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Nachhaltigkeit hält in alle Bereiche des Lebens Einzug, sowohl im Privaten als auch im Unternehmen. Davon ist auch die Personalarbeit nicht ausgeschlossen, sei es in der Personalauswahl, in der Personalentwicklung oder auch im Zuge der Arbeitgeberattraktivität. Doch es ist nicht einfach damit getan, hier auf "einen Zug aufzuspringen", sondern es müssen auch rechtliche Aspekte beachtet werden. Was ist "Nachhaltigkeit", vor allem im Kontext der Personalarbeit? Wie ist die Entstehungsgeschichte und die Einordnung im rechtlichen Kontext (Handelsrecht, Arbeitsrecht) zu sehen, welche Wirtschaftstheorien gibt es? Und besonders wichtig: Welche konkreten Instrumente für die praktische, nachhaltige Personalarbeit gibt es? Diese Fragen beantwortet Rupert Felder. Neben der Darstellung des Rechtsrahmens, der Vorschriften, Gremien und Regelungen zu diesem Thema bietet er auch eine Praxisanleitung, um nachhaltige Personalarbeit umzusetzen. Inhalte: Was ist Nachhaltigkeit und warum hat das was mit HR zu tun Teil 1: Der Rechtsrahmen (Überblick der Vorschriften im Handelsgesetzbuch nicht finanzieller Bericht, Nachhaltigkeitsbericht), Rechnungslegungsvorschriften (SOX und IFRS) bis hin zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen und den nationalen Aktionsplänen bis hin zu den Vergütungsregelungen im Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) Teil 2: Wirtschaftstheorie Warum der "Principal" nachhaltiger denkt; Darstellung der Vertragstheorie (Wirtschaftsnobelpreis 2016) Teil 3: Die Praxis Umsetzung der Nachhaltigkeit durch HR-Instrumente; Darstellung der vielfältigen Praxisansätze von Job Ticket bis Berufsausbildung
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Rupert Felder
Nachhaltigkeit und HR
1. Auflage, Juli 2021
© 2021 Haufe-Lexware GmbH & Co. KG, Freiburg
www.haufe.de
Bildnachweis (Cover): © Jasmina007, gettyimages
Produktmanagement: Dr. Bernhard Landkammer
Lektorat: Alexander Kurz, Redaktionsbüro Kurz, Stuttgart
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Es ist der Sommer des Jahres 2020: Die Pandemie verlangt, dass Aktivitäten reduziert werden und der Urlaub weitgehend im heimischen Garten stattfindet. Ausreichend Lesestoff hilft, diese Situation zu meistern. Aber diese Lage führt auch zu neuen Erkenntnissen. Eine Biografie über den Seefahrer Magellan, mehrere hundert Seiten stark, schildert das abenteuerliche Leben dieses Entdeckers, der die Route nach Osten fand, indem er vor fünfhundert Jahren nach Westen segelte. Das ist kein Widerspruch: Manchmal muss man in die vermeintlich falsche Richtung gehen, um dennoch ans Ziel zu gelangen. Seine Reise war der Antritt für den Beweis, dass die Erde eine Kugel ist und deswegen der Weg nach Westen zu den Gewürzinseln im Osten führt.
Aufbruch, ohne zu wissen, ob man ankommt; Vertrauen darauf, dass die wissenschaftliche Annahme Gewissheit ist. Und Hoffnung auf eine gesunde Wiederkehr. Der Mut dieses Ferdinand Magellan hat mich fasziniert. Seine Entschlossenheit ist beeindruckend. Flaute, Stürme, Hitze, Kälte, all diese Unwägbarkeiten haben ihn nicht aufhalten können. Er hatte kein GPS, sein Schiff war nicht versichert und die Matrosen waren in keiner Berufsgenossenschaft. Am Ende erreichte er doch sein Ziel.
Vielleicht brauchen wir ein bisschen was von solchem Mut, um mit Entschlossenheit die anstehenden Aufgaben anzugehen. Fünfhundert Jahre später geht es um eine neue umwälzende Entscheidung: Wenn wir wollen, dass dieser Planet auch noch für die nächste und übernächste Generation Leben und Zukunft bietet, dann müssen wir vieles ändern. Und zwar in allen Bereichen. Jetzt.
Diese Erkenntnis reift in den Köpfen der Entscheidungsträger quer durch alle politischen Parteien. Keine und keiner löst das allein. Es braucht den Konsens aller und die spezifischen Fähigkeiten einer pluralen Gesellschaft. Transparente reichen nicht, Professionalität ist gefragt. Gesetze genügen nicht, sie müssen auch umgesetzt werden. Haltung und Handlung sind die zwei bestimmenden Parameter. Die Haltung führt zum Motiv, die Handlung zum Ergebnis.
In der Nachhaltigkeitsdebatte kommt es daher (auch) auf den Beitrag von HR an. Warum? Weil – nach Lehrsatz – das Personalmanagement die Summe der mitarbeiterbezogenen Maßnahmen ist, die zur Verwirklichung der Unternehmensziele herangezogen werden. Personal ist somit ein zentrales Element der unternehmerischen Managementprozesse von Forschung und Entwicklung über Einkauf, Produktion, Finanzierung, Vertrieb und Service. Überall ist der Produktivitätsfaktor »Mensch« relevant. Nachhaltige Personalarbeit zielt also im Kern auf die Erfassung des Wertbeitrags Personal, dessen Erhalt und Ausbau. Damit kann der Wertschöpfungsbeitrag durch ein nachhaltiges Personalmanagement wirksam und »sichtbar« werden. HR soll diesen Dialog mit den Füh[12]rungskräften führen als Kernfunktion für den inneren Zusammenhalt und die Haltung eines Unternehmens. Nachhaltigkeit ist also ein Anspruch, der sich über alle Bereiche des operativen und strategischen Personalmanagements zieht.
Die Personalarbeit ist dabei nicht nur Ergebnis von Motivation und losgelöst von Zwängen. Sie ist vielmehr eingebunden in ein manchmal als zu eng empfundenes Korsett von Regeln, Gesetzen, Vorschriften, Gewohnheiten und Verhaltensmustern. Gerade deswegen ist es notwendig, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu kennen und einzuordnen.
Personalarbeit lebt auch von »Best Practices«, von Anregungen und Beispielen. Daher nehmen in diesem Buch konkrete Praxisberichte einen breiten Raum ein. Diese sind sicherlich nicht abschließend und schon gar nicht vollständig. Sie sollen anregen und werden je nach betrieblicher Situation anwendbar sein. In jedem Fall werden wir hier erleben, dass in den kommenden Jahren das Thema Nachhaltigkeit in der Personalpraxis an Gewicht gewinnt. Es wird selbstverständlicher werden, die Nachhaltigkeitswirkung zu erörtern, kritisch zu hinterfragen und um Lösungswege zu ringen.
Auf diese Reise wird sich das Personalmanagement begeben. Darauf freue ich mich, denn nur durch Bewegung werden wir die Lage verändern, nur durch Klarheit in den Konzepten werden wir Nachhaltigkeit erreichen. Das Spannende ist: Nachhaltigkeit ist kein Zustand, kein Ergebnis. Nachhaltigkeit wird niemals ausreichen und der Weg nie zu Ende sein.
Magellan hat für seine Reise mehrere Jahre gebraucht. Letztlich war er erfolgreich und hat sein Ziel erreicht. Warum sollte unser Vorhaben also nicht gelingen?
Gerne möchte ich das Vorwort auch nutzen, um zu danken. Meine Familie hat an den Wochenenden die ein oder andere Unternehmung ohne mich gemacht, ich habe in der Zeit die Tastatur bedient, zumal dieses Buch nicht die eigentliche berufliche Verpflichtung schmälern durfte.
Nicht zuletzt möchte ich meinem Lektor Alexander Kurz danken. Er hat mich immer wieder an die Klarheit in der Formulierung erinnert und auch inhaltlich wertvolle Impulse beigesteuert. Danke dafür.
Eine letzte Anmerkung: In dieser Publikation wird eine geschlechtergerechte Sprache verwendet. Dort, wo das nicht möglich ist oder die Lesbarkeit stark eingeschränkt würde, gelten die gewählten personenbezogenen Bezeichnungen für alle Geschlechter.
