NACHT ÜBER DUNKELHEIT - M. D. REDWOOD - E-Book

NACHT ÜBER DUNKELHEIT E-Book

M. D. REDWOOD

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Beschreibung

Die Wege zweier Jungen treffen sich im Treibsand. "Na ja, wo auch sonst?", würde sich der zwölfjährige Vigor fragen, der Hüfttief im Sand steckt. Schließlich schwebte ein Lausbub wie er alle paar Tage in Lebensgefahr. Klar, man hätte sich ja auch im Dorf treffen können, oder in der Schule. Aber das war nicht der Ort für so zwei unterschiedliche Jungen. Der eine auf einem Pferd, der andere im Sand; der eine reich, der andere arm; der eine ein Adeliger und der andere... Mist, hatte er vergessen. Wer ist er eigentlich? Es ist so ziemlich die einzige Frage die Vigor nicht beantworten kann. Das bringt ihm einiges an Spott ein, auch wenn sein helles Köpfchen ihn manchmal erst in wirkliche Schwierigkeiten bringt. "Kann nicht so wichtig sein, sonst hättest du es nicht vergessen", würde Volker zu Vigors Herkunft meinen. Volker ist dreizehn Jahre alt und der übermütigste Lausbub weit und breit. Volker lebt nach dem Motto "Lieber einen Knochen zu viel gebrochen, als etwas nicht riskiert." Trotzdem ist er ein schlauer Fuchs und das Klischee vom dummen Muskelprotz erfüllt er nicht. Gemeinsam machen die die beiden Freunde Waldfischweiler unsicher und stürzen sich in ein Abenteuer nach dem anderen. Dabei stöbern sie so allerhand Dinge und Kreaturen auf, die sie besser hätten Ruhen lassen. Drachen, Dämonen und Vampiren geht ein Schuljunge besser aus dem Weg. Und als sie die ersten Zusammenhänge begreifen, stellen die Jungen sehr bald fest, dass Vigors größte Gefahr seine eigene Vergangenheit ist.

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2020

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M. D. REDWOOD

NACHT ÜBER DUNKELHEIT

Ein Junge in dunklen Wassern

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel: Drachenchaos

2. Kapitel: Alles im Eimer

3. Kapitel: Leidige Diskussionen

4. Kapitel: Hochzeit, Krönung, Streit

5. Kapitel: Vor dem Spiegel

6. Kapitel: Die Floßfahrt

7. Kapitel: Dungeons

8. Kapitel: Sommerabenteuer

9. Kapitel: Im Waisenhaus

10. Kapitel: Strafe muss sein

11. Kapitel: Der Dorfschulmeister

12. Kapitel: Der Auftrag

13. Kapitel: Die Schmiede

14. Kapitel: Abreise

Impressum neobooks

1. Kapitel: Drachenchaos

Nacht über Dunkelheit

Ein Junge in dunklen Wassern

M. D. Redwood

Impressum

Texte: © Copyright by Marc Daniel RedwoodUmschlag: © Copyright by Michael FaulhaberVerlag: Michael Faulhaber

Hauptstraße 1976829 [email protected]

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Die Karawane von Reitern folgte der breiten Straße entlang des Stroms nach Südosten. Das Pflaster war mit dem ersten Herbstlaub übersät. Eine Brise spielte mit den roten und gelben Blättern am Boden. Das Laub dämpfte das Klappern der Hufe deutlich, was den Männern aber nicht ungelegen kam, da sie durch das Auental ritten. Einem Ort, in dem man besser den Geräuschen der Umgebung lauschte, statt selbst Welche zu machen. Die weitläufige Ebene mit ihren Hügeln und Wäldern zwischen den Weißen Bergen, sowie dem Hochland von Horizont im Osten und dem Gebirge um die Hauptstadt Großbergen im Westen war vom Großen Strom über Jahrtausende quer durch die Landschaft gegraben worden. Der Fluss dominierte mit seinen weiten Meanderschleifen und Inseln noch immer die Region. Sie bot zahlreichen Kreaturen Unterschlupf von denen viele sehr gefährlich waren. Die meisten Dämonen hausten jenseits des Stroms, wie auf den sogenannten Isles of terrified swamps, der Heimat des Basher-Klans. Großherzog Siegmund hatte die Dämonen bereits vor Jahren vom Westufer vertrieben. Dennoch war die Reise riskant, denn eine Sippe von Drachen streifte durch diese Gegend. Sie nutzten, seit Beginn der Aufzeichnungen im Großherzogtum, den Landstrich als Jagdrevier. Dabei wanderten die Drachen vom Flachland am Südende der Ebene bis hinauf zu den Eisbergen, wo die Festung Starkenberg lag und der Schwarze Magier seinen Sitz hatte. Das Auental war daher liebevoll Land der Angst getauft worden, sehr zum Gefallen des Schwarzen Magiers. Auf jeden Fall war es ein passender Begriff. Denn die Bewohner hatten die Angewohnheit stets einen leicht nervösen Blick über die Schulter zu werfen, wenn jemand nur eine Tür zuschlug. Warum die Menschen dort blieben war einfach: das Land war sehr fruchtbar und geschützt von den harten Wintern ringsum.

