Mutter bei die Fische - Marie Matisek - E-Book
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Beschreibung

Es geht rund auf Heisterhoog! Falk Thomsen, Strandkorbvermieter wider Willen, freut sich auf seine zweite Saison auf der schönen Nordseeinsel. Doch dann kommt seine Mutter zu Besuch. Sie will den ganzen Sommer bleiben. Schon bald bandelt sie heftig mit Piet vom Fischimbiss an. Da taucht unerwartet Falks verschollener Vater auf, der bisher nie etwas von seiner Familie wissen wollte. Nun will er Versöhnung. Falk flüchtet zwischen seine Strandkörbe. Und Zeit für seine große Liebe Gina hat er auch nicht mehr. Das Drama ist perfekt, und Falk wünscht sich, er wäre adoptiert worden.

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EPUB

Seitenzahl:0


Marie Matisek

Mutter

bei die Fische

Ein Küsten-Roman

List

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List ist ein Verlagder Ullstein Buchverlage GmbH

ISBN: 978-3-8437-0422-9

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden

© 2013 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin© by Marie MatisekeBook: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Meinen Eltern, denen ich unendlich viel verdanke

– unter anderem Heisterhoog

Prolog

Genüsslich vergrub Falk Thomsen die Zehen im Sand, der sich in der Mittagssonne so stark aufgeheizt hatte, dass die Haut an den Füßen zu prickeln begann. Falk liebte das Gefühl, er ließ sich ganz in den feinen weißen Sand fallen und schloss die Augen. Hinter seinen Lidern glühte es rot von der Sonne, die auf ihn herunterbrannte. Lange würde er es nicht aushalten, aber im Moment gefiel es ihm, dass sein Körper sich anfühlte wie ein Brötchen im Backofen.

Falk machte eine Pause von seiner harten Arbeit. Er war gerade dabei, die erste Sandburg seines Erwachsenenlebens zu bauen. Den Wassergraben hatte er bereits ausgehoben und daneben einen ansehnlichen Schutzwall errichtet. Auf diesem hatte er mit dem pinkfarbenen Zinnenförmchen der Kinder die Mauer der Vorburg aufgebaut. Im Inneren erhob sich stolz die Thomsen-Feste: ein großer Haufen aus feuchtem Sand, der darauf wartete, durch Falks Hände zu Mauern, Erkern, Höfen und Türmen geformt zu werden.

Aber jetzt war erst mal eine Pause angesagt. Falk drehte sich zur Seite und warf einen Blick in Richtung Wasser, wo sich die Badenden tummelten. Irgendwo da vorne war Gina mit den Jungs. Falk würde gleich die beiden Minibademäntel bereitlegen, um die Zwillinge darin einzuwickeln und zu knuddeln, wenn sie aus der frischen Nordsee kämen, kleine bibbernde Wonneproppen. Vorne an der Wasserkante wuselten unzählige Mamis und Papis mit ihren Kindern herum, man hörte das babylonische Ermahnungswirrwarr bis hier hinten. Als von rechts ein orangefarbenes Sonnensegel angeflogen kam, dem eine verzweifelte Mittfünfzigerin folgte, wurde er jäh aus seinen Betrachtungen gerissen. Die mollige Frau hatte die Hände ausgestreckt und versuchte vergeblich, einen Zipfel der langen Stoffbahn zu erhaschen, aber immer wenn sie es mit den Fingerspitzen berührte, wurde das Segel von einem Windstoß ergriffen und flog weiter davon. Die beklagenswerte Verfolgerin hatte nur Augen für das Segel und bemerkte dadurch nicht, dass sie auf die straff gespannte Schnur einer Strandmuschel zulief. Falk sprang auf und wollte die Frau warnen, aber sein Ruf kam zu spät, und so flog die Geplagte in hohem Bogen bäuchlings in den Sand. Der Besitzer der Strandmuschel kam sofort aus der grellfarbenen Nylonhöhle geschossen und zeigte der Frau einen Vogel. Dann kümmerte er sich hingebungsvoll um den Hering, den die Frau bei ihrem Sturz herausgerissen hatte, anstatt ihr aufzuhelfen.

