Nacht aus Eis - Heike Rommel - E-Book

Nacht aus Eis E-Book

Heike Rommel

4,8

  • Herausgeber: KBV
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Wenn Dunkelheit und Kälte dich umfangen … Es ist kalt in Bielefeld. Kurz bevor das Jahr zu Ende geht, wird in einem verfallenen Bauernhaus die Leiche einer jungen Frau gefunden. Kommissar Dominik Domeyer hat die Tote nach Durchsicht der aktuellen Vermisstenanzeigen rasch identifiziert. Es handelt sich ausgerechnet um die sechzehnjährige Freundin seines jüngsten Sohnes. Hat Robin möglicherweise etwas mit dem Mord an dem Mädchen zu tun? Der Verdacht, der plötzlich auf seinem Sohn lastet, lässt in Domeyers Familie zahlreiche Konflikte aufbrechen. Das Leben des Ermittlers gerät in diesem vorweihnachtlichen Drama völlig aus den Fugen. Seine Frau Betty geht auf Distanz zu ihm, seine beiden Söhne entwickeln Argwohn und offenen Hass gegeneinander, und auch auf der Arbeit läuft es alles andere als rund: Domeyers neuer Chef, der ihn von Anfang an auf dem Kieker zu haben scheint, entfernt ihn wegen Befangenheit aus der Mordkommission und setzt ihn auf eine Vermisstensache an, die zunächst nach einer belanglosen Routineermittlung aussieht. Doch auch in diesem Fall entdeckt Kommissar Domeyer eine Verbindung zu seiner Familie. Bald stellt sich die Frage: Haben die beiden Fälle etwas miteinander zu tun? Domeyer muss starke Nerven bewahren, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

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Seitenzahl: 477

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Heike RommelNacht aus Eis

Heike Rommel, geboren 1962 in Olpe, hat Psychologie und Visuelle Kommunikation studiert und lebt heute in Bielefeld. Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren in verschiedenen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Ihre ersten Schreiberfahrungen machte sie beim Verfassen von Fantasy-Texten, bevor sie zum Krimi-Genre wechselte, das ihr als leidenschaftlicher Krimileserin und Tochter eines Kriminalbeamten und einer Polizeiangestellten naheliegt. »Nacht aus Eis« ist ihr Romandebüt; der nächste Fall für das Bielefelder Ermittlerteam ist bereits in Arbeit.

Heike Rommel

Nachtaus Eis

Originalausgabe© 2014 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: [email protected]: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlaggestaltung: Ralf Krampunter Verwendung von:© Artem Furman und © elen_studio – www.fotolia.deRedaktion: Volker Maria Neumann, KölnPrint-ISBN 978-3-95441-194-8E-Book-ISBN 978-3-95441-208-2

Für WillyUnd für meinen Vater

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Danksagung

1. Kapitel

Samstag, 15. Dezember

Bis zu diesem Moment hatte Robin Domeyer sich für den glücklichsten Menschen in dieser Spießerstadt gehalten. Er hatte nicht mehr davon geträumt, nach seinem 18. Geburtstag aus Bielefeld wegzugehen nach Hamburg oder Berlin, oder wenigstens von zu Hause auszuziehen. Hatte die Fifty-something-Nachbarin mit der Helmfrisur und der Steppbett-Jacke gegrüßt und der irritierten Dame das Gartentor aufgehalten, damit sie ihr Nikolaus-auf-dem-Schlitten-Lichtschlauch-Gedöns in den Garten schleppen konnte. Hatte in seinem Zimmer freiwillig Staub gesaugt, weil Anna ihn heute das erste Mal zu Hause besuchte. Bisher hatten sie sich immer nur bei Freunden mit einer eigenen Wohnung getroffen.

Würde sich Anna bedrängt fühlen, wenn er sie jetzt schon seinen Eltern vorstellte? Übrigens, das ist Anna, meine Freundin. Konnte er das machen? Zwischen ihnen war es ja noch gar nicht ausgesprochen, obwohl es sich so anfühlte.

Beim Schrillen der Klingel um zwanzig nach drei sprang er die Treppenstufen hinunter, damit niemand aus seiner Familie ihm zuvorkam. Er riss die Tür auf und lotste sie nach oben in sein Zimmer. Problem umgangen.

Anna strahlte ihn an, umarmte ihn lange. Alles fühlte sich warm und leicht an – bis zu dem Moment, in dem sie ihm eröffnete, dass sie diesen alten Knacker wiedertreffen werde. Ein letztes Mal. Natürlich wäre es vorbei mit dem. Der wolle nur eine Aussprache. Angeblich.

Jetzt lagen sie eng nebeneinander auf seinem Bett, Robin auf dem Bauch, Anna auf dem Rücken. Sie hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und lächelte ihn an. Der alte Scheißkerl!

»Guck nicht so finster!«, sagte Anna und strich sanft über seine Wange.

Robin wollte ihr nicht zeigen, wie viel Angst er hatte, sie zu verlieren. »Sei nett zu Frau Horstkötter«, sagte er.

»Was?« Anna lachte. »Hör auf zu kitzeln, Robin!« Sie presste die Arme eng an die Rippen, wand sich, rutschte ein Stück von ihm weg. Annas Kopf hing jetzt über der Bettkante, sie legte ihn in den Nacken, ihre langen, goldbraunen Haare fielen auf den Teppich.

