My Haunted Heart – Ich sehe dich - Mimi Kylling - E-Book
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My Haunted Heart – Ich sehe dich E-Book

Mimi Kylling

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Beschreibung

»Ich wünschte, ich könnte dich genug für uns beide lieben.« 

Immer wieder taucht ein mysteriöser Fremder in Floras Blumenladen auf. Dann nachts vor ihrem Haus. Wer ist er, und was will er ausgerechnet von ihr? Obwohl er ihr Angst macht, fällt es Flora mit jedem Tag schwerer, sich von Sawyer fernzuhalten. Tiefer und tiefer verliert sie sich in einem Strudel verbotener Gefühle. Doch der ehemalige Soldat ist nicht in Bishop’s Hope, um sie kennenzulernen. Er ist gekommen, um sich von ihr zu verabschieden. Denn sie beide verbindet eine Vergangenheit, die alles infrage stellt, was Flora zu wissen glaubte ... 

Mimi Kylling schreibt leidenschaftlich und intensiv – von einer Liebe, die zum Weinen schön ist. Eindringlich, aufregend und mit einer Prise verbotenem Bauchkribbeln.


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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover for EPUB

Über das Buch

»Ich bin besessen von dir, Flora. Ich bin der, der vor dir kniet, ich bin der, dem dein Herz gehört. Nur ich. Niemand sonst.«

Flora führt ein ruhiges Leben in Bishop’s Hope. Sie hat ihren Blumenladen und ihren Kater Wilson. Doch ausgerechnet am Tag der Beerdigung ihrer Großmutter taucht ein fremder Mann in der Kleinstadt auf. Niemand weiß, woher er kommt oder was er will. Schnell ranken sich die wildesten Gerüchte um den Unbekannten. Und damit nicht genug: Er scheint ausgerechnet an Flora ein besonderes Interesse zu haben, taucht überall dort auf, wo sie gerade ist, sucht ihre Nähe, steht nachts vor ihrem Fenster. Er kennt ihre tiefsten Wünsche und dunkelsten Geheimnisse. Trotz ihrer Angst fühlt sich Flora zu dem Fremden hingezogen … und ahnt dabei nicht, wie viel sie und Sawyer wirklich verbindet.

Über Mimi Kylling

Mimi Kylling wurde 1993 geboren und lebt mit ihrer Familie in der Lüneburger Heide. Sie schreibt für diesen besonderen Moment, wenn die Finger über die Tastatur fliegen, für das Kribbeln im Bauch, wenn aus Figuren Persönlichkeiten werden, und um all die Gedanken zu Papier zu bringen, die sie so lange mit sich herumgetragen hat. Ihre Geschichten sind bunt und vielfältig wie das Leben. Dabei schlägt ihr Herz immer für die gefallenen Held:innen – denn die leisesten Stimmen haben oft die wichtigsten Geschichten zu erzählen.

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Mimi Kylling

My Haunted Heart – Ich sehe dich

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Motto

Hinweis zum Inhalt

Prolog

Kapitel 1: Flora

Kapitel 2: Sawyer

Kapitel 3: Flora

Kapitel 4: Sawyer

Kapitel 5: Flora

Kapitel 6: Sawyer

Kapitel 7: Flora

Kapitel 8: Flora

Kapitel 9: Sawyer

Kapitel 10: Flora

Kapitel 11: Sawyer

Kapitel 12: Flora

Kapitel 13: Sawyer

Kapitel 14: Sawyer

Kapitel 15: Flora

Kapitel 16: Sawyer

Kapitel 17: Flora

Kapitel 18: Sawyer

Kapitel 19: Flora

Kapitel 20: Sawyer

Kapitel 21: Flora

Kapitel 22: Sawyer

Kapitel 23: Flora

Kapitel 24: Sawyer

Kapitel 25: Flora

Kapitel 26: Sawyer

Kapitel 27: Sawyer

Kapitel 28: Flora

Kapitel 29: Sawyer

Kapitel 30: Flora

Kapitel 31: Sawyer

Kapitel 32: Flora

Kapitel 33: Flora

Kapitel 34: Sawyer

Kapitel 35: Flora

Kapitel 36: Sawyer

Kapitel 37: Sawyer

Kapitel 38: Flora

Kapitel 39: Sawyer

Epilog: Sawyer — 3 Jahre später

Danksagung

Leseprobe

Prolog

Kapitel 1: Quinn

Kapitel 2: Quinn

Kapitel 3: Quinn

Impressum

Für alle, die schon mal dachten, gehen wäre einfacher als bleiben.

Hinweis zum Inhalt

Liebe Leser:innen,

bitte beachtet die folgenden Content Notes und nehmt zur Kenntnis, mit welchen potenziell triggernden Inhalten ihr in diesem Buch konfrontiert werdet.

Das Wichtigste ist eure psychische und körperliche Gesundheit, deshalb bitte ich euch, die Hinweise ernst zu nehmen und nicht weiterzulesen, solltet ihr merken, dass es euch mit der Geschichte nicht gut geht.

In »My Haunted Heart – Ich sehe dich« gibt es Szenen mit angedeuteten Suizidgedanken, PTBS in Verbindung mit der Erinnerung an Kriegsgeschehen und ein Stalkingszenario, das ohne böse Absichten stattfindet und zwischen den Protagonist:innen aufgearbeitet wird. Seid euch bitte bewusst, dass diese Geschichte rein fiktiv ist und Stalking im realen Leben immer eine absolute Grenzüberschreitung darstellt, die nicht romantisiert werden sollte.

Prolog

Du bist so schön.

So viel schöner, als ich es mir je vorgestellt hatte.

Das sanfte Abendlicht gießt deine Haare in Roségold, lässt deine Haut schimmern und deine Wangen leuchten. Es kommt mir vor, als wäre in deiner Gegenwart die Luft klarer und der Himmel weiter und die nahende Dunkelheit weniger bedrohlich.

Du bekommst von all dem gar nichts mit.

Du merkst nicht, was es mit einem macht, dich anzusehen.

Du stehst bloß da inmitten deiner Blumen wie die Prinzessin, die du bist. Umgeben von blühendem Leben, völlig entrückt von allem Bösen. Rein und gut, hell und strahlend und unbedarft.

Ich wollte dich nur ein einziges Mal sehen.

Einmal noch fühlen, was du mir bedeutest.

Und jetzt stehe ich hier und frage mich, was ich mir dabei gedacht habe. Woher ich die Kraft nehmen soll wegzusehen, die Augen von dir zu lassen, der wunderschönsten Überschneidung aus Traum und Wirklichkeit, die jemals existiert hat.

Wie lange müsste ich dich anschauen, damit es genug ist?

Wie lange müsste ich dich betrachten, damit ich meinen Frieden mit dem Leben machen kann?

Vielleicht sollte ich zu dir gehen.

Einmal nur deine Stimme hören. Einmal nur in deine Augen sehen und dann mit der Gewissheit sterben, dass ich für alle Ewigkeit in deiner Erinnerung weiterleben werde.

Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünsche, ich werde dich nicht in meine Hölle hinabreißen.

Ich habe Menschen sterben sehen.

Ich habe Städte niedergebrannt.

Ich habe so viele Leben zerstört.

Aber deins nicht.

Du wirst niemals ohne mich leben müssen, weil du niemals erfahren wirst, dass es mich gibt.

Es ist besser so, glaub mir.

Für uns beide.

Kapitel 1

Flora

»Sie hätte dieses Bouquet geliebt.« Mrs. Hobbs tupft sich mit einem Stofftaschentuch die runden Wangen und legt mitfühlend eine Hand auf meinen Arm.

»Die Rosen sind aus unserem Garten. Ihre Lieblingssorte. Es … hat sich richtig angefühlt, wissen Sie?«

Mrs. Hobbs sieht aus, als wollte sie mit aller Macht ihre Tränen zurückhalten, scheitert jedoch kläglich und schluchzt laut auf. Diesmal bin ich es, die ihren Arm tätschelt. Bevor sie weitergeht, lächelt sie der Urne zu, dann gesellt sie sich zu den anderen Damen, die ein paar Meter weiter bei den Tabletts mit Sandwiches und Häppchen stehen.

Es ist ein Meer aus Schwarz, das heute Nachmittag durch unser Häuschen wogt und dabei nichts als Trauer und Tränen mitbringt. Dabei hatte Granny nie Angst vor dem Sterben und traurig war sie auch nicht. Jeder von uns hat seine Aufgabe im Leben, hat sie immer gesagt. Sobald wir die erfüllt haben, endet unsere Zeit. Das ist der natürliche Lauf der Dinge.

