu betreiben, dann aber routinemäßig von jedem Flüchtling Geld zu verlangen? Klar, das mussten wir mit den Antragstellern schon vor der Flucht schriftlich vereinbaren, aber dann hatte plötzlich niemand mehr ein Problem damit, auch die Flüchtlinge nicht. Geld zu nehmen für eine Dienstleistung war plötzlich irgendwie normal. Das schadete vor 1963 noch nicht einmal unserer Reputation.

Die Girrmann-Gruppe verlangte also, wie gesagt, ab Februar 1962 Geld, ich ab Oktober 19649, als die Fluchten mit dem Cadillac anliefen. In dieser Zeitspanne hatte sich aber der politische Wind gedreht: 1962 sprach niemand davon, dass wir die Not anderer Menschen ausnützen. Dieses Gerede kam erst mit den Bemühungen von Egon Bahr um eine Annäherung an den Osten 1963 auf (wobei viele meinten, es sei nur eine Anbiederung ohne entsprechende Gegenleistung des Ostens). Dazu kamen die Passierscheingespräche (ebenfalls 1963), die es ohne die Bemühungen von Egon Bahr wohl gar nicht gegeben hätte. Aber jetzt stand die Politik wieder am Ruder – und bemühte sich, unsere Fluchthilfe in ein schlechtes Licht zu rücken.

Natürlich konnte fast kein Flüchtling die Summen, um die es jetzt ging, sofort bezahlen. Wir ließen uns deshalb nach der Flucht Schuldscheine unterschreiben, mit der Möglichkeit, den Betrag auch „abzustottern“. So konnten wir mit den eingehenden Geldern immer die nächsten und übernächsten Fluchten organisieren.

Wir hatten im Lauf der Zeit also alle unser Credo, von einem Flüchtling kein Geld zu verlangen, aufgeben müssen.10 Aber wir schafften es: Die Girrmann-Gruppe war Ende 1964 schuldenfrei, beendete ihre Fluchthilfe und löste sich Anfang 1965 auf; und ich hatte meine Schulden 1968 abbezahlt und konnte ab 1966, während meiner „Franzosen-Tour“, auch einzelne Flüchtlinge wieder unentgeltlich in den Westen bringen.

Um es mit meinem Erzfeind innerhalb des Berliner Senats, Egon Bahr, auszudrücken: Wir waren so naiv gewesen, auf die Politik zu vertrauen, aber wir „löffelten die Suppe auch aus“, die wir – so sagte er – „uns selbst eingebrockt“ hatten!11

Abschließend zu diesem Thema noch ein entsetzlicher Gedanke: Wie vielen Menschen mehr hätten wir helfen können, wenn wir von der Politik unterstützt worden wären und nicht ständig finanzielle Sorgen gehabt hätten?!

Aber warum ließ man es den Fluchthelfern durchgehen, dass sie beim Bau von Tunneln oft Waffen trugen, dass sie ein zum Fluchtfahrzeug umgebautes Auto nicht vom TÜV überprüfen ließen, dass sie ganze LKWs umbauten und damit die auch vom Westen so gewollten Grenzkontrollen der DDR unterliefen, warum tolerierte man es, dass sie Pässe fälschten und Stempel nachmachten? Die Frage, ob wir das tun dürfen, ob das legal war oder nicht, hat uns in unserer aktiven Zeit nie interessiert, aber auch deshalb, weil wir nie behelligt wurden.

Ich entdeckte erst im Rahmen meiner späteren Recherchen, dass unsere Handlungen durch den sogenannten Übergesetzlichen Notstand im Grundgesetz gedeckt waren: Wenn einem Menschen ein Grundrecht, z. B. die Freizügigkeit – also zu wohnen, wo man will, und wegzuziehen, wohin man will – genommen wird, kann man straflos auch nicht legale Mittel anwenden, um dieses Grundrecht wiederherzustellen. Normalerweise blieben deshalb selbst „Ganoven“, die Fluchthilfe ausschließlich aus finanziellem Gründen betrieben, straffrei.

Das dritte Problem, das ich hier ansprechen möchte, ist die Frage, ob Naivität, vor allem, wenn sie anderen schadet, kriminell sein könnte. In diesem Buch spielen einige Fälle von verheerender Naivität eine Rolle, z.B. der Verrat von Walter Hofmann an seinen Freunden. Er glaubte, er könne mit der Stasi zusammenarbeiten und sie in seinem Sinn beeinflussen, wodurch u.a. zwei seiner Freunde zwölf Jahre „Knast“ erhielten, Dieter Thieme zwei Jahre in Zuchthäusern der DDR verbringen und Detlef Girrmann Hals über Kopf nach West-Berlin flüchten musste – beurteilt auch vor dem Hintergrund, dass Hofmann danach in der DDR Karriere machte, Professor wurde und zuletzt hochgeehrt starb (s. die entsprechenden Kapitel bei Dieter Thieme und Detlef Girrmann in diesem Buch).