»Unsere krasse Nachbarin«, erklärte Robin. »Das sagt meine Mutter immer: Sei nett zu Frau Horstkötter. Die Horstkötter auf ihrem Beobachtungsposten. Die könnte direkt beim BND anfangen. Wenn ihre Beschwerdeliste voll ist, dann muss mein Vater wieder rüber zu der, um sich für seine missratenen Kinder zu entschuldigen.«

»Missraten! Das passt!« Anna lachte.

Sie wehrte seine Hände ab, bis er eine Hand unter ihren Strickpullover schob, seine Finger strichen über die Grube zwischen ihren zarten Hüftknochen und dem flachen Bauch.

»Ist sie das?« Anna starrte das Bild an der Wand an. »Deine Familie?«

»Hm.« Ihr Bauch war warm und weich.

Sie wälzte sich herum. Eine Strähne fiel ihr übers Gesicht. Sie blies sie fort. »Tolles Foto. Wie aus dem TUI-Werbeprospekt.«

»Das war vor einem Jahr an der Ostsee. Betty, meine Mutter, hat die Fotos in unsere Zimmer gehängt. Ich konnte sie nicht davon abhalten.«

Der kitschige Rahmen, auf dem Muscheln und kleine Seesterne auf hellblauem Grund prangten, war ihm peinlich.

»Und das ist dein Vater auf dem Foto?«

»Hm.«

»Sieht gut aus.«

»Stehst du auf alte Knaben, oder was?« Er biss sich auf die Lippen.

»Blödmann!« Sie streckte ihm die Zunge raus, auf der eine kleine Stahlkugel glänzte. Sie sah genauso aus wie Annas Nasenstecker.

»Sorry. Hey, komm doch mal her.« Robin griff in ihr Haar, zog ihren Kopf leicht zu sich heran.

»Ich bin doch da.« Sie schaute ihn mit ihren offenen, blauen Augen an, wobei sie abwechselnd das eine und das andere Auge fixierte.

»Wirklich?« Er spürte sein Herz schlagen. Irgendwo auf dem Weg zum Hals.

Sie lächelte nur. Robin küsste sie ganz zart, dann heftiger. Es fühlte sich beängstigend gut an mit Anna. Er umarmte sie fest, würde sie einfach nicht mehr loslassen. Was wollte dieser Typ denn noch von ihr? Der war doch sowieso viel zu alt für sie!

Nach einer Weile schob sie ihn von sich. »Ich muss los. Wir wollen doch heute den Flyer für die Demo fertigmachen.«

»Jetzt schon?« Seine Stimme klang heiser. Er räusperte sich, tastete nach seiner Brille, fand sie unter einem Kissen und setzte sie auf. »Wenn du es genau wissen willst, mein Vater ist ein Bulle.«

Annas Nase krauste sich. »Wie jetzt? Etwa so einer, der die Castor-Transporte schützt?« Sie nahm das Bild noch einmal in die Hand.

»Nee, der ist bei der Kripo. Comissario Dominik Domeyer. Und er findet unseren Überwachungsstaat ganz toll.«

»Krass! Obwohl – aus deren Sicht vielleicht verständlich. Kannst du mal lüften? Die Luft ist schlecht.«

Robin stand auf und öffnete das Fenster. Er spürte die feuchte Kühle des Dezembertages auf seinem Gesicht und zitterte kurz. In den kahlen Ästen des Pflaumenbaums vor der Dachterrasse schaukelten Bettys Meisenknödel im Wind. Eine Elster setzte sich auf einen Ast und die beiden Kohlmeisen flatterten auf. Ein Stück hinter dem Garten rumpelte eine Straßenbahn vorbei. Das Senne war im Nebel mehr zu erahnen, als zu lesen.

»Und das da ist Lissa?«

Er wandte sich um. Anna hatte sich aufgesetzt, band nachlässig ihr dickes Haar am Hinterkopf zusammen.

Robin setzte sich neben sie. »Lissa, meine Goth-Schwester.«

»Sieht gar nicht so aus.«

»Ist ziemlich neu, ihre schwarze Phase.« Robin grinste. »Bevor meine Eltern das schnallen, ist es wieder vorbei.«

»Betty, Dominik, Lissa und Robin am Meer, wie süß. Und alle in weißen Klamotten wie Mitglieder einer Sekte. Eine Sekte des Frohsinns …«

Anna kreischte, als er sich auf sie warf.

Er wusste nicht, wie lange sein Bruder Nils schon in der Tür gestanden hatte, als er die erhitzte, immer noch lachende Anna losließ. »Kannst du nicht anklopfen?«, blaffte Robin seinen Bruder an.

»Ich habe geklopft.« Nils warf einen Blick auf Anna. »Kühl hier.«

Sie blies sich das Haar aus der Stirn und starrte mit hochgezogenen Augenbrauen zurück.

»Nils – Anna.« Robin verschränkte die Arme. »Was gibt’s?«

Nils lächelte. »Schön, dich kennenzulernen, Anna.«

Robin verdrehte die Augen. Sie lächelte unverbindlich zurück.

Nils stieg übertrieben vorsichtig über die Dinge, die auf dem Teppich lagen: Annas Rucksack, ihre Jacke, Robins Palästinensertuch, zwei Aktenordner und ein Schälchen mit Vanillepudding, auf dem sich eine grünlich-weiße Schicht gebildet hatte.

