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Gerhard Klas erteilt in seinem Essay den sogenannten Mikrokrediten für die Armen, die nur selten die Freiheit der Kreditaufnahme in eine Freiheit der Lebensführung ummünzen, eine deutliche Absage.
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Seitenzahl: 19
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gerhard Klas
Mythos Mikrokredit
Warum Kleinstdarlehen die Armen noch ärmer machen
Es war eine mediale Erfolgsgeschichte. Und in vielen Kreisen gilt sie bis heute noch als solche: der Mikrokredit als probates Mittel zur Bekämpfung der Armut im globalen Süden. Die Grundannahme: Als Unternehmer können sich die Armen aus der Armut befreien – dafür brauchen sie nur etwas Investitionskapital. Das Problem: Banken gewähren den Armen in der Regel keine Kredite. Die Lösung: Mikrofinanzinstitute (MFI), die Kleinstkredite, umgerechnet zwei- bis dreistellige Eurobeträge, ohne herkömmliche Sicherheiten vergeben.
Diese simple Erzählung hat viele gesellschaftliche Akteure schnell überzeugt. Für die Mikrokredite hat sich in den vergangenen Jahren eine Allianz starkgemacht, die sonst nur selten zusammenkommt: Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, Kirchengemeinden und Wissenschaftler, Banken und sogar einige Globalisierungskritiker. Staatliche und zivilgesellschaftliche Entwicklungsorganisationen sehen die Mikrofinanz zunehmend als Alternative zur klassischen Entwicklungshilfe. Ein Grund: Die Mikrokredite umgibt ein ganz besonderer Charme. Angeblich sind sie kein Produkt westlicher Entwicklungsexperten, sondern kommen aus Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt.
Viel zu dieser Sichtweise beigetragen hat die mediale Durchschlagskraft eines Muhammad Yunus, der 2006 für seine Grameen Bank in Bangladesch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seit den 1970er-Jahren vergibt er Mikrokredite vor allem an Frauen. Aber: Diese Idee ist ein Import. Yunus hat sie mitgebracht aus den USA, wo er Ende der 1960er- und Anfang der 70er-Jahre Wirtschaftswissenschaften studierte und anschließend lehrte. Die neoliberale Wirtschaftstheorie machte damals großen Eindruck auf ihn, und der »Bankier der Armen« wollte durch große Mikrokreditprogramme all jene Strukturen abschaffen, die den Armen im Kapitalismus bislang Linderung und Hilfe versprachen: »Almosen, Suppenküchen, Lebensmittelmarken und Fahrten ins Krankenhaus zum Nulltarif sowie Straßenbettler hätten sich überlebt«, so Yunus.1 »Genauso die staatlichen Arbeitslosen- und Rentenversicherungen.«
Breite Zustimmung – immer noch
