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Mobbing unter Kindern und Jugendlichen hat viele Gesichter. Es kann grob und offensichtlich sein, aber ebenso gut auch subtil und versteckt. Es kann in der Schule, auf dem Spielplatz, im Internet oder per SMS stattfinden. «Mutig gegen Mobbing» legt den heutigen Kenntnisstand umfassend dar – und präsentiert ein wissenschaftlich fundiertes sowie in der Praxis erprobtes Programm gegen Gewalt in Kindergärten und Schulen. Es bietet Fachpersonen wie Lehrerinnen, Psychologinnen und Sozialarbeitern sowie Eltern ein umfangreiches Instrumentarium, um präventiv gegen Mobbing vorzugehen und bei Mobbing erfolgreich zu intervenieren. Das Buch soll Mut machen: denn der Umgang mit Mobbing ist keine Zauberkunst. Wenn man bereit ist, eigene Vorstellungen zu überdenken, Handlungsmuster zu ändern und miteinander über unangenehme Themen zu reden, dann kann mit etwas Mut viel erreicht werden. Prof. Dr. Françoise Alsaker lehrte an der Universität Bern Entwicklungspsychologie. Sie forscht seit vielen Jahren zum Thema Mobbing in Schule und Kindergarten und ist eine international anerkannte Expertin zum Thema. Das wissenschaftlich fundierte Programm gegen Mobbing in Schule und Kindergarten
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2016
Mutig gegen Mobbing
Mutig gegen Mobbing
Françoise D. Alsaker
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Psychologie:
Prof. Dr. Guy Bodenmann, Zürich; Prof. Dr. Lutz Jäncke, Zürich; Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen; Prof. Dr. Astrid Schütz, Bamberg; Prof. Dr. Markus Wirtz, Freiburg i. Br.
Françoise D. Alsaker
Mutig gegen Mobbing
in Kindergarten und Schule
2., unveränderte Auflage
Françoise Alsaker, Prof. Dr. em.
Universität Bern
Institut für Psychologie
Fabrikstrasse 8
3012 Bern
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2., unveränderte Auflage 2017
© 2012 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
© 2017 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95667-1)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75667-7)
ISBN 978-3-456-85667-4
http://doi.org/10.1024/85667-000
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Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.
Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form vervielfältigt und an Dritte weitergegeben werden. Aus Françoise D. Alsaker – Mutig gegen Mobbing (ISBN 9783456756677) © 2012/2017 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern; © 2016 Hogrefe Verlag, Bern
Vorwort
Erster Teil–Was wir über Mobbing wissen
Der aktuelle Wissensstand und Schlussfolgerungen für die Praxis
1.Was Mobbing ist – und was nicht
1.1 Was ist Mobbing überhaupt?
1.2 Mobbing – eine Machtdemonstration
2.Verschiedene Mobbing-Formen
2.1 Direkte Mobbing-Formen
2.2 Indirekte Mobbing-Formen
2.3 Cyber-Mobbing
2.4 Mobbing – ein Muster
3.Schlüsselaspekte von Mobbing
3.1 Erniedrigung und Demütigung
3.2 Schweigen
3.3 Das Opfer steht allein
3.4 Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit der Opfer
3.5 Mobbing macht Spaß
4.Mobbing in Zahlen
4.1 Wie können wir Mobbing erfassen?
4.2 Wie verbreitet ist Mobbing?
5.Mobbing geht alle an!
5.1 Die direkt Beteiligten – die Hauptakteure und ihre Helfer
5.2 Die Zeugen von Mobbing
5.3 Die Erwachsenen
5.4 Was ist für die Praxis relevant?
6. Entstehung und Aufrechterhaltung von Mobbing – Bedingungen im Umfeld
6.1 Das Verhalten der anderen Kinder
6.2 Mobbing lohnt sich für die Mobber
6.3 Klassen- und Schulklima
6.4 Die Einstellung und das Verhalten der Lehrpersonen
6.5 Die Familie
6.6 Schutz vor Mobbing
7. Entstehung und Aufrechterhaltung von Mobbing – individuelle Verletzbarkeiten
7.1 Kräfteverhältnisse
7.2 Einfühlungsvermögen
7.3 Soziale Kompetenzen
7.4 Schüchternheit und Rückzugsverhalten
7.5 Sprachliche Kompetenzen und Migrationshintergrund
7.6 Auffälligkeiten oder Störungen des Verhaltens
7.7 Werte und Moralentwicklung
8. Am Boden zerstört – von sich überzeugt: Die Folgen von Mobbing
8.1 Krankmachende Elemente von Mobbing
8.2 Typische Folgen für die passiven und aggressiven Opfer
8.3 Typische Folgen für die aggressiven Opfer und die Mobber
Zweiter Teil–Mutig gegen Mobbing
9.Vorbereitende Schritte
9.1 Sensibilisierung
9.2 Persönliche Einstellungen zu Mobbing
9.3 Mobbing-Prävention – eine Wertfrage
9.4 Kontakt zwischen Schule und Eltern
10.Mobbing erkennen – genau Hinschauen
10.1 Mobbing-Muster erkennen
10.2 Beobachtungen in der eigenen Klasse
10.3 Schüler als Informanten
10.4 Elternsicht und Warnsignale
11.Die Macht des Schweigens –die Kraft des Redens
11.1 Offene und direkte Kommunikation
11.2 Mobbing thematisieren
11.3 Nachhaltigkeit durch Kommunikation
12.Zusammenhalt der Klassedurch einenVerhaltensvertrag
12.1 Die Erarbeitung eines Vertrags
12.2 Kandersteg-Deklaration gegen Mobbing
12.3 Die Verbindlichkeit des Vertrags – Konsequentes Handeln
13.Kompetenzen stärken –Ressourcen nutzen
13.1 Prosoziales Verhalten und Einfühlungsvermögen
13.2 Regulation von Emotionen in sozialen Situationen
13.3 Stopp! – Grenzen definieren
13.4 Engagement und Zivilcourage
13.6 Was Eltern tun können
14.Nachhaltige Mobbing-Prävention
14.1 Definierte Ziele gegen Mobbing
14.2 Zusammenhalt
14.3 Mobbing-Prävention im Alltag
14.4 Ausblick
Anhang A
Mobbing in der Schule
A-1: Fragebogen für Schüler und Schülerinnender 4. bis 10. Klasse
A-2: Mobbing-Vorkommnisse –Fragebogen für die Lehrpersonen
Anhang B
Das Kinderinterview zu Mobbing –Kindergarten und Unterstufe
Anhang C
Bildung von kleinen Gruppen in der Klasse.Wer ist mit wem zusammen?