Mit einer flüchtigen Handbewegung arrangiere ich die Blumen in der Vase neben der Urne neu und wende mich Layla zu, die mich mit rotgeweinten Augen und einem Lächeln in den Arm nimmt.

»Wenn Granny dich sehen könnte«, sagt sie und streichelt mir über den Rücken.

Ich nicke still und muss mich zwingen, meine eigenen Tränen wegzublinzeln, weil ich noch immer sehr genau von Mrs. Hobbs und ihrer Handarbeitsrunde beobachtet werde.

Was sie wohl heute Abend reden, wenn sie sich an den Familienesstischen versammeln? Vermutlich wird Mrs. Hobbs ihren Mann fragen, warum ich seiner Meinung nach nicht geweint habe. Judy Poulard wird sich wahrscheinlich im Kreise ihrer Liebsten darüber aufregen, dass ich ein geblümtes Sommerkleid zu einer Trauerfeier getragen habe. Dabei war es ausdrücklich Grannys Wunsch, die nicht bedacht hat, wie deprimierend ein einziger bunter Tupfer in einer Flut aus Schwarz aussehen würde.

»Es ist wunderschön«, flüstert Layla und wischt sich übers Gesicht. »Das Kleid, meine ich. Die Blumen … Mein Gott, ich bin so emotional heute. Man merkt immer erst, dass jemand fehlt, wenn es zu spät ist, was? Ich hätte öfter zu Besuch kommen sollen.«

»Sie wusste, dass du viel zu tun hast, Layla. Sie hat sich immer gefreut, dich und die Kleinen zu sehen.«

Layla nickt und ich bilde mir ein, dass ihre Stirn sich ein bisschen glättet, jetzt wo sie weiß, dass ich ihr nichts nachtrage. Was auch? Es gibt nichts zu verzeihen.

Mit einem Schniefen deutet sie auf den Rock meines Kleides. »Und jetzt verrat mir bitte mal, wann du das noch genäht hast? Wie machst du das bloß? Seit die Zwillinge da sind, komme ich zu gar nichts mehr.«

»Ich habe in letzter Zeit nicht so viel geschlafen«, gebe ich zu, bereue es aber sofort, weil Laylas Blick nur noch mitfühlender wird.

»Es tut mir so leid, Flora. So unglaublich leid.«

»Ich … ist schon okay.«

»Erinnerst du dich daran, wie ich damals nach der Schule immer mit zu euch gekommen bin und Granny uns diese Kekse gebacken hat?«

»Die mit Vanille?«

Sie nickt unter Tränen, und ich notiere mir in Gedanken, bald mal wieder Grannys Spezialkekse zu backen, nach denen Layla anscheinend mehr Sehnsucht hat als vermutet.

Bevor ich noch etwas erwidern kann, putzt sich Layla geräuschvoll die Nase und macht dann Platz für einen weiteren Trauergast. Den einzigen, der ähnlich gefasst wirkt wie ich.

»Na, Flora. Volles Haus?« Reverend Myers wirft mir ein aufmunterndes Lächeln zu und schaut sich um. »Wenn Constance das sehen könnte. Alle sind hergekommen, nur wegen ihr.«

»Danke, Reverend, für die lieben Worte und auch für Ihre Trauerrede vorhin. Sie hätte Granny gefallen, da bin ich mir sicher.«

»Schön zu hören.« Er drückt meinen Arm, ähnlich wie Mrs. Hobbs vorhin, nur viel sanfter. »Deine Granny war ein so wichtiges Mitglied unserer Gemeinde. Wenn es dir ein Trost ist: Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich sie von Herzen vermissen werde. Sie hat immer gestrahlt, hat nie ein schlechtes Wort über irgendjemanden verloren. Sie wird uns allen fehlen.«

Als Mr. Barry sich an ihm vorbeischieben will, tritt Reverend Myers noch einen Schritt näher. Er steht nah genug vor mir, dass ich sein Aftershave riechen kann und genau auf Augenhöhe mit seinem schiefen Kollar bin. Ich unterdrücke den Impuls, es zu richten, und schiebe stattdessen lieber die Hände in die Rocktaschen.

»Wenn sie gewusst hätte, dass Sie so eine hohe Meinung von ihr haben, hätte sie sicher noch öfter bei Ihnen im Gemeindehaus vorbeigeschaut«, sage ich und finde, dass es ausgesprochen irgendwie furchtbar falsch klingt. »Ich meine nur, ähm … weil Sie … Sie sind eben wirklich eine Bereicherung für unsere Gemeinde, Reverend. Immer da, wenn man Sie braucht. Na ja, … Sie wissen schon.«

Mit jedem Wort wird es schlimmer.

Es wirkt, als wollte er etwas darauf erwidern, ohne so richtig zu wissen, was. Da sind wir immerhin schon zwei. Er holt Luft, atmet dann aber nur durch und lächelt.

»Hatten Sie schon ein Sandwich?«, frage ich schließlich, um die merkwürdige Stille zu überbrücken. »Es gibt Thunfischcreme und Frischkäse.«

»Von Mrs. Hobbs?«

Ich nicke, er zieht die Nase kraus. Verständlicherweise, denn Gott allein weiß, das wievielte Mal wir in diesem Jahr schon bei Sandwiches von Mrs. Hobbs beisammensitzen. Sie sind nicht schlecht, aber ihre Bäckerei ist klein und sie alt und die Auswahl daher beschränkt. Trotzdem bestellt man für feierliche Anlässe bei Hobb’s Bakery, das ist ein ungeschriebenes Gesetz in Bishop’s Hope. Eine Frage der Ehre. Niemand würde je auf die Idee kommen, in der nächstgrößeren Stadt zu bestellen, nur weil es dort mehr Auswahl und günstigere Preise gibt.

»Ich habe heimlich Essiggürkchen draufgetan«, flüstere ich.

Reverend Myers nickt bedeutungsschwer. »Sicher ein ganz neues Geschmackserlebnis.«

»Wissen Sie, was es erst richtig gut macht? Wenn man am Ende frische Kresse drüberstreut.«

»Ach? Und ich dachte, es wäre deine Liebe fürs Detail.«

Er schmunzelt vertraulich, und man kann es drehen und wenden, wie man will, er sieht dabei wirklich gut aus. Ich weiß gar nicht so recht, ob es für oder gegen Bishop’s Hope spricht, dass der begehrteste Junggeselle der Stadt ein Geistlicher ist. Seit er das Amt übernommen hat, ist das Interesse am Gottesdienst sprunghaft angestiegen. Früher waren vielleicht die vordersten Bänke belegt, wenn es hochkam. Jetzt ist die Kirche jeden Sonntag voll bis auf den letzten Platz. Interessanterweise sind die meisten Neuzugänge junge Frauen, die nach Jahren plötzlich wieder freiwillig die Messe aufsuchen und sich dabei herausputzen, als würden sie nur darauf warten, von ihm beachtet zu werden. Es ist jede Woche aufs Neue ein Spektakel. Doch zum Leidwesen aller scheint Reverend Myers bisher an keiner von ihnen Gefallen gefunden zu haben.

»Tja, dann gehe ich mal herausfinden, ob die Gürkchen tatsächlich einen Unterschied machen«, sagt er, während ich noch sein scharf geschnittenes Kinn und die ordentlich gekämmten, weizenblonden Haare betrachte.

»Viel Spaß«, gebe ich zurück und merke erst, als er auflacht, was ich da eigentlich gesagt habe. »Ähm, ich meine … guten Appetit.«

»Danke Flora. Möge Gottes Segen mit dir sein.«

Er drückt einen Herzschlag lang meine Hand, dann geht er weiter in Richtung Häppchen. Hier und da grüßt er die anderen Trauergäste und macht dabei in seinem Anzugjackett eine dermaßen gute Figur, dass man ihn locker für einen der Protagonisten aus Grannys Heftromanen halten könnte. Erst nach der Lektüre wurde mir klar, warum sie die Heftchen zeitlebens in einer Kiste unter ihrem Bett versteckt hielt und sie nicht einfach zu den anderen Büchern in die Bibliothek gestellt hat.

