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Medien haben ihre geschichtliche Zeit. Die Massenmedien, darunter der Rundfunk, also Radio und Fernsehen, haben den Zenit ihrer Bedeutung für die private und öffentliche Kommunikation überschritten. Die Praxis dieser linearen Medien genügt den Anforderungen einer Netzwerkgesellschaft nicht. Das Buch zielt darauf ab, Interventionsmöglichkeiten aufzudecken, die eine verspätete Transformation des Rundfunks dennoch möglich machen. Die Untersuchungen gliedern sich in vier Schwerpunkte und Perspektiven: Der Medienwandel ist in der Sicht des Autors nicht auf technische und ökonomische Innovationsprozesse (Digitalisierung) beschränkt. Neuen Gewohnheiten und Wahrnehmungsweisen wird das massenmediale Prinzip der dialogfreien Verbreitung nicht gerecht. Auch die Leitideen der gesetzgeberischen Regulierung der Medien sind an historische Formationen angelehnt, deren Gestalt sich weitgehend verändert hat. Organisation und Management von Rundfunkmedien halten an ihrer Orientierung am linearen Verbreitungsparadigma fest. Die dialogischen Strukturen digitaler Umgebungen stellen jedoch speziell an journalistische Medien neue Anforderungen. Ein unverkürztes Verständnis von Public Value adressiert neben Medieninhalten auch Prozesse der Produktion, der Verwaltung und des Managements von Unternehmen mit gemeinwohlorientiertem Anspruch. Deren Akzeptanz ist permanent auszuhandeln. Das abschließende Kapitel sammelt Argumente für Szenarien des Nichtgelingens und des Gelingens einer Transformation des Rundfunks.
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Hermann Rotermund
Nach dem Rundfunk
Die Transformation eines Massenmediums zum Online-Medium
Köln: Halem, 2021
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
© 2021 by Herbert von Halem Verlag, Köln
ISBN (Print) 978-3-86962-556-0
ISBN (PDF) 978-3-86962-557-7
ISBN (ePub) 978-3-86962-558-4
Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im Internet unter http://www.halem-verlag.de
E-Mail: [email protected]
SATZ: Herbert von Halem Verlag
LEKTORAT: Imke Hirschmann
DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg
UMSCHLAGFOTO: Shutterstock, Unsplash
GESTALTUNG: Bruno Dias, Porto (Portugal)
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Hermann Rotermund
Die Transformation eines Massenmediumszum Online-Medium
HERMANN ROTERMUND, Jg. 1949, Prof. Dr., studierte Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Germanistik in Frankfurt am Main. Nach einer langen Phase freiberuflicher Tätigkeit war er von 2004 bis 2013 Professor für Medienwissenschaft in Köln und von 2013 bis 2016 Gastprofessor in Lüneburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Medienwandel und die Geschichte der Designtheorie.
VORWORT
DANKSAGUNG
1.MEDIENWANDEL
Epochenenden
Massenmedien seit 1900
Disruptionen
Digitalisierung und Konvergenz
Die nächste Gesellschaft
2.REGULIERUNG
Rundfunk als Staatsaufgabe
Rundfunkrecht nach 1945
Leitideen der Rundfunkfreiheit
Breitenwirkung, Aktualität, Suggestivkraft
3.ORGANISATION
Strukturen
Inhalte
Datenmanagement
Crossmedialität
Aspekte der Transformation
4.PUBLIC VALUE
Mark Moore
Gemeinnützige Medien
Drei Dimensionen des Public Value
5.SZENARIEN
Sackgassen
Auswege
6.LITERATUR
Allgemeine Literatur
Gerichtsurteile
Gesetze und Staatsverträge
Abb. 1
Entwicklung der angemeldeten Rundfunkteilnehmer 1924-1929
Abb. 2
Organisation des deutschen Rundfunks 1926-1932
Abb. 3
Strategisches Dreieck und Public Value Chain
Radiohören und Fernsehen waren in Deutschland bislang die Freizeitbeschäftigungen, mit denen Menschen die meiste Zeit verbringen. Mit einem Gesamtaufwand von 15,3 Mrd. Euro jährlich wurden 2019 täglich pro Kopf im Durchschnitt 426 Minuten Nutzungs- und Lebenszeit der über 14-Jährigen gebunden. Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung sehen nur noch 67 Prozent fern und hören 71 Prozent Radio. Bei den unter 30-Jährigen macht Fernsehen nur noch 21,85 Prozent der Bewegtbildnutzung aus, Radiohören 24 Prozent der Audionutzung. Auch ältere Generationen schalten auf nicht-lineare Angebote um, die sie auf Smartphones und anderen digitalen Geräten nutzen.
Der aktuelle Medienwandel hat Erscheinungsformen auf vielen Gebieten. Am auffälligsten ist die Gerätenutzung im Alltag. Nicht so sichtbar sind Verschiebungen der Relevanz einzelner Medien. Sie gehen hauptsächlich zulasten von Presse, Rundfunk und Film – den drei im Grundgesetz erwähnten Massenmedien. Diese verlieren allmählich ihre Funktion als dominierende Instanzen der Information und der Orientierung für die Meinungs- und Wertebildung.
Seit Beginn der 1990er-Jahre haben die Rundfunkmedien digitale Produktions- und Verbreitungstechniken adaptiert. Ihre Produkte sowie die Organisationsstrukturen und die Denkweisen in den Unternehmen sind jedoch nicht der digitalen Medienwelt angepasst. Zwischen der Praxis des Rundfunks und den Anforderungen der neuen Medienumgebungen, die sich in den letzten dreißig Jahren dynamisch entwickelt haben, ist eine Kluft entstanden. Es fehlen Konzepte für die angemessene Weiterentwicklung der rechtlichen Normen, der organisatorischen Strukturen und der inhaltlichen Prioritäten der Rundfunkmedien. Der Medienwandel betrifft alle Rundfunkveranstalter, kommerzielle und gemeinschaftsfinanzierte. In diesem Buch werden speziell, wenn auch nicht ausschließlich, die öffentlich-rechtlichen Medien adressiert. Diese stehen in der besonderen Verantwortung, die ihnen gewährten Privilegien (darunter die Abgabenfinanzierung und ihr wettbewerbsrechtlicher Sonderstatus) durch alle Aspekte ihres Handelns zu rechtfertigen.
Die Beobachtungen und Beschreibungen dieses Buchs gründen auf medienhistorischen und soziologischen Interessen. Sie sind nicht wertfrei oder interesselos. Die Maxime des Buchs ist: Nur durch die Teilnahme am Wandel werden Erkenntnisse möglich und können Interventionsmöglichkeiten aufgedeckt werden, die eine gelingende Transformation des Rundfunks aussichtsreich machen.
Um ein Verständnis dafür zu entwickeln, in welchem Maße die heute noch existierenden elektronischen Massenmedien für eine Ära nach dem Rundfunk vorbereitet sind, gliedert sich die Untersuchung in vier Schwerpunkte und Perspektiven:
Der Medienwandel, der auch als Erosion der Massenmedien beobachtet werden kann, verdient eine komplexere Erklärung als eine nur technische und ökonomische, die auf disruptive Innovationsprozesse (›Digitalisierung‹) verweist. Die Dynamik der digitalen Innovation hat für alle Konsumenten und Bürger disruptive Veränderungen mit sich gebracht. Dabei treten nicht einfach neue Medien und Nutzungsformen zu den vorhandenen hinzu, sondern auch neue Gewohnheiten und Wahrnehmungsweisen. Zwischen die alten Massenmedien und die mündliche Kommunikation von Anwesenden schieben sich neue Hybridformen der Kommunikation. Diese Entwicklungen verursachen in den Subsystemen der Gesellschaft vielfältige Stresssymptome. Erregte Debatten über unvertraute Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Kommunikation bis hin zu panikartigem Alarmismus prägen große Teile der öffentlichen Befassung mit digitalen Medien. Dabei sind authentisch empfundene Sorgen über den gesellschaftlichen Zusammenhalt von interessengeleiteten Positionen der Vertreter von Massenmedien kaum zu unterscheiden. Die heutigen Rundfunkmedien halten bislang am massenmedialen Prinzip der dialogfreien Verbreitung ihrer Produktionen fest. Ob sie in der Netzwerkgesellschaft eine Rolle spielen können, wird immer zweifelhafter.
Die gesetzgeberische Regulierung muss angesichts der Veränderungen im Mediensystem neue Rahmenrichtlinien entwickeln. Die verfassungsrechtlichen Leitideen für den Rundfunk sind an historische Medien- und Gesellschaftsformationen angelehnt, deren Gestalt sich weitgehend verändert hat. Es entspricht der sozialen Natur von Rechtssystemen und -vorstellungen, dass sie gesellschaftliche Veränderungen eher im Nachvollzug ordnen statt selbst Teil einer innovativen sozialen Strategie zu sein. Das zweite Kapitel dieses Buchs identifiziert die Bruchstellen, an denen neue, zukunftsfähige gesetzgeberische Strategien ansetzen können und sollten.
Die Organisation von Rundfunkmedien orientiert sich bislang prioritär am linearen Verbreitungsparadigma. Redaktionen sind für Sendungen verantwortlich, die einen Programmplatz in einem langfristig festgelegten Sendeschema haben. Die Performance der gesendeten Produkte wird regelmäßig in Marktanteilen gemessen. Auftrag und Selbstbild speziell der öffentlich-rechtlichen Programme zielen jedoch vor allem darauf ab, einen relevanten Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu leisten. Eine an der durchgängigen Messbarkeit der internen Leistungen und der Produktionsergebnisse orientierte Organisation ist für diese Vorgabe nicht adäquat. Die Modernisierungskonzepte der letzten Jahre – zum Beispiel die crossmediale Produktion aus neu kombinierten redaktionellen Einheiten – gehen die Umkehrung der Priorität von linearen und nicht-linearen Angeboten nicht an. Es fehlen Organisationsformen, die dem bisherigen Rundfunk eine anhaltende Anerkennung in der durch global operierende Unternehmen und deren Datenmanagement geformten digitalen Medienwelt sichern.
Die gesellschaftliche Akzeptanz von institutionellem Handeln ist ein in der Öffentlichkeit zunehmend beachtetes Thema. Das Public-Value-Konzept von Mark H. Moore enthält die Dimensionen ›Legitimation‹, ›Wirtschaftlichkeit‹ und ›Akzeptanz‹. Dabei umfasst es die Aspekte der Organisation, der Produktion und der Produkte selbst. Es bietet sich als Leitfigur für gesellschaftlich beauftragte Medien an. Der Fokus der bisherigen deutschsprachigen Diskussion über den Public Value von Medien liegt bislang fast ausschließlich auf den Inhalten. Im vierten Kapitel werden auch Produktion, Verwaltung und Management der Public Value beanspruchenden Unternehmen adressiert. Public Value wird als Prozess dargestellt, dessen Ergebnisse jederzeit der Aushandlung aller an ihm Beteiligten und von ihm Betroffenen unterliegen.