Gernsbach, 5. Mai 2021
Rupert Felder
Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Auch die Statistiker belegen eine zunehmende Relevanz des Begriffs:1 Gemüse aus nachhaltigem Anbau, nachhaltiges Wirtschaften und Nachhaltigkeitsziele in der Unternehmensstrategie. Das Wort zieht sich wie ein roter Faden durch die Wirtschaftsnachrichten. Aber auch außerhalb der Ökonomie, im normalen Alltagsleben, taucht der Begriff mehr denn je auf. Reisen, Einkaufen, selbst der Bäcker um die Ecke: Alles ist jetzt irgendwie »nachhaltig«. Nachhaltiges Essen, nachhaltiger Weinbau. Selbst der Werbeblock vor der Tagesschau preist einen nachhaltigen Kühlschrank von einer nachhaltigen Firma an. Dass der Kühlschrank kühlt, erscheint beinahe zweitrangig, er soll nachhaltig sein – ohne dass weiter erklärt wird, worin denn das »Nachhaltige« besteht. Nachhaltiges Urlauben, nachhaltige Produkte bis hin zum nachhaltigen Bauen, also der Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, Stroh und Lehm, um CO2-neutral Gebäude zu errichten. Hauptsache, die Nachhaltigkeit ist nachhaltig …
Das Wort »Nachhaltigkeit«, wird beiläufig und unauffällig in Texte eingestreut, als »Erkennungswort«, als »Codewort« derer, die sich zur nachhaltigen Gemeinschaft zugehörig fühlen. Kaum ein Begriff ist aber auch so achtlos und inflationär ins Rampenlicht gezogen worden, ohne dass es konkrete Klarheit über Inhalt, Bedeutung und Anwendungszweck gibt. Es scheint, als komme nach der Generation Golf die Generation Nachhaltigkeit. Das schlechte Gewissen der industriellen Revolution wird durch die Generation der Klimaschützer beruhigt.
Das Wort »Nachhaltigkeit« selbst weckt Assoziationen: glücklich grasende Kühe vor heimischer Kulisse, Apfelsaft von der Streuobstwiese hinterm Haus, Stofftasche statt Plastiktüte, Autos, die geräuschlos und emissionsfrei fahren, Strom, der aus sich fleißig drehenden Windrädern kommt und so fort. Das Wort gibt ein gutes Gefühl, versöhnt den Konsumenten, der sich seiner verbrauchenden Wirkung bewusst ist, mit der Umwelt, heilt die Wunde, die grausam sichtbar durch den Tagebau im Braunkohlerevier, durch die Suche nach seltenen Erden, durch die Rodung von Wäldern entstanden ist. Nachhaltigkeit suggeriert, dass es in Summe und am Ende nicht schadet, dass der ausgestreckte Zeigefinger der Anklage nicht notwendig sein wird, weil Ausgleich und Wiedergutmachung auf dem Fuße folgen. Keine schmelzenden Pole, Nachhaltigkeit macht die Fehler wieder gut. Unstrittig: Ein Bewusstseinswandel hat sich einge[18]stellt, die Augen sind geöffnet und die Sinne geschärft, um die eigene Rolle, das eigene Verhalten einzuordnen. Klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Aber was sind die Schlussfolgerungen, die konkreten Taten?
Das Thema ist breit und interessant genug, um eine ganze »Klima Arena« mit 26.000 Quadratmetern zu füllen und eine Lernreise durch die großen Herausforderungen unserer Zeit – Weltklima, Naturschutz, Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz – zu organisieren.2 Anfassen, erleben und bildhaft vor Augen führen, das sind die Wirkungsweisen des Konzepts. Schulklassen, Familien und andere Besucher sollen so an das Thema herangeführt und mit Hintergrundwissen versorgt werden. Aufrütteln durch Information, Beteiligung durch bleibende Erkenntnisse aus dem Besuch der Erlebniswelt.
Die »Klima Arena« ist jedoch kein modernes Museum oder alternativer Freizeitpark, sondern ein interaktiver Erlebnisort, der sich dem Thema Klimawandel auf spielerische Weise nähert. Von der grundsätzlichen Erklärung zu Entstehung und Folgen des Klimawandels über die Mobilität, Lebensstil und Konsum bis hin zum Thema Natur als Lebens- und Wirtschaftsraum reichen die Elemente der Ausstellung. Plastisch ist der Ausblick in die »Stadt der Zukunft« Welche Auswirkungen Wohnen und Arbeiten, Mobilität und Ernährung haben, das wird eindrücklich dargestellt und um Alternativen gerungen.
Ein Gradmesser für Aktualität eines Themas ist die Häufigkeit, mit der nach einem Begriff gegoogelt wird. Die Suche nach dem Begriff »Nachhaltigkeit« hat sich in der Suchmaschine Google in den letzten fünf Jahren verdoppelt. 3 Das zeigt einen klaren Trend, eine Nachfrage, ein Suchen in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Geschlossene Kreislaufwirtschaft, Vermeidung von Abfall und dessen Recycling, Einbremsen der Klimaerwärmung, das sind die Themen. Das reicht von der Energieeinsparung bis zur Verfolgung der globalen Lieferketten, von der bewussten Ernährung bis zur Wertschätzung regionaler Produkte. Nachhaltigkeit hat in alle Bereiche des menschlichen Handelns und Konsums Einzug gehalten. Der Begriff wird breit verwendet und kennzeichnet vielfältige Sachverhalte, zumeist nicht präzise definiert, aber klar in der Absicht.
Die Zunahme der medialen Präsenz gilt aber auch für die verwandten Begriffe des Klimawandels, vom »Pariser Abkommen« bis zur »Dekarbonisierung«. Die Veränderungsbereitschaft wächst: Bei Verpackungen wird auf Plastik verzichtet, der Zusatz »Bio« hat es in alle Lebensmittelregale geschafft und auch im Personalmanagement kann man sich als Job-Sucher gezielt nach einem nachhaltigen Arbeitgeber umschauen.4
[19]Statement
Nachhaltigkeit kann als das herausforderndste Thema des 21. Jahrhunderts gelten.5
Sogar die Discounter haben die Nachhaltigkeit entdeckt und sprechen die Kunden an der Ladentheke an. Das Fairtrade-Siegel, das Tierwohl-Label und sogar Eier mit dem Testat »Bio-Eier« und dem Zusatz »ohne Kükentöten« sind erhältlich. Von klimaneutraler Milch, der Europäischen Masthuhn-Initiative und der Eigenmarke »Krumme Dinger« für optisch nicht ganz so katalogtaugliches Obst und Gemüse ganz zu schweigen. Auch veganer Schoko-Pudding aus Lupinen und Trinkhalme aus Bambus sowie Mehrwegbrotbeutel zur Vermeidung von Verpackungsmüll sind – pars pro toto – beispielhafte Aktivitäten eines Discounters.6
Die Welt der Label, Siegel, Zertifikate, Testate, Nachweise über Handelsketten und Auszeichnungen (»Nachhaltigkeitshelden«, »Energiespar-Champions« u. a.) pflastern diesen Weg hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Das Ziel ist, nicht nur das Konsumbedürfnis des Verbrauchers zu befriedigen, sondern ihm beim Einkauf darüber hinaus auch das gute Gefühl zu geben, damit weder die Umwelt noch Mensch oder Tier zu schädigen. Im Einklang mit dem Guten. Die Nachhaltigkeit scheint nur so gut wie sie sichtbar ist, gelabelt und erklärt wird. Tue Gutes und zertifiziere es, damit Kunden und Öffentlichkeit das Engagement zur Kenntnis nehmen und die Kaufentscheidung danach richten. Selbstverpflichtung als Einladung an Dritte.
