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Die komische, fantastische, romantische, völlig wahre Geschichte von Lady Jane Grey! Okay ... nicht wirklich. EDWARD ist der König von England. Doch er liegt auch im Sterben, was ungünstig ist, da er erst sechzehn ist und viel lieber seinen ersten Kuss planen würde, als darüber nachzudenken, wer einmal seine Krone erben wird. JANE ist Edwards Cousine und viel mehr an Büchern als an Romantik interessiert. Zu Janes Unglück hat Edward ihre Hochzeit arrangiert, um die Thronfolge zu sichern. Allerdings ist an ihrem Verlobten etwas seltsam … GIFFORD ist ein Pferd. Das heißt, er ist ein Eðian (eth-y-un, für die Uneingeweihten). Jeden Tag bei Tagesanbruch wird er zu einem edlen Hengst, doch dann – bei Einbruch der Dunkelheit – wacht er stets mit einem Mund voller Heu auf. Das ist alles sehr würdelos! ABER SO RICHTIG ZUR SACHE GEHT ES, als Edward, Jane und G in eine gefährliche Verschwörung hineingezogen werden. Da das Schicksal des Königreichs auf dem Spiel steht, müssen unsere Helden selbst ein paar Verschwörungen anzetteln. Aber können sie ihren Plan durchziehen, bevor sie noch ihren Kopf verlieren?
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Seitenzahl: 612
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für alle, die wissen, dass auf der Tür genügend Platz für Leonardo DiCaprio war.
Und für England. Was wir mit eurer Geschichte vorhaben, tut uns wirklich leid.
Geschichte ist eine Fabel, auf die man sich geeinigt hat.
— Napoleon Bonaparte
Ich habe kein Recht auf die Krone.Sie sagt mir nicht zu.
— Lady Jane Grey
TEIL EINS (in dem wir die Geschichte ein wenig umschreiben)
PROLOG
EINS Edward
ZWEI Jane
DREI Gifford (Nennt ihn G!)
VIER Edward
FÜNF Jane
SECHS Gifford
SIEBEN Edward
ACHT Jane
NEUN Gifford
ZEHN Edward
ELF Jane
ZWÖLF Gifford
DREIZEHN Edward
VIERZEHN Jane
FÜNFZEHN Gifford
SECHZEHN Edward
SIEBZEHN Jane
ACHTZEHN Gifford
TEIL ZWEI (in dem wir sämtliche historischen Ereignisse endgültig über Bord werfen)
MEDILOG
NEUNZEHN Edward
ZWANZIG Jane
EINUNDZWANZIG Gifford
ZWEIUNDZWANZIG Edward
DREIUNDZWANZIG Jane
VIERUNDZWANZIG Gifford
FÜNFUNDZWANZIG Edward
SECHSUNDZWANZIG Jane
SIEBENUNDZWANZIG Gifford
ACHTUNDZWANZIG Edward
NEUNUNDZWANZIG Jane
DREISSIG Gifford
Danksagungen
Ihr glaubt vermutlich, diese Geschichte bereits zu kennen. Sie geht so: Es war einmal vor langer Zeit ein sechzehnjähriges Mädchen namens Jane Grey, das gezwungen wurde, einen völlig Fremden (Lord Guildford oder Gilford oder Gifford oder so ähnlich) zu heiraten, und sich kurz darauf auf dem Thron wiederfand. Ganze neun Tage lang war sie Königin. Und dann verlor sie im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf.
Ja, wahrlich eine Tragödie, sofern man die Trennung eines Kopfes vom Rumpf als tragisch bezeichnen kann. (Wir erzählen die Geschichte nur und würden es nicht wagen, Vermutungen darüber anzustellen, was genau die geneigte Leserschaft als tragisch empfindet.)
Wir haben eine andere Geschichte zu erzählen.
Passt also gut auf. Wir haben ein paar unbedeutende Details leicht verändert. Wir haben einige recht bedeutsame Details vollkommen verändert. Einige Namen wurden abgewandelt, um die Unschuldigen (oder nicht ganz so Unschuldigen) zu schützen – oder einfach nur, weil der Name einfach schrecklich war und uns ein anderer besser gefiel. Und wir haben einen Hauch von Magie hinzugefügt, damit die Sache interessant bleibt. Es kann also alles passieren.
So hätte Janes Geschichte unserer Meinung nach ablaufen sollen.
Unsere Erzählung beginnt in England (oder einer alternativen Version von England, da wir es mit einer Manipulation historischer Ereignisse zu tun haben) Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Es waren unruhige Zeiten, insbesondere wenn man ein Eðianer (für die, die den Begriff nicht kennen: Das spricht man Ethianer) war. Die Eðianer waren mit der Gabe gesegnet (oder verflucht, je nachdem, welchen Standpunkt man vertritt), zwischen einer menschlichen und einer tierischen Gestalt wechseln zu können. Beispielsweise war ein Teil des Volkes in der Lage, sich in Katzen zu verwandeln, was einerseits den Konsum von Thunfisch im Land rasant nach oben trieb und andererseits für einen Rückgang der Rattenpopulation sorgte. (Da sich einige andere Individuen in Ratten verwandeln konnten, fiel dies jedoch eigentlich kaum auf.)
Einige hielten diese Tiermagie für absolut großartig, doch andere waren der Ansicht, dass es sich um eine Abscheulichkeit handelte, die schnellstens ausgemerzt gehörte. Diese zweite Gruppe (bekannt als Veritaner) vertrat den Standpunkt, dass es sich für Menschen geziemte, Menschen zu sein und sonst nichts. Und da die Veritaner quasi das Sagen hatten, wurden die Eðianer verfolgt und gejagt, bis die meisten von ihnen ausgerottet oder abgetaucht waren.
Dies bringt uns zu einem schicksalsträchtigen Nachmittag am englischen Königshof, an dem sich König Heinrich VIII. im Verlaufe eines Wutanfalls in einen riesigen Löwen verwandelte und zur großen Freude aller Anwesenden den Hofnarren verschlang. Alle klatschten begeistert, da niemand den Hofnarren wirklich gemocht hatte. (Die Höflinge erkannten erst später, dass es sich bei dem Vorfall keineswegs um eine kunstvolle Täuschung gehandelt hatte und der Hofnarr im Magen eines echten Löwen gelandet war. Als die Anwesenden die Wahrheit begriffen, klatschten sie nicht länger, sondern sagten: »Das geschieht diesem Clown recht.«)
In derselben Nacht entschied König Heinrich, nachdem er wieder seine menschliche Gestalt angenommen hatte, dass Eðianer doch gar nicht so schlimm seien und von nun an dieselben Rechte und Privilegien wie Veritaner haben sollten. Die Entscheidung, diese uralte Magie zu billigen, schlug in Europa hohe Wellen. Das Oberhaupt der Veritanerkirche war mit König Heinrichs Entscheidung keineswegs einverstanden. Doch jedes Mal, wenn Rom ein Schreiben überbringen ließ, in dem das Dekret angeprangert wurde, aß der Löwenkönig den Boten einfach auf.
Daher das Sprichwort: Friss nicht den Boten.
Als Heinrich starb, folgte ihm sein einziger Sohn Edward auf den Thron. Unsere Geschichte beginnt inmitten unruhiger Zeiten, in denen sich die Feindseligkeiten zwischen Eðianern und Veritanern immer weiter zuspitzen, einem König im Teenageralter der Thron von England zu entgleiten droht und ein junger Lord und eine junge Lady nicht die geringste Ahnung haben, dass sich ihre Schicksale bald untrennbar miteinander verweben werden.
Und das gänzlich gegen ihren Willen.
Wie sich herausstellte, war der König sterbenskrank. »Wann?«, fragte er Master Boubou, den königlichen Leibarzt. »Wie viel Zeit habe ich noch?«
Boubou wischte sich über die schweißnasse Stirn. Er hasste es, der Obrigkeit schlechte Nachrichten zu überbringen. In seinem Berufszweig führte dies schnell geradewegs in den Kerker. Oder Schlimmeres.
»Sechs Monate, vielleicht ein Jahr«, krächzte er. »Höchstens.«
Scheiße!, dachte Edward. Zugegeben, er war nun schon seit einigen Monaten krank, aber er war sechzehn Jahre alt. Er konnte doch nicht jetzt schon sterben. Er hatte nur eine Erkältung, das war alles, einen Husten, der sich womöglich etwas länger hielt als gewöhnlich, ein Engegefühl in der Brust, immer wiederkehrendes Fieber, Kopfschmerzen, gelegentliche Schwindelanfälle, manchmal einen komischen Geschmack im Mund – aber sterben?
»Seid Ihr sicher?«, fragte er.
Boubou nickte. »Es tut mir leid, Euer Majestät. Es ist ›das Leiden‹.«
Oh! Das war es also.
Edward unterdrückte ein Husten. Er fühlte sich schlechter als noch einen Augenblick zuvor, als hätte seine Lunge die schlechte Neuigkeit mit angehört und beschlossen, augenblicklich den Dienst zu versagen. Andere am »Leiden« erkrankte Höflinge husteten in blutbefleckte Taschentücher, wirkten schwächlich und zittrig und zogen sich dann irgendwann vom Hofe zurück, um abseits der Blicke der Damenwelt einen schrecklichen, röchelnden Tod zu sterben.
»Seid Ihr … sicher?«, fragte er noch einmal.
Boubou richtete seinen Kragen. »Ich kann Euch Tonika gegen die Schmerzen geben und dafür sorgen, dass Ihr es bis ans Ende so angenehm wie möglich habt, aber ja, ich bin mir sicher.«
Das Ende. Das klang gar nicht gut.