Falk hatte Mitleid mit der geplagten Dame und hechtete dem Sonnensegel hinterher, das in Armesbreite an ihm vorbeiflog. Er konnte es einfangen und kehrte zu der Frau zurück, die sich mittlerweile erhoben hatte und sich kleinlaut beim Strandmuschelbesitzer entschuldigte. Als Falk ihr das Sonnensegel übergab, bedankte sie sich überschwänglich und eilte dann sofort zu ihrem Liegeplatz zurück. Falk blickte ihr nach. Sie wurde bereits von ihrem Ehemann erwartet, der die Alustangen für das Segel ineinandergesteckt und samt der Schnüre und der Heringe in der exakten späteren Standposition des Segels auf dem Sand ausgebreitet hatte. Er empfing seine Frau mit Vorwürfen. Einige Fetzen seiner Beschimpfungen – »wie kann man sich nur so blöd anstellen«, »dusselige Kuh« – drangen bis an Falks Ohr. Falk schüttelte den Kopf und ging die paar Schritte zu seinem Strandkorb zurück. Niemals würde er in diesem Ton mit seiner Liebsten reden, auch nicht nach fünfzig Jahren Ehe. Er war noch immer bis über beide Ohren in Gina verliebt, ja vielleicht noch mehr denn je, seit sie die Zwillinge geboren hatte. Falk kuschelte sich in den hellblauen Strandkorb mit der Nummer 105 und dem geschwungenen Schriftzug »Thomsens Strandkörbe« auf der Rückseite, als er sie kommen sah. Louis war natürlich der Erste, er rannte, so schnell ihn seine kleinen Beinchen über den heißen Sand trugen, hatte die Arme ausgestreckt und schrie: »Papaaa!« Hinter ihm lief Lino, er hatte die Arme um seinen Oberkörper geschlungen und zitterte am ganzen Körper. Gina, ganz die stolze Mama, kam hinter den beiden und trug die Schwimmflügel, das Gummikrokodil, einen roten Eimer und zwei Schäufelchen. Falk stand auf, ging erwartungsvoll in die Hocke und breitete seine Arme weit aus, um Louis in Empfang zu nehmen. Aber dieser rannte einfach an ihm vorbei, ohne ihn nur eines Blickes zu würdigen, auf das DLRG-Häuschen zu, direkt in die Arme des Strandsheriffs Thies Hoop, der den kleinen Wicht hochhob und sich mit ihm einmal um die eigene Achse drehte. Louis jubelte laut, und nun beeilte sich Lino ebenfalls und rief: »Papa, will auch!« Der lang aufgeschossene Lucky-Luke-Verschnitt mit dem tiefschwarzen Outfit und der noch schwärzeren Zigarette im Mundwinkel setzte Louis ab, wirbelte nun den anderen Zwilling in die Luft und schloss dann Gina in seine Arme. Er ließ seine Hände über ihren schlanken Körper und den wohlgeformten Po gleiten und küsste Gina dabei lange und innig auf den Mund, bis …

Mit einem erstickten Schrei wachte Falk auf. Er war schweißgebadet und musste sich erst einmal in der Schwärze der Nacht orientieren. Was für ein Alptraum! Falk blinzelte und tastete mit seiner rechten Hand neben sich im Bett umher. Er fühlte das zerknautschte Laken, die warme Höhle der Bettdecke und schließlich Ginas Rücken darunter. Bedeckt von einem T-Shirt und gottlob ohne die tatschenden Hände von Thies Hoop darauf.

Erleichtert atmete Falk durch. Er lauschte auf Ginas leises Schnarchen und schlug die Bettdecke zurück. Es war kalt in der Kate, trotzdem stand er auf und ging barfuß zum Fenster. Es war März, und sie hatten noch einmal einen Wintereinbruch auf Heisterhoog, so kurz vor Ostern. Fasziniert beobachtete Falk durch die Butzenscheiben, wie dicke Schneeflocken leise und dicht vom Himmel fielen. Sie blieben auf den Sanddünen liegen und ließen diese wie eine Landschaft aus Zuckerbaisers aussehen. Falk lächelte. Zum Glück hatte er nur geträumt. Er drehte sich zum Bett und betrachtete verliebt Ginas Gestalt: zusammengekuschelt und bis über die Ohren zugedeckt. Ob er wohl jemals mit dieser Frau Kinder haben würde?

