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Er wird nie aufhören, nach dir zu suchen.
Quinn ist auf der Flucht. Hals über Kopf hat sie Portland verlassen, nachdem ihr Ehemann Harvey gedroht hat, sie umzubringen. Ihr Ziel ist es, seinen ehemaligen Dienstpartner Carter Morris zu finden. Mit seiner Hilfe will sie Harvey endlich zur Rechenschaft ziehen. Je näher sie Carter kennenlernt, desto mehr Vertrauen schöpft die emotional gebrochene Quinn. Etwas unendlich Zartes entsteht zwischen den beiden. Doch dann treffen Drohbriefe ein, und Quinn muss erkennen, dass auch Carter ein dunkles Geheimnis verschweigt ...
Der zweite Teil der düsteren Romance-Reihe mit Suchtfaktor – atemlos, spicy und voller Gefühl.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2026
»Du hast mal gesagt, dass du zu verzweifelt liebst, Carter. Aber weißt du was? Ich liebe auch verzweifelt. Weil das alles ist, was ich noch habe.«
Quinns Ehemann Harvey ist unberechenbar aggressiv und manipulativ – und Polizist. Als er sie in Lebensgefahr bringt, ist klar: Wenn sein Wort gegen ihres steht, kann sie nur verlieren. Also bleibt ihr nur ein Ausweg: die Flucht. In der Hoffnung, seinen ehemaligen Dienstpartner Carter Morris zu finden, macht sie sich aus Portland auf in die verschlafene Kleinstadt Bishop’s Hope. Carter ist so ganz anders als Harvey: liebevoll, zuvorkommend, zärtlich. Doch Quinn ahnt nicht, dass er Geheimnisse hat, die nicht nur sein Leben gefährden, sondern auch ihres …
Mimi Kylling wurde 1993 geboren und lebt mit ihrer Familie in der Lüneburger Heide. Sie schreibt für diesen besonderen Moment, wenn die Finger über die Tastatur fliegen, für das Kribbeln im Bauch, wenn aus Figuren Persönlichkeiten werden, und um all die Gedanken zu Papier zu bringen, die sie so lange mit sich herumgetragen hat. Ihre Geschichten sind bunt und vielfältig wie das Leben. Dabei schlägt ihr Herz immer für die gefallenen Held:innen – denn die leisesten Stimmen haben oft das Wichtigste zu erzählen.
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Mimi Kylling
Your Haunted Heart – Ich finde dich
Roman
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Motto
Hinweis zum Inhalt
Prolog
Kapitel 1: Quinn
Kapitel 2: Quinn
Kapitel 3: Quinn
Kapitel 4: Carter
Kapitel 5: Quinn
Kapitel 6: Quinn
Kapitel 7: Carter
Kapitel 8: Quinn
Kapitel 9: Carter
Kapitel 10: Quinn
Kapitel 11: Carter
Kapitel 12: Quinn
Kapitel 13: Quinn
Kapitel 14: Carter
Kapitel 15: Quinn
Kapitel 16: Carter
Kapitel 17: Quinn
Kapitel 18: Carter
Kapitel 19: Quinn
Kapitel 20: Carter
Kapitel 21: Quinn
Kapitel 22: Carter
Kapitel 23: Quinn
Kapitel 24: Carter
Kapitel 25: Quinn
Kapitel 26: Carter
Kapitel 27: Quinn
Kapitel 28: Carter
Kapitel 29: Quinn
Kapitel 30: Carter
Kapitel 31: Carter
Kapitel 32: Carter
Kapitel 33: Quinn
Kapitel 34: Carter
Kapitel 35: Quinn
Kapitel 36: Carter
Kapitel 37: Quinn
Epilog: Quinn — 4 Jahre später
Danksagung
Impressum
Für alle, die glauben, sie haben keine Liebe verdient.
Ihr verdient sie.
Alle Liebe dieser Welt.
Liebe Leser:innen,
bitte beachtet die folgenden Content Notes und nehmt zur Kenntnis, mit welchen potenziell triggernden Themen ihr in diesem Buch konfrontiert werdet.
In »Your Haunted Heart – Ich finde dich« findet ein Suizid statt, darüber hinaus gibt es Szenen, in denen Quinn durch ihren Ehemann häusliche Gewalt erlebt, daraus resultierend psychischen und physischen Missbrauch und Vergewaltigung.
Das Wichtigste ist eure psychische und körperliche Gesundheit, deshalb bitte ich euch, die Hinweise ernst zu nehmen und nicht weiterzulesen, solltet ihr merken, dass es euch mit den Inhalten der Geschichte nicht gut geht.
Noch nie habe ich so für jemanden empfunden wie für dich.
Du vertraust mir, nicht wahr?
Weil ich dir versprochen habe, dass ich herausfinde, wer du bist. Dass ich dir deine verlorenen Erinnerungen zurückbringe.
Die Erinnerungen an ein Leben ohne mich.
Ich wünschte, es würde mir nicht solche Angst machen.
Wie gut es sich anfühlt, mit dir in meinen Armen zu schlafen, von deinen Küssen auf meiner Haut aufzuwachen, dich so lange anzusehen, bis die zarte Röte deiner Wangen den Schmerz in deinen Augen überstrahlt.
Und ich kann es dir nicht einmal sagen.
Nichts von dem, was ich für dich empfinde.
Es ist zu früh, zu viel, zu unbedacht.
Es würde dir Angst machen.
Es würde dir Angst machen, wie dir alles Angst macht.
Ich sehe es in deinen hektischen Blicken, sobald ich zur Tür hereinkomme. An der Art, wie du mich musterst, daran, dass du den Atem anhältst, sobald ich lauter spreche.
Du hast Angst, dass ich dir wehtun könnte, nicht wahr? Dass ich der Nächste bin, der deine zarten Hoffnungen enttäuscht.
Dabei habe ich dir versprochen, dass du bei mir sicher bist, und du willst mir so gern glauben, aber dein Kopf und dein Herz sprechen nicht mehr dieselbe Sprache, habe ich recht?
Und, Baby, glaub mir, ich weiß verdammt gut, wie schwer das ist. Wenn man nicht mehr vertrauen kann, weil man schon viel zu lange nicht mehr weiß, wem. Wenn man sich nicht mehr erlaubt zu hoffen, weil Hoffnungen was für Träumer sind, für die, mit denen es das Schicksal gut meint.
Wir sind keine Träumer, wir beide.
Wir gehören zu denen, die nicht mehr wissen, was eigentlich noch von uns übrig bleibt, ohne all die Lügen.
Aber vielleicht reicht das.
Vielleicht müssen wir gar nicht wissen, wer wir sind und wer wir waren, weil ausreicht, wer wir beieinander sein könnten.
Vielleicht sollten wir die Trümmer nicht verteufeln, die sie aus uns herausgeschlagen haben, als sie uns zu denen gemacht haben, die wir heute sind. Vielleicht sollten wir uns ein Schloss daraus bauen, du und ich. Wir könnten die Tore schließen und uns nicht mehr darum kümmern, was die Welt da draußen von uns will.
Du würdest bei mir bleiben und ich bei dir.
Für immer, wenn du willst.
Kapitel 1
Mein Leben lang dachte ich, Liebe sei das Stärkste, was das menschliche Herz zu fühlen vermag.
Ich habe mich geirrt.
Es ist Angst.
Kapitel 2
Ich finde dich.
Drei Worte, die so hoffnungsvoll klingen.
Du wirst keinen Tag deines Lebens ohne mich sein.
Ich werde nie aufhören, nach dir zu suchen.
Es hätten sehnsuchtsvolle Versprechen sein können, wären sie geflüstert worden und nicht aus vollem Leib gebrüllt.
Ich werde niemals aufhören, nach dir zu suchen.
Und wenn ich dich gefunden habe … dann bringe ich dich
um.
Kapitel 3
Bishop’s Hope – 10 Meilen
Es ist das erste Schild, das in Sicht kommt, seit der Highway sich in engen Serpentinen durch den Wald windet. Über den Baumwipfeln geht langsam die Sonne auf, hier und da bricht sie bereits durch das dichte Blätterdach und schimmert in glutroten Reflexen über den dampfenden Asphalt.
Ein unwirklicher Anblick und ein unwirklicher Ort.
Vor der nächsten Kurve bremse ich ab und versuche, mich auf das zu konzentrieren, was vor mir liegt. Ich muss atmen.
Immer weiter atmen, ruhig bleiben, nicht die Nerven verlieren.
Keine Panik.
Keine Panik.