Schnell schüttle ich den bildhaften Gedanken an heißen Priestersex ab, weil ich hier immer noch neben der Asche meiner Großmutter stehe – die vermutlich ähnliche Gedanken beim Anblick von Reverend Myers Rücken gehabt hätte.

»Auf keinen Fall, Granny«, murmle ich der Urne zu. »Wird nicht passieren.«

Die einzige Antwort, die ich bekomme, ist keine Nachricht aus dem Jenseits, sondern ein Mauzen von Grannys zotteligem Kater Wilson, der auf das Tischchen mit der Urne hopst und sich dort nach einigen Runden um das Kästchen niederlässt.

»Immerhin haben wir noch uns, was, Wils?«

Der Kater schaut mich an, als wäre ihm meine Gegenwart gänzlich gleich. Ich kraule ihn kurz zwischen den Ohren und mache mich dann auf den Weg in die Küche, um Schnittchennachschub aus dem Kühlschrank zu holen.

Ich kenne meine Nachbarschaft. Bevor nicht der letzte Krümel verputzt ist, wird niemand von ihnen freiwillig gehen. Und solange das dauert, werden sie meine Teevorräte leertrinken, schwatzen und sich ihre Hintern auf meinen Stühlen plattsitzen.

Mit einem Seufzen trete ich in den schummrigen Flur, in dem noch immer all die Bilder an den Wänden hängen, die Granny auf ihren Reisen geknipst hat. Die meisten davon zeigen sie als junges Mädchen. Sie ist viel rumgekommen. Fotografien aus dem Kongo reihen sich an Schnappschüsse aus Bali. Bei denen aus Malaysia halte ich kurz inne. Granny steht vor einer Tempelanlage und lächelt in die Kamera. Sie muss ungefähr so alt gewesen sein wie ich heute, ihr Haar war damals noch blond und das Gesicht faltenfrei. Ich streiche mit dem Zeigefinger über ihr winziges Abbild und frage mich, ob sie es je bereut hat, hier in Bishop’s Hope gestrandet zu sein. Ob sie es bereut hat, dass sie ihre Freiheit opfern musste, um ein Zuhause für ihre Tochter zu schaffen. Und dann für ihre Enkelin, weil ihre Tochter es nicht mehr konnte.

Plötzlich wünschte ich, ich hätte sie gefragt. Ich hätte sie viel mehr fragen sollen. All die Dinge, die mir damals nie wichtig erschienen sind, und mir jetzt, da ich weiß, dass ich keine Antworten mehr bekommen werde, seltsam schwer auf der Seele liegen.

»Soll ich noch Tee aufgießen?«

Ich schrecke zusammen, dann bemerke ich Mrs. Hobbs, die mit einem traurigen Lächeln aus dem Wohnzimmer zur mir in den Flur schaut.

»Nein, nein, ich geh schon selbst.«

Ich wische mir über die Augen, versuche, auf meinem Weg in die Küche das ferne Echo von Grannys Schritten zu spüren und merke längst keinen Unterschied mehr.

Leise schließe ich die Küchentür und sperre die Geräuschkulisse aus dem Wohnzimmer wenigstens für einen winzig kleinen Moment aus. Doch die Stille währt nicht lange, denn sofort übernehmen meine Gedanken. Sie stürzen zusammen, schichten sich auf und schreien durcheinander. Allesamt. Ich habe kaum geschlafen, seit Granny gestorben ist. Es war so viel zu regeln und zu bedenken, es gab so viele Gespräche zu führen und Entscheidungen zu treffen.

Mit einem tiefen Durchatmen sinke ich gegen das Holz der Küchentür, schließe die Augen und massiere meine müden Lider, hinter denen nun doch verräterische Tränen brennen. Und das, obwohl ich Granny hoch und heilig versprochen hatte, nicht um sie zu weinen.

Wenn jemand so alt ist wie ich und alles von der Welt gesehen hat, dann gibt es nichts zu betrauern, hat sie gesagt, als ich das letzte Mal ihre Hand gehalten habe.

Ich schlucke den Kloß hinunter, der sich bei der Erinnerung daran in meinem Hals bildet, und stoße mich von der Tür ab, um endlich die Sandwiches zu holen. Das ferne Rauschen der Stimmen aus dem Wohnzimmer begleitet mich.

Es sitzt mir im Nacken, bei jedem einzelnen Handgriff. Als ich die Tabletts aus dem Kühlschrank hole, die Frischhaltefolie abziehe und auch, als mein Blick an den Rosen vor dem Fenster hängenbleibt, die selbst zu dieser Jahreszeit noch blühen, weil Granny sie täglich mit aller Hingabe gehegt und gepflegt hat. Sie kannte den Namen und die Zuchtgeschichte jeder Sorte und ist niemals müde geworden, darüber zu sprechen. Ich habe ihr so gern dabei zugehört, egal, zum wievielten Mal in Folge. Ihre Augen hatten dann stets diesen besonderen Glanz, und ihre Worte klangen anders. Gewählter und bedeutsamer.

Und während ich hier stehe, die Rosen betrachte und mich frage, ob je irgendjemand herausfinden wird, wie das Schicksal seine Entscheidungen trifft, kommt unser Briefträger Fred den schmalen Weg durch den Vorgarten entlanggelaufen. Er eilt mit seinen dürren Beinen und der Kuriertasche unterm Arm über die Steinplatten, dabei müsste er um diese Zeit längst Feierabend haben.

Verwundert öffne ich das Fensterchen über der alten Steingutspüle, im selben Moment bemerkt er mich.

»Flora, das trifft sich gut«, sagt er und rückt sich die Schirmmütze zurecht, die er neuerdings trägt, um sein lichter werdendes Haar zu verbergen. »Genau zu dir wollte ich.«

»Noch mal? Du warst doch heute schon hier.« Ich lehne mich ein Stück aus dem Fenster und atme den süßen Geruch von Grannys Duftrosen ein, die nicht nur in den Blumenkästen, sondern auch im Vorgarten wuchern.

»Ja, schon. Aber eben kam eine Eillieferung aus der Stadt.« Fred reibt sich den Nacken und atmet so schwer, dass er die nächsten Worte nur mit Mühe herausbringt. »Da war ein Brief dabei … Ich schaue ja normalerweise nicht so genau drauf, aber … na ja, ich dachte, den willst du womöglich gleich haben.«

»Für mich?«

Jeder weiß, dass Fred es bisweilen mit dem Briefgeheimnis nicht allzu genau nimmt. Er schwört hoch und heilig, dass er fremde Post nicht öffnet, aber er kann auch nicht abstreiten, dass er zumindest die Absender ziemlich genau unter die Lupe nimmt.

Statt mir eine Antwort zu geben, kramt er in seiner Tasche. Kurz darauf fördert er einen blassblauen Briefumschlag zutage, tritt vorsichtig mit einem Fuß zwischen die Rosen und reicht ihn mir durchs Fenster. »Ist ein paar Jahre her, oder?«

Trotzdem erkenne ich alles sofort – wie sich das Papier unter meinen Fingerspitzen anfühlt, wie groß der Brief ist und wie schwer, weil schon damals immer mehrere gefaltete und eng beschriebene Seiten in den Umschlägen gewesen sind.

Damals.

Als diese Briefe ein solch fester Bestandteil meines Lebens waren, dass es mir fast das Herz zerrissen hat, als keine mehr kamen. Einfach so. Von einem Tag auf den anderen. Ohne Erklärung, ohne ein Wort des Abschieds.

Und heute, ausgerechnet an diesem Tag, halte ich einen dieser Briefe in den Händen.

Zur rechten Zeit am rechten Ort, so funktioniert das Schicksal.

»Danke, Fred«, flüstere ich mit zittriger Stimme und kann seinen mitleidigen Blick kaum ertragen.

»Hab ich mir gedacht«, sagt er und tritt rückwärts aus dem Beet. »Kommt heute genau recht, was? Mein Beileid noch mal.«

Ich nicke nur, weil ich keine Antwort herausbekomme und warte, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden ist, dann drehe ich den Brief um.

In dem Moment, in dem ich den Absender lese und mein Kopf wirklich, wirklich, realisiert, dass das hier keine Einbildung und auch kein böser Streich ist, beginnen meine Hände unkontrolliert zu zittern.

Wo warst du all die Jahre?

Ich schaffe es kaum, das Fenster zu schließen, sinke auf die Knie und drücke mir den Brief an die Brust. Einen Herzschlag lang, dann noch einen, dann brechen sich all die Tränen Bahn, die ich in den letzten Tagen zurückgehalten habe.