Tragisch war auch der Irrtum einer Frau, deren Tochter vor Kurzem geflüchtet war. Die Tochter wollte ihre Mutter jetzt nach West-Berlin nachholen, aber die Mutter wollte die Tochter lieber wieder im Osten haben. Deshalb verriet sie den Grenzern bei Staaken, dass zur Vorbereitung ihrer Flucht gerade der Grenzzaun zerschnitten werde. Durch den kaputten Zaun könne ihre Tochter doch wieder zurückkommen, meinte sie, und die Grenzer könnten ihr sogar Feuerschutz geben – worauf die Grenzer am 9. Dezember 1961 tatsächlich das Feuer eröffneten und den Fluchthelfer Dieter Wohlfahrt erschossen.

Kann man das als Kollateralschaden einer menschlich allzu menschlichen Naivität abtun? Darf man einfach nur dumm sein und sich der Realität verweigern? Konnte man die fast generelle Hinterlist der Stasi und der Grenzer übersehen? Und kann es für dieses leichtsinnige oder mutwillige Übersehen Straffreiheit geben?

„Ja, mit dem Wissen von heute …“ ist in meinen Augen keine ausreichende Entschuldigung für eine mangelnde Sensibilität, eine generelle Gleichgültigkeit oder auch für eine fehlende Bereitschaft, genauer hinzusehen und nachzudenken!

Moralisch muss man sowohl diesen Prof. Hofmann wie die geschwätzige Mutter verurteilen, beiden wird man jedoch mildernde Umstände zubilligen, weil das kommunistische System, in dem sie lebten, in totaler Umkehr eines sittlichen Empfindens Denunziation regelrecht förderte, wodurch die Bürger dieses Staats oft jegliche Sensibilität für derartige Gemeinheiten und Straftaten verloren.

In dieselbe Richtung gehen für mich auch die Bekenntnisse vieler Politiker, die nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine bekannten, sie hätten sich leider in der Einschätzung Putins geirrt – und das, obwohl es über Jahrzehnte zahlreiche Stimmen gab, die dringend vor seiner Verharmlosung gewarnt hatten, allen voran André Glucksmann, Anne Applebaum, Timothy Snyder, Richard Herzinger, Werner Schulz, Wolf Biermann, Marko Martin, Ralph Giordano, Marieluise Beck, Ralf Fücks, Karl Schlögel, die russischen und ostdeutschen Dissidenten, NGO wie Memorial etc., Menschen und Organisationen, die sich intensiv mit Putin und dem wieder aufkommenden Stalinismus in Russland beschäftigten, faktenorientiert und nicht nur von realitätsfernen Hoffnungen geleitet wie die deutsche Politik.

Für die kann es keine mildernden Umstände geben! Die Politiker maßten sich an, klüger zu sein als die genannten Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller. Sie können unter ihre selbstverschuldete Naivität jetzt nicht einfach einen Schlussstrich ziehen! Gab es vielleicht sogar Verstrickung und Kollaboration? Oder nur Opportunismus? Müsste es dafür nicht Gerichtsverfahren oder wenigstens Untersuchungsausschüsse mit anschließenden Rücktritten geben?

Ja, für Politiker und Journalisten, deren Aufgabe es ist, sich zu informieren und danach Sprachrohr und Interpretationshelfer für alle anderen Bürger zu sein, ist in einer repräsentativen Demokratie Naivität verboten – und strafbar!

Der letzte Komplex, der hier angesprochen werden muss, ist die Tatsache, dass die allermeisten Deutschen große Schwierigkeiten haben, etwas Illegales zu denken, und erst recht, das auch zu tun. Wir, die Fluchthelfer, merkten das ganz konkret, als West-Berliner Ausweise – ab dem 23. August 1961 – nicht mehr zur Flucht verwendet werden konnten und wir versuchten, bundesdeutsche Papiere zu bekommen. Wenn wir in West-Berlin irgendjemanden baten, uns seinen Ausweis für einige Stunden oder Tage zu überlassen, wusste jeder, um was es geht – und wir erhielten den Ausweis selbstverständlich und ohne große Nachfrage, auch von den Westdeutschen, die hier lebten. Als wir aber versuchten, in der Bundesrepublik Ausweispapiere zu erhalten, kamen häufig drei Fragen:

- Wieso ich? Ihr habt doch Millionen andere; wieso soll ich meinen Kopf dafür hinhalten? Oder: Was bekomme ich dafür?

- Und was mach’ ich, wenn die Russen kommen? Die Sorge, dass die sowjetischen Truppen eines Tages losschlagen könnten, um ganz Europa zu erobern, steckte tief in den Köpfen vieler Menschen, und deshalb wollte man sich im vorauseilenden Gehorsam am besten nicht mit den „Russen“ anlegen. Die West-Berliner hatten damit offensichtlich weniger Probleme, obwohl sie ja sehr viel näher am Herd der Gefahr saßen als die Westdeutschen!12

Aber die dritte Frage zeigt, wo Deutschland eklatante Defizite hat:

- Ist denn das legal, was Sie machen?

Diese Frage habe ich in Jahrzehnten nie von einem Ausländer gehört. Götz Aly hat in seinem Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? eine Erklärung versucht, die mir einleuchtet (sinngemäß): Ein Engländer ist Engländer seit 500 Jahren, ein Spanier Spanier seit 500 Jahren, ein Franzose Franzose seit 500 Jahren, ein Deutscher ist Deutscher seit 1848, und ein Deutschland gibt es erst seit so kurzer Zeit, dass sich hier noch kein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln konnte. Mit einer entsprechend langen Tradition im Rücken kann man durchaus erkennen, was legal ist und was nicht, aber man hat auch das Selbstbewusstsein, das Illegale, wenn notwendig, zu tun!