Die Brise offenbarte die leichten Rüstungen der Reiter unter ihren dunkelroten Gewändern mit dem Wappen von Starkenberg darauf. Ein schwarz-grauer Doppelstreifen zweiteilte das goldfarben gekrönte Rundbogenschild. Der Doppelstreifen versinnbildlichte eine Schwertklinge. Die obere Hälfte nahm etwa zwei Drittel ein und bildete das Wappentier Starkenbergs auf rotem Grund ab. Es war ein grüner Drache auf zwei Beinen, der Feuer spuckte. Die untere Hälfte zeigte ein dunkelgraues Hufeisen auf blauem Grund. Im Rundbogen machte bei den meisten ein rotes, sanduhrförmiges Zeichen, ihre Zugehörigkeit zur Achten Armee des Großherzogtums deutlich.

Das Regiment umfasste etwa zweihundert Reiter, an deren Spitze ritt ein großer, schwarzhaariger Mann in einem dunkelroten Umhang, mit gelbem Innenfutter. Darunter trug er eine tintenblaue Weste auf seinem weißen Leinenhemd. Seine Hosen waren so tiefschwarz wie sein Hengst und dessen Sattel. Sowohl der breite Gürtel mit Goldschnalle, als auch seine Reiterstiefel waren aus robustem, schwarzen Leder gefertigt. Großherzog Siegmund war über zwei Meter groß, mit breiten Schultern und dicken Muskeln, die auch für zwei Männer mehr als ausreichend gewesen wären. Das schwarze Haar war im Vollhelm kaum zu erkennen, dafür aber die Hakennase, da Siegmund das Visier offen hatte. Er ritt in leichter Montur, das Kettenhemd unter der Weste und mit einem langen Zweihänder-Schwert auf dem Rücken. Am linken Arm hatte der Siebenundzwanzigjährige ein breites Dreiecksschild, dass zwar sein Wappen zeigte, ansonsten aber von den Schildern seiner Männer deutlich abwich. Zum einen war es etwas größer, zum anderen die Oberfläche aus purem Silber gefertigt. Lediglich das Wappen war aus Gold und verschiedenen Goldlegierungen darauf geschmiedet. Das polierte Schild glänzte wie ein Spiegel in der Abendsonne, die noch über den Bäumen des Waldes stand.

Dicke Buchen und Eichen dominierten den Forst, dazwischen wuchsen einige Linden, Ulmen und viele Esskastanien. Zum Fluss hin machten sich die Erlen breit. Im Schatten des üppigen Blattwerks gediehen Moose und Farne. Das Unterholz war so dicht bewachsen, dass man nur wenige Stämme weit in den Wald hineinsehen konnte. Der Geruch warmen Wassers lag in der Luft und zwischen den Geräuschen der Pferde gluckste der Strom leise vor sich hin.