Die Aussichten für einen Erhalt des derzeitigen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems stehen nicht gut. Sie verbessern sich in dem Maße, wie die Notwendigkeit eines konsequenten Wandels akzeptiert wird und daraus Folgerungen für die Transformation der Rundfunkanstalten zu Online-Medien gezogen werden. Im abschließenden Kapitel werden Argumente für Szenarien des Nichtgelingens und des Gelingens einer solchen Transformation gesammelt.
Ohne vielfältige Vermittlungen von Wolfgang Hagen über mehr als drei Jahrzehnte hätte ich den deutschen Rundfunk nicht kennengelernt und nicht zu meinem Thema machen können. Michael Albrecht hat mir die komplexen öffentlich-rechtlichen Strukturen weiter erschlossen, eine Zeitlang mein Auskommen ermöglicht und war über viele Jahre ein Gesprächspartner. Danken möchte ich Rüdiger Malfeld für seine immerwährende Bereitschaft zu argumentativen Probeläufen. Das Bochumer Center for Advanced Internet Studies (CAIS) hat mir zwei halbjährige Fellowships mit komfortablen Arbeitsmöglichkeiten gewährt und schließlich die Drucklegung des Buches finanziell unterstützt.
Gesellschaftlicher Wandel oder gar das Überschreiten einer Epochenschwelle vollzieht sich unmerklich. Dass jemand einen ›Nullpunkt‹ zwischen zwei Epochen bewusst erlebt, ist ausgeschlossen.
»Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Dieser bekannte Ausspruch, den Goethe sich selbst dreißig Jahre nach der Kanonade von Valmy retrospektiv zuschrieb, ist eine künstlerische Fiktion und Teil eines anekdotischen Berichts:
»Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen Franzosen anzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es geschah, so war es um zu fluchen, oder zu verwünschen. Wir hatten, eben als es Nacht werden wollte, zufällig einen Kreis geschlossen, in dessen Mitte nicht einmal wie gewöhnlich ein Feuer konnte angezündet werden, die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich auf, was ich dazu denke, denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich …« (GOETHE 1898: 74f.).
In der Geschichtswissenschaft hat die Einschätzung einer sich 1792 vollziehenden Epochenwende wenig Anhänger gefunden. Zudem hat Goethe es versäumt, ein klares Abgrenzungskriterium für seine Epochenvorstellung anzugeben. Dass eine Volksarmee mit einer gewissen Anzahl Kanonen die preußischen Professionals am weiteren Vorrücken in Frankreich hindern konnte, mag militärhistorisch bemerkenswert sein. Vor allem im Zusammenhang mit der Selbstbehauptung des revolutionären Frankreichs gegenüber den absolutistischen Monarchien Europas besitzt dieses Ereignis möglicherweise auch einen Symbolgehalt. Als Beleg für einen Epocheneinschnitt taugt es jedoch keineswegs.
Niklas Luhmann verlangt eine Differenzierung, die für den Nachvollzug einer Epochenbehauptung konstitutiv ist. Epochen benötigen, so stellt er fest, mindestens zwei Abgrenzungsereignisse. »Es reicht nicht aus, alles auf eine Vorher/Nachher-Differenz zusammenzuziehen – etwa Europa vor der Kartoffel und nach der Kartoffel. Denn diese Differenz könnte dann nur das grandiose Ereignis selbst, das die Epochen trennt, beschreiben, nicht aber die Geschichte als Prozeß« (LUHMANN 2008a: 102). Der Prozess der Herausbildung der für eine Epoche charakteristischen inneren Differenzierungen kann sich über eine lange Zeit erstrecken. Luhmann schlägt vor, für die Herausbildung der Differenzierungsstruktur der Gesellschaft, die für die Moderne typisch ist, eine Übergangszeit vom 12. bis zum 18. Jahrhundert anzusetzen (ebd.: 118). Es gibt ferner das Problem, dass Strukturänderungen in der Gesellschaft sich nicht als Abschaltung früherer, jetzt nicht mehr optimaler Anpassungen vollziehen. Die fortlaufende Selbsterneuerung des Systems läuft trotz beginnender struktureller Änderungen weiter, was die Durchsetzung dieser Änderungen erheblich erschwert. Luhmann findet dafür die prägnante Formel: »Selbst mit den Kräften des Herkules könnte man den Stall des Augias nicht ausmisten, wenn die Kühe drin bleiben« (ebd.: 106). Für das Zusammentreffen ›alter‹ und ›neuer‹ Medien gibt es vergleichbare und viel zitierte Beschreibungen von Wolfgang Riepl (1913) und Marshall McLuhan (1964). Beide betonen, was bei ihrer Erwähnung oft unterschlagen wird, dass mit dem Erhalt eines Rests der alten Strukturen dennoch ihre Form- und Funktionsveränderung verbunden ist. Wenn die Kommunikationsverhältnisse einer Epoche durch die Mündlichkeit ihrer Medien bestimmt sind, so bedeutet die Durchsetzung der schriftlichen Kommunikation nicht, dass nunmehr nur noch schriftlich und nicht mehr mündlich kommuniziert wird. Eine Ahnung davon, mit welchen Lasten die Durchsetzung neuer Medien verbunden ist, gibt die ausgedehnte medienkritische Literatur seit Platon. Sie spricht Bände davon, wie sehr das Verstehenkönnen und Verstehenwollen vor den aufziehenden neuen, epochemachenden Errungenschaften kapituliert. Irritation, Unsicherheit und Aggression sind oft Begleiterscheinungen solcher Konfrontationen. Die positive und kritiklose Überzeichnung des Vorhandenen, dessen drohender Verlust nun beklagt wird, macht erst einer reflektierteren Sicht und der Erkundung erlebter Beschädigungen Platz, wenn das Neue schon unwiderruflich etabliert ist.
In diesem Kapitel geht es zunächst um die Selbsterkenntnisprozesse der ›alten‹ Medien. Die Bestimmung des ›Neuen‹, die Identifizierung und Bewertung der epochemachenden Veränderungen durch die digitalen Medien muss demgegenüber größere Ungewissheiten akzeptieren und daher etwas abstrakter bleiben.
»Es gibt keine Zeugen von Epochenumbrüchen. Die Epochenwende ist […] an kein prägnantes Datum oder Ereignis evident gebunden« (BLUMENBERG 1998: 545). Epochen benötigen Abgrenzungsereignisse und -merkmale. Für Hans Blumenberg ereignet sich der Beginn der Neuzeit irgendwo zwischen den Lebenszeiten und Weltbildern von Nikolaus von Kues und von Giordano Bruno in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Er synchronisiert den Epochenbeginn der Neuzeit bemerkenswerterweise nicht mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg. Diese medientechnische Innovation scheint für ihn – im Unterschied zu vielen Medienhistorikern – kein ausreichender Anlass zur Zuschreibung einer Epochenwende zu sein. Sein Abgrenzungsmerkmal ist die Indienstnahme der Welterklärung durch die Dogmen der christlichen Kirche. Nikolaus von Kues war der letzte einflussreiche Denker und Amtsträger (er war Kurienkardinal), der die Welt als »frei tragende spekulative Konstruktion aus den Attributen der Gottheit heraus« erklärte – »aber nicht mehr mit dem Vollgefühl der Scholastik, sondern mit der Sorge um ihren Verfall« (ebd.: 552). Das macht ihn zur Abgrenzungsfigur für die geistesgeschichtliche Epoche des Mittelalters, während Giordano Brunos Werk den Beleg dafür lieferte, dass diese Konstruktion nicht mehr funktionierte.
Es kommt das Problem hinzu, welche Merkmale von Gesellschaften als epochentypisch selektiert werden und in welche Korrelationen sie zueinander gestellt werden. Die Schlagwortfolge Buchdruck – Humanismus – Alphabetisierung – Aufklärung – Demokratie ist allgemein bekannt, Lücken können leicht gefüllt werden, und solche Aufreihungen verführen dazu, sie als Kausalketten zu verstehen oder misszuverstehen. Der Einfluss des Buchdrucks auf die Alphabetisierung in Europa ist zum Beispiel fragwürdig. Vom 16. bis tief ins 18. Jahrhundert brachte vor allem die Verschriftlichung von Verträgen und amtlichen Vorgängen die Alphabetisierung voran (dazu BENNE 2015). Dennoch gab es in Deutschland um 1770 bei großzügiger Berechnung höchstens 10 bis 15 Prozent Lesekundige in der Bevölkerung (SCHENDA 1977: 442ff.). Die Flugschriften und ›populären Lesestoffe‹ der Frühaufklärung, deren Inhalte seit den 1970er-Jahren ein beliebter Forschungsgegenstand sind, erreichten immer nur die bürgerliche Elite und keine lesenden Massen.
Die deliberierende englische Öffentlichkeit, auf die Habermas (1990) sich bei seiner Modellbildung bezog, umfasste ebenfalls nur eine kleine elitäre Schicht. In den Clubs und Kaffeehäusern wurden neben wenigen Zeitungen und Druckschriften vor allem handschriftliche Texte und Briefe ausgetauscht, die immer wieder abgeschrieben wurden. Dass die Artikel in den Proceedings der 1660 gegründeten englischen Royal Society bis ins späte 19. Jahrhundert als ›letters to the editor‹ bezeichnet wurden, geht auf diese handschriftliche Tradition zurück (MULSOW 2012). Je detaillierter die Forschung der Schrift- und Druckgeschichte die soziale Verwendung schriftlicher Materialien aufdeckt, desto unschärfer werden die Konturen und Kausalitäten, die bislang zum Schulwissen der westlichen Welt gehören. Druckmedien, die es seit Gutenberg – seit der frühen Neuzeit – gab, sind zweifellos kennzeichnende Elemente für die Periode von 1500 bis heute. Andererseits war ihre prägende Kraft auf andere Bereiche der sich im Umbruch befindlichen Gesellschaften nicht eindeutig und einflussreich genug, um die folgenden Jahrhunderte schon als ›Gutenberg-Zeitalter‹ kennzeichnen zu können. Neben religiösen Schriften wurden in den ersten 150 Jahren nach den Bibeldrucken Gutenbergs vor allem Lernmedien für Kirche, Universitäten und Verwaltung produziert (GIESECKE 1991: 217ff.). Auch Schulmaterialien wie ABC-Tafeln wurden entwickelt. Eine bedeutende Funktion hatten bildliche Gedächtnisstützen, Landkarten, Schautafeln und andere didaktische Darstellungen. Sie dienten mindestens ebenso sehr als informative wie als normalisierende Unterstützung des Wissenserwerbs. Die Städteansichten der Schedelschen Weltchronik von 1493 trugen einerseits zur Normalisierung der Weltsicht bei, andererseits verbreitet die Chronik jedoch Mythen in großer Zahl (SCHEDEL 1493). Die gedruckten Bibeln, darunter bereits vor Luther einige deutschsprachige, aber beispielsweise auch Ausgaben mit Schriften von Aristoteles, förderten die Standardisierung dieser Texte, für die vor dem Buchdruck wohl keine Notwendigkeit gesehen wurde.