Anhang D
D-1: Beobachtung durch die Lehrpersonen
D-2: Beispiel eines Protokollbogens zur täglichen Beobachtung von möglichen Mobbing-Vorfällen
Literaturverzeichnis
Die Autorin
Sachwortverzeichnis
Mobbing wurde vor ungefähr 35 Jahren zum ersten Mal als eigenständiges Phänomen erforscht (Olweus, 1978). Die Forschung fand lange Zeit «nur» in Skandinavien statt; überhaupt erschienen bis 2000 – im Vergleich zu anderen Themen – wenig wissenschaftliche Arbeiten zu Mobbing. Dies änderte sich plötzlich: In den letzten zehn Jahren erlebte man eine rasante Zunahme an wissenschaftlichen Studien. Cook, Williams, Guerra, Kim und Sadek (2010) zählten 600 Artikel im letzten Jahrzehnt. Diese Entwicklung brachte neues Wissen zur Verbreitung von Mobbing in den unterschiedlichsten Ländern auf der ganzen Welt und dazu einige wichtige Differenzierungen. Der Nachteil dieser Entwicklung ist allerdings, dass gewisse Forschergruppen angefangen haben, den Begriff breiter zu definieren, als es bis 2000 der Fall war, oder Mobbing auf sehr unterschiedliche Art und Weise zu messen, weshalb die Ergebnisse nicht immer gut vergleichbar sind. Eine ähnliche Entwicklung fand auf der Laienebene statt. Während das Wort «Mobbing» vor 20 Jahren noch gar nicht bekannt war, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Schulsituationen, hat es in den letzten 15 Jahren einen festen Platz im deutschen Vokabular gefunden. Auch hier ist ein negativer Aspekt zu verzeichnen – in der Entwicklung lässt sich eine Verschiebung zu einem ungenauen und inflationären Gebrauch feststellen: Während früher viele Kinder gemobbt wurden, ohne dass man dies je so bezeichnet hat, werden heute auch Konflikte oder aggressive Auseinandersetzungen zu oft und zu schnell als Mobbing bezeichnet. Durch den vermehrten und ungenauen Gebrauch des Begriffs ist eine gewisse Verwirrung darüber entstanden, was Mobbing tatsächlich ist – und was nicht.
Ich plädiere in diesem Buch für einen sorgfältigen Umgang mit dem Begriff Mobbing und gleichzeitig für einen wachsamen Blick für Mobbing-Situationen, die noch viel zu häufig nicht als solche erkannt werden.
Das Buch ist so gestaltet, dass es sich für den Einsatz in der Praxis eignet. Besonders der zweite Teil dient als konkrete Unterlage für die Arbeit gegen Mobbing. Lehrpersonen, andere Fachpersonen und Eltern sollten nach der Lektüre des Buchs imstande sein, Mobbing-Prävention in ihren Alltag zu integrieren.
Im Buch «Quälgeister und ihre Opfer» forderte ich die Leser auf, Mut zu zeigen: «Es braucht Mut zu erkennen, dass Wegschauen auch Gewalt ist. Es braucht noch mehr Mut, sich zu entscheiden, hinzuschauen und zu handeln. Unsere Gesellschaft braucht mutige Kinder, die morgen mutige Erwachsene sein werden; dazu müssen die Erwachsenen von heute den Mut aufbringen, den Kindern diesen Weg zu weisen und sie auf ihm zu begleiten.» Diese Aufforderung will ich in diesem Buch wieder aufnehmen. Ich werde den Lesern zeigen, dass Früherkennung und -bekämpfung den Mobbing-Prozess effektiv durchbrechen können.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lehrpersonen und Schulleitungen bedanken, die mir und meinen Mitarbeitern im Laufe der letzten 20 Jahre Zugang zu ihren Klassen gewährt haben. Ich bedanke mich bei den Eltern, die uns erlaubten, ihre Kinder zu befragen, und auch selber die Geduld hatten, alle unsere Fragen zu beantworten. Mein Dank geht außerdem an alle Kinder und Jugendlichen, die unsere Fragen beantwortet haben und mit großem Ernst an unseren Tests teilnahmen. Ein weiterer Dank geht an die Lehrpersonen, die uns im Laufe von Weiterbildungen Einsicht in ihren Schulalltag, ihre Überlegungen und Lösungsvorschläge gestatteten. Alle Fallbeispiele sind authentische Mobbing-Fälle; einzig die Namen wurden geändert.
Mein Dank geht auch an Christine Haller und Dietlinde Bohlen, die mich sowohl redaktionell als auch mit konstruktiven Kommentaren unterstützt haben. Marianne Kauer hat mir erlaubt, die Zeichnungen zu verwenden, die sie in verschiedenen Zusammenhängen für unsere Arbeit in der Mobbing-Prävention erstellt hat. Dafür möchte ich mich auch ganz besonders bedanken. Ich bedanke mich weiter bei allen, die im Team der Alsaker-Gruppe für Prävention mitgearbeitet haben und heute noch Impulsveranstaltungen, Elternabende und Weiterbildungen gestalten. Ganz besonders möchte ich Stefan Valkanover nennen, der das Programm Be-Prox mit mir entwickelt hat. Schließlich möchte ich August Flammer danken, der mich 1992 ermunterte, Mobbing in der Schweiz zu thematisieren, und mich in allen meinen Forschungsvorhaben und praxisbezogenen Unternehmungen unterstützt hat. August Flammer hat eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Kandersteg-Deklaration gegen Mobbing gespielt und hält diese seit 2007 am Leben.
In diesem Buch treffen Forschung und Praxis aufeinander. Im Zentrum stehen sowohl das Wissen über Mobbing als auch die Handlungsmöglichkeiten gegen Mobbing im Kindergarten und in der Schule. Aus schweizerischen und internationalen Forschungsprojekten lässt sich heute viel praxisrelevantes Wissen herleiten, und Evaluationen von Präventionsprogrammen aus unterschiedlichsten Ländern liefern uns wichtige Informationen, was «gute Praxis» ausmacht. Dazu sollen anschauliche Beispiele aus dem Schulalltag Wissen und Praxis illustrieren und verdeutlichen.
Um Mobbing effizient vorbeugen oder gegebenenfalls gegen Mobbing intervenieren zu können, sollte man typische Merkmale kennen, die zur Entstehung und besonders zur Aufrechterhaltung von Mobbing beitragen. Welche Merkmale gibt es? Wie kann man sie beeinflussen? Das Aneignen von Grundwissen über und die Sensibilisierung für Mobbing bilden deshalb den allerersten Schritt in der Prävention und werden im ersten Teil dieses Buchs diskutiert. Sie erfahren, was Mobbing ist – und was nicht. Sie lesen über die vielen Erscheinungsformen von Mobbing und über die wiederkehrenden Merkmale von Mobbing-Handlungen. Nach der Lektüre der ersten drei Kapitel sollten Sie in der Lage sein zu beurteilen, ob das, was Sie beobachten, oder das, was Ihnen berichtet wird, Mobbing sein könnte – oder eben nicht. In den folgenden Kapiteln erfahren Sie, wie viele Kinder von Mobbing betroffen sind. Sie lernen die verschiedenen Rollen kennen, welche Kinder und Erwachsene in Mobbing-Prozessen, auch unfreiwillig, übernehmen können, und erfahren, wie Mobbing entstehen kann und wie es aufrechterhalten wird. Dabei gehe ich sowohl auf Verletzbarkeiten der einzelnen Kinder ein als auch auf die sozialen Bedingungen, die für die Entstehung von Mobbing nötig sind. Wichtig ist mir dabei, Handlungen und Prozesse aufzuzeigen, die für die Früherkennung von Mobbing und auch für das Vorgehen gegen Mobbing relevant sind. Zum Schluss wird aufgezeigt, welche Konsequenzen Mobbing für die Opfer, für die Mobber und auch für andere Schüler hat.