»Aber …« Er wollte in seinem Leben doch noch so viel erleben. Zunächst einmal wollte er ein Mädchen küssen, ein hübsches Mädchen, das richtige Mädchen, vielleicht sogar mit Zunge. Er wollte prächtige Bälle veranstalten, um dem Adel seine Tanzkünste zu präsentieren. Er wollte endlich einmal den Waffenmeister im Schwertkampf besiegen, da Bash der Einzige war, der stets vergaß, ihn gewinnen zu lassen. Er wollte sein Königreich erkunden und die Welt bereisen. Er wollte irgendein riesiges Tier jagen und sich dessen Kopf als Trophäe an die Wand hängen. Er wollte den Scaffel Pike besteigen, den höchsten Punkt Englands, und das Land betrachten, das sich unter ihm ausbreitete, in dem Wissen, dass er der König von allem war, was er von dort unten sah.
Doch offenbar würde nichts davon sich erfüllen.
Vorzeitig war das Wort, das die Leute benutzen würden, dachte er. Viel zu früh. Tragisch. Er konnte die Balladen, die die Barden über ihn, den großen König, der viel zu früh von ihnen gegangen war, singen würden, praktisch schon hören.
Armer König Edward, im Grabe verschwunden.
Hustete seine Lunge aus, sie ward noch nicht gefunden.
»Ich will eine zweite Meinung. Eine bessere«, sagte Edward. Die Hand, die auf der Armlehne des Throns lag, ballte er zur Faust. Ihm wurde plötzlich kalt und er zitterte, woraufhin er die pelzverbrämten Roben enger um sich zog.
»Selbstverständlich«, sagte Boubou und trat einen Schritt zurück.
Edward erkannte die Furcht im Blick des Arztes und verspürte den Drang, ihn für diese Unverschämtheit in den Kerker werfen zu lassen. Immerhin war er der König, der König bekam stets seinen Willen und der König wollte nicht sterben. Er legte die Finger um den goldenen Dolch an seinem Gürtel und Boubou trat einen weiteren Schritt zurück.
»Es tut mir aufrichtig leid, Euer Majestät«, murmelte der alte Mann. »Bitte fresst den Boten nicht!«
Edward seufzte. Er war nicht sein Vater, der womöglich tatsächlich seine Löwengestalt angenommen und den Mann verschlungen hätte, da er so schlechte Nachrichten überbracht hatte. Soweit Edward wusste, verbarg sich in seinem Inneren kein geheimes Tier. Dieser Umstand enttäuschte ihn ein wenig.
»Ihr dürft gehen, Boubou«, sagte er.
Der Arzt atmete erleichtert auf, huschte in Richtung Tür und ließ Edward zurück, der sich seinem drohenden Ableben allein stellen musste.
»Scheiße!«, murmelte er vor sich hin. Für einen König war »das Leiden« eine wirklich ungünstige Art zu sterben.
Einige Zeit später, nachdem sein drohendes Ableben im Palast die Runde gemacht hatte, kamen seine Schwestern zu ihm. Er saß auf seinem Lieblingsplatz, dem Fenstersims in einem der südlichen Türme des Greenwich Palace. Seine Beine baumelten über die Kante, während er das ständige Kommen und Gehen der Menschen im Hof unter ihm beobachtete und dem Rauschen der Themse lauschte. Er dachte, nun endlich die Bedeutung des Lebens verstehen zu können, das letzte große Geheimnis, das ihn zu folgender Erkenntnis führte: Das Leben ist kurz und dann stirbt man.
»Edward«, flüsterte Bess. Sie nahm neben ihm Platz, ihr Mitgefühl war deutlich in ihren Zügen zu erkennen. »Es tut mir so leid, Bruder.«
Er versuchte, sie anzugrinsen. Edward war ein wahrer Meister im Grinsen. Es handelte sich um sein größtes königliches Talent. Doch dieses Mal brachte er nicht mehr als eine halbherzige Grimasse zustande. »Also hast du schon davon gehört«, sagte er und versuchte, unbekümmert zu klingen. »Natürlich werde ich noch eine zweite Meinung einholen. Ich habe nicht das Gefühl, sterbenskrank zu sein.«
»Oh, mein lieber Eddie«, schluchzte Mary und tupfte sich mit einem reich verzierten Taschentuch den Augenwinkel. »Mein süßer, teurer Junge. Mein armes kleines Täubchen.«
Er schloss einen Moment lang die Augen. Er mochte es nicht, wenn man ihn Eddie nannte, und er mochte es noch weniger, wie ein Kleinkind behandelt zu werden. Doch er tolerierte die Worte aus Marys Mund. Ihm taten seine Schwestern immer ein wenig leid, immerhin hatte sein Vater sie zu Bastarden erklärt und so. In dem Jahr, in dem sein Vater seine Tiergestalt entdeckt hatte – die Leute nannten es das Jahr des Löwen –, war König Heinrich Ⅷ. zu der Entscheidung gelangt, dass allein der König alle Regeln festlegen sollte. Also hatte er seine Ehe mit Marys Mutter annulliert und sie für den Rest ihrer Tage in ein Kloster geschickt, damit er Bess’ Mutter heiraten konnte, die eine der attraktiveren Hofdamen gewesen war. Doch als Ehefrau Nummer zwei keinen männlichen Erben hervorbrachte und sich das Gerücht verbreitete, Königin Anne sei eine Eðianerin, die sich immer mal wieder in eine schwarze Katze verwandelte, damit sie die Stufen des Schlosses bis hinunter ins Schlafzimmer des Hofnarren schleichen konnte, hatte ihr der König den Kopf abschlagen lassen. Ehefrau Nummer drei (Edwards Mutter) hatte schließlich alles richtig gemacht, nämlich ein Kind mit den richtigen Genitalien zur Welt gebracht, das später Herrscher von England werden sollte. Doch da sie keine Frau war, die sich lange mit ihren Taten brüstete, starb sie direkt nach der Geburt. Danach hatte König Heinrich zwar noch drei weitere Frauen geehelicht (von einer wurde er geschieden, eine andere wurde geköpft und eine Glückliche überlebte ihn, ha!), jedoch wurden keine weiteren Nachkommen geboren.
Also waren es nur sie drei – Mary, Bess und Edward. Sie bildeten ihre eigene zusammengewürfelte Familie, da ihr Vater vermutlich verrückt und auf jeden Fall gefährlich und ihre Mütter entweder tot oder im Exil waren. Sie waren immer recht gut miteinander ausgekommen, da es zwischen ihnen niemals Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben hatte, wem die Krone gebührte. Edward war die offensichtliche Wahl. Schließlich brachte er die nötigen Körperteile mit.
Seit seinem neunten Lebensjahr war er König. Tatsächlich konnte er sich kaum an eine Zeit erinnern, in der er kein König gewesen war, und bis zum heutigen Tag war er stets der Ansicht gewesen, dass das Königsein ihm entgegenkam. Aber gerade nützte es ihm recht wenig, dachte er verbittert. Er wäre lieber als einfacher Mann geboren worden, vielleicht als Sohn eines Schmieds. Dann hätte er vielleicht wenigstens schon ein bisschen Spaß gehabt, bevor er ins Gras biss. Und er hätte die Chance gehabt, ein Mädchen zu küssen.
»Wie fühlst du dich?«, fragte Mary ernst. Marys Worte klangen immer ernst.
»Leidend«, antwortete er.
Seine Antwort brachte Bess zum Lächeln, doch Mary schüttelte nur bekümmert den Kopf. Mary lachte nie über seine Witze. Er und Bess nannten sie hinter ihrem Rücken schon seit Jahren Muffel-Mary, da sie immer so freudlos wirkte. Mary schien sich nur dann zu amüsieren, wenn ein Verräter geköpft oder irgendein armer Eðianer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Seine Schwester war überraschend blutrünstig, wenn es um Eðianer ging.
»›Das Leiden‹ hat meine Mutter dahingerafft, weißt du?« Mary knetete unruhig ihr Taschentuch.
»Ich weiß.« Er war immer davon ausgegangen, dass Königin Catherine eher an gebrochenem Herzen als einer körperlichen Erkrankung gestorben war, jedoch er nahm an, dass ein gebrochenes Herz auch zu einem kranken Körper führte.
Er würde nie die Gelegenheit erhalten, sich das Herz brechen zu lassen, dachte er und eine weitere Welle des Selbstmitleids überrollte ihn. Er würde sich niemals verlieben.
»Es ist eine furchtbare Art zu sterben«, fuhr Mary fort. »Man hustet und hustet, bis man sich schließlich die Lunge aus dem Leib hustet.«
»Danke. Das ist sehr tröstend«, sagte er.
Bess, die im Gegensatz zu ihrer ernsten und redseligen Schwester immer eher die ruhigere gewesen war, warf Mary einen scharfen Blick zu und legte ihre Hand auf Edwards. »Können wir etwas für dich tun?«
Er zuckte mit den Schultern. Seine Augen brannten. Er sagte sich, dass er definitiv nicht wegen dieser ganzen Todessache weinen würde, denn Weinen war etwas für Mädchen und kleine Kinder und nicht für Könige. Außerdem würde es ohnehin nichts ändern.
Bess drückte seine Hand.
Er erwiderte die Geste und weinte definitiv kein bisschen dabei. Stattdessen genoss er weiter den Blick aus dem Fenster und sann über die Bedeutung des Lebens nach.
Das Leben ist kurz.
Und dann stirbt man.
Bald schon. In sechs Monaten, bestenfalls einem Jahr. Das fühlte sich nach einer verdammt kurzen Restdauer an. Im vergangenen Sommer hatte ein berühmter italienischer Astrologe ein Horoskop für Edward erstellt und verkündet, dass der König noch vierzig weitere Jahre leben würde.