Kapitel 2

Sawyer

Die schmale Straße, die sich zwischen den gewaltigen Redwoodbäumen hindurchschlängelt, versinkt mit jeder Meile tiefer im Nebel. Bei diesem Wetter weiß man nie, wer oder was einem hinter der nächsten Kurve vors Auto läuft.

Es wäre schade um den Porsche, aber die Zeiten, in denen ich Rücksicht auf einen Haufen Blech nehmen konnte, sind lange vorbei. Ich drücke das Gaspedal durch, der Wagen macht einen Satz nach vorn. Und obwohl die nächste Straßenbiegung wirklich verdammt danach aussieht, als sollte man abbremsen, erhöhe ich das Tempo. Sich pedantisch an die Vorschriften zu halten, ist was für Feiglinge oder für Menschen, die zu viel Zeit haben. Ich bin weder das eine, noch habe ich das andere. Ich habe einzig und allein den Überblick verloren, seit wann mir keine Autos mehr entgegengekommen sind.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass in dieser verlassenen Gegend niemand unterwegs ist oder ob mir meine Augen einfach nur den nächsten Streich spielen.

Ich bin jetzt zehn? … zwölf? … Stunden durchgefahren. Ich habe ein Müdigkeitslevel erreicht, das mich aus Angst vor Sekundenschlaf nicht mehr blinzeln lässt. Mein Kopf macht mich irre. Und hält mich wach. Beides zugleich.

Aber ich hätte nicht mehr warten können.

Einen Tag länger, und ich hätte den Verstand verloren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kann es mit jeder Nacht, die vergeht, deutlicher spüren. Weil ich mit jedem weiteren Sonnenaufgang ein Stückchen mehr die Kontrolle über mich selbst verliere. Weil mein Körper an irgendeinem Punkt in meinem Leben einfach so, aus dem Nichts heraus, entschieden hat, nicht mehr länger nur Krieg gegen den vermeintlichen Feind zu führen, sondern auch gegen sich selbst.

Vielleicht bedingt das eine auch das andere.

Wenn man für so lange Zeit Seite an Seite mit dem Bösen lebt, kann man nicht erwarten, dass das Schicksal es noch gut mit einem meint.

Ich fahre mir hart über die Augen, blinzle und konzentriere mich mit aller Macht auf diese beschissene Straße irgendwo im Nirgendwo. Doch egal, wie sehr ich es versuche, ich schweife immer wieder ab, meine Gedanken haben keine Richtung, keine Substanz. Als wäre ich gar nicht richtig am Leben, sondern bereits in irgendeine Zwischenwelt abgedriftet, ohne es gemerkt zu haben.

Kurz darauf lichtet sich der Nebel, die Bäume am Straßenrand stehen jetzt weniger dicht beisammen. Es wirkt nicht länger, als würde der Wald nur darauf warten, jeden zu verschlucken, der sich ihm nähert, sondern eher, als hätten die einzelnen Mammutbäume längst den Anschluss zueinander verloren. Ein paar Meilen weiter stehen sie so weit auseinander, dass sie nur noch Einzelkämpfer sind, keine Einheit mehr. Noch ein paar Meilen, dann hört der Wald auf, und ein Schild am Straßenrand heißt mich in einem Ort namens Bishop’s Hope willkommen.

Verdammt, hier?

Das hier ist Bishop’s Hope?

Ich gehe vom Gas, werfe einen Blick von links nach rechts und versuche, meine Enttäuschung herunterzuschlucken. Es kann mir scheißegal sein, wie dieser Ort aussieht. Ich hatte bloß etwas anderes erwartet. Das, was mir als verschlafene Beschaulichkeit angepriesen wurde, ähnelt in Wahrheit eher einer Filmkulisse, die irgendwann im letzten Jahrhundert in diesem gottlosen Wald vergessen wurde. Eine leere Hülle, die elendig vor sich hin rottet, weil niemand sich die Mühe gemacht hat, ihr die letzte Ehre zu erweisen und sie niederzubrennen. Darüber täuschen auch die bunt verzierten Schilder nicht hinweg, die hier und da vor den Backsteinfassaden der Ladengeschäfte hängen und vermutlich einen einladenden Eindruck machen sollen. Nur vereinzelte Schaufenster sind beleuchtet, die meisten stehen leer.

Ich zähle bis zehn, versuche tief durchzuatmen und mir selbst einzureden, dass ich das Richtige tue. Dass es gut ist, jetzt hier zu sein.

Es ist richtig.

Es muss sein.

Für mich, meinen Seelenfrieden und den jämmerlichen Rest Selbstachtung, der mir noch geblieben ist.

Trotzdem muss ich mich mit aller Macht dazu zwingen, nicht einfach einen U‑Turn zu machen und wieder von hier zu verschwinden.

Ich kneife jetzt nicht. Ich ziehe das durch.

Vielleicht ist es menschlich, Angst zu haben. Es ist eine unvermeidliche körperliche Reaktion. Ein Überlebensmechanismus und dabei völlig nutzlos für einen wie mich.

Für einen wie mich gibt es kein Zurück, kein Happy End, keine Hoffnung. Egal, wo ich mich verstecke, egal, wie sehr ich es mir wünsche.

Und dass dem so ist, das ist ein Umstand, der mich wirklich wütend macht. So wütend, dass ich die Hände fester um das Leder des Lenkrads balle und vor der nächsten roten Ampel weiter Gas gebe, statt anzuhalten. Es ist ohnehin niemand da, dieses Kaff ist wie ausgestorben.

Soweit das Auge reicht – leere Straßen und verwaiste Geschäfte. Die Ruhe vor dem Sturm.

Für den Bruchteil einer Sekunde bin ich nicht mehr in Bishop’s Hope, sondern dort, wo die Luft nach Staub schmeckt und leere Straßen den sicheren Tod bedeuten.

Ich schüttle den Kopf, will die furchtbaren Bilder loswerden, in der Realität bleiben. Doch egal, wie sehr ich es versuche, ich kann noch immer das Echo von rauschendem Adrenalin und Todesangst in meiner Blutbahn fühlen, den Nachhall dieses ganz bestimmten Moments, wenn das Unterbewusstsein sämtliche Körperfunktionen übernimmt und die Sinne jede Regung, jede noch so kleine Bewegung in der Umgebung wahrnehmen. Weil die eigene, mühsam antrainierte Intuition längst weiß, dass etwas nicht stimmt. Weil in der Welt, aus der ich komme, jede Unachtsamkeit eine zu viel sein kann. Weil jeder Fehler Leben kostet.

Das Schlimmste ist, dass mich meine Fehler nicht mein eigenes Leben gekostet haben, sondern das von Menschen, die nie für mich hätten sterben sollen.

Nachdem ich eine kleine Kirche passiert habe, biege ich in die Violet Lane ein. Im Kopf zähle ich die Hausnummern mit und werde dabei immer langsamer. Langsamer und langsamer. Als könnte es die Zeit aufhalten, wenn man sich selbst welche lässt. Als könnte ich herauszögern, was unvermeidlich ist.

Vor der Nummer 487 parken einige Autos. Mittelklassewagen. Nichts zu Auffälliges oder Extravagantes. Beschaulich und bodenständig, so wie man an einem Ort wie diesem vermutlich sein ganzes Leben lebt. Ich rolle im Schritttempo an dem winzigen Häuschen vorbei, das ein bisschen windschief, mit Holzverkleidung und lindgrünen Fensterläden, inmitten von Rosenbüschen steht. Die Blumen sind überall. Überall um das Haus herum und überall im Garten. Selbst auf den weißen Spitzengardinen meine ich, Blumenmuster zu erkennen.

Fahr zurück.

Tu dir das nicht an.

Ich ignoriere den erneuten Drang, einfach abzuhauen, und halte stattdessen auf Höhe der Haustür. Mit wild klopfendem Herzen lasse ich meinen Blick über den verwunschenen Garten schweifen und überlege, ob ich einfach klingeln soll. Ob ich klingeln und meinen Namen sagen und warten soll, bis sie begreift.

Doch bevor ich eine Entscheidung treffen kann, wird die Haustür geöffnet und ein Mann im schwarzen Anzug mit Kollar tritt heraus. Ein Reverend?