Trotzdem merke ich, wie meine Atemzüge schneller werden.
Dass es sich anfühlt, als würde zu wenig Sauerstoff in meiner Lunge und in meinem Kopf ankommen.
Meine Ärztin hat mich einmal gefragt, ob ich solche Panikattacken häufiger hätte. Ob es vom Stress käme.
Ich habe gelächelt und gesagt, dass ich nicht wüsste, was sie meint. Dass es mir gut ginge. Innerlich habe ich mich gefragt, wann ich eine so dermaßen gute Lügnerin geworden bin.
Ich atme, einmal, zweimal, versuche, mich auf die Straßenführung zu konzentrieren und das Pochen in meinem Gesicht zu ignorieren. Es gelingt mir nicht, weil es sich bereits viel zu tief in meine Knochen gefressen hat, in meinen Schädel und darunter.
Ein paar Meilen noch.
Ein paar Meilen, dann … Ich weiß nicht einmal, was dann ist. Wie es weitergehen soll. Was ich tun kann, damit das hier aufhört.
Ich habe es seit Stunden vermieden, mich im Rückspiegel anzusehen. Es reicht, dass ich fühle, wie meine linke Körperhälfte pocht und zieht. Wie heiß und geschwollen sich meine Wange anfühlt. Meine Wange, meine Schläfe, meine aufgeplatzte Augenbraue.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie Mom und Dad Penelope Miller angesehen haben, wann immer wir sie und ihren Mann zufällig im Garten getroffen haben. Die Millers haben meine gesamte Kindheit neben uns gewohnt, ich mochte sie sehr. Wir durften in ihrem Pool baden und waren zu ihren Barbecues eingeladen.
Bis zu dem Tag, an dem Mrs. Miller bei uns am Küchentisch saß, auf ihre Hände starrte und meinte, ihr blaues Auge stamme davon, dass sie gegen eine Tür gelaufen sei. Damals habe ich mir vorgenommen, höllisch aufzupassen, damit ich niemals gegen Türen laufe, denn Mrs. Miller sah schlimm aus.
Jetzt sitze ich in diesem Auto und wünsche mir, es wäre eine Tür gewesen. Türen treten nicht noch mal nach. Türen schreien auch nicht, und Türen sprechen keine Morddrohungen aus.
Bei der Erinnerung an Harvey, wie er oben auf dem Treppenabsatz steht und auf mich herabschaut, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter.
Angst ist etwas, das innerlich eskaliert, niemand sieht sie einem an. Niemand bekommt mit, wie einem das Herz bis zum Hals schlägt, wenn man diese ganz bestimmte Tonlage hört.
Wie die Hände feucht werden, wenn Schritte den Flur entlangkommen.
Wie man lernt, Stimmungen mit einem einzigen Blick abzuschätzen.
Angst ist still.
So, wie man selbst still wird, weil einem nichts mehr zu sagen bleibt.
Das tiefe Dämmerungsrot des Himmels weicht langsam einem zarten Rosaschimmer, der sich unter das Blau mischt. Ich habe nicht einmal eine Tasche dabei.
Immer wieder habe ich mir vorgestellt, wie ich gehen würde.
Ich habe mir gepackte Koffer ausgemalt, die schon im Flur stehen würden, wenn Harvey von der Arbeit nach Hause käme. Ich wollte das Kinn hochhalten und ihm in die Augen sehen und sagen, dass ich mich nicht länger so behandeln lassen würde und jetzt gehen werde.
Mir ist klar, dass es eine Utopie war. Aber der Gedanke daran, dass ich es tun könnte, hat mich am Leben gehalten. Ich habe mir vorgestellt, wie er sich entschuldigen und mir sagen würde, dass er sich ändern wird, und es dann auch wirklich getan hätte. Ich habe mir vorgestellt, dass es wieder so werden würde, wie es am Anfang unserer Beziehung gewesen ist. Dass wir uns nur verirrt hätten und wieder die werden könnten, die wir einmal gewesen sind.
Bei allen Varianten, die ich für unsere Zukunft durchgespielt habe, habe ich niemals vor mir gesehen, wie ich am Fuß der Treppe liege. Wie er zu mir heruntergepoltert kommt. Wie ich mich hochrapple und nach meinem Telefon greife. Wie er es mir aus der Hand schlägt und ich bloß noch den Schlüssel vom Brett an der Wand erwische. Den von Grannys altem Pontiac.
Wie mein Herz rast, weil ich nicht weiß, ob er nach all den Jahren in der Garage überhaupt anspringen würde.
Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ich im Hinausrennen nach meinem Portemonnaie auf der Kommode im Flur greife und darüber nachdenke, dass sich kaum Geld darin befindet.
Es waren wirre Gedanken, ohne wirklichen Zusammenhang, alle für sich allein.
In meiner Erinnerung fühlt es sich an wie ein Film und nicht wie etwas, das ich wirklich erlebt habe. Fern irgendwie, viel zu unwirklich.
Der Motor ist angesprungen, und ich bin einfach losgefahren.
Harvey stand vor der Garage auf dem Bürgersteig. »Hau ruhig ab!«, hat er gebrüllt. »Aber glaub ja nicht, dass ich dich nicht finde.«
Und wenn, dann wird es das letzte Mal gewesen sein, dass du abgehauen bist.
Das hat er nicht gesagt, aber ich konnte es in seinen Augen sehen. Und ich glaube es ihm. Ich glaube alles, was er sagt, denn Harvey macht keine leeren Drohungen.
Meine Hände sind mittlerweile so schwitzig, dass sie auf dem hellen Leder des Lenkrads Abdrücke hinterlassen.
Ich atme.
Und atme.
An der nächsten Biegung kommt mir ein Wagen entgegen.
Der erste seit einer halben Ewigkeit, eine dunkle Limousine. Ich schaue dem Fahrer in die Augen und denke erst viel zu spät darüber nach, was passiert, wenn jemand mich erkennt.
Jeder könnte eine Gefahr für mich sein.
Der Tankwart in Silver Springs, die Fußgänger an den Ampeln, an denen ich halten musste … der Fahrer dieses Wagens eben. Sie alle könnten mich erkannt haben.
Sie würden nicht zögern, diese Information weiterzugeben, wenn plötzlich die Polizei vor ihrer Tür stehen und ihnen ein Foto mit meinem Gesicht darauf zeigen würde.
Ich atme.
Und atme.
Dann drücke ich aufs Gas, weil ich mit jeder Sekunde, die vergeht, mehr das Gefühl habe, dass die Zeit gegen mich arbeitet.
Bilder davon, wie Harvey mir auf den Fersen ist, fluten meinen Kopf. Wie er in seinem Auto sitzt und mir folgt. Wie er stets nur einen Wimpernschlag hinter mir ist und darauf wartet, mich einzuholen.
Mein Herz pumpt noch heftiger.
Das darf nicht passieren.
Er darf mich nicht finden.
Ich atme und atme und atme, aber es kommt keine Luft mehr in meiner Lunge an, kein Sauerstoff. Nicht mal mehr ein bisschen. Gar nichts.
Meine Sicht verschwimmt, und mir wird schwindlig. Mein Blut pumpt und pumpt und rauscht mir in den Ohren.
Es war eine schlechte Idee, nach Bishop’s Hope zu fahren.
Was, wenn er nicht mehr hier ist?
Wenn er nie hier war?
Wenn ich mich verhört habe?
Wenn ich mich vertan habe?
Wenn er und Harvey noch immer … Freunde sind?
Was, wenn er mich verrät?
Wenn er Harvey sofort meldet, dass ich hier bin?
Mit unruhigem Blick schaue ich in den Rückspiegel, und erwarte fast, Harveys schwarzen Dodge schon hinter mir zu sehen.
Ich schaue wieder nach vorn und beschleunige weiter, als plötzlich Scheinwerfer im Rückspiegel auftauchen.
Es ist ein Polizeiwagen.
Meine Lunge pfeift, und in meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen. Ich werde ersticken. Hier und jetzt.
Nein.
Nein, das darf nicht sein.
Bitte nicht.
Ich sehe Harvey in seiner Uniform, sehe seinen kalten Blick.
Lauf weg, so weit du willst. Ich finde dich.
Ich finde dich überall.
Ich bin nicht so naiv, daran zu zweifeln, dass Harvey das wirklich schaffen würde. Er kennt einflussreiche Leute, pflegt seine Kontakte.
Viel zu lange starre ich in den Rückspiegel, trotzdem kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es wirklich sein Wagen ist.