Offensichtlich waren italienische Astrologen miese Lügner.
»Wenigstens kannst du dich darauf verlassen, dass alles in Ordnung sein wird, nachdem du von uns gegangen bist«, sagte Mary ernst.
Er wandte sich zu ihr um. »Wie bitte?«
»Mit dem Königreich, meine ich«, fügte sie sogar noch ernster hinzu. »Das Königreich wird in guten Händen sein.«
Über das Königreich hatte er sich bisher noch keine allzu großen Gedanken gemacht. Oder überhaupt welche, wenn er ehrlich sein sollte. Er war zu beschäftigt damit gewesen, sich vorzustellen, wie er seine Lunge aushustete und danach zu tot wäre, um sich damit zu befassen.
»Mary«, schalt Bess. »Jetzt ist nicht die richtige Zeit für Politik.«
Bevor Mary etwas einwenden konnte (und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wollte sie gerade einwenden, dass es immer die richtige Zeit war, um über Politik zu reden), klopfte es an der Tür. Edward rief: »Herein!«, und schon steckte John Dudley, der Duke von Northumberland und Lord President des königlichen Kronrats, seine große Adlernase in den Raum.
»Ah, Euer Majestät. Ich dachte mir schon, dass ich Euch hier oben finden würde«, sagte er, als er Edward erblickte. Sein Blick huschte kurz über Mary und Bess hinweg, als habe er nicht die geringste Lust, sie wirklich wahrzunehmen. »Prinzessin Mary. Prinzessin Elizabeth. Ihr scheint wohlauf zu sein.« Er wandte sich Edward zu. »Euer Majestät, auf ein Wort?«
»Gern auch mehrere«, erwiderte Edward.
»Unter vier Augen«, betonte Lord Dudley. »Im Ratssaal.«
Edward stand auf und strich sich die Hose glatt. Er nickte seinen Schwestern zu und sie sanken ihrerseits in einen vollendeten Hofknicks. Dann ließ er sich von Lord Dudley die Stufen hinunter und durch die endlosen Flure des Palasts in den königlichen Ratssaal führen, wo die Berater des Königs für gewöhnlich täglich mehrere Stunden damit zubrachten, den königlichen Papierkram auszufüllen und alle Entscheidungen zu treffen. Der König selbst verbrachte hier nicht viel Zeit, es sei denn, er musste ein Dokument unterschreiben oder sich einer anderen wichtigen Angelegenheit zuwenden. Was nicht so häufig vorkam.
Dudley schloss hinter ihnen die Tür.
Erschöpft von dem langen Fußmarsch sank Edward auf seinen königlichen extraweichen, rotsamtenen Thron am Kopf des Stuhlhalbkreises (in dem normalerweise die anderen dreißig Mitglieder des Kronrats saßen). Dudley reichte ihm ein Taschentuch, das Edward sich während eines Hustenanfalls vor den Mund presste.
Als er das Taschentuch wegnahm, zeigte sich ein rosa Fleck auf dem Stoff.
Scheiße!
Er starrte den Fleck an und versuchte, Dudley das Taschentuch zurückzugeben. Doch der Duke sagte schnell: »Behaltet es nur, Euer Majestät«, und ging auf die andere Seite des Raumes. Er begann, über seinen Bart zu streichen, wie er es immer tat, wenn er nachdachte.
»Ich denke«, begann Dudley mit gesenkter Stimme, »dass wir darüber sprechen müssen, was Ihr nun tun solltet.«
»Was ich tun soll? Es ist ›das Leiden‹. Es ist unheilbar. Mir bleibt offenbar nichts weiter zu tun, als zu sterben.«
Dudley setzte ein mitleidiges Lächeln auf, das so gar nicht zu seinem Gesicht passte, da er es nicht gewohnt war zu lächeln. »Ja, Sire, das ist sicher richtig. Doch irgendwann werden wir alle vom Tod heimgesucht.« Er strich sich erneut über den Bart. »Diese Neuigkeit ist fürwahr bedauerlich, aber wir müssen das Beste daraus machen. Vor Eurem Ableben muss noch einiges bezüglich des Königreichs geregelt werden.«
Ah, es geht also wieder um das Königreich. Es geht immer um das Königreich. Edward nickte. »In Ordnung«, sagte er mit mehr Mut in der Stimme, als er empfand. »Sagt mir, was ich tun soll.«
»Zuerst müssen wir über die Thronfolge nachdenken.«
Edward zog die Augenbrauen hoch. »Ihr wollt, dass ich heirate und in weniger als einem Jahr einen Thronerben zeuge?«
Könnte lustig werden. Da wären immerhin Zungenküsse involviert.
Dudley räusperte sich. »Äh … nein, Euer Majestät. Dafür geht es Euch nicht gut genug.«
Edward wollte ihm widersprechen. Doch dann erinnerte er sich an den rosa Fleck im Taschentuch und daran, wie erschöpft er sich fühlte, nachdem er nur ein wenig im Palast herumgelaufen war. Er war definitiv nicht in der Verfassung für eine Brautwerbung.
»Nun, dann wird der Thron wohl an Mary gehen«, sagte er.
»Nein, Sire«, widersprach ihm Lord Dudley nachdrücklich. »Wir können nicht zulassen, dass der Thron von England in die falschen Hände fällt.«
Edward zog die Brauen zusammen. »Aber sie ist meine Schwester. Sie ist die Älteste. Sie …«
»Sie ist eine Veritanerin«, wandte Dudley ein. »Mary wurde dazu erzogen, die Tiermagie für absolut böse zu halten, etwas, das gefürchtet und vernichtet werden muss. Krönte man sie zur Königin, würde sie dieses Land ins finsterste Mittelalter zurückführen. Kein Eðianer wäre jemals wieder sicher.«
Edward ließ sich zurücksinken und dachte nach. Alles, was der Duke sagte, entsprach der Wahrheit. Mary würde die Eðianer keinesfalls tolerieren. (Wie eingangs erwähnt, bevorzugte sie die Eðianer extraknusprig.) Dazu verfügte Mary über keinerlei Sinn für Humor und war für ihr rückschrittliches Denken bekannt, was sie zu keiner guten Herrscherin machte.
»Also wird es nicht Mary«, stimmte er zu. »Aber Bess auch nicht.« Er drehte den königlichen Siegelring an seinem Finger. »Selbstverständlich wäre Bess besser geeignet als Mary und ihre beiden Elternteile waren Eðianer, sofern man der Katzengeschichte Glauben schenken möchte. Allerdings weiß ich nicht, wie sie den Veritanern gegenübersteht. Sie ist ein wenig wankelmütig. Und außerdem«, fügte er hinzu, ohne genauer darüber nachzudenken, »kann die Krone ohnehin nicht an eine Frau gehen.«
Euch ist womöglich aufgefallen, dass Edward ein wenig sexistisch war. Allerdings kann man ihm das nicht wirklich vorwerfen, denn man hatte ihn sein ganzes junges Leben lang dafür verherrlicht, als Junge geboren worden zu sein.
Trotzdem sah er sich selbst gern als fortschrittlichen König. Zwar war er selbst kein Eðianer wie sein Vater (jedenfalls bisher nicht), aber die Eðianer waren ganz offensichtlich Teil seiner Familiengeschichte und er war so erzogen worden, dass er mit ihrem Anliegen sympathisierte. In letzter Zeit schien es so, als hätten die Spannungen zwischen den beiden Gruppen ihren Siedepunkt erreicht. Ihn hatten Berichte über eine mysteriöse Eðianergruppierung namens »Das Rudel« erreicht, die Veritanerkirchen und -klöster im ganzen Land überfiel und plünderte. Darüber hinaus häuften sich Meldungen über Veritaner, die Eðianer entlarvten und ihnen Gewalt antaten. Dann folgten wieder Berichte über Racheakte gegen Veritaner. Und so weiter und so fort.
Dudley hatte recht. Sie brauchten einen Herrscher, der den Eðianern zugewandt war. Jemanden, der den Frieden bewahrte.
»An wen denkt Ihr?« Edward streckte die Hand zu einem Beistelltischchen aus, auf dem laut königlichem Dekret stets eine Schale mit frischen, gekühlten Brombeeren stehen musste. Er liebte Brombeeren. Ihnen wurden große Heilkräfte nachgesagt, also aß er in letzter Zeit Unmengen davon. Er steckte sich eine in den Mund.
Lord Dudleys Adamsapfel zuckte und zum ersten Mal, seit Edward ihn kannte, wirkte er ein klein wenig nervös. »Den erstgeborenen Sohn der Lady Jane Grey, Euer Majestät.«
Edward verschluckte sich an seiner Brombeere.
»Jane hat einen Sohn?«, entfuhr es ihm. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir das zu Ohren gekommen wäre.«
»Bisher hat sie keinen Sohn«, erklärte Dudley geduldig. »Aber sie wird einen bekommen. Und wenn Ihr Mary und Elizabeth übergeht, sind die Greys die Nächsten in der Thronfolge.«
Demnach wollte Dudley, dass Jane heiratete und einen Erben hervorbrachte.
Edward konnte sich seine Base Jane nicht mit Ehemann und Kind vorstellen, obwohl sie bereits sechzehn Jahre alt und damit nach gegenwärtigen Maßstäben schon fast eine alte Jungfer war. Janes große Liebe waren Bücher, hauptsächlich solche über Geschichte, Philosophie und Religion. Aber sie las eigentlich alles, was sie in die Finger bekam. Tatsächlich liebte sie es, Platon im griechischen Original zu lesen, und das nicht nur, wenn ihre Lehrer sie dazu zwangen. Sie hatte ganze Versepen auswendig gelernt und konnte sie nach Lust und Laune rezitieren. Doch am liebsten mochte sie Geschichten über Eðianer und ihre Abenteuer in Tiergestalt.