Aber auch die Start-up-Szene ist von Nachhaltigkeitsideen geprägt und erfährt besondere Förderung. Unternehmensgründungen und Start-ups, die auf innovative Weise Lösungen für Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit mit dem Schwerpunkt Digitalisierung verbinden, erhalten durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) Anschubfinanzierung und Begleitung.7
Investitionsangebote in Nachhaltigkeit führten sogar zu einem »Greentech-Festival«8 mit namhafter Beteiligung, um Innovationen zum Thema Mobilität eine Bühne zu bieten und Geldgeber anzulocken. Investoren sollen sich mit den neuen, »grünen« Themen identifizieren und Wagniskapital geben, um die digitale Veränderung mit Nachhaltigkeitsideen zu kombinieren. Rendite mit gutem Gewissen.
[20]Oder ein namhafter Schuhhersteller: Unter dem eigenen Label »Primegreen« können Sportschuhe aus »nachhaltigem« Material gekauft werden.9 Mithilfe der Suchmaschine auf der Webseite kann nach Herren- oder Damenschuhen, nach Größe, Preis und im gleichen Rang auch nach »Nachhaltigkeit« gesucht werden. »Dieses Produkt ist Primegreen: hergestellt mit verschiedenen, funktionalen Recyclingmaterialien.« Mehr wird jedoch nicht erläutert, keine weiteren Details oder Angaben zum Prozentwert des Recyclingmaterials oder dem Nachweis der Herkunft. Hauptsache »green«, und mit »Primegreen« dann noch in einer Steigerungsform, entsprechend dem Preissegment.
Entschlossen, Gutes zu tun.10 Das ist die Zielsetzung der Nachhaltigkeitsidee. Damit wird Nachhaltigkeit positiv assoziiert. Der Kunde vermeidet den Verbrauch von Ressourcen, beschränkt sich auf geschlossene Kreisläufe und will so Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt übernehmen. Das entspricht dem Zeitgeist, passt in den Trend aus Natur- und Klimaschutz, aus bewusster Ernährung und Monitoring des eigenen CO2-Fußabdrucks. Mit dem CO2-Rechner11 kann man nicht nur sein Umweltverhalten berechnen, sondern auch gleich die Ausgleichsabgabe entrichten. Ablasshandel auf moderne Art, also die Wiederbelebung eines bewährten Geschäftsmodells? Gutes Gewissen durch gutes Verhalten. Aber was ist die Definition von »gut«?
In vielen Beschreibungen taucht das Wort »fair« auf: Fairer Kaffee, fair gehandelt – wie bei den Dritte-Welt-Läden der 1980er Jahre. Fair handeln, fair zur Umwelt und auf Ausgleich bedacht sein.
DEFINITION
Fair: den Regeln des Zusammenlebens entsprechend; anständig, ehrenhaft, redlich, untadelig, ehrlich, sportlich, legitim, gerecht im Verhalten gegenüber anderen. (Definition und Begriffsähnlichkeit nach Duden)
Fairness ist auch eine Vokabel mit breitem Anwendungsauftrag in der Personalarbeit. »Faire Löhne« wird gerufen,12 von »guter Arbeit« ist die Rede. Balance der Interessen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ein Ausgleich zwischen den Wirtschaftsmächten und Interessengruppen. Fairness zwischen den Vertragsparteien beim Kauf eines Produkts.
[21]Mit dem Kauf eines Produkts, so ein Sportartikelhersteller, kann sich der Käufer sicher sein, dass »wir uns für eine faire Bezahlung der Arbeiter in all unseren Produktionsstätten, sei es in Europa oder Asien, einsetzen«.13 »Einsetzen«. Nicht »garantieren«? »Der Lohn für eine reguläre Arbeitswoche muss mindestens so hoch sein wie der geltende gesetzliche Mindestlohn und zudem ausreichen, um die Lebenshaltungskosten eines jeden Arbeiters und dessen Familie zu decken. Darüber hinaus muss ein Betrag zur freien Verwendung verfügbar sein, bspw. um zu sparen. Überstunden müssen separat, mit den gesetzlich vorgeschriebenen Zuschlägen, vergütet werden. Weitere gesetzliche Lohnbestandteile, wie z. B. Entlohnung für Urlaub und Feiertage oder Sonderzahlungen zu Chinese New Year, müssen gewährt werden«, so das Versprechen des Herstellers auf der eigenen Webseite.14
Eine reine Verpflichtung reicht natürlich nicht aus. Deshalb werden in dem konkreten Herstellerbeispiel die lokalen Produzenten regelmäßig von unabhängigen Auditoren – in der Textilbranche die »Fair Wear Foundation«,15 die für 140 Mode-Labels arbeitet – überprüft. Dabei prüfen die Auditoren sorgfältig die Entlohnung der Mitarbeiter, so die Angaben des Herstellers.16 Das geschieht durch Überprüfung der Lohnunterlagen und der Arbeitszeitnachweise. Zur Bestätigung werden Interviews mit den Arbeitern geführt. Der deutsche Hersteller erhält eine detaillierte Aufstellung der Löhne mit lokalen und internationalen Benchmarks. Dadurch kann erkannt werden, auf welchem Lohnniveau sich der lokale Produzent befindet und ob es einen Handlungsbedarf zur Anpassung auf ein faires Niveau geben sollte.
Selbst die Geldanlage kommt nicht mehr ohne aus und spricht von nachhaltiger Renditemoral.17 Der Begriff Sustainable Finance beschreibt den Markt für nachhaltiges Finanzmanagement. Damit ist gemeint, dass neben Klima- und Umweltschutz auch soziale Aspekte wie Arbeits- und Produktionsbedingungen oder der Ausschluss von Rüstungsprodukten bei einer Geldanlage berücksichtigt werden. Eine dieser Initiativen ist die Green Investment Group (GIG). Der Übergang zu einer grüneren Wirtschaft und der Geldbedarf für die Transformation und Dekarbonisierung ist der Marktplatz für diese Investitionen. GIG ist länderübergreifend aktiv und investiert in neue grüne Infrastrukturen auf der ganzen Welt. Im Zusammenwirken mit öffentlichen Organisationen, Regierungen und strategischen Partnern sollen nach eigenen Angaben grüne Energietechnologien durch Finanzierung, Investition und Entwicklung von Projekten gefördert werden. Um sicherzustellen, dass diese Projekte mit dem eigenen Anspruch [22]übereinstimmen, wird jedes Projekt individuell anhand von Green Investment Criteria bewertet und Details dazu veröffentlicht.18
Dabei ist das Volumen dieser Kapitalmarktprodukte nicht zu unterschätzen: Der Markt für nachhaltige Geldanlage wird allein in Deutschland auf über 60 Milliarden Euro taxiert und sogar zur Lenkung der Mittel mit Empfehlungen der Stiftung Warentest versehen.19 Zunehmend werden Sparpläne geschlossen, die in sogenannte Exchange Traded Funds (ETFs) einzahlen. Diese ETFs sind börsengehandelt und bilden einen Aktienindex ab, um möglichst breit und damit risikoarm am Aktienmarkt mitzuagieren. Je mehr Firmen ein solcher Index berücksichtig, umso breiter die Streuung von Chancen und Risiken. Inzwischen gibt es auch »nachhaltige« ETFs.20 Als sogenannte SRI (Socially Responsible Investment) decken diese Fonds das Spektrum von Wasser, Energie, Transportunternehmen ab und garantieren die Vermeidung von Invests in Nukleartechnik, Alkohol, Waffenproduktion, Minen oder Gentechnologie. Man kann also das gute Gewissen mit gutem Geld zu Rendite machen.
Die Performance der Investitionen setzt dabei auf »saubere« Branchen. Keine Investments in Öl, Gas, Bergbaukonzerne oder Konzerne, die mit Lebensmittelrechten (Wasser, Saatgut) Handel betreiben. Vielmehr wird die Nachhaltigkeitsposition eines Unternehmens analysiert und zur Grundlage der Investitionsentscheidung gemacht. Im Rennen sind dann Windkraftbetreiber, Recyclingfirmen oder der Produzent von Fahrradkomponenten. Dabei sind die ETFs bereits ein Branchen- und Unternehmensmix, um durch eine Vielzahl an Teilnehmern im Warenkorb für Ausgleich zu sorgen.
Das gelingt nicht nur in der abstrakten Finanzwelt: Viele Anlageausschüsse etwa der betrieblichen Altersversorgung eines Unternehmens können auch durch ethische Selbstverpflichtung und Anlagegrundsätze einzelne Branchen bewusst ausschließen und die eigene Anlagepolitik entsprechend formulieren. So kann in einem konkreten betrieblichen Betätigungsfeld eine Entscheidung für nachhaltige Investitionen getroffen werden.