Der, der immer in unserer Auffahrt stand, ein Symbol für Recht und Ordnung, während hinter verschlossenen Türen schon lange nichts mehr in Ordnung gewesen ist.
Nein, das ist nicht sein Wagen.
Ich schaue nach vorn.
Oder doch?
Noch ein Blick nach hinten, dann, ganz plötzlich, hupt es, laut und durchdringend. Als ich panisch wieder nach vorn schaue, bin ich bereits halb auf der Gegenspur.
Ich reiße das Lenkrad herum, der rote Kleinwagen, der mir entgegenkommt, hupt ein weiteres Mal. Das Polizeiauto schließt auf.
Verdammt. Verdammt, die werden mich anhalten.
Ich sehe mich, wie ich meine Papiere vorzeigen muss. Wie sie die Nummer des Wagens aufschreiben. Wie mein Name in den Polizeiberichten auftaucht, die in der Datenbank gespeichert werden.
Harvey wird nur danach suchen müssen und sofort wissen, wo ich bin.
Mit zittrigen Fingern angle ich mein Portemonnaie vom Beifahrersitz. Es ist alles, was ich mitgenommen habe. Das Einzige, was in greifbarer Nähe lag.
Und das Einzige, was mich sofort verraten wird.
Auf meiner Kreditkarte, meinem Führerschein, überall steht mein Name.
Hinter mir wird das Blaulicht eingeschaltet, mein Herzschlag galoppiert davon. Ich muss das Portemonnaie irgendwie verschwinden lassen. Mit ganzer Kraft schiebe ich es in den schmalen Spalt zwischen Sitz und Mittelkonsole.
Das Leder gibt nach. Scharfes Plastik reißt meine Fingerknöchel auf, mein Ehering bleibt irgendwo zwischen Polster und Metall stecken. Er gleitet mir so leicht vom Finger, als würde meine Hand sich weigern, das Relikt meines kaputten Ehelebens weiter zur Schau zu tragen.
Eine Sirene heult über den Highway, der Streifenwagen kommt immer näher.
Ich schaue zurück, versuche, durch die Heckscheibe ein Gesicht zu erkennen.
Verdammt, was wird passieren, wenn sie mein Gesicht sehen?
Wenn sie fragen, warum ich aussehe, wie ich aussehe?
Wenn sie merken, dass ich mich nicht ausweisen kann?
Was, wenn sie mich mitnehmen wollen?
Wenn sie …
Ich schaue nach vorn, nach hinten und wieder nach vorn, der Wagen gerät ins Schlingern. Ich will bremsen, gegenlenken, irgendetwas tun und schaffe es doch nicht, das Lenkrad zu bewegen.
Ein harter Ruck geht durch den Wagen, während die Welt um mich herum stehen bleibt. Da ist nur noch weißes Rauschen, in meinem Kopf, in meinen Ohren, vor meinen Augen, überall.
Weißes Rauschen und ein einziger Gedanke: Das hier ist das Ende.
Kapitel 4
Ich habe an diesem Morgen wirklich mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass in der letzten halben Stunde meiner Schicht noch etwas passieren würde.
Es wären ein paar Meilen bis in den Ortskern von Bishop’s Hope gewesen. Ich hätte die Übergabe mit meinen Kollegen gemacht, die Tür der Wache hinter mir zugezogen, mich zu Hause unter die Dusche gestellt und aufs Sofa gelegt. Und dann hätte ich endlich geschlafen, oder es zumindest versucht.
Jetzt zerfällt diese Vorstellung in ihre Einzelteile – ziemlich genau so wie der Wagen, der direkt vor mir mit einem Baum kollidiert.
Verdammt.
Mit einer Vollbremsung halte ich am Straßenrand, will per Polizeifunk Verstärkung und einen Rettungswagen anfordern, damit sie sich auf den Weg machen können, während ich Erste Hilfe leiste, doch bevor ich dazu komme, wird bereits die Fahrertür des Unfallautos aufgerissen und eine Frau stolpert heraus.
Ihrem Fahrstil nach vermutlich betrunken.
Ich springe aus meinem Wagen, im selben Moment, in dem sie auf die Knie stürzt. Sie wirft einen Blick über die Schulter, rappelt sich sofort wieder auf, stürzt jedoch erneut.
»Miss, bleiben Sie stehen!«, rufe ich ihr zu, doch sie hat sich schon wieder in Bewegung gesetzt. »Miss! Sofort stehen bleiben! Das ist eine polizeiliche Anweisung.«
Sie schleppt sich weiter, ich muss nicht einmal laufen, um sie einzuholen.
Direkt vor mir schlägt sie ein drittes Mal hart auf dem Waldboden auf. Der Saum ihrer Jogginghose ist bereits durchweicht vom feuchten Gras, ihr Pullover ist viel zu dünn für die kalte Morgendämmerung.
Um uns herum herrscht vollkommene Stille, nur ein leises Wimmern ist zu hören. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass dieses Geräusch von der Frau zu meinen Füßen kommt.
Sie hat die Knie an den Bauch gezogen und die Arme um ihren Kopf geschlungen, als würde sie davon ausgehen, dass ich mich sofort mit Gewalt auf sie stürzen werde.
»Miss, können Sie mich hören?«, frage ich vorsichtig. Sie reagiert nicht, aber ich kann sehen, wie sehr ihre Arme zittern, wie sehr ihr ganzer Körper bebt.
»Miss, sind Sie verletzt? Ist alles in Ordnung bei Ihnen?«, frage ich weiter und hocke mich neben sie. Sie kauert noch immer zusammengekrümmt auf dem Waldboden, an ihrer Schläfe klebt Blut. Ich strecke die Hand aus und will sie an der Schulter fassen, doch ehe ich mich zu ihr hinüberbeugen kann, stößt sie sich blitzschnell mit den Füßen ab und schiebt sich rückwärts ein ganzes Stück von mir weg.
»Miss, ist alles …« Ich breche mitten im Satz ab, weil sie den Kopf hebt und ich einen Blick in ihr Gesicht erhasche. In karamellbraune, weit aufgerissene Augen, in denen nichts als blanke Panik liegt. Die blutige Kruste auf ihrer Schläfe zieht sich über einen Schnitt in ihrer Augenbraue bis hinunter zu ihrer Wange. Sie ist geschwollen und dunkelrot verfärbt, ihre Lippe ist aufgeplatzt.
Ihr Blick huscht zwischen meinen Augen hin und her. Immer wieder, links und rechts, als wollte sie abschätzen, was ich als Nächstes tun werde. In diesem Moment geht mir auf, dass ich mich geirrt habe. Diese Frau ist nicht betrunken, sie hat nur einfach furchtbare Angst. Aber wovor?
Um Abstand zwischen uns zu bringen, richte ich mich auf und hebe die Hände. »Keine Sorge, Miss, ich will Ihnen nur helfen. Sie hatten einen Unfall«, erkläre ich, für den Fall, dass sie vielleicht verwirrt ist.
Sie nickt.
»Sie müssen ins Krankenhaus.« Ich deute auf ihr Gesicht.
Sofort schüttelt sie den Kopf.
»Aber Sie sind verletzt. Sie müssen untersucht werden.«
Sie starrt mich weiterhin an, diesmal ohne Reaktion, und ich ärgere mich darüber, nicht längst Verstärkung angefordert zu haben.
»Gehört der Wagen Ihnen?«, frage ich weiter und deute hinter mich in Richtung Straße, dorthin, wo irgendwo der verunfallte Pontiac stehen muss. »Ist ein schöner Oldtimer. Fahren Sie ihn schon lange?«
Erneut reagiert sie nicht, sondern schaut mich bloß an. Argwöhnisch und abwartend. Einen Moment studiere ich ihr Gesicht und frage mich, was mir so komisch daran vorkommt, bis mir ein Licht aufgeht.
Es ist nicht ihr Blick, es sind die Verletzungen.
Solche Schorfkrusten bilden sich nicht innerhalb von zehn Minuten. Blutergüsse von diesem Ausmaß auch nicht.
Und als hätte sie soeben realisiert, dass mir dieser Umstand aufgefallen ist, verändert sich der Ausdruck in ihren Augen, schwenkt von Argwohn zurück zu Panik. Eine Sekunde lang verharrt sie noch in ihrer Position, dann springt sie auf und läuft los. Diesmal mit einer Geschwindigkeit, die ich ihr niemals zugetraut hätte.