Wir haben von einem belgischen Amtmann kofferweise belgische Blanko-Pässe inklusive der notwendigen Gebührenmarken erhalten, dazu Führerscheine und Kfz-Papiere; angeblich verloren gegangene Ausländer-Pässe wurden in allen Ländern stillschweigend ersetzt; ein Schweizer General schickte uns stapelweise die Pässe seiner Rekruten; usw. Nur in Deutschland geht das nicht. Da muss man immer vorher einen Anwalt fragen, und die Rechtsanwälte in Deutschland sind gerade die, die am strengsten darauf achten, dass sie und ihre juristischen Vorgaben beachtet werden.

Wie weit in Deutschland Legalität und Legitimität auseinanderklaffen, erfuhr ich bei einer Diskussion über die von mir aufgeworfene Frage, ob und ab wann man für den Tyrannenmord an Adolf Hitler später geehrt worden wäre, 1939 (Polen), 1940 (Frankreich), 1941 (Russland), 1942/1943 (Stalingrad)? Kaum jemand wollte sich zu einer klaren Antwort bekennen. Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und viele andere werden zwar geehrt, aber wohl nur, weil ihre Pläne gescheitert sind. Ein Bundesbürger kann nur in den Normen einer ordentlichen Gerichtsbarkeit denken13, und ein Tyrannenmörder ist per se eben ein Mörder und kein Held der Gerechtigkeit. Dabei ist klar, dass es Zeiten und Situationen gibt, in denen man nicht handeln kann, wie man es gelernt hat, sondern wie man muss.

In diesem Sinne möchte ich sehr viel mehr Mut von den Deutschen einfordern, sich ihres eigenen Verstandes UND ihres eigenen Gewissens zu bedienen und sich dabei an unseren europäischen Werten der Aufklärung zu orientieren. Wir können nicht 500 Jahre auf mehr Selbstwertgefühl warten und uns erst dann für das Geheimnis des Glücks – die Freiheit – entscheiden.14

Nebenbei: Die mentalen Unterschiede zwischen West-Berlinern und Bundesdeutschen damals führe ich auf das Leben in Gefahr zurück, das die Berliner wacher und flexibler gemacht hat als die Bundesrepublikaner. Davon kann man auch heute noch etwas spüren, und deshalb lebe ich trotz aller Dysfunktionalitäten der Stadt sehr gern in Berlin.

Ich bin jetzt 87 Jahre alt und würde meine Bemühungen um die moralische Aufarbeitung totalitärer Strukturen und Regime gern in jüngere Hände legen. 2016 habe ich in diesem Sinne bereits den Karl-Wilhelm-Fricke-Preis gestiftet, mit dem über die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur jährlich 28.000 € ausgeschüttet werden, um das Engagement von Forschern und Institutionen für Freiheit, Demokratie und Zivilcourage zu unterstützen.

Im Moment sieht es zwar so aus, als ob die Mahner mit ihrem „Nie wieder!“ den Kampf gegen die Gleichgültigkeit verloren hätten, als ob die Gedenktage, die Festreden, die Aufarbeitungsinitiativen, die Arbeit der Bundesstiftung und von NGO wie Memorial nicht zu einer hassfreien und friedlichen weltweiten Demokratie geführt hätten. Aber vielleicht benötigt die Aufarbeitung von Diktaturen und autokratischen Regimen noch etwas Zeit, gemäß der Erkenntnis der Historiker, dass eine effektive Aufarbeitung erst nach drei Generationen und nach dem Tod der Täter beginnen kann.

Unglücklich bin ich in diesem Zusammenhang darüber, dass so viele Menschen und vor allem fast alle Politiker schon froh sind, wenn wir wieder einen Tag ohne Auseinandersetzung, ohne Streit, ohne Mord und Totschlag hinter uns gebracht haben – ohne zu sehen, dass es Probleme gibt, die eine sofortige Lösung erfordern, die man nicht „aussitzen“ kann, die sich durch Zuwarten erst zu wirklichen Problemen entwickeln, wie z. B. der Islamismus mit seiner Religions-Schwärmerei; die Zuwanderung ohne weitgehende Integration in unsere westliche Werte-Welt; oder unser „wokes“ Bildungssystem in Schulen und Universitäten, in dem eine eifrig gepredigte und oft an den Haaren herbeigezogene Moral wichtiger ist als Leistung. Sich hinterher dazu zu bekennen, durch Nichtstun Fehler gemacht zu haben, nützt niemandem.

Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht selbst zum Ungeheuer wird.“ Bin ich mit meinem Misstrauen, das ich mir angeeignet habe, mit meiner kriminellen Energie, die ich teilweise bewies, mit meinen bewusst begangenen Straftaten, mit den Pistolen, die ich zeitweise besaß, mit meinem kritischen Verständnis unseres politischen und juristischen Systems, bin ich so zu einem Ungeheuer geworden?

