Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Können wir der Sprache noch trauen? Ist die Sprache noch fähig, unsere Wirklichkeit abzubilden, uns die Welt zu erschließen und Brücken zwischen uns Menschen zu bauen? Ute Hallaschka sagt: Ja! Und sie beweist dies anhand eines der größten Wunderwerke der deutschen Literatur, Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien, die vor 100 Jahren vollendet wurden und deren unvergleichliche Schönheit und Tiefe sie nachvollziehbar und lebendig macht. Dies gelingt umso leichter, als die Elegien hier ebenfalls abgedruckt sind. Dabei ist dieses Buch keine abstrakte, wissenschaftliche Abhandlung über ein Stück Poesie, sondern selbst eines - es ist das Werk einer Frau, welche die Sprache liebt und kennt und die deshalb davon überzeugt ist, dass »es nichts gibt, womit wir uns verständigen können als Wort. Dass Wort alles ist, was wir haben, und mehr als alle Habe.«
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
falter 55
Wege der Seele – Bilder des Lebens
Ute Hallaschka
Zu den Wurzeln der Worte –im Dialog mit Rainer Maria Rilke
Für Magda
Einleitung
Die erste Elegie
Einsames Ich im Selbstgespräch
Die zweite Elegie
Ich und Du
Die dritte Elegie
Seinsgrund Innenwelt
Die vierte Elegie
Ich: Akteur
Die fünfte Elegie
Der niemals zufriedene Wille
Die sechste Elegie
Ich – Held oder Heiliger?
Die siebente Elegie
Der Weg ins Freie
Die achte Elegie
Wahrnehmung der Schöpfung
Die neunte Elegie
Die Verwandlung der Erde
Die zehnte Elegie
Über die Todesschwelle
Zwei Menschen begegnen sich und einer fragt den andern: Wie geht es dir? Eine simple Frage, die aus vier kleinen Wörtern besteht, sie scheint kaum noch zu beantworten. Ja, wie soll ich das sagen? Kann ich diese Wirklichkeit ohne weiteres zum Ausdruck bringen? Was meint der andere, was will er wissen? Fragt er tatsächlich nach mir, oder ist es nur eine Phrase? Dann wäre seine Frage schon die erste Lüge in diesem Gespräch an der Straßenecke. Kann ich, wenigstens von mir selbst wahrhaftig reden, wenn schon von sonst nichts in der Welt? Denn wer wollte sich vermessen noch eine wahre Aussage zu treffen, wahr zu reden über irgendeinen Vorgang der Welt, angesichts der komplexen Zusammenhänge. Und wenn ich nun sage: Es geht mir gut! Dann könnte der andere doch antworten: was bist du für ein schlechter Mensch! Wie kann es dir gut gehen, solange andere für dein Wohlgefühl leiden! Er wäre vollkommen im Recht, denn ich weiß um den gemeinsamen Wirtschaftskreislauf der Erde. Welt ist heute Bewusstseinsgemeinschaft, ihre Ereignisse drücken sich umgehend aus. Sie werden sprechend.
Vernetzt ins Weltgeschehen, zeigt sich der Einzelmensch – in seinem buchstäblichen Nachdenken – immer mehr als Weltobjekt. Die Welt dagegen, das Zwischen-Menschen-sich-Vollziehende, ist eine Art Subjekt geworden und damit auch ein unsichtbarer Sprecher, ein Herold, der ständig ausruft was los ist. Wir hören immer mehr und verstehen immer weniger von der Welt. Dazu stellt sich als ständiger Begleiter das Gefühl ein: unfassbar, mir fehlen die Worte. So hat sich ein uraltes Verhältnis, eine Beziehung gänzlich umgekehrt – die Welt, so scheint es, hat längst angehoben zu singen, sich auszusprechen aber kein Mensch trifft mehr ein Zauberwort. Der Zauber der Worte ist dahin. In dieser Situation große Worte zu machen, solche wie Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit, konkrete Handlungsanweisungen – Tätigkeitswörter zur praktischen Umsetzung des Beschworenen – scheint sinnlos. Im Dialog klingen solche großen Wörter eitel, leer und hohl, bevor sie noch ganz ausgesprochen sind. Es lässt sich nicht reden von ihnen, ohne eine Lawine weiterer Wörter loszutreten, die meist erschlagende Wirkung hat. Aber sagt uns denn das Wort Gerechtigkeit gar nichts mehr? So könnte man naiv fragen. Die Antwort könnte lauten: Doch, doch – es sagt alles und nichts. Furchtbar viel und furchtbar Verschiedenes und manchmal sogar das Gegenteil von dem, was man selbst noch gestern für gerecht hielt. Und was ist mit den kleinen Wörtern? Zur Erinnerung: Wie geht es dir? Während die großen hohl klingen, neigen die kleinen dazu, in abgründige Tiefe zu führen oder sich so unbegreiflich weit auszudehnen, dass man am Ende wieder nicht weiß, was man sagen soll. Was soll ich sagen und was will einer hören? Das korrespondiert im gegenwärtigen Seelenleben. Die Armut des eigenen Ausdrucksvermögens und die zunehmende energetische Einladung: Komm erst mal ins Gespräch. Aber wie kommt man da hin?