Epoche, Epochenwandel und auch Medienwandel sind abstrakte Konzepte, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung entziehen. Veränderungen erzeugen aber Irritationen in Systemen und bei Individuen. Der Prozess der Auflösung von sozialer Kohäsion, ob mit oder ohne Neukombination von Bindungen, wird nicht als solcher erlebt. Die indirekten Wirkungen, die z. B. als Verunsicherung, als Zunahme von Konflikten und allgemein als Kommunikationsprobleme wahrgenommen werden, beschäftigen die Gesellschaft jedoch unentwegt. Das war auch zur Zeit des Buchdrucks und zu Beginn der Neuzeit so. Zwei Reaktionsweisen sind offenbar typisch: Medienverehrung und Medienabwehr. Beiden liegt die bewusst oder unbewusst gestellte Frage zugrunde, welchen Nutzen die jeweiligen Medien für alle oder einzelne soziale Gruppen bzw. für den Einzelnen haben.
Seit der Durchsetzung der Schrift wird den Medien zugeschrieben, sie könnten Menschen zumindest teilweise substituieren. Das Schwert tötet den Gegner – und die Drucktechnik speichert Wissen. Giesecke (1991: 134ff.) zählt eine ganze Reihe von Vorzügen auf, die mit der Drucktechnik verbunden wurden. Gutenberg selbst wollte die Skribenten im Hinblick auf kalligrafische Qualität überbieten. Die Vervielfältigung von Texten wird erheblich beschleunigt, Druck ist im Verhältnis zu Abschriften billiger, und die Texte werden mehr und mehr standardisiert, auch wenn die Auflagen nur einige Hundert Exemplare betragen. Die Standardisierung beispielsweise von Liturgien brachte die Kirchen auf die Seite der typografischen Innovateure. Die Drucktechnik ermöglicht die Ausbreitung (göttlicher) Weisheit und entreißt der Finsternis Schätze der Erkenntnis. Der Erfahrungsverlust, der mit den handschriftlichen Textspeichern als Gefahr immer verbunden war, wird durch den Buchdruck zumindest gemildert oder sogar aufgehoben: Fortwährende Vervielfältigung macht das Wissen unsterblich. Dem Buchdruck wird – allerdings erst 150 Jahre nach seiner Einführung – Allmacht zugeschrieben. Obwohl die allmähliche Verbreitung schriftlicher Normen in Wirtschaft und Verwaltung im Wesentlichen durch skriptografische Techniken vorangebracht wurde, erfuhr die Drucktechnik höchste Wertschätzung. »Bald überstiegen die Fähigkeiten, die in die Maschine hineinprojiziert wurden, diejenige jedes einzelnen Menschen: ganze soziale Institutionen wie die ›Unterweisung durch Lehrgespräche‹ oder die ›Verkündigung von Gottes Wort in der Predigt‹ konnten durch die Druckerei substituiert werden« (ebd.: 156). Der Strom verfügbaren Wissens ermöglichte einen virtuellen Erfahrungsgewinn, der nicht mehr durch praktisches Handeln, also Versuch und Irrtum, erworben werden musste. Frühneuzeitliche Medientheoretiker feierten den Zugang zu ›fertigem Wissen‹. Ein wesentlicher, auch von Giesecke hervorgehobener Effekt des Buchdrucksystems ist die Parallelverarbeitung von Informationen: Viele Nutzer der Druckmedien können gleichzeitig Wissen erwerben und es anwenden. Diese Simultaneität wird als Beschleunigung des Informationsumschlags erfahren und vielfach der Technik selbst zugeschrieben. Martin Luther erklärte den Buchdruck zum letzten Geschenk Gottes – es ermöglichte den direkten Zugang zur göttlichen Weisheit, ohne Umweg über die Institution ›Kirche‹. Die sogenannte ›Heilige Schrift‹ wurde nicht mit dem Finger Gottes in Lehm geritzt, sondern entstand in arbeitsteiliger Massenfertigung in weltlichen Werkstätten. ›Schrift‹ ist in dieser abgekürzten Form bis heute ein Synonym für die Bibel. Die Bibellektüre wurde seit dem 16. Jahrhundert zur Freizeitbeschäftigung gottesfürchtiger und schriftgelehrter Bürger. Bibel, Katechismus und Gesangbuch bildeten die Keimzelle der kleinbürgerlichen Privatbibliotheken. Die Überführung klassischer griechischer und lateinischer Handschriften in gedruckte Ausgaben war ein zweiter Tätigkeitsbereich des frühen Typographeums. Beim Zusammentragen, Vergleichen und Edieren handschriftlicher Sammlungen tat sich besonders die Werkstatt des venezianischen Druckers Aldus Manutius hervor. »By 1520, the great work of printing the classics was for the most part complete.« Diese Erkenntnis des britischen Kulturhistorikers R. R. Bolgar (1973: 375) ermöglicht einen neuen Blick auf Hans Blumenbergs Epochenzäsur. Das Ende der christlich-dogmatischen Weltinterpretation und das Ende der Renaissance fallen zusammen. Es beginnt die Zeit der Parallelverarbeitung des gesamten Korpus der in Europa zugänglichen theologischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen und juristischen Literatur. Ihre Resultate zeigen sich in einer Fülle von gelehrten Kommentaren und Anwendungen, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts den Buchmarkt fluten. Während bei den Humanisten des 15. Jahrhunderts noch das Bestreben um doppelte Imitation überwiegt – Imitation der griechisch-römischen Denkfiguren und der Sprache Ciceros –, beginnt Mitte des 16. Jahrhunderts die Weiterentwicklung naturwissenschaftlicher, medizinischer und juristischer Wissensbestände (ebd.: 369ff.). Das durch Aristoteles dominierte Verständnis der klassischen Philosophie wurde durch Platon erweitert, der mit den scholastischen Traditionen nicht mehr kompatibel war. Die enzyklopädische Bibliotheca Universalis von Conrad Gesner, die 1545-1549 erschien, erfasste alle bekannten Biografien sowie künstlerischen und naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Antike. Bolgar merkt an, dass dieses Werk eine Art Wegmarke bildete. Es war unverzichtbar vor allem für Gelehrte und Studenten, die sich speziell für die Antike interessierten, aber nicht mehr so sehr für jene, die den Stand der aktuellen Erkenntnisse auf den verschiedenen Gebieten des Wissens erkunden wollten. Die Aktualität der Klassiker hatte ihr Ende erreicht. Die gebildeten Schichten in religiösen, wissenschaftlichen und administrativen Einrichtungen – und darüber hinaus manche handeltreibenden Bürger und Künstler – waren stärker an den neuen Inhalten interessiert, die an vielen Orten gleichzeitig verfügbar wurden.
Allerdings: Auf der Ebene der Inhalte lebte das Alte im Neuen fort – und auf der Ebene der Medien ersetzte das Neue nicht das Alte, sondern ergänzte es und wies ihm einen neuen Platz und eine veränderte Relevanz zu. Die Menge, Standardisierung und Verfügbarkeit einer großen Fülle von Inhalten ist gewiss ein Vorzug der typografischen Medienwende. Ohne die gleichzeitig organisierte und durchgesetzte Standardisierung der mitgelieferten Metadaten hätte sie indes keine so zügigen Fortschritte machen können. Die Adressierbarkeit jeder Auflage jedes Buchs – mit Autor, Titel, Verlags- und Druckort sowie einer Jahresangabe ermöglichte den Fernhandel mit Büchern und eine neue Organisation von Bibliotheken. Hier mussten Kommunikationsnetze allerdings erst geschaffen und gegenüber dem schon vor dem Buchdruck existierenden Handel mit Büchern (einschließlich der zuerst 1370 stattfindenden Buchmesse in Frankfurt) ausgebaut werden. Das Buch vernetzte die frühneuzeitliche Gesellschaft auf eine besondere Weise, nämlich über den Markt. Dieser bot gegenüber den skriptografischen Verteilungsmechanismen deutliche Vorteile. Die kirchlichen Organisationen, beispielsweise die Orden, organisierten die Auswahl, Vervielfältigung und Verteilung von Literatur. Der typografische Buchmarkt kannte keine solchen Filtermechanismen – außer dem hohen Preis der Bücher und der Lesefähigkeit als Rezeptionsvoraussetzung. Der Markt war allerdings für einige Beteiligte gefährlich. Druckereien mussten die Risiken langer Produktionszeiten und eines ungesicherten Absatzes ihrer Produkte tragen. Es gab viele Bankrotte in diesem neuen Gewerbe, bis systematische Beziehungen zum Vertrieb und auch zum überörtlichen Austausch zwischen Druckereien etabliert waren. Dabei half die sich im 16. Jahrhundert in den deutschen Regionen ausbreitende Vision eines deutschen Vaterlandes. Sie hatte keine politischen Konturen, sondern war eher eine kulturelle Idee, die deutliche antikirchliche Züge hatte (GIESECKE 1991: 385ff.). Ihre Ausbreitung ging Hand in Hand mit der Drucktechnologie. Während in der skriptografischen Ära das Alte, bereits Bekannte die Orientierung vorgab, entwickelte sich mit der Durchsetzung der Drucktechnik die Orientierung am Neuen, am Erkenntnisfortschritt auf allen Gebieten. Kirchliche und behördliche Zensurmaßnahmen versetzten diesem Interesse oftmals einen Dämpfer. Allerdings konnten sie nur in Spanien und einigen anderen Ländern den Markt entscheidend beeinträchtigen. In den deutschen Staaten erwies sich die Zensur als untauglich zur Kontrolle des relativ agilen neuen Mediums. Ihre schwerfällige und hierarchische Organisation war geradezu anachronistisch, als sich die marktwirtschaftliche Vernetzung der Buchproduktion erweiterte. Eine mit der verordneten umfassenden (und ineffektiven) Vorzensur verbundene Auflage für alle Drucker waren Pflichtangaben in jedem Buch – Autor, Titel, Verlagsort, Druckerei –, die eine Verfolgung von ›Schmähreden‹ ermöglichen sollten. Sie waren jedoch auch für die Autoren nützlich, die häufig mit der unrechtmäßigen Aneignung ihres Namens und ohnehin mit Raubdrucken konfrontiert waren (REICHS-TÄGE 1720: 512).