Ich hechte ihr nach, packe ihre Schultern und reiße sie von den Füßen. Sie geht mit einem Keuchen zu Boden, wehrt sich aber auch nicht weiter. Sie liegt nur da, als hätte der kurze Sprint sie bereits alle Kraft gekostet, die noch in ihr gesteckt hat. Trotzdem fixiere ich sie auf dem Boden und halte ihre Hände auf dem Rücken zusammen, um ihr Handschellen anzulegen.
»Miss, Sie sind unter Arrest. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden«, beginne ich mit den üblichen Belehrungen, die Vorschrift sind, wenn wir jemanden in Gewahrsam nehmen. Ein Gewahrsam, den sie hätte verhindern können, wenn sie nicht ständig weggelaufen wäre. Ich wollte nur Erste Hilfe leisten und ihr einen Krankenwagen rufen, jetzt muss ich sie abführen.
Aber egal, wie meine Einschätzung von dieser Frau ist, wenn mich der Einsatzdienst eins gelehrt hat, dann ist das Vorsicht. Und dass es für eine Flucht vor der Polizei oft gute Gründe gibt. Vielleicht hat es gar nichts mit ihr zu tun, sondern mit dem Wagen, von dem sie nach dem Aufprall gar nicht schnell genug wegkommen konnte. Sofort muss ich an Kofferräume voller Schmuggelware denken. Drogen für den Schwarzmarkt, irgendwelche illegalen Machenschaften.
»Sie haben das Recht auf einen Anwalt, wenn Sie sich keinen leisten können, wird Ihnen einer gestellt. Und jetzt hoch mit Ihnen.«
Das Metall der Handschellen klickt, ein Zittern geht durch ihren Brustkorb.
»Bitte nicht«, presst sie hervor, während ich sie auf die Füße zerre. »Ich habe nichts getan, bitte bringen Sie mich nicht auf die Wache. Ich kann weiterfahren, mir ist nichts passiert.«
»Sie können nirgendwohin fahren, Sie sind verletzt und stehen unter Arrest, Miss. Ich werde Verstärkung anfordern, Sie warten so lange im Wagen.«
»Bitte nicht.«
Frisches Blut läuft ihre Schläfe hinunter. Bei unserem kleinen Kampf eben muss die Wunde über ihrem Auge wieder aufgeplatzt sein. Ich bin kein Profi, aber wenn ich im Boxring solche Cuts hatte, mussten sie genäht werden.
Ich schiebe sie vorwärts, mit jedem Schritt sackt sie mehr in sich zusammen. »Miss, bitte gehen Sie weiter.«
»Mir ist schwindlig«, sagt sie und krümmt sich nach vorn.
»Kommen Sie, wenn wir bei meinem Auto sind, rufe ich einen Rettungswagen. Dann sehen wir weiter.«
Wieder schüttelt sie den Kopf.
»Das war keine Frage, Miss. Kommen Sie.«
»Nein. Ich kann nicht. Bitte.«
Ich greife fester um ihren Arm, sie sackt gegen mich.
»Bitte«, fleht sie, und ich wünschte, ihr Tonfall würde mich nicht so sehr treffen. Ich hasse die Bilder, die dabei in meinem Kopf auftauchen, die Hilflosigkeit, die ich niemals wieder fühlen wollte und die mich trotzdem noch immer heimsucht.
Und ich weiß, dass mich solche Befindlichkeiten im Dienst nicht beeinflussen sollten und dass ich zu jeder Zeit professionell agieren muss, dennoch lasse ich ihren Arm los und stütze sie stattdessen an der Schulter. Sie ist klein und leicht und trotzdem wiegt ihre Angst tonnenschwer.
»Ich will Ihnen nur helfen, Miss«, sage ich leise und bemühe mich wirklich, freundlich zu klingen. »Es ist niemand sonst zu Schaden gekommen, alles Weitere lässt sich klären. Sie brauchen keine Angst zu haben. Was Sie allerdings dringend brauchen, ist ein Arzt.«
Sie scheint im Kopf ihre Möglichkeiten durchzugehen, und ich kann förmlich dabei zusehen, wie sie eine nach der anderen verwirft. Auf ihrem Gesicht macht sich Resignation breit.
Mit einem Seufzen greife ich wieder sanft ihren Oberarm und lotse sie zu meinem Wagen, wo ich sie auf den Rücksitz verfrachte.
»Haben Sie Ihre Ausweispapiere dabei? Irgendwo in Ihrem Auto vielleicht?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Haben Sie wenigstens einen Namen für mich?«
Wieder Kopfschütteln.
Ich schließe die hintere Tür, setze mich auf den Fahrersitz und greife nach dem Funkgerät.
»Wagen 2627, 77 Silver Springs Richtung Bishop’s Hope, bitte um Unterstützung. Ich habe hier eine verletzte Frau, Verkehrsunfall, keine Beteiligten.«
Im Funk rauscht es. »Wagen 2627, hier Zentrale, Backup braucht …« Der Funkspruch bricht ab, es rauscht kurz. »20 Minuten.«
»20 Minuten?«, wiederhole ich mit Blick in den Rückspiegel. Die Wunde an der Schläfe der Frau ohne Namen blutet mittlerweile so stark, dass sich rote Schlieren von ihrer Wange bis über die Vorderseite ihres Pullovers ziehen.
»Der …«, fängt die Zentrale wieder an, bevor es erneut rauscht. »… im Einsatz.«
»Dann schickt bloß einen Abschlepper, ich fahre die Verletzte selbst.« Ich hänge das Funkgerät wieder in die Halterung und werfe einen weiteren Blick in den Rückspiegel. Mit Erschrecken stelle ich fest, dass der Kopf der Frau nach vorn hängt. Verdammt, nicht ohnmächtig werden.
»Miss«, frage ich mit Nachdruck. »Miss, hallo?«
Ich will gerade wieder aussteigen, da schaut sie mit einem Ruck hoch. Einen Sekundenbruchteil hängt ihr Blick in meinem, dann driftet er zur Seite. Ihr komplettes Gesicht ist in der Zwischenzeit noch schlimmer angeschwollen.
»Ich werde Sie jetzt ins Krankenhaus fahren.«
»Und das Auto?«, fragt sie leise.
»Gibt es irgendetwas, das Sie mir über den Wagen sagen möchten?«
Drogen im Kofferraum, illegale Waffenlieferungen, Schmuggelware jeglicher Art? … Leichenteile?
Und es ist bitter, das so zu sagen, aber alles davon habe ich schon im Dienst gesehen. Nicht hier im verschlafenen Bishop’s Hope, aber früher, in einem anderen Leben.
Bevor alles den Bach runtergegangen ist.
»Es gehört mir«, sagt die Frau auf dem Rücksitz. »Mehr gibt es darüber nicht zu wissen.«
Kapitel 5
Es ist erschreckend, wie tief die Spuren sind, die manche Dinge in unseren Leben hinterlassen.
Ich betrachte meinen linken Ringfinger, den Abdruck meines Eherings. Er hat sich über die Jahre in meine Haut gefressen, meinen Finger perfekt geformt für dieses Symbol niemals endender Liebe.
Ich habe daran geglaubt.
Ich habe wirklich daran geglaubt.
Und jetzt sitze ich blutüberströmt auf der Rücksitzbank eines Polizeiwagens und weiß nicht, wie ich mich aus dieser Lage hier noch retten soll.
Alles, was ich weiß, ist, dass ich niemals wieder nach Hause zurückkehren kann. Weil ich kein Zuhause mehr habe.
Ich wünschte, ich könnte einfach aufgeben. Eine weiße Fahne schwenken, einen Schritt zurückmachen und mich in Luft auflösen. Einfach von der Bildfläche verschwinden, für immer.
Dass das keine Option ist, versteht sich von selbst. Das Leben ist nicht so gnädig mit mir, war es noch nie. Mein Gesicht ist der Beweis dafür.
Ich starre aus dem Fenster, der Polizist setzt den Blinker und fährt auf den Highway. Grandmas Pontiac bleibt ebenso am Straßenrand zurück wie meine Zuversicht, denn wir biegen nicht nach Bishop’s Hope ab, sondern in die entgegengesetzte Richtung.
Ich schaue dem Straßenschild nach, meine linke Gesichtshälfte tut schrecklich weh. Sie pocht und zieht, und noch immer läuft ein feines Rinnsal Blut an meinem Kinn hinab. Es tropft ungehindert auf meinen Pullover, weil ich nach wie vor die Handschellen trage wie eine Schwerverbrecherin.
Mein Kopf ist schwer, der Schwindel macht es nicht besser. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, tausend Erinnerungsfetzen wirbeln durcheinander, an die letzten Jahre, die letzten Stunden, tausend Augenblicke auf einmal.
