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Dieser Roman erzählt von der Zeit, in der die Bewohner auf die kargen Böden angewiesen waren, in großer Armit lebten, viele emigrierten. Einer der Emigranten bringt aus Amerika eine Idee mit auf die Inseln. Die in äußerster Armut lebenden Insulaner verkaufen Hab und Gut, um in der Koschenilleverarbeitung in der Fabrik einen höheren Lebensstandard zu erreichen. Doch diese Illusion zerbricht, als das Anilin erfunden wird und der heiß begehrte rote Farbstoff viel billiger hergestellt werden kann. Eine Tragödie bahnt sich an – die alle Protagonisiten in ihren Strudel reißen wird. Zur Zeit der wirtschaftlichen Blüte schimmert der Himmel über der (fiktiven) Insel im Glanz des Perlmutt (nácar), den die übervollen Schiffe auf ihrer Fahrt nach England reflektieren. Spannender-poetischer Roman, der auch die kanarische Landschaft und Natur zum Leuchten bringt.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2011
Sabas Martín
Nacaria
Roman
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
Aus dem Spanischen von Gerta Neuroth
Sabas Martín erzählt eine fiktive Geschichte auf der fiktiven kanarischen Insel Nacaria, die auf den Erinnerungen des Großvaters beruht. Im Mittelpunkt steht die Koschenillelaus, die wir als weiße Pünktchen auf den grünen stachligen Blättern der Feigenkakteen kennen. Kaum vorzustellen, wie ein kleiner Parasit kostbaren roten Farbstoff erzeugt und die Menschen durcheinanderwirbelt. Es geht um große Emotionen, um Hoffnung und Verzweiflung.Der auf historischen Tatsachen basierende Roman ist zugleich eine Parabel auf die Faszination von Illusionen. Der Traum vom glücklichen Leben entfacht ungeahnte Kräfte. Wohin führen sie die Menschen, die alles aufgeben, um ihrem kargen Dasein zu entkommen?
Der Roman erzählt nicht nur von menschlichen Schicksalen und historischen Begebenheiten; er entwirft auch eine Kulisse voller magischer Bilder aus der Werkstatt des Feuers und des Wassers, ein kanarischer Kosmos, den man nicht vergisst.
„Wie mit großzügigen Pinselstrichen zeichnet er Natur und Menschenwerk, Ängste und Hoffnungen. Mit knappen Bildern und minimalen Dialogen bauen sich kolossale Szenarien auf, die man nicht so schnell vergisst.“ (Rheinische Post)
Inhaltsverzeichnis
Titelseite & Klappentext
Über dem Meer ein Traum aus Perlmutt
Ende und Anfang
Die Zeit in der Sanduhr
Eins
Das magische Projekt
Zwei
Der Stempel der Trockenheit
Drei
Geblendete Augen
Vier
Die Macht der Hoffnung
Fünf
Wirrwarr bei den Toten
Sechs
Die Trugbilder des Glücks
Sieben
Schreckensnamen
Acht
Im Zeichen des Wahnsinns
Zum Autor Sabas Martín
Impressum
(Anmerkungen des Autors)
Ich erinnere mich an meinen Großvater, wie er mir von der Koschenillelaus erzählte. Die Eintönigkeit des Horizonts spiegelte sich dabei in seinen Augen, die sich langsam verschleierten und feucht von den Wassern der Wehmut wurden. Mein Großvater sprach langsam, mit großem Ernst, wie aus weiter Ferne, und das ersterbende Echo seiner Worte verschmolz mit dem Glitzern des Meeres, das vielfach im Spiegel seiner Augen gebrochen wurde.
Es war an der ruhig zum Meer sich öffnenden Hafenmole meiner Insel, vor uns das Kielwasser der Schiffe, als Großvater zum ersten Mal von der Koschenillelaus sprach. Ich erinnere mich genau. Ich höre noch seine schleppende Stimme, sehe den feuchten Schimmer in seinen Augen. Seine Erinnerungen werden in mir lebendig und ich habe dieLagerhallen vor mir, die überquellen von prall gefüllten Säcken mit den winzigen weißen Schmarotzern, die auf den grüngrauen Blattgliedern des Feigenkaktus leben. Damals war ich noch ein Kind, aber ich glaube, dass ich in diesem Augenblick zum ersten Mal erfuhr, dass es eine Faszination gibt, die so stark sein kann, dass sie sich unserer Traumbilder bemächtigt.
So geschah es, dass ich in meiner Fantasie die Blicke sah, die suchend durch den Schutzwall aus Stacheln, Blattfurchen und Feigen der Opuntien drangen, um die weißen Pünktchen einzusammeln. So geschah es, dass eifrige Hände Aluminiumkellen ergriffen und kratzend und Stacheln brechend über graugrüne Kakteenglieder fuhren. So geschah es, dass große und kleine Säcke sich füllten und dann auf Tische entleert wurden, damit die Sonne die weißeLäuseernte trocknen konnte, bevor sie sich bergeweise in Körben und auf runden und eckigen Schüttelsieben wieder fanden. Ihr Schicksal war erfüllt, die Spreu vom Weizen getrennt. Aus leeren Hülsen war schneeiger Schorf entstanden, Koschenille.
Und anschließend das Warten vor den Destillierkolben, das Brodeln des Wassers, die Überprüfung der Temperatur, das langsame Eintauchen der Tücher und Stoffe, die sich voll saugten, das Auflösen der Schalen beim Sieden, bis am Ende das Weiß des Stoffes weinrot wurde, Farbe und Tuch aufs Engste miteinander verbunden, beide in eins verschmolzen, beide in ein und demselben Schimmer geheimnisvoll leuchtend.