Der zweite Teil des Buchs ist dem heutigen Wissensstand zur Prävention von und zur Intervention gegen Mobbing gewidmet. Das Berner Programm gegen Mobbing in Kindergarten und Schule – Be-Prox – wird detailliert dargestellt und bereits erprobte Umsetzungsvorschläge werden als Beispiele eingesetzt. Es sollte ersichtlich werden, dass der Umgang mit Mobbing keine Zauberkunst ist, aber dass es vielleicht eine kleine Portion Mut braucht, um beispielsweise eigene Vorstellungen zu überdenken, Handlungsmuster zu ändern und miteinander über unangenehme Themen zu reden.
Mobbing hat sehr viele Gesichter – so viele, dass es verwirrend werden kann. Ist das wiederkehrende Kneifen eines Mitschülers oder einer Mitschülerin Mobbing, oder muss es Schläge gegeben haben? Sind Hänseleien und böse Blicke oder Gerüchte hinreichend, um von Mobbing sprechen zu können? Wie ist es, wenn ein Kind nicht mitspielen darf? All das könnte Mobbing sein. Es könnte aber auch Teil von Auseinandersetzungen sein, die nichts mit Mobbing zu tun haben. Mobbing-Handlungen können grob und offensichtlich, sie können aber auch subtil und versteckt sein. Mobbing kann nicht aufgrund einzelner Handlungen erkannt werden. Bei Mobbing handelt es sich um Macht und Schwäche, um Drohen und Schweigen, um Ausschluss und Einsamkeit, um Manipulation und Hilflosigkeit. Es braucht eine gewisse Vorkenntnis, einen wachsamen Blick und den Willen hinzuschauen, um es früh zu erkennen, so früh, dass es gar nicht erst Fuß fassen kann.
Eines ist sicher: Mobbing ist ein aggressives Verhalten und eindeutig als Gewaltform zu bezeichnen. Nur ist nicht jede aggressive, negative oder verletzende Handlung gleich Mobbing. Wenn ein Kind ein anderes Kind schlägt oder tritt, und dies vielleicht auch mehrfach, ist das eine aggressive Handlung, da es einen Angreifer und ein Opfer gibt. Es ist aber noch kein Mobbing. Wenn eine Jugendliche wiederholt beleidigend gegenüber Mitschülern auftritt, kann man auch sagen, dass es sich um aggressives und verletzendes Verhalten handelt. Die Jugendliche hat eindeutig ein soziales Problem, das für viele störend ist. Es ist aber kein Mobbing.
Wenn aber die negativen Handlungen – ob nun körperliche, verbale oder subtilere Angriffe – immer wieder dasselbe Kind treffen, und wenn gleichzeitig andere Kinder die Angreifer in ihren Handlungen unterstützen, dann können wir von Mobbing sprechen. Dazu folgendes Beispiel (Katia/Eva):
Eine sechste Klasse. Eva ist seit Anfang des Schuljahres neu in der Klasse. Es ist jetzt bereits Oktober. Eva hat bis zu den Herbstferien nichts Negatives erlebt. Katia äußert sich sehr häufig negativ gegenüber ihren Mitschülerinnen. Sie ist deshalb auch nicht sehr beliebt und wird eher gefürchtet. Seit kurzem empfindet sie Eva als eine mögliche Konkurrentin, vielleicht weil Eva bereits eine Freundin gefunden hat, was Katia nicht wirklich gelungen ist. Sie sieht in ihr auch eine ungefährliche Zielscheibe für ihre Angriffe. Denn Eva hat, außer der einen ganz neuen Freundin, noch keine richtigen Verbündeten. Zudem sind Eva und ihre Freundin ruhige Mädchen. Katia spricht sich mit zwei Mädchen in der Klasse ab und erzählt ihnen, Eva würde Gerüchte über sie verbreiten und ohnehin nicht in die Klasse passen. Jetzt richtet Katia ihre verbalen Angriffe vor allem auf Eva. Die zwei anderen Mädchen stehen ihr bei, nicken und lachen und sind so vorübergehend auf der sicheren Seite. Sie werden nicht mehr von Katia angegriffen. Sie verbreiten selber Gerüchte über Eva, und jetzt werden andere auch unsicher: Wer ist diese Eva eigentlich? Was hat sie denn gegen die Klasse? Aus dieser vermeintlichen Unsicherheit entstehen eine negative Einstellung gegenüber Eva und gleichzeitig ein neues Gruppengefühl. Von nun an hat Eva keine Ruhe mehr. Sie wird ausgelacht, beschimpft, man rollt die Augen, wenn sie etwas sagt. Eine Mobbing-Situation ist entstanden.
In diesem einfachen Fallbeispiel sind bereits sehr viele Merkmale von Mobbing enthalten, auf die ich nach und nach eingehen werde. Die vier ersten grundlegenden Merkmale sind im folgenden Kasten zusammengefasst und werden im nachfolgenden Text vertieft:
Das Wort Aggression wird in gewissen Zusammenhängen positiv gebraucht; dabei wird der Begriff oft mit Kampfgeist verwechselt. Im Sport ist eine kämpferische Einstellung positiv – aggressives Verhalten jedoch nicht. Doch kann aggressives Verhalten auch gut sein? Jedes Verhalten muss in seinem Kontext gesehen werden und deshalb ist eine Diskussion darüber, ob Aggression an sich gut oder schlecht ist, fruchtlos. Tremblay und Nagin (2005) sehen in Aggression ein Verhalten, das in einer frühen Phase in der Evolution des Menschen eine klare Funktion hatte: das Sichern von Ressourcen und des eigenen Überlebens. Allerdings haben Menschen im Laufe der Zeit auch andere Strategien entwickelt, die diesen Zweck erfüllen sollten: Zusammenarbeit und Konfliktlösungsstrategien, die nichts mit Aggression zu tun haben. Tremblay und Nagin vertreten weiter die Meinung, dass ein gewisses aggressives Potential in uns angelegt ist und dass Kinder dieses Verhalten gar nicht erst lernen müssen, sondern eher durch die Sozialisation «verlernen» sollten. Und dies unter anderem, um unserer eigenen Art nicht zu schaden. Das ist für die Prävention von aggressivem Verhalten und Mobbing äußerst wichtig. Es ist die Verantwortung aller Erziehenden, Kindern einen angemessenen, nichtaggressiven Umgang miteinander beizubringen und ihre aggressiven Handlungen nicht zu verstärken.