Doch die Betrachtung des Geldes und die ethische Dimension seiner Investitionskraft ist nicht neu, nicht ein Kind unserer Zeit. Geld und Investitionen, Zinsen und Schuldnerbeziehungen waren schon immer von prägender Wirkung. Die biblischen Geschichten vom Zöllner und seinem schuldhaften Verhalten, von den Händlern im Tempel, von den Wechselstuben und ihrer Verruchtheit sind bekannt. Die Verbindung von Geld und Moral hat schon immer die Gemüter bewegt.
[23]Dabei gibt es bewusste Kontrapunkte, die im kirchlichen Umfeld gesetzt werden. Beginnend mit der ausdrücklichen Berufung auf die Beachtung christlicher Ethik steht z. B. die Pax-Bank21 schon seit über hundert Jahren für Geldanlage auf der Grundlage eines christlichen Wertefundaments mit der Betonung, gute und nachhaltige Lösungen für Mensch und Umwelt zu schaffen.
Moral und Ethik sind Kernelemente eines Anspruchs an menschliche Verhaltensweisen und entsprechen den christlichen Geboten. Das führt uns zur Quellenforschung nach deren christlichen Ursprung und der Frage, wie relevant dieses Denken für die aktuelle Debatte ist.
Die christliche Ethik und Soziallehre sind älter als alle grünen Gedankenspiele und eigentlicher Ursprung des Nachhaltigkeitsgedankens. Die katholische Soziallehre22 ist immerhin Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft, also dem Ausgleich der Marktkräfte verpflichtet; die Dominanz des Markts und seiner Funktionsweisen werden durch soziale Gegenkräfte geordnet. Nicht nur der Faktor Kapital, auch der Faktor Mensch kommt zu seiner Bedeutung, geprägt durch die Erfahrungen des Raubbaus frühindustrieller Situationen.
Interessant ist, wie der Gedanke der Nachhaltigkeit sich in der christlichen Ethik, in der Entwicklung der katholischen Soziallehre wiederfindet und was die Kirchenspitze dazu zu sagen hat. Die Themen zu Arbeit, Geld und Unternehmenszweck berühren immer auch die ethische Komponente, weil es um den Menschen als abhängig Beschäftigten in einer sozialen Einbindung geht. Der Schutz der menschlichen Würde und die Verwendung der Arbeitskraft wird in den neueren Dokumenten ergänzt um die gesellschaftliche Einbindung und die Auswirkungen auf die Umwelt. Es finden sich nicht nur ganz aktuelle Aussagen zum Öko-Raubbau in Amazonien, die päpstlichen Dokumente reichen viel weiter zurück.
Mit der Enzyklika »Rerum Novarum« (1891) – verfasst von dem als »Arbeiter-Papst« bezeichneten Papst Leo XIII. – begann die Entwicklung einer eigenen kirchlichen Soziallehre oder auch christlichen Sozialethik. Die soziale Frage des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist vor allem die durch die Industrialisierung bedingte Arbeiterfrage. Vor Einführung der Sozialversicherung in Deutschland (1883) hatte die Arbeiterschaft ohne eine materielle Absicherung das gesamte Krankheits-, Unfall- und Arbeitsunfä[24]higkeitsrisiko zu tragen. Die Kernelemente stützen sich auf die christlichen Werte der Verantwortung vor einem Schöpfer, der Gleichheit aller Menschen, dem gemeinsamen Lebensraum Erde. Sie ist gekennzeichnet durch drei Prinzipien:
Personalität als Vorrang des Individuums vor dem System (Der Mensch als »Abbild Gottes«23)Solidarität als wechselseitige Verantwortung der PersonenSubsidiarität als Vorrang der Regelungskompetenz der kleineren Einheit im Verhältnis zur größeren.Neben der Frage der Verteilung der Ressourcen und der Werthaltigkeit menschlicher Arbeit rückt der ökologische Aspekt zunehmend in den Vordergrund. Auch als Antwort und Wegweiser im geschichtlichen Kontext der beginnenden Industrialisierung mit den ersten Schutzgesetzen für arbeitende Menschen und den ersten Anzeichen von materiellem Missbrauch bildet diese Enzyklika einen Meilenstein.
Mit der 2015 veröffentlichten Enzyklika »Laudato si«24 knüpft Papst Franziskus an seinen Namensgeber an, der einen brüderlichen und schwesterlichen Umgang mit der Natur, den Geschöpfen und der Umwelt einfordert.25 Darüber hinaus dient das Dokument als Appell an die historische Klimakonferenz von Paris im gleichen Jahr. Über die ökologischen Positionen hinaus prangert das Oberhaupt der katholischen Kirche aber in der Enzyklika auch die Wirtschaftssysteme an, die auf Gewinnmaximierung um jeden Preis abzielen und dabei Raubbau an der Natur betreiben.26 Zwei zentrale Begriffe setzt der Papst dem gegenüber: »Gemeinwohl«27 und »Genügsamkeit«28. Klimawandel, sauberes Trinkwasser, der Verlust der Artenvielfalt, die Verursachung der Klimaverschmutzung durch den Menschen, all diese Themen werden benannt.
In allen Bereichen, sowohl im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext, nimmt die Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs zu und steht für eine zunehmende Akzeptanz der damit verbundenen Haltung, auch wenn es zuweilen die Wiederbelebung [25]alter Werte ist, die aus dem Blick geraten sind. Die Bedeutung ökologischer Antworten auf Fragen der Zeit ist relevant und bestimmt den politischen und gesellschaftlichen Diskurs.
Statement
Die Frage der Nachhaltigkeit ist immer auch eine ethische Frage: im Umgang des Menschen mit anderen Menschen als Beschäftigte, aber auch im Umgang mit der Natur und der Umwelt.
Zurück zur Wirtschaft: Müll vermeiden, Energie sparen, Kreislaufwirtschaft implementieren, Produkte wiederverwendbar machen, das Recycling bereits beim Produktkonzept mit bedenken, Rohstoffe schonen und deren Herkunft beachten, den Konsum einordnen und die natürlichen Lebensgrundlagen beachten – eine sichtbare Veränderung hat sich in der Unternehmenslandschaft getan. Erst auf dem Papier, in Anzeigen, in Kampagnen, dann in den Produkten und Produktionsprozessen. Die Nachhaltigkeit hält Einzug in die strategische Orientierung und Ausrichtung der Unternehmen.
Nicht mehr allein die Wachstumsstrategie ist entscheidend, auch die Frage, wie sie Rücksicht nimmt, in die Ökobilanz eines Unternehmens einzahlt und zu welchem Preis wir bereit sind, Wachstum zu finanzieren. Nachhaltigkeit statt Raubbau. Der Club of Rome29 setzte in den Jahren der Ölkrise, Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, erstmals ein Zeichen der Nachdenklichkeit, des Innehaltens und Überprüfens des Wirtschaftens auf Kosten der nächsten Generation. Gegründet 1968 als Zusammenschluss von Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern, setzte sich die gemeinnützige Organisation deutlich und erstmals laut vernehmbar für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein.
Mit dem 1972 veröffentlichten Bericht »Die Grenzen des Wachstums« erlangte der Club of Rome und seine Thesen große weltweite Beachtung. Seitdem kämpft der die Vereinigung für nachhaltige Entwicklung und setzt sich für den Schutz von Ökosystemen ein. Ganz aktuell mit dem Positionspapier »Integral Investing« und den darin enthaltenen 21 Thesen für nachhaltiges Finanzgebaren.30
[26]Und Nachhaltigkeit wirkt im Großen wie im Kleinen: vom Recycling-Kopierpapier bis zum Mehrwegsystem, vom Bio-Burger in der Kantine bis zur Versandverpackung der Produkte und der Kompensation des CO2-Verbrauchs beim Reisen. Die Nachhaltigkeitsideen betreffen jeden Winkel unseres Wirtschaftslebens. Dabei ist Vermeiden besser als Reparieren. Daher gewinnen Produktstrategien Beachtung, die bereits beim Design die Umweltbelastung berechnen und vermeiden, die bereits zu Beginn der Wertschöpfungskette den Verbrauch und die Vermeidung konzipieren.