Jane würde die Eðianer zweifelsohne unterstützen.
Es ging das Gerücht um, dass Janes Mutter eine Eðianerin sei. Allerdings wusste niemand, welche Gestalt sie annahm. Als Edward und Jane noch Kinder waren, hatten sie sich am liebsten vorgestellt, in welche Tiere sie sich wohl verwandeln würden, wenn sie groß wären. Edward hatte sich stets ausgemalt, sich in ein wildes, mächtiges Tier zu verwandeln – einen Wolf zum Beispiel. Einen riesigen Bären. Einen Tiger.
Jane hatte sich nie für eine Lieblingstiergestalt entscheiden können. Wenn er sich recht entsann, hatte sie stets zwischen Luchs und Falke geschwankt.
»Stell dir das nur mal vor, Edward«, hörte er ihr zehnjähriges Ich in seiner Erinnerung flüstern. Sie lagen ausgestreckt im Gras und beobachteten, welche Formen die Wolken über ihnen annahmen. »Ich könnte dort oben sein, mich vom Wind tragen lassen und niemand würde mir sagen, dass ich gerade sitzen soll, oder meine Stickarbeit bekritteln. Ich wäre frei.«
»Frei wie ein Vogel«, kommentierte er.
»Frei wie ein Vogel!« Sie lachte, sprang auf und rannte den Hügel hinab. Ihr langes rotes Haar wehte im Wind und sie breitete die Arme aus, als würde sie fliegen.
Ein paar Jahre später hatten sie sich einen ganzen Nachmittag lang Schimpfworte an den Kopf geworfen, da Jane in einem Buch gelesen hatte, dass Eðianer oftmals ihre Tiergestalt annahmen, wenn sie sich aufregten. Sie hatten sich gegenseitig beschimpft und sich Ohrfeigen verpasst. Jane war sogar so weit gegangen, Edward mit einem Stein zu bewerfen, was ihn tatsächlich sehr verärgert hatte. Allerdings waren sie während der ganzen Angelegenheit bedauerlicherweise menschlich geblieben.
Sie waren beide sehr enttäuscht gewesen.
»Sire?«, sprach ihn Lord Dudley an.
Edward schüttelte die Erinnerungen ab. »Ihr wollt Jane also verheiraten«, mutmaßte er. »Habt Ihr jemanden im Sinn?«
Die Vorstellung machte ihn traurig. Jane war sein absoluter Lieblingsmensch. In jungen Jahren war sie zu Katherine Parr (König Heinrichs Ehefrau Nummer sechs) geschickt worden, daher hatten Jane und Edward sehr viel Zeit miteinander verbracht und teilweise sogar die gleichen Lehrer gehabt. In diesen Jahren waren sie beste Freunde geworden. Jane war die Einzige, von der Edward sich wirklich verstanden fühlte und die ihn nicht wie eine andere Spezies behandelte, nur weil er von königlichem Blut war. In seinem Hinterkopf hatte stets die Idee herumgespukt, dass womöglich er eines Tages derjenige sein würde, der Jane heiratete.
Damals war es noch nicht so verpönt, seine eigene Base zu heiraten.
»Ja, Sire. Ich habe den perfekten Kandidaten.« Dudley begann, im Raum auf und ab zu gehen, während er sich weiter über den Bart strich. »Jemanden aus gutem Hause, aus einer respektablen Familie.«
»Selbstverständlich. Wen?«, erkundigte sich Edward.
»Jemanden, der unbestreitbar über eðianische Magie verfügt.«
»Ja. Wen?«
»Jemanden, der nichts an ihrem roten Haar auszusetzen hat.«
»Janes Haar ist gar nicht so übel«, protestierte Edward. »Je nachdem, wie das Licht darauf fällt, sieht es weniger rot aus und ist ganz hübsch …«
»Jemanden, der dafür sorgt, dass sie nicht aus der Reihe tanzt«, fuhr Dudley fort.
Nun ja, das ergab Sinn, musste Edward einräumen. Jane war dafür berüchtigt, ihren eigenen Willen zu haben. Sie weigerte sich, wie die anderen adligen Damen bei Hofe herumzustolzieren, und stellte sich in aller Öffentlichkeit gegen ihre Mutter, indem sie ein Buch zu Anlässen bei Hofe mitschleppte und sich in eine Ecke setzte, um zu lesen, anstatt zu tanzen oder sich um einen künftigen Ehemann zu bemühen.
»Wen?«, beharrte er.
»Jemanden, dem man vertrauen kann.«
So langsam klang es nach einer kaum lösbaren Aufgabe. »Wen habt Ihr denn nun im Sinn?« Edward erhob die Stimme. Er hasste es, Fragen mehr als einmal stellen zu müssen, und das war nun schon das vierte Mal. Außerdem sorgte Dudleys Herumlauferei dafür, dass er so langsam seekrank wurde. Edward schlug mit der Faust auf das Beistelltischchen. Brombeeren flogen umher. »Wer soll es nun sein? Verdammt noch mal, Northumberland, jetzt spuckt es endlich aus!«
Der Duke blieb stehen. Er räusperte sich. »Gifford Dudley«, murmelte er.
Edward blinzelte. »Gifford wer?«
»Mein jüngster Sohn.«
Edward brauchte einen Moment, um die Informationen zu verarbeiten, und ging Dudleys aufgezählte Kriterien nochmals durch. Jemand aus einer respektablen Familie: Check. Jemand, dem man vertrauen kann: Check. Jemand, der unbestreitbar über eðianische Magie verfügt …
»John«, platzte es aus ihm heraus. »Ihr habt eðianische Magie in Eurer Familie?«
Lord Dudley senkte den Blick. Es war gefährlich, zuzugeben, dass es eðianisches Blut in der eigenen Familie gab, und das, obwohl sie mittlerweile in zivilisierteren Zeiten lebten, in denen man dafür nicht gleich auf dem Scheiterhaufen endete. Obwohl es technisch gesehen nicht länger illegal war, ein Eðianer zu sein, gab es noch immer sehr viele Menschen im Königreich, die Marys Ansicht teilten, dass nur ein toter Eðianer ein guter Eðianer war.
»Ich selbst bin natürlich kein Eðianer«, sagte Dudley nach einer längeren Pause. »Aber mein Sohn.«
Ein Eðianer! Das war einfach zu gut. Eine volle Minute lang vergaß Edward, dass er bald sterben würde und seine beste Freundin als eine Art politisches Pfand verheiraten wollte. »In welches Tier verwandelt er sich?«
Dudley wurde rot. »Er verbringt seine Tage als …« Seine Lippen bewegten sich, als er versuchte, die richtigen Worte zu finden. Doch es gelang ihm nicht.
Edward lehnte sich nach vorn. »Ja?«
Dudley tat sich sichtlich schwer damit, die Worte herauszubringen. »Er ist … Des Tags ist er … ist er …«
»Nun kommt schon!«, drängte ihn Edward. »Raus damit!«
Dudley befeuchtete seine Lippen. »Er ist ein … Mitglied der Equidae.«
»Er ist was?«
»Ein Ross, Euer Majestät.«
»Ein Ross?«
»Ein … Pferd.«
Edward ließ sich mit offenem Mund zurückfallen. »Ein Pferd. Euer Sohn verbringt seine Tage in Gestalt eines Pferdes«, wiederholte er, um sicherzugehen, dass er richtig verstanden hatte.
Dudley nickte unglücklich.
»Kein Wunder, dass ich ihn noch nie bei Hofe gesehen habe. Ich hatte beinahe vergessen, dass Ihr neben Stan noch einen weiteren Sohn habt. Habt Ihr uns nicht erzählt, Euer anderer Sohn sei schwachsinnig und dass Ihr ihn deshalb für den gesellschaftlichen Umgang für ungeeignet haltet?«
»Wir hielten alles für besser als die Wahrheit«, gestand Dudley.
Edward nahm sich eine Brombeere vom Tischchen und aß sie. »Wann ist das passiert? Wie ist das passiert?«
»Vor sechs Jahren«, antwortete Dudley. »Ich weiß nicht, wie. Gerade war er noch ein dreizehnjähriger Junge, der sich ziemlich aufregte, und mit einem Mal war er ein …« Er wiederholte das Wort nicht. »Doch ich bin fest der Ansicht, dass er eine gute Partie für Jane ist, Sire, und das nicht nur, weil er mein Sohn ist. Er ist ein strammer Bursche, exzellente Knochenstruktur, kräftig, recht intelligent und mit Sicherheit nicht schwachsinnig – und dazu folgsam genug, um unseren Zwecken dienlich zu sein.«
Edward dachte einige Minuten darüber nach. Jane liebte alles, was mit Eðianern zu tun hatte. Sie hätte bestimmt kein Problem damit, einen zu heiraten. Aber …
»Er verbringt jeden einzelnen Tag als Pferd?«, hakte Edward nach.
»Jeden Tag. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang.«
»Er kann seinen Gestaltwechsel nicht kontrollieren?«
Dudleys Blick fiel auf die Wand gegenüber, an der ein riesiges Porträt von Heinrich VIII. hing, und Edward bemerkte, wie töricht er sich anhören musste. Sein Vater war nie in der Lage gewesen, seine Löwengestalt zu kontrollieren. Sobald ihn die Wut überfiel, wurde er im wahrsten Sinne des Wortes zum Tier. Und diese Gestalt behielt er bei, bis sich seine Wut legte, was durchaus mehrere Stunden dauern konnte. Manchmal sogar Tage. Es war stets unangenehm gewesen, das mit anzusehen. Besonders wenn der König beschloss, jemanden als Kauspielzeug zu benutzen.