Es gibt auch Diskussionen darüber, ob man eine Handlung erst dann als aggressiv bezeichnen darf, wenn die Absicht einer Schädigung vorliegt. Dies scheinen Kinder früh zu lernen – Sie selbst haben bestimmt schon oft von einem Kind, das ein anderes Kind gerade geschlagen hat, gehört: «Das war aber nicht meine Absicht». Natürlich ist die Absicht zu schädigen in der Praxis nicht immer so deutlich und präsent. Dazu ein Beispiel: Im Laufe eines Streits beleidigt eine Jugendliche ihre Freundin. Die Äußerung war nicht gut überlegt und es war nicht ihre volle Absicht, der Freundin dermaßen weh zu tun. Aber sie weiß, dass eine solche Handlung extrem verletzend ist. Und sie hätte sie auch unterlassen können. Wenn ich im Folgenden den Begriff Aggression verwende, meine ich damit Handlungen, die zur körperlichen oder psychischen Verletzung einer anderen Person führen und die mit dem Wissen um ihre schädigende Wirkung ausgeführt werden.
Sicher kann man fragen, ob es jüngeren Kindern immer bewusst ist, was sie anstellen. Oft handeln sie, bevor sie überlegt haben. Es ist jedoch klar, dass sie aus Erfahrung wissen, dass gewisse Handlungen sehr unangenehm sind und oft weh tun. Wir könnten diese Handlungen aus der Wahrnehmung eines Beobachters und der Betroffenen einfach «negativ und verletzend» nennen. Es ist in der Praxis wichtig, den Begriff Aggression weder zu sehr einzuschränken noch auszudehnen und sich als Erziehende eine klare Meinung zu bilden, was man als aggressiv und unangemessen betrachtet. Die schafft eigene Sicherheit im Umgang mit schwierigen Situationen. Für die Mobbing-Prävention ist diese Sicherheit zentral, denn mobbende Kinder wissen jede Unsicherheit der Erwachsenen voll auszunutzen.
Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass aggressives Verhalten – Mobbing eingeschlossen – ein bewusstes Verhalten ist. In einer Studie, in der Schüler und Lehrpersonen sich zu Definitionen von Mobbing äußern sollten, gaben lediglich 4% der Schüler und 25% der Lehrpersonen an, dass Mobber ihre negativen Handlungen mit Absicht durchführten (Naylor, Cowie, Cossin, de Bettencourt, Lemme, 2006). Die Frage war offen gestellt – gut möglich, dass dies nicht der wichtigste Aspekt für die Befragten war. Trotzdem zeigt dieses Ergebnis, dass man diesen Aspekt in Gesprächen mit Schülern betonen muss (siehe Kap. 11).
Im Fallbeispiel Katia/Eva kam es nicht zu Handgreiflichkeiten. Jedoch ist es klar, dass das Verhalten von Katia und ihren Verbündeten als aggressiv bezeichnet werden muss. Bei Katia liegt eine klare Absicht der Rufschädigung und der sozialen Ausgrenzung von Eva vor. Bei ihren Verbündeten ist das Wissen um die Verletzungen, die sie Eva zufügen, vorhanden. Dies zeigt, dass aggressives Verhalten sehr viele Formen annehmen kann. Auf die Erscheinungsformen von aggressivem Verhalten und von Mobbing kommen wir im nächsten Kapitel zurück.
Systematik gehört zu den Kernmerkmalen von Mobbing. Es ist kein Zufall, wenn dieselbe Schülerin immer wieder Zielscheibe von aggressiven Handlungen ihrer Mitschüler ist. Sie war möglicherweise zufällig da, als ein anderes Kind sich ein Opfer suchte; aber danach lässt das mobbende Kind sie nicht mehr los und sucht auch nicht unmittelbar nach weiteren Opfern. Die Kinder spüren das. Niemand möchte in diese Rolle kommen, und solange ein bestimmtes Kind in der Rolle ist, gibt es den anderen einen Anschein von Sicherheit. Dies ist möglicherweise ein Grund, weshalb nur wenige Kinder sich für Mobbing-Opfer einsetzen (Kapitel 5).
Diese Systematik unterscheidet Mobbing von Situationen, in denen ein Kind ein klares Aggressionsproblem hat. Die beiden Situationen sind in Abbildung 1-1 illustriert.
Abbildung 1-1: Zwei Klassen mit zwei unterschiedlichen Aggressionsproblemen (angepasst aus Alsaker, 2003)
In der einen Klasse gibt es ein klassisches Gewaltproblem: Rita hat wenig Selbstkontrolle und dazu ein hohes aggressives Potential. Ein Kind wie Rita behandelt mehr oder weniger alle aggressiv, die ihm im Weg stehen. Es braucht wenig, damit es ausrastet. Obwohl aggressives Verhalten an sich, verglichen mit positiven und neutralen Handlungen, relativ selten vorkommt, können einige Kinder und Jugendliche für ein hohes Ausmaß an aggressivem Verhalten in der Klasse sorgen. Eine amerikanische Forschergruppe um Cairns (1994) beobachtete hoch aggressive Jugendliche in ihren Klassen und berichtete, dass diese bis zu acht aggressive Episoden pro Stunde produzierten.
Solche Situationen sind für Lehrpersonen oft eine Herausforderung. Ständige Zwischenfälle unterbrechen die Arbeitsruhe und der Handlungsbedarf ist offensichtlich. In diesem Fall ist es angebracht, die Verhaltensprobleme einzelner Schüler anzugehen, um ihnen andere Verhaltensalternativen zu geben und Mitschüler zu schützen.
In der anderen Klasse ist die Situation, von einer Außenperspektive betrachtet, womöglich viel ruhiger. Die Situation entspricht in etwa dem Fallbeispiel Katia/Eva. Keiner meldet sich und beklagt sich über Angriffe von einem bestimmten Schüler. Die Angriffe richten sich nur noch gegen ein einzelnes Kind: Nur Eva wird immer wieder gehänselt, geschubst, ausgestoßen. In diesem Fall gibt es drei Verbündete, die bereits seit langer Zeit zusammenhalten. Sie gewinnen mit der Zeit andere Kinder, die gelegentlich mitmachen und Eva das Leben schwer machen. Ein Kind wird selber von Katia aggressiv behandelt, macht dann auch mit und schützt sich so selber eine kurze Zeit vor weiteren Angriffen. Andere Kinder sind nicht direkt beteiligt. Für Eva ist die Situation bereits nach kurzer Zeit unerträglich.
Unser Fallbeispiel zeigt, wie das Handeln einer oder zweier Schülerinnen sich allmählich zu einem Gruppengeschehen entwickeln kann. Es gibt zwar immer noch eine Hauptperson – Katia. Aber rasch haben wir es mit einer mobbenden Gruppe zu tun, die nicht immer aus den gleichen Mitgliedern besteht. Einmal machen zwei Schülerinnen mit und ein anderes Mal sind es drei Schüler. Ab und zu machen diese Mitläufer direkt mit, andere Male stehen sie nur Wache und sehen dabei sehr unschuldig aus. Dazu kommt, dass viele Gerüchte im Umlauf sind, und da wird es schwierig zu sagen, ob jemand mitgemacht hat oder nicht. Durch die Mitwirkung verschiedener Schüler ist es schwieriger geworden, in die Situation einzugreifen und sie zu verbessern. Diese Situation zu ändern, erfordert eindeutig andere Maßnahmen als im Fall von Rita.