Der Typ bahnt sich einen Weg durch die Rosen, die dieses Haus umranken, wie die Dornen Dornröschens Schloss, rückt seinen Kragen gerade und marschiert direkt vor meiner Motorhaube über die Straße.

Dabei wirft er einen Blick ins Wageninnere, murmelt irgendetwas und hebt die Hand, als wäre ich eins seiner Schäfchen. Einer von denen, die jeden Sonntag in der Messe sitzen, fleißig beten und glauben und hoffen, damit der allmächtige Gott auch ja ihre Seelen rettet, wenn irgendwann der böse Wolf kommt, um sie zu holen.

Sie wissen nicht, dass es keinen Gott gibt.

Keinen Gott und keine höhere Macht, niemanden, der ihre Seelen rettet. Gäbe es einen, dann würde er nicht zulassen, dass Kinder entführt werden oder Frauen vergewaltigt oder dass Menschen ihr Leben verlieren, nur weil ein Einziger einen Scheißfehler gemacht hat.

Kurz verschwimmt meine Sicht, ein hochfrequentes Piepsen übertönt jedes Geräusch im Wagen. Als es nachlässt, ist die einsetzende Stille überlaut, und die grauen Wolken haben jeglichen Kontrast zum Rest der Welt verloren.

Im Vorgarten stehen jetzt weitere Leute in Schwarz, die …

Ich starre auf die Menschenmenge, spüre meinen wummernden Herzschlag, und dann … dann setzt eine Erkenntnis ein, die so furchtbar ist, dass es mir die Luft aus der Lunge treibt.

Das ist eine Beerdigung.

Verdammt noch mal, das ist eine Beerdigung.

Meine Gedanken überschlagen sich. Ehe ich wirklich realisiere, was ich da tue, trete ich das Gaspedal so heftig durch, dass die Beschleunigung mich in den Sitz drückt.

Was, wenn sie …

Was, wenn sie …

Was, wenn sie gestorben ist und ich niemals …

Nein.

Nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein.

Ich zwinge mich dazu, ruhig zu atmen und meinen Puls zu kontrollieren.

Atmen. Nicht den Bezug zur Realität verlieren.

Zählen. Bis zehn. Bis zwanzig. Noch mal.

Atmen, atmen … atmen.

Alle Emotionen, die ich jemals in meinem jämmerlichen Leben gefühlt habe, stürzen ineinander.

Ich schmecke Blut, höre Schreie, sehe dieses Bild in meinem Kopf, von dem ich nicht einmal weiß, ob es jemals real gewesen ist. Da ist nur noch dieses kleine Mädchen, das längst zur Frau geworden ist. Dieses Mädchen, das nicht gestorben sein darf, weil es mich sonst um das Einzige in meinem Leben betrogen hätte, das mir noch etwas wert ist.

Kapitel 3

Flora

Es dauert eine Ewigkeit, bis alle Gäste gegangen sind. Patti McMahon ist die letzte. Sie hatte so viele alte Geschichten über die gemeinsamen Bridge-Nachmittage mit Granny zu erzählen, dass ihr gar nicht aufgefallen ist, wie geschäftig ich um sie herum aufgeräumt habe. Vielleicht war es ihr auch schlichtweg egal, und sie wollte die kostbare Gelegenheit nutzen, endlich mal wieder in Gesellschaft von Menschen zu sein, die sie aus Pietätsgründen nicht vor die Tür setzen können.

Als ich endlich allein bin, lasse ich mich frisch geduscht und im Pyjama auf Grannys Samtsofa nieder. Es ist ziemlich durchgesessen und hat jede Menge undefinierbare Flecken, aber es ist so fest mit dem Innenleben dieses Hauses verwachsen, dass man es vermutlich nicht mal mit einer Abrissbirne von den Dielen lösen könnte. Granny hat immer gescherzt, dass jedes Haus seinen eigenen Charakter hat, und dieses hier hätte eben eindeutig eine Vorliebe für kitschige Samtstoffe.

Ich ziehe die Beine an, nehme Wilson auf den Schoß und lausche seinem leisen Schnurren, während ich nach dem blassblauen Brief auf dem Beistelltisch greife.

Wie vorhin drehe ich ihn zwischen meinen Fingern hin und her. Meine Tränen haben helle Spuren hinterlassen, aber die zarte Schrift auf der Rückseite ist so vertraut, dass es mir in den Fingern kribbelt, den Umschlag einfach aufzureißen. Andererseits … Wer weiß, was mich erwartet.

Es ist fast fünf Jahre her. Und trotzdem, obwohl so viel Zeit vergangen ist, nutzt Sarah noch immer das gleiche Papier, hat noch immer dieselbe, feingeschwungene Handschrift. Ich habe, nachdem ich aus der Dusche kam, die Kiste mit den alten Briefen vom Speicher geholt und sie mit diesem verglichen, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Weil ich bis zuletzt Sorge hatte, einer Täuschung erlegen zu sein, aber nein, die Briefe sind sich so ähnlich, als wäre kaum Zeit vergangen.

Trotzdem schaffe ich es nicht, diesen hier zu öffnen.

Mit einem frustrierten Laut lege ich den Umschlag wieder auf das Tischchen, starre darauf, nehme ihn schließlich erneut hoch und lege ihn dann doch wieder zurück.

Soll ich?

Soll ich nicht?

Wilson reibt seinen Kopf in meinem Schoß und erinnert mich schnurrenderweise daran, über meine Grübeleien seine Streicheleinheiten nicht zu vergessen. Kurz kraule ich noch gedankenverloren das dichte Fell des getigerten Katers, dann schiebe ich ihn trotz seiner Proteste beiseite und stehe auf.

»Wichtige Gespräche führt man bei Tee, Wils«, sage ich und sehe ihn an, als könnte er etwas erwidern. »Ich setze Wasser auf, und dann öffnen wir den Brief, okay?«

Der Kater hat wie immer keine Einwände, also gehe ich am Kamin und den übervollen Bücherregalen vorbei zum Seiteneingang in die Küche. Für einen kurzen Moment sind meine nackten Füße auf den rauen Holzdielen und das Ticken der alten Wanduhr die einzigen Geräusche in der Stille, dann mischt sich Wilsons leises Maunzen darunter. Er streicht mir um die Beine, als wollte er sich beschweren, dass ich zugunsten von etwas so Unwichtigem wie Teekochen seine Streicheleinheit beendet habe.

»Geht gleich weiter«, beschwichtige ich ihn und fülle den Kessel. Wenn ich wüsste, dass ich einschlafen könnte, hätte ich mich längst unter meiner Bettdecke verkrochen. Ich war nie jemand, der abends lange wach bleibt. Ich hatte immer einen guten Tag-Nacht-Rhythmus. Bis jetzt zumindest.

Während ich warte, dass das Wasser kocht, schalte ich zusätzlich zum schwachen Lichtschein aus dem Wohnzimmer die Lampe über dem Herd an. Draußen vor dem Fenster ist nur noch schwarze Nacht, finster und vollkommen mondlos.

Sie kommt mir mit jeder weiteren Sekunde, die ich hinausstarre, verschlingender vor. Und dann, ganz plötzlich, wirbeln die Schatten durcheinander. Einmal, zweimal. Kaum merklich, fast so, als würden sich Zeit und Raum für die Dauer eines Herzschlages gegeneinander verschieben.

Da war …

Da war etwas, oder?

Da war etwas in den Schatten.

Ich blinzle, versuche, in der Finsternis irgendwelche Konturen auszumachen, während meine Sinne auf Hochtouren laufen und fahre erschrocken zusammen, als es hinter mir ohrenbetäubend scheppert.

»Oh, Wilson! Ist das dein Ernst?«

Der Kater sitzt ungerührt da und blickt auf die Vase hinunter, die er bei seinem Sprung auf den Tisch zu Boden geworfen hat.

»Nicht schon wieder.« Hastig greife ich nach einem Trockentuch, um das Blumenwasser wegzuwischen, bevor es vom Tisch läuft und die Dielen aufweicht. »Pass auf mit den Scherben.«

Behutsam hebe ich den unbeirrten Kater hoch, damit er sich nicht die Pfoten schneidet. Auch wenn Katzen im Allgemeinen dafür bekannt sind, vorsichtig zu sein – was seine Tollpatschigkeit angeht, könnte Wilson locker als Hund durchgehen.

Er wehrt sich gegen meinen Griff und springt schließlich selbst vom Tisch, wobei er ein paar der Schnittblumen mitreißt, die noch an der Tischkante balanciert haben.