»In Ordnung, also kann er es nicht kontrollieren«, stellte Edward für sich fest. »Aber das würde bedeuten, dass Jane nur des Nachts einen Ehemann hat. Was für eine Art Ehe soll das sein?«
»Einige Leute würden solch ein Arrangement bevorzugen. Ich weiß, dass mein eigenes Leben deutlich leichter wäre, wenn ich mich meiner Gattin nur zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang widmen müsste«, sagte Dudley mit einem matten Lachen.
Es wäre fast so, als sei man gar nicht verheiratet, dachte Edward. Aber für jemanden wie Jane könnte solch eine Ehe das Maß an Privatsphäre und Unabhängigkeit bedeuten, das sie bisher gewohnt war.
Es könnte ideal sein.
»Sieht er gut aus?«, fragte er. Dudleys anderer Sohn Stan hatte das Pech, die Adlernase seines Vaters geerbt zu haben. Edward missfiel die Vorstellung, Jane mit dieser Nase verheiraten zu müssen.
Dudley presste seine schmalen Lippen zusammen. »Ich fürchte, Gifford sieht besser aus, als gut für ihn ist. Er neigt dazu, die … Aufmerksamkeit der Damenwelt zu erregen.«
Ein Gefühl der Eifersucht breitete sich in Edward aus. Er warf einen weiteren Blick auf das Porträt seines Vaters. Er sah Heinrich ähnlich, das wusste er. Sie hatten das gleiche rotgoldene Haar, die gleiche gerade, majestätische Nase, die gleichen grauen Augen, die von den gleichen eher kleinen Ohren eingerahmt wurden. Einst hatte man Edward als hübsch empfunden. Aber nun war er dürr und blass, erschöpft von seinem Kampf gegen die Krankheit.
»… jedoch wird er treu sein, dessen kann ich Euch versichern«, plapperte Dudley weiter. »Und wenn er und Jane einen Sohn hervorbringen, habt Ihr Euren eðianischen Erben. Problem gelöst.«
Einfach so. Problem gelöst.
Edward strich sich über die Stirn. »Und wann soll die Vermählung stattfinden?«
»Am Samstag, denke ich«, antwortete Dudley. »Vorausgesetzt, Ihr akzeptiert den Vorschlag.«
Edward bekam einen Hustenanfall.
Heute war Montag.
»So bald schon?«, keuchte er, als er wieder Luft bekam.
»Je früher, desto besser«, entgegnete Dudley. »Wir brauchen einen Erben.«
Richtig. Edward räusperte sich. »In Ordnung. Ich akzeptiere die Partie. Aber Samstag …« Das war schon so bald. »Ich weiß noch gar nicht, wie mein Terminplan am Samstag aussieht. Ich muss mich mit meinen Beratern besprechen …«
»Ich habe Euren Terminplan bereits überprüft, Euer Majestät. Ihr habt keine Termine. Außerdem muss die Zeremonie nach Sonnenuntergang stattfinden«, fügte Dudley hinzu.
»Richtig. Denn bei Tage ist er …« Edward gab ein leises Wiehern von sich.
»Genau.« Dudley zog eine Schriftrolle hervor und rollte sie auf dem Schreibtisch aus, auf dem alle offiziellen Dokumente unterschrieben und mit einem Siegel versehen wurden.
»Ich wette, Ihr gebt ein Vermögen für Heu aus«, sagte Edward und grinste schließlich doch noch. Er betrachtete die Schriftrolle. Es handelte sich um ein königliches Dekret – genauer gesagt seine Zustimmung –, dass Lady Jane Grey von Suffolk am kommenden Samstag mit Lord Gifford Dudley von Northumberland vermählt werden sollte.
Sein Grinsen erstarb.
Jane.
Natürlich war es nur eine Wunschvorstellung gewesen, dass er Jane selbst heiratete. Sie bot nur geringes politisches Kapital – eine wohlhabende Familie und einen Titel, ja, aber nichts, was die Position des Königreichs hätte stärken können. Edward hatte immer gewusst, dass er zum Wohle Englands würde heiraten müssen und nicht zu seinem eigenen. Sein ganzes Leben lang waren ausländische Botschafter in Scharen gekommen, um ihm die Porträts der Töchter der verschiedenen europäischen Königshäuser zu präsentieren. Es war ihm bestimmt, eine Prinzessin zu heiraten und nicht die kleine Jane mit ihren Büchern und großen Ideen.
Dudley drückte ihm einen Federkiel in die Hand. »Wir müssen daran denken, was das Beste für das Reich ist, Euer Majestät. Ich werde noch heute nach Dudley Castle reiten, um ihn zu holen.«
Edward tauchte den Federkiel ins Tintenfass, doch hielt dann inne. »Ihr müsst mir schwören, dass er gut zu ihr sein wird.«
»Ich schwöre es, Euer Majestät! Er wird ein Vorzeigeehemann sein.«
Edward hustete ein weiteres Mal in das Taschentuch, das Dudley ihm gegeben hatte. Er hatte einen komischen Geschmack im Mund, etwas eklig Süßes, das sich mit dem Geschmack der Brombeeren mischte.
»Ich vermähle meine Base mit einem Pferd«, murmelte er.
Dann nahm er den Federkiel, seufzte und unterzeichnete.
»Und die heilige Zeremonie wird Samstagnacht stattfinden.«
Lady Jane Grey hob den Blick von ihrem Buch. Ihre Mutter, Lady Frances Brandon Grey, hatte etwas gesagt. »Was ist Samstagnacht?«
»Steh still, Liebes.« Lady Frances kniff Jane in den Arm. »Wir müssen sichergehen, dass die Maße perfekt sind. Es bleibt keine Zeit für Änderungen.«
Jane hielt ihr Buch mit ausgestrecktem Arm bereits so ruhig wie möglich. Das war für jemanden, der mit einer Hand den eigenen Oberarm umfassen konnte, bereits ein Kraftakt.
»Notieren Sie, dass sich der Brustumfang kein bisschen verändert hat«, sagte die Schneiderin zu ihrer Assistentin. »Und das wird er vermutlich auch nicht mehr.«
In einem weiteren Kraftakt, dieses Mal der Selbstbeherrschung, hielt Jane sich davon ab, der Frau ihr Buch über den Kopf zu ziehen. Immerhin handelte es sich um ein altes und wertvolles Buch: Die ungekürzte Geschichte der Rübe in England, Band fünf. Sie wollte es keinesfalls beschädigen. »Jaja, aber was ist nun Samstagnacht?«
»Jetzt die Arme herunternehmen«, sagte die Schneiderin.
Jane senkte die Arme und markierte die Stelle im Buch mit ihrem Zeigefinger.
Ihre Mutter nahm ihr das Buch aus der Hand, warf den kostbaren Wälzer über die Rüben aufs Bett und korrigierte Janes Schulterhaltung. »Steh gerade. Du willst doch, dass das Kleid richtig sitzt. Schließlich schleppst du bei der Hochzeit auch keine Bücher mit dir herum.«
»Hochzeit?« In ihren Ton mischte sich etwas Neugier, als sie sich zur Seite lehnte, um um die Schneiderin herum einen Blick auf ihre Mutter zu werfen. »Wer heiratet denn?«
»Jane!«
Sie stellte sich wieder kerzengerade hin.
Die Schneiderin notierte sich die letzten Maße von Janes Hüften (kein gebärfreudiges Becken – eine weitere von Janes Verfehlungen) und suchte ihre Sachen zusammen. »Wir sind fertig, werte Damen. Ich wünsche einen angenehmen Nachmittag!« In einem Wirbel aus Stoff und Nadeln floh sie aus dem Zimmer.
Lady Frances zwickte Jane in die Schulter. »Du wirst heiraten, meine Liebe. Hör doch einmal zu.«
Janes Herz begann sofort, schneller zu schlagen. Doch sie mahnte sich zur Ruhe. Schließlich war es nur eine Verlobung. Sie war schon mal verlobt gewesen – sogar schon ganze viermal.
»Mit wem bin ich diesmal verlobt?«, fragte sie.
Lady Frances lächelte, da sie Janes Reaktion als Zustimmung missverstand. »Mit Gifford Dudley.«
»Gifford wer?«
Das Lächeln wurde zu einem Stirnrunzeln. »Er ist der jüngere Sohn von Lord John Dudley, Duke von Northumberland. Gifford.«
Jane hatte schon von den Dudleys gehört. Obwohl die Familie einem der rangniederen Adelshäuser angehörte, das eher für die Zucht und den Verkauf von preisgekrönten Pferden bekannt war, gab es da doch eine interessante Tatsache: John Dudley war der Vorsitzende des königlichen Kronrats, die rechte Hand des Königs, ein wichtiger Berater und neben Edward womöglich der mächtigste Mann Englands.
»Ich verstehe«, sagte sie schließlich, obwohl sie diesem Gifford bei Hofe noch nie begegnet war. Das war verdächtig. »Nun ja, ich bin mir sicher, dass er ebenso wundervoll ist wie die anderen Verlobten.«
»Hast du irgendwelche Fragen?«
Jane schüttelte den Kopf. »Ich habe alles gehört, was ich wissen muss. Schließlich ist es nur eine Verlobung.«
»Die Hochzeit ist am Samstag, Liebes.« Ihre Mutter wirkte genervt. »Im Londoner Anwesen der Dudleys. Wir brechen morgen früh auf.«
Samstag. Das … war schon recht bald. Sehr viel baldiger, als sie erwartet hatte. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass es um Samstag ging, doch sie hatte nicht darüber nachgedacht, wie bald das war, oder verstanden, was das für sie bedeuten mochte.