Es hätte durchaus sein können, dass Katia keine Verbündeten gefunden hätte. Dies wäre eventuell der Fall, wenn die Mädchen in der Klasse sonst gut zusammenhalten würden, keine besondere Furcht vor Katia hätten und auch allgemein sozial positiv eingestellt wären. In diesem Fall hätte Katia Eva eine Weile mit ihren Beleidigungen verfolgt und auch sonst schlecht behandelt, aber Eva hätte es mithilfe der anderen Mädchen in der Klasse überstanden. Außerdem wäre es für Katia nicht lange interessant gewesen weiterzumachen. Sie hätte ihre Stellung in der Klasse dadurch nicht gestärkt und bald die Hände von Eva gelassen. Es wäre nie zu einer Mobbing-Situation gekommen. Eine Weile wäre die Situation in etwa wie bei Rita gewesen. Anhand der beiden Beispiele wird deutlich, dass die Verbündeten für das Entstehen von Mobbing zentral sind; Mobbing ist eine Gewaltform, die in einer Gruppe entsteht, von der Gruppe aufrechterhalten und auch vertuscht wird. Dies macht es schwierig, Mobbing zu erkennen und zu handhaben.
Hätten Katias Sprüche und andere negative Handlungen nur einige Tage gedauert, wäre die Situation für Eva in diesen Tagen zwar sehr unangenehm, jedoch erträglich gewesen. Es hätte zu den kurzfristigen schlechten Situationen gehört, die in jeder Gruppe vorkommen können, besonders wenn Menschen mit einem höheren aggressiven Potential dazugehören. Wenn diese Situation aber andauert, wird sie für die betroffene Person bald sehr schwierig. Die Wiederholung der negativen Handlungen über längere Zeitperioden ist eines der Hauptmerkmale von Mobbing.
Das ausgewählte Opfer wird sozusagen zur Geisel der Gruppe. Immer, wenn die Mobbergruppe sich dafür entscheidet, wird das Opfer negativen Handlungen ausgesetzt. Die gelegentlichen Mitläufer lassen auch ständig wieder Sprüche fallen, schubsen, wenn es passt. Die anderen werfen vielleicht mitleidige oder missbilligende Blicke auf das Opfer. Eines ist klar: Das Opfer steht unter Dauerbeschuss.
Verheerend am Mobbing ist neben der Wiederholung, dass sich diese Handlungs- und Beziehungsmuster über Jahre hinziehen können, wenn nicht rechtzeitig gehandelt wird. Dazu ein Beispiel:
Jean-Jacques ist in der neunten Klasse eindeutig das Opfer einer größeren Gruppe von Mitschülern. Egal was er tut, er wird beleidigt, beschimpft, ausgelacht. In der Klasse wird ihm laut nachgerufen. Er wird soweit provoziert, dass es in der nächsten Pause gleich zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Die Situation ist in der neunten Klasse eskaliert, aber sie ist nicht neu. Eine Mitschülerin erklärt, so sei es bereits seit dem Kindergarten gewesen. Als Jean-Jacques einmal die Schule wechselte, hieß es in der neuen Klasse – bereits vor seinem Eintritt in die Klasse – bald käme so ein «Dummkopf» (schweizer-dt. Dubbel) zu ihnen. Er hatte keine Chance. (Aus dem Videofilm: «Mobbing ist kein Kinderspiel»)
Im Mobbing streiten die Beteiligten nicht um eine Sache, wie es in Konflikten der Fall ist: Mobbing ist eine reine Machtdemonstration. Mobber wollen dabei sicher nicht ertappt werden. Sie wollen Erfolg, aber keine Strafe. Der Erfolg ist bereits dadurch vorprogrammiert, dass die Mobber in der Zahl ihren Opfern überlegen sind. Ein weiterer Vorteil ihrer Überzahl liegt darin, dass die Mobber, werden sie ertappt, einander in ihren Aussagen immer unterstützen. Das Fallbeispiel Katia/Eva zeigt auf, wie sich aus einer persönlichen feindlichen Einstellung von Katia gegenüber Eva eine Gruppeneinstellung entwickeln konnte. Eva hat nicht nur eine Angreiferin, sondern gleich mehrere. Es werden Gerüchte verbreitet und sie weiß nicht mehr, wie viele gegen sie agieren. Das Machtgefälle wächst mit jeder Schülerin und jedem Schüler, die dem Mobbing-Bündnis beitreten. Auch wenn nicht so viele der Mitschüler mitmachen würden, ist ein eindeutiges Ungleichgewicht zu beobachten. Katia demonstriert Macht und diese wächst kontinuierlich. Sollte Eva versuchen, sich zur Wehr zu setzen, halten die Angreifer noch mehr zusammen. Eva ist zunehmend macht- und wehrlos.
Das eindeutige Ungleichgewicht zwischen Mobber und Opfer ist ein zentrales Merkmal von Mobbing. Es gehört auch zu den Kriterien, die Mobbing von Konflikten unterscheiden. In Konflikten sind die Streitenden einigermaßen gleich stark und mindestens gleichberechtigt. Kinder hänseln einander, streiten miteinander – manchmal sehr viel –, und es mag auch körperliche Ausmaße annehmen. Sind die Kinder etwa gleich stark, reden wir von Konflikten. Konflikte gehören zum Alltag und zur sozialen und emotionalen Entwicklung. Kinder lernen mit Konflikten umzugehen, sie zu lösen, sich durchzusetzen oder auch nachzugeben. Sie erkennen außerdem, wie weit sie gehen können, und sie lernen, sich zur Wehr zu setzen. Mobbing bietet keine solche Möglichkeit. Das Opfer des Mobbing-Angriffs hat keine Chance gegenüber den anderen. Somit lernt es meistens nur nachzugeben.
Wenn Kinder einen Konflikt haben, streiten sie «um etwas». Entweder möchten zwei Kinder das Gleiche und streiten darüber, wer den begehrten Gegenstand haben soll, oder sie streiten, weil sie sich nicht einig sind, was sie spielen sollen, wohin sie gehen wollen, wie Spielregeln sein sollen etc. Konflikte haben meistens einen konkreten Inhalt. Das Gleiche gilt bei Erwachsenen. Im Fall von Mobbing gibt es keinen Konfliktstoff. Im Mobbing demonstrieren Mobber ihre Machtbedürfnisse, indem sie jemanden angreifen und verletzen.