1.

Konzentriert beobachtete Falk den Dirigenten, bevor er gemeinsam mit den anderen Tenören zum Refrain ansetzte. »Ein Schiff wird kommen« erklang machtvoll, und nach den zarten hohen Stimmen der Damen, die allesamt gesungen hatten, sie seien Mädchen aus Piräus, legten sich die Tenöre so richtig ins Zeug, bis die Wände des kleinen Pfarrhauses wackelten. Natürlich war der Text dieses Liedes vollkommen schwachsinnig, aber Falk Thomsen sang jeden zweiten Samstagabend mit Inbrunst im Shantychor von Heisterhoog, der von Bürgermeister Jörn Krümmel leidenschaftlich und mit harter Hand geleitet wurde.

An den Winterabenden oder jetzt, im März, bildete die wöchentliche Chorprobe oft das Highlight der gesamten Woche. Denn ein Strandkorbvermieter wie Falk Thomsen hatte nur dann so richtig Arbeit, wenn die Strandkörbe auch gebraucht wurden. Also in der Hauptsaison, und die begann erst an Pfingsten. Und gerade deswegen waren der Herbst und der Winter auf der kleinen Nordseeinsel so ganz nach Falks Geschmack gewesen. Er hatte nämlich einfach das getan, was er am liebsten tat, und das war: nichts. Ein bisschen untertrieben vielleicht, aber in den Augen seiner gut beschäftigten Freundin Gina war das kleine bisschen Beschäftigung, mit dem Falk sich die Zeit vertrieb, nicht der Rede wert.

»Und? Was hast du heute so gemacht?«, fragte Gina ihn bei ihren abendlichen Telefonaten.

»Öh … Ich war in der Halle, mit Nille. Wir haben ein paar Auszugsschienen der Fußteile entrosten müssen und …«

Gina seufzte. »Also auf gut Deutsch: nichts.«

Falk wusste daraufhin selten etwas Sinnvolles zu erwidern, was nicht sofort in einen Streit münden würde, also zog er es jedes Mal vor, nicht zu widersprechen, und fragte freundlich nach Ginas Tagesgeschäft. Daraufhin begann seine reizende Freundin aufzuzählen, womit sie sich den lieben langen Tag herumgeschlagen hatte während der 12-Stunden-Plackerei im Architekturbüro. Welche Schikanen ihr Chef Gerd Jonkers sich heute wieder ausgedacht hatte, welche Sonderwünsche der extravagante Kunde geäußert hatte, wie blöd die Kollegen waren und dass all dieser Ärger schließlich dazu führte, dass Gina praktisch stündlich daran dachte, wie es wäre, einfach aufzuhören.

Falk schwieg immer dazu und ließ das Gewitter an sich vorbeiziehen. Er wusste, was er an Gina hatte. Wie schön es war, wenn sie zusammen waren, was leider höchstens einmal im Monat vorkam, denn die Strecke Heisterhoog–Berlin ließ sich dank Fähre und Bummelzug nicht unter sieben Stunden bewältigen. Falk hatte nicht das nötige Kleingeld, um öfter nach Berlin zu pendeln, und Gina hatte dank des anstrengenden Jobs keine Zeit. Also telefonierten sie jeden Abend miteinander. Gina rief ihn an, kaum dass sie das hippe Büro in Berlin-Kreuzberg verlassen hatte. Da lag Falk oftmals schon im Bett. Aber er wusste, dass die abendlichen Telefonate mit ihm wichtig für den Aggressionsabbau waren. Denn Gina, aufstrebende und ehrgeizige Architektin, litt seit langem darunter, dass sie es mit Ende zwanzig noch nicht zu einer Festanstellung gebracht hatte. Letzten Sommer war sie kurz davor gewesen, doch dann hatte sich – nicht zuletzt wegen Falk – alles zerschlagen. Das gleiche Architekturbüro Jonkers & Jonkers engagierte sie nun immer wieder, für Wettbewerbe oder besondere Aufträge als Teamverstärkung. Schlecht bezahlt und ausgenutzt. Gina ärgerte sich völlig zu Recht, am meisten aber ärgerte sie sich über sich selbst, weil sie sich nicht aus der künstlerischen Knechtschaft befreien konnte. Also ließ sie bei den fernmündlichen Gesprächen Berlin–Heisterhoog bei ihrem Freund Dampf ab und war am Ende des Telefonats wieder so besänftigt, dass sie den Kampf am nächsten Arbeitstag von neuem aufnehmen konnte.