»Also wirklich, raus mit dir.« Ich verscheuche den Kater und will mich gerade daran machen, das Chaos zu beseitigen, als es an der Haustür klingelt.

Mitten in der Bewegung halte ich inne. Wasser tropft auf den Boden, während mein Puls von einer auf die andere Sekunde in die Höhe schießt. Mein Blick fällt auf die Uhr über der Küchenzeile.

Und noch während ich darüber nachdenke, dass es absolut zu spät für spontanen Besuch ist, fühle ich mich auf einmal beobachtet. Es ist ein grässliches Gefühl, das mir eiskalt den Rücken hinabläuft. Ich wünschte, ich könnte aus dem Fenster schauen, nachsehen, ob ich irgendetwas erkennen kann, aber ich traue mich nicht, den Kopf zu drehen.

Es klingelt wieder.

Was, wenn Layla und Jones sich ausgesperrt haben und dringend ihren Zweitschlüssel brauchen, weil die Zwillinge allein im Haus sind?

Ich nehme allen Mut zusammen, löse mich aus meiner Starre und spähe vorsichtig in den Flur.

»Hallo? Layla, bist du das?«, rufe ich und harre aus.

Keine Antwort.

»Layla?«

Verdammt, nein, das sind nicht Layla und Jones.

Rückwärts gehe ich in die Küche zurück, spüre den rasenden Herzschlag in meiner Brust und überlege fieberhaft, ob es in diesem Haus irgendetwas gibt, womit ich mich gegen Eindringlinge verteidigen könnte.

Klingeln Einbrecher überhaupt, oder kommen sie direkt rein?

Panisch scanne ich die Arbeitsplatte nach meinem Handy ab, finde es nirgends und habe auch keine Ahnung, wo ich es liegen lassen habe.

»Wilson?«, flüstere ich und mache einen weiteren Schritt rückwärts, der … einen solchen Schmerz durch meinen Fuß jagt, dass es sich anfühlt, als würde er in Flammen aufgehen. Ich unterdrücke mit Mühe ein Stöhnen und starre auf die Scherben am Boden, in die ich getreten bin. Heiß zieht es meine Wade hinauf, der Anblick des Blutes auf den Holzdielen macht es nicht besser.

Auf einem Bein humple ich zur Spüle und hole ein frisches Tuch aus dem Hängeschrank, um es unter dem Wasserhahn nass zu machen, lasse mich damit auf den Boden sinken und inspiziere meine Fußsohle. Es brennt höllisch, sieht aber glücklicherweise nicht aus, als würden noch Scherben in der zerschnittenen Haut stecken.

Mein Hinterkopf sinkt an die Schranktür, während mein Blick durch den Raum wandert. Es herrscht ein Chaos, als wäre die Küche in der letzten halben Stunde zum Drehort eines Horrorstreifens mutiert.

»Wilson?«, flüstere ich wieder und lausche ein weiteres Mal in die Stille, doch von Grannys Kater fehlt jede Spur.

Auch vor der Tür ist nichts mehr zu hören, die Schatten vor dem Fenster sind eine unbewegte Front. Ich drücke das Tuch fester auf meine Fußsohle, zwinge mich durchzuatmen und versuche, mir einzureden, dass es sicher eine rationale Erklärung für all das hier gibt. Ich meine, das ist Bishop’s Hope. Hier kennt jeder jeden. Hier laufen keine Einbrecher rum. Ganz sicher wird sich morgen alles aufklären.

Das tut es doch immer, oder?

Als der Schnitt an meinem Fuß endlich aufhört zu bluten, ziehe ich mich an der Arbeitsplatte hoch und beginne damit, das Handtuch auszuwaschen.

Ich sollte einfach ins Bett gehen und mal wieder richtig ausschlafen. Meinem Körper und meinem Verstand eine Pause gönnen nach all den Tagen, die ich auf Hochtouren gelaufen bin, um diese Trauerfeier über die Bühne zu bringen. Ich fühle mich, als wäre jede einzelne meiner Zellen im Ausnahmezustand, seit Granny tot ist.

Dabei bin ich so verdammt müde. So müde, dass mein Kopf mir womöglich einen Streich gespielt hat. Ich meine, wenn wirklich jemand vor der Tür gewesen wäre, dann hätte er doch auf mein Rufen geantwortet?

Vielleicht ist es einfach irgendein technischer Fehler gewesen. Ein Kurzschluss der Klingelanlage, das wäre nicht unmöglich.

Und je länger ich den Blutfleck im kalten Wasser ausreibe und darüber nachdenke, wie unsinnig es ist, dass mitten in der Nacht ausgerechnet bei mir jemand klingelt, desto wahrscheinlicher finde ich die Theorie, dass es einfach nur ein technischer Defekt gewesen ist.

Ein technischer Defekt, der leider nicht erklärt, warum ich mich noch immer merkwürdig beobachtet fühle.

Kapitel 4

Sawyer

»Die Arme ist vollkommen fertig.« Der Wirt, dessen Wangen so rot sind, als wäre er selbst sein bester Kunde, stellt das nächste gespülte Bierglas ins Abtropfbecken. »Tat mir einfach nur leid, wie sie da allein in der Kirchenbank saß, hat ja jetzt niemanden mehr«, ergänzt er und senkt dabei die Stimme so weit, als wäre diese Information einzig und allein für den anderen Mann bestimmt, der vor ihm an der Theke sitzt und innerhalb der letzten halben Stunde bereits sein drittes Bier bestellt hat.

Dabei bin ich es, den interessiert, was er zu sagen hat.

Ich, der hier an diesem kleinen Tisch in der Ecke sitzt und jedem Wort und jeder Geste dieser beiden Männer besondere Bedeutung beimisst. Sie reden über sie, da bin ich mir mittlerweile sicher.

Kneipen wie diese an Orten wie diesem sind die beste Brutstätte für Gerüchte und Tratsch jeglicher Art, deshalb bin ich hergekommen. Tja, was soll ich sagen? Ich musste nicht lange warten, bis sie mir auf dem Silbertablett serviert haben, was ich hören wollte.

Und weil sie mir mit jedem Satz immer mehr Puzzleteile für mein großes Ganzes liefern, lausche ich angestrengt und starre dabei in das Bier, das ich zwar bestellt, aber bisher nicht angerührt habe.

»Meinst du, sie bleibt in dem Haus wohnen?«, fragt der andere Mann.

Ich sehe hoch, betrachte sein Hemd, in dessen rauem Flanellstoff unzählige Sägespäne hängen, und sehe über den Tresen direkt in das aufgedunsene Gesicht des Barkeepers. Als mein Blick seinen trifft, sieht er sofort weg. Es macht ihn nervös, dass ich hier sitze, obwohl er mich nie zuvor gesehen hat. Oder vielleicht gerade deshalb. Man erkennt es an seinen Bewegungen, die immer fahriger werden, je länger ich ihn fixiere.

Die Atmosphäre hier drinnen ist seit meinem Erscheinen mehr als angespannt. Ich bin diesen Männern nicht geheuer, beiden nicht.

»Wäre mir neu, dass sie verkaufen will«, antwortet der Typ hinter der Bar, während ich in Gedanken zurück zu dem rosenbewachsenen Haus in der Violet Lane wandere. Zu der jungen Frau, die darin lebt und definitiv eine Entschuldigung verdient hätte, dafür dass ich sie durch ihr Küchenfenster angestarrt habe wie ein elender Stalker. Dabei wollte ich das gar nicht. Das war absolut nicht der Plan.

Aber dann gab es plötzlich diesen Krach, und ich … ich wollte nur nachsehen, was passiert ist. Ob ihr etwas zugestoßen ist. Ich habe die wildesten Szenarien vor mir gesehen. Dass ihr jemand wehtut, dass sie vielleicht Hilfe braucht, aber sie stand nur da, inmitten der Scherben, und hat sich so panisch umgesehen, dass mir ganz flau im Magen geworden ist.

Erst in diesem Moment ist mir wirklich in Gänze klar geworden, was ich da eigentlich gerade getan habe.

Kein normaler Mensch klingelt nachts an fremden Haustüren. Das macht man nicht. Nicht ohne Ankündigung.

Und dann habe ich das Blut gesehen.

Sie ist in die Scherben getreten.

Sie hat sich verletzt.

Sie hatte Angst.

Wegen mir.