In Konflikten tragen beide Parteien zum Konflikt bei, auch wenn die eine Seite angefangen hat. Konflikte sind selten mit Aggression verbunden (Shantz, 1987). Konfliktsituationen können allerdings auch ausarten, beispielsweise wenn keine der beiden Parteien kompromisswillig ist, wenn die persönlichen Grenzen nicht respektiert werden, wenn Missverständnisse entstehen. Dazu kann es vor allem dann kommen, wenn die Konfliktparteien die Situation verzerrt wahrnehmen. Zu häufige Konflikte, Konflikte, die zu oft ausarten, Konflikte, die von Ungleichgewicht geprägt werden, weil immer dieselbe Partei nachgibt, sind nicht mehr entwicklungsfördernd. Und solche Konflikte können auch die Grundlage für eine Mobbing-Situation bilden, wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind.
Es gibt Kinder und Erwachsene, die leicht in Konfliktsituationen geraten, und es gibt solche, die Konflikte vermeiden. Beide Verhaltensweisen können in einer Mobbing-Situation zu Ungunsten des Opfers missbraucht werden. Die einen lassen sich womöglich leicht provozieren, und jede Provokation kann eine schwere Konfliktsituation auslösen. Für Außenstehende ist die Situation schwer durchschaubar, wenn Mobber ihr Opfer zuerst provozieren und danach ihre Angriffe als «normale Abwehr» vertuschen. Die extreme Vermeidung von Konflikten wiederum führt dazu, dass Kinder sich schnell zurückziehen. Dadurch werden sie von Mobbern als leichte Zielscheiben wahrgenommen, die lieber schnell nachgeben, als sich zur Wehr zu setzen.
Es ist sehr wichtig, dass man Mobbing nicht als Konflikt bezeichnet. In einem Konflikt sollten beide Parteien zur Lösung des Konflikts beitragen, um daraus etwas Konstruktives zu lernen. In Mobbing-Situationen muss man dafür sorgen, dass Mobber und ihre Assistenten ihr Verhalten ändern. Mobbing wird von den Mobbern nicht selten als Konflikt vertuscht. Man täte aber dem Opfer sehr unrecht, wenn man es für die Mobbing-Situation zur Verantwortung ziehen oder sogar Kompromisswillen und Nachgiebigkeit verlangen würde.
Wenn Mobbing eine Machtdemonstration ist, liegt die Frage nahe, ob Mobbing nicht Teil von Dominanzritualen sein könnte, durch die eine Gruppe eine klare Rangordnung erhält. Solche Rangordnungen dienen meist dazu, aggressive Auseinandersetzungen in einer Gruppe zu verringern (Roseth, Pellegrini, Bohn, van Ryzin, Vance, 2007). Im Rahmen der sozialen Dominanztheorie kann man erwarten, dass aggressive Handlungen gebraucht werden, um die Hierarchie in einer Gruppe zu bilden. Wenn diese erstellt ist, können die Kinder besser einschätzen, wann sie in welchen Konfliktsituationen mit ihren Peers eher gewinnen oder eher verlieren. Dies führt dazu, dass die aggressiven Auseinandersetzungen abnehmen.
Warum aber sollten Kinder, die um Dominanz und Status ringen, Aggression gegen schwächere Mitschüler ausüben? Die Opfer sind in diesem Fall ja nicht diejenigen Kinder, die ihren dominanten Status in der Gruppe gefährden. Denn wie Smith und Boulton (1990) es formuliert haben, wird Dominanz nur erreicht, indem Peers von ungefähr gleicher Stärke herausgefordert werden, nicht indem Schwächere angegriffen werden. Des Weiteren würde man erwarten, dass die Aggressionen zurückgehen, wenn die Mobber ihren Status erreicht haben. Mobbing ist aber anhaltend, die Aggressionen gehen weiter, auch wenn das Opfer längst aufgegeben hat (Pepler, Craig, O’Connell, 1999). Deshalb darf Mobbing in keinem Fall einem Dominanzritual gleichgestellt oder mit der Sozialdominanztheorie erklärt werden.
Nur wenige Forscher haben sich mit Feindschaften unter Kindern beschäftigt. Für uns sind solche Feindschaften interessant, weil sie durch Abneigung und Antipathie gekennzeichnet sind und eventuell als ein Element von Mobbing erscheinen könnten. Während starke gegenseitige Abneigungen im Kindergartenalter bis jetzt nicht erforscht wurden, fanden Abecassis und ihre Kollegen (2002) heraus, dass ungefähr 9% bis 14% der Mädchen und 20% bis 25% der Jungen in einem Alter zwischen 10 und 14 Jahren solche gleichgeschlechtlichen Antipathien angaben. Gegengeschlechtliche Antipathien wurden von ungefähr 15% der Mädchen und Jungen berichtet. Feindschaften sind von starken negativen Einstellungen geprägt; Feinde sehen einander als eine Bedrohung. Gründe, die Kinder angeben, weshalb sie Peers nicht mögen, sind häufig mit aggressivem Verhalten verbunden. Plötzlich entstehende Antipathien können – wie im Katia/Eva- Fallbeispiel – der Beginn einer Mobbing-Spirale werden. Es hängt wiederum vom Charakter und Verhalten des Kindes ab, das eine starke Antipathie gegenüber einem anderen Kind entwickelt. Dass das Opfer mit der Zeit starke negative Gefühle gegenüber den Aggressoren empfindet, ist allerdings zu erwarten.
In diesem Zusammenhang muss auf die Rolle von verfeindeten Familien im Mobbing-Geschehen in der Schule verwiesen werden. Im Laufe der zahlreichen Veranstaltungen, die ich durchgeführt habe, bin ich sehr häufig mit der Information von Lehrpersonen konfrontiert worden, dass die Eltern der Mobber und diejenigen der Opfer verfeindet sind und die Mobber diese Feindseligkeiten in der Schule austragen. Was am Mittagstisch gesagt wird, ist für die Kinder eine wichtige Information, und sie halten diese Information unter Umständen für die Wahrheit.
Mobbing ist ein aggressives Verhalten, das in der Gruppe entsteht und von der Gruppe getragen wird.
Bei Mobbing geht es um Macht.
Soziale Handlungen sind miteinander verkettet. Eine Handlung beeinflusst die andere; sowohl positive als auch negative Zirkel entstehen schnell. Es gilt, die negativen Zirkel früh zu erkennen und zu unterbrechen.
Im Schulalltag oder auch in der Freizeitgruppe geschieht vieles, und es ist nicht immer einfach, die Übersicht über die einzelnen Beziehungen im Auge zu behalten. Denken Sie daran, dass ein Kind, das oft allein steht oder gelegentlich aggressiv behandelt wird, Opfer von Mobbing sein könnte.
Mobbing kann unzählige Formen annehmen. Alle Formen von aggressivem Verhalten können zu Mobbing-Zwecken verwendet werden: körperliche, verbale sowie nonverbale Formen, das Zerstören von Gegenständen etc. Auf diese Erscheinungsformen will ich in diesem Kapitel eingehen – sie ließen sich leicht erkennen, wenn man nur genau hinhören und hinschauen würde. Ich möchte dies allerdings in Verbindung mit einer zentralen Unterscheidung der Aggressionsformen in direkte und indirekte Vorgehensweisen tun. Denn diese Unterscheidung ist für die Erkennung von und den Umgang mit Mobbing sehr wichtig. Eine Übersicht dieser Unterteilung finden Sie in Abbildung 2-1. Zum Schluss gehe ich auf das sogenannte Cyber-Mobbing ein, d.h. den Gebrauch von elektronischen Medien zu Mobbing-Zwecken.