Es ist eine verstörende Erfahrung, dass wir einander nicht mehr unmittelbar verstehen können in den Worten unserer eigenen Muttersprache. Wir sind wie Fremde, sie trägt uns nicht mehr (in sich) und schon gar nicht ohne weiteres zum anderen hinüber. Zwischen Ich und Du liegt ein Abgrund, und alles was gesagt werden soll, muss zunächst übersetzt werden. Wörtlich: übergesetzt. Das, was man einmal wortloses Verstehen nannte, war ja kein sprachloser Vorgang; es war im Gegenteil die Erfahrung: Sprich nur ein Wort, und ich verstehe genau was du meinst. Dein Wort fällt in mir auf bereiteten Boden und geht sinnvoll auf. Und in diesem Sinn erlebe ich Welt, nämlich dich und mich und das zwischen uns, was war und ist und werden will. Das ist vorbei. Ein Weltverhältnis von gestern.
Heute rudern wir, führen Tänzchen auf, werben dafür und betteln darum, dass unser Wort verstanden wird. Dazu nützt kein Reichtum, keine Wortgewandheit – das kann vielleicht Eindruck machen, aber es sorgt nicht dafür, dass der andere mich erhört. Erst muss der Boden bereitet werden, erst muss das Boot startklar sein und die Segel gesetzt und die Strömung erkannt und beurteilt und gut Wetter gemacht. Kurz: Kein Wort scheint mehr sagbar, ohne Vorbereitung im Unsagbaren – da, wo der Wille des anderen ist. Hier prallt alles Menschliche aufeinander, hier ist es verbunden und hier herrscht entweder Krieg oder Frieden. Da muss man neuerdings hin mit der Sprache. Worte außerhalb des Intentionalen erreichen keinen Menschen mehr. Doch eben das macht Sprache gegenwärtig so verdächtig. Es wird ihr unterstellt, dass in jedem Wort einer oder etwas am Werk ist, das mir zu Leibe rückt, etwas von mir will, mich bewegt, manipuliert, fordert, formt. Aus diesem Verdacht resultiert die Haltung: Den Teufel werde ich tun, einem Wort einfach so über den Weg zu trauen, ohne zunächst zu prüfen, wie es genau gemeint ist.
Um Himmels Willen, lässt sich dagegen fragen: Was ist geschehen mit unserem eingeborenen Erbe, der Muttersprachbeziehung? Wir sind doch Sprechende, Wortwesen, denn nichts anderes ist ein Ich und kein anderes kann ein Du formulieren. Mutter Sprache, die uns einmal gemeinsam nährte, hat uns sitzengelassen wie verwaiste Kinder in unserem unstillbaren Verlangen nach Verstehen, denn das war die eigentliche Erfahrung der Sinnhaftigkeit von Sprache: verstehen können.
Kann ein Wort für sich noch als etwas Reales gelten? Das ist eine ähnliche Frage wie: Scheint der Mond, wenn keiner hinguckt? Mit dem wichtigen Unterschied allerdings: Sprache ist immer meine Sprache. Das ist die ursprüngliche dichterische Aufgabe: dem Wort Wirklichkeit zuzutrauen und zuzumuten. Wie es Hilde Domin formuliert:«Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.»