Ich meine, das ist eine überholte Denkweise: Man kann Ungeheuer in Sinne von Nietzsche sein und trotzdem das Richtige und das Gute tun! Trotz meines langen Kampfes gegen die Ungeheuer der DDR, die Hilde Benjamins und die Stasi, deren Methoden ich mir teilweise angeeignet habe, und trotz meiner vehementen Ablehnung der Realitätsverweigerer im Westen – der Egon Bahrs, der Demonstranten gegen den „Nato-Doppelbeschluss“, der „Oster-Marschierer“ und großer Teile der „68er“ – habe ich mir immer meinen Humanismus bewahrt und ihn gelebt. Es war ein unruhiges Leben auf der Suche nach der Wahrheit. Aber ich kann wohl durchaus stolz darauf sein, was ich zustande gebracht habe! Deshalb halte ich mich heute eher an Friedrich Hölderlin: Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan!

Burkhart Veigel, Berlin 2025

www.fluchthilfe.de

1 Mit den Passierscheingesprächen im Dezember 1963 gewann der Berliner Senat wieder einen gewissen Handlungsspielraum. Jetzt störten die Fluchthelfer nur noch, jetzt dichtete man ihnen an, die Not anderer Menschen auszunutzen (s. u.).

2 Das „kommunistische Experiment“ ist ja nicht durch einen „Klassenfeind“ so krachend gescheitert, sondern weil die zwangsweise vorgegebenen Regeln nicht für ein vernünftiges Zusammenleben von Menschen geeignet waren. Die Bürger wünschten sich in der Mehrheit z.B. ein selbstbestimmtes Leben, keine politisch gelenkte Planwirtschaft mit ihren privaten und beruflichen Interessen.

3 s. Prolog

4 Ich habe in -zig Akten allerdings nie einen Fall gefunden, bei dem die Betroffenen bemerkt hätten, dass sie bespitzelt wurden, auch wenn die Bespitzelung sich über Jahre hinzog. Selbst ein Verdacht kam sehr selten auf.

5 Kennedy sagte wenige Tage nach dem 13. August 1961 sinngemäß: „Jede Mauer ist besser als ein Krieg.“

6 Das Denken aus einer Position der Stärke ist in vielen Situationen einfach notwendig: Der Nationalsozialismus wurde definitiv nicht durch Appeasement, Gebete oder Kerzen im Fenster besiegt, sondern durch die militärische Stärke vor allem der USA und der Sowjetunion.

7 Bei keinem der interviewten Flüchtlinge hatte ich im Übrigen das Gefühl, dass ihm seine Dankbarkeit eine Last gewesen wäre, vermutlich, weil meine Fluchthilfe für mich immer eine notwendige Selbstverständlichkeit war, nie so etwas wie ein Gunsterweis.

8 Das Geld für unsere Unterstützung wäre ja dagewesen: Für den Häftlingsfreikauf zum Beispiel gab die Bundesrepublik zwischen 1963 und 1989 fast 3,5 Milliarden DM aus!

9 Die Kommunikation innerhalb der Gruppen war in diesen Dingen so schlecht, dass ich erst Anfang 1965, als sich die Girrmann-Gruppe auflöste, davon erfuhr, dass sie schon viel früher als ich Geld für ihre Hilfe verlangt hatte.

10 Außer einigen Privatspenden erhielten wir trotz unserer Bemühungen auch von der Industrie nichts, weil wir keine Spendenbescheinigungen ausgeben konnten. Und bei den Kirchen fragten wir gar nicht an, weil wir die vielfältigen Kontakte, die sie nach wie vor in den Osten hatten, nicht gefährden wollten.

11 Über diese „Abfuhr“ bei den Verhandlungen mit dem Berliner Senat Mitte 1963, die zu den ersten Freikäufen hätten führen können, war z.B. Heinrich Albertz entsetzt und empört. Aber es gelang ihm damals nicht, den Senat, der sich hinter Bahr gestellt hatte, umzustimmen. Und als er 1966 Regierender Bürgermeister wurde, hatte sich die Situation erheblich geändert. Die Freikäufe wurden jetzt z.B. von der Bundesrepublik – am Berliner Senat vorbei – realisiert.

12 Die inzwischen bekannten Manöverpläne des Warschauer Pakts zeigen tatsächlich, dass bei allen Manövern bis zum Frühjahr 1990 (!) die Eroberung Westeuropas geübt wurde! Dabei sollten immer auch Atomwaffen eingesetzt werden.

13 Was passiert wäre, wenn jemand vor Mai 1945 gefordert hätte, Hitler vor Gericht zu stellen, kann man sich leicht vorstellen.

14 Perikles, Staatsmann und Heerführer im alten Griechenland: Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, aber das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.

Am 18. August 1963 war es nur der Rektor der FU, der meine Fluchthilfe unterbinden wollte; im Dezember 1963 zog die Politik nach und wollte sie jetzt sogar verbieten.

50 Jahre später erhielt ich für meine Fluchthilfe das Bundesverdienstkreuz – ein wunderbarer Paradigmenwechsel innerhalb der Politik.

Prolog

Hier möchte ich zur chronologischen und faktischen Einordnung aller folgenden Kapitel einige Eckpunkte meiner Fluchthilfe darstellen.