Insgeheim befand Falk allerdings, dass er seine Funktion als Klagemauer selbst verschuldet hatte. Er hatte im vergangenen Sommer tatsächlich ein Millionengeschäft ausgeschlagen und es vorgezogen, sein Dasein als mittelloser Strandkorbvermieter zu fristen. Als Millionär hätte er Gina einfach einen Antrag gemacht, sie finanziell unterstützt und ihr so einen Start in die Selbständigkeit ermöglicht. Stattdessen saß er auf Heisterhoog und lebte davon, dass der örtliche Immobilienhai und Bauunternehmer Hubsi von Boistern ihn ab und an als Hausmeister, Baugehilfe und Putzmann beschäftigte.

Aber nun kam der Frühling, und Falk sah der kommenden Saison frohen Mutes entgegen. Er würde diesen Sommer in nur vier Monaten mit seiner Strandkorbvermietung und dem dazugehörigen Kiosk bestimmt so viel verdienen, dass er mühelos den nächsten Winter überstehen könnte.

Falk wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Jörn Krümmel vorne am Pult streng über seine Halbbrille schaute und rief: »Ich erwarte also eure Kooperation und vor allem: üben, üben, üben!«

Obwohl Falk nicht mitbekommen hatte, worum es ging, nickte er so engagiert wie möglich. Fischbrat-Piet, der Seeräuber unter den Insulanern, grinste Falk breit an.

»Wegen der CD«, raunte er Falk zu, während sich der Chor zerstreute und nach und nach das Pfarrhaus verließ. Falk guckte verständnislos, und Piet klärte ihn auf.

»Jörn will mal wieder eine CD aufnehmen«, erläuterte er Falk mit gesenkter Stimme und zwinkerte mit einem Auge verschwörerisch.

»Aber das kauft doch eh keiner«, flüsterte Falk noch leiser zurück. »Wir singen miserabel, und wer interessiert sich schon für den Heisterhooger Shantychor?«

Piet erwiderte nichts mehr darauf, sondern blickte ertappt über Falks rechte Schulter, von wo nun eine strenge Stimme erscholl.

»Zum Beispiel die vielen Touristen, die jährlich unsere schöne Insel frequentieren«, vernahm Falk nun Jörn Krümmels Bass.

Falk drehte sich um und lächelte möglichst unschuldig.

Jörn setzte sofort nach. »Und wenn nur ein paar Prozent von denen die CD kaufen, sind das vielleicht 2000 verkaufte Exemplare. Wir bieten sie im Buchhandel an, auf der Fähre und in der Kurverwaltung. Jeder Laden von Süderende bis Norderende muss die an der Kasse haben – wirst mal sehen, Falk, das geht weg wie geschnitten Brot.« Jörn war total in Fahrt.

Falk grinste. Geschäftstüchtigkeit war eigentlich nicht das vordringlichste Markenzeichen des Bürgermeisters, aber während des geruhsamen Winters hatte Jörn einen Fernkurs in Tourismusmanagement und Marketing belegt. Offenbar war das Projekt »Shanty-CD« ein erstes Ergebnis der Fortbildung.

»Und der Erlös fließt in die Vogelstation«, strahlte Jörn nun triumphierend.