Eine winzig kleine Verschiebung in diesem Sprachorganismus, nur ein einziger Laut, der verändert wird – ersetzt man das u im letzten Wort durch ein o – und schon verkehrt sich die Aussage in ihr Gegenteil. Zeichenhaft gibt uns die Sprache so zu verstehen, dass sie alles andere als Zeichen ist. Sie ist, was die Welt zwischen Menschen im Innersten bewegt und zusammenhält. Wer nach dem Ursprung dieser bewegenden Kraft fragt, der geht auf die denkbar weiteste Reise – zu sich selbst. In die Fremde des eigenen Innern. Es ist zu erwarten, dass die Quelle des Sprachlichen in uns, falls sie sich erreichbar zeigt, hinausführt über den Bereich der Sterblichkeit. Die Geburt des Sprachlichen in uns ist zugleich Selbstbewusstsein und dahinter zurück gelangen wir gewöhnlich nicht in der Erinnerung. Hinein in das, woraus das Wort Ich, sich bildet. Was immer da sein mag, jenseits der Grenze: Dies wäre ein Einweihungsweg ins Übersinnliche, rein durch Sprache. Ohne jede intellektuelle Voraussetzung, aber mit einer Erfordernis: der Bereitschaft zu hören, was ein Wort sagt.
Das scheint nicht viel, fällt aber schwerer, als gedacht. Nicht Inhalt, noch Bild, noch Begrifflichkeit, sondern tatsächlich die konkrete Aussage, das Lebewesen wahrzunehmen, das im einzelnen Wort gegeben ist. Ein Wort ist, was es sagt und es sagt, was es ist. Innesein und Außenwelt, das, was sich in unserem Bewusstsein zwiespältig darlebt, sind im Wort eins. Worte lügen nicht, sie sind immer wahr, lügen kann mit ihnen nur der Sprecher, der sie falsch bezieht. Einmal ausgesagte, gegebene Worte können auch, anders als Begriffe, nicht zurückgenommen werden, höchstens gebrochen. Sprache ist in uns und wir sind in ihr – wie die Atemluft ist sie das Übergangswesen selbst, durch das wir sind, was wir sind. Vielleicht haben wir darum so gewaltige Angst davor Sprache wörtlich zu nehmen als Selbstbegegnung. Wer sich der Wachstumskraft der Worte im eigenen Innern widmen will, von den Wurzeln her erfahren, wie er Sprache gewinnt, der kann damit rechnen, dass er den Boden unter den Füßen preisgeben muss, dass ihm ein Luftsprung bevorsteht.
Der Sprung ins Sprachvertrauen beginnt damit, dass die innere Stimme zum Schweigen gebracht wird, die uns ständig souffliert, es gäbe kein Wort vor dem Begriff. Doch der Ursprung des Bewusstseins ist Wort. Ich kann Zeuge dieser Wahrnehmung sein, wie das Wort aus dem Vorzeitigen, dem Jenseitigen meines eigenen Bewusstseins stammt. Durch Sprache wird denken erlernt, nicht umgekehrt. Hören könnte bedeuten, sich zum unbegriffenen Wort zu wenden. Es als weltinnige Verständniskraft erfahren zu können, so existentiell wie ein Kind, aber mit dem Bewusstsein des Erwachsenen. Eine geradezu paradiesische Perspektive. Sprachsinn eignet uns, in ihn selbst aber schauen wir gewöhnlich nicht. Doch wenn ich nicht anwesend bin, in dem, woraus sich mir ursächlich die Welt erschließt – wie will ich ins Verstehen von irgendetwas kommen? Das ungeheure Versprechen, das die Sprache uns gibt, ist die Teilhabe jedes Wortes – und sei es das Geringste unter seinen Geschwistern – an der Ursprünglichkeit der Welt. Dies lässt sich am besten an der Unmittelbarkeit der kleinsten Wörterchen studieren. Wer vermag zu sagen, was «zwar» sagt? Redet man nicht leichter von Gott und der Welt, als man von «zwar» reden kann? Soll ruhig einer bemerken, dass es auch fitzliputzli heißen könnte, was spielt das für eine Rolle? Zwar ist «zwar» der große Herbeibeweger von «aber», aber auch das sagt noch lange nicht das, was «zwar» sagt. Basta!
Wir ertragen es kaum, ein Wort stehen zu lassen, gelten zu lassen als das, was es ist. Wir sind rastlos darin zugange, uns seiner zu bemächtigen, dass es unsere (Meinungs- oder Behauptungs-) Habe wird. Wer es aber je versucht hat, dem Sein des Wortes sich anzuvertrauen – seiner Sinnhaftigkeit –, der wird sogleich eine körperliche Wohltat verspüren. Es ruht der Atem im Wort. Es pulst die Welt anders, wenn ein Wort dich trifft. Wo der Gedanke ursprünglich herzlich wird, da ist er Wort.