Die Bäume rauschen am Fenster vorbei, während im Wageninneren Stille herrscht. Ab und an wird sie von den Funksprüchen durchbrochen, die alle kaum verständlich sind.
Mein Blick trifft im Rückspiegel den des Polizisten. Ich hasse, wie er mich ansieht.
»Bis zum Community-Krankenhaus sind es nur fünf Minuten«, sagt er. Ich sehe weg.
»Können Sie mir in der Zwischenzeit erklären, wie es zu dem Unfall gekommen ist?«, fragt er, weil Wegsehen bei solchen wie ihm nicht reicht. Er ist Polizist, die haben ein Gen dafür, immer weiter zu bohren. Immer noch ein bisschen tiefer zu graben und sich niemals mit der naheliegendsten Antwort zufriedenzugeben.
Das passiert, wenn du mich anlügst, Quinn. Man lügt nicht, hat dir das niemand beigebracht?
Es war egal, ob ich gelogen oder die Wahrheit gesagt habe, ihm hat beides nicht gepasst. Er hatte sich seine Wahrheit jedes Mal schon zurechtgebogen, bevor ich mich überhaupt verteidigen konnte. Musste.
»Miss?«
Ich schüttle den Kopf, der Polizist seufzt. Er kann noch nicht besonders alt sein. Sein dunkelblondes Haar ist zerzaust, als hätte er eine lange Nacht hinter sich, aber die Hände, die das Lenkrad umfassen, sind glatt und makellos.
Ich drehe mich demonstrativ in Richtung Fenster, weil sein Blick im Rückspiegel schon wieder auf mich gerichtet ist.
Vermutlich versucht er gerade, sich meine Geschichte zusammenzureimen. Ich bin nicht sicher, ob ich wissen will, zu welchen Schlüssen er dabei kommt.
Wieder muss ich an Mrs. Miller und die Tür denken, gegen die sie damals angeblich gelaufen ist. Ich frage mich, was Mom über diese Geschichte gedacht hat. Ob sie sich vorgeworfen hat, nichts unternommen zu haben. Was sie sagen würde, wenn sie mich heute sehen könnte.
Der Polizist lässt mich erst aus den Augen, als wir auf den Parkplatz des Krankenhauses einbiegen. Er parkt direkt vor der Notaufnahme und ignoriert dabei das Schild, auf dem steht, dass nur dringende Krankentransporte dort halten dürfen.
Dann steigt er aus und öffnet die hintere Tür des Wagens. In den goldenen Strahlen der aufgehenden Sonne wirken seine Haare fast wie ein Heiligenschein. Ich frage mich, wie spät es mittlerweile ist.
Er schaut auf mich hinab und umfasst sanft meinen Oberarm.
»Geht’s?«, fragt er und zieht die Augenbrauen zusammen.
Ich bemühe mich, weder ihn noch die anderen Leute, die uns auf dem Weg ins Krankenhaus begegnen, anzusehen.
Du bist die Treppe runtergefallen, weil du ungeschickt bist, höre ich Harveys Stimme in meinem Kopf. Irgendwo aus den Untiefen meiner Erinnerung. Wehe, du blamierst uns jetzt und heulst bei den Schwestern rum. Du bist selbst schuld, das ist dir klar, oder?
Mit Mühe zwinge ich meine Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Es ist nicht Harvey, der neben mir läuft, und es ist auch nicht das Krankenhaus am anderen Ende von Portland, in das er mit mir gefahren ist, damit wir niemandem begegnen, den wir kennen.
Ich kann mich an keinen einzigen Raum erinnern, in den mich die Pflegekräfte gebracht haben, und an kein einziges Gesicht von irgendeinem der Ärzte, die damals meinen Fuß untersucht haben. Ich erinnere mich nur daran, wie schnell mein Herz geklopft hat, welche Panik ich hatte, dass sie die falschen Fragen stellen würden. Dass sie mich darauf ansprechen würden, was mir wirklich passiert sei, während der, der für all das verantwortlich war, direkt neben mir stand.
Harvey streichelte immer wieder über meinen Rücken, während wir darauf warteten, dass ein Röntgengerät frei wurde.
Ich habe genau gehört, wie das Pflegepersonal getuschelt hat, welche Blicke sie sich zugeworfen haben. Irgendwann kam eine von ihnen zu uns und bat mich zu einer Urinprobe. Harvey bestand darauf, mitzukommen, aber die Schwester meinte, es sei Vorschrift, dass ich die Probe allein abgebe.
Ich weiß, dass er vor der Tür gewartet hat, damit sie nicht ungestört mit mir reden konnten.
Ich konnte sie diskutieren hören, während ich drinnen vor dem Behälter mit den Bechern stand und das Schild las, das daraufgeklebt war.
Es gab einen Stickerblock mit kleinen roten Punkten. Sollte man Opfer von häuslicher Gewalt sein oder aus anderen Gründen Hilfe benötigen, sollte man einen Punkt auf die Urinprobe kleben. Das Krankenhauspersonal würde dann umgehend die Polizei verständigen.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Die Polizei wartete doch längst vor der Tür auf mich.
Später, als ich mit eingegipstem Fuß neben Harvey im Auto saß, war seine einzige Frage, was ich zum Abendessen kochen würde.
Ich spüre beinahe noch den Klang der Worte im Nacken und schaue auf den Boden. Auf die dreckverschmierte Jogginghose und die Gartenclogs, die ich mir in einem Tankstellenshop irgendwo hinter der Stadtgrenze von Salem gekauft habe.
Erst als wir an den Tresen der Notaufnahme treten, fällt mir auf, dass die Hand des Polizisten nicht länger meinen Arm umfasst.
»… Policedepartment in Bishop’s Hope, Ma’am«, sagt er gerade, und ich habe keine Ahnung, wie dieser Satz begonnen hat.
Die Frau erwidert etwas, doch alles ist merkwürdig verschwommen. Ihre Stimme, das Muster auf dem PVC-Boden.
Ich versuche, mich auf irgendetwas von dem Gespräch zu konzentrieren, aber das verwaschene Gemurmel der Stimmen wird zu einem Fiepen, lauter und lauter, Sterne tanzen vor meinen Augen, es dreht sich. Alles dreht sich … und wird schwarz.
»Miss? Hören Sie mich?« Eine Hand ruht auf meinem Arm, ich blinzle gegen die Schwere in meinem Kopf an und … wo bin ich? Der Wald, das Blaulicht … das Krankenhaus. Verdammt, bin ich noch im Krankenhaus? Das Deckenlicht blendet, der Geruch von Desinfektionsmittel steigt mir in die Nase.
Ich bin in einem Bett, oder zumindest auf einer Liege, noch immer umgeben von weißen Krankenhauswänden. Eine Pflegekraft beugt sich über mich und fühlt meinen Puls.
»Da sind Sie ja wieder«, sagt sie lächelnd. »Wie fühlen Sie sich?«
Was soll ich auf diese Frage antworten? Mein Leben liegt in Scherben? Ich habe Todesangst? Ich muss nach Bishop’s Hope, ich muss den finden, der …
»Haben Sie mich verstanden, Miss?«
Ich blinzle gegen die grelle Deckenbeleuchtung an und wünschte, ich könnte aufstehen. Weglaufen. Weit, weit weglaufen.
Eine zweite Pflegerin erscheint. Sie sieht erst mich an und wirft dann ihrer Kollegin einen vielsagenden Blick zu. Ich frage mich, wie viel Zeit vergangen ist, was ich verpasst habe.
Ein Schauer läuft über meinen Rücken bei dem Gedanken, dass sie in der Zwischenzeit vielleicht mein Portemonnaie gefunden haben, dass sie längst wissen, wie ich heiße, dass sie Harvey kontaktiert haben und er gleich durch die Tür gestürmt kommt.
»Hören Sie? Ihre Wunde muss genäht werden, und wir müssen ein paar Untersuchungen durchführen. Wir werden Sie zur Überwachung eine Weile hierbehalten. Ich muss nur eben in Erfahrung bringen, ob …«
Die Türen der Notaufnahme werden aufgestoßen und mehrere Liegen hereingefahren.
»Unfall auf der Interstate. Zwei Personen verletzt. Verdacht auf Wirbelsäulenfraktur. Viel Blutverlust.«
Weiteres Personal eilt heran, die Pflegerin, die eben noch meinen Puls gemessen hat, wirft einen Blick auf ihre Kollegen vom Rettungsdienst.