»Nicht schlecht«, zollte Falk seinem Freund und Skatgenossen den nötigen Respekt. »Also, dann werde ich mir ordentlich Mühe geben und üben, üben, üben.«

Er klopfte Jörn Krümmel freundlich auf die Schulter und nahm seine Wetterjacke vom Haken, um den anderen Chorsängern nach draußen zu folgen.

»Du bleibst hier«, hielt ihn Jörn zurück und fasste Falk am Oberarm. »Ich muss was mit dir besprechen.«

Falk beschlich bei dieser Ankündigung ein ungutes Gefühl. Seit er im letzten Sommer entschieden hatte, dass er die Strandkorbvermietung seines verstorbenen Onkels Sten übernehmen würde, dann aber durch eine Sturmflut die Einnahmen der gesamten Saison verloren hatte, kümmerten sich die Heisterhooger reizend um Falk. Was hieß, dass sie ihm alle mit Jobangeboten unter die Arme griffen, allen voran eben Hubsi von Boistern, der sich Falks Arbeitskraft auch am ehesten leisten konnte. Oftmals waren die Arbeitsangebote zwar gut gemeint, aber trafen nicht unbedingt Falks Kernkompetenzen. So hatte Falk schon der Töpferin Silke Söderbaum bei der jährlichen Inventur ihres durch und durch chaotischen Ladens geholfen, sich bei Ole Reents in der »Rum-Ba-Bar« als Barkeeper versucht und gemeinsam mit dem Vogelwart und selbsternannten Strandsheriff Thies Hoop Zugvögel beringt. Nichts von alledem war besonders vielversprechend gelaufen, und Falks Bedarf an »Almosen-Jobs« war eigentlich gedeckt. Aber Jörn zog ihn schon aus dem Pfarrhaus und kündigte an, Falk ein Angebot zu machen, das dieser keinesfalls ablehnen konnte: »Komm, wir gehen zu Gino, und ich lade dich ein.«

Eineinhalb Stunden und drei Gänge von Ginos köstlicher süditalienischer Küche später goss Jörn den letzten Tropfen sizilianischen Rotwein in Falks Glas und sah ihn gespannt an.

»Und? Was sagst du?«, erkundigte er sich.

Falk sagte erst einmal gar nichts, in seinem benebelten Gehirn jagten sich die Gedanken. Er sollte Marita ersetzen? In der Kurverwaltung? »Nur für acht Wochen«, hatte Jörn ihm versichert. Solange Marita noch im Mutterschutz war.

»Aber ich habe von Tourismusmanagement keine Ahnung«, wandte Falk vorsichtig ein.

»Marita doch auch nicht!«, wischte Jörn den Einwurf fröhlich beiseite und orderte bei Gino eine zweite Flasche von dem guten Roten.

»Du musst einfach nur darauf achten, dass die Anzeigen rechtzeitig geschaltet werden, dass die Infos auf der Website immer aktualisiert sind, dass die Künstler, die in dieser Saison bei uns gastieren, ihre Verträge rechtzeitig zurückschicken und so. Wenn die heiße Phase kommt, ist Marita wieder zurück, das hat sie mir zugesichert.«

Falk mümmelte nachdenklich an einer mit Olivenpaste bestrichenen Bruschetta und überlegte. Eigentlich war das ein lahmer Job, bei dem er gut verdiente. Seine Strandkörbe hatte er dank seines Gehilfen Nille so weit alle saisonfertig gemacht. Was noch an Arbeit blieb, schaffte Nille allein. Der war in handwerklicher Hinsicht ohnehin viel besser als Falk. Und die Bezahlung, die Jörn ihm für die acht Wochen Halbtagsstelle angeboten hatte, war absolut okay.

»Ich mach’s.« Falk hielt Jörn optimistisch die Hand hin, welche dieser sogleich erfreut ergriff.

»Super, vielen Dank, Falk. Du wirst sehen, da kann gar nichts mehr schiefgehen!«

Das abendliche Telefongespräch mit Gina, welches Falk mit schwerer Zunge führte, verlief zum ersten Mal ganz anders als die vorhergehenden.