Diese Hochzeit könnte tatsächlich stattfinden. Ihr Herz klopfte erneut schneller.
»Es ist mein sehnlichster Wunsch, dass du glücklich verheiratet bist, bevor du zu alt dafür bist.« Lady Frances stellte jedoch nicht klar, ob sich »zu alt dafür« auf »glücklich« oder »verheiratet« bezog. »Ich denke, dass du diesen hier mögen wirst. Wie ich höre, ist er ein gut aussehender Kerl.«
Also hatte Lady Frances ihn auch noch nicht zu Gesicht bekommen. Jane lief ein kalter Schauer über den Rücken. Es war recht wahrscheinlich, dass er die Dudley-Nase geerbt hatte …
Jane kam der Kommentar der Schneiderin bezüglich ihrer Brüste in den Sinn. Und die Tatsache, dass sie unansehnliches rotes Haar hatte und so dünn war, dass man sie oft noch für ein junges Mädchen hielt. Womöglich sollte sie nicht über Äußerlichkeiten urteilen. Schließlich bestimmte das Aussehen nicht den Wert einer Person. Aber diese schreckliche Nase …
»Vielen Dank für die Vorwarnung, Mutter«, rief sie ihr nach, als diese gerade den Raum verließ.
Natürlich blieb eine Antwort ihrer Mutter aus. Bis Samstag war noch so viel zu tun.
Samstag. Das war in vier Tagen.
Jane zog sich schnell an. Dann schnappte sie sich ihr Buch über die Rüben, nahm sich noch ein zweites und drittes Buch (Eðianer: Historische Persönlichkeiten und ihr Niedergang sowie Überleben in der Wildnis für Höflinge), falls sie das erste fertig lesen sollte, und machte sich auf den Weg zu den Stallungen. Sollte dieser Gifford tatsächlich ihr Ehemann werden (allerdings konnte bis Samstag noch so einiges passieren), hatte sie das Recht, ganz genau zu wissen, was da auf sie zukam.
Im Laufe der Jahre hatte Jane jede Karte von England, sowohl die historischen als auch die modernen, eingehend studiert, inklusive einiger lokaler Ortsteilkarten des Königreichs. Daher wusste sie, dass Dudley Castle, die Residenz der Dudleys, wenn sie nicht in London weilten, kaum mehr als einen halben Tagesritt von Janes Zuhause in Bradgate entfernt lag. Zwar hätte sie einfach auf ihrem Pferd nach Dudley Castle reiten können, doch die Gewalt im Reich nahm stetig zu und es wurde berichtet, dass es gefährlich sei, allein und ohne Bewachung durch die ländlichen Gegenden zu reisen. (Die Bediensteten behaupteten, die Eðianer seien dafür verantwortlich – eine Gruppierung namens »Das Rudel«. Doch Jane weigerte sich, diesen bösartigen Gerüchten Glauben zu schenken.) Das Letzte, was sie zusätzlich zu der plötzlichen Hochzeitsankündigung noch brauchte, war, in einen Kampf zu geraten. Also bestellte sie im Interesse der Sicherheit (und um ihre Mutter nicht zu verärgern) eine Kutsche, um sie zu den Dudleys zu fahren.
Sie musste nur diese Nasensache überprüfen.
Es war ein wunderschöner Tag. Das Hügelland, das Bradgate umgab, zeigte sich im Frühsommer von seiner schönsten Seite. Die Bäume standen in voller Blüte. Das Sonnenlicht glitzerte auf dem Bach, der neben der Straße dahinplätscherte. Die roten Backsteine des Anwesens leuchteten einladend auf einer kleinen Anhöhe hinter ihr. Hirsche sprangen davon, als die Kutsche über die Straße rumpelte, begleitet vom wunderschönen Gesang der Vögel.
Jane mochte London. Es hatte selbstverständlich einige Vorteile, dort zu residieren. Einer davon war die Nähe zu ihrem Vetter Edward. Aber Bradgate Park war ihr Zuhause. Sie liebte die frische Luft, den blauen Himmel, die alten Eichen auf den fernen Hügeln. Ihr Großvater hatte den Park zum besten Rotwildjagdgrund in England machen wollen – und es war ihm gelungen. Daher kehrten immer wieder angesehene Adlige für die Jagd ein, doch das spielte für Jane keine Rolle. (Sie jagte nicht, hatte jedoch gehört, dass Edward recht gut darin war.) Für Jane war ein Spaziergang durch Bradgate Park die zweitbeste Möglichkeit, den Problemen des realen Lebens zu entkommen.
Die beste Möglichkeit stellten natürlich ihre Bücher dar. Als sie Bradgate hinter sich ließ, versenkte sie sich also gleich in die ungekürzte Geschichte der Rüben. (Wusstet ihr, dass die alten Römer die Ersten waren, die die Rübenpflanze wegen ihrer Wurzeln anbauten anstatt für das Grün?)
Wie eingangs bereits erwähnt, liebte Jane Bücher. Sie mochte nichts lieber, als das Gewicht eines schweren Wälzers in ihren Händen zu spüren, jede Wissenssammlung so kostbar und wundervoll und faszinierend wie die zuvor. Sie liebte den Geruch der Tinte, das Gefühl des rauen Papiers zwischen ihren Fingern, das Rascheln der Seiten, die Form der Buchstaben vor ihren Augen. Und am allermeisten liebte sie, dass die Bücher sie aus ihrem stumpfen Alltag herausholen und ihr die Erfahrungen Hunderter anderer Leben bieten konnten. Durch die Bücher konnte sie die Welt sehen.
Nicht dass ihre Mutter das je verstehen würde, dachte Jane, nachdem sie die letzte Seite ihres Buches über Rüben zu Ende gelesen und es mit einem Seufzen zugeschlagen hatte. Während Lord Grey ihre Studien stets unterstützt hatte, als er noch am Leben gewesen war, hatte Lady Frances ihren Drang nach Wissen niemals akzeptiert. Was musste eine junge Dame schon wissen, pflegte sie zu sagen, außer wie man sich einen Ehemann beschafft? Janes Mutter interessierte sich nur für Einfluss und Wohlstand. Sie liebte nichts mehr, als die Leute daran zu erinnern, dass sie von königlichem Blute war – »Meine Großmutter war eine Königin«, prahlte sie nur allzu gern immer und immer und immer wieder. Zu schade, dass König Heinrich Lady Frances bereits vor Jahren aus der Thronfolge gestrichen hatte. Vermutlich nur, weil er ihre Einstellung nicht mochte.
Einfluss und Geld. Nur das war für Lady Frances von Bedeutung. Und nun verschacherte sie ihre eigene Tochter wie eine Zuchtstute. Ohne sie zu fragen.
Typisch.
Jane schüttelte die vertraute Abneigung gegen ihre Mutter ab und legte das Buch zur Seite. Sie zuckte zusammen, als sie eine Scharte in einer der Ecken bemerkte, die vermutlich entstanden war, als Lady Frances ihr das Buch aus den Händen gerissen und aufs Bett geworfen hatte. Das arme Buch. Es verdiente nicht, verletzt zu werden, nur weil Jane heiraten musste.
Heiraten. Igitt!
Sie wünschte, dass alle endlich aufhören würden, sie unter die Haube bringen zu wollen. Das nervte so dermaßen.
Als Erstes war Jane mit dem Sohn eines Seidenhändlers verlobt gewesen. Sein Name war Humphrey Hangrot, und da das Unternehmen Hangrot Seide die einzige Handelsgesellschaft in England gewesen war, kontrollierte es die Preise. Humphreys Eltern waren stets darauf bedacht, der Familie Grey ihren überbordenden Reichtum zu präsentieren. Dazu kleideten sie ihr dürres Söhnchen in Schicht um Schicht ihres kostbarsten Brokats. Jane hatte es irgendwann aufgegeben, die Bälle zu zählen, an denen sie im Anwesen der Hangrots hatte teilnehmen müssen. Sie hatte das Ganze nur überlebt, weil sie stets ein Buch dabeigehabt hatte.
Humphrey hatte sich ihr als der »zukünftige König … der Seide« vorgestellt und sie dazu angehalten, seinen Ärmel anzufassen. Nein, wirklich anzufassen. Zu fühlen. Hatte sie jemals einen solch kostbaren Stoff gesehen? Daraufhin hatte sie ihn gefragt, ob er wüsste, dass die Raupen in ihren eigenen Kokons gekocht würden, um die Seide zu gewinnen, wonach er es kategorisch abgelehnt hatte, noch einmal mit ihr zu sprechen. Die Verlobung war dank des plötzlichen Auftauchens eines zweiten Seidenhändlers gelöst worden, der bereit gewesen war, die Preise des Unternehmens Hangrot zu unterbieten und ihnen so das Geschäft abzugraben, was die Familie in den Ruin gestürzt hatte. Wie sich herausstellte, war niemand mehr bereit, die vollkommen überzogenen Preise der Hangrots zu bezahlen, woraufhin sich die Familie in ein kleines Landhaus zurückzog und aus der Erinnerung der Öffentlichkeit verschwand.
Als Zweites war sie mit Theodore Tagler verlobt gewesen, einem Geigenvirtuosen aus Frankreich. Er war mit dem Oceanus Orchester in England auf Tournee gewesen, als seine Familie für einen Besuch nach London reiste. Einige adlige Familien hatten gehört, dass die Taglers nach einer Ehefrau für ihren Sohn Ausschau hielten – einer Dame mit Geschmack und aus einer guten Familie, der es nichts ausmachte, dass ihr Gatte immer wieder für längere Zeit fort war, sofern sie sich dagegen entschied, ihn auf seinen Tourneen zu begleiten. Lord und Lady Grey hatten sofort Jane vorgeschlagen – sie versuchten noch immer, sich von dem Hangrot-Skandal zu erholen – und die Verbindung wurde akzeptiert.