Behutsam schloss Nils das Fenster. »Nicht, dass sich noch einer den Tod holt.«

»Was willst du?«

»Weißt du, wo mein roter Pullover ist?«

»Welcher rote Pullover?«

»Der von Boss.«

»Keine Ahnung. Ist das wichtig, dass da Boss draufsteht?«

Anna kicherte.

»Du Armer«, machte Robin weiter. »Hast du nur einen Pullover? Nimm dir einen von mir. Du, ich hab mehr als einen. Nimm einfach mit, was du haben willst.«

Anna hielt sich die Hand vor den Mund. Ihr Gesicht rötete sich.

Nils verzog keine Miene. »Du hast ihn dir nicht zufällig ausgeliehen?«

»So ein Pullover ist natürlich total wichtig, aber ich hab ihn nicht, okay?«

»Schon gut, schon gut. Es hätte ja sein können, dass der sich hier irgendwo …« Nils ließ seinen Blick über Robins Bücher-, Papier- und Klamottenstapel gleiten.

»Nee, hier ist er nicht«, sagte Robin. »Und tschüss.«

Nils holte einmal tief Luft und atmete schwer wieder aus. »Sag mir bitte Bescheid, falls doch. Wiedersehen, Anna.«

»Tschau, Nils.«

Leise schloss sich die Tür hinter ihm. Die beiden blickten sich an. Anna prustete los.

»Der von Boss«, äffte Anna Nils mit gezierter Stimme nach.

»Das war Superbruder.« Robin grinste. »Traum aller Schwiegermamas.«

»Hat Superbruder das Super-Foto geschossen?«

»Nee, er war zu der Zeit mit seinen Tennis-Freunden und seiner Verlobten auf den Malediven.«

»Mit seiner Verlobten? Ist das dein Ernst?«

»Sofie ist ihm versprochen«, sagte Robin theatralisch. »Seit ungefähr hundert Jahren.«

Während er Anna ansah, wie sie vor dem Bett kniete und das Gummiband suchte, das ihr bei der Rangelei aus dem Haar gefallen war, stellte er sich vor, sie wäre ihm versprochen. Mit allem Drum und Dran, mit hoffenden Schwiegereltern, Ring, Wohnung. Klar, kitschig, aber … eigentlich auch schön.

»Schlimme Familie, was?«, sagte er.

»Meine ist auch nicht besser, nur viel kleiner. Ich habe nicht mal eine Goth-Schwester.«

»Vielleicht hast du bald eine.« Hatte er das wirklich gesagt?

»Ich muss los.« Anna nestelte an ihrem Hinterkopf, schnürte ihre Haare zu einem Gebilde zwischen Knoten und Pferdeschwanz. »Was ist denn das für ein fettes Teil?«

Auf der Schale mit dem alten Pudding saß eine grünlich schimmernde Fliege.

»Die ist wohl eben durchs Fenster gekommen«, sagte Robin.

»Bei der Jahreszeit? Sicher nicht. Die muss drinnen geschlüpft sein.«

Robin hob die beiden Aktenordner vom Boden auf und reichte sie ihr. »Für den Flyer.«

Anna stopfte die beiden Ordner hastig in ihren alten, übervollen Rucksack. Die Ecke eines der Ordner ragte aus einem Loch im Camouflage-Muster. Sie versuchte, das Ding zu verschieben, aber Robin packte sie am Handgelenk.

»Du hast gesagt, es sei aus mit dem. Ich begreife einfach nicht, wieso …«

»Robin!« Sie entzog sich ihm. »Ich hab schon Fransen am Mund vom Erklären. Ach Scheiße, ich komme viel zu spät.« Sie schnappte sich ihre Jacke und gab ihm einen Kuss.

»Bis bald?«, fragte er.

»Bis Montag. Ganz bald.«

»Das ist doch noch ewig hin!«

Sie lächelte.

Er ging ihr bis zur Treppe nach. Sie sprang die Stufen hinunter, immer zwei auf einmal, und winkte ihm, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand. Vom Flur drangen Stimmen zu ihm hoch, Nils und Sofie. Nils jammerte seine Herzensdame vermutlich voll, dass sein Bruder ihm den tollen Pullover geklaut habe. Robin lauschte, konnte aber nicht verstehen, was sie redeten. Kurz darauf fiel die Haustür mit einem dumpfen Knall zu. Anna war fort.

Robin ging zurück in sein Zimmer und beobachtete die Fliege, die immer noch auf dem Schalenrand saß und sich die Vorderbeine rieb. Er warf eine Zeitschrift nach der Fliege und traf den Vanillepudding, der sich in kleinen Bröckchen über den Teppich verteilte. Dann legte er sich aufs Bett, vergrub das Gesicht im Kissen und versuchte, einen Hauch von Annas Geruch zu erhaschen. Das leise Summen im Raum hörte auf, als sich die Fliege wieder auf den Puddingresten niederließ.

2. Kapitel

Sonntag, 16. Dezember

Aus den Wolken am Nachthimmel fielen große Flocken, schmolzen auf ihrem Gesicht. Sie schloss das Bügelschloss an ihrem Rad auf. Die Angelegenheit wurde allmählich eklig. Dabei hatte sie nur nett sein wollen. Es schien nicht angekommen zu sein, im Gegenteil. Sie wischte die Schneehaube von Sattel – eine Menge Neuschnee für die eine Stunde, in der sie drinnen gesessen und geredet hatten. Geredet und sich im Kreis gedreht. Schließlich war es richtig blöd geworden, bis sie das Gespräch abgebrochen hatte. Sorry, aber das ging nicht anders.