DEFINITION
Zero Waste-Strategie (Reduce, Reuse, Recycle): Zero Waste31 ist eine nach Nachhaltigkeit strebende Philosophie. Sie verfolgt das Ziel, ein Leben zu führen, bei dem möglichst wenig Abfall produziert (»Reduce«), Produkte wiederverwertet (»Reuse«) und Rohstoffe nicht vergeudet werden (»Recycle«).
So hat z. B. die Europäische Union im Januar 2018 eine Plastikstrategie bekannt gegeben.32 Mit einer Reihe von Maßnahmen will die EU-Kommission die katastrophalen Umweltauswirkungen in den Griff bekommen, die durch den viel zu hohen Konsum und die falsche Entsorgung von Plastik verursacht werden, und von Anfang an Plastik vermeiden. Also nicht am Ende der Kette über das Recycling nachdenken, sondern zu Beginn der Prozesskette bereits den Werkstoff Plastik vermeiden.
Die weltweite Kunststoffproduktion ist seit den 1960er Jahren auf das zwanzigfache angestiegen und beträgt mittlerweile 322 Millionen Tonnen pro Jahr. Vor allem für die Produktion von Einweg-Verpackungen und anderen Wegwerfartikeln werden wertvolle Ressourcen verbraucht. Wenn Plastikflasche, Plastiktüte und Plastikprodukte dann auch noch unsachgemäß entsorgt werden, belasten sie die Umwelt und können zur tödlichen Gefahr für viele Meeresbewohner werden. Die EU hat deshalb im Rahmen der Plastikstrategie unter anderem Plastikgeschirr und -besteck, Strohhalme und Wattestäbchen verboten.33
Das ist nur ein Beispiel, wie sich das Verbraucherverhalten durch Selbstverpflichtung und gesetzliche Vorgaben ändert. Die Ächtung des Plastiks führt zu einer Überprüfung der eigenen Herstellprozesse und Produkte. Die Menschheit verbraucht heute 1,5-mal mehr Ressourcen, als die Erde regenerieren kann.34 Durch die Kreislaufwirtschaft können natürliche Ressourcen nachhaltig geschont werden, indem man Abfälle [27]vermeidet oder diese wieder für die Produktion neuer Güter verfügbar macht. Es sollten Ressourcen nur in solchem Umfang verbraucht werden, wie sie sich auch wieder erneuern können.
Ein weiteres Beispiel ist die europäische REACH-Verordnung:35 REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals (Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien). Als EU-Verordnung besitzt REACH gleichermaßen und unmittelbar in allen Mitgliedstaaten Gültigkeit. Durch die Verordnung wurde das bisherige Chemikalienrecht grundlegend EU-weit harmonisiert und vereinfacht. Es gilt der einfache Grundsatz: »No Data, No Market« – damit dürfen innerhalb des Geltungsbereiches der Verordnung nur noch chemische Stoffe in Verkehr gebracht werden, die vorher registriert worden sind. Diese Aktivitäten werden auch »Material Compliance«36 genannt und dokumentieren mit der Erfassung von über 200 Stoffen eine detaillierte Lieferkette.
Mit großem politischen Begleitprogramm ist die EU-Vorgabe für den Schadstoffausstoß von Kraftfahrzeugen, Autos und Lastwagen, unterwegs. Diese Vorgaben verändern für viele Fahrzeughersteller – und damit für eine große Schlüsselindustrie Deutschlands –, aber auch für die vielen großen und kleineren Zulieferer die Ausgangslage. Der Kurs weg vom Verbrennungsmotor wird auch signifikante Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation in den Autofabriken und im Kraftfahrzeugservice haben. Der Verkehr ist für fast 30 % der gesamten CO2-Emissionen der EU verantwortlich, von denen 72 % auf den Straßenverkehr entfallen. Im Rahmen der Bemühungen zur Verringerung der CO2-Emissionen setzte sich die EU das Ziel, die Emissionen des Verkehrs bis 2050 um 60 % gegenüber dem Stand von 1990 zu senken.37 Mit der Verordnung (EU) 2019/631 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. April 2019 zur Festsetzung von CO2-Emissionsnormen für neue Personenkraftwagen und für neue leichte Nutzfahrzeuge38 senkt die EU die Vorgaben für das Jahr 2030 deutlich ab.
DEFINITION
Dekarbonisierung oder auch Entkarbonisierung bezeichnet die Umstellung (Transformation) der Wirtschaft, speziell der Energiewirtschaft, in Richtung eines niedrigeren Umsatzes von Kohlenstoff. Das theoretische Ziel ist auf Dauer die Schaffung einer kohlenstofffreien Wirtschaft.
[28]Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist ein entscheidendes Instrument, um das im Pariser Abkommen39 festgelegte Ziel der 2-Grad-Begrenzung der Erderwärmung und das Ziel einer klimaneutralen Gesellschaft bis 2050 zu erreichen, damit der Klimawandel aufgehalten werden kann.40 Damit ist jedes einzelne Unternehmen, einschließlich seiner Produkte und Produktionsprozesse, betroffen. Um nicht im Wettbewerb zu verlieren, ist die Entwicklung einer eigenen Dekarbonisierungsstrategie notwendig.
Abb. 1: Ausstoß von CO2 im Jahres- und Mengenverlauf41
Diese gesellschaftliche und politische Bewegung geschieht nicht isoliert: Diese Themen müssen im strategischen Prozess eines Unternehmens aufgegriffen, verarbeitet und in die Unternehmensstrategie eingebracht werden. Denn: Bis zu 80 % der Umweltauswirkungen von Produkten werden bereits in der Entwurfsphase festgelegt.42
Damit ist die Beachtung der Umweltgrundsätze nicht nur ein Thema der subjektiven Haltung, sondern auch ein ganz profanes wirtschaftliches Thema mit zunehmend großer Bedeutung für jedes einzelne Unternehmen. Wenn also der Klimawandel – jenseits der Pandemie – das ganz zentrale Thema für die Welt, für Staaten und Gesellschaften [29]ist, dann berührt das auch die Strategie jedes einzelnen Unternehmens. Müsste es zumindest. Und tut es zunehmend, und hat damit Relevanz für HR.
Betriebe sind nicht abgeschottete Inseln, sondern Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Debatte. Personalarbeit ist immer eingebunden in rechtliche und ethische Kontexte. Mehr noch: Die jeweiligen politischen Strukturen finden sich wieder in der arbeitsrechtlichen Gesetzgebung und den arbeitswissenschaftlichen Theorien. Damit bringt sich die Nachhaltigkeitsdebatte auch in die Personalarbeit ein, findet Anklang und Weiterentwicklung, befruchtet die Personalpolitik und das operative Handeln in HR (Human Resources).
Statement
Personalarbeit mit Relevanz muss immer auch aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen und zum Gegenstand der Personalpolitik machen.
Nicht nur das eigentliche unternehmerische Handeln soll sich an Nachhaltigkeitsgrundsätzen ausrichten. Auch für die Personalarbeit setzt der Grundsatz der Nachhaltigkeit wesentliche Paradigmen: Wo kommt der Gedanke formal her? Wie wurde er weiterentwickelt und wie funktioniert seine Umsetzung aus Sicht der Compliance und der Personalarbeit? Was sind konkrete HR-Instrumente? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.
Zeitgemäße Personalarbeit kann sich diesen Themen nicht entziehen, weil sie nicht ohne Bezug zur Gesellschaft auskommt und diese aktuellen Themen aufgreifen muss, um im Unternehmen Akzeptanz zu finden. Mehr noch: Diesen Trend aufgreifend ist es notwendig, mögliche Nachhaltigkeitsthemen in der gesamten HR-Palette aufzuspüren und in der Praxisanwendung zu überprüfen. Doch ist Nachhaltigkeit nur ein vorübergehender Trend, nur eine Laune des Augenblicks, ein wohlklingendes Konzept ohne Umsetzung in der konkreten Personalarbeit des Alltags? Eher nicht: Gute Personalarbeit ist letztlich der Nachhaltigkeit verpflichtet, strategisch aufgesetzt und operativ verwirklicht. Nachhaltigkeit wird daher zur Richtschnur für Personaler, gibt Orientierung in der Vielzahl möglicher Konzepte und Methoden.