Für die Leser veränderte der Buchmarkt die Rezeptionsweise und die Positionierung des Buchs. Es stand ihnen nun frei, das Gelesene zu akzeptieren oder abzulehnen. Die frühere Verbindlichkeit der Schriften lockerte sich. Da kirchliche und weltliche Instanzen die Verbreitung unerwünschter Literatur höchstens punktuell aufhalten konnten, wechselten sie ihre Strategie und reagierten selbst auch im typografischen Medium mit autoritativer Polemik. Zwar war die Zahl der im 16. Jahrhundert durch Gedrucktes erreichten Bürger gering, aber die Reaktion und Haltung dieser Leser war relevant für den Zustand der systemtragenden Institutionen. Es entstand so etwas wie eine mediengestützte öffentliche Meinung, die sich im skriptografischen Zeitalter nur auf das Medium des Gesprächs unter Anwesenden stützen konnte. »Alles was informativ […] ist, erscheint im Druck – andererseits gilt nur noch das als gesellschaftliche relevante Information, was man auch gedruckt lesen kann« (GIESECKE 1991: 501).
Einige Bewertungen des Buchdrucks erhalten sich über Jahrhunderte. Die Kirchen priesen ihn als ›göttliche Druckkunst‹. Zwar war diese Kunst ein Motor der protestantischen Reformation, aber die Verbreitung gedruckter Antikritiken, Heiligenlegenden und Ablasszettel empfand auch die Papstkirche als Verbesserung. Als Quell des Wissens für die gelehrten Professionen und – langsam zunehmend – auch für Laien wird der Buchdruck bis heute gepriesen. Die vielfältigen Erfindungen und technischen Erneuerungen, die in die Buchherstellung einflossen und im Zusammenspiel die erste rational durchgeplante arbeitsteilige Serienfertigung ermöglichten, ließen sie (mit einem erweiterten Kunstbegriff) als ›Kunst der Künste‹ erscheinen. Die Verbreitung von Reiseberichten und anthropologischen Studien trug zum Abbau garstiger Mythen bei und machten den Buchdruck in gewisser Weise zu einem Werkzeug des Friedens. Schließlich wird er bis heute als Quelle der Bildung und als Maschine der Aufklärung charakterisiert. Diese positive Zeichnung gehört so sehr zum Selbstverständnis der Moderne, dass sie auch die Fragestellungen von Studien zur Buch- und Mediengeschichte beeinflusst. In diesen geht es oft eher um das ›Wie‹ als das ›Ob‹ positiv sozialisierender und demokratisierender Einflüsse und nur selten um eine kritische Sichtung aller Faktoren des Buchzeitalters. Die Zuschreibung eines umfassenden Nutzens für den Wissenserwerb, für die gesellschaftliche Kommunikation, für die Ausfüllung der für Staatsbürger vorgesehenen Rolle in Demokratien gehört zum Pflichtprogramm und versteht sich fast von selbst. Gerade unter dem Gesichtspunkt des aktuellen Medienwandels wird aber auch die ›dunkle Seite‹ des Typographeums interessant. Ihre Analyse könnte Aufschlüsse über die Chancen der Durchsetzung neuer Kommunikationsverhältnisse geben.
Der aktuelle Medienwandel wird bislang meist aus einer Verlustperspektive beschrieben. Das Fernsehen dient nur noch der Unterhaltung, hieß es in den 1980er-Jahren. Die Nutzung digitaler Kommunikationsmedien dreht die Alphabetisierung zurück, meinen viele Sprachwissenschaftler (FORSA 2014: 8), macht nervös und dumm, heißt es bei einigen Psychologen (SPITZER 2018).
Michael Giesecke hat sich in seiner Studie über den frühen Buchdruck und einigen Folgewerken auch mit der Kritik an den befürchteten Auswirkungen des damaligen Medienwandels auseinandergesetzt. Zunächst löste die Buchproduktion vertraute Probleme mit neuen Mitteln (GIESECKE 1991: 471). Dann, hundert Jahre nach Gutenberg, konfrontierte sie eine aufmerksamer gewordene Umwelt mit einer großen Anzahl neuer Probleme. »Bei Umweltveränderungen, die erst in dem Augenblick wahrgenommen werden, in dem sie den Menschen oder die Gemeinschaft schon aus dem Gleichgewicht gebracht haben, spricht man eher von ›Schicksalsschlägen‹ oder von ›Katastrophen‹« (ebd.: 49f.). Eine Zeitlang konnte die Verbreitung unliebsamer Informationen einfach zum Missbrauch erklärt werden, der vom Nutzen des Mediums insgesamt ausgewogen wurde. Andere Stimmen waren pessimistischer und aggressiver. So erklärte der französische Theologe und Rhetorikprofessor Guillaume Fichet 1470 den Buchdruck zum ›Trojanischen Pferd‹, mit dem von Deutschland aus das gläubige Frankreich unterwandert werden könne (GIESECKE 2002: 215). Die Klage über die Verbreitung ketzerischer, gesetzwidriger und unmoralischer Inhalte war zu erwarten. Die Vermannigfachung deutschsprachiger Bibeln könne die Leser zum Grübeln bringen, Unruhe und Spaltung in der Schar der Gläubigen erzeugen (GIESECKE 1991: 171). Auf den ersten Blick überraschend ist jedoch die Klage von Handwerksmeistern, dass ihnen durch Fachbücher, die in die Hände von Laien fallen, unliebsame Konkurrenz entstehen könnte. Die allgemeine Zugänglichkeit technischer und medizinischer Informationen schien die Exklusivität des Fachwissens und seiner Vertreter zu gefährden (ebd.: 362ff.). Die zunftmäßige Unterweisung der Lehrlinge, die hierarchische Binnenordnung des Handwerks und die überschaubare Statik der sozialen Organisation wurden als bedroht angesehen.
Die Medienschelte von Pädagogen zieht sich seit der Einführung der schriftlichen Speicherung und Kommunikation durch die Jahrtausende. Sie übertönte die der Theologen in dem Maße, wie populäre Lesestoffe in Umlauf kamen und Lektüre ohne irgendeinen institutionellen Zusammenhang zur Gewohnheit wurde. Das ist z. B. bei Gedichten und Romanen der Fall, die im 18. Jahrhundert auch von bürgerlichen Leserinnen verschlungen wurden. Bezeichnenderweise wurde zu dieser Freizeitpraxis von manchen besorgten Zeitgenossen auch gleich eine passende Krankheit erfunden – die Lesesucht:
»Die Lesesucht ist eine unmäßige Begierde, seinen eigenen, unthätigen Geist mit den Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus deren Schriften vorübergehend zu vergnügen. Man lieset, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern, sondern um zu lesen; man lieset das Wahre und das Falsche prüfungslos durch einander, ohne Wißbegier, sondern mit Neugier. Man lieset und vergißt. Man gefällt sich in diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüßiggang, wie in einem träumenden Zustande« (ANONYM 1821: 132).
Die Lesesüchtigen werden durch ihre Vielleserei schließlich unbrauchbar »zu den Gewerben des Lebens«. Besonders die Jugend ist gefährdet: »Was der Mütter treue Liebe, was des Vaters fromme Sorge, was des Lehrers warmer Eifer Jahre lang baute, reißt oft der Fluch eines einzigen verbrecherischen Buches in einer Stunde nieder« (ebd.: 136). Die heutige Geißelung der ›Internetsucht‹ bedient sich ähnlich fantasievoller Argumente, die in einer Vielzahl oft staatlich finanzierter Forschungsprojekte ersonnen werden. Die Sucht ist hier eine Zurechnung, die auf einer durch Befragungen gefütterten Skala von Verhaltensmerkmalen basiert. Die Symptome der Lesesucht und der Internetsucht unterscheiden sich kaum. In beiden Fällen geht es um dysfunktionales Verhalten im Alltag und Leistungsverweigerung – wobei Tagträume bei Buchlektüre im Vergleich mit ununterbrochener Social-Media-Kommunikation per Smartphone aus heutiger Sicht sicher die sympathischere Normabweichung sind.
In jeder Epoche scheinen positive Beschreibungen der überkommenen Verhältnisse und der in ihnen dominierenden Medien zu überwiegen. Die Anzeige von Mängeln unterbleibt schon aufgrund fehlender vorstellbarer Alternativen. Eine umfassende und systematische Epochenkritik ist offenbar erst in der Phase des Zusammenbruchs oder sogar erst nach der Überwindung einer Epoche möglich. Marshall McLuhan konnte in den 1960er-Jahren den Buchdruck nur mit dem Fernsehen kontrastieren.
Der schon mehrfach zitierte Michael Giesecke befasste sich ein Jahrzehnt nach seinem Buch über das Typographeum mit den erkennbaren neuartigen Qualitäten des Internets und benutzte diese Analysen zur Schärfung der Kritik am Buchzeitalter, dessen Ausgang er nunmehr noch klarer diagnostizierte. Dabei stellte er einen Katalog von Mythen auf, die über Jahrhunderte hinweg das Bild des Typographeums prägten.
»1.Der Mythos der zwei Kulturen: Typographische Medien, Programme, Vernetzungen usf. haben sich getrennt von der Industriegesellschaft entwickelt und lassen sich auch getrennt von ihr beschreiben.
2.Der Mythos eines einheitlichen Ursprungs von Schrift- und typographischer Buchkultur: Es ist gleichgültig, ob Informationen mit skriptographischen oder mit typographischen Medien verarbeitet werden.
3.Die Mystifikation der Erziehung und Bildung durch Bücher: Kulturnationen entstehen durch die Gleichschaltung der Köpfe mithilfe gedruckter Bücher.
4.Die Mystifikation der sichtbaren Welt: Die äußere visuell wahrnehmbare Umwelt ist die einzige, wahre Wirklichkeit.
5.Die Mystifikation der synthetischen Buchwelt: Typographische, standardsprachliche Beschreibungen sind natürlicher als elektronische Simulationen.
6.Die Mystifikation rationaler, sprachlicher Informationsverarbeitung: Logisches Denken, Vernunft […] ist für Kulturen wertvoller als emotionale Intelligenz, Kunst […].
7.Die Mystifikation des Gedächtnisses: nur noch Speicher und kein Medium des Vergessens.
8.Der Mythos des Autors: Jedes Buch hat (nur) einen Schöpfer.
9.Der Mystifikation der Technik als universellem Problemlöser: Kultureller Fortschritt vollzieht sich als Technisierung.
10.Die Mystifikation der Geschichte: Sie vollzieht sich als Akkumulationsprozess, nicht als Wiederholung und als Vernichtung.
11.Die Mystifikation der Buchkultur als monomediales System: Kulturelle Meinungsbildung ist das Werk von Massenmedien« (GIESECKE 2002: 224).