Ich wurde Fluchthelfer am 30. Oktober 1961 und holte als Mitglied der Girrmann-Gruppe noch an diesem Tag Margit Hansel, geb. 20.10.40, aus der Aalesunder Straße 2, die vor der Schließung der Grenze Wirtschafts- und Sozialwissenschften an der FU studiert hatte, mit einem belgischen Pass nach West-Berlin (s. u.). Anschließend fuhr ich fast täglich nach Ost-Berlin und brachte bis zum 6. Januar 1962 etwa 250 Bürger der DDR mit Ausländerpässen in die Freiheit (s. dazu meine Anmerkungen zu den „Thieme-Listen“ im Kapitel „Dieter Thieme“). Beim „Platzen“ dieser Tour am 7. Januar 1962 durch verschärfte Kontrollen der Ost-Grenzer wurden 4 „meiner“ Flüchtlinge verhaftet. Weil ich danach „verbrannt“ war und nicht mehr nach Ost-Berlin fahren konnte, schied ich bei der Girrmann-Gruppe aus und stellte meine eigene Fluchthelfer-Gruppe zusammen. Jetzt war ich nicht mehr Läufer wie bisher, sondern Organisator einer vor allem aus Studenten bestehenden Gruppe.

Bilanz: 250 Flüchtlinge im Westen, 4 verhaftet.

In diese Gruppe nahm ich Anfang Januar 1962 auch Jürgen Mielke (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Stasi-Chef), genannt „Udo“, auf. Am 12. Mai 1962 konnte ich ihn als Spitzel der Stasi enttarnen, weil durch seinen Verrat 5 Flüchtlinge und 3 Fluchthelfer verhaftet worden waren. Die Verhaftungen und die Dekonspiration eines Spitzels in meinen Reihen führten aber dazu, dass ich extrem vorsichtig wurde und mir immer weniger schiefging, ab April 1965 (bis 1970) überhaupt nichts mehr. 1 Flüchtling konnte mit Udos Ausweis flüchten.

Bilanz: 1 Flüchtling im Westen, 8 Flüchtlinge und Helfer verhaftet.

Mit Hilfe der „Doppelgänger-Tour“, bei der ein Fluchthelfer mit einem Trick zwei Mal durch die Einlasskontrolle am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße ging, wodurch wir einen an der Grenze registrierten Ausweis für einen Flüchtling erhielten, kamen von 24. Juli 1962 bis März 1963 etwa 100 Flüchtlinge nach West-Berlin.

Bilanz: 100 Flüchtlinge im Westen, keine Verhaftungen.

Während der Leipziger Frühjahrsmesse 1963 kamen keine Flüchtlinge, aber 2 Flüchtlinge und 3 Helfer wurden verhaftet.

Bilanz: keine erfolgreichen Fluchten, aber 5 Menschen verhaftet.

Mit der „Neuen Skandinavien-Tour“, bei der wir im Gegensatz zu einer früheren Skandinavien-Tour weitgehend mit gefälschten Papieren arbeiteten, kamen vom 4. Juni 1963 bis 7. September 1963 7 Bürger der DDR in Freiheit, aber 12 Flüchtlinge und 3 Helfer wurden durch den Spitzel Georg Rhaptis verraten und verhaftet.

Bilanz: 7 Flüchtlinge im Westen, 15 Menschen verhaftet.

Nach einer längeren Pause, in die die Verhandlungen mit dem Berliner Senat und mein Umzug nach Hamburg fielen, begann jetzt meine „gute Zeit“, in der ich fast nur noch Erfolge hatte:

Mit einem zum Fluchtfahrzeug umgebauten Cadillac, der ein Versteck für einen Flüchtling im Armaturenbrett hatte, in das auch große Flüchtlinge passten, konnte ich mit Hasso Herschel und Wolfgang Fuchs zusammen vom 8. Oktober 1964 bis 18. November 1967 etwa 200 Flüchtlingen zur Flucht verhelfen. Als das Auto „hochging“, wurden 1 Flüchtlingsfrau und 2 Fluchthelfer verhaftet.

Bilanz: 200 Flüchtlinge im Westen, 3 Menschen verhaftet.

Parallel dazu „betrieb“ ich ein umgebautes Goggomobil und einen umgebauten Austin Healey 3000. Die Fluchten mit dem Austin waren schwierig, weil in das Versteck nur sehr kleine Frauen passten. Das klappte 4 Mal, aber danach verkaufte ich ihn, ohne dem Käufer etwas von dem Versteck zu sagen. Mit dem „Goggo“ kamen 2 Flüchtlinge in den Westen; beim 3. Versuch wurden der Fahrer, ein Freund von mir, und eine Flüchtlingsfrau verhaftet. Es stellte sich heraus, dass der Freund der Frau sie verraten hatte. Später wurde in dieser Sache auch noch mein Cousin verhaftet.

Bilanz: 6 Menschen kamen in Freiheit, 1 Flüchtling und 2 Helfer wurden verhaftet.