Sie stieg aufs Rad und musste sofort mit dem Lenker austarieren, um nicht über einen Schneehaufen zu stürzen. Vorsichtig fuhr sie über die feste Schneedecke einer Nebenstraße. Als sie an einer Kreuzung vorbeikam, hörte sie das Brummen der Räummaschine, sah das flackernde, orangefarbene Licht. Der Schnee war schön. Trotzdem war es wohl besser, auf den Hauptstraßen zu fahren.

Sie bog auf die August-Bebel-Straße ein, achtete darauf, mit den Reifen nicht in die Schienen der Stadtbahn zu geraten, und überlegte, ob sie noch zu ihrer Freundin radeln sollte, bevor es nach Hause ging. Wieso musste Daniela fast am Ende der ewig langen Bleichstraße wohnen? Es war ein großer Umweg, aber sie würde heute Nacht bestimmt nicht so früh einschlafen können. Und sie brauchte jetzt jemanden zum Reden. Obwohl sie fand, dass sie das Richtige tat, wollte sie es sich von Daniela bestätigen lassen.

Sie fuhr bereits auf der Bleichstraße, als ihr das Auto auffiel, das langsam hinter ihr herrollte. Im grellen Licht der Scheinwerfer konnte sie niemanden erkennen, aber die Bullen waren es nicht. Warum auch? Das kaputte Rücklicht war wieder in Ordnung. Bestimmt irgendwelche Arschlöcher, die sich einen Spaß machen wollten, um ihr Angst einzujagen! Sie war versucht, ihnen den Stinkefinger zu zeigen, stöhnte aber nur genervt auf und trat fester in die Pedale. Sooft sie den Kopf wandte, sah sie, dass das blöde Auto weiter an ihr dranhing. Sie stieg vom Sattel auf, trampelte im Stehen, um schneller zu werden – mit dem Erfolg, dass sie ins Rutschen geriet. Auf diese Weise würde sie nicht entkommen. Der Wagen setzte an zum Überholen, lag jetzt gleichauf mit ihr, und sie erkannte, wer drin saß.

Plötzlich begriff sie.

Sie bremste abrupt, stürzte mit dem Rad Richtung Bürgersteig, hörte das Quietschen von Bremsen. Das Motorgeräusch erstarb und eine Autotür klappte. Ihr Knie tat höllisch weh, aber sie ignorierte es, rappelte sich auf, ließ das Rad liegen, und lief humpelnd los. Die Fenster in den Häuserfronten der Mehrfamilienhäuser waren dunkel und abweisend, die Bürgersteige leer, hier in dieser Gegend, im Winter, bei Nacht. Sollte sie um Hilfe schreien? Irgendwo klingeln? Sie blickte zurück, sah niemanden auf dem Bürgersteig, obwohl jemand ausgestiegen sein musste, denn der Kofferraumdeckel des Wagens war hochgeklappt. Ein guter Moment, um zu verschwinden, entschied sie, schlug einen Haken wie ein flüchtender Hase, vom Bürgersteig auf einen Weg, der zwischen zwei Häusern hindurchführte in einen Hinterhof. Nein, es war wohl ein Garten, unter all dem Schnee war wenig zu erkennen, abgesehen von ein paar Sträuchern und einem kleinen Schuppen. Sie humpelte darauf zu. Natürlich war die Scheiß-Tür verschlossen! Sie warf sich mit aller Macht dagegen, die Tür gab plötzlich nach, schrappte quietschend über den Boden. Sie stöhnte leise auf, aber im Garten war niemand zu sehen. Sie schlüpfte hinein, drückte die Tür vorsichtig hinter sich zu, so leise wie möglich.

Durch ein kleines Fenster drang Mondlicht. In den Geruch nach Staub und altem Holz mischte sich ein Hauch von Verwesung, als ob hier mal ein kleines Tier verendet wäre. Sie erkannte Umrisse von gestapelten Gartenstühlen, tastete sich an der Wand entlang, trat auf etwas, das leise schepperte, stieß mit der Schulter gegen ein Regal, tastete sich um das Regal herum und drückte sich in die Ecke dahinter. Sie lauschte ihrem Schnaufen, bemühte sich, leise zu sein, bis ihr Atem sich etwas beruhigte. Einfach warten.

Niemand war ihr gefolgt, oder doch? Sie durfte sich nur nicht zu früh wegbewegen. Sollte sie sich hier etwas suchen, mit dem sie sich verteidigen konnte? Das Ding, auf das sie eben getreten war? Hier gab es doch sicher Gartengeräte, vielleicht eine Hacke, irgendetwas …

Was war das? Ein Knirschen im Schnee. Der Schnee, so ein Mist, ihre Fußspuren! Ihr Herz begann zu hämmern. Wieder knirschten Schritte, kamen langsam näher. Sie war erstarrt, hielt den Atem an, spürte, wie Schweiß ihren Nacken hinabrann. Es knirschte im Schnee, dann herrschte Stille.

Als ob ein Raubtier schnüffelte, Witterung aufnahm.