Diese von der Buchkultur erzeugten Mythen stützen ihren Imperialismus: Jedes Buch ist auch ein Gesetzbuch, das die Existenz des Typographeums stärkt. Es geht in der Buchkultur um allgemeingültiges, ›wahres‹ Wissen. Die neuzeitliche Wissenschaft fußt auf diesem Verständnis. Es genügt ihr nicht, dass eine Aussage für den Augenblick und für die gerade miteinander kommunizierenden Dialogpartner gilt und nützlich ist. Wissen entsteht zudem durch die visuelle Aneignung gedruckter Schriften und Bilder. Die Prämierung des visuellen Sinns wird jetzt durch die Bildschirmmedien weitergetrieben, die aber immerhin Teil eines multimedialen Funktionsuniversums sind, also taktile und optionale akustische Optionen aufweisen. Das Gespräch als Medium der Bildung tritt zurück. Die typografische Informationsverarbeitung findet in einem hochgradig interaktionsarmen Arrangement statt. Statt der Möglichkeit vieler passender Lösungen wird letztlich nur noch die Realisierung einer Vor-Schrift akzeptiert. Dass Buchlektüre heute manchmal als Vehikel der ›Entschleunigung‹ gesehen wird, ist eine bizarre Verkehrung der im 16. Jahrhundert noch gespürten Beschleunigungswirkung des Buchs, das die parallele Verarbeitung von Informationen durch viele Menschen gleichzeitig ermöglicht und im übrigen seine Existenz einem komplexen Mechanisierungskonzept verdankt. Die Ausrüstung der Setzerei, die metallurgische Zusammensetzung und der Guss der Lettern, die Konstruktion der Papierpresse, die Herstellung des Papiers, die Mischung der Druckfarbe und die Verfahren der Bindung vernetzten viele Wissenskanäle und Branchen in einer für Gutenbergs Zeit erstaunlichen Weise. Innovativ waren auch die Finanzierung des Drucks von Buchauflagen und die Vertriebsorganisation. Der Handel und die Bibliotheken sorgten für die institutionelle Vernetzung der Bücher mit Leserinnen und Lesern. Technologie und Ökonomie wären ohne den sozialen Konnex der vielen Beteiligten leer gelaufen. Die europäischen Kulturen sind seit etwa 1500 mit der Entwicklung des typografischen Mediums verknüpft. Auch wenn hier keine linear-kausale Steuerung unterstellt werden soll, erscheint es doch unbestreitbar, dass Verschiebungen im Bereich der Religion – sowohl intern (Theologie) als auch extern (Religiosität) – durch das Buchmedium angestoßen wurden, ebenso wie Aufklärung, Demokratie und die Industrialisierung. Alle Bereiche des Lebens kamen mit dem Typographeum in Berührung. Fast überall, wo seit Jahrtausenden Kenntnisse und Erfahrungen in persönlichen und praktischen Unterweisungen weitergegeben wurden, findet bis zum Ende des 20. Jahrhunderts direkt oder indirekt eine Steuerung durch Buchwissen statt. Die typografische Kultur in Europa entwickelte sich so zu einem ›imperialistischen Medium‹ (GIESECKE 1991), das sich bis heute als einzige für das Begreifen der ›Wirklichkeit‹ zuständige Informationswelt darstellt. Alle anderen Verfahren und somit auch alle anderen ›Welten‹ werden nun als subjektive Modelle denunziert.
Die Ausrichtung und Hierarchisierung der Umwelt im Hinblick auf ein einziges Interpretationsmedium erzeugt Gewinne und Verluste. Zu den Gewinnen kann die Unterstützung der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft gezählt werden. Diese vollzieht sich als Prämierung von Institutionen, von sprachlichem Wissen, von arbeitsteiliger Organisation, von Konsequenz und Rationalität, von Legitimation durch allgemeingültige Verfahren (GIESECKE 2002: 260). Rationalität, Linearität und Kausalität haben allerdings als Prinzipien auch Schattenseiten. Affekte, Interaktionen und Rückkopplungen, Ambivalenzen und Ad-hoc-Lösungen werden abgewertet – die typografische Kultur ist in dieser Hinsicht wenig tolerant. Andererseits ist ein Rückbau der Errungenschaften der typografischen Kultur ein massiver Eingriff in den Orientierungsrahmen des Alltagslebens und vor allem auch in wissenschaftliche Traditionen: Sichere Wissensspeicher verschwinden. Trotz der Verluste durch Bibliotheksbrände, Kriege und andere Wirren haben sich Bücher als außerordentlich langlebige Speichermedien erwiesen. Digitale Speichermedien, URLs und die Inhalte von Websites sind flüchtiger als Papiermedien. Das Web vergisst unerwartet viel, aber es vergisst anders als die Buchwelt – auch das ist gewöhnungsbedürftig. Die eindeutige Referenzierbarkeit der physischen Speichermedien über ISBN und EAN hat im Internet keine Entsprechung. Auch der Persistent Uniform Resource Locator (PURL) hat geringe Chancen, dass die mit seiner Bezeichnung verbundene Erwartung eingelöst werden kann. Jedenfalls helfen die von institutionalisierten Systemen bereitgestellten hierarchischen Orientierungen beim Wiederauffinden einzelner Elemente im Netz nicht mehr und werden beispielsweise durch Suchmaschinen und ihre Algorithmen ersetzt, die mit Wahrscheinlichkeiten und Vorlieben operieren.
Die Konsequenz einer kritischen Nutzenbetrachtung des Buchdruckzeitalters kann nun nicht sein, die Ideale einzufordern, die in ihm erst verkündet und dann nicht eingelöst wurden. Die Kommunikation unter herrschaftsfreien und chancengleichen Bedingungen als Funktionsvoraussetzung der Demokratie ist ein normatives Ideal, dessen Realisierung sich einer politik- oder kommunikationswissenschaftlichen Prüfung entzieht. Ideale Sprechsituationen, wie sie bei Apel (1973: 429ff.) oder Habermas formuliert werden, gibt es nicht einmal im Labor, sofern dort lebendige Menschen beobachtet würden. Es gibt in den Subsystemen der funktional differenzierten Gesellschaft keine herrschaftsfreien Räume. Auch die historische, von der Sozialdemokratie um 1900 aufgegriffene Parole ›Wissen ist Macht‹ bestätigt die Einsicht in ein vorhandenes Gefälle und bietet keine strukturelle Hilfe. Unter massenmedialen Bedingungen sind die Chancen der Initiierung von Dialogen und der Verbreitung von Deutungen noch geringer als vor 200 Jahren, und die Möglichkeiten der Täuschung über Sprechintentionen sind deutlich gewachsen.
Eine spezielle Form der Medienverehrung ist die Mediennostalgie. Der Begriff wird in einigen kommunikations- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten (MENKE 2019; SCHREY 2017) thematisiert. Die Untersuchungen auf diesem Feld scheinen sich ausschließlich auf Medieninhalte zu konzentrieren. Mediennostalgie ist bei den ›besten Hits der 1980er‹, bei der Suche nach alten Heften mit den Digedags bzw. beim Wiederanschauen alter Fernsehserien vor allem das Eintauchen in die eigene individuelle Erlebniswelt. Eine ›historische‹ Emotion ist sie nicht, Emotionen haben immer einen gegenwärtigen Anlass. Sie ist jedoch auf eine selbst erlebte oder immerhin geschichtliche oder gar erfundene Vergangenheit gerichtet. Der emotionale Impuls ist keine krankhafte Anomalie, wie frühere Autoren dachten, die bis ins 19. Jahrhundert hinein Nostalgie als Krankheit behandeln wollten. Heute hat sie eher eine pharmakologische Wirkung. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die nostalgisch konstruierte Vergangenheit je existiert hat. Beispiele dafür lieferten die Viktorianer Augustus Pugin (der Architekt des Big Ben und vieler neogotischer Kirchen), John Ruskin und William Morris. Sie konterten die von ihnen beobachtete Mechanisierung und Massenproduktion von Alltagsgegenständen mit Konzepten, die eine heile, von gebildeten Handwerkern dominierte Welt des Mittelalters herbeifantasierten, die es so nie gegeben hat. Damit ist auch schon ein treibender Impuls benannt: die Irritation und Unsicherheit, die von Veränderungen in der gesellschaftlichen Umwelt ausgeht. An die Stelle einer in Unordnung geratenen und als fragmentarisch empfundenen Realität wird eine fiktive Kontinuität gesetzt.
Menke, Schrey und andere deuten zwar an, dass sich die rückwärtsgerichtete Romantisierung auch auf Medien, nicht nur auf deren Inhalte beziehen kann, aber benennen bis auf die Vinyl-Schallplatte kein Beispiel für eine solche Erscheinung. Dabei finden sich viele öffentliche Äußerungen, die auf die schwindende Funktion von Massenmedien gerichtet sind. Das bekannteste Beispiel ist wohl das ›Gemeinschaftserlebnis‹ der Fernsehzuschauer in den 1950er- und 1960er-Jahren. Welche ›Gemeinschaft‹ dabei gemeint ist, bleibt oft unklar. Ende 1958 gab es erst 2 Millionen angemeldete Fernsehgeräte in der BRD, 1965 war dann schon die Hälfte der Haushalte mit einem Gerät ausgestattet. In diesen Jahren wurde das Fernsehen von seinen Rezipienten erprobt – und von ihren Nachbarn gleich mit. In belebten engen Wohnzimmern wurden die Sessel neben das Sofa geschoben, um das neue Medium zu erleben. Das Erlebnis wurde am nächsten Tag am Arbeitsplatz und in anderen Kontaktsituationen zum Gegenstand der Unterhaltung, ganz gleich, um welche Inhalte es ging. Das Mitteilungs- und Austauschbedürfnis verebbte im Laufe der Jahre und flackerte kurz noch einmal auf, als in Deutschland die privaten Kanäle mit ihrer unvertrauten Tonalität den Betrieb aufnahmen. Diese Fernseherlebnisse allein rechtfertigen allerdings nicht die nostalgische Referenz. Nostalgie ist durch das Erleben in der Gegenwart motiviert, nicht durch die mystische Ausstrahlung vergangener Situationen. Vor 60 Jahren gab es weniger alternativ nutzbare Medien. In den meisten deutschen Haushalten stand ein Radio, in jedem zweiten wurden Zeitungen gelesen. Nur ca. 10 Prozent der Haushalte waren telefonisch erreichbar. Die Zahl der Kinobesuche verringerte sich bereits seit 1956 – in diesem Jahr gingen Westdeutsche durchschnittlich 15-mal jährlich ins Kino, 1962 nur noch halb so oft (FILMPORTAL 2019). Heute bietet das in Hunderte von Kanälen aufgespaltene Fernsehprogramm wenig Anlass für Familien, sich gemeinsam vor einem Gerät zu versammeln. Ausnahmen sind populäre Sportereignisse und wenige andere Events, die im Fernsehen live übertragen werden. Gemeinsames Binge-Watching von Serien lässt sich zwar als Gemeinschaftserlebnis bezeichnen, betrifft jedoch Inhalte, die überwiegend nicht im linearen Fernsehprogramm angeboten werden. An Esstischen und in Wohnzimmern versammeln sich Familien, deren Mitglieder in der Regel zwei und mehr digitale Kommunikationsgeräte besitzen oder ständig mit sich führen – einen Computer in Form eines Smartphones und mindestens noch einen größeren Computer z. B. in Form eines Laptops. Kommunikationsbedürfnisse, die mithilfe dieser Geräte ausgelebt werden, lassen ein eingeschaltetes Fernsehgerät zum Second Screen werden, der im Hintergrund mitläuft.