Kernthemen der Nachhaltigkeit im Personalbereich
Bei der Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit im Personalbereich stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:
Was sind Themenbereiche, die durch eine Nachhaltigkeitsstrategie berührt werden?Wie ist das Design nachhaltiger HR-Instrumente?Was ist die Zielsetzung und was sind die Vorteile solcher Modelle?[30]Die Leitfragen sind: Können wir als Personalverantwortliche in Unternehmen aufgreifen und lernen, was an Nachhaltigkeitsideen in der Gesellschaft entsteht? Und: Wie sehen Forschung und wissenschaftliche Aufarbeitung dazu aus? In jedem Fall ist es spannend, die Entwicklung und Bedeutung der Nachhaltigkeitsaspekte in der Personalarbeit – wie auch im Unternehmen insgesamt – bewusst zu thematisieren, um daraus Anregungen für die Praxis zu generieren.
Die Frage, ob ein Arbeitgeber als »nachhaltig agierendes Unternehmen« und damit als attraktiver Arbeitgeber angesehen wird, spielt in der Bewerberpraxis noch keine entscheidende, aber zunehmend eine größere Rolle. Die Arbeitgeberbewertung nach objektiven Kriterien ist vorrangig. Noch. Sicherlich sind Plattformen, die nicht nur die Attraktivität summarisch erfassen, sondern auch die Bewertung nach Vergütung, nach Umgang mit der Pandemie und andere Aspekte verbinden durchaus in der Lage, die Frage nach der Nachhaltigkeit zu beantworten, damit sich Bewerberinnen und Bewerber ein Bild über die Eigeneinschätzung der Belegschaft machen können.
Denn nicht alle Unternehmen, die einen der zahlreichen »Green Awards« bekommen, sind auch in ihrer eigenen Personalpolitik so nachhaltig, wie sie sich nach außen geben.43 Dazu gibt es spezifische Tools, um gezielt zu analysieren, wo ein Unternehmen in Sachen zukunftsorientierter Arbeitsplatzkultur und wichtiger Themen wie Agilität, Veränderungsfähigkeit, Innovation, Führung und Gesundheit wirklich steht.44 Faktenbasierte Objektivität ist hilfreicher als selbstbehauptete Subjektivität.
Wenn sich die Unternehmensstrategie an Nachhaltigkeit orientiert, dann kann die – daraus abgeleitete – Personalstrategie das nicht ignorieren. Vielmehr muss eine moderne HR-Strategie eben diese Positionen aufgreifen, modellieren und in den konkreten Kontext stellen. Die Unternehmensstrategie bestimmt Inhalt und Kurs der Personalstrategie. Nicht umgekehrt, und auch nicht voneinander losgelöst – beides bedingt sich. In vielen Personalstrategien finden sich Aussagen zur Digitalisierung, zur Demografie, zum Fachkräftemangel, zu den Lohnkosten und Beschäftigungssicherungen, zum Thema, wie man attraktiver Arbeitgeber wird oder bleibt, was mit Qualifizierung und Bildung geschieht – aber ein explizites Nachhaltigkeitsziel findet sich kaum einmal.
Eine Personalpolitik gibt jedoch Antworten auf die strategischen Impulse – sollte sie zumindest. HR-Instrumente sind aus der Personalpolitik abgeleitete konkrete Maßnahmen und Aktivitäten. Um jedoch den Nachhaltigkeitsbegriff nicht nur als Schlag[31]zeile zu sehen, sondern aus der Entstehungsgeschichte zu verstehen, soll im ersten Teil des Buches zunächst der gesetzliche Rahmen und die normative Einbettung beleuchtet werden. Ohne ein Verständnis der rechtlichen Grundlage ist es schwer, die Umsetzung in effiziente Personalarbeit zu gewährleisten.
Insbesondere die Vergütungspolitik als ein wichtiges HR-Instrument hat großen Einfluss auf das Handeln des Führungspersonals von Unternehmen. Daher setzen zahlreiche Vorgaben und verbindliche Verhaltensregelungen bei der Ausgestaltung der Vergütungsinstrumente an. Wenn vor allem variable Vergütung Erfolge belohnen und Ergebnisse steuern soll, dann ist es relevant, die Steuerungsmöglichkeit für mehr Nachhaltigkeit durch dieses Instrumentarium genauer zu untersuchen. Hierauf soll daher im zweiten Teil des Buches besonders eingegangen werden.
In einem weiteren Teil soll die systematische Einbettung der wirtschaftstheoretischen Idee der Principal-Agent-Theorie beleuchtet werden. Dieser wissenschaftliche Ansatz ist deshalb interessant, weil er das Unternehmensgeschehen zwischen langfristiger Orientierung und Werterhaltung auf der einen und kurzfristiger Bilanzoptimierung vor dem nächsten Veröffentlichungstermin auf der anderen Seite plausibel schildern und den zugrunde liegenden Interessenskonflikt aufzeigen kann. Wer den Konflikt und seine Ursachen sowie die Motive und Absichten der Handelnden kennt, der kann wirksame Instrumente entwerfen, um Verhalten zu steuern. So, wie es die Motivationsforschung etwa für die Vergütungsanreize immer unterstellt.
Aber auch die »Upper Echelons Theory« stellt stark auf die prägenden Persönlichkeitsmerkmale der handelnden Personen an verantwortlicher Stelle im Unternehmen ab und stellt daher eine interessante Betrachtungsweise dar, um Nachhaltigkeit in der personellen Ausgestaltung von Unternehmensführung zu sehen. Unternehmen handeln zwar als juristische Personen im handelsrechtlichen Sinn. Sie handeln immer in der Gestalt der natürlichen Personen, der Menschen mit Überzeugungen und Haltungen, mit eigener Prägung und eigenen Absichten. Die Motivlage ist also eine entscheidende Triebfeder beim Etablieren von Nachhaltigkeit.
Das Buch will daher vom Rechtsrahmen über die Wirtschaftstheorie zur praktischen Umsetzung in der alltäglichen Personalarbeit gelangen. Um zu konkreten operativen Aktionen zu kommen, macht es Sinn, zunächst die juristische Herleitung und Einordnung zu verstehen und Anregungen aus Wirtschaftstheorien aufzugreifen.
Im ersten Teil des Buches sollen daher die relevanten Rechtsvorschriften beispielhaft aufgeführt und kurz erläutert werden: vom Handelsgesetzbuch bis zu den Erklärungen [32]der Internationalen Labour Organisation, von den Geschäftsberichten der Unternehmen und den Vorschriften zur Konzern-Rechnungslegung und dem amerikanischen Sarbanes-Oxley Act bis zu den Pflichtangaben der Nachhaltigkeitsberichte und nichtfinanziellen Erklärungen. Die Rechtsgrundlagen, ihre Quellen und Bedeutung, ihre Geltung und Verbindlichkeit muss klar sein. Einmal das formale Korsett: vom »Ehrbaren Kaufmann« über den Geschäftsbericht zum Nachhaltigkeitskodex. Wie ist die Nachhaltigkeit geregelt? Wo kommen die Vorschriften und Motive für Unternehmen her, sich diesem Thema umfassend anzunehmen?
Der Rechtsrahmen ist vielfältig: von klassischen deutschen Bundesgesetzen über Europäische Richtlinien und Selbstverpflichtungen bis hin zu Standards der Prüfungsgesellschaften und DIN-Normen. Die Zahl der Vorschriften hat deutlich zugenommen und führt zu umfassenden Verpflichtungen der Unternehmen, nicht nur vorschriftsmäßig zu handeln, sondern dies auch zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Das ist ein erheblicher Aufwand. Was wie ein Dschungel aus Vorschriften erscheint, ist auch einer. Kaum zu übersehen und kaum vollständig zu befriedigen. Gleichwohl macht es Sinn, einen Überblick zu geben, was auf dem Kodifizierungsmarkt vorhanden ist.