Dann ein Quietschen, Poltern, ein Lichtstrahl irrte durch den Schuppen. Eine Taschenlampe und in der anderen Hand blitzte etwas auf … Ein großer Hammer! Sie schluckte. Das Licht fuhr über Plastikstühle, einen Gartenschlauch, eine Schaufel, verdammt, die hätte sie nehmen können, glitt langsam weiter zu dem Regal mit Blumentöpfen. Leises Scharren auf dem Boden, Schritte. Sie presste ihren Rücken gegen die Wand. Ihr Herz wummerte, als wollte es aus der Brust heraus. Sie blinzelte, als das Licht ihr ins Gesicht schien. Das konnte nicht sein, das war nicht fair! Nicht! Fair! Wie idiotisch, für das hier … Vielleicht konnten sie noch einmal reden, das musste doch möglich sein, sie würde alles … Ein kaltes Lachen gellte in ihren Ohren. Ihre Knie drohten, nachzugeben.

Ich will nicht sterben. Nicht …

3. Kapitel

Montag, 17. Dezember

Durch das halb von Schnee bedeckte Dachfenster schien blasses Licht auf Dominiks Schreibtisch. Er öffnete es, die Schneeladung geriet ins Rutschen und pladderte in den Vorgarten. Er hatte morgens Schnee geschippt, doch die Bürgersteige waren schon wieder weiß überpudert. Autos rollten leise vorbei, und selbst die Stimmen der Kinder, die mit ihren Schlitten unterwegs waren, drangen nur gedämpft zu ihm hoch. Die Welt zog sich zurück.

Die Stille wurde durchbrochen von lautem Rumoren in der Abstellkammer. Etwas war zu Boden gepoltert, dann klirrte es, Pappe kratzte auf Pappe.

»Betty?« Er musste husten, von tief unten. Ein komisches, hohles Bellen. Es tat immer noch weh.

Die Tür zur Kammer schwang auf. Seine Frau kam zum Vorschein mit Spinnweben im dicken, roten Kraushaar. »Willst du wirklich morgen wieder zur Arbeit?«, fragte sie.

»Was tust du da?«

»Ich entrümpele. Wird auch Zeit.« Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und hinterließ einen Schmutzstreifen. »Übrigens, nach dem Antibiotikum solltest du eine Symbiose-Lenkung machen. Ich könnte dir …«

»Darf ich mal sehen, was du da ausmistet?« Er schob sich an ihr vorbei.

Auf dem Boden der Kammer und auf der Tischtennisplatte standen offene Kartons herum. Zwischen alten Lateinschulbüchern entdeckte er Nils’ zerfleddertes Lieblingsbuch über den Wettlauf zwischen Amundsen und Scott zum Südpol.

Lissas einäugiger Teddy purzelte ihm von einem Berg aus rotem Seidenpapier in einer Holzkiste entgegen. Er grub in dem Papier und wickelte zwei Holzschwerter aus, die er zusammen mit Robin geschnitzt hatte, damals, als die anderen das Wochenende in Münster bei einer Familienfeier verbrachten und Robin wegen seiner Windpocken nicht mit durfte. Es gab auch Umhänge, für die Bettys Stoffvorräte geplündert worden waren. Und das Edelstahl–Knabberschalen-Set diente als Helm-Ersatz. Sie waren durchs ganze Haus getobt, als Ritter Ivanhoe und seine Gesellen.

»Die Holzschwerter verfeuern wir im Kamin«, sagte Betty, die ihm über die Schulter blickte.

»Bist du verrückt?«

»Ach, Dominik, wir können doch nicht alles behalten«, seufzte Betty. »Wir haben einfach keinen Platz mehr.«

»Nicht alles, aber diese Schwerter …« Er ließ seinen Blick über die Kartons und Schachteln auf der Tischtennisplatte schweifen.

Betty stemmte die Fäuste in die Hüften, legte den Kopf schräg und lächelte. »Ich sehe schon, du willst das noch mal durchgehen. Ich muss sowieso nach unten, kochen.«

»Bis nachher.« Er griff nach einem alten Zeichenblock von Lissa. Statt des i-Tüpfelchens hatte sie eine Blume auf ihren Namen gemalt. Er schlug das Deckblatt um. Ein Männlein mit einem überdimensionierten Hut schwebte in einem Bild voller bunter Tulpen. Unter dem Bild stand Papa in Lissas kindlicher Schrift.

»Dominik …«

Sie stand immer noch da. »Lass dich doch weiter krankschreiben. Ich habe zurzeit nicht so viele Kunden. Wir könnten es uns hier gemütlich machen, Feuer im Kamin anzünden, ein Glas Wein trinken. Ein paar Tage nur für uns. Wann haben wir das das letzte Mal gehabt?«

»Was soll denn der neue MK-Leiter von mir denken?«

Betty grinste. »Dass du Bronchitis hast, mein Schatz, und gute Pflege brauchst.«

»Lieber nicht. Ich habe lang genug gefehlt.«

»Ich bin ja direkt froh, wenn ich mich noch an dein Gesicht erinnere. Ach ja, da war ja noch was, ein Ehemann …«

»Betty …«

»… der nach Hause kommt, wenn ich schon schlafe, und aus dem Haus geht, wenn ich aufstehe. Kein Wunder, dass du krank bist!«

»Wolltest du nicht kochen?«

Betty starrte ihn einen Moment lang an. »Wenn du die Bronchitis verschleppst, kannst du übrigens auch dein Training vergessen!« Sie drehte sich auf dem Absatz um und stapfte zur Treppe. »Und den Weihnachtslauf!«, fügte sie hinzu.

Als Dominik eine Stunde später das Wohnzimmer betrat, war Nils gerade dabei, den Tisch in der Ess-Ecke zu decken. »Was macht der Husten?«, fragte Nils.