»Falk, das ist ja super! Wer weiß, vielleicht ist das genau das Richtige für dich. Dann kannst du ja später eine Zusatzausbildung machen oder ein Fernstudium oder so und dich bei Jörn auf eine feste Stelle bewerben. Tourismusmanager werden da oben auf den Inseln immer gebraucht, das wäre doch mal eine Perspektive!«

Falk gab sich alle Mühe, Gina zu bremsen. Tourismusmanager wurden seines Wissens gar nicht gebraucht, jedenfalls nicht auf Heisterhoog, wo Marita den Job in der Kurverwaltung einfach so übernommen hatte, ohne irgendetwas in der Richtung gelernt zu haben. Sie machte den Job perfekt und mit Schwung und würde bestimmt bis zur Rente die Stelle besetzen. Aber Gina war dauernd auf der Suche nach einer irgendwie akademisch angehauchten Perspektive für ihn, während Falk ganz zufrieden damit war, wie es eben war. Sein Onkel Sten hatte die Strandkorbvermietung auch bis ans Ende seines Lebens geschmissen, und Falk hatte nie das Gefühl gehabt, dass dem Alten etwas im Leben gefehlt hatte. Aber er wollte Gina nicht das Gefühl geben, dass er keinen Wert auf »Perspektive« legte, also dämpfte er ihren Enthusiasmus nur wenig.

»So superinteressant ist der Job jetzt aber auch nicht …«

»Aber ein Einstieg!« Ginas Stimme war hell vor Begeisterung.

»Gina, es sind nur acht Wochen. Da ist alles vorbereitet, ich muss einfach nur aufpassen, dass nichts schiefgeht. Ich kann praktisch nichts verkehrt machen.«

»Du kannst den Job doch kreativ gestalten. Dir was ausdenken, ein Event vielleicht.«

»Ich glaube nicht, dass das gewollt ist«, wandte Falk ein. »Die Saison ist schon verplant. Und ich muss mich dann ja wieder full-time um die Strandkorbvermietung kümmern.«

»Okay«, Gina seufzte. »Dich muss man wirklich zu deinem Glück tragen.«

Falk, der die leichte Enttäuschung in ihrer Stimme hörte, sah sich zur Verteidigung gezwungen. »Ich glaube nicht, dass diese Stelle mein großes Glück ist«, sagte er und schob liebevoll hinterher: »Das bist doch du.«

Schon wenige Wochen später sollte sich zeigen, wie recht Falk mit dieser Einschätzung hatte.

2.

»Ein Offshorewindpark?« Falk ließ entgeistert die Zeitung sinken und blickte in das käseweiße Gesicht von Jörn Krümmel. »Direkt vor unserem Strand? Fünfzig Windräder in der Optik? Das gibt’s doch nicht!«

Jörn schüttelte betrübt den Kopf. »Das gibt’s auch nicht, beziehungsweise das entspricht nicht der Wahrheit. Aber jetzt ist die Meldung raus.«

»Und wie konnte das passieren?« Falk, der einerseits den Medien grundsätzlich misstraute, konnte andererseits nicht glauben, dass alle seriösen Blätter durch die Bank eine Meldung druckten, die nicht richtig war.

Jörn zuckte desinteressiert mit den Schultern und zog Falk die Zeitung wieder vom Tisch, um selbst einen weiteren missmutigen Blick auf die Meldung zu werfen. »Keine Ahnung. Vermutlich wollte sich der Betreiber profilieren oder die Landesregierung oder was weiß ich. Mit Enten dieser Art haben wir schon öfter zu tun gehabt. Die Meldungen haben weder Hand noch Fuß – aber das Leben machen sie uns trotzdem schwer.«

Jörn zog sich resigniert die Lesebrille von der Nase, ließ sich in den Besucherstuhl fallen, der Falks Schreibtisch gegenüberstand, und rief durch die geöffnete Zimmertür nach draußen: »Biggi? Machst du uns bitte mal ein Teechen?«

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