Eines wird dabei schnell klar: Die Geschwindigkeit für den Erlass und der Grad der Detaillierung hat in den letzten Jahren exponentiell zugenommen. Die Welt der Paragrafen ist erst in den letzten Jahren so richtig umfangreich bearbeitet und mit neuen Vorschriften weiter detailliert worden. Anlässe dazu gab es durchaus: zumeist ausgelöst durch schlechte Erfahrungen, durch unethisches oder gar kriminelles Verhalten sind die Verhaltensvorschriften als Reaktion hierauf novelliert und zunehmend verdichtet worden.
Ergänzt werden die verbindlichen staatlichen Vorgaben durch ein komplexes Regelwerk an Selbstverpflichtungen und freiwilligen Zusagen. Doch nicht nur Verbote und Gebote, auch freiwillige Labels und Zertifizierungen, Preise und Marketinginstrumente sind auf dem Markt der nachhaltigen Möglichkeiten. Ihnen gemeinsam ist das Senden einer Botschaft an den Markt, an die Verbraucher, um im Wettbewerb unterscheidbar zu werden. Ein Gesetz schafft Vertrauen nur dann, wenn es eingehalten wird. Ein Zertifikat schafft Vertrauen schon dann, wenn es auf der Unternehmenswebseite werbewirksam winkt.
Dabei hat sich die Schlagzahl der rechtlichen Maßnahmen deutlich erhöht. Nach den ersten Grundlagen im Aktiengesetz und Handelsgesetzbuch sind in den letzten 20 Jahren massive Zuwächse an Regularien erfolgt: die Rechnungslegungsvorschriften und Verpflichtungen wie der Corporate Governance Kodex, die UN-Nachhaltigkeitsziele oder Nationale Nachhaltigkeitsanstrengungen. Hinzu gekommen sind aufmerksame Verbraucher, die sich an Labels und Zertifikaten orientieren und diese Nachweise auch sehen wollen. Viele dieser Regularien ähneln sich, sie beschreiben [33]den Weg von der Auflage zur Kontrolle, von der behaupteten Aktivität zur Nachprüfbarkeit von Versprechen.
Dabei hat sich ein Prinzip herausgebildet: Regulative Vorgaben erfolgen zunehmend aus einer Selbstverpflichtung heraus, unabhängig von einem nationalen Gesetzgeber. Fachlich besetzte Boards geben den notwendigen Impuls, formulieren einen Kodex schneller und praxistauglicher als es ein Parlament könnte. Dieses Korsett aus verbindlichen Verpflichtungen wird zunehmen, weil die Verpflichtung insbesondere von börsennotierten Unternehmen zu Offenlegung und Transparenz zunehmen wird, und zwar über das eigentliche Zahlenwerk aus Umsatz und Gewinn hinaus. Und das in einer globalen Wirtschaftswelt, in der nationale Vorschriften alleine wenig ausrichten.
Im zweiten Teil des Buches sollen relevante Wirtschaftstheorien vorgestellt werden. Der Wirtschaftsnobelpreis 2016 ging an den Briten Oliver Hart und den Finnen Bengt Holmström.45 Beide forschen zur »Vertragstheorie«. Holmström lieferte bereits in den 1970er Jahren Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Vertragstheorie und entwickelte die Principal-Agent-Theorie mit, bei der es darum geht, dass ein Principal mit einem Agenten einen Vertrag schließt. Ein Principal kann beispielsweise ein Eigentümer eines Unternehmens, ein Agent der bezahlte, dafür vertraglich angestellte Geschäftsführer des Unternehmens sein. In dieser Konstellation wird der »Agent« stets besser informiert sein als der »Principal«. Er ist zudem näher an den Informationen zur Entscheidungsgrundlage dran, daher spricht man von »asymmetrischer Informationsverteilung«. Da die beiden mitunter unterschiedliche Ziele verfolgen, kann es zu Konflikten kommen, die über den Vertrag und seine Anreize gelöst werden können.
Die Forscher haben gezeigt, wie in einem solchen Vertragsverhältnis Risiken und Anreize – etwa zwischen den Eigentümern eines Familienunternehmens mit langfristigen, nachhaltigen Geschäftszielen und dem auf Quartalsbilanzen mit einem befristeten Vorstandsvertrag ausgestatteten »Agenten« – sinnvoll verteilt werden können.
Diese Wirtschaftstheorie ist eine der zentralen Gedankenstützen für das Verstehen der »Nachhaltigkeit«. Weg von kurzfristigen Bilanzeffekten und der Realisierung von Verhandlungserfolgen hin zur Implementierung einer über Generationen funktionierenden Wirtschaft, die zu einem verantwortungsvollen, da nachhaltigen Umgang mit [34]Ressourcen führt. Ein Geschäftsmodell, das nicht nach wenigen Zyklen erfolgreich ausgedient hat und bis dahin optimierte Zahlen abliefert, sondern das – gerne über Generationen hinweg – immer auch weiter in die Zukunft denkt, um über den Tag hinaus noch einen Wertbeitrag abliefern zu können. Die »Principal-Agent-Theorie« ist damit der zentrale Einstieg, um die Funktionsmechanismen eines Unternehmens zu analysieren und an den entscheidenden Stellhebeln für Nachhaltigkeit zu sorgen.
Eine kurze Darstellung der »Upper Echelons Theory« erläutert, welche Personenmerkmale für das Handeln relevant sind. Eigene Haltungen und Überzeugungen sind bisweilen prägender als organisatorisches Regelwerk. Die Person des Chief Financial Officers etwa kann eine Finanzorganisation intensiver prägen als jedes Regelwerk.
Über Regeln hinaus sind es die Menschen, die Wirtschaft betreiben, Produkte entwerfen, Produktionsprozesse beschreiben und auf der anderen Seite der Ladentheke als Verbraucher über die Nachfrage entscheiden und damit Impulse setzen. Daher spielen persönliche Haltung, Ausprägung des eigenen Wertegerüsts und Orientierung an einem persönlichen »Kompass der Nachhaltigkeit« eine entscheidende Rolle. Vorschriften kann man auslegen, versuchen zu umgehen, nach Lücken suchen. Aber die Orientierung an den eigenen Haltungen und das eigene Zukunftsempfinden, ist doch die stärkere Triebfeder.
Im dritten Teil des Buches sollen praktische HR-Instrumente etwa in der Vergütungspolitik und bei den Führungsinstrumenten auf ihren Nachhaltigkeitsanteil überprüft sowie das Füllhorn konkreter Beispiele und Instrumente vorgestellt werden. Hier sind in den vergangenen Jahren viele Initiativen und Einzelschritte gestartet worden und sicherlich ist hier die Kreativität der Personalbereiche noch nicht zu Ende, um vielfältige Ideen umzusetzen und das Mosaik nachhaltiger Instrumente weiter zu gestalten.
Welche Aspekte die Nachhaltigkeit fördern, welche kontraproduktiv wirken, soll anhand konkreter Beispiele untersucht werden. Anregung und kritische Bestandsaufnahme zugleich. Dabei sind die Aspekte vielfältig: von der Ausgestaltung der Anreizmechanismen konkreter Vergütungsinstrumente über ein betriebliches Gesundheitsmanagement und nachhaltige Verpflegungsangebote bis zur Förderung von Mobilität durch Entgeltumwandlung für E-Bikes oder eine »Green Fleet Policy« bei Dienstwagen.
Ein Nachhaltigkeits-Image ist für Unternehmen zunehmend wichtig, um eine Arbeitgebermarke mit diesen Themen aufzubauen, weil die Entscheidung für einen Arbeit[35]geber durch den Bewerber inzwischen nicht nur nach monetären Kriterien getroffen wird. Mehr als diese entscheidet die inhaltliche Erfüllung durch die Arbeitsaufgabe (Purpose) und das Gesamtprofil des Arbeitgebers.46 Das Commitment der Menschen orientiert sich an Unternehmenswerten, an der Fragestellung »Why«, und weniger an etablierten Karrieremustern. Innerbetriebliche Influencer und deren Wirkung nach außen nehmen an Bedeutung zu.