Jane verfügte über ein gutes Ohr für Musik und erfreute sich an Sonaten, Menuetten und Symphonien. Hin und wieder ging sie sogar in die Oper – sie liebte die Tragödien, in denen die Liebenden aufgrund eines winzigen Akts der Gnade den Tod fanden. Allerdings missfiel ihr die Spielweise ihres neuen Verlobten, die sie als eher ungestüm betrachtete. Wie sich herausstellte, war auch Theodores Verhalten etwas ungestüm. Man musste unwillkürlich an die Redewendung »Elefant im Porzellanladen« denken. Ihr war rätselhaft, wie er es so schaffte, ein solch empfindliches Instrument zu spielen – und dieses Instrument war es auch, das diese Verlobung ebenso schnell löste wie die vorherige.
Die Geige, eine einzigartige Belmoorus des bekannten Geigenbauers Beaufort Belmoor, war gestohlen. Abgestaubt. Stibitzt. Aus ihrem Platz im Haus der Kinder von Beaufort Belmoor entwendet. Man hatte ihren Weg durch ganz Frankreich und Spanien bis nach England verfolgt. Der »Eigentümer« der Geige, der sie Theodore als Leihgabe zur Verfügung gestellt hatte – alle Eigentümer von Instrumenten, die sie nicht selbst spielten, achteten darauf, dass die Instrumente regelmäßig bespielt wurden –, war verhaftet worden. Und obwohl Theodore in dieser Angelegenheit nicht die geringste Schuld traf, stürzten er und seine Familie ebenfalls in den sofortigen Ruin.
Als Drittes war sie mit Walter Williamson verlobt gewesen, dem Enkel eines berühmten Erfinders, der sehr zurückgezogen lebte. Niemand wusste, was genau er erfunden hatte – es galt als Staatsgeheimnis. Wäre diese ganze Ehesache nicht gewesen, hätte Jane rein gar nichts gegen Walter einzuwenden gehabt. Er wirkte intelligent und gebildet und sprach oft von dem Vermächtnis, das sein Großvater ihm hinterlassen hatte. Auch er interessierte sich für Erfindungen. Wie er behauptete, lag es ihm im Blut, obwohl er nie einen Anflug von Kreativität zeigte.
Nachdem sie einen Monat lang verlobt gewesen waren, wurden Papiere veröffentlicht, die Walters Großvater als Dieb entlarvten, der die vergangenen fünfzehn Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Das öffentliche Ansehen der Williamsons rauschte in den Keller und (wie ihr euch bereits denken könnt) stürzte die Familie in den sofortigen Ruin.
Und die vierte Verlobung – nun ja, wie sich herausstellte, hatte es den jungen Mann gar nicht gegeben. Janes Mutter (Janes Vater war zwischen der dritten und vierten Verlobung verstorben) war ein Miniaturgemälde eines gut aussehenden Kerls zugegangen und sie hatte nicht bemerkt, dass es sich dabei um eine Beispielarbeit des Künstlers handelte. Da Janes Mutter nur über eine durchschnittliche Intelligenz verfügte und mittlerweile so verzweifelt versuchte, Jane an jemanden zu verheiraten, hatte sie die Notiz, die dem Gemälde beilag, falsch verstanden. Mit dem Satz »Ich präsentiere Euch eine Gelegenheit, die jemandem von Lady Janes Rang gebührt« war das Talent des Malers und nicht der – wirklich äußerst attraktive – Kerl auf dem Gemälde gemeint gewesen. Ihre Mutter hatte die Verlobung bereits verkündet, bevor der Künstler zurückschreiben konnte, um einen Termin für Janes Porträt zu vereinbaren und daran zu erinnern, dass seine Bezahlung nicht erstattungsfähig sei.
In einem Anfall von Entrüstung und Scham erzählte Lady Frances eine andere Geschichte, in der sie sich als Opfer eines bösen Streichs darstellte – und das so kurz nach dem tragischen Tod ihres Mannes. Dieses Mal war es der Künstler, der dem sofortigen Ruin anheimfiel.
Ging man nach ihrer Erfolgsbilanz, was Verlobungen anging, waren Gifford Dudleys Tage – und die Tage des Wohlstands seiner Familie – gezählt.
Er tat ihr schon fast leid.
Jane nahm sich das zweite Buch, eines über Eðianer, und fuhr mit dem Zeigefinger über den Titel. Was würde sie nicht dafür geben, eine Tiergestalt zu haben! Eine, bei der es niemand wagen würde, ihr eine Heirat aufzuzwingen, zum Beispiel eine Bärin. Doch falls die gestaltwandlerischen Eigenschaften der Eðianer wirklich erblich waren, wie viele Leute behaupteten, dann hatte die Gabe sie offenbar übersprungen. (Es durfte zwar niemand wissen, doch Jane hatte einmal belauscht, wie sich ihre Eltern über die eðianische Magie ihrer Mutter gestritten hatten.) Und falls sich die Gabe nur auf die Würdigen übertrug (eine weitere beliebte Hypothese, auch wenn sie jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrte), waren all ihre Bemühungen, sich als würdig zu erweisen, vergebens gewesen.
In der Ferne erhob sich auf einem steilen Hügel eine Burg. Zu Füßen des Hügels lag ein geschäftiges Dorf. Die Dorfbewohner blieben stehen und starrten die Kutsche an, als sie durch das Stadttor rumpelte und ihren langsamen Weg den Hügel hinauf antrat. Jane bewunderte den hoch aufragenden Bergfried (erbaut im 11. Jahrhundert, wenn ihre Kenntnisse der Architekturgeschichte sie nicht täuschten, was sie natürlich nicht taten) aus wunderschönem weißen Stein mit seinen schmalen Fenstern. Es sah aus, als könne man die Burg gut verteidigen, dachte sie, es wirkte fast schon so, als rechneten die Bewohner jederzeit mit einem Angriff.
Die Kutsche musste noch drei weitere Tore und einen Graben passieren, bevor sie im zentralen Hof ankam und der Fahrer vor den eleganten Wohnräumen der Burg hielt. Dabei handelte es sich offenbar um einen neuen, moderneren Anbau mit Spitzdächern und vielen Fenstern. Es wirkte wie ein Heim, in dem man sich zwar umschauen, aber nichts anfassen durfte. Perfekt eingerichtet, aber niemals genossen.
Jane ließ den Blick über die Dutzende von Fenstern schweifen und suchte nach einer Bewegung. Doch alles war still, mit Ausnahme der Pferde, die auf der Weide jenseits der Burg grasten.
Dies waren also die preisgekrönten Pferde, von denen Lord Dudley so häufig sprach.
Sie stieg aus der Kutsche und ging auf ein geschlossenes Tor zu, um sie besser sehen zu können.
Alle Pferde waren wunderschön mit geschmeidigem Fell und spindeldürren Beinen. Doch das aufsehenerregendste Pferd war ein wunderschöner Hengst auf der anderen Seite der Weide. Seine Muskeln bewegten sich geschmeidig, als er mit hocherhobenem Kopf und nach vorn gestellten Ohren über das Gras galoppierte. Er warf den Kopf zurück, sodass seine Mähne im Wind wehte und die Sonne auf seinem rotbraunen Fell schimmerte. Er war einfach atemberaubend. Obwohl sich ihre Erfahrungen mit Pferden ehrlich gesagt nur auf die sanften und gut ausgebildeten Wallache beschränkten, wie es sich einer Lady geziemte, dachte Jane, dass sie noch nie ein Pferd gesehen hatte, das es mehr verdient hätte als dieses, mit ihm zu prahlen.
Sie stellte sich vor, wie großartig es wäre, als Pferd zu leben. Die Fähigkeit zu besitzen, so zu galoppieren und auf diesen starken Beinen über den Boden zu fliegen. Niemand, der an ihr herumnörgelte, sie zwickte oder ihr zu verstehen gab, wie unbedeutend sie doch war.
Was würde sie dafür geben, die Fähigkeit zu besitzen, sich in ein Pferd zu verwandeln und nicht nur dieser Verlobung, sondern auch allem anderen zu entfliehen, was in ihrem Leben falschlief!
»Milady«, ertönte eine männliche Stimme hinter ihr. »Kann ich Euch behilflich sein?«
Jane wandte sich um und drehte den Kopf. Ihr fiel auf, dass der Gentleman, der neben ihr stand, gut gekleidet war. Dann hob sie den Blick weiter.
Da war sie.
Die Nase.
Es war eine riesige gebogene Adlernase, die schon fünf Sekunden vor ihrem Träger in einen Raum hineinragte. (Die geneigte Leserschaft mag sich an die langnasigen Arztmasken erinnern, die einige Jahrzehnte später während der Pest zum Einsatz kamen. Einige Stimmen behaupten, die Masken seien tatsächlich den Nasen der Dudleys nachempfunden, allerdings nur außerhalb der Hörweite der Dudleys.)
Gott im Himmel! Was, wenn das Gifford war?
»Ich bin hier, um Lord Gifford Dudley zu besuchen«, sagte sie zögernd und versuchte, nicht auf die Nase zu starren. Aber sie war direkt über ihr. Sie konnte kaum daran vorbeiblicken. Sie machte einen großzügigen Schritt rückwärts, in der Hoffnung, ihm dann in die Augen sehen zu können.
»Ah.« Der Mann schenkte ihr ein wissendes Lächeln. »Ihr seid hier, um meinen Bruder zu besuchen.«
Puh! Diese Nase – oder eher dieser Mann – war nicht Gifford, sondern Stan Dudley, der ältere Bruder, der seinen Vater manchmal an den Hof begleitete. (Nicht dass Jane besonders darauf achtete, was bei Hofe vor sich ging. Sie hatte so viele Bücher zu lesen.) Aber was, wenn Giffords Nase noch schlimmer war?