Plötzlich raschelte es im Unterholz zur Rechten des Zuges. Siegmund ließ Schwerter ziehen, indem er wortlos sein Eigenes zog. Die Reiter stoppten und sammelten sich um ein weißes Fuhrwerk, das sich mitten in der Karawane aufhielt. Es war ein gut verstärkter Reisewagen mit einem Tonnendach aus Holz. Über die Latten spannte sich eine genietete Lederhaut, um das Dach wetterfest zu machen. Das Holzgerüst des Zweiachsers war jedoch nicht mit Leder bespannt, sondern von außen und innen mit Dielen beplankt. Das Fuhrwerk sollte einem Angriff standhalten können, denn seine Fracht war wertvoll. Aus diesem Grund war auch der Wagenbock an der Seite hoch beplankt, bevor er in einem Handlauf für den Fuhrmann endete. Sehr große, rote Holzspeichenräder sorgten für eine bessere Geländegängigkeit, da die Wege im Großherzogtum nicht überall gleich gut und bei Auslandsreisen die Straßenverhältnisse unberechenbar waren. In der rechten Außenwand hing ein weißer Seidenvorhang vor dem Fenster, der nicht zu viel Licht wegnehmen sollte. Auf der linken Seite war die geschlossene, rechteckige Tür mit einem goldenen Griff. Die weiße Fläche zierte das aufgemalte großherzogliche Wappen. Vier braune Stuten zogen das Gespann, welches ein erfahrener Fuhrmann steuerte.

Eine hübsche, junge Frau sah besorgt nach draußen. Sie war fünfundzwanzig mit langem, schwarzem Haar, zierlicher Nase und dunkelbraunen Augen. Ihr schmales Gesicht war schweißnass. »Siegmund, was ist los?«

»Nichts, sei unbesorgt«, entgegnete der Großherzog. »Leg dich einfach wieder hin, Isabelle.«

Neben der Großherzogin erschien und verschwand das Gesicht eines vierjährigen Jungen mit schwarzem Haar, spitzer Nase und frechem Grinsen. Er war zu klein, um nach draußen zu sehen und sprang daher beständig auf und ab.

»Wo ist der Drache?«, quengelte der Junge. »Ich kann nichts sehen.«

Isabelle nickte ihrem Gatten zu und verschwand im Wagen. Dabei zog sie den Jungen vom Fenster weg.

»Tötet den Drachen! Tötet den Drachen!«, rief der Kleine vergnügt. Der Vorhang fiel wieder davor.

»Es reicht, Volker«, klang Isabelles Stimme, dann schwieg es aus dem Reisewagen. Die Soldaten starrten wieder auf das Unterholz. Das Rascheln schien nun zielstrebig auf das Fuhrwerk zuzusteuern.

»Armbrustschützen, feuerbereit machen!«, befahl Siegmund. »Laden!«

Das Rascheln kam näher.

»Spannen!«

Der Großherzog hatte nicht vor, den Wagen zu riskieren. Was auch immer in den Bäumen war, es sollte jeden Moment aus dem Gebüsch springen. »Anlegen!«

Siegmund hob die linke Hand, denn in der Rechten hatte er den Zweihänder. Sie würden nicht viel Zeit haben, schließlich verdeckten die Bäume die Sicht und standen bis an den Wegrand. Sie würden es mit allem beschießen, was da war. Und da war es dann auch. Direkt vom letzten Baum gedeckt stand er plötzlich vor den Hufen der Reiter.

Es war ein blonder Bursche auf einem Esel, etwa zwanzig Jahre alt und von durchschnittlicher Gestalt. Der Großherzog ließ die Hand sinken. Der Bursche schrie vor Schreck auf und fiel aus seinem Sattel. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet in geladene Armbrüste zu blicken. Ein Schütze drückte ab und traf absichtlich den Baum hinter dem Esel, genau dort, wo eben noch der Kopf des Burschen gewesen war. Der junge Mann sah dies und kauerte sich wimmernd auf dem Boden zusammen.

»Tötet den Eselsdrachen!«, lachten ein paar Soldaten.

»Wo ist der Eselsdrache?«, ertönte es nun erneut aus dem Reisewagen. Volker zerrte am Vorhang. Doch die Stimme seines Vaters brachte den Jungen zum Schweigen, ohne dass der Großherzog ihn ansprach.

»Hört auf, die Bolzen zu verschwenden!«, donnerte Siegmund, über das Lachen der Männer hinweg. Er sah hinunter zu dem Burschen und richtete mit ausgestrecktem Arm sein Schwert auf ihn. »Aufstehen!«

Der Blonde richtete sich auf, um ehrfürchtig in die Knie zu gehen. »Königliche Hoheit.«

Siegmunds Erscheinungsbild machte jede Vorstellung überflüssig, denn die Mythen um seine Größe und Kraft konnten die Tatsachen kaum übertreiben. Siegmund schob das Schwert zurück in die Scheide, welche ein überkreuzter Lederriemen über dem Mantel auf seinem Rücken hielt. Ein reifer Herr von Mitte fünfzig mit angegrautem Haar und kostbarer Kleidung in den Farben des Großherzogtums näherte sich auf seinem Ross. Durch seine strengen Gesichtszüge funkelte er den Burschen an.