Die nostalgische Anrufung eines versunkenen Fernsehgemeinschaftserlebnisses wird offenkundig durch eine Verstimmung oder Verunsicherung verursacht. Sie kann mehrere Ursachen haben. Im Bereich der Medien selbst fällt zunehmend die Orientierung schwer, zu viele Kanäle mit Unterhaltungs- und Informationsangeboten überlagern sich, bei den Rezipienten treten Überlastungseffekte auf. Die Erscheinung des ›Information Overload‹ wurde schon im 16. und 17. Jahrhundert in dramatischen Wendungen beklagt. Abhilfe sollte einerseits die Vernichtung von ›überflüssigen‹ Büchern, andererseits die Produktion von Kompendien schaffen, die nützliches Wissen auf engem Raum zusammenfassen. Das Überangebot erzwang auch Anpassungsleistungen des lesenden Publikums, von der Erlernung des selektiven Lesens bis zur Akzeptanz von Exzerpten und Notizen aus zweiter Hand statt der Originale. Diese neuen Lesestrategien ersetzten die Befolgung von Empfehlungen, die bereits antike Autoren gaben: Beschränkung auf eine enge Auswahl anerkannter Werke, diese aber sorgfältig von Anfang bis Ende lesen, den Umfang der eigenen Bibliothek dem Fassungsvermögen des Gedächtnisses anpassen (BLAIR 2003: 13ff.).
Anpassungsleistungen in Bezug auf veränderte Medienangebote setzen eine gewisse spezialisierte Kompetenz voraus. Gegen die Einsicht in die Notwendigkeit oder den Nutzen einer solchen Kompetenz erhebt sich bei manchen Menschen – vor allem in älteren Generationen – Widerstand. Die schon seit Jahrzehnten beobachtete und beklagte Fülle und Unüberschaubarkeit von Medienangeboten tritt nicht isoliert auf. Es gibt weitere verunsichernde Faktoren in anderen gesellschaftlichen Subsystemen, die für Mediennutzer zugänglich und beobachtbar sind. Das vertraute institutionelle Gefüge gerät in Bewegung, Parteien, Gewerkschaften und Kirchen verlieren an Einfluss. Die journalistischen Informationsagenturen erleiden einen Vertrauensverlust – der allerdings in Deutschland weniger ausgeprägt ist als in anderen westlichen Ländern. Sie sehen sich genötigt, einen Abwehrkampf gegen neue Wettbewerber, gegen Reichweitenverluste und gegen den Vorwurf einseitiger und gelenkter Unterrichtung zu führen. Mediennutzer, die sich hauptsächlich auf die traditionellen massenmedialen Informationsquellen verlassen – oder sogar, was nicht ungewöhnlich ist, nur auf eine, das Fernsehen –, sind von den dialogischen Nutzungsgewohnheiten der anderen abgeschottet, aber können diese Abschottung aufgrund ihrer abnehmenden Mobilität nicht aufheben. Stattdessen ist für sie die dialogfreie Konsumtion massenmedialer Inhalte immer noch ein virtuelles Gemeinschaftserlebnis: Die neue Folge einer Trödel-Show oder eine Nachrichtensendung darf nicht verpasst werden, um nicht die Chance der Anschlusskommunikation mit anderen einzubüßen. Dieses virtuelle Erlebnis mischt sich mit einem parasozialen Zugehörigkeitsgefühl (HORTON/WOHL 1956): Die Fernsehfiguren aus Realityshows sind manchen Zuschauern vertrauter als ihre Nachbarn oder Bekannte von früher, die sie lange nicht mehr gesehen haben. Auch Nachrichtensendungen haben das Potenzial von Personalityshows, was sich an der Zuschauerpost ablesen lässt (SPIEGEL 1991).
Eine zweite Gruppe, die das ›Gemeinschaftserlebnis‹ häufig als Argumentationsfigur verwendet, sind Branchenvertreter des Rundfunks. Sie spüren zwar, dass sie ihre Denkweise und Arbeitsweise angesichts der digitalen Medienumgebungen infrage stellen müssen und sich neu zu legitimieren haben, aber gleichzeitig scheint sie der Wunsch anzutreiben, die Uhr anzuhalten und dem Fernsehen wieder die Relevanz und Geltung zu verschaffen, die es zumindest aus heutiger Sicht früher hatte.
Der Rückblick auf die vom Buchdruck beeinflusste Medienära offenbart vielschichtige Berührungen der Medienentwicklung mit dem Epochenwandel, der die Ausbreitung von Gutenbergs Erfindung begleitete. In medienhistorischen Studien werden meist vier Epochen unterschieden, die orale, skriptografische, typografische und die jetzt begonnene, über deren Bezeichnung noch keine Einigkeit erzielt wurde. Diese Einteilung deckt sich im Wesentlichen mit der systemtheoretischen Sicht von Niklas Luhmann (1997), Dirk Baecker (2018) und anderen. Diese unterscheiden ebenfalls mindestens vier verschiedene Formationen:
•Die tribale Gesellschaft. Diese verfügt ausschließlich über mündliche und gestische Kommunikationsformen und somit die Kommunikation von Anwesenden. Sie ist zwar segmentiert, kennt Arbeitsteilung, basiert ansonsten jedoch im Wesentlichen auf der Unterscheidung von innen und außen.
•Die antike und mittelalterliche Gesellschaft. Sie hat eine stratifizierte Charakteristik und verfügt über schriftliche Medien, die zur Speicherung, aber zunehmend auch zur Kommunikation von Abwesenden benutzt werden. Die wesentliche Unterscheidung ist die von oben und unten, ergänzend die von Zentrum und Peripherie.
•Die funktional differenzierte Gesellschaft. Sie entsteht mit und nach der Durchsetzung des Buchdrucks und parallel mit der Ausbildung einer bürgerlichen Öffentlichkeit, die sowohl Resultat als auch Voraussetzung der funktionalen Differenzierung ist. Die Druckmedien ermöglichen die Entwicklung einer Kultur, die auf der Kommunikation von Abwesenden beruht. Diese Kultur erzeugt durch die Vielfalt öffentlich geäußerter Positionen einen ›Kritiküberschuss‹, den sie durch komplexitätsreduzierende Institutionen und Verfahren balanciert. Dazu gehören beispielsweise der Literaturmarkt und das Rezensionswesen, das sich als schlagkräftiger erwiesen hat als die Zensur autokratischer Systeme. – Sie hat ferner in den letzten Jahrhunderten fundamentalistische Anschauungen stabilisiert, die zunächst zum Vorteil antiautoritärer Vielfaltsprinzipien eingesetzt werden konnten, aber auch eine dunkle Seite aufweisen. Dazu gehören Bildung und Wissenschaft, die monomedial durch die Macht referenzierbarer Druckwerke geformt sind.
•Die vierte Gesellschaft, von Dirk Baecker einfach die ›nächste‹ genannt. Sie löst die funktionale Differenzierung nicht auf, aber überlagert sie mit einer globalen Vernetzung. Ihre digitalen Medien universalisieren alle seit 1800 entstandenen technischen Medien und lassen deren bislang distinkte Eigenschaften als Optionen erscheinen. Die Gesellschaft öffnet sich »für neue Typen der Vernetzung von Politik und Wirtschaft, Kunst und Religion, Wissenschaft und Alltag, die den rationalen Vorstellungen der Moderne nicht mehr entsprechen. Es ist nicht mehr die Vernunft, sondern die Komplexität, die am meisten fasziniert« (BAECKER 2016).
Es besteht ferner Einigkeit unter Medienhistorikern und Systemtheoretikern, dass die evolutionäre Ablösung einer Gesellschaftsformation durch eine andere keineswegs vom Wegfall ihrer Differenzierungsmechanismen begleitet ist. Stattdessen finden Überlagerungen der Formationen statt, wobei die Hegemonie in Etappen oder gleitend jeweils an die neuere Form übergeht.
Die seit 1800 entstandenen technischen Aufzeichnungs-, Übertragungs- und Speichermedien – Telegrafie, Telefonie, Schreibmaschine, Grammofon, Film, Radio, Fernsehen – gehören allesamt noch dem typografischen Zeitalter an. Ihre Produktion und Verwendung entsprechen den Prinzipien des linearen Denkens, der Darstellung kausaler Zusammenhänge und des wahren Wissens über die Umwelt. Radio und Fernsehen sind so interaktionsfrei wie die Druckmedien, umkreisen mit ihren audiovisuellen Artefakten diese Prinzipien und schaffen keine neuen. Die technischen Medien sind hierarchisch vernetzt und unterstützen eine ebensolche soziale Vernetzung. Hierarchien sind in großem, jedoch auch begrenztem Maße hilfreich für das Management und das Durchsuchen großer Datenbestände. Die frühe typografische Metadatensystematik (Autor, Titel, Auflage, Verlag, Ort, Jahr) und die später eingeführten ISBN und ISSN sind Elemente hierarchischer Netzstrukturen.