Dominik ließ sich am Tisch nieder und hielt den ausgestreckten Daumen nach oben, als seine Tochter ins Wohnzimmer kam. Wie zur Strafe für diese allzu optimistische Einschätzung musste er husten.

Lissas Miene drückte Besorgnis aus. »Mensch, Papa. Du klingst ja wie Kathrins Köter, wenn er den Socken wieder auskotzt.«

Er musste lachen, was die Sache nicht besser machte. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Seit wann lackierte sich Lissa die Fingernägel? Und dann auch noch schwarz!

»Tendenz aufwärts«, krächzte Dominik.

Nils stellte ihm ein Sektglas hin.

»Gibt es was zu feiern?«, fragte Dominik und schmunzelte. Er ahnte schon, dass es um Nils’ Studienplatz ging. Nils lächelte geheimnisvoll, und machte Betty Platz, die den dampfenden Auflauf hereintrug, Robin im Schlepptau.

Alle außer Lissa setzten sich an den Tisch. Sie stand da, wie sie immer dastand, wenn ihr was nicht passte: Arme eng am Körper, das Kinn auf die Hand, der Ellenbogen auf die andere Hand gestützt, Standbein, Spielbein, mit dem Absatz ihres Stiefels kippelnd. Betty ignorierte sie und verteilte das Essen auf die Teller.

»Da ist wieder Tierleiche drin«, bemerkte Lissa.

»Das ist Kartoffel–Porree-Auflauf mit Hackfleisch«, sagte Betty und goss sich Wasser ein.

Lissa biss sich auf ihre violett geschminkten Lippen. »Toll.«

Normalerweise war das Robins Einsatz: Ein Vortrag über die schädlichen Auswirkungen des Fleischkonsums auf Ernährungslage und Klima. Doch sein Sohn stocherte stumm im Essen herum. Er sah aus, als hätte er die Nacht durchgemacht. »Hör mal, Lissa«, begann Dominik. »Da ist noch ein Rest Gemüse-Lasagne im Kühlschrank, mach dir den doch in der Mikrowelle warm.«

»War ja klar«, sagte Betty, ohne von ihrem Teller aufzusehen.

Lissa knabberte an ihren Fingernägeln, warf ihrer Mutter einen bösen Blick zu und verschwand in Richtung Küche.

»Wenn sie es doch nicht mag«, beschwichtigte Dominik.

Eine Zeit lang hörte man nur das Klicken des Bestecks auf den Tellern. Lissa kehrte mit ihrer Lasagne zurück und setzte sich, ohne jemanden anzusehen, neben ihn. Nils klopfte mit dem Messer gegen sein Glas.

»Jetzt, da wir alle am Tisch sind, kann ich es ja sagen …« Nils machte eine Kunstpause.

Betty schlug die Hände vor den Mund.

»Ich habe den Studienplatz für Wirtschaftsingenieurswesen gekriegt!«

Sie strahlte. »Das gibt’s doch nicht! Nils! Das ist ja toll!«

»Und darauf möchte ich mit euch anstoßen«, sagte Nils feierlich.

Dominik lächelte. »Glückwunsch! Das heißt, du fängst dann gleichzeitig in der Firma von Sofies Vater an?«

»Genau! Das nennt sich praxisintegriert. Zwei Fliegen mit einer Klappe.«

»Her mit dem Champagner!«, rief Lissa.

»Ist im Kühlschrank.« Nils sprang auf.

Robin starrte auf seinen Teller. Er hatte die gefüllte Gabel zum Mund gehoben, aß aber nicht. Er schien gar nicht mitzubekommen, was um ihn herum vor sich ging.

Nils füllte Champagner in ihre Gläser, während er erzählte, wie er die Nachricht bekommen hatte.

»Alles in Ordnung, Rob?«, fragte Dominik.

Robin starrte mit glasigen Augen auf das gefüllte Sektglas, als könnte er sich nicht erklären, wie es dahingekommen war. Nahm der Junge Drogen?

»Robin? Alles in Ordnung?«

»Hm?«

»Wir wollen anstoßen«, sagte Dominik.

»Ich muss mal kurz verschwinden.« Robin stand auf.

Betty, die neben ihm saß, nahm seine Hand. »Erst anstoßen!«

Robin sah sie mit merkwürdigem Blick an.

»Dein Bruder hat seinen Studienplatz«, erklärte Dominik freundlich.

»Erde an Robin …«, begann Lissa.

»Lissa!«, mahnte Dominik.

»Anstoßen, klar.« Robin griff nach seinem Glas. Sein Lächeln wirkte gequält.

»Auf Nils«, rief Betty. »Auf seine berufliche und private Zukunft!«

Fünf Sektflöten klirrten aneinander.

»Auf ganz viel Kohle!« Lissa spitzte ihren Mund und lächelte süffisant. »Darum geht es doch, oder?«

»Willst du deinem Bruder die Freude verderben?«, raunzte Betty.

Lissa riss die Augen auf. »Ich mein ja nur. Vielleicht lädt er uns ja später mal ein auf seine Yacht.«

»Aber Vorsicht, da könntest du Farbe kriegen«, gab Nils zurück.