Unter direkten aggressiven Vorgehensweisen verstehen wir Handlungen, bei welchen es eine Konfrontation zwischen den Angreifern und ihrem Opfer gibt. Das heißt, Angreifer und Opfer sind einander gegenübergestellt; für das Opfer und für Zeugen ist klar, was passiert und wer wen angreift. Die Täterschaft ist offensichtlich. Diese Formen der Aggression werden deshalb auch «offene» Aggression genannt.
Typische direkte Formen der Aggression und somit auch des Mobbings kennen alle, und wir würden sie im Normalfall auch problemlos als solche erkennen. Diese Formen sind in Abbildung 2-1 aufgelistet.
Abbildung 2-1: Übersicht über Mobbingformen (Françoise Alsaker, 2011)
Darunter verstehen wir zuerst einmal alle Handlungen, die zu einer körperlichen Verletzung oder auch zu körperlichem Schmerz oder Unbehagen führen, ohne dass dabei notwendigerweise eine offensichtliche Verletzung festzustellen ist – wie beispielweise beim Kneifen. Diese Formen sind bei jüngeren Kindern am häufigsten. Mit dem Alter und der Kraft der Angreifer steigt die Verletzungsgefahr. Aber auch bei jüngeren Kindern kann es bereits zu lebensbedrohlichen Situationen kommen, wie etwa beim Schlagen mit Steinen oder zufällig gefundenen Gegenständen oder wenn ein Kind vom Bürgersteig auf die Straße gestoßen wird. Dazu kommen die vielen Zwischenfälle, bei denen ein Kind «nur geschubst» wird, sich dabei jedoch verletzt, oder wenn ein Kind vor den Angreifern wegrennt und dabei eine Gefahr übersieht – meistens im Verkehr. Es ist wichtig, bei solchen unklaren Unfallsituationen genauer hinzuschauen und sie im Auge zu behalten, da sie möglicherweise zu einem systematischen Gefüge von negativen Handlungen gehören.
Zu den eindeutig körperlichen Formen der Aggression gehören außerdem alle körperlichen Berührungen, die vom betroffenen Kind unerwünscht sind; wenn es beispielsweise gegen seinen Willen festgehalten, festgebunden, in einen leeren Raum oder einen Schrank gedrängt wird, um dann eingesperrt zu werden. Solche Handlungen würde jeder als Übergriff empfinden. Mit dem Alter der Schüler kommen sexuelle Belästigungen dazu.
Berichte von Schülern beinhalten zudem unzählige grobe Vorkommnisse, die vom Beschmutzen und vom Zwang zum Essen von Ekel erregenden Dingen bis zu groben Körperverletzungen reichen.
Alle bis jetzt aufgeführten Beispiele wecken emotionale Reaktionen, die jede verantwortliche Person zum Handeln auffordern. Erste Mobbing-Handlungen beinhalten allerdings selten solche Grobheiten – im Gegenteil: Grobe körperliche Gewalthandlungen treten häufig erst nach einem längeren Zeitraum mit weniger eindeutigen Vorkommnissen auf. Im folgenden Beispiel wird aufgezeigt, wie weit es kommen kann, wenn erste Anzeichen von Mobbing nicht ernst genommen werden. Der Schüler wurde bereits längere Zeit wiederholt ausgelacht, isoliert und auch körperlich gemobbt. Die Angriffe eskalierten bis zur gröbsten Gewalt.
Eric verdankt seine heutige Gesundheit einem wachsamen Lehrer. Herr S. war auf dem Weg nach Hause, als er eine Gruppe von Schülern an einem etwas abgelegenen Ort unweit der Schule entdeckte. Etwas gefiel ihm bei dieser Ansammlung nicht. Er entschied sich, hinzugehen, um zu sehen, was vor sich ging. Fünf Schüler umringten zwei weitere Schüler. Claudio saß auf Eric, der auf dem Boden lag, und war daran, diesen mit aller Kraft zu ersticken. Eric hatte bereits Atemnot. Die fünf Zuschauer waren wie erstarrt. Im Gespräch danach wirkten sie verwirrt. Sie verstanden nicht, weshalb sie nicht eingegriffen hatten. Es war nicht das erste Mal, dass sie Zuschauer grober Handlungen gegen Eric waren. Vor diesen Vorkommnissen hatte Eric bereits viele andere Attacken erleiden müssen. Es ist nicht sicher, was mit Eric passiert wäre, wenn Herr S. nicht eingegriffen hätte.
Solche Vorkommnisse kennen viele aus Medienberichten. Sie sind aufsehenerregend. Schnell wird nach Maßnahmen gegen Jugendgewalt gerufen. Dabei wäre es viel wichtiger, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu solchen Eskalationen kommt. Eine effiziente Maßnahme wäre, Mobbing bereits in seinen Anfängen zu stoppen – bevor die Situation dramatisch wird.
Viele Studien zeigen, dass Mobbing am häufigsten in Form von verbalen Angriffen vorkommt (Smith, Morita, Junger-Tas, Olweus, Catalano, Slee, 1999). An dieser Stelle geht es mir um die offensichtlichen verbalen Angriffe: das Nachrufen von groben, gemeinen Namen zusammen mit bösartigem Auslachen wird in vielen Studien als die häufigste Mobbing-Form genannt (z.B. Wang, Iannotti, Nansel, 2009). Weitere häufige Formen des verbalen Mobbings sind allgemein beleidigende Ausdrücke, Beschimpfen, Anschreien oder Bloßstellen (z.B. entmündigende Hilfen anbieten, entwürdigende Kritik anbringen, Herumerzählen von Schwächen; Krappmann, 1994). Anhand dieser kurzen Auflistung erkennt man bereits verschiedene Typen von verbalen Angriffen: Während lautes Anschreien Teil starker Auseinandersetzungen sein kann, haben entwürdigende Ausdrücke und Auslachen vor anderen einen gänzlich anderen Charakter. Es sind Angriffe auf die Würde der angegriffenen Person. Solche Angriffe können auch in Konflikten vorkommen, die bereits ausgeartet sind. Kommen sie aber häufig vor, bedeutet dies, dass die Situation eine andere Dimension hat: entweder sind die Kinder nicht mehr in der Lage, ihre Konflikte konstruktiv zu lösen, oder es handelt sich um Mobbing. In beiden Fällen ist das Eingreifen von Erwachsenen nötig.
Drohungen und Erpressung haben einen speziellen Stellenwert. Sie sind verbal, aber sie beinhalten häufig Anspielungen auf körperliche Handlungen. Wenn wir von Erpressung und Drohungen hören, stellen wir uns meistens ältere Schüler vor. Kindergartenlehrpersonen wissen aber, dass dies bei jüngeren Kindern durchaus auch vorkommt – nur nehmen wir diese Drohungen oft nicht als solche wahr. In der Form sind sie alle gleich: «Wenn du nicht tust, was ich von dir will, wird es schlimm für dich aussehen.»