Nachhaltigkeitspolitik ist dabei nicht nur eine Aufgabe für den Strategiebereich. Wenn das Unternehmen solche Selbstverpflichtungen eingeht, dann hat das auch Einfluss auf die Personalarbeit. Mehr noch: Die konkreten HR-Instrumente müssen sich nicht nur einfügen, sondern den Kurs des Unternehmens unterstützen. Eine Strategie ohne konkrete Umsetzung ist genauso wertlos wie Aktionismus ohne strategische Grundlage. Eine personalpolitische Positionierung kommt daher ohne konkrete Instrumente zur Umsetzung nicht aus.
Es sind viele, auch kleine Schritte und Themen, die über eine Nachhaltigkeitsprägung im Unternehmen entscheiden. Neben der Kultur, der Unternehmensgeschichte, den ungeschriebenen Gesetzen der Zusammenarbeit sind es Anregungen zu ganz konkreten HR-Initiativen, die der Personalarbeit eine nachhaltige Prägung geben. Nicht ein nachhaltiges Gesicht, nicht auf die Fassade, sondern auf eine als Selbstverständlichkeit empfundene Prägung kommt es an.
Vergütungsinstrumente, Gesundheitsmanagement, Nachhaltigkeitsaspekte bereits bei der Personalauswahl, Qualifizierungsimpulse, Berufsausbildung als Investition in Zukunft, gesunde Ernährung, langfristige Arbeitgeberbindung, Änderung der Berufsbilder – all das sind Ansätze, die schon längst angewendet werden. Diesen Faden aufzugreifen und in ein personalpolitisches Gesamtkonzept zu bringen, das ist die Aufgabe für nachhaltige Personalarbeit.
1 Statistisches Bundesamt, Nachhaltige Entwicklung: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Nachhaltigkeitsindikatoren/Publikationen/Downloads-Nachhaltigkeit/indikatoren-0230001189004.pdf?__blob=publicationFile
2 Klima-Arena der Hopp-Stiftung in Sinsheim: https://klima-arena.de/
3 Google Trend, Stichwortsuche »Nachhaltigkeit«.
4https://www.jobverde.de/gruene-arbeitgeber
5 Fischer, S., S. 3.
6 Beispielhaft Discounter Aldi-Süd: https://www.aldi-sued.de/de/nachhaltigkeit/neuigkeiten.html
7 Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit Leitfaden zur Antragstellung der Start-up-Förderung: https://www.dbu.de/startup
8 Interview mit dem Rennfahrer Nico Rosberg: https://www.erfolgundbusiness.de/startup-your-business/greentech-und-nachhaltigkeit-auf-der-ueberholspur/
9https://www.adidas.de/ny-90-schuh/FZ2247.html
10 Slogan des Herstellers Provamel: https://www.provamel.com/
11https://www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/wwf-klimarechner
12 Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB): https://www.kab.de/themen/top-themen/faire-loehne/
13https://nachhaltigkeitsbericht.vaude.com/gri/menschen/faire-loehne.php
14 Ebenda.
15https://www.fairwear.org/about-us/get-to-know-fair-wear
16 VAUDE CDR-Bericht: https://nachhaltigkeitsbericht.vaude.com/gri/menschen/faire-loehne.php
17 SPIEGEL GELD, 03/2020, S. 18 ff.
18https://www.greeninvestmentgroup.com/
19https://www.test.de/Ethisch-oekologische-Fonds-So-legen-Sie-sauber-an-4741500-0/
20https://www.justetf.com/de-en/how-to/invest-in-social-responsibility-europe.html
21https://www.pax-bank.de/ethik-und-nachhaltigkeit/unsere_mission_und_kompetenz.html
22https://www.kirche-und-leben.de/artikel/was-bedeutet-katholische-soziallehre
23 Ziffer 84 der Enzyklika »Laudato si«.
24 Der Titel der Enzyklika entstammt dem Sonnengesang des Franz von Assisi, der von vielen als Heiliger verehrt wird: Laudato si’, mi’ signore, cun tucte le tue creature (»Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen«). Papst Franziskus erklärt in der Enzyklika, dass er Franziskus zum Papstnamen wählte, weil für ihn der heilige Franziskus »eine Art Leitbild und eine Inspiration« sei: »Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (Ziffer 10 der Einleitung).
25 Ziffer 23 der Enzyklika »Laudato si«: »Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle.«
26 Ziffer 129 und 195 der Enzyklika »Laudato si«: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html
27 Ziffer 156 der Enzyklika »Laudato si«: »(…) die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen.«
28 Ziffer 223 der Enzyklika »Laudato si«: »Die Genügsamkeit, die unbefangen und bewusst gelebt wird, ist befreiend.«
29https://www.clubofrome.org/
30https://www.clubofrome.org/impact-hubs/rethinking-finance/new-report-to-the-club-of-rome-integral-investing/
31https://www.zero-waste-deutschland.de/
32https://ec.europa.eu/commission/news/eu-plastics-strategy-2018-nov-20_de
33https://www.duh.de/projekte/plastikstrategie/
34 Der Earth Overshoot Day berechnet den Tag im Jahr, an dem die Menschheit so viel Ressourcen verbraucht hat, wie die Erde erneuern kann: https://www.umweltbundesamt.de/themen/earth-overshoot-day-2020-ressourcenbudget
35 Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH-Verordnung).
36 VDMA Magazin (Verband der Maschinen und Anlagenbauer), Ausgabe 10/2020, S. 18.
37https://www.autozeitung.de/co2-grenzwerte-192003.html
38https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32019R0631&from=ES
39 Das Übereinkommen von Paris ist eine Vereinbarung von 195 Vertragsparteien der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit dem Ziel des Klimaschutzes in Nachfolge des Kyoto-Protokolls; die EU und ihre Mitgliedstaaten zählen zu den fast 190 Vertragsparteien des Übereinkommens von Paris: https://ec.europa.eu/clima/policies/international/negotiations/paris_de
40 Siehe beispielhaft das veröffentlichte »Dekarbonisierungsziel« der Volkswagen AG: https://www.volkswagenag.com/de/news/stories/2019/03/decarbonization-what-is-it.html
41https://www.climate.gov/news-features/understanding-climate/climate-change-atmospheric-carbon-dioxide
42 VDMA Magazin (Verband der Maschinen- und Anlagenbauer), Heft 10/2020, S. 16.
43 Bewertungsplattform Kununu: https://news.kununu.com/schwarze-schafe-in-der-nachhaltigkeit/
44https://www.greatplacetowork.de/
45https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnobelpreis-geht-an-oliver-hart-und-bengtholmstroem-14474403.html und http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=20100
46https://persoblogger.de/2019/12/09/die-diskussion-um-den-purpose-und-dessen-auswirkungen-auf-das-employer-branding/
Die Entstehungsgeschichte der kodifizierten Nachhaltigkeit beginnt in den Geschäftsberichten der Unternehmen, im Stellwerk von Soll und Haben. Im Anfang ist der Geschäftsbericht. Die Dokumentation zu den Zahlen allein reicht aber längst nicht mehr aus, ergänzende Informationen und Beschreibungen sind für Analysten und Investoren notwendig. Diese Welt der formalen Unternehmensberichte hat sich in den letzten zwanzig Jahren deutlich verändert. In vielen Punkten verschärft, bis in die Details reguliert und vorgegeben sehen wir heute eine Flut aus textlichen Beschreibungen und umfangreichen Erklärungen.
Doch nicht nur das nüchterne Zahlenwerk, auch das Handeln, der Zweck und die Geschäftsprozesse eines Unternehmens werden beschrieben und die Anstrengungen zu Nachhaltigkeit betont. Die Schilderungen gehen über den eigentlichen merkantilen Unternehmenszweck hinaus. Mehr als um das Wirtschaften, das Geldverdienen geht es um die Einordnung eines Wirtschaftsbetriebes in das gesellschaftliche Umfeld. Es lohnt daher ein Blick in die Entstehungsgeschichte dieser Berichte und ihre Regulatorik.
Statement
Es ist für den Personalbereich wichtig, die handelsrechtlichen Vorgaben und die Finanzvorschriften zu verstehen, um daraus Erkenntnisse für die konkrete Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie zu ziehen.