Der technische und soziale Wandel ist mit Ungleichzeitigkeiten aller Art verbunden. Eine neue Technik erzeugt nicht automatisch ein Nutzungsbedürfnis – oder an einer anderen Stelle als erwartet. Das hier einschlägige Beispiel ist der Phonograph Edisons, der als Diktiergerät die Büroarbeit erleichtern sollte und dann – als Vorläufer des Grammofons – den Vertrieb von Musik- und Sprachaufzeichnungen in Gang setzte. Die Ablösung einer tradierten Medienpraxis durch eine neue ist im Falle handschriftlichen Schreibens ein jahrhundertelanger Prozess. Nachdem erst die Möglichkeit der Lektüre von Gedrucktem das Erlernen des Schreibens gefördert hatte, ergab sich durch die Erfindung der Schreibmaschine Ende des 19. Jahrhunderts ein Wandel, der allerdings nur den seit jener Zeit stark anwachsenden Bürosektor erfasste. Um 1980 gab es in Deutschland auch in einer größeren Anzahl von Privathaushalten Schreibmaschinen, und – wiederum überwiegend in Büros – insgesamt 2,8 Millionen elektrische Schreibmaschinen (BUNDESTAG 1983: 61). Aber erst der in den 1980er-Jahren aufkommende Personal Computer und seine Derivate einschließlich der Smartphones offenbarten das Potenzial, gleichzeitig mit den Schreibmaschinen auch das handschriftliche Schreiben zu verdrängen. Im Bürobereich ist das vollständig gelungen, im privaten Bereich haben sich Mischformen eingenistet – liebevoll gepflegte Notizbücher ergänzen das Schreiben von Briefen und Texten auf Laptops und das Verfassen multimedialer Mitteilungen auf Smartphones. Das höchste Briefaufkommen verzeichnete die Post im Jahr 2007, seitdem sind private Briefe spärlicher geworden und auch Geschäftsbriefe werden zunehmend durch digitale Dienste ersetzt. Pädagogen und Psychologen warnen vor dem Verlust handschriftlicher Fähigkeiten und veranstalten auch in Deutschland den 1977 von der amerikanischen Schreibgeräteindustrie ausgerufenen ›Tag der Handschrift‹. Die Reduktion der handschriftlichen Kompetenz auf einige grundlegende Fertigkeiten scheint eine unaufhaltbare Tendenz zu sein. Die Etikettierung des Übergangs zu elektronischen Schreibsystemen als Verlust findet in der Forschung keinen Widerhall, Entwicklungsdefizite lassen sich bei Hauptschülern, die das Schreiben überwiegend maschinenschriftlich erlernen, nicht nachweisen. Aus der Geschichte der Medien ist die spontane Mythenbildung als Abwehrmechanismus gegen beunruhigende Veränderungen hinreichend bekannt. Die pädagogischen Mythen um den Nutzen der Handschrift korrelieren überdies stark mit dem Reflexionsdefizit der Pädagogik über ihre eigenen medialen Bedingungen (LORENZ/GRABOWSKI 2009).
Der aktuelle Medienwandel wird aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben. Für Soziologen ist er mit evolutionären Strukturveränderungen gekoppelt, die Kulturkritiker noch abzuwenden hoffen. Für manche Medienwissenschaftler und Technikhistoriker wurde der Medienwandel bereits vor zweihundert Jahren mit den ersten Anwendungen der Elektrizität angestoßen, andere halten die gerade begonnene digitale Vernetzung von Kommunikationen und Dingen für das wesentliche Merkmal des Wandels. Einigkeit besteht grundsätzlich darin, dass der Computer seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielt. Computernetzwerke bilden Kommunikationsstrukturen, an denen alle Menschen, Unternehmen und Organisationen potenziell aktiv und passiv teilhaben. Nicht entschieden ist, mit welchen Begriffen der Medienwandel am besten erfasst werden kann. Der Prozess, der das Neue hervorbringt, wird als dritte industrielle Revolution, digitale Revolution, Digitalisierung, im Hinblick auf die Medienbranche auch immer noch als Konvergenz bezeichnet. Die entstehende oder schon entstandene neue Formation wird Informationsgesellschaft (Nachfolgerin der Industrie- und der Dienstleistungsgesellschaft), Netzwerkgesellschaft, postindustrielle Gesellschaft, Industrie 4.0, Plattformökonomie, Plattformkapitalismus, Null-Grenzkosten-Gesellschaft, Plattformgesellschaft oder einfach nur ›4.0‹ genannt. Manche Analysen konzentrieren sich auf ein epochemachendes Ereignis, z. B. die Einführung des Computers, des Internets oder die ›Digitalisierung‹. Inflationäre Post-Zuschreibungen (postmodern, postindustriell, auch bereits postdigital) deuten die Überwindung von Epochen an, indem sie sich auf wenige Erscheinungsformen oder auf das Gefühl ihrer Erfinder verlassen.
Die im 19. Jahrhundert parallel laufenden Prozesse der Industrialisierung, der Bevölkerungszunahme in großen Städten, der Organisierung in Gewerkschaften und anderen Verbänden förderten Kollektiverlebnisse verschiedener Teile der Bevölkerung. Streikwellen und Demonstrationen verstärkten vor allem bei Arbeitern das soziale Band, das sie anders miteinander verknüpfte als die arbeitsteilige Fabrikorganisation oder der Kirchenbesuch. Die durch unbestimmte Kollektive geschaffene Unruhe wurde am Ende des Jahrhunderts von Psychologen und Soziologen aufgegriffen und gedeutet. Der Kriminologe Scipio Sighele (1897) und der Sozialpsychologe Gustave Le Bon (1922) beschrieben die Masse als willenlos und manipulierbar. Beide Autoren waren mit den spiritistischen Strömungen ihrer Zeit verbunden. Massen kommen plötzlich zustande und im selben Augenblick schwindet »ein geordnetes Bewusstsein eines gemeinsamen Ziels« (SIGHELE 1897: 44) und entsteht ein kollektives Unbewusstes, eine ›Massenseele‹. Die Entstehungsbedingungen werden von beiden Autoren nicht untersucht, ebenso fehlt ein Bezug etwa zu den Medien. Auf Nachwirkungen ihrer Vorstellungen der Machtausübung über Massen komme ich im Abschnitt über ›Breitenwirkung, Aktualität und Suggestivkraft‹ bei der Analyse von Urteilen des deutschen Bundesverfassungsgerichts zurück.
Bei dem Soziologen Gabriel Tarde, der 1901 seine Studie L’Opinion et la foule (deutsch: Masse und Meinung) herausbrachte, liegen die Dinge völlig anders. Das zentrale Konzept seiner soziologischen Arbeiten ist die ›Nachahmung‹. Sie ist für ihn die treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung, sie sorgt für die Diffusion von Erfindungen in allen Bereichen und durch permanente Wechselwirkung für die Angleichung von kulturellen Standards und Positionen, einer Art der sozialen Entropie. Die Zunahme von Ähnlichkeiten wird allerdings immer wieder durch Spezialisierung und neue Entdeckungen konterkariert. Mit der Wahl des Begriffs verbindet sich die Abwehr von Konzepten des autonomen Individuums, wie sie im 19. Jahrhundert gängig waren, und die Betonung des Milieus, das immer ein ›Komplize‹ menschlicher Handlungen ist. Es geht also nicht um die bewusste Nachahmung von Handlungen oder Moden, sondern um einen innerpsychischen Vorgang, der etwa dem der Freudschen ›Identifikation‹ entspricht (LÜDEMANN 2009: 115f.).
Tarde unterscheidet von vornherein begrifflich ›Masse‹ und ›Publikum‹. Beide erscheinen meist im Plural und sind zudem keine verlässlichen oder gar organisierten Einheiten, sondern höchst volatil. Das Publikum, so definiert er, »ist eine verstreute Masse, innerhalb derer der gegenseitige Einfluß der Bewußtseine sich auf dem Weg der Fernwirkung vollzieht, einer Wirkung über immer größere Entfernungen« (TARDE 2015: 7f.). Sein Ausgangspunkt ist ein sozialhistorischer Blick auf die Faszination, die kollektive Revolten und Revolutionen oder die Kriminalität von Sekten ausgelöst haben. Die fanatischen Taten Einzelner (Tarde bezieht sich auf anarchistische Aktionen in Russland und Frankreich) sind für ihn ohne äußere Faktoren und ›Ansteckungen‹ nicht denkbar. Zu diesen Faktoren zählt er auch den Journalismus. Die Ansteckung Einzelner durch die Masse – oder umgekehrt die einer Masse durch Einzelne – hat immer mehrere Ursachen. Das soziale Band zwischen Individuen wird durch ihre Aktivität hergestellt und aufrechterhalten, die ein permanenter Kommunikationsprozess ist. Dieser Prozess ist multimodal, enthält sprachliche und nicht-sprachliche Anteile, bewusste und unbewusste. Die gegenseitige Einwirkung von Individuen auf allen Ebenen ermöglicht die Anleitung und Steuerung der Gedanken und Gefühle des Interaktionspartners. Diesen Vorgang, der auch als Einwirkung über eine größere Distanz vorstellbar ist, nennt Tarde Suggestion. Suggestion ist ein Effekt jedes Gesprächs, jeder Plauderei.
»Höfliche Konversation kann also als fortgesetzte und allgemeine Übung in Geselligkeit betrachtet werden, als einhellige und ansteckende Bemühung, die einzelnen in ihrem Denken und Fühlen einander näherzubringen, um ihre Disharmonien auszulöschen oder zu mildern. Die Plaudernden sind von einem erkennbar guten Willen beseelt, sich in allem angleichen zu wollen, und deshalb suggerieren sie einander unbewußt und sehr heftig übereinstimmende Gefühle und Ideen« (ebd.: 123f., Herv. i. Orig.).
Der Akt der Konversation, verbunden mit der gegenseitigen Wahrnehmung, erzeugt eine Energie, die den Prozess der Suggestion in Gang setzt. Suggestion ist eine Fernwirkung, sie erzeugt eine ›Assoziation‹, »die sehr selten bemerkt wird, die jedoch von größter Wichtigkeit ist« (ebd.: 12).
Dass Tarde die in der Kommunikation wirkenden Kräfte als ›suggestiv‹ und gelegentlich auch ›hypnotisch‹ bezeichnet und beiläufig Praktiken der Magnetisierung erwähnt, entspricht den modischen spiritistischen Strömungen der Zeit, denen er jedoch nicht anhängt. Er benutzt diese Begriffe als Metaphern oder als Platzhalter für genauere Erklärungen der Faktoren, die den beobachtbaren Unterschied von Einzelmeinung und Gruppenmeinung aufhellen. »Die Gesellschaft besteht aus Nachahmung und Nachahmung aus einer Art Somnambulismus« (TARDE 2009: 108), charakterisiert Tarde das Alltagsleben. Erfindungen, Erneuerungen setzen voraus, dass ein Individuum den Trott seines Milieus zumindest zeitweise verlässt. Ihr soziales Band reproduziert eine Gesellschaft sozusagen im Schlaf, mit der geringstmöglichen Anstrengung.
Die Art und Weise der Kommunikation bzw. ›Konversation‹ wandelt sich historisch im Verbund mit Veränderungen anderer sozialer Aktivitäten. Den größten Einfluss spricht Tarde in diesem Zusammenhang dem Buch und der Zeitung zu. Dabei differenziert er und misst nur der Zeitung die Möglichkeit suggestiver Wirkung zu. Diese ist eine ›Vergesellschaftung‹, die beispielsweise durch die Leidenschaft von Zeitungslesern für die Aktualität von Meldungen entsteht.
»Die Herausbildung eines Publikums unterstellt also eine viel weiter fortgeschrittene geistige und soziale Entwicklung als die Herausbildung einer Masse. Die Suggestibilität allein durch Ideen, die Ansteckung ohne Berührung, die diese rein abstrakte und doch so reale Gruppenbildung voraussetzt, diese spiritualisierte, sozusagen zur zweiten Potenz erhobene Masse konnte erst nach Jahrhunderten des gröberen, einfacheren sozialen Lebens entstehen« (ebd.: 13).