Weil ich nicht aufgepasst habe.

Meine Schuld.

Meine Schuld.

MEINESCHULD.

»Hey, Sie! Alles klar da hinten?« Die laute Stimme des Barmannes holt mich aus meinem Film. Völlig perplex sehe ich auf und realisiere, dass ich nicht länger in der Violet Lane vor ihrem Fenster stehe. Mein Sichtfeld ist ausgefüllt von diesen zwei fremden Männern, die mich anstarren, als wären sie gerade ihrem schlimmsten Albtraum begegnet.

Ich reibe mir die schwitzigen Hände an der Hose ab und balle sie unter dem Tisch zu Fäusten.

Ich muss von hier verschwinden.

Das hier ist nicht richtig.

Ich bin schon lange nicht mehr richtig.

Das wird kein gutes Ende nehmen, weder für sie noch für mich.

Ich will gerade aufstehen und gehen, da wird die Tür geöffnet und ein junger Mann kommt herein. Er grüßt die anderen beiden, doch erst, als er seinen Mantel auszieht, erkenne ich ihn. Es ist der Reverend, der heute Nachmittag aus ihrem Haus gekommen ist.

Er legt den schwarzen Mantel über einen der vielen Stühle und setzt sich dann zu den beiden Männern auf einen freien Barhocker.

Was macht jemand wie er um diese Uhrzeit in einer Kneipe?

Ich beobachte ihn aus dem Augenwinkel, kann dem Gespräch aber nicht mehr folgen, weil sie jetzt so leise reden, dass ihre Stimmen nicht bis zu mir herüberdringen.

Trotzdem bleibe ich sitzen.

Es ist wie ein innerer Zwang. Als würde mein Kopf nach Informationen gieren, obwohl mein Körper viel zu ausgelaugt und erschöpft ist, um noch irgendetwas davon richtig zu verarbeiten.

Es dauert keine fünf Minuten, und ich werde für mein Durchhaltevermögen belohnt. Ohne, dass ich etwas tun muss, wird der Stuhl mir gegenüber mit einem scharrenden Geräusch unter dem Tisch hervorgezogen.

»Ich wollte mich wenigstens kurz vorstellen.«

Als ich den Blick hebe, sitzt der Reverend mir bereits gegenüber. Es scheint ihn nicht im Geringsten zu stören, dass ihn niemand dazu aufgefordert hat.

»Ich bin Reverend Myers. Eddie sagt, Sie sind schon länger hier. Was verschlägt Sie nach Bishop’s Hope, wenn ich fragen darf?«

Ich schaue den Mann an, gebe aber keine Antwort. Was soll ich auch sagen? Es gibt keine logische Erklärung für das, was ich hier mache. Keine jedenfalls, die einer wie er verstehen würde. Er mit seiner glatten Haut und seinen strahlenden Augen. Ein Licht in der Dunkelheit. Ein Retter für alle, die verlorengegangen sind.

Dass ich nicht lache.

»Entschuldigen Sie die Neugier, ich habe Sie hier bloß noch nie gesehen«, ergänzt er, als ihm klar wird, dass er von mir keine Begrüßungsrede zu erwarten hat. »Machen Sie Urlaub?«

Urlaub. Ich habe noch nie in meinem Leben Urlaub gemacht, ich werde jetzt nicht damit anfangen.

»Army, was?« Er deutet auf die Erkennungsmarke, die noch immer um meinen Hals hängt, als wäre sie mit mir verwachsen.

»Special Forces.«

»Da war mein Bruder auch.« Er lächelt, aber man kann ihm ansehen, dass er sich dazu zwingen muss. Ich frage nicht nach, warum er in der Vergangenheitsform spricht. Es gibt nur zwei Möglichkeiten dafür und ich weiß nicht, welche schlimmer ist: Im Kampf zu sterben oder für immer mit dem leben zu müssen, was man getan hat.

»Meine Mutter war jedenfalls heilfroh, dass zumindest einer ihrer Söhne einen friedvollen Beruf gewählt hat«, sagt er und ringt sich ein Zwinkern ab.

»Dann ist Ihre Mutter leider eine Heuchlerin, Reverend.«

Die beiden Männer an der Bar verstummen. Alles verstummt.

»Warum das?«

»Weil ich bei allem, was ich erlebt habe, immer nur dem Teufel begegnet bin und niemals einem Gott, der auch nur ansatzweise friedvoll gewesen wäre.«

Er verzieht das Gesicht, wirkt aber nicht verärgert.

Weil er sich das nicht vorstellen kann.

Weil er nicht weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die dunkelsten Abgründe der Menschheit gesehen hat. Mit eigenen Augen.

»Und trotzdem sitzen wir jetzt hier an diesem Tisch und sprechen miteinander.« Er sagt das, als würde dieser Umstand alles erklären. Als wäre ich hierhergeführt worden, um in seiner Gegenwart diesen einen, kostbaren Moment zu erleben, der mich zum Umdenken veranlasst.

Bullshit.

»Wir sitzen hier, weil ich jemanden suche und Sie sich nachts in Kneipen herumtreiben, Reverend. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Wen suchen Sie denn?«

»Wenn ich sie finde, lasse ich es Sie als erstes wissen.« Ich lehne mich in dem unbequemen Stuhl zurück, um die Arme vor der Brust zu verschränken. Es geht ihn nichts an, wen ich suche. Es geht niemanden etwas an.

»Sie waren vorhin in der Violet Lane«, sagt er und fixiert mich mit seinem forschenden Blick.

»Sie auch.«

»Ich habe einem verstorbenen Mitglied meiner Gemeinde die letzte Ehre erwiesen. Und Sie, Mr. …?« Er hebt auffordernd die Augenbrauen, mein Blick wandert über seine akkuraten blonden Haare, die hellblauen Augen und seine feingliedrigen Hände, die noch immer gefaltet vor mir auf der Tischplatte liegen, als hielte er eine Predigt. Von außen betrachtet muss es aussehen, als würden heller Tag und dunkelste Nacht sich gegenübersitzen.

»Was haben Sie vor Mrs. Crawleys Haus zu suchen gehabt?«, fragt er, schärfer diesmal.

»Sind Sie Reverend oder Sheriff?«

»Manchmal beides, wie mir scheint.«

Ich lege meine Hände ebenfalls auf den Tisch, lasse ihn die Narben und die tiefschwarzen Tätowierungen auf meinen Fingerknöcheln sehen. »Es ist also tatsächlich jemand gestorben.«

»Granny Crawley, Gott hab sie selig. Sind Sie ihretwegen hier?«

Crawley.

Crawley.

Granny Crawley.

Flora Crawley.

Flora Crawley.

Flora.

Flora.

Flora.

»Sir, sind Sie wegen Granny Crawley hier?«

Ich schaue hoch, brauche einen Moment, bis ich das Gesicht des Mannes vor mir scharfstellen kann, übergehe die Verwirrung in seinem Blick und schüttle dann langsam den Kopf.

»Nein. Nie gehört.«

Kapitel 5

Flora

Mittwochs wird eingekauft. Und das schon, solange ich mich erinnern kann. Ich habe keine Ahnung, warum es Granny so wichtig gewesen ist, immer mittwochs in den kleinen Supermarkt zu gehen, den Layla und ihr Mann Jones führen, aber ich habe auch nicht vor, mit dieser Tradition zu brechen.

Das winzige Glöckchen über der Tür klingelt, als ich eintrete. Hinter der Kasse ist niemand zu sehen.

Jones und Layla wechseln sich ab. Mal erwischt man ihn, mal sie. Heute hatte ich gehofft, sie anzutreffen. Eine leise Stimme kommt aus dem schmalen Durchgang hinter dem Kassentresen, der mit einem plüschigen Vorhang vom Rest des Supermarkts abgetrennt ist und den Hinterausgang sowie eine kleine Personalküche verbirgt. Ich habe dort mit Layla schon viele Tassen Tee in diversen Mittagspausen getrunken.

Weil sich nichts weiter tut, beginne ich mit meinem Einkauf. Ich suche Obst aus, ein bisschen Gemüse. Das, was gerade da ist. Natürlich könnte ich mich ins Auto setzen und ein paar Meilen weiter in den nächsten Superstore fahren, aber die wenigsten hier tun das. Was der Grund dafür sein dürfte, dass dieser völlig aus der Zeit gefallene Gemischtwarenladen noch nicht bankrottgegangen ist.