Den krönenden Abschluss meiner Fluchthilfe bildete eine Fluchttour, die ich mit Hilfe eines französischen Soldaten aufbauen konnte. Er brachte vom 6. Juni 1966 bis zum Frühjahr 1970 etwa 400 Bürger der DDR vor allem über die Transitstrecken von und nach Berlin in die Freiheit. Die Stasi konnte diese Tour trotz all ihrer Bemühungen nie aufdecken, erst recht nicht in flagranti. Sie musste von uns eingestellt werden, weil der Franzose nach Frankreich zurückbeordert wurde.

Bilanz: 400 Flüchtlinge in Freiheit, keine Verhaftungen.

Nach früheren Recherchen nahm ich an, etwa 650 Flüchtlinge in die Freiheit des Westens geholt zu haben. Jetzt zeigte sich, vor allem durch die „Thieme-Listen“ (s. unter „Dieter Thieme“) und bei den Nach-Recherchen meiner einzelnen Touren, dass es über 950 Menschen waren, denen ich geholfen hatte. 38 Menschen wurden aber auch verhaftet. Das ergibt eine Erfolgsquote von etwa 96%. Nur Wolfgang Fuchs dürfte eine ähnliche Bilanz gehabt haben (obwohl er die eine oder andere „Harakiri“-Tour machte), vermutlich auch durch seine enge Zusammenarbeit mit der CIA.

Zum Vergleich: Die „Erfolgsquote“ bei selbstorganisierten Fluchten, z.B. über die Mauer, lag bei ca. 10%, bei Fluchtversuchen über die Ostsee bei etwa 16%.

Der mörderische Staat

Dieses Schreiben listet die Fluchthelfer auf, die nach dem Willen von Hilde Benjamin, der damaligen Justizministerin der DDR, zum Tod verurteilt werden sollten, wenn man sie je „geschnappt“ hätte.

An einem solchen Grenzzaun lag ich, als ich in eine Falle der Stasi getappt war. Die Patrouille der Grenzer ging drei Meter an mir vorbei, ohne mich zu bemerken. Da hing mein Leben an einem sehr dünnen Faden – ich überlebte, weil der Führungsoffizier von „Udo“ es versäumt hatte, die Grenzer zu informieren, dass ich da lag!

Eine Skizze, die den Todesschuss auf Heinz Jercha darstellt. Nach zwei fehlgegangenen Schüssen im Haus war er gerade aus der linken Tür, der Haustür, gestürzt und wollte – stark gebückt – in die rechte Tür, die Kellertür, springen, als ihn der Abpraller des Pistolenschusses von Leutnant Forkel von hinten rechts unten in den Brustkorb traf. Die Kugel zerfetzte die Blutgefäße in der Lunge und lag bei der Obduktion dann am Hals links unten. Heinz Jercha verblutete innerhalb von zehn Minuten.

Auf diesem von der Stasi angefertigten Bild sind einige der „Einschußstellen“ eingezeichnet, die am 27. März 1962 entstanden, als die Untergebenen von Leutnant Forkel im Dauerfeuer auf den in den Keller geflüchteten Heinz Jercha durch die geschlossene Kellertür hindurch ballerten. Sie trafen nicht, er war aber bereits durch den Pistolenschuss tödlich getroffen.

▲ Dieter Wohlfahrt war der erste erschossene Fluchthelfer, am 9. Dezember 1961 an der Grenze zwischen Spandau-Staaken und der DDR.

◥ Das Mahnmal für Ernst Mundt, dessen Name zum Zeitpunkt der Errichtung nicht bekannt war. Obwohl die Ost-Behörden jede Unterstützung zur Identifizierung des Toten verweigerten, fanden Angehörige heraus, wer er war: Ernst Mundt, ein 40-jähriger Zimmermann. Das Mahnmal stand an der Bernauer/Ecke Bergstraße und ist heute ersetzt durch eine Gehwegplatte mit der Inschrift „Dem unbekannten Opfer der Schandmauer † 4.9.1962“. (Bild: Archiv Berliner Unterwelten e.V.)

Mit solchen langen spitzen Stangen stocherte die Stasi nach Schwimmern, die tauchend zu fliehen versuchten. An den aufsteigenden Luftblasen konnte sie den Fluchtweg erkennen

Bild der Stasi vom Tunnel in Kleinmachnow. Er begann in einer Bauhütte (ganz oben), ging zwischen den Häusern 32 und 34 durch – hier ist die „Sprengladung“ eingezeichnet, die in der Legende erwähnt wird – und führte zum Haus 29. Die Stasi wollte den Tunnel am 14. November 1962 sprengen, wenn sich alle Fluchthelfer im Tunnel befinden, aber ausgerechnet der Sprengmeister verhinderte die Sprengung

Hier und auf den folgenden Seiten des Buchs

Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 – 1989

sind nur die bis 2009 bekannten, durch kommunistische Täter ermordeten Menschen an der Mauer in Berlin notiert. Dazu kommen die deutschen Toten an der innerdeutschen Grenze, in der Ostsee und an den Grenzen der anderen Ostblock-Staaten. Man geht heute davon aus, dass auf diese Weise insgesamt mehr als 1.000 Menschen ermordet wurden.