Das Massenmedium ›Zeitung‹ schafft somit per Fernwirkung eine virtuelle Assoziation der Zeitungsleser, die sich für spezifische Themen interessieren. Tarde geht es hier zunächst um die Wirkung des Mediums, nicht von Inhalten – und um Effekte, nicht um etwaige Absichten. Dennoch übersieht er nicht, dass Massenmedien mit Macht gekoppelt sind. Auch die Macht geht für ihn aus der Kommunikation hervor – sie »erklärt sich also aus der Entwicklung der Meinung, die sich ihrerseits aus der Entwicklung der Konversation erklärt, die sich wiederum aus der Reihe ihrer verschiedenen Quellen erklärt: familiäre Erziehung, Schule, Lehre, Predigten, politische Reden, Bücher, Zeitungen« (ebd.: 115). Die Handlungen der institutionalisierten politischen Macht, »von der Presse breitgetreten, in Gesprächen durchgekaut«, tragen zur Transformation der Macht bei. Ohne die Konversation (die öffentliche Meinung) bleibt sie relativ statisch.
»Wollte man der Macht ihre einstige Stabilität zurückgeben, die Stabilität primitiver Epochen, in denen man außerhalb des engen Familienkreises keine Gespräche führte, müßte man damit beginnen, den allgemeinen Mutismus zu institutionalisieren. Unter dieser Voraussetzung wäre sogar das allgemeine Wahlrecht außerstande, irgend etwas zu zerstören« (ebd.: 115f., Herv. i. Orig.).
Die Macht bildet sich in den privaten Gesprächen und Diskussionen. Ein Gedankenspiel:
»Wenn die Beratungen der Parlamente ohne Echo bleiben und die Presse sie nicht verbreitet, haben sie fast keinerlei Einfluß auf das politische Gewicht eines Mannes an der Macht. […] Die wahren Fabriken der Macht sind die Cafés, Salons, Läden, alle beliebigen Orte, an denen man redet« (ebd.: 116).
Das Publikum verfügt über die Macht, politisches Handeln zu beeinflussen. Allerdings ist dies ein indirekter Prozess von Wechselwirkungen: Zunächst findet eine wechselseitige Selektion von Zeitung und Publikum statt. Journalisten befragen das ›Thermometer‹ der Abonnentenstatistik, Leser wählen die Zeitung aus. Beide Seiten nehmen gegenseitige Anpassungen vor.
»Diese doppelte Selektion, diese doppelte Adaptation verhindert also mitnichten, daß der Publizist letztlich entscheidend auf sein Publikum einwirkt; sie verwandelt das Publikum in eine homogene, dem Zeitungsschreiber wohlbekannte und von ihm leicht zu bedienende Gruppe, die es ihm gestattet, mit mehr Kraft und mehr Sicherheit vorzugehen« (ebd.: 22).
Die Zeitungen benötigen als ›Resonanzboden‹ eine präexistente Konversation, in der sie ihre Beiträge zum Klingen bringen können (ebd.: 74). Das Publikum der Zeitungen figuriert im übrigen als Spezialfall der Kundschaft auf den Märkten, die Beziehung zwischen beiden Seiten ist auch eine ökonomische. Dennoch, trotz der ökonomischen Chancen spezialisierter und segmentierter Publika, gelingt es der Presse letztlich, die verschiedenen miteinander in Konflikten liegenden Gruppen der Gesellschaft relativ zu befrieden. Sie stellt jedoch keine Gemeinsamkeit aller Gruppen her. Der Störfall der Kommunikation ist nicht der Konflikt der Meinungen, sondern der Abbruch der Konversation, des ›Geplauders‹, wie Tarde es gelegentlich bezeichnet. Die Segmentierung in Publika überlagert die religiöse, ökonomische, ästhetische, politische Segmentierung in Korporationen usw., ohne sie zu ersetzen (ebd.: 23).
Die Unterscheidung von Masse und Publikum zielt auf die Differenz der Kommunikation von Anwesenden gegenüber der von Abwesenden. Tarde war der Erste, der die Fernwirkung von Medien beschrieb. Diese besteht im Wesentlichen in einem sozialisierenden Impuls, der mit der von Bronislaw Malinowski (1923: 315) beschriebenen ›phatischen‹ Funktion, die später auch Roman Jakobson aufgreift, verwandt zu sein scheint. Malinowski erfindet den Ausdruck der phatischen ›Kommunion‹. Diese ist eine Form des Gesprächs, die eine soziale Verbindung durch den bloßen Austausch bedeutungsarmer Wörter herstellt und aufrechterhält. »So, da wären wir also, nicht wahr?« ist ein Beispiel für solche Wortketten, das Jakobson (1979: 91) zitiert. Sprache erfüllt hier nicht die Funktion der Übertragung von Mitteilungen, sondern eine (fast) averbale Funktion der Kontakterhaltung. Hier ist gewissermaßen die bekannte Formel von Paul Watzlawick vorweggenommen, man könne nicht nicht kommunizieren. Bedeutungen entstehen, darauf insistiert Malinowski, ohnehin nur im Kontext konkreter Situationen und werden sprachlichen und anderen Zeichen von ihren Rezipienten zugewiesen – und nicht ›übertragen‹. Im Sinne von Malinowski erzeugt die Kommunikationsstruktur (die Tarde’sche ›Konversation‹), zu der nun auch das Publikumsmedium ›Zeitung‹ gehört, die soziale Situation der phatischen Kommunion. Dieses Etablieren einer sozialen Situation ist der primäre, eigentliche Inhalt von kommunikativen Handlungen (dazu WULFF 1993: 143). Die Beschreibung kann als Vorbote von McLuhans Diktum, das Medium sei die Botschaft, verstanden werden. Sie ermöglicht prinzipiell kommunikationswissenschaftliche Analysen, die nicht eindimensional an Inhalten und am Paradigma der Übertragung von Bedeutungen orientiert sind und die ›Konversation‹ in ihrer Komplexität und unter Einschluss der privaten Meinungsbildung in den Blick nehmen.
Die von Tarde beschriebenen Wirkungen des Massenmediums ›Presse‹ sind vielfältig. Es suggeriert in der Gemeinschaft des Publikums ein Bewusstsein von Simultaneität. Dieses schärft in der etwa gleichzeitigen Rezeption von Nachrichten die Empfindung von Aktualität. Aus einer Vielzahl singulärer und isolierter Meinungen wird eine ›öffentliche Meinung‹. Das Medium verallgemeinert den schon vor den Zeitungen bestehenden handschriftlichen ›Journalismus‹ der Briefwechsel und kehrt die Bezüge um: »Anfangs nur ein verlängertes Echo von Plaudereien und Korrespondenzen, wurde die Zeitung schließlich fast zu deren einziger Quelle. Vom Briefwechsel lebt sie noch […], vor allem in der konzentriertesten und modernsten Form, die er annimmt, der telegraphischen Depesche« (ebd.: 132). Darüber hinaus entdeckt Tarde einen Wesenszug der Massenmedien, der eine Reihe von Konsequenzen hat – von der Demokratietheorie bis zur Medienökonomie: Vor den Massenmedien werden die Stimmen der Vertreter unterschiedlicher Meinungen eher gewichtet als gezählt. Nach Aufkommen der Presse werden sie eher gezählt als gewichtet. »Ohne es zu ahnen, hat die Presse also daran gearbeitet, die Macht der Zahl zu schaffen und die des Charakters, um nicht zu sagen: der Intelligenz, zu schwächen« (ebd.: 65, Herv. i. Orig.).
Kurz nach der Veröffentlichung von L’Opinion et la foule erscheint 1904 die erste deutschsprachige Arbeit zur Soziologie der Massen. Es handelt sich um Masse und Publikum, die Heidelberger Dissertation des amerikanischen Soziologen Robert E. Park, einem Schüler von Hugo Münsterberg und Wilhelm Windelband. Er unterscheidet ebenso wie Tarde die Masse und das Publikum. Die Masse ist eher instinktgetrieben, willenlos und lenkbar. Sie wird durch die suggestive Wechselwirkung zwischen Individuen zusammengehalten. Ein Publikum entsteht durch die individuelle Auseinandersetzung mit Meinungen, es ist gewissermaßen eine kritische Masse. Dem Publikum wird die öffentliche Meinung zugerechnet. Sie drückt sich in verschiedenen Individuen unterschiedlich aus, ist ein ideales, zusammengesetztes Produkt vieler Meinungsbekundungen. Sie unterliegt ständigen Veränderungen. »Die öffentliche Meinung stellt uns nur einen Teil der wechselnden psychophysischen Zustände der Gruppe dar« (PARK 1904: 83). Im Unterschied zu dem von Jürgen Habermas (1962) entworfenen Bild einer bürgerlichen, partizipativen Öffentlichkeit, in der sich die Ansichten der als Publikum versammelten Privatleute zu einer öffentlichen Meinung formieren, hat bei Park die öffentliche Meinung nicht die Funktion, die staatliche Macht zur Legitimation ihrer Entscheidungen oder ihrer Grundlagen zu zwingen (zu Habermas auch SCHLÖGL 2014: 311ff.).
Die erste Phase der psychologischen und soziologischen Auseinandersetzung mit Massenphänomenen und Massenmedien bringt also Beschreibungen hervor, die spekulativ und abstrakt sind – aber sich in dieser Hinsicht von vielen heutigen Untersuchungen nicht unterscheiden. Eher sind in diesen vor über hundert Jahren geschriebenen Texten Tendenzen und Hinweise enthalten, die eine Wiederaufnahme in aktuellen Analysen verdienen. Vor allem vier Aspekte sind dabei zu nennen: 1. Die Unterscheidung von Masse und Publikum und verbunden damit 2. die Unterscheidung der Kommunikationssituation von Anwesenden und Abwesenden. 3. Die Beobachtung, dass Kommunikation (auf ›suggestive‹ Weise) Kommunikation erzeugt und erhält, somit primär Sozialität bewirkt, nicht jedoch die Übernahme von Meinungen. Medien – damals die Zeitungen – sind in diesem Sinne an der fortlaufenden Konversation beteiligt. 4. Die Feststellung, dass das Publikum und die von ihm vertretene ›öffentliche Meinung‹ volatil sind. Publika sind keine Gesinnungsgemeinschaften und decken sich nicht mit solchen, die zum Beispiel die Form von politischen Parteien oder Sekten annehmen können.
Der psychologisch und philosophisch gebildete Journalist Walter Lippmann verfasste 1920 mehrere kritische Essays über die Funktion der Presse, die unter dem Titel Liberty and the News erschienen. Er referierte das gängige Selbstverständnis der politischen Akteure und der politischen Theorie, dass Bürger vernünftige Entscheidungen träfen, wenn sie mit den ›Fakten‹ beliefert würden. »Entscheidungen kommen in einem modernen Staat immer mehr nicht durch die Interaktion von Exekutive und Parlament, sondern von öffentlicher Meinung und Exekutive zustande« (LIPPMANN