»Oder auch nicht«, schließt sie mit einem freudlosen Lächeln. »Lassen Sie mich trotzdem kurz nachsehen, ob wir schon ein freies Zimmer für Sie haben. Ich fahre Sie so lange in einen Warteraum. Es könnte sein, dass es noch einen Moment dauert.« Routiniert schiebt sie meine Liege an der Menschentraube vorbei, die sich um die Unfallopfer kümmert, mein Blick wandert über Platzwunden in einem fremden Mädchengesicht. Ihre Augen sind geschlossen, meine brennen.
Wir fahren in einen Nebenraum, die Tür wird hinter meiner Liege geschlossen. Sekunden später tritt der junge Polizist von vorhin neben mich. Draußen werden Schreie laut, jemand ruft nach Hilfe.
Die Pflegekraft atmet durch und wendet sich an den Officer. »Würden Sie bitte kurz mit mir kommen? Ich hole eben die Papiere, vielleicht wären Sie so nett und würden die junge Dame beim Ausfüllen unterstützen.«
Er nickt, dann folgt er ihr aus dem Raum.
Kurz darauf kehrt er mit einem Klemmbrett zurück und lächelt mir aufmunternd zu.
Ich würde gern glauben, dass es ein aufrichtiges Lächeln ist, aber wer weiß das schon? Was ehrlich ist und was gespielt?
»Ganz schön viel los hier, was?«, fragt er und rückt den Stuhl aus der Ecke neben meine Pritsche.
Es ist kalt hier drinnen. So kalt, dass ich beginne, am ganzen Leib zu zittern. Der Officer sieht sich um, findet aber anscheinend nicht, was er sucht.
Nach kurzem Zögern öffnet er seine Jacke und zieht sie aus, um sie mir überzulegen.
»Werden Sie mir bloß nicht wieder ohnmächtig«, sagt er mit gespielter Strenge und zieht den Kragen der schweren Jacke bis unter mein Kinn. So weit, dass ich seinen Geruch in der Nase habe. Er hängt zwischen den Nähten des Polyesters fest, herb und frisch und viel zu intim dafür, dass dieser Mann mir vollkommen fremd ist. »Da vorne hat gerade niemand Zeit für uns, und ich bin wirklich kein Profi in Erster Hilfe. Sagen Sie es nur nicht weiter.«
Ich weiß genau, was er da tut. Er versucht, Nähe herzustellen, mich in Sicherheit zu wiegen, zu deeskalieren, bevor es überhaupt wieder eskalieren kann. Sie lernen das in ihrer Ausbildung.
Ich schüttle den Kopf.
Mit einem nachsichtigen Zwinkern greift er nach dem Klemmbrett, das er auf seinem Schoß abgelegt hat. Die Handschellen muss er mir irgendwann während meiner Bewusstlosigkeit abgenommen haben.
Die Tatsache, dass ich selbst das nicht mitbekommen habe, beruhigt meinen rasenden Herzschlag nicht gerade. Keine Ahnung, was sie noch alles mit mir gemacht haben. Sofort spüre ich eine vertraute Enge in meiner Brust. Ich hasse dieses Gefühl, den Kontrollverlust, der damit einhergeht.
»Falls es Sie beruhigt, Sie stehen nicht länger unter Arrest. Ihr Wagen ist bei uns auf dem Revier«, sagt der Polizist und löst den Kugelschreiber aus der Metallklammer des Bretts. »Trotzdem habe ich noch einige Fragen und kann Ihnen bei der Gelegenheit helfen, diese vielen Formulare hier auszufüllen. Sagen Sie mir Ihren Namen?« Mit Blick auf die Krankenhausunterlagen wartet er auf meine Antwort.
Wie?
Wie soll ich ihm eine geben?
Ich kann nicht.
Ich kann den Mund nicht öffnen, und ich kann die beiden Wörter nicht aussprechen. Vor- und Nachname. Der offizielle Beweis dafür, dass ich hier war.
Vielleicht sollte ich mir einfach einen neuen Namen ausdenken. Irgendeinen, damit sie Ruhe geben. Doch noch bevor ich mich entschieden habe, wird die Tür aufgerissen.
Die Pflegerin von eben kommt herein. »Gute Neuigkeiten, wir nähen Sie jetzt. Bitte entschuldigen Sie das Hin und Her.«
Doch ihr Lächeln gilt gar nicht mir, sondern dem Polizisten auf dem Besucherstuhl.
Er lächelt zurück. »Na dann mal los«, sagt er, als wäre es ganz klar, dass er mich auch dabei begleiten wird.
Obwohl das vermutlich das normale Standardprozedere in Fällen wie meinem ist, wünschte ich, er würde gehen. Ich wünschte, sie würden alle gehen und mich allein lassen. Ich wünschte, ich hätte die Kraft, mich auf die Seite zu drehen und mich auszuklinken, einfach nur liegen zu bleiben und zu warten, bis alles vorbei ist.
Dieser Tag, die Untersuchungen, dieses Leben.
Mit jeder Sekunde verliere ich mehr die Kontrolle über etwas, das noch nie unter Kontrolle gewesen ist.
Mein behelfsmäßiges Bett wird angeschoben, sofort kehrt der Schwindel zurück. Ich schließe die Augen, und als ich sie wieder öffne, bin ich in einem Untersuchungsraum.
Alles in mir will die Beine von der Liege schwingen und losrennen, weglaufen, irgendwohin, wo es sicher ist.
Krankenhäuser sind nie sicher.
Hier haben die Menschen ihre Augen und Ohren überall. Sie werden dafür bezahlt, Fälle wie meinen von normalen Unfällen zu unterscheiden, die Behörden zu informieren, Leben zu retten.
Ich weiß nicht, ob ihnen bewusst ist, dass es das manchmal nur schlimmer macht.
Einmal musste ich Harvey davon überzeugen, dass ich mit meinem Gynäkologen wirklich bloß ein normales Patientengespräch geführt hatte. Er war der festen Überzeugung, ich hätte mit dem Doktor geflirtet, und der hätte meine Versuche erwidert. Er würde so etwas erkennen, er wäre schließlich auch ein Mann, und ich eine Hure, schon allein weil ich mich von männlichen Ärzten untersuchen ließe. Ich hatte bis zuletzt gehofft, er würde im Wartezimmer sitzen bleiben.
Danach musste ich zu einer Frau wechseln. Harvey kam trotzdem weiterhin mit.
Und auch jetzt ist es wieder einmal ein Arzt, der eintritt. Er ist groß und breit, und ich schlage reflexartig die Augen nieder.
»Dr. Sharif«, sagt er und schüttelt erst dem jungen Officer die Hand, der noch immer an meinem Fußende steht, dann wendet er sich mir zu.
In meinem Bauch ballt sich eine diffuse Angst zusammen, weil seine Stimme so sanft klingt.
Alle hier sind freundlich.
Es wäre mir lieber, sie würden mich anschreien, mich schlecht behandeln oder einfach ignorieren. Gemeinheiten kann man nicht falsch interpretieren. Nettigkeiten hingegen …
Kein Mann ist einfach so nett zu Frauen, hat Harvey immer gesagt. Du brauchst gar nicht so zu tun, als würdest du das nicht wissen, Quinn. Verarsch mich nicht.
Er tat immer so, als würde ich mit Absicht die Aufmerksamkeit fremder Männer auf mich ziehen wollen. Dabei war das nie mein Ziel, aber es ließ sich eben nicht immer vermeiden. Der Kassierer im Supermarkt grüßt einen, der Monteur in der Autowerkstatt, der Angestellte am Bankschalter. Doch statt mich darüber zu freuen, hatte ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Als könnte Harvey mir jedes freundliche Wort, jeden unbedeutenden Small Talk ansehen, wenn wir abends zusammen am Tisch saßen.
Und jetzt ist Harvey nicht einmal hier und gleichzeitig ist er es doch. Er ist immer da, hat sich in meine Gedanken hineingefressen, ist die Stimme in meinem Kopf.
Er wäre sicher stolz, wenn er das wüsste.
Du bist eben alles für mich, Quinn, hat er gesagt. Du bist meine Königin, der Mittelpunkt meines Lebens. Ich mache mir Sorgen um dich, wenn sie dich so ansehen, das ist alles.
Wie krank das eigentlich ist, konnte ich viel zu lange nicht sehen. Ich habe mich immer für etwas Besonderes gehalten. Für die eine, die es tatsächlich geschafft hat, einen Mann wie Harvey Rivera an sich zu binden.