Vor dem Regal mit den Backzutaten bleibe ich einen Moment länger stehen und suche nach Vanillezucker für Grannys Plätzchen, als jemand hinter mich tritt und meine Hüfte anstupst. Es kommt so unerwartet, dass ich vor Schreck beinahe den Korb fallenlasse.

»Himmel, Layla!«

Sie grinst mich an. »Na? Ein bisschen schreckhaft heute Morgen?«

»Ich habe bloß nicht mit dir gerechnet. Du kannst dich doch nicht einfach so von hinten anschleichen. Ich hätte einen Herzinfarkt bekommen können.« Ich hebe eine Hand an meine Brust und fühle mein dem Infarkt nahes Herz sehr regelmäßig und kräftig schlagen.

»Dann bist du jetzt wenigstens richtig wach.«

»Darauf hätte ich verzichten können. Ich dachte schon, da ist …«

Sie legt den Kopf schief. »Wer?«

»Ich … was weiß ich. Hast du Vanillezucker da?«

Sie greift an mir vorbei und reicht mir zwei Päckchen, ohne überhaupt hinzusehen.

»Hier. Und jetzt sag mir, für wen du mich gehalten hast. Ist es etwa Myers? Wusstest du, dass er neuerdings auch mittwochs einkauft?«

»Was?«

»Reverend Myers.« Sie betont es so, als wäre es etwas unfassbar Anzügliches, dass Geistliche einkaufen gehen.

»Ja, und?«

»Er kommt normalerweise freitags, Flora. Aber seit Neustem sehe ich ihn immer mittwochs.«

Während sie noch neckisch mit den Augenbrauen wackelt, wende ich mich ab und gehe weiter den Gang entlang. »Hast du braunen Zucker?«

»Jetzt lenk nicht ab, warte mal.«

Schneller, als mir lieb ist, hat sie mich eingeholt und beginnt, meinen Korb mit den restlichen Zutaten zu füllen, die man für Grannys Vanilleplätzchen braucht. Dabei löst sie keine Sekunde ihren Blick von mir. Würde ich sie nicht so lange kennen, würde ich es gruselig finden. »Ich will ja nichts sagen, aber wenn ein Mann so plötzlich seine Gewohnheiten ändert, dann hat das doch etwas zu bedeuten.«

»Und diese Annahme nimmst du woher genau?«

Sie winkt ab. »Halt dich nicht mit solchen Kleinigkeiten auf. Hast du nicht bemerkt, wie er dich ansieht? Alle reden darüber. Ich weiß gar nicht, welches Thema aktuell heißer diskutiert wird: Du und Myers oder der komische Typ, der neuerdings im Bishop’s Inn rumgehängt.«

»Was?«

»Hast du’s noch nicht gehört? Jones Vater war auf ein Bier bei Eddie, da ist dieser Typ reingekommen. Hat sich wohl allein an einen Tisch gesetzt, düster dreingeschaut und komisches Zeug erzählt. Philipp glaubt, er wäre irgendwo entlaufen. Sie haben sogar die Vermisstenanzeigen durchsucht, aber er ist nicht aufgetaucht. Mysteriös, oder? Ich meine, was will so einer hier?«

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, also zucke ich nur mit den Schultern. »Urlaub? Vielleicht?«

»Wie in diesen schlechten Horrorfilmen«, flüstert Layla. »Er ist gekommen, den Geist seiner Ahnen zu rächen.« Sie lacht über ihre Unverfrorenheit, mir hingegen läuft es eiskalt den Rücken hinunter.

»Eddie meint, dass er vielleicht desertiert ist«, erzählt sie weiter. »Trägt wohl ein Tag von der Army um den Hals und hat mit deinem Myers über Himmel und Hölle gestritten.«

»Er ist nicht mein Myers.«

»Noch nicht.«

»Mein Gott.«

»Das sagt er bestimmt auch, wenn er einsam ist und an dich denkt.«

»Layla!«

Sie lacht. »Was denn? Eine Frau wird ja wohl noch Fantasien haben dürfen.«

»Aber doch nicht mit einem Geistlichen in der Hauptrolle.«

»Jetzt tu nicht so, als wäre Myers der Papst. Er ist ein ganz normaler Mann, der zufällig irgendwo auf seinem Lebensweg über diesen Talar gestolpert ist und jetzt die Bibel ein bisschen besser kennt als wir Normalsterblichen. Glaub mir, der liegt ganz sicher jede Nacht in seinem kalten Bett und stellt sich vor, wie …«

»Danke, Layla … es … es reicht. Ich hab’s verstanden.«

Sie hebt den Zeigefinger und bohrt ihn im Gehen in meinen Oberarm. »Du verstehst mich eben nicht, Flora. Er ist der heißeste Typ der Stadt und genauso single wie du. Also, schnapp ihn dir. Was hält dich auf?«

Was mich aufhält? Womöglich die Tatsache, dass mich noch nie in meinem Leben irgendetwas so richtig angetrieben hat? Oder dass ich es bisher nicht darauf angelegt habe und deshalb mit dreiundzwanzig noch immer ungeküsst durch die Welt laufe? Es gibt so viele Gründe, aber keinen davon wird Layla hören wollen.

»Ich weiß nicht. Das … Ich habe noch nie darüber nachgedacht, das ist alles.«

»Was?«, schreit Layla und lässt mich damit schon wieder zusammenzucken. »Hast du dir mal seine Schultern angesehen? Wenn er sich zum Altar dreht, vergesse ich zu beten. Und das sage ich als glücklich verheiratete Frau.«

»Lass das bloß nicht Jones hören.«

Sie grinst nur. »Glaubst du, der weiß das nicht? Er hat doch Augen im Kopf.«

Ich muss hier raus. Und zwar schnell.

Leider wird mir meine einzige Fluchtmöglichkeit genommen, als Layla vor mich tritt und mir den Einkaufszettel aus der Hand reißt. »Walnüsse, Nudeln … Spaghetti? Nein, lieber Rigatoni«, murmelt sie und beginnt, den Rest meiner Liste abzuarbeiten. Ich trage ihr den Korb hinterher, der mit jedem Gang schwerer wird.

»Ihr könntet wenigstens mal ausgehen, Flora«, lamentiert sie weiter. »Tu’s für uns. Für den Frieden von Bishop’s Hope.«

»Layla, ich …«

»Was denn? Du kannst dich nicht ewig zwischen deinen Dornenranken in deinem Schloss verstecken. Nicht, dass dich irgendwann statt dem Prinzen der böse Wolf holen kommt.«

Während sie über ihren Witz lacht, denke ich mit Schrecken an vorgestern Nacht zurück und kann geradezu spüren, wie sich bei dieser Erinnerung die Härchen auf meinen Armen aufstellen.

»Ich meine es nicht böse, das ist nur ein Rat unter Freundinnen.«

Und wenn es doch kein technischer Defekt war? Was, wenn ich recht hatte, und jemand war an meiner Tür?

»Flora? Hallo?«

»Was?«

»Ich habe gesagt: Ich würde dir nur einfach ein bisschen Spaß gönnen, das ist alles«, wiederholt sie in einem Ton, der unverkennbar deutlich macht, dass sie eine versöhnliche Antwort erwartet. Und was genau sie unter Spaß versteht.

»Es lebt sich auch ganz gut ohne, danke.«

Sie bekommt einen beinahe mitleidigen Blick. »Genau, und am Ende vereinsamst du uns noch völlig, Flora. In diesem Haus, ohne Granny, nur mit dem Kater.«

Was soll ich dazu sagen? Layla würde es nicht verstehen, das hat sie nie. Sie liebt Trubel, viele Menschen um sich herum, ständige Gespräche.

Kurz muss ich an den Brief denken, den ich noch immer ungeöffnet in meiner Manteltasche mit mir herumtrage. Ich habe ihn in der Nacht von Grannys Trauerfeier nicht geöffnet und am Morgen danach nicht, und jetzt … jetzt weiß ich nicht, ob ich ihn überhaupt jemals öffnen werde.

Mit Sarah konnte ich über so was reden. Über alles. Immer. Was, wenn das nicht mehr so ist? Was, wenn dieser Brief nichts weiter ist als der schmerzhafte Abschied, der mir bisher verwehrt wurde? Womöglich ist er damals irgendwo verlorengegangen und jetzt, fünf Jahre später, wie von Zauberhand wieder aufgetaucht.