»Steht auf und macht Meldung!«, schimpfte er. »Wie könnt Ihr es wagen, seine Hoheit warten zu lassen! Und wahrscheinlich nichts als Unsinn im Kopf!«

Der junge Mann stand auf. »Im Dorf...«, stotterte er zusammen. »Drachen, Drachen im Dorf.«

Der Großherzog sah ihn an. »Wie viele?«

»Wir sind am Ende, Herr«, berichtete der Bursche. »Sechs Drachen, sechs!«

»Was, wo, wie!«, mischte sich der ältere Herr wieder ein. »Wie wäre es mit einer anständigen Meldung?!«

»Ist gut Feldmarschall«, brummte der Großherzog, dann wandte er sich an den jungen Mann. »Es genügt jede Information einmal zu geben.«

Der Blonde nickte. »Vier einköpfige Drachen auf vier Beinen mit jeweils einem Ko...«

Er stockte, als er Siegmunds Blick sah.

»Weiter!«, befahl dieser kurz angebunden.

»Und dann waren da noch zwei weitere Drachen, sie hatten auch nur einen Kopf, gingen aber auf zwei Beinen.«

»Hatten sie große Zacken auf dem Rücken?«

»Ja, Herr.«

»Verdammt!«, fluchte der Feldmarschall. »Ich wusste es, der Klan ist auf der Jagd.«

Der Großherzog verzog das Gesicht. »Wie viele Einwohner hat das Dorf?«

»Etwa Einhundertfünfzig, Herr. Wir sind in Hainweiler. Etwa vierzig Minuten Westwärts von hier.«

»Feldmarschall, macht die Männer kampfbereit.«

Die Wagentür öffnete sich und ein greiser Mann mit weißem Umhang trat hervor.

»Königliche Hoheit, es eilt!« Er war einer der Hofärzte.

Siegmund nickte. »Wir müssen weiter.«

»Aber Ihr müsst uns helfen, Herr«, jammerte der Bursche.

»Wir können nicht warten bis eine Schlacht geführt wurde«, meinte der Arzt. »Der Zustand ihrer Hoheit verschlechtert sich rapide. Doktor of Trolley ist unsere einzige Hoffnung.«

»Dann überlassen wir die Bewohner ihrem Schicksal?«, fragte der Feldmarschall, während er vergeblich versuchte, die Enttäuschung aus seiner Stimme zu verbannen.

»Nein.« Der Großherzog schüttelte den Kopf. »Sechs Kampfgruppen begleiten den Wagen weiter nach Südosten, während der Rest die Drachen aus dem Ort jagt.«

»Fünftes Regiment ausscheren!«, kommandierte der Feldmarschall lautstark. »Neunte Kompanie - Zweiter Zug bleibt beim Wagen!«

»Männer!«, rief Siegmund. »Die Drachen greifen Hainweiler an. Es liegt an uns, die Menschen zu retten.«

»Hurra!«, riefen die Männer, von denen womöglich der ein oder andere Verwandte in Hainweiler hatte.

»Wollt Ihr uns schutzlos die Reise machen lassen?« Der Arzt sah den Großherzog entgeistert an.

»Vierzig Mann bleiben als Geleitschutz«, erwiderte Siegmund. »Wir sind ohne das Fuhrwerk wesentlich schneller. Wir stoßen weiter flussabwärts zu Euch noch ehe die Nacht anbricht.«

Der Arzt stand unschlüssig herum.

»Und nun verschwendet keine Zeit und zieht weiter.«

Der Großherzog war gereizt. Seine Frau in diesem kritischen Zustand zurückzulassen, missfiel ihm zutiefst, von den Gefahren der Gegend ganz zu schweigen. Aber die Verantwortung gegenüber seinem Volk nahm ihn in die Pflicht. Der Arzt nickte dem Fuhrmann zu, der ihn vom Wagenbock aus beobachtete. Dann kehrte der Arzt in das Gespann zurück und schloss die Tür. Der Reisewagen fuhr davon. Der Geleitschutz hatte ihn umkreist.