Sie krauste die Nase. »Stimmt auch wieder.«

Lissa sah tatsächlich etwas blass aus, fast weiß. Dominik fragte sich, ob es an dem Druck in der Schule lag. Abi nach zwölf Jahren – das war kein Vergleich zu früher. Auch wenn sie noch zwei Jahre vor sich hatte. »Ein bisschen Sonne würde dir gut tun«, sagte er, nahm einen langen Schluck, streckte sich und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Die anderen zogen Nils damit auf, was für ein Snob er werden würde. Nils wusste eben, was er wollte. Dominik selbst war in dem Alter viel unsicherer gewesen. Er trank sein Glas aus und goss sich noch eins ein. Der Champagner war ausgezeichnet. Betty hatte sich zu Nils vorgebeugt, der am Ende des Tisches saß. Ihre Köpfe berührten sich fast, und sie lachten gerade über etwas, das Lissa gesagt hatte. Sein Ältester war nie so schüchtern gewesen wie Robin. Vielleicht brachte Nils’ athletische Statur allein schon mehr Selbstbewusstsein mit sich. Und doch gab es nur Sofie für Nils. Sie war sehr attraktiv, keine Frage. Beine bis zum Hals, wie man so schön sagte. Ihre Züge hatten trotz der blonden Haare etwas Südländisches. Gelegentlich ertappte er sich dabei, wie er seinen Blick auf ihrem ebenmäßigen, immer leicht gebräunten Gesicht ruhen ließ, den braunen, mandelförmigen Augen, der schmalen, ganz leicht gebogenen Nase, dem sinnlichen Mund. Nils hatte eine Engelsgeduld mit der kapriziösen Dame. Dominik trank den letzten Schluck Champagner. »Wo ist eigentlich Robin?«

Lissa rieb an dem Lippenstift-Abdruck auf ihrem Glas. »Ins Klo gefallen? Das Noro-Virus? Flitzekacke?«

Dominik stand auf. »Ich sehe mal nach.« Er ging hinaus auf den Flur, der schwach beleuchtet war vom Licht, das durch die halb geöffnete Küchentür fiel. Er sah Robin in der Küche stehen, den Blick auf sein Handy gerichtet. Sein Sohn schrie plötzlich laut auf und schmetterte das Handy zu Boden.

Mit zwei Schritten war er in der Küche. Robin blickte ihn mit großen Augen an. Auf den Bodenfliesen drehte sich das Ding, ein Teil des Gehäuses war abgebrochen.

»Was soll das?«, fragte Dominik.

Robin hob sein Handy auf, drückte ein paar Tasten, und fluchte.

»Ich hab dich was gefragt!«

»Das Scheißding ist kaputt.«

»Das sehe ich auch! Rob, was soll dieses Theater?«

Robin wollte sich an ihm vorbeidrücken. Als Dominik seinen Arm packte, riss er sich mit einer heftigen Bewegung los.

»Hör mal, so kannst du nicht … Robin!«

Sein Sohn stürmte die Treppe hoch. Dominik überlegte kurz, ob er ihm nachgehen sollte. Besser, Robin beruhigte sich erst mal. Er würde ihn am nächsten Tag darauf ansprechen.

Auf dem Weg zum Wohnzimmer fiel sein Blick auf das aufgeschlagene Telefonbuch auf dem Telefontisch. Er stellte das Telefon auf die Ladestation zurück. Er wollte das Buch gerade zuklappen, als er den unterstrichenen Namen sah. Marga Borgstedt.

Eine von Bettys vielen Freundinnen? Ja, auch Betty würde das Telefon neben der Ladestation liegen lassen. Aber sie trug die Daten ihrer Bekannten alle in ein Adressbuch ein. Er holte das Buch aus der Schublade und suchte unter M und B, ohne einen entsprechenden Eintrag zu finden. Also war es wohl Robin gewesen, der es erst über das Festnetz und dann über sein Handy versucht hatte. Er gestand sich ein, dass es nicht mehr viel war, was er über seinen jüngsten Sohn wusste. Und nun spionierte er ihm nach. Berufskrankheit des Ermittlers? Er schüttelte den Kopf über sich selbst.

Betty kam aus dem Wohnzimmer und schnappte sich das Telefon, um »den Richter« anzurufen, wie Dominik seinen Schwiegervater insgeheim nannte, obwohl der längst pensioniert war. Er machte Feuer im Kamin, während sie dem Richter die gute Nachricht überbrachte und Nils ihm die Einzelheiten erläutern musste. Anders als ihre Schwester und deren Ehegatte hatte Betty das Jurastudium abgebrochen, nachdem sie beim 1. Staatsexamen durchgerasselt war. Betty als Heilpraktikerin und er als Polizist konnten gegen das »perfekte Paar« natürlich nicht anstinken. Und Bettys Neffe, einziger Sprössling des perfekten Paars, hatte im letzten Jahr zu allem Überfluss den ersehnten Jura-Studienplatz ergattert. Ihm war das alles schnuppe, aber an Betty schien es zu nagen.

Inzwischen hatte sie offenbar ihre Mutter an der Strippe und gab das Telefon an Nils weiter, der etwas über technischwirtschaftliche Querschnittsfunktionen erzählte, Begriffe wie Projektmanagement, Controlling und Consulting abspulte. Dominik konnte nur hoffen, dass seine Schwiegermutter im Englischen firm war. Er brachte das Geschirr in die Küche und stellte fest, dass der Mülleimer bereits überquoll. Er nahm die Tüte aus dem Eimer, um sie nach draußen zur Tonne zu bringen, und ging hinaus in die Kälte. Der Tonnendeckel war festgefroren. Während er daran zerrte, ertönte ein lautes Hupen vor dem Haus.