Sabine Baumgärtner 1961

Sabine Baumgärtner

* 10. November 1929 in Merseburg, geb. Baumann,

† 20. Oktober 2018 in Stuttgart

Studium Kunstgeschichte und Germanistik in Leipzig

1958 Promotion (Kunstgeschichte)

1956 bis 1961 Kunstgewerbemuseum Ost-Berlin, ab 1959 als Direktorin

1959 Heirat von Klaus Baumgärtner, Linguist, ebenfalls promoviert und später Ordinarius für Linguistik, * 13. Dezember 1931, † 9. Oktober 2003; beide enge Freunde des Schriftstellers Uwe Johnson 11. Dezember 1961 Flucht nach West-Berlin, sie als Schweizerin, er als Belgier

1962 bis 1967 Arbeit am Bayerischen Nationalmuseum München ab 1967 freiberufliche Kunsthistorikerin

Am 3. Oktober 2004 – ich war noch voll in meiner orthopädischen Praxis in Stuttgart beschäftigt, interviewte aber schon seit drei Jahren immer wieder Flüchtlinge und Fluchthelfer aus meinem früheren Leben – hatte ich auf einer Podiumsdiskussion zum Tag der Deutschen Einheit im Augustinum in Stuttgart-Sillenbuch meine Überlegungen zum Thema Wie haben die Bürger der DDR und die der Bundesrepublik die friedliche Revolution und die folgende Wiedervereinigung erlebt und wie sehen sie sie heute? dargestellt.

Nach der Veranstaltung sprach mich Frau Dr. Baumgärtner, die in diesem Augustinum lebte, an und erzählte mir, sie sei mit ihrem Mann und einer seiner Mitarbeiterinnen nach dem Bau der Mauer aus der DDR geflüchtet, ich sei vielleicht sogar ihr Fluchthelfer gewesen; der habe jedenfalls – wie ich – schwäbisch gesprochen. Aber an unsere Gesichter konnten wir uns – nach 43 Jahren! – beide nicht mehr erinnern. In einer der Listen von Dieter Thieme, einem meiner drei Lehrmeister, die mich in das Metier der Fluchthilfe und der notwendigen Konspiration damals eingeführt hatten, fand ich dann aber konkrete Hinweise, dass ich tatsächlich der entscheidende letzte Kurier bei Baumgärtners gewesen war.

Auszug aus den „Thieme-Listen“ (s.u.) mit den beiden Baumgärtners und Frau Harlass

Sie erzählte mir dann in den folgenden Monaten und Jahren, wenn ich sie in ihrer Wohnung im Augustinum besuchte, viel über ihre Bemühungen, das Desinteresse der Westdeutschen für DDR-Themen aufzubrechen. Sie war dafür extra in die SPD eingetreten, hatte letztlich aber wenig Erfolg im bundesweiten „Tal der Gleichgültigen“. Andererseits beklagte sie aber auch, dass die Bürger der DDR, denen die Freiheit Ende 1989 in den Schoß gefallen war, so unzufrieden mit diesem Geschenk waren und sich eher als Opfer fühlten.

Sie und ihr Mann gehörten zum engsten Freundeskreis von Uwe Johnson. Hier wurde ich hellhörig, weil ich über Detlef Girrmann, meinen zweiten Fluchthilfe-Lehrmeister, ein Tonband von Johnson bekommen hatte, auf dem seine Interviews mit Girrmann und Thieme vom Januar 1964 festgehalten waren. Durch seine genaue Gesprächsführung hatte er es verstanden, wunderbare Porträts dieser beiden Fluchthelfer der ersten Stunde herauszuarbeiten und auch den Beginn der Fluchthilfe in Berlin detailgetreu darzustellen. Deshalb wollte ich das Band gern transkribieren und als Buch herausgeben.

Über ihre Fluchtgeschichte sprachen wir nach unserem großen Basis-Interview vom 23. Januar 2005 nie mehr, auch nicht bei unserem letzten Zusammentreffen 2012, bei dem ich ihr stolz ein Exemplar meiner bei Suhrkamp erschienenen Transkription des Tonbandes unter dem Titel Ich wollte keine Frage ausgelassen haben überreichte und sie mir das Buch von Uwe Johnson Sofort einsetzendes Geselliges Beisammensein, für das sie so gekämpft hatte, schenkte. Und sie war sehr froh, dass ich sie inzwischen mit Prof. Holger Helbig an der Uwe Johnson-Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts in Rostock bekannt gemacht hatte, der ihre Geschichte und die des Leipziger Johnson-Kreises daraufhin in seinen Johnson-Fundus aufgenommen hatte.

Nazis und KZ

Sabine Baumann wuchs als Tochter des Chemikers Dr. Walter Baumann in Leuna auf. Als sie zehn war, im Oktober 1939, wurde ihr jüdischer Vater verhaftet, später ins KZ Sachsenhausen deportiert und dort am 27. April 1940 umgebracht. Ihrer „rassisch unbeanstandeten“ Mutter passierte nichts.

Die Befreiung von der Nazi-Herrschaft und das Kriegsende erlebte sie mit ihrer Mutter zusammen in Leipzig. Sie hatten überlebt und hofften auf eine bessere und friedlichere Zukunft.

Abarbeiten am Sozialismus

Auf den Staat, der sich nach der bedingungslosen Kapitulation der Nazis 1945 in Ostdeutschland entwickelte, setzte Sabine Baumann zunächst große Hoffnungen, bezeichneten die Attribute antifaschistisch und friedliebend, die die SBZ sich zuschrieb, doch genau das, was sie sich immer gewünscht hatte. Dass das nur Propaganda-Schlagworte waren, die mit der Realität wenig zu tun hatten, erkannte sie dann aber bald. Sie hoffte jetzt auf jeden neuen Parteitag der SED, dass endlich die dringend notwendige Öffnung vor allem der Kulturpolitik zu einem demokratischen Individualismus beschlossen werden würde. Da sich aber auch nach Stalins Tod 1953, der Geheimrede von Nikita Chruschtschow 1956 und dem V. Parteitag 1958 nichts änderte, resignierte sie: Diese DDR wird sich nie zu dem Staat reformieren, in dem ich auf Dauer leben möchte.

Eigentlich musste schon das Experiment, aus einem Staat mit einer Bevölkerung, die fast hundertprozentig vom Nationalsozialismus überzeugt gewesen war, eine DDR, eine Deutsche Demokratische Republik, zu machen, misslingen. Dieser 180°-Wandel, diese künstliche Proletarisierung, das war mir alles außerordentlich suspekt. Aber ich hatte auch eine erhebliche Skepsis gegenüber dem Adenauer-Staat, wo die alten Nazis noch lange Zeit eine nicht unerhebliche Rolle spielten, in der Justiz, ja sogar in der aktiven Politik.

Sabine Baumann fühlte sich nicht mehr wohl in der DDR, trat nie in die FDJ ein und wurde nie Mitglied in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft oder einer der anderen „Alibi-Organisationen“, um ihr gesellschaftliches Engagement nachzuweisen. Offensichtlich durch einen „Nazi-Verfolgten-Bonus“ geschützt, durfte sie trotzdem ab 1948, gleich nach dem Abitur, in Halle Chemie studieren – nicht das, was sie eigentlich wollte –, und es wurde akzeptiert, dass sie nach einem Jahr zu Kunstgeschichte und Germanistik wechselte, sogar in Leipzig und damit auch in der Nähe ihrer Mutter.

Am Institut für Kunstgeschichte in Leipzig waren wir nur etwa 25 Hauptfachstudenten. Davon hatten allenfalls zwei oder vier das Parteiabzeichen der SED, und überzeugt von der Sache des Sozialismus war, glaube ich, nur ein Einziger. Warum gerade wir Kunstgeschichtler unseren Staat nahezu einstimmig ablehnten, darüber kann ich nur spekulieren. Jedenfalls entstand in diesem elitären Umfeld ein kleiner Freundeskreis, der dann mein Leben zu einem erheblichen Teil mitbestimmte.

1952 wurde ich von einem Kommilitonen angesprochen, ob ich schon einmal Hemingway oder Faulkner gelesen hätte. Diese Frage war in der DDR, wo Russen als Schriftsteller hoch geehrt waren, Amerikaner aber gar nicht vorkamen, fast schon provokativ. Aber da ich diese Literatur auch aus meinem Elternhaus nicht kannte, interessierte mich der Hintergrund der Frage. Wir tasteten uns jedenfalls vorsichtig aneinander heran. Und als wir merkten, dass wir uns vertrauen konnten, und als ich dann noch die Freunde dieses Kommilitonen kennenlernte und mich sofort in den einen von ihnen verliebte – meinen späteren Mann –, tauschten wir alles, was uns lieb und teuer war, untereinander aus: Literatur, Musik, Zeitschriften, den Spiegel, DIE ZEIT, eben alles, was in der DDR verboten war. Wir, das waren zwei Kunsthistoriker, zwei Sprachwissenschaftler, ein Musikwissenschaftler, der uns die Neue Musik, Strawinsky, Schönberg und so, näherbrachte, und als Sechster und Letzter kam dann noch Uwe Johnson dazu, 1954, als er von Rostock nach Leipzig gezogen war. Er bereicherte uns ab da auch mit dem, was er geschrieben hatte und aktuell schrieb.

Klaus Baumgärtner und Sabine Baumann 1958 in Leipzig

Die Zeit in dieser verschworenen Gemeinschaft beschreibt Sabine Baumgärtner als sehr glücklich – und in dieser Form eigentlich nur in Ostdeutschland möglich. Sie lebten sehr intensiv, saßen und aßen zusammen, lasen sich die spannendsten Stellen aus neuen Büchern vor, besorgten sich gegenseitig Literatur, die man nur als „Bückware“ bekam, spielten Theater, wanderten tagelang im Erzgebirge und überlegten, wie sie die FDJ-Sekretäre und die Parteibonzen hin und wieder austricksen konnten.

Daran änderte sich auch nichts, als beide Baumgärtners 1956 von Leipzig nach Ost-Berlin zogen. Sie hatte eine Stelle an den Staatlichen Museen bekommen, er arbeitete fortan als Editor einer Goethe-Gesamtausgabe an der Akademie der Wissenschaften. Sie lebten in einem intellektuellen Ghetto und fühlten sich darin wohl, nicht bedroht von der Staatsmacht und deren Gehilfen. Im Gegenteil: Jetzt konnten sie ohne Probleme nach West-Berlin fahren, ins Kino gehen, eine Zeitung oder eine Zeitschrift, sogar den Spiegel und DIE ZEIT