»Vorwärts!« Siegmund galoppierte in die Richtung los, die der Bursche ihnen gezeigt hatte. Das Regiment folgte ihm hinein in den Wald. Die Reiter brachen durch das Unterholz zwischen den dicken Baumstämmen. Der Forst bebte unter den Hufen. Laub, Äste und Erdboden wurden aufgewirbelt. Sechs Drachen war eine große Zahl. Er würde alle Männer brauchen, um sie auch nur bedrohen zu können, das wusste Siegmund. Doch er wollte nichts unversucht lassen und hoffte, dass ihr schneller Angriff die doch geringe Zahl von Reitern aufwog.

Kurze Zeit später schon stoben die Reiter aus den Bäumen auf die weite Ebene hinaus. Verschiedene Laubgehölze bildeten dunkelgrüne Punkte zwischen dem hellgrünen Gras. An zahlreichen Stellen wuchsen Wollgräser mit langen, dicken Halmen. Dort war der Untergrund besonders feucht oder moorig. Die Reiter bemühten sich, dieses Gras zu meiden, um die Pferde nicht zu beschmutzen. Sie hatten nicht vor, den Abend mit Fellpflege zu verbringen. Denn die Männer wussten, dass der Großherzog ein makelloses Erscheinungsbild verlangte, wenn sie in die Hauptstadt des Großfürstentums of Siege ritten. Denn in Keeper’s Town unterhielt der berühmte Arzt Sir Mike of Trolley seine Klinik.

Vor ihnen lag Hainweiler auf einem Hügel. Es war ein kleines friedliches Dorf aus einfachen, graubraunen Sandsteinhäusern. Kampfgeschrei schien von dort herzukommen. Als eine der unbefestigten Siedlungen, war es anfälliger gegen Kreaturenübergriffe. Die Häuser hatten zwar alle einen ersten Stock, aber der Grundriss war so bescheiden, dass mehr als zwei Räume in einem Stockwerk unmöglich waren. Winzige Schuppen und Scheunen quetschten sich als Holzbauten zwischen die Wohnhäuser. Die Dächer waren für den hohen Norden relativ flach, da günstiger, und mit Reet eingedeckt. Reet war eine Art von rotem Schilfrohr, welches getrocknet in Bündeln auf die Dächer genagelt wurde. Damit war das Dach zwar wasserdicht, allerdings überhaupt nicht feuerfest. In kleinen Gärten auf der Rückseite der Häuser wuchsen Kartoffeln, Möhren, Gurken und Salat, sowie Äpfel, Birnen, Pflaumen und Nüsse. Die Größe einiger Obstbäume, welche hier und da alle Häuser deutlich überragten, zeugte davon, dass Hainweiler eine alteingesessene Siedlung war.

Siegmund erblickte von weitem eine der Kreaturen. Diese ging tatsächlich auf vier Beinen und erinnerte an eine Eidechse. Riesenechsen waren von langer, schlanker Gestalt mit vier, vergleichsweise dürren Beinen an der Seite. Ihre grünen Schuppen bedeckten den ganzen Körper bis hinunter zu den fünf langen Zehen mit scharfen Klauen daran. Diese Echsen wurden etwa vier bis fünf Meter lang.

Die Reiter galoppierten entlang der unbefestigten Straße auf die Echse zu, die an einem offenen Geräteschuppen nach Beute suchte. Offensichtlich spuckten die Kreaturen kein Feuer, denn Brandherde konnten die Männer nicht ausmachen. Sie näherten sich von hinten der ersten Kreatur. Mit ihren fünf Metern Länge war sie die größte Echse und genauso hoch wie ein Reiter zu Pferde. Ihr rechtes Vorderbein hatte bereits Mistgabel, Spaten, Sense und Pflug auf dem Boden des Schuppens verteilt. Die ganze Holzkonstruktion schwankte und knackte bedrohlich, da die Echse mit der Schulter dagegen lehnte. Ein kleines Mädchen, von knapp acht Jahren, das laut um Hilfe rief, kam heraus gerannt und huschte unter der Echse hindurch. Die Echse stellte dem Kind nach, fuhr herum und hämmerte mit dem linken Hinterlauf gegen den Eckpfosten. Das Holz brach knackend und der ganze Schuppen schien ein Stück in den Garten zu wandern, während er ein Stück kleiner und wackliger zu werden schien, weil die Echse beim Herumdrehen mit dem Schwanz dagegen schlug. Schließlich fiel der Schuppen in sich zusammen.