Vor hundert Jahren hat ein Dichter einen Königsweg der Spracherfahrung entworfen und ihn einer Dichtung selbst eingeschrieben. Die Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke sind ein Gralsbau der Sprache. Wer hineingelangen will und nach dem germanistischen Interpretationspförtner ruft, der hat bereits die falsche Frage gestellt. Rilke hat dieses Kunstwerk für mündige Leser geschaffen, als Einweihung ins eigene Sprachverstehen und -verständnis. Quasi testamentarisch hinterlässt er uns in seinen Briefen deutliche Hinweise, inwiefern wir Teilnehmer, Angehörige dieses sprachlichen Wunderwerkes sind: «Alles ist austragen und dann gebären. Jeden Eindruck und jeden Keim eines Gefühls ganz in sich, im Dunkel, im Unsagbaren, Unbewussten, dem eigenen Verstande Unerreichbaren sich vollenden lassen und mit tiefer Demut und Geduld die Stunde der Niederkunft einer neuen Klarheit abwarten: das allein heißt künstlerisch leben: im Verstehen wie im Schaffen.»1
Hier wird, was man leicht überliest, ein schöpferisches Vermögen ausdrücklich jedem Menschen zugesprochen. Es gibt ein künstlerisches Leben im Verstehen. Verstehen kann Kunst sein aber es ist auch Arbeit, und die sieht folgendermaßen aus: «Schreiben zu können ist, weiß Gott, nicht minder ‹schweres Handwerk›, umso mehr, als das Material der anderen Künste von vornherein von dem täglichen Gebrauch abgerückt ist, während des Dichters Aufgabe sich steigert um die seltsame Verpflichtung, sein Wort von den Worten des bloßen Umgangs und der Verständigung gründlich, wesentlich zu unterscheiden. Kein Wort im Gedicht (ich meine hier jedes ‹und› oder ‹der›, ‹die›, ‹das›) ist identisch mit dem gleichlautenden Gebrauchs- und Konversations-Worte …»2
Als Verstehenskünstler sind wir aufgefordert, uns an der dichterischen Arbeit zu beteiligen, sie mitzuvollziehen. Jedes kleine Wort und seine Silben, seine Laute so zu erhören, wie es beschrieben ist. Der substanziellen Wandlungskraft der Sprache Aufmerksamkeit zu schenken und in diesem Vollzug eigene Sinnhaftigkeit zu erfahren. Rainer Maria Rilke hat dieses Sprachwerk in einem zehnjährigen Geburtsprozess unter Qualen ausgetragen – ein Leerraum des Schweigens, den er durchhielt als Reifezeit. Wir werden miteinander den Spuren folgen. In unserer Reise des Verstehens einige Luftsprünge versuchen, in der Folge der Elegien.
1Rainer Maria Rilke: Brief an Franz Xaver Kappus vom 23. April 1903.
2Ders.: Brief an Gräfin Margot Sizzo-Noris-Crouy vom 17. März 1922.
WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang,
den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn
und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
O und die Nacht, die Nacht,
wenn der Wind voller Weltraum
uns am Angesicht zehrt –, wem bliebe sie nicht,
die ersehnte,
sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
Weißt du’s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen;
vielleicht daß die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.
Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche
Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob
sich eine Woge heran im Vergangenen, oder
da du vorüberkamst am geöffneten Fenster,
gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.
Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immer
noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles
eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,
da doch die großen fremden Gedanken bei dir
aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.)
Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange
noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.
Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du
so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn
immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;
denk: es erhält sich der Held,
selbst der Untergang war ihm
nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.
Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur
in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,
dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen,
dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel
dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie?
Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht,
um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.
Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
Heilige hörten: daß die der riesige Ruf
aufhob vom Boden; sie aber knieten,
Unmögliche, weiter und achtetens nicht:
So waren sie hörend. Nicht, daß du Gottes ertrügest
die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,
die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.
Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.
Wo immer du eintratest, redete nicht in Kirchen
zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an?
Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf,
wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.
Was sie mir wollen? leise soll ich des Unrechts
Anschein abtun, der ihrer Geister
reine Bewegung manchmal ein wenig behindert.
Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. – Aber Lebendige machen
alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden.
Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,
man entwöhnt sich des Irdischen sanft,
wie man den Brüsten
milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große
Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft
seliger Fortschritt entspringt –: könnten wir sein ohne sie?
Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos
wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah
göttlicher Jüngling
plötzlich für immer enttrat, die Leere in jene
Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und
tröstet und hilft.