So geschah es, dass die Erinnerungen meines Großvaters sich in mir entfalteten und zusammen mit meinen eigenen zu Visionen heranwuchsen, Geschichten von der Purpurlaus.
Die Jahre vergingen. Ich hörte auf, Kind zu sein. Lächelnd schaut mein Großvater mich aus lieb gewonnenen alten Fotos an und mir wird warm ums Herz. Die Faszination jedoch blieb erhalten: Mit langsam nachhallenden Worten hatte er sie in meine Träume gepflanzt, wo der feuchte Schleier seines Blicks lebendig blieb, diese Augen, mit denen er von der Mole aus auf das Meer und die lautlosen Spuren der Schiffe schaute. Diese Faszination, die ich wie eine sanfte, aber nicht zu umgehende Verpflichtung empfand, schlug sich in einem Roman nieder, dem ich den Namen Nacaria gab, ein Anagramm, zusammengesetzt aus Buchstaben meiner geliebten Kanarischen Inseln (Canarias) und dem Schimmer des Perlmutt (nácar), mit dem die Koschenillelaus in spiegelndem Reflex vom Meer her die Himmel überzog.
Wenn, wie Wittgenstein lehrt, die Welt erst durch Worte erdacht wird, dann war Nacaria, bevor es von zwei Buchdeckeln aufgenommen wurde, nur die Musik einer Sprache. Juan Rulfo war der Erste, der sagte, er habe seinen Roman geschrieben, weil er ihn lesen wollte, und das, obwohl er noch nicht geschrieben war. Was mich angeht, las ich sehr wohl – im Gegensatz zu Rulfo – neben den Erinnerungen meines Großvaters Jahre später, was in meinem Roman erzählt wird.
In dem ein oder anderen Buch, in dem ein oder anderen recht wirren Dokument las ich die Geschichte der Koschenillezucht auf den Kanarischen Inseln.
Doch empfand ich die Lektüre dieser Tatsachen, Ereignisse und Begebenheiten aus der Inselvergangenheit als unbefriedigend. Hier ging es nur um die sachliche Wiedergabe von Daten und Vorfällen. Es war die trockene Sprache der Geschichtsschreibung.
Meine Unzufriedenheit veranlasste mich, für dasselbe Universum andere Worte zu finden. Oder vielleicht waren es, ohne dass ich selbst es wusste, die Worte selbst, die mich zu ihrem Sprachrohr machten und mich in ihrem Eifer dazu brachten, den selben Kosmos auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck zu bringen. Bald konnte ich das feine Echo ihres Keimens hören und wurde gewahr, wie sie sich ähnlich den Bildern im Spiegelkabinett zu vervielfältigen begannen. Ihr Echo wurde zu Musik und die Musik zu Sprache. Dicht an dicht erwuchsen mir die Worte zwischen Realität und Traum. Ich wollte dasselbe erzählen, was die Geschichte hinterließ. Nur dass die Geschichte kein Grenzüberschreiter war und nicht nach dem Ausschau gehalten hatte, was sich hinter Daten und Ziffern, zwischen Anschein und wahrem Kern an Schrecken verbarg.
Daher ist Nacaria, obwohl auf realen Fakten basierend und sorgfältig recherchiert, keine Geschichtschronik, sondern eine Parabel über trügerische Illusionen und die Trostlosigkeit des Niedergangs. Sie beschreibt, unabhängig von Zeit und Land, die verheerende Erfüllung eines immer ungewissen Schicksals, sowohl des Einzelnen als auch der Gesellschaft.
Heute, bei dieser Neuausgabe von Nacaria, steht mein Großvater quicklebendig vor mir und erzählt mit bedächtiger Wehmut von der Koschenillelaus. So erwuchsen aus meiner Erinnerung an seine Erinnerungen die faszinierenden Bilder, die meinem Traum zum geschriebenen Wort verhalfen, meinem Traum von Perlmutt über dem Meer.
Dies geheimnisvolle Vorhaben ließ für nichts anderes mehr Platz in seiner Seele
Jorge Luis Borges
… was sagen will, dass viele, die dort eingetreten waren, nicht mehr herausfanden oder aber Zeichen des Wahnsinns trugen, ohne sich erinnern zu können, woher sie kamen
Sebastián de Hinojosa
Heliodor hatte es vorausgesagt. Wie die Stimme von Propheten und Derwischen klang es, wenn er mit jeder einzelnen Silbe inbrünstig die Weissagung vortrug. Unerbittlich war sie, an keine Zeit gebunden. Die Vorahnung beflügelte seine Zunge und sein Auge trübte sich zusehends, als Sturmtaucher und Triel den Bann in ihren Flügeln davontrugen. Heliodor hatte gesprochen und der Turmfalke über ihm, der lange schon sein Zuhause in der turbanähnlichen Kopfbedeckung gefunden hatte, die seine Kahlköpfigkeit verbarg, beruhigte sich. Weder das unbarmherzige Gelächter noch die durch zahlreiche Steinwürfe verursachten Prellungen schüchterten ihn ein. Erst nach dem wüsten Ritual erstarb der Spott. Heliodor hatte es vorausgesagt. Er wiederholte seine Worte im großen Indischen Lorbeer, der auf dem Platz der Verfassung in den Himmel ragte. Er drängte: hartnäckig und unermüdlich. Auch auf der Hafenmole. Im Windschatten der Säcke und im Angesicht des stets gleich bleibenden Wasserspiegels pumpte er jod- und salzhaltige Luft in die Lungen, bevor er seinen Spruch ertönen ließ. Dabei fühlte er in seinem Innern das bohrende Wühlen der Würmer.
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