Mein Gott, ich habe ihn so geliebt.
Seine tiefen Blicke und seine viele Aufmerksamkeit, die zum ersten Mal überhaupt nur mir allein galt. Er war immer da. Immer, wenn ich ihn brauchte, und auch, wenn ich ihn nicht brauchte.
Damals. In einem anderen Leben, in dem es nur uns gab und keine aus der Luft gegriffenen Unterstellungen oder die Blicke von anderen Männern, an denen ich schuld gewesen bin. Oder meine Ansprüche, die ich noch hatte, obwohl er doch der von uns war, der so viel arbeiten musste. Oder die Tatsache, dass ich egoistisch genug gewesen bin, um dienstags zum Tanztraining zu gehen, ohne daran zu denken, dass er dann allein zu Abend essen musste.
»Haben Sie noch Fragen?«
Ich schaue hoch in die dunklen Augen des Arztes und schüttle den Kopf, dabei habe ich keine Ahnung, was er überhaupt gesagt hat.
Wäre ich nur in Portland geblieben. Wäre ich nur …
»Dann werden wir die Stelle jetzt betäuben, okay?«, sagt er und lässt sich von einer Pflegerin eine Spritze reichen.
»Da haben Sie sich aber einen ganz schönen Schnitt zugezogen, meine Liebe. Wobei denn, wenn ich fragen darf?«
Ich bin gegen eine Tür gelaufen.
Ich bin gestolpert.
Ich habe nicht aufgepasst.
»Sie hatte heute Morgen einen Unfall auf der 77. Ich habe sie hergefahren, weil alle Rettungswagen im Einsatz waren«, sagt der junge Officer und wirft mir ein Lächeln zu.
»Und die anderen Verletzungen?«
Er fragt das einfach so.
Einfach so geradeheraus, während er mein Gesicht abtastet. Im Raum wird es still. Die Helferin, der Officer – es ist, als würden sie allesamt die Luft anhalten und nur darauf warten, dass ich diesem fremden Arzt meine komplette Lebensgeschichte erzähle.
»Das wird jetzt kurz wehtun.«
Ich spüre die Spritze kaum. Er sollte noch mehr von diesem Zeug in mich hineinpumpen. So viel, bis alles vollkommen gefühllos wird. Mein ganzer Körper, mein Herz, alles.
»Die Blutergüsse sind älter, nicht wahr?«
Er formuliert es wie eine Frage, dabei ist es nicht wirklich eine. Er kennt die Antwort bereits, also weiche ich seinem Blick aus und schweige.
Trotzdem ruhen ihre Blicke weiterhin auf mir. Der mitleidige der Pflegerin und der kritische des Arztes.
Der nachdenkliche des jungen Officers.
Ich könnte mich gar nicht entscheiden, welcher davon der schlimmste ist.
Nachdem die Wunde gesäubert und genäht ist, überprüft der Arzt noch meine Reflexe, meine Pupillenreaktion und tastet meinen Kopf ab. Anschließend zieht er seinen Arzthocker heran und setzt sich so vor mich, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als in sein Gesicht zu sehen. »Michelle?«, sagt er, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Geben Sie uns einen Moment bitte.«
Alle verlassen den Raum.
»Miss?«
Ich weiche seinem Blick aus und konzentriere mich stattdessen auf das Namensschildchen an der Brusttasche seines Kittels. Dr. Sharif, lese ich und betone es im Kopf so, wie er es vorhin ausgesprochen hat. Mit weichem A und zischendem F.
»Würden Sie mir erzählen, woher Sie die Verletzungen haben, Miss …?«
Er lässt das Ende offen, damit ich es mit meinem Namen fülle.
Ich kann nicht.
Ich kann nicht, weil … Er würde ihn sofort dem Officer sagen, und der würde ihn in seinen Bericht schreiben, und dann wäre er überall in den Datenbanken der Polizei. Ärztliche Schweigepflicht hin oder her, ich bin nicht so naiv zu glauben, dass vertrauliche Gespräche in Fällen wie meinem wirklich vertraulich bleiben.
»Miss«, sagt Dr. Sharif. Vorwurfsvoller jetzt. »Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mit mir sprechen.«
Er weiß nicht, dass er mir überhaupt nicht helfen kann. Egal, ob ich spreche oder nicht.
Aus genau diesem Grund tue ich es nicht. Ich werde mich an meinen ursprünglichen Plan halten. Ich hatte meine Gründe, nach Bishop’s Hope zu fahren. Daran werde ich festhalten.
Mit einem Seufzen dreht Dr. Sharif sich wieder zur Tür. »Michelle?«, ruft er.
In Bishop’s Hope lebt der einzige Mensch, der mir noch helfen kann. Der Einzige, der Harvey womöglich so kannte, wie ich ihn kenne. Der Einzige, dessen Aussage man glauben würde – weil er ein Mann ist, weil er mit Harvey gearbeitet hat. Ein Cop, ein Mann des Gesetzes.
Er ist meine einzige Chance.
Wer sollte mir sonst helfen? Die Polizisten in Portland, die ihrem Kollegen Harvey sofort davon erzählt haben, dass ich dort war und sie um Hilfe gebeten habe?
Als er nach Hause kam, war er wütend wie nie zuvor.
Wie stehe ich denn jetzt da?, hat er gebrüllt. Ich war im Schlafzimmer, ohne Fluchtmöglichkeit. Wie kannst du es wagen, mich so zu blamieren? Er stand in der Tür, schnaubend wie ein Stier und mindestens ebenso kräftig. Du lernst es nicht, oder? Macht es dir Spaß, mich zu provozieren? Ja?
Mein Fehler war, genau in diesem Moment wegzusehen. Ich erinnere mich nur noch, wie ich auf dem Bett gelandet bin.
Der Rest ist graue Masse in meinen Erinnerungen.
»Ja?« Die Tür des Untersuchungsraumes wird aufgerissen, und die Pflegerin von eben steckt den Kopf herein.
»Wir brauchen noch ein Röntgenbild und ein CT von ihrem Kopf. Schauen Sie bitte mal, ob wir das heute noch reinkriegen.«
Erst jetzt wird mir klar, was es bedeutet, wenn ich tatsächlich hierbleiben muss. Harvey hat gute Kontakte. Bis morgen wird er mich mit Sicherheit aufgespürt haben. Und dann sitze ich in der Falle.
Ich muss nach Bishop’s Hope kommen, irgendwie.
Ich will mich aufrichten, aus dem Bett aufstehen, aber sofort wird mir schwarz vor Augen. Im nächsten Moment schließen sich zwei sanfte Hände um meine Oberarme.
»Miss, bleiben Sie bitte liegen. Sollen wir jemanden für Sie kontaktieren?«
»Ich muss …«, beginne ich und höre mich selbst nur noch durch ein merkwürdiges Rauschen. »Ich muss zu …«
»Officer Morris!«, sagt die Pflegerin, als die Tür ein weiteres Mal geöffnet wird.
Abrupt sehe ich auf.
Nein.
Nein, nein, nein, das kann nicht wahr sein.
In der Tür steht der Mann, der mich hierhergefahren hat, der junge Polizist mit den wilden Haaren und dem besorgten Blick. Der, der an meiner Seite gewartet und mir seine Jacke gegeben hat.
Das kann nicht sein.
Es kann nicht sein, dass er …
»Officer Morris?«, frage ich zittrig, höre mich selbst aus der Ferne, während mein gesamter Körper kribbelt. »Officer … Carter Morris?«
Er nickt und macht einen Schritt in den Raum. Und wieder wird alles schwarz.
Kapitel 6
Die Sonne steht tief, als ich die Augen aufschlage. In dem Krankenzimmer, in dem ich liege, brennt schummriges Licht.
Es dauert einen Moment, bis sich die Bruchstücke der letzten Tage in meinem Kopf zusammensetzen. Mein Streit mit Harvey, seine Drohungen, meine Fahrt in Grandmas altem Wagen. Die vielen Lichter und die endlosen Gedankenspiralen. Das weiße Rauschen, Ärzte, Untersuchungen … mein Unfall.
Alles ist gut, schlafen Sie ruhig, Miss.
Bin ich wirklich eingeschlafen?
O Gott, ich bin wirklich eingeschlafen.
»Miss? Alles in Ordnung?«, fragt eine tiefe Stimme neben mir, die mir in den letzten Stunden auf schmerzliche Weise viel zu vertraut geworden ist. Mit Mühe drehe ich den Kopf zur Seite und sehe den jungen Officer neben meinem Bett sitzen. Carter Morris.