Cecilie war gerade 5 Jahre alt, als sie sich in ihrer Kindergartengruppe die Position der Anführerin unter den Mädchen verschaffte, indem sie ihnen gezielt drohte, sie an einer gemeinsamen Aktivität nicht teilnehmen zu lassen, nicht mehr ihre Freundin sein zu wollen oder einer Freundin etwas Negatives über sie zu erzählen. Sie bestimmte auch, wer mit wem spielen durfte. Alle Mädchen fürchteten ihre Drohungen.
Vor einigen Jahren erregten Vorkommnisse in Zusammenhang mit Erpressungen und Drohungen an französischen Schulen große Aufmerksamkeit in den Medien. Man nannte das Vorgehen «le Racket». Meistens wurden Schüler unter Androhung körperlicher Gewalt dazu gezwungen, Geld oder wertvolle Gegenstände herzugeben oder zu einem späteren Zeitpunkt in die Schule mitzubringen. Dieses Vorgehen muss nicht unbedingt Mobbing sein, aber es ist eine Gewaltform, die in diesem Zusammenhang oft anzutreffen ist; zum Beispiel, wenn jüngere Schüler gezwungen werden, ihre mitgebrachten Sandwiches abzugeben.
Jan bat seine Mutter darum, ihm nur noch Brote «mit dem starken Camembert» mitzugeben. Die Mutter war etwas erstaunt, denn dieser Käse war nicht Jans Lieblingsessen. Es stellte sich heraus, dass Jan damit seine Erpresser ausgetrickst hatte. Sie mochten diese Brote auch nicht und ließen Jan nach einigen Erpressungsversuchen in Ruhe, als er behauptete, seine Mutter würde ihm nur solche Brote mitgeben wollen.
Gestohlen oder zerstört werden zum Beispiel Kleidungsstücke, Schulbücher, Stifte, aber auch Arbeiten, die ein Schüler oder eine Schülerin gemacht hat. Im Kindergarten wird eine Zeichnung zerrissen, in der Schule wird ein Strich durch die Mathematikaufgaben gezogen. Die Schuhe werden versteckt oder in einen Mülleimer gesteckt. Auf dem Weg von der Schule wird der Schulsack ausgeräumt, die Schulsachen werden verstreut oder landen gar in einer Pfütze.
Die letzten Beispiele wecken die Aufmerksamkeit der Erwachsenen – falls sie etwas mitbekommen. Aber meistens geschehen solche Gemeinheiten, wenn keine Erwachsenen in der Nähe sind. Die Mobber fangen auch hier mit weniger schlimmen Taten an; mit solchen, von denen sie wissen, dass Erwachsene darauf meist nicht stark reagieren. Einmal kommt das Kind ohne den schönen Kugelschreiber nach Hause, ein anderes Mal ist ein Schuh sehr verschmutzt oder der Radiergummi in mehrere Stücke zerschnitten. Diese «milderen» Vorkommnisse sind schwierig einzuordnen. Oft wird das Kind selber für den unordentlichen Umgang mit den Schulsachen oder den Kleidern beschuldigt. Meistens steckt auch kein Mobbing dahinter, aber eine Anhäufung solcher Ereignisse sollte Erwachsene – ob Eltern oder Lehrpersonen – aufhorchen lassen.
Der Gebrauch von negativen nonverbalen Ausdrucksformen wird oft zu den sogenannten indirekten Formen von Aggression gezählt, weil solche Angriffe oft subtil durchgeführt werden. Es gibt aber auch nonverbale Angriffe, die sehr direkt sind. Dazu gehören beispielweise obszöne Gesten, der offensichtliche Gebrauch von Gesten, die das Opfer nicht verstehen kann (abgemachte Zeichen, siehe das Fallbeispiel unten), das demonstrative Wegrutschen auf der Bank, wenn das Opfer sich neben einen setzt. Diese kurze Auflistung stammt aus verschiedenen Mobbing-Situationen und zeigt eine zentrale Besonderheit von Mobbing: Der Angriff auf die Würde des Opfers oder die Demonstration, dass das Opfer nicht dazugehört.
Christine sah, wie vier der Mädchen in der Klasse mit Gesten und Zeichen miteinander kommunizierten. Sie fragte eine Mitschülerin, was das zu bedeuten habe, und bekam zur Antwort, dass es sie nichts anginge. Angela, die Mobbing-Anführerin, hatte diese Zeichensprache entwickelt, und sie kommunizierte offensichtlich mit den anderen mithilfe dieser Zeichen, um Christines Ausgeschlossen-Sein in der Klasse zu verdeutlichen und sich über sie lustig zu machen. Christine erfuhr dies durch eine Mitschülerin, die Mitleid mit ihr hatte. (aus dem Film «Mobbing ist kein Kinderspiel», Namen geändert)
Diese offensichtlichen Mobbing-Formen bilden einen Übergang zu den indirekten Formen; sie sind zwar sichtbar und direkt, aber wecken in den seltensten Fällen die Aufmerksamkeit von Erwachsenen. Sollte das Opfer beispielsweise laut rufen, weil es provoziert wird, hört die Lehrperson nur diese Reaktion des Opfers und ist betreffend der auslösenden Geschehnisse ahnungslos. Oft wird das Opfer ermahnt, sich richtig zu benehmen.
Direkte Mobbing-Formen
können unzählige Ausdrucksformen annehmensind offensichtlich und die Täterschaft ist dem Opfer bekanntgeschehen meist außer Sicht der Erwachsenen.Viele der Handlungen, die direkt ausgeführt werden, können auch indirekt und verdeckt ausgeführt werden.
Indirekt bedeutet auf Mobbing und aggressive Handlungen generell bezogen, dass man über indirekte Wege ans Ziel kommt. Im Gegensatz zu den direkten Angriffsformen findet bei den indirekten Formen keine Konfrontation statt. Indirekte Formen haben dadurch für die Aggressoren den deutlichen Vorteil, dass unmittelbare Gegenangriffe vermieden werden können. Wenn es eine Konfrontation gibt, wird die aggressive Handlung so ausgeführt, dass nicht direkt nachvollziehbar ist, was wirklich geschah.
Bei den indirekten Formen von Mobbing geht es aus der Täterperspektive darum, unerkannt zu bleiben oder sich jederzeit aus der Rolle der Täterschaft herausziehen zu können, indem man beispielsweise den Anschein erweckt, dass gar keine Absicht bestand, jemanden zu verletzen. Oft werden solche Angriffe auch als «verdeckte» Formen der Aggression bezeichnet.
Der Unterschied zwischen den direkten und indirekten Formen des aggressiven Ausdrucks ist aber nicht immer deutlich. So kann ein für das Opfer wichtiger Gegenstand in seiner Gegenwart oder hinter seinem Rücken zerstört werden, sodass es nicht weiß, wer der Täter ist.