Sie presste die Bücher an ihre Brust und überlegte, ob wohl ein Gebet angebracht wäre. Konnte man bei einer Bitte um eine normalgroße Nase bereits von einem Sakrileg sprechen?
»Ganz genau. Ich möchte Gifford gern sofort sehen.«
»Ich fürchte, er ist gerade unpässlich. Er, äh, kümmert sich um die Pferde.« Stan sah zur Weide hinüber, doch falls Gifford dort war, konnte Jane ihn nicht ausmachen. Die einzigen Wesen dort waren Pferde, die an eine Stelle mit grünerem Gras weitergezogen waren.
»Er wird mich jetzt also nicht empfangen?«
»Nicht sofort.«
Das war äußerst ärgerlich. Sie wollte ihn wenigstens mal sehen, bevor sie ihn heiraten musste. War das etwa zu viel verlangt?
Stan wandte den Kopf und verdeckte die Sonne mit seiner Nase. »Wie ich sehe, seid Ihr darüber verärgert. Es tut mir unendlich leid, aber Ihr solltet wissen, dass mein Bruder erst nach Einbruch der Dunkelheit Zeit für Damenbesuch hat.«
Damenbesuch … Gingen hier etwa mehrere Damen ein und aus?
Sir Nase fuhr fort: »Dann seid Ihr wohl … Anne? Frederica? Janette?«
Jane blinzelte ihn an. »Verzeihung. Wer?«
Stan verschränkte die Arme und betrachtete sie nun genauer. »Rotes Haar. Das ist ungewöhnlich. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Bruder erwähnte, eine seiner Damen sei rothaarig.«
»Eine seiner Damen?«, entfuhr es ihr schrill.
»Ihr seid doch wohl nicht davon ausgegangen, dass Ihr die Einzige seid. Allerdings hatte ich angenommen, dass er Brünette bevorzugt. Von größerer Statur. Mit mehr … Kurven.«
Jane sog scharf die Luft ein. Das war ja wohl die Höhe! Für wen hielt sich dieser Stan eigentlich? Immerhin war Jane von königlichem Blut (schließlich war ihre Urgroßmutter eine Königin) und die Base und Freundin von Edward VI. Der König hatte stets ein offenes Ohr für sie und es würde nicht lange dauern, bis alles über diesen rüden, unhöflichen, impertinenten, blasierten Mann an ebenjenes dringen würde …
Sie bemerkte, dass sie nichts davon laut aussprach. Stattdessen stand sie nur mit offenem Mund da, während der Mund unter der Dudley-Nase weiterhin versuchte, ihren Namen zu erraten. Es gab so viele Namen. Mindestens einen für jeden Buchstaben im Alphabet. Pflegte Gifford tatsächlich intime Beziehungen zu all diesen Frauen? Oder war Stan einfach nur gemein?
»In Ordnung«, sagte Stan. »Ich gebe auf. Ich werde ihm sagen, dass Ihr hier wart, wenn Ihr mir verratet, wer Ihr seid.«
Sie schlug ihren schärfsten Tonfall an. »Ich bin Lady Jane Grey. Seine Verlobte.«
Stan blieb einen Augenblick lang stocksteif stehen und sank dann in eine tiefe Verbeugung. »Oh, ich verstehe. Es tut mir leid, das war mir nicht klar. Ich hätte all diese Dinge niemals sagen sollen. Es ist nur, dass Euer Haar für eine hochwohlgeborene Dame sehr rot ist. Ich meine … ich hätte die anderen Damen sonst niemals erwähnt. Denn es gibt keine anderen Damen. Nirgendwo. Auf der ganzen Welt nicht. Mit Ausnahme meiner Frau. Und Euch. Gifford wird Euch ein treuer und ergebener Ehemann sein. Wie ein Hund! Nun ja, nicht genau wie ein Hund.« Er seufzte. »Es tut mir leid, ich hätte besser gar nichts gesagt …«
Jane funkelte ihn nur an. Nun ja, seine Nase. Es war schwer, sonst noch etwas in seinem Gesicht zu erkennen.
»Bitte akzeptiert meine aufrichtigste Entschuldigung, Lady Jane.« Stan Dudley unternahm einige vergebliche Versuche der Wiedergutmachung, murmelte etwas darüber, dass er sie nun ihren Gedanken überlassen würde – die ganz bestimmt so rein seien wie die weißesten Blüten des jungfräulichsten Baumes –, und dann war er fort.
Nun denn. Ihr zukünftiger Ehemann war also ein Schürzenjäger. Ein Schlawiner. Ein Lüstling. Ein Schwerenöter. Ein Herumtreiber. (Jane wurde zu einer Art Thesaurus in Menschengestalt, wenn sie sich aufregte, ein Nebeneffekt der ganzen Leserei.) Kein Wunder, dass sie ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte, weil der Frauenheld bei Tage – angeblich – zu viel mit den Pferden und bei Nacht zu viel mit den Dirnen um die Ohren hatte.
Das war inakzeptabel.
Jane stapfte zurück zu ihrer Kutsche. Sie stellte sich all die Dinge vor, die sie zu Gifford, Edward, ihrer Mutter und allen anderen sagen würde, die sonst noch in diese arrangierte Heirat verwickelt waren. Wütende, sehr wütende Dinge.
Sie hatte gedacht, dass die Verlobung Giffords Leben ruinieren würde. Doch zum ersten Mal (vermutlich in ihrem ganzen Leben) lag sie falsch: Die Verlobung mit Lord Gifford Dudley würde ihr Leben ruinieren.
Es sei denn, sie verhinderte das Ganze.
Jane richtete sich gerader auf. Sie würde Gifford Dudley ganz gewiss nicht heiraten. (Und was für ein Name war Gifford Dudley überhaupt? Also wirklich!) Nicht am Samstag. Oder sonst irgendwann.
Das Schlimmste daran, bei Sonnenuntergang aufzuwachen, war der grasige Geschmack von Heu in seinem Mund – ein unerfreulicher Nebeneffekt davon, tatsächlich Heu im Mund zu haben. Allerdings ließ sich diese ungewollte Heu-im-Mund-itis (oder das »Heumaul«, wie seine Mutter es nannte, so wie andere von Mundgeruch am Morgen sprachen) leider nicht vermeiden, wenn man jeden Tag als ungezähmtes Pferd beendete und jede Nacht als ungezähmter Mann begann.
Beinahemann, würde seine Mutter sagen. Mit seinen neunzehn Jahren war er beinahe ein Mann. Und definitiv ungezähmt.
Während er sich zunächst in die Hocke stemmte und dann vollends aufrichtete, streckte G (bitte nennt ihn G und vermeidet es, seinen schrecklichen Namen Gifford Dudley, zweiter – und damit unbedeutender – Sohn von Lord John Dudley, Duke von Northumberland, zu verwenden) seine Hinterhand, die nun eine menschliche Hüfte war.
Er ließ seinen Ausflug vom heutigen Morgen noch einmal Revue passieren. Diesmal hatte er sich in Richtung Nordwesten orientiert und war stundenlang über grüne Hügel und durch dichte Wälder galoppiert, bis er sich nach einer Wasserquelle hatte umsehen müssen. Seiner Vorstellung nach gab es nichts, was mit diesem Leben grenzenloser Freiheit mithalten konnte und dem Gefühl, wie der Wind durch sein Haar – seine Mähne – strich.
Er hatte nicht um diese Fähigkeit gebeten. (Wenn doch, hätte er definitiv eine Möglichkeit erbeten, sie zu kontrollieren. Obwohl es vermutlich den Sinn eines Fluches verfehlte, wenn man ihn mit einem An/Aus-Schalter versah.) Jedoch hatte die Sache auch einen Vorteil: Er gehörte zu niemandem. (Wer wollte schon jemanden, der zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Pferd war?) Er konnte sich irgendeinen Ort auf der Karte aussuchen und das nächste Mal, wenn die Sonne am Himmel stand, einfach hingaloppieren. (Sofern sich sein Pferdehirn an den Weg erinnerte. G würde behaupten, dass Pferde nicht gerade für ihren Orientierungssinn bekannt waren. Stattdessen neigte er – selbst in Menschengestalt – dazu, sich in seinem eigenen Kleiderschrank zu verlaufen.) Doch das Allerbeste war, dass er keinerlei menschliche Verpflichtungen hatte.
Nach der ganzen Freiheit, die er tagsüber genoss, war der Einbruch der Nacht stets eine Ernüchterung. G suchte nach dem Wassereimer, den sein Diener stets in einer Ecke platzierte. Als er ihn erspähte, galoppierte er dorthin (selbst in menschlicher Gestalt ähnelten seine Bewegungen noch mehr einem Pferd als die irgendeines anderen Menschen) und schöpfte eine Handvoll Wasser, die er gierig trank.
Die Verwandlung machte ihn immer sehr durstig und heute Nacht musste er unbedingt alle Sinne beisammenhaben. Da sich seine Zeit als Mensch nur auf die Nacht beschränkte, gab es nur eine Handvoll Aktivitäten, an denen der menschliche G teilnehmen konnte. Aufgrund seiner forschen Ausdrucksweise und seines ungestümen Verhaltens vermuteten seine Eltern, dass er seine Stunden in menschlicher Gestalt hauptsächlich in den Boudoirs einiger Damen mit fragwürdigem Ruf verbrachte oder sich in einem Bordell volllaufen ließ. Oftmals hörte man die Beschwerden von Lady Dudley: »Dieser Junge und seine Tändeleien … Was sollen wir nur tun?«