Das ist Carter Morris, wegen dem ich all die Stunden von Portland bis hierher gefahren bin. Jetzt hat das Schicksal ihn mir auf dem Silbertablett serviert.
Aber das ist noch lange kein Grund zur Freude.
Wenn Dinge so einfach ins Rollen kommen, enden sie meistens in einer tödlichen Lawine. In meinem Kopf tauchen plötzlich Bilder davon auf, wie Officer Morris den Raum verlässt und Harvey anruft, sobald er herausgefunden hat, wer ich bin. Weil sie womöglich noch immer in Kontakt stehen, ihn über die Jahre nie verloren haben, obwohl Harvey so froh war, als ihm ein neuer Dienstpartner zugeteilt wurde.
Gott sei Dank ist der Scheißkerl endlich weg, höhnt seine Stimme in meinem Kopf. Auf nimmer Wiedersehen, Carter Morris.
Trotzdem: Meinungen können sich ändern.
Harveys Meinung hat sich ständig geändert, man wusste nie, was in seinen Augen gerade richtig war und was falsch. In seiner Gegenwart war alles ein Risiko, vielleicht gilt für Carter Morris dasselbe.
»Wie fühlen Sie sich?«, fragt der jetzt und richtet sich in dem Stuhl auf, in dem er geschlafen haben muss. Seine Augen sind gerötet und seine Haare noch zerzauster als vorher.
»W… warum?«
Er reibt sich über die Stirn und lacht leise. »Weil Sie in den letzten zwölf Stunden zweimal das Bewusstsein verloren haben, Ihr Gesicht aussieht wie nach einem Boxkampf und Ihr Oldtimer das Zeitliche gesegnet hat.«
»Ich kann mich nicht erinnern, wie der Unfall passiert ist«, sage ich und forsche in seinem Gesicht nach Anzeichen dafür, dass er mir die Lüge ansieht. Dass er längst durchschaut hat, wer ich bin. Ich finde keine. Da ist nur dieses sanfte, viel zu freundliche Lächeln.
»Ja, Dr. Sharif meinte, dass das passieren kann. Erinnern Sie sich denn an irgendetwas, was danach war?«
Ich schüttle den Kopf.
»Möchten Sie vielleicht einen Schluck trinken? Die Pflegerin hat gesagt, ich soll Ihnen was anbieten, wenn Sie aufwachen.« Er deutet auf die Karaffe auf meinem Nachttisch. Erst jetzt fällt mir der Monitor daneben auf und der Clip, der an meinem Finger steckt.
Das Bett neben mir ist belegt. Die alte Dame, die darin schläft, sieht zwischen den weißen Laken so winzig und eingefallen aus, dass man sie im Schummerlicht nur mit Mühe erkennen kann.
Officer Morris beugt sich zu meinem Nachttisch hinüber und schenkt mir ein Glas Wasser ein, obwohl ich seine Frage gar nicht beantwortet habe. Das Knarzen der ledernen Sitzfläche mischt sich mit dem leisen Piepsen des Überwachungsmonitors.
»Wollen Sie?«
Ich schüttle den Kopf und frage mich, warum er überhaupt noch hier ist.
»Müssen Sie mich mit auf die Wache nehmen?« Mit eiskalten Fingern ziehe ich die Decke höher und beobachte, wie er gedankenverloren das unberührte Wasserglas auf dem Beistelltischchen umherschiebt.
»Wir werden Ihren Fall dokumentieren müssen, ja. Aber nicht heute. Jetzt müssen Sie erst mal wieder fit werden. Sie haben ein paar ziemlich starke Prellungen an den Rippen, sagt Dr. Sharif. Wenn Sie Schmerzmittel brauchen, sollen Sie Bescheid sagen.«
Ich hasse es, dass ich nicht weiß, was passiert ist, während ich weggetreten war. Worüber sie geredet haben, wie viel sie wissen, was sie sich zusammenreimen, wen sie informiert haben. Über meinen Kopf hinweg, so wie das Leben irgendwie immer über meinen Kopf hinweg passiert.
»Dr. Sharif sagt außerdem, dass Ihre Verletzungen schon vor dem Unfall entstanden sein müssen. Erinnern Sie sich noch an die Untersuchung?«
»Sind Sie deshalb hier?«, frage ich. Genauso leise wie vorher. Am liebsten würde ich gar nicht sprechen. Am liebsten wäre mir, er würde einfach gehen. Ich liege zwar in einem Bett, doch in Wahrheit stehe ich mit dem Rücken zur Wand.
Aber natürlich geht er nicht, sondern betrachtet mich weiterhin eingehend. Fast, als wollte er mir damit die Chance geben, doch noch zu reden. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit schüttelt er den Kopf. »Wir wussten nicht, wen wir kontaktieren sollen, Sie hatten nichts bei sich. Die Pflegekräfte haben keine Zeit, und ich … ich wollte nicht, dass Sie allein sind, wenn Sie aufwachen.«
»Wie spät ist es?«
Er dreht sich um, findet aber keine Uhr an der Wand. »Ich weiß nicht genau. Vermutlich irgendwas zwischen neun und halb zehn am Abend.«
In meinem Schädel beginnt es unangenehm zu pochen.
Gut so. Dann erinnerst du dich wenigstens daran, dich beim nächsten Mal nicht wieder so dumm anzustellen.
Ich warte auf weitere Fragen, Vorhaltungen, irgendetwas, immer wieder lässt die Müdigkeit meine Lider zufallen, ohne dass meine rasenden Gedanken zur Ruhe kommen. Wie auch? Sie sind immer da. In jeder Sekunde, bei jedem Herzschlag.
Es sind nicht meine eigenen, sie wurden in meinen Kopf hineingepflanzt und über Jahre hinweg gewässert und gedüngt. Bis sie so stark verwurzelt waren, dass ich sie nicht mehr herausreißen konnte.
Die alte Frau im Bett neben mir hustet, Sekunden später klopft es an der Tür. Ich öffne widerwillig die Augen, und eine Pflegerin tritt ein. Es ist eine andere als vorhin, vermutlich gab es in der Zwischenzeit einen Schichtwechsel.
»Carter«, sagt sie überrascht. »Was machst du denn hier?«
Er sieht ähnlich verblüfft aus. »Sabrina?«
Sie lächelt nervös und geht an uns vorbei zu meiner Bettnachbarin. Officer Morris schaut ihr nach.
»So ein Zufall«, sagt sie betont beiläufig und streicht ihren Zopf über die Schulter, ehe sie die alte Frau versorgt.
Er sieht ertappt beiseite, als die Pflegerin sich an mich wendet.
»Und bei Ihnen?«, fragt sie. »Alles in Ordnung? Sie sind hier ja in bester Gesellschaft.«
Der Officer räuspert sich. »Ich war der Ersthelfer«, sagt er und bemüht sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.
Sie hebt die Brauen. »Immer zur Stelle. Hat sich nicht verändert, was?«
Er wirft ihr einen Blick zu, den ich nicht deuten kann, sie hingegen fixiert mich. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas sagen soll.
Alles in Ordnung? Was antwortet man darauf?
Ja?
Nein?
Jede Antwort hat Konsequenzen. Das ist ebenfalls etwas, was ich von Harvey gelernt habe. Dass es meistens besser ist, einfach von Anfang an die Klappe zu halten.
»Sie ist erst vor ein paar Minuten aufgewacht«, sagt Officer Morris.
Die blonde Frau im hellblauen Kasack kontrolliert derweil meinen Pulsmonitor. »Da haben Sie sich auf jeden Fall den richtigen Ersthelfer ausgesucht«, sagt sie mit einem merkwürdigen Zwinkern. »Wenn Sie Pech haben, sitzt er morgen noch hier.«
Officer Morris springt auf. So plötzlich, dass die Stuhlbeine über den Linoleumboden schrappen. »Tja, Sabrina, weißt du, ich …«
»Ach, jetzt hast du es plötzlich eilig, ja? Wenn du schon so lange hier sitzt, dann mach dich doch wenigstens nützlich und füll die Papiere für die Patientin aus, bevor du gehst. Die liegen immer noch vorne im Schwesternzimmer.« Sie deutet mit dem Kopf in Richtung Tür, Officer Morris nickt und verschwindet aus dem Raum.
»War er wirklich die ganze Zeit hier?«, frage ich, nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hat.
Sie zuckt mit den Schultern. »Solange es mit seiner Arbeit zu tun hat, kann man sich auf ihn verlassen. Ansonsten … na ja.«