Ein weißer Alfa Romeo parkte am Straßenrand, und sein Besitzer hupte so hemmungslos, dass Dominik kurz überlegte, das jungfräuliche Weiß mit Küchenabfall zu verzieren. Dann erkannte er Nils’ Freund hinter dem Steuer.

»Hey Max, mach nicht so’n Aufstand!«, hörte er seinen Sohn rufen.

Dominik trat ein paar Schritte von der Hauswand zurück, sodass er Nils sehen konnte, der gerade auf die Kühlerhaube des Wagens schlug.

Max stieg aus, und grinste.

»Neidisch?«

»Ist doch sowieso nicht deiner!«, gab Nils zurück und zog den Reißverschluss seiner Daunenjacke hoch.

»Woher willst du das wissen?«

Dominik wurde es kalt in seiner Strickjacke. Wieder ins Haus? Seine Neugierde siegte.

»Noch zwei Monate, oder?«, fragte Nils.

»Ja, scheiße auch. Mein Alter lässt sich nicht erweichen.«

»Du tust mir echt leid. Aber denk dran: In zwei Monaten musst du nicht mehr zusammen mit dem Prekariat am Bahnsteig stehen«, spottete Nils.

»Ich fahre nicht mehr nach Düsseldorf. Habe mich von der Dame verabschiedet. Sie fing an, mir auf den Sack zu gehen mit ihren Ansprüchen. Sie ist nicht wie Sofie.«

Nils lachte auf. »Da kennst du Sofie aber schlecht.«

Max legte die Arme verschränkt aufs Wagendach, bettete das Kinn darauf und fixierte Nils. »Hör zu, das mit Samstagnacht, das ging von Sofie aus.«

Nils schwieg, stieß Atemwolken in die kalte Luft aus.

Wieder fiel Dominik auf, wie ähnlich sich die beiden sahen: Beide waren blond, sportlich, Typ kalifornischer Surfer. Max surfte nicht, sondern betrieb »Basejumping«. Jedenfalls hatte er damit angegeben, dass er von Felswänden im Schweizer Lauterbrunnental und von Wolkenkratzern in Shanghai gesprungen sei. Dass seine Eltern das hinnahmen! Er wusste wenig über Max, der erst im letzten Jahr mit seinen Eltern von Düsseldorf nach Bielefeld gezogen und in Nils’ Jahrgangsstufe gelandet war. Die beiden hatten sich im Sport-Leistungskurs kennengelernt und spielten Tennis im selben Club. Er hoffte nur, dass Max seinen Sohn nicht auf dumme Gedanken brachte.

Nils blies in seine Hände. »Es wird frisch …«

»Komm, steig ein und fahr ’ne Runde. Glaub mir, der fährt sich besser als eure Familienkutsche.«

»Ich muss wieder rein.« Nils steckte die Hände in die Taschen und trat von einem Bein aufs andere.

»Sofie und ich haben auf der Party zu viel von diesem Wodka-Zeug erwischt. Du hast auch nicht gerade ins Glas gespuckt.«

»Na und?«, gab Nils zurück.

»Es bedeutet nichts. Gar nichts, okay? Komm schon, lass uns fahren. Nur eine Runde.«

»Ich feiere etwas mit meiner Familie.«

Max grinste. »Der Studienplatz, um den du seit Monaten zitterst?«

»Genau der.«

Dominik ärgerte sich. Merkte Nils nicht, wie herablassend Max klang?

»Braver Junge! Dann feiern wir mal das große Ereignis! Fang!« Er warf Nils die Autoschlüssel zu.

Nils legte die Schlüssel aufs Dach. »Mann, vergiss es!«

Sein Sohn wandte sich zum Haus und verschwand aus Dominiks Blickfeld.

Max stöhnte. »Jetzt machst du aber den Aufstand. Ist dir das klar, Nils?« Er starrte ihm hinterher. »Ich kapier das nicht: Nur wegen der Torte?«

Niemand antwortete. Nils war wohl schon im Haus. Max verdrehte die Augen, holte sich die Schlüssel vom Wagendach, stieg ein und startete den Motor.

Dominik rieb sich die kalten Hände, legte die steifen Finger um den Tonnengriff und zog heftig. Der Deckel löste sich mit einem Knall.

4. Kapitel

Dienstag, 18. Dezember

Als Dominik den Eingangsbereich des Präsidiums durchquerte, entdeckte er einen Mann, der so riesig war, dass er sich zu dem Kaffeeautomaten hinunterbücken musste. Jemand von außerhalb, eindeutig. Er drückte an den Knöpfen herum und kratzte sich seine aschblonde Bürste.

»Sind Sie sicher, dass Sie den Kaffee aus diesem Automaten wollen?«, fragte Dominik.

Der Mann richtete sich auf und starrte ihn an. Sein Gesicht war von Zickzacknarben gezeichnet. Er ähnelte jemandem, den Dominik vor Kurzem auf einem Foto gesehen hatte, aber er wusste nicht mehr wo. Doch ja, der Bürgermeister von Rejkjavik. Der Artikel unter dem Foto hatte davon gehandelt, dass der in seinem früheren Leben Komiker gewesen war.

»Sie möchten wirklich diesen Kaffee?«, wiederholte Dominik. »Aus diesem Automaten?«

Der Kerl starrte ihn weiter an. Vielleicht verstand er nur isländisch.

»Ich habe Geld reingeworfen …«, begann der schließlich und hob kurz seine langen Arme an.

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