Der aufgewirbelte Staub zog den Reitern entgegen. Das kleine Mädchen hatte sich in einem umgefallenen Wasserfass versteckt und weinte. Das Wasser versickerte langsam in der trockenen Straße. Die Echse hatte das Loch an der von ihr abgewandten Seite noch nicht entdeckt, umrundete aber langsam das Fass, während sie mit der Zunge das Holz abtastete.

Siegmund hielt, mit seinen Männern im Gefolge, direkt auf das Biest zu. Die Echse hatte sie nun bemerkt. Sie hob den Kopf und wandte sich ihnen zu. Der Großherzog zog sein Schwert. Die Männer zogen Ihre. Die Kreatur ging zum Angriff über. Dabei stellte sie sich auf die Hinterbeine, während sie sich mit ihrem langen Schwanz ausbalancierte. Sie schnellte herunter. Ihre beiden Vorderklauen trafen auf die Reiter. Siegmund und seine Männer neben ihm, rissen die Schilder hoch, um sich zu decken. Die eine Klaue traf das glänzende Schild des Großherzogs und prallte daran ab. Die Andere traf das Schild eines Reiters, der es gegen die Wucht der Echse nicht halten konnte. Er verlor das Schild und sein Pferd wurde von der Klaue an der Schulter des linken Vorderbeins aufgeschlitzt. Das Pferd sackte zusammen. Der Reiter ging zu Boden und rollte sich auf der Seite aus dem Gefahrenbereich. Die Echse griff Siegmund an. Dieser wehrte die Klauen abermals mit seinem Schild ab. Die anderen Männer um ihn versuchten, sich von der Seite und von hinten an die Kreatur heranzuschleichen. Diese wurde von dem glänzenden Schild angelockt und griff daher unermüdlich den Großherzog an. Abermals schlug das Biest nach Siegmund aus, doch dieser war darauf gefasst und ging mit einem Schwerthieb dagegen. Drei dürre Klauen fielen auf den Erdboden.

Die Echse zuckte zurück. Dabei bemerkte sie die Männer hinter sich. Sie schlug mit dem Schwanz aus und holte einen Soldaten von seinem Pferd. Dieser rappelte sich auf und zog sich zurück. Von allen Seiten drängten die etwa fünfzehn Mann auf die Echse ein. Doch sie kamen an die Kreatur nicht heran, die abwechselnd die Klauen an den Vorder- und Hinterbeine einsetzte. Als Siegmund mit zwei Soldaten einen Vorstoß wagte, machte die Echse einen großen Satz nach vorne. Einen Soldaten walzte sie direkt platt und brach dem Pferd alle Beine, als es unter dem Gewicht der Kreatur zusammenbrach. Das Biest schnappte nach dem nächsten Reiter und erwischte dessen Kopf.großherzoglichen

Dem Großherzog wurde es zu bunt. Um seinen Hengst nicht zu riskieren, sprang er mit gezücktem Schwert auf den schuppigen Rücken der Echse. Sein Schild fiel klappernd auf das Pflaster. Die Echse schüttelte ihren Kopf und zitterte dabei am ganzen Körper. Der Reiter, dessen Kopf sie im Maul hielt, hatte sein Schwert bereits verloren und zappelte gegen den würgenden Biss. Doch innerhalb von Sekunden nachdem die Echse ihn schüttelte, blieb der Mann regungslos hängen; Genickbruch.

Siegmund hatte sein Schwert in Stellung gebracht, holte aus und bohrte es auf voller Länge zwischen die Schulterblätter der Echse. Er rammte mit beiden Armen das Schwertheft nach unten. Seine Männer konnten den Zweihänder an der Unterseite der Kreatur herausstoßen sehen, bevor die Echse zusammenbrach. Das Schwert wurde dadurch wieder nach oben gestoßen. Die Echse zuckte noch und Siegmund zog sein Schwert aus dem riesigen Körper, um es deren Hals zu rammen. Nun blieb sie regungslos liegen. