Beschreibung

"Als er wieder zu sich kam, zitterte er vor Kälte. Die Insel aus Licht war verschwunden. Nur ein paar Sterne funkelten am Nachthimmel. Aber die Sterne wussten nichts von ihm." Die gefeierte Jazz-Sängerin Marleen Seismo kehrt mit ihrer Band für ein Konzert in die alte Heimat Bielefeld zurück. Im ausverkauften Bunker Ulmenwall müssen die Fans aber miterleben, wie Marleen mitten auf der Bühne zusammenbricht. Die erfolgreiche, von allen verehrte Künstlerin wurde heimtückisch vergiftet. Kommissarin Nina Tschöke und ihre Kollegen vom KK11 können sich vor Verdächtigen und möglichen Motiven gar nicht retten. Schnell stellt sich heraus, dass Marleens Ehe zerrüttet, ihre Band zerstritten und ehemalige Freunde von Neid und Missgunst zerfressen sind. Einer der Zeugen ist ausgerechnet Ninas geistig behinderter Bruder Kai, der seit dem Abend im Bunker seltsam verstört wirkt. Zu spät erkennt Nina, dass sie etwas Entscheidendes übersehen hat …

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Beliebtheit


Von der Autorin bisher bei KBV erschienen:

Nacht aus EisDas fremde Grab

Heike Rommel, geb. 1962 in Olpe, hat Psychologie und Visuelle Kommunikation studiert und lebt heute in Bielefeld. Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren in verschiedenen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Ihre ersten Schreiberfahrungen machte sie beim Verfassen von Fantasy-Texten, bevor sie zum Krimi-Genre wechselte, das ihr als leidenschaftlicher Krimileserin und Tochter eines Kriminalbeamten und einer Polizeiangestellten naheliegt. Zwischen Schatten und Licht ist bereits der dritte Kriminalroman um die Ermittler der Bielefelder Mordkommission. www.heike-rommel.de

Heike Rommel

ZwischenSchatten und Licht

Originalausgabe© 2017 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.deE-Mail: [email protected]: 0 65 93 - 998 96-0Fax: 0 65 93 - 998 96-20Umschlaggestaltung: Ralf Krampunter Verwendung von: © skyspellic - www.fotolia.deLektorat: Volker Maria Neumann, KölnPrint-ISBN 978-3-95441-389-8E-Book-ISBN 978-3-95441-400-0

Für Willy, für MalteUnd für meinen Vater

Inhalt

Prolog

Freitag, 10. Mai

Samstag, 11. Mai

Sonntag, der 12. Mai

Montag, der 13. Mai

Dienstag, der 14. Mai

Mittwoch, der 15. Mai

Donnerstag, der 16. Mai

Freitag, der 17. Mai

Samstag, der 18. Mai

Sonntag, der 19. Mai

Montag, der 20. Mai

Samstag, der 25.Mai

Danksagung

Prolog

Donnerstag, 9. Mai

Ich weiß nicht, was ich im Keller suche, bis ich es in den Händen halte. Das Ding hat den muffigen Geruch des lichtlosen Kellerlochs angenommen. Das Papier ist stockfleckig, einzelne Blätter lösen sich aus der Ringbindung. The Real Vocal Book, Volume Two. All die alten Jazzballaden, Swingstücke, Bossa Novas. Unglaublich, dass das Buch Umzüge und Entrümpelungen überlebt hat, hier zwischen Fotos von früheren Auftritten am Boden eines Kartons. Wo Volume One geblieben ist – weiß der Himmel. Oder der Teufel, wie man’s nimmt.

Als ich darin blättere, segeln zwei wellige Seiten aus dem Buch. Open your eyes, you can fly – ausgerechnet dieses Lied. Im düsteren Licht der Glühbirne sind schwache Bleistiftspuren zu erkennen. Es wurde damals eine Terz höher transponiert. Das Ergebnis war klar und strahlend, fast wie von Flora Purim gesungen, luzid, als ob hinter einem Vorhang aus Glas eine hellere Welt existierte. Eine Welt voller Sonnenreflexe, lachender Menschen, exotischer Früchte, sanfter Farben und Musik.

Auf dem Blatt zeichnet sich ein Ring ab, ein Abdruck, den ein Glas hinterlassen hat, genau zwischen den Liedzeilen Never be afraid to love und never be afraid to just be … Oder ist es eine Tasse gewesen? Nein, kein Kaffee. Niemand hat Kaffee getrunken damals, um irgendeinen grauen Alltag zu überstehen. Vermutlich war es Sekt oder Blue Curaçao mit O-Saft – dieses süße Zeug, das zu meinem Nebel aus Träumen und Illusionen passte. Ein Nebel, der sich dann jäh verflüchtigt hat.

Bei have the courage to be free entdecke ich einen Riss. Es ist ein Leichtes, den Riss zu vergrößern, die beiden Blätter in Schnipsel zu zerreißen. Das ganze verdammte Buch … ich rupfe die Seiten einzeln heraus, zerfetze sie Blatt für Blatt, Lied für Lied bis zum Letzten. You’ve changed lautet der Titel, that sparkle in your eye is gone … Die Musik in meinen Ohren ist jetzt das Geräusch des reißenden Papiers. Fetzen rieseln zu Boden. Nur noch Papier, nichts weiter als Papiermüll. Ich verspüre eine Art von Befriedigung, bis ich wieder zu mir komme, auf dem Hocker im feuchten Keller, zu meinen Füßen ein Haufen Papier und eine aufgestörte Assel, die zurück in irgendeine dunkle Ecke krabbelt.

So wie ich mich verkrochen habe.

Doch im Laufe dieses Tages ist mir klargeworden, dass ich so nicht weiterleben kann. Ich sitze eine Weile reglos da. Ich kann es immer noch nicht fassen. Wieso macht sie das? Nach all den Jahren. Mich mit der Nase in den Dreck stoßen – ist das ihre Absicht? Erst als sich meine Fingernägel in meine Handteller bohren, merke ich, dass ich meine Hände zu Fäusten balle. Sie oder ich … darauf läuft es jetzt hinaus.

Nein, es gibt kein Zurück mehr. Ich muss es tun! Und zwar schon bald …

Freitag, 10. Mai

Benommen stolperte Kommissarin Nina Tschöke vom Bielefelder KK11 über die Schuhe, die ihr Bruder Kai mitten im Flur hatte liegen lassen. Selbst zum Fluchen war sie zu müde. Bis morgens um halb drei hatte sie sich mit Kaffee wachgehalten und an dem Vortrag gearbeitet. Sie kickte die Schuhe beiseite, schlurfte in die Küche, holte die Kaffeedose aus dem Schrank und stöhnte auf: leer! Aus Kais Zimmer drang das Gedudel des Radioweckers. Doch bei WDR 4 schlief er selig weiter. Vielleicht sollte sie ihm einen Heavy-Metal-Sender einstellen, falls es so was gab. Kakao hatte auch Koffein oder nicht? Kais Kakaopulver bestand allerdings hauptsächlich aus Zucker. Egal, auch Zucker machte ein bisschen wacher.

Während die Milch warm wurde, räumte sie das Buch Grundlagen Personenbeweis und ihren Vortrag zum Thema Strukturierte Zeugenbefragung vom Küchentisch. Um halb neun würde sie den Vortrag vor versammelter Mannschaft halten und damit beweisen, dass der Erste Kriminalhauptkommissar Bent Andersen zu Recht sie gewählt hatte, ihn zur Tagung zu begleiten. Auch wenn die anderen älter waren.

Ein Tropfen fiel aus ihren vom Duschen feuchten Haaren aufs Papier. Sorgfältig tupfte sie das Deckblatt mit dem Küchenhandtuch trocken. »Unsere Vernehmungsspezialistin«, so hatte Bent sie einem Kriminalrat auf der Tagung vorgestellt. Bent. Sie lächelte. War dieser große, attraktive Kerl aus dem Norden wirklich erst seit sechs Monaten in Bielefeld? Ihr kam es viel länger vor. Die überkochende Milch riss sie aus ihren Gedanken.

Der deutsche Country-Hit, der aus Kais Zimmer kam, dröhnte immer lauter. Der Radio-Wecker steigerte seinen Alarm, doch Kai brachte es fertig, bei dem Gedudel weiterzupennen. Sie rannte aus der Küche, riss seine Zimmertür auf und schaltete das Radio ab. Kai schlief auf der Seite. Sein Schlafanzugoberteil war hochgerutscht und enthüllte weiße Speckrollen.

»Kai, wir sind spät dran! Aufstehen!« Sie rüttelte an seiner Schulter. Kai wälzte sich herum und blinzelte. Dann rollte er sich wieder zur Wand. Sie begann, ihn zu kitzeln, bis er kicherte und ihre Hände festhielt.

»Brüderchen, komm, steh jetzt auf, bitte!«

Kai kicherte und zog die Beine an.

»Kai, gleich ist der Fahrdienst da und …« Sie besann sich. »Der Kakao ist schon fertig und das Rosinenbrötchen auch.«

Kai warf sich herum und strahlte sie an. »Eins oder zwei?«

»Nur noch eins da«, log Nina. Kai hatte in letzter Zeit einiges zugenommen.

»Darf ich heute wieder die rote Kappe aufsetzen?«

»Meinetwegen.« Sie hatte einmal versucht, die beste Kappe von allen verschwinden zu lassen, aber er akzeptierte keinen Ersatz für das speckige Teil.

Zwanzig Minuten später schrillte die Türklingel. Ihr Bruder stopfte sich gerade den Rest des Brötchens in den Mund. Nina stellte die Kanne mit dem Kakao oben auf einen Hängeschrank, sprintete zur Tür und öffnete dem jungen Mann, der ihren Bruder zur Werkstatt für Behinderte bringen würde.

»Er kommt sofort.« Ninas Lächeln verrutschte, als sie ein Poltern aus der Küche hörte. »Oh Shit!«

Sie hastete in die Küche. Kai stand erstarrt auf einem Küchenstuhl, dessen Korbgeflecht sich unter seinem Gewicht bog, eine Hand am Hängeschrank, die andere am Henkel der Kanne, die auf der Anrichte in einer Lache Kakao lag. Von der Schranktür rann Kakao herab und tropfte auf den Boden. Auf Kais Hose prangte ein großer, brauner Fleck. Mit aufgerissenen Augen sah er sie an. Erst da bemerkte sie das kakaogetränkte Papier in der Pfütze. Ihr Vortrag!

Sie holte tief Luft. »Kai«, sagte sie leise und beherrscht. »Zieh dir eine andere Hose an, der Fahrdienst wartet!«

Sie nahm ihm die Kanne aus der Hand. Er stieg schwerfällig von dem knarrenden Stuhl und trollte sich.

»Hallo?«, rief der Fahrer in den Flur.

»Er muss sich noch umziehen!«, brüllte Nina. »Nur fünf Minuten!«

»Tut mir leid«, rief der Fahrer. »Wir können nicht länger warten. Wir müssen auch noch andere abholen.«

»Dann eben …«, begann sie. Die Wohnungstür schlug zu. »Zwei Minuten,« beendete Nina den Satz leise und ließ sich auf den Stuhl fallen. Dabei konnte sie es dem Fahrer nicht verdenken. Der wusste schon, dass es bei Kai länger dauerte. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare. Nicht mal zum Föhnen würde sie kommen. Sie würde zu gar nichts kommen, weil sie Kai selbst zur Werkstatt bringen musste. Sie gab sich einen Ruck.

»Zieh dich um!« rief sie, als sie an Kais Tür vorbeirannte. Aus seinem Zimmer drang kein Mucks. Er wusste, wann Schluss mit lustig war.

Auf dem Teppich ihres Arbeitszimmers lagen noch Unterlagen von der Tagung und ein paar Notizen verstreut. Sie machte ihren Laptop an und vertippte sich zweimal beim Passwort, bevor das Scheißding endlich hochfuhr. Sie öffnete den Ordner mit der Datei. Wo war sie geblieben? Schließlich fiel ihr ein, dass sie die aktuelle Fassung unter einem anderen Namen abgespeichert hatte. Als sie sie drucken wollte, erschien eine Aufforderung, die Tonerkassette zu wechseln. Oh nein! Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie sich einfach krankmelden sollte. Ein Magen-Darm-Virus, der blitzschnell zugeschlagen hatte. Andererseits sah sie diese Meldung öfter und das Ding druckte trotzdem. Sie klickte auf O.K. – und der Drucker spuckte gehorsam Blatt für Blatt aus. Nina schloss die Augen, bis das Geräusch endete.

Als sie sie wieder öffnete, erblickte sie eine andere Meldung: Druckauftrag abgebrochen. Bitte Toner wechseln! Schnell prüfte sie den Stapel im Ausgabefach: Es fehlten vier Seiten! Ob sie noch Zeit hatte, das Skript im Präsidium auszudrucken? Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es wurde knapp. Sie würde mindestens zwanzig Minuten brauchen, um Kai in die Werkstatt zu fahren.

»Nina?« Ihr Bruder stand in der Tür. Er hatte sich eine andere Hose angezogen, die an seinem Bauch auseinanderklaffte. »Der Knopf geht nicht zu«, fügte er überflüssigerweise hinzu.

»Ist das die einzige Hose, die noch sauber ist?«

Kai nickte.

Marleen Seismo wachte mit einem Ruck auf. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Durch die Rollläden schimmerte Licht. Hatte ein Geräusch sie geweckt oder … sie schaute unwillkürlich auf das nachlässig gemachte Bett neben ihr. Aber Ronnie schlief seit einiger Zeit auf dem Bettsofa im Gästezimmer. Der Digitalwecker zeigte erst 08:02 Uhr, also noch fast zweieinhalb Stunden, bis ihr Zug vom Kölner Hauptbahnhof nach Bielefeld abfuhr.

Sie ließ sich zurück in die Kissen sinken, gähnte laut, rollte sich in ihre Decke ein und dachte an die Probe gestern Abend. Früher war die Band danach immer noch einen trinken gegangen. Inzwischen hatte niemand mehr Lust dazu. Kein Wunder bei der gereizten Stimmung. Sie seufzte und wälzte sich auf die andere Seite. Auch so war es spät genug geworden. Sie zog sich die Decke über den Kopf. Draußen zwitscherten die Vögel, und eine Straßenbahn ratterte vorbei. Der Briefkastendeckel klapperte: Die Zeitung war wohl gekommen.

Wie sollte man bei diesem Lärm schlafen? Marleen warf die Decke ab, zog den Morgenmantel an und tappte zum Flur. Aus dem Kinderzimmer drang kein Laut. Jette und Matti übernachteten bei Marleens Eltern, wie immer, wenn sie probten, aber sie konnte es nicht lassen, ging in das Zimmer und drückte ihre Nase tief in die Kopfkissen der Kinder, um ihren Duft zu erhaschen. Sie setzte ein Mobile mit Wichteln in Bewegung, nahm eine von Jettes Puppen aus dem Bett und wanderte in dem Zimmer auf und ab. Es würde nicht mehr lange dauern. Sie holte tief Luft. Alles würde gut werden. Die anderen würden mitziehen. Jedenfalls der größte Teil der Band.

Und Bielefeld war vertraut. Lang ist’s her, dachte sie und zog das Foto vom letzten Klassentreffen aus der Tasche ihres Morgenmantels. Als sie Jettes Puppe zurück aufs Bett legen wollte, erschrak sie. Sie hatte ihr geistesabwesend einen Teil der Haare ausgerissen. Sorry, Jette, du kriegst eine Neue. Sie wandte sich dem Foto zu, das Frauke und Wolf-Dieter mit der Einladung geschickt hatten, ließ ihren Blick über die lächelnden Durchschnittsgesichter wandern … sie konnte sich bei einigen nicht mal mehr an die Namen erinnern. Marleen nahm sich vor, im Zug zu versuchen, den Gesichtern Namen anhand der mitgeschickten Liste zuzuordnen. Frauke hatte geschrieben, dass sich alle unglaublich freuten, dass sie zum fünfzehnjährigen Abi-Jubiläum endlich mal kommen würde. Alle? Da war sie sich allerdings nicht so sicher …

Egal, es gab immerhin einen in Bielefeld, auf den sie sich freute. Sie lächelte ihrem Bild in dem verspiegelten Schrank zu, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Sie sah trotz der dunklen Augenringe immer noch gut aus. Ja, sie würde es schaffen! Natürlich, und in ein paar Wochen würde sie über diesen ganzen Ärger lachen!

Sie unterdrückte ein Gähnen und tappte zur Haustür. Die Zeitung steckte so dämlich im Kasten, dass sie sie von außen rausziehen musste. Sie machte die Tür auf, trat in etwas Weiches und stieß einen spitzen Schrei aus, als sie die tote Ratte unter ihrem bloßen Fuß entdeckte. Ein alter Mann mit Häkelmützchen und Bart, der gegenüber an der Straßenbahnhaltestelle wartete, warf ihr einen Blick aus schmalen Augen zu. Marleen sah sich einen Moment lang so, wie er sie sehen musste: Im Morgenmantel, mit zerzauster blonder Mähne. Sie rammte die Tür zu. Oh Gott! Diese Ratte … das konnte nur der Irre gewesen sein! Letzten Samstag hatte sie ihn wieder bei einem ihrer Auftritte gesehen.

Und dann seine letzte Mail … Mist, Mist, Mist! Sie presste die Lippen aufeinander und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Tränen schossen in ihre Augen. Sie hatte immer gedacht, mit diesem Typen würde sie schon fertig werden, aber das ging allmählich zu weit! Sollte sie Ronnie einweihen? Nein, besser nicht, Anteilnahme konnte sie bei ihm kaum erwarten, sie stritten sich nur noch. Außerdem würde er das Ganze sowieso nicht ernst nehmen. Ob der Irre endlich aufgab, wenn sie aus Köln wegzog? Sonst würde sie zur Polizei gehen müssen. Und hoffen, dass Henrike ihr das verzieh.

Sie wischte sich die Tränen ab. Langsam beruhigte sich ihr Atem. »Zeit zu gehen«, flüsterte Marleen. »Zeit zu gehen«, wiederholte sie lauter. Unvermittelt sammelte sich Spucke in ihrem Mund, ihr wurde übel. Sie begann zu würgen, rannte ins Bad und übergab sich mit einem Schwall ins Waschbecken.

Kommissar Dominik Domeyer lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und lockerte die Krawatte. In der Teeküche der Büroetage war es trotz der frühen Stunde stickig, und die Temperaturen sollten laut Vorhersage im Laufe des Tages auf 28 Grad klettern – eindeutig zu warm für einen Mai in Bielefeld. Die Sonne malte einen hellen Streifen auf die blauweiß gemusterte Tischdecke und ließ die blonden Fusselhaare des Kollegen Frank Tillmann Herbst aufleuchten wie einen Heiligenschein. Frank war heute nach Wochen der Krankschreibung zurückgekehrt, saß ihm auf der rustikalen Eckbank gegenüber und tauchte Mund und Nase in den Schaum seines Milchkaffees. Hatte er sich während seiner Auszeit von ihrem letzten Fall erholt? Eigentlich sah Frank aus wie immer. Bis auf ein neues, für seine Verhältnisse dezentes Hemd in dunklem Pink, über dessen rechte Seite ein Schwarm grauer Vögel zog. Die Stickerei ließ keinen Schluss auf die Spezies zu: Wildgänse oder Tauben?

Die Sonne berührte zaghaft das öde Braun der Bundfalten–Hose von Walter Kux, dem dritten Mann in der kleinen Küche. Er stand vor der Kaffeemaschine, verteilte Kekse auf die Untertassen für sich und den Kollegen Ottfried Weber, füllte Becher mit dampfendem Kaffee, gab einen Schuss Milch für sich und zweimal Süßstoff für Weber hinzu und stellte alles auf ein Tablett. Noch während Dominik sich fragte, was zur Hölle er mit Frank reden sollte, drang vom Flur her das Scheppern der Glastür zu ihnen, dann das nachdrückliche Quietschen von Gummisohlen.

Franks Miene hellte sich auf. »Nina kommt!«

»Reichlich spät«, stellte Kux fest und legte noch zwei Servietten mit Rosenmotiv auf das Tablett. »Die versammeln sich schon alle im Besprechungsraum. Ottfried ist auch schon dort.«

Eilige Schritte näherten sich der Teeküche.

Kux nahm das Tablett vorsichtig auf, wog es zärtlich, schwenkte es von der Anrichte und schaffte eine halbe Drehung, bevor der Zusammenprall es aus seinen Händen katapultierte und alles mit einem Klirren auf dem Boden landete.

»Mensch, Walter, pass doch auf!« Nina blickte stirnrunzelnd an ihrer Bluse herab.

Kux starrte auf seine Hände, dahin, wo sich eben noch sein Tablett befunden hatte, dann auf den Kaffee, der das Leder seiner Sommerschuhe dunkel färbte.

»Ach, hallo Frank«, sagte Nina und machte einen langen Schritt über die Bescherung auf dem Boden hinweg. Sie gab ihm die Hand. »Ab heute wieder im Dienst?«

»Eigentlich erst ab Montag, aber …«

»Na dann«, unterbrach sie. »Noch Kaffee da?«

»Leck ihn doch von meinen Schuhen!«

Sprachlos starrten alle Kux an, sogar Nina hielt inne.

»Walter … so kennen wir dich ja gar nicht«, sagte Dominik.

»Oh Mann!« Nina schob sich an Kux vorbei, schnappte sich die Kanne mit dem Rest Kaffee von der Warmhalteplatte, rief: »Muss drucken!«, und verschwand mitsamt Kanne aus der Küche. Mit einem tiefen Seufzer begann Kux, die Scherben aufzusammeln. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, und Franks Heiligenschein erlosch. Der passte ohnehin nicht. Posttraumatisches Stresssyndrom hin oder her.

»Was soll das heißen: ›Na dann‹? Ist das etwa alles?«, sagte Frank.

»Soll heißen: Willkommen, lieber Tillmann.« Dominik grinste.

Frank zeigte ihm den Mittelfinger.

Das Eis war gebrochen.

Der Kurs hatte erst vor zehn Minuten begonnen, und schon wünschte Nina sich, sie hätte ihr Schweißband nicht vergessen. Sie wischte sich über die nasse Stirn und reckte sich, um den Kursleiter besser sehen zu können. Die Choreografie wurde immer komplizierter. Jetzt ein Tritt zur Seite, dann Anlauf, und der Frontkick aus dem Sprung heraus, eine schnelle Folge von Uppercuts … rechts, links, rechts, links … Nina keuchte. Die körperliche Anstrengung half, runterzukommen. Der Vortrag war zwar doch noch gut gelaufen, trotzdem hatte das Ganze sie Nerven gekostet.

»Nina!«, brüllte jemand direkt an ihrem Ohr.

Es war ihre Freundin Hanna, die ein Zeichen gab, ihr aus der Sporthalle zu folgen. Als Hanna die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, drang die hämmernde Musik nur noch gedämpft zu ihnen.

»Du hast dein Handy neben dem Spiegel in der Umkleide liegen lassen und es spielt andauernd La Paloma ohey. Ich kann schon mitsingen.«

»Hast …«, begann Nina.

Hanna drückte ihr das Handy in die Hand und grinste. »Am besten, du rufst den Kerl schnell zurück. Scheint ja dringend zu sein.« Hanna zwinkerte ihr zu und ging wieder in die Halle.

Kerl? Es gab keinen. Die Arbeit war es auch nicht. Die Nummer sagte ihr nichts. Sie zögerte, dann siegte die Neugierde.

»Stefan hier.«

»Du?«, fragte Nina nach einem kürzen Zögern.

Eine gebräunte Blondine, die auf einem Barhocker am Tresen saß, blickte von ihrem Eiweißdrink auf.

»Ja, ich …«

»Hast du dich verwählt?«

»Nein, Nina … es ist nur … ich habe deinen Bruder zu einem Konzert im Bunker Ulmenwall eingeladen und ich wollte …«

»Wieso das denn?«

»Kai ist mir im Supermarkt über den Weg gelaufen. Ich hatte gerade die vorbestellten Konzertkarten abgeholt und kurz darauf erfahren, dass die Person, mit der ich am Samstag in den Bunker wollte, krank geworden ist …«

Hoffentlich ist es die Krätze, dachte Nina. »Lass mich raten. Deine Tussi versetzt …«

»Nina, bitte. Kai hat die Sängerin in dem Bunker-Programm gesehen und wollte gerne mit. Ich dachte, warum eigentlich nicht? Die Band ist jedenfalls …«

»Wenn es schon entschieden ist, wieso rufst du mich dann an?«

»Na ja, ich dachte … ich wollte … Ich komme dann am Samstag so gegen 19 Uhr bei euch vorbei und hole ihn ab. Ich dachte, ich melde mich vorher …«

»Okay.« Nina drückte das Gespräch weg. Dann würde sie am Samstag um 19 Uhr eben nicht zu Hause sein.

Die Blondine am Tresen kratzte mit ihrem falschen Fingernagel an einem Milchshake-Fleck auf ihrem pinkfarbenen Top. Sie ähnelte ein wenig Britta, Stefans Neuer.

Nina steckte das Handy ein und rannte zurück in die Halle. Es roch nach Schweiß. Der Trainer ging gerade mit einem schwarzen Polster herum und ließ die Kursteilnehmer dagegentreten. Ninas Sidekick ließ ihn zurückstolpern.

Eineinhalb Stunden später seifte sie sich zu Hause unter der Dusche ein. Ausgerechnet Stefan Rademacher … aber egal, es würde Kai guttun, mal wieder rauszukommen. Sie war in letzter Zeit nach der Arbeit oft zu müde gewesen, um etwas mit ihm zu unternehmen, selbst am Wochenende. Und natürlich fehlte Kai seine Freundin Amelie. Es war zehn Monate her, dass Amelie gestorben war. Zu dem Down-Syndrom war bei ihr eine schnell fortschreitende Demenz gekommen.

Nach dem Duschen deckte sie für Kai und sich den Tisch. Beim Abendessen zeigte Kai ihr mit stolzem Grinsen ein Bunker-Ulmenwall-Programm.

Nina schaute sich das Programm an. »Marleen Seismo & Band«, las sie laut. »Groove-betonte Mischung aus Soul, Jazz und Funk … mit ihrer charismatisch-erdigen Stimme erinnert sie an … kenne ich nicht. Aber dieses Foto, Kai …« Sie schürzte die Lippen, während sie das Bild betrachtete. »Ich ahne schon, wieso du dahin musst.«

»Die sieht toll aus, Nina! Das wird schön. So schön wie bei den Seemannsliedern!«

Sie legte den Kopf schief. »Die Musik im Bunker ist aber nicht zum Schunkeln.«

Für ihren Bruder gehörte das Shanty-Chor-Konzert zu den Höhepunkten des Jahres. Da Ottfried Weber tödlich beleidigt war, wenn nicht alle Kollegen des Büroflurs zu seinen Auftritten gingen, verpassten sie die Premiere so gut wie nie. Selbst Bent war mitgegangen. Kai hatte den reservierten Leiter der Mordkommission einfach untergehakt und ekstatisch geschunkelt.

Sie gab ihm das Programm zurück. »Im Bunker Ulmenwall gibt’s kein Tageslicht, Kai«, hörte sie sich sagen. »Und das wird eng werden da mit den vielen Leuten. Und …« Sie brach ab. Kai hörte ohnehin nicht zu, er starrte das Foto von Marleen Seismo an. Nina bemühte sich um ein Lächeln. Sie wusste selbst nicht, wieso sie ihn davon abbringen wollte, dorthin zu gehen.

Samstag, 11. Mai

Stefan richtete seinen Hemdkragen. Er war einen Moment lang versucht, durch den Garten zu gehen, um Nina hinten auf ihrer Terrasse zu überraschen, so wie er es früher getan hatte. Aber darüber wäre sie nicht mehr erfreut. Ein seltsames Gefühl, wieder vor ihrer Tür zu stehen, so als wären sie noch zusammen. Er hatte nie begriffen, was schiefgelaufen war in ihrer kurzen Beziehung. Sie war ohne ihn mit einer Reisegruppe durch Nepal getourt. Dass sie die schon länger geplante, teure Reise nicht verfallen lassen wollte, nur weil sie frisch verliebt war, hatte er verstanden. Was er nicht verstand: Warum sie nicht auf seine Mails geantwortet hatte, sich einfach nicht mehr gemeldet hatte. Vielleicht hätte er später nachhaken sollen, aber er war zu verletzt gewesen.

Er klingelte und hörte es hinter der Tür rumpeln. Im nächsten Moment wurde sie geöffnet.

Kai war atemlos. »Hi, Stefan. Nina ist nicht da.«

»Schade, ich meine …« Nina ließ Kai, den sie ihren kleinen, großen Bruder nannte, ungern allein, wenn er sich recht erinnerte. Aber noch weniger gern schien sie ihm begegnen zu wollen. »Na, macht nichts. Übrigens tolle Frisur, Kai!«

Kai grinste. Vorsichtig fuhr Stefan über sein in die Höhe geföntes Haar. Es war so viel Gel darin, dass sich die Spitzen ganz hart anfühlten. Kais Haar war schütter geworden. Der kleine Mann war sechs Jahre älter als seine Schwester, also musste er jetzt 41 sein.

»Und du hast ja einen Bart, Stefan. Wie Knecht Ruprecht.«

»Knecht Ruprecht, oh je. Das hat mir noch niemand gesagt.« Stefan strich über seinen kurzen Vollbart. Es hatte damit angefangen, dass er im Urlaub zu faul zum Rasieren gewesen war. Inzwischen fand er, dass der Bart sein etwas rundes Gesicht markanter wirken ließ.

»Ich mag Knecht Ruprecht.«

»Puh, Glück gehabt!« Stefan lachte. »Können wir los?«

»Oh … meine Kappe. Ich hab die Kappe vergessen.«

»Kai, es ist warm draußen, du …« Stefan brach ab.

Kai war bereits in den Tiefen der Wohnung verschwunden und kam kurz darauf mit seiner roten Schirmkappe wieder. Ohne die war er schon früher nie aus dem Haus gegangen.

»Warte mal.« Stefan setzte ihm die Kappe andersherum auf, dass der Schirm seinen Nacken bedeckte, und hob den Daumen.

»Danke Kumpel.« Kai strahlte.

Stefan fand einen Parkplatz in der Nähe des Landgerichts. Vor und auf der Treppe, die zum Bunker Ulmenwall hinabführte, drängelten sich bereits die Fans von Marleen Seismo. Kein Wunder. Stefan hatte die Band mal in einem Club in Amsterdam gesehen und war restlos begeistert gewesen. Er zeigte ihre Karten vor und lotste Kai an der Schlange vorbei. Er war froh, dass sie schnell durchgewunken wurden, denn so hatten sie noch eine Chance auf einen Sitzplatz. Und sie hatten Glück. Gleich in der ersten Reihe fanden sie noch zwei Plätze. Die Reihe war so nah an der Bühne, dass Kai fast den Ständer mit der Bassgitarre umgerissen hätte, als er sich setzte.

Auch der Zuschauerraum auf der gegenüberliegenden Seite füllte sich. Einige Leute kannte er vom Sehen. Nicht wenige waren selbst Musiker. Zum Beispiel dieser Typ mit Brille, wo hatte er den schon mal gesehen? Ach ja, der hatte letztes Jahr bei den Bielefelder Nachtansichten im Bunker gespielt. Und zwar Piano, genau, und sein Quartett hieß Laksa, wenn er sich recht erinnerte. Inzwischen gab es nur noch Stehplätze. Bei internationalen oder bekannten Jazzgrößen wie Marleen Seismo & Band herrschte Gedränge rings um die Bühne des ehemaligen Luftschutzbunkers.

An der Theke besorgte sich Stefan ein Bier und eine Cola für Kai. Der bedankte sich kurz, schien vollauf damit beschäftigt zu sein, das Publikum und die aufgebauten Instrumente zu bestaunen. Er beugte sich vor und berührte das riesige Blasinstrument auf einem Ständer vor ihm.

»Das ist ein Baritonsaxophon«, erklärte Stefan.

»Ba…?«

»Bariton. Ein großes Saxophon. Es klingt sehr tief. Ungefähr so: Möööö.«

Kai verschluckte sich vor Lachen an seiner Cola.

»Es klingt besser als ich, versprochen.«

Als Kai sich wieder beruhigt hatte, lehnte er sich herüber und flüsterte etwas in Stefans Ohr. Hatte er das richtig verstanden? »Mit deiner neuen Freundin? Wirklich?«

Kai nickte. »Du … Stefan, kannst du darüber mit Nina reden?«

»Ich bezweifele, dass ich der Richtige dafür bin …«

»Bitte, Stefan, bitte! Ich trau mich nicht.«

»Na gut, ich versuch’s.« Seit ihre zweimonatige Beziehung vor einem Jahr auseinandergegangen war, herrschte Funkstille zwischen Nina und ihm. Die Zweitschlüssel für seine Wohnung hatte er in seinem Briefkasten gefunden. In dem Umschlag war nicht einmal ein Zettel mit einer Nachricht gewesen.

Applaus erklang. Kai klatschte eifrig mit.

Die Musiker betraten die Bühne.

»Guck mal, die Zöpfe.« Kai deutete auf den Schlagzeuger.

Der erstaunlich junge, dunkelhäutige Mann war schon in Amsterdam ein Virtuose am Schlagzeug gewesen. Die zahlreichen Zöpfchen bildeten ein Muster auf seiner Kopfhaut.

»Möchtest du auch Zöpfchen?«

Kai kicherte.

Das Altsaxophon neben dem Baritonsax wurde von einem großen, rotblonden Kerl aufgenommen, der Kai den Blick versperrte. Der Niederländer hieß Willem Keuper, erinnerte sich Stefan. Daneben bezog die zierliche Bassistin Stellung. Auf der anderen Seite der Bühne trat ein Mann ans Keybord, Dreitagebart, dunkle Haare und Hipster-Hornbrille – Ronnie Seismo, der Gatte der Sängerin. Er trug diese modischen Schuhe, die zur langen, leicht nach oben gebogenen Spitze ausliefen. Das Licht der Scheinwerfer glänzte matt auf der Glatze des Trompeters, der den Kreis neben Keuper vervollständigte.

Der Applaus brandete wieder auf, als die Sängerin die Bühne betrat. Kai lehnte sich zu Stefan, um trotz des langen Kerls vor ihm einen Blick auf Marleen Seismo zu erhaschen, die in der Mitte der Bühne stehen blieb und mit breitem Lächeln ihre Zähne aufblitzen ließ. Sie drehte sich einmal um sich selbst, deutete dabei mit dem Nicken ihres Kopfes Verbeugungen an und ließ ihren Blick aus sehr blauen Augen über das Publikum wandern, das die Bühne umringte. Das enganliegende Kleid aus glänzendem, schwarzem Stoff betonte ihren schlanken Körper, ihre langen Ohrringe funkelten, als sie sich die schimmernden, honigblonden Haare hinters Ohr strich. Aber diese Frau hätte noch im ausgebeulten Jogginganzug umwerfend gut ausgesehen.

Sie lächelte, während der Applaus allmählich leiser wurde, und nahm das Mikro vom Ständer. Der Schlagzeuger begann, mit dem Besen auf der Snare zu rühren – es sah aus, als streichelte er die Trommel, Bass und Keybord setzten ein, Marleen leckte sich einmal über die Lippen und begann zu singen. Ihre Stimme war wie Samt, dunkel und schmeichelnd, rauchig, zuweilen volltönend und kraftvoll, wie eine Welle, die mit einem Mal ihre Gewalt offenbart, dann umschlägt und bricht, eine Art Kratzen hörbar werden lässt, Verruchtheit, Wildheit, die mitreißt, was sich ihr in den Weg stellt, schließlich ausläuft wie Wasser an einem flachen Strand, sanft und melancholisch. Stefan kam wieder zu sich, als der Applaus nach der alten Jazzballade Round Midnight einsetzte. Kai starrte Marleen Seismo mit offenem Mund an und vergaß, zu klatschen.

»Du, Stefan …«, rief Kai in sein Ohr, wurde dann aber durch Marleen Seismos Ausführungen unterbrochen, die erklärte, wie glücklich sie sei, zum Auftakt ihrer Tournee das erste Mal seit Langem wieder in ihrer Heimatstadt Bielefeld zu singen. Das Klatschen hörte erst auf, als die ersten Takte des zweiten Stücks einsetzten. Stefan kam nicht auf den Titel, aber es war ein Stück von Jamiroquai, eine sehr jazzige Fassung, bei der der satte Klang des Baritonsax’ ziemlich gut kam und der Schlagzeuger ein grandioses Solo hinlegte. Nach einiger Zeit rutschte Kai unruhig auf seinem Stuhl herum.

»Musst du zur Toilette?«, flüsterte Stefan.

Kai nickte.

»Dort hinten.« Stefan zeigte in die Richtung. »Du musst durch die Menge durch, dann geradeaus, also nicht nach links zur Theke, sondern geradeaus. Okay?«

Kai runzelte die Stirn.

»Wenn du nicht weiterweißt, fragst du die Leute, die da stehen. Okay?«, flüsterte er.

»Okay.« Kai stand auf, wobei das leere Cola-Glas, das zwischen seinen Beinen stand, klirrend umfiel. Stefan schnappte es sich, bevor mehr passieren konnte, und beobachtete, wie Kai sich unbeholfen seinen engen Weg zwischen erster Reihe und Musikern suchte.

Er nahm sich vor, nach Kai zu sehen, wenn das Stück, das gerade gespielt wurde, zu Ende war, doch er lauschte noch den nächsten beiden Titeln, von denen ein Stück, das der Ansage nach Ronnie Seismo komponiert hatte, ihm besonders gut gefiel: ein eingängiges Thema, ein toller Funk-Bass, ein großartiges Trompetensolo und ein furioses Ende. Damit war die Pause eingeläutet.

Bis alle sich von ihren Plätzen erhoben hatten, die Raucher zum Ausgang und der Rest zur Theke geströmt waren, dauerte es eine Weile. Ein tolles Konzert! Stefan lächelte vor sich hin. Die Seismo und ihre Band waren in Höchstform. Er holte die Zigaretten aus seiner Jackentasche und drapierte die Jacke so, dass sie Kais und seinen eigenen Stuhl bedeckte. Mit der Menge schob er sich Richtung Ausgang und atmete auf, als er den frischen Luftzug spürte. Ninas Bruder schien sich in Luft aufgelöst zu haben, aber verlaufen konnte man sich hier nicht.

Draußen war es noch hell. Er stieg die Treppe hoch, lehnte sich oben an den Teil des Geländers, an dem noch keine Fahrräder standen, und zündete sich eine an.

»Hey, Stefan, super Konzert, was? Ist deine Herzallerliebste schon eifersüchtig auf die Sängerin?«

Stefan wandte sich um. »Schau an, der Achim. Britta ist heute Abend mal nicht dabei. Das Ganze ist als Männerabend deklariert und genehmigt worden. Passiert selten genug. Du kennst sie ja.«

Achim lachte. »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, stimmt’s?«

»Tja, was soll ich sagen?« Stefan grinste. »Ich wollte ursprünglich mit Ulf hin, aber der hat kurzfristig abgesagt.«

Achim sah ihn fragend an. »Ist das der Webdesigner, der auf deiner letzten Party …«

»Genau der. Stattdessen bin ich mit dem Bruder meiner Ex hier.«

»Der Bruder deiner Ex! Uiuiui.« Achim zog grinsend an seiner Zigarette. »Ganz schön mutig. Aber keine Sorge: Von mir erfährt Britta kein Sterbenswörtchen.«

Sie unterhielten sich eine Weile, bis Stefan unruhig wurde. Vielleicht suchte Kai schon nach ihm. Er ging wieder runter und entdeckte Ninas Bruder zu seiner Erleichterung an einem Tisch. An dem auch Marleen Seismo saß! Kai himmelte die Sängerin an, schenkte den beiden anderen Frauen am Tisch, von denen eine gerade ging, keine Beachtung. Lächelnd schüttelte Stefan den Kopf. Kai war beneidenswert hemmungslos in Sachen Kontaktaufnahme. Er überlegte, ob er sich lieber in die Schlange an der Theke einreihen oder auch an den Tisch der Sängerin begeben sollte. Die Frau, die den Tisch verlassen hatte, drängte sich an Stefan vorbei Richtung Ausgang. Doch kurz darauf steuerte ein Mann auf den freigewordenen Platz an Marleen Seismos Seite zu. Er war mit weißem Hemd, Weste und Fliege etwas overdressed für ein Bunker-Konzert, die Farbe seiner Haare lag irgendwo zwischen Weiß und Blond. Aber der Typ musste in den Dreißigern sein, soweit er das erkennen konnte. Stefan holte sich noch ein Bier und setzte sich wieder auf seinen Stuhl im Zuschauerraum.

Kurz darauf drängelte sich Kai zu ihm durch und wedelte freudestrahlend mit dem Bunker-Programm. »Hier, Stefan, hier, guck mal, ein Autogramm!«

Marleen Seismo hatte quer über das Programm unterschrieben: Mit allerbesten Grüßen für Kai.

»Das gibt’s doch nicht! Da werde ich ja ganz neidisch!« Stefan tat so, als wollte er ihm das Autogramm entreißen.

Kai zog es weg und lachte.

Die Stuhlreihen füllten sich. Die Leute klatschten, als die Musiker wieder die Bühne betraten. Marleen Seismo ließ sich Zeit, als wollte sie die Begeisterung des Publikums auf die Probe stellen. Als sie schließlich kam, wurde der Beifall noch lauter. In der Mitte der Bühne stolperte sie über ein Kabel und hielt sich einen Moment lang am Mikroständer fest. Dann lächelte sie ins Publikum und nahm das Mikro. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Sie holte tief Luft, als wollte sie mit dem Singen beginnen, doch dann riss sie die Augen auf, krallte eine Hand in ihren Halsausschnitt, und rang mit rotem Gesicht nach Atem, japste, als hätte sie gerade einen Sprint hingelegt.

»Marleen!«, rief die Bassistin. »Ist dir nicht …« Sie brach ab, als der immer schneller atmenden Sängerin das Mikrofon zu Boden fiel. Aus den Boxen donnerte der Knall des Aufschlags. Marleen presste sich mit verzerrter Miene beide Fäuste auf die Brust, krümmte sich und sackte zusammen.

Ein Tumult brach los. Leute aus dem Publikum stürmten die Bühne, schrien durcheinander. Jemand rief, er sei Arzt, und die Leute machten ihm Platz. Stefans Sicht auf die Sängerin war von all den Menschen verdeckt. Kai saß starr neben ihm, Tränen rollten über seine Wangen. Stefan legte ihm den Arm um die Schultern.

»Hier drinnen ist es ganz schön heiß, Kai, vielleicht hat sie zu wenig Wasser getrunken.« Stefan stand auf, um etwas zu sehen.

»Defibrillator! Gibt es einen Defi?«, rief jemand, und der Ruf wurde weitergeleitet.

Halb verdeckt durch den Saxophonisten sah er den Arzt rhythmisch auf Marleens Brustkorb drücken. Ein Herzstillstand? Die Sängerin war doch noch jung!

Kai war ebenfalls aufgestanden. Er schlug die Hände vor das Gesicht.

»Kai … wir sollten … wir können hier nichts tun.«

Kai zog die Nase hoch. »Wird Marleen wieder gesund?«

Stefan zögerte, entdeckte dann Sanitäter mit einer Trage, die sich ihren Weg durch die aufgeregte Menge bahnten. »Sie wird jetzt ins Krankenhaus gebracht.«

»Die im Krankenhaus machen sie wieder gesund?«

»Kai, ich …« In diesem Moment fiel sein Blick auf das Gesicht des Mannes, der Erste Hilfe geleistet hatte. Der Arzt war aufgestanden, nahm seine beschlagene Brille ab, schaute den Keyborder an und schüttelte den Kopf.

»Stefan!« Kai zog an seinem Arm. »Wird sie wieder gesund?«

»Bestimmt wird sie das«, log Stefan.

Nina öffnete das Fenster ihres Büros. Straßenlärm und warme Luft drangen herein. Vermutlich würde es sich erst nach Sonnenuntergang richtig abkühlen. Sie machte weiter mit dem Stapel auf ihrem Schreibtisch und hatte schon einiges abgearbeitet, als jemand gegen die halb offene Tür klopfte.

Nina fuhr zusammen. »Dodo, hast du mich erschreckt!«

»Es ist halb acht. Und Samstagabend. In deinem Alter …«

»Hast du bis zum Sonntagmorgen durchgefeiert, schon klar.« Sie hämmerte auf der Tastatur des Computers herum.

»Na ja … ich hab wohl eher Lissas Windeln gewechselt. Und was ist der Dank? Sie findet es uncool, mit ihrem alten Herrn am Samstagabend ins Kino zu gehen.«

Nina lächelte.

Er schob zwei Aktenordner beiseite und setzte sich auf den Rand ihres überfüllten Schreibtischs. »Gehen wir was trinken. Ins Rempetiko?«

Nina zog an einem Blatt Papier, auf dem er saß.

Er blieb sitzen. »Komm schon, Nina. Zu viel Ehrgeiz schadet nur.«

»Bent …«

»Meine Güte! Bent, Bent, Bent – ich kann’s schon nicht mehr hören.«

Ninas Augen wurden schmal.

»Was?«, fragte er.

Sie nahm ihre neue, weiße Hornbrille ab und begann, sie umständlich zu putzen.

»Nina?«

Sie setzte die Brille wieder auf und sah ihn an. »Du bist aber nicht … eifersüchtig, oder?«

Er grinste. »Nun ja … die Art, wie du ihn anlächelst …«

Sie lachte. »Das habe ich nicht gemeint.«

»Dann verstehe ich die Frage nicht.«

»Du bist auch ein Vernehmungsspezialist«, sagte sie leise. »Ich begreife nicht, wieso Bent die Vernehmungen immer nur mit mir durchführt.«

»Ach Gottchen, Nina, ich werde fünfzig. Mir muss niemand mehr erzählen, was ich kann. Und wir sind ein Team. Das waren wir schon lange, bevor dieser blonde Krieger aus Flensburg hier auftauchte. Keine Ahnung, welches Problem der mit mir hat. Interessiert mich auch nicht.«

Erst im Rempetiko merkte Nina, wie hungrig sie war. Vom Nebentisch zogen Düfte von Knoblauch und gebackenen Kartoffeln herüber.

Dominik rückte ein Stück näher mit seinem Stuhl, um mit ihr zusammen die Speisekarte zu studieren. Sie roch sein Aftershave. »Bestell, so viel du schaffst. Ich lade dich ein.«

»Beamtenbestechung?« Sie lachte verlegen.

Schon merkwürdig, es fühlte sich fast an, als hätten sie ein Date, was sie natürlich nicht hatten. Lag es daran, dass Dominik, den sie seit Ewigkeiten nur als verheirateten Mann kannte, mit einem Mal Single geworden war? Mit den feinen Gesichtszügen und den großen, braunen Augen war er mit Abstand der hübscheste Mann aus der Abteilung, aber nicht der attraktivste.

Ihr letztes, echtes Date lag Jahre zurück und war mit diesem Idioten gewesen, der sich nicht mehr meldete, nachdem er ihren Bruder kennengelernt hatte. Und dann natürlich Stefan. Kein Idiot, jedenfalls war sie sich zu Beginn sicher gewesen, aber dann … nein, sie wollte nicht über Stefan nachdenken.

»… einen Bürotausch vorgeschlagen«, sagte Dominik gerade mit spöttischem Grinsen und blickte sie erwartungsvoll an. »Das findest du doch auch gut, oder?«

»Sorry, Dodo, ich habe den Anfang nicht mitbekommen.«

Er richtete sich auf. »Schön.« Er imitierte die tiefe Stimme des Ersten Kriminalhauptkommissars Bent Andersen. »Ich denke, es wäre angesichts der …«, er räusperte sich demonstrativ, »des … äh … der Vorkommnisse …« Er fing an, zu lachen.

Nina musste grinsen. »Was hat Bent vorgeschlagen?«

»Dass Frank wieder zu dir ins Büro zieht.«

Sie straffte sich. »Wieso denn das? Etwa wegen …« Sie brach ab. Franks kurzes Verhältnis mit Dominiks Frau lag erst ein paar Monate zurück. »Dodo, wenn du ein Problem …«

»Ich habe gesagt, super Idee, Nina liebt unseren Messie von ganzem Herzen und kann es kaum erwarten, dass ihr Büro wieder zugequalmt wird.«

Sie boxte ihn in die Seite. La Paloma ertönte, und sie zog ihr Handy aus der Tasche. Der Kollege Weber hatte allen auf seiner Büroetage La Paloma – den diesjährigen Hit seines Shanty-Chors – als Klingelton aufgenötigt, nur dass Nina den Ton als Einzige aus Faulheit behalten hatte. »Stefan, was gibt’s«, sagte sie kühl.

»Das Konzert ist abgebrochen worden, weil … die Sängerin ist auf der Bühne umgekippt und ins Krankenhaus gebracht worden. Ich fürchte sogar …« Er senkte die Stimme. »Es kann sein, dass sie das nicht überlebt hat.«

Vor Ninas innerem Auge tauchte das Foto der strahlenden, jungen Frau aus dem Bunker-Programm auf. »Wie …«

»Das kam ganz plötzlich. Die kriegte keine Luft mehr und … ein Herzfehler vielleicht? Kai ist durcheinander. Ich bringe ihn jetzt nach Hause.«

»Ja, mach das.« Sie beendete das Gespräch. »Tut mir leid, ich muss los, Dodo.« Mit knappen Worten erzählte sie von dem Vorfall im Bunker.

»Wer ist Stefan?«

»Niemand.« Sie sprang auf, schnappte sich ihre Jacke und machte mit Daumen und kleinem Finger die Wir-telefonieren-Geste, bevor sie aus dem Lokal eilte.

Als Nina in der Nacht in Kais Zimmer schlich, war er endlich eingeschlafen. Sein Radiowecker zeigte Viertel vor drei. Im Licht der Lavalampe sah sie ihn in Unterhemd, Hose und Socken im Bett liegen, er lag auf der Seite und umklammerte im Schlaf die Bettdecke, die zu einer festen Wurst gedreht war. Im Zimmer war es zu warm. Leise öffnete sie ein Fenster. Sie wollte gerade Kais Hemd aufheben, das auf dem Teppich lag, als La Paloma aus dem Flur erklang. Schnell verließ sie den Raum und schloss behutsam die Tür hinter sich.

»Hallo Nina«, meldete sich Dominik. »Diese Sängerin namens Marleen Seismo ist tot. Die Ärzte aus dem Städtischen bezweifeln, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt. Könnte ein Fall für uns sein.«

Sie ging in die Küche und fischte eine Wasserflasche aus dem Kasten.

»Der Rechtsmediziner kommt morgen früh aus Münster«, machte er weiter.

Sie klemmte die Flasche unter den Arm und drehte den Verschluss auf. »Wann ist sie denn …?«

»Sie war offenbar schon im Bunker mausetot. Herzstillstand. Sie haben es nicht geschafft, sie wiederzubeleben. Die Obduktion ist für 8.30 Uhr im Städtischen angesetzt. Du sollst hinfahren, sagt der Chef. Ah, dieser Ronnie Seismo kommt gerade in die Notaufnahme. Der ist Keyborder, wenn man dem Bunker-Programm glauben darf, und wohl auch Marleen Seismos Gatte.«

»Du bist im Krankenhaus?« Die Kohlensäure sprudelte ihr entgegen, als sie einen kurzen Schluck nahm.

»Aber sicher.«

»Dodo, und mir erzählst du, ich wäre zu ehrgeizig!«

»Dass ihr Mann erst jetzt hier auftaucht, ist doch sehr interessant. Hier sind bisher nur ein David James, der Schlagzeuger von Seismos Band, und eine heulende Henrike Elges, ihres Zeichens Bassistin.«

»Ronnie Seismo … ihr Mann war also vorher nicht dort?«

»Ganz recht. Ich werde den Herrn mal in Augenschein nehmen. Wer war noch mal dieser Stefan?«

»Gute Nacht, Dodo.«

Sonntag, der 12. Mai

Der Kellner des Kunsthallencafés bot ihnen an, einen Tisch nach draußen zu stellen, was im Mai nicht üblich sei, aber bei diesem Bombenwetter … Bent Andersen fand die Idee gut, und auch seine Freunde Henning und Ralf stimmten zu. Bent half dem Mann, den Tisch rauszutragen, während die anderen Plastikstühle schleppten. Der Kellner zündete ihnen eine Kerze an, deren Licht von der Morgensonne verschluckt wurde. Die Terrasse des Cafés war in dem gleichen mattroten Sandstein gehalten wie der kubische Kunsthallenbau und grenzte an einen Skulpturenpark. In der Nähe kreischten Kinder, die kleine Schiffchen auf das Wasser eines rechteckigen Bassins gesetzt hatten. Am Rande der Anlage, die durch eine Sandsteinmauer von der Hauptverkehrsstraße abgeschirmt wurde, blühten Tulpen.

Bent verstaute seine langen Beine unter dem Tisch. Sein Blick wurde von einem begehbaren Holzklotz in der Mitte des Parks angezogen, an dessen Glastürklinke jetzt eines der Kinder rappelte. »Was ist das?« Er zeigte auf den Klotz.

»Kunst«, erwiderte Henning. »Kunst vor dir, Kunst hinter dir. Kennt ihr so was nicht in Flensburg?«

»Wir doch nicht«, sagte Bent. »Definier mal Kunst für ein tumbes Nordlicht.«

»Und das am frühen Sonntagmorgen«, beschwerte sich Henning.

Ralf, der die Speisekarte studierte, hob den Kopf. »Kunst kommt von Können.«

Henning rollte die Augen. »Ist mein Herzblatt nicht ein schlaues Kerlchen?«

»Schlauer als du. Ich warte immer noch auf die Erklärung«, gab Bent zurück.

»Wollen wir nicht bald Frühstück bestellen? Ich habe Hunger«, sagte Henning.

Bent zwinkerte Ralf zu.

Henning verzog das Gesicht. »Ja, was? Kunst … ich … also denkt ihr etwa, dass all diese Kunstkritiker das so genau wüssten?«

»Tja Bent, wenn es aber darum geht, was auf keinen Fall Kunst ist, das kann er dir haargenau sagen«, spottete Ralf.

Die beiden stritten sich noch während des Essens darüber, was Kunst sei, während Bent die Sonne auf seinem Gesicht genoss und beim Frühstück ordentlich zulangte.

Ein herrlicher Morgen also, bis Henning sich über Bents Ex-Freund Andy Ciccione ereiferte. Der notorisch untreue Charmeur Andy, der Bent das Herz gebrochen habe, sodass er sogar seine Heimatstadt verlassen habe, um den Kerl endlich zu vergessen. Andy, der versucht habe, ihn mit dreisten Lügengeschichten wieder an sich zu binden. Andy, der ihm unverschämterweise noch immer Mails schicke. Andy, der lange Zeit viel zu viel Macht über ihn gehabt habe …

Bent holte tief Luft. »Henning, wenn du noch einmal den Namen Andy erwähnst, dann …«

»Ja, was dann? Alles, was ich gesagt habe, stimmt!«

»Ja, es stimmt«, sagte Bent. »Aber ich kann dich beruhigen: Ich lösche seine Mails so ungelesen wie die Amazon-Werbung.«

»Okay, okay.« Henning hob die Hände.

»Sag mal«, begann Ralf und leckte Milchschaum von seinem Löffel. »Als dein Kollege Dominik im Januar in deinen Geburtstagsbrunch geplatzt ist, dachte ich zuerst, ich hätte Andy vor mir. Die sehen sich ja total ähnlich. Ist das nicht manchmal komisch für dich?«

Bent verschluckte sich an seinem Orangensaft. Er hustete, räusperte sich. »Unser Verhältnis ist rein dienstlich«, sagte er steif.

»Ja klar, aber …« Ralf brach ab, als Henning ihm die Hand auf den Arm legte.

»Was meinst du, Ralf, so muskulös, wie Bent gebaut ist, braucht er für die Party aber ein XL-Outfit, was? Ist ja nur noch eine Woche hin.«

»Wovon redest du?«, fragte Bent.

»Mein Geburtstag.« Henning lächelte verbindlich. »Ich feiere rein und zwar mit einer Grand-Prix-Party. Nächsten Samstag. Die Gäste sollen natürlich im entsprechenden Outfit kommen.«

»Ihr interessiert euch für Autorennen?«

»Autorennen. Ist das zu glauben?« Henning schnalzte mit der Zunge. »Grand Prix Eurovision de la Chanson. Heute heißt das: Eurovision Song Contest!«

Bent richtete sich auf. »Oooh nein!«

»Ach komm, Bent, das wird sicher lustig«, sagte Ralf.

»Ich war neulich bei einem Shanty-Chor«, erwiderte Bent. »Das reicht doch wohl!«

»Dafür können wir nichts. Wieso überhaupt?«, fragte Henning.

»In unserem Team ist ein spezieller Kollege, der im Shanty-Chor …«

»Ein spezieller Kollege?« Henning grinste.

Bent seufzte. »Nicht Dom… Ist auch egal. Jedenfalls ist mein Bedarf an schlechter …«

»Joe kommt auch«, warf Ralf ein.

Sie gaben es wohl nie auf, ihn verkuppeln zu wollen. »Nee, wirklich nicht, Leute, ich …«, begann Bent.

»War dieser Shanty-Chor-Abend nicht der Abend, an dem wir ihn zum Essen eingeladen hatten?«, wandte Henning sich an Ralf.

»Genau der. Bent hat uns kurzfristig abgesagt, weißt du noch? Wir waren ganz traurig, zumal wir schon alles eingekauft hatten. Joe war auch traurig.« Ralf kniff ein Auge zusammen. »Muss schon ein sehr spezieller Kollege gewesen sein. Ich nehme an, gut gebaut und höllisch attraktiv. Singen die da in Marineuniform?«

Vor Bents innerem Auge tauchte Ottfried Weber auf, wie er sich über die Halbglatze strich, um die paar Haare zu richten, die der Wind hochgeklappt hatte, und sein Lodenmantel dabei über dem Kugelbauch spannte.

»Zu unserer Party kommen auch lauter höllisch …«, begann Henning.

»Ist ja gut, ich komme! Aber ohne Dings, ich meine, besonderes Outfit.«

Plötzlich klingelte Bents Handy. Henning und Ralf tauschten grinsend Blicke. Er nahm das Handy vom Tisch. Es war Nina.

»Hallo Bent. Hat der Chef dich schon erreicht?«

»Der hat sich noch nicht bei mir gemeldet. Ist denn inzwischen klar, woran die Frau gestorben ist?« Er stand auf und schlenderte Richtung Park.

»Die Obduktion ist noch nicht abgeschlossen, das Ergebnis zeichnet sich aber ab. Unfassbar, Bent. Wie bei Agatha Christie.«

Bei einem Kübel mit einem Trompetenbaum blieb er stehen. »Nämlich?«

»Der Klassiker unter den Giften.«

Er hob die Brauen. »Nämlich?«

»Der Marzipangeruch und die hellroten Leichenflecken sind typisch für eine Blausäurevergiftung, sagt der Doc. Die Frau sieht in der Tat aus, als hätte sie zu lange auf der Sonnenbank gelegen. Der Mageninhalt soll noch vom Toxikologen auf Rückstände untersucht werden.«

»Blausäure, also …«

»Zyankali, ja.«

»Sehr ungewöhnlich«, sagte Bent. »Mitten im Konzert ist es passiert?«

»Direkt nach der Pause. Wir haben also jede Menge möglicher Zeugen. Ich werde einen Aufruf starten: auf unserer Webseite, in der Neuen Westfälischen, im Westfalenblatt, bei Radio Bielefeld … die Konzertbesucher sollen sich melden.«

»Radio … schön, ja … gute Idee.«

»Danke.«

Er konnte hören, dass sie lächelte. »Dann sehen wir uns nachher im Präsidium, Nina.« Er drückte das Gespräch weg und ging zurück zu Henning und Ralf, die ihm fragend entgegenblickten. »Tut mir leid, Jungs, die Kunst muss warten.«

Auf dem Parkplatz des Präsidiums wurde Bent von Dominiks weißem Citroën geblendet, der das Sonnenlicht reflektierte. Er parkte seinen Volvo am anderen Ende des Parkplatzes und folgte dem Kollegen mit etwas Abstand ins Hauptgebäude. Er ging in sein Büro, um sich kurz am PC über Kaliumcyanid schlau zu machen, bevor er sich in den Besprechungsraum nebenan begab. Dort saßen bereits alle außer Nina an den hufeisenförmig gruppierten Tischen. Weber schnippte Dominik ein Bonbon über den Tisch zu, Kux wickelte eine Stulle aus dem Papier, ließ sie dann aber schnell verschwinden, als er Bents Anwesenheit bemerkte. Frank Herbst lutschte eins von Webers Bonbons und starrte vor sich hin. Mit den wirren, blonden Haaren sah er aus, als hätte er sich eben erst aus dem Bett gequält.

Bent nahm am Tisch neben dem Flipchart Platz, der vor dem offenen Ende des Hufeisens stand.

»Schön.« Er räusperte sich. »Ihr habt die Nachricht von Nina erhalten. Wir müssen leider von Mord ausgehen. Und zwar mit einem Gift, an das Otto Normalverbraucher nicht so einfach herankommt. Es hat vor ein paar Jahren einen Fall in Minden gegeben: Durch Natriumcyanid in der Limonade ist ein Chemie-Facharbeiter vergiftet worden. Dieser Stoff ist ein wasserlösliches Pulver, das sich genau wie auch Kaliumcyanid in Verbindung mit Säure, z.B. Kohlensäure oder Magensäure, in die giftige Blausäure verwandelt. Bella Schnathorst und ihre Leute vom Erkennungsdienst sind bereits unterwegs zu diesem Bunker Ulmenwall.«

»Heutzutage kann man sich doch alles Mögliche im Internet besorgen.« Frank gähnte unterdrückt.

Die Tür wurde leise geöffnet. Nina kam herein, winkte in die Runde und setzte sich auf einen Stuhl.

»Moin, Nina. Schön … ja … aus der Apotheke bekommen Kaliumcyanid nur Leute, die ein Dispensierrecht haben, etwa Tierärzte. Allerdings ist es möglich, giftiges Cyanid aus frei zugänglichen Chemikalien selbst herzustellen«, erwiderte Bent.

»Dann suchen wir also nach einem Privatlabor?« Frank runzelte die Stirn.

»Die Frage des Zugangs ist jedenfalls ein Punkt, den wir im Hinterkopf behalten müssen.« Bent fuhr sich über den verschwitzten Nacken.

»Wie schnell wirkt Kaliumcyanid eigentlich?«, fragte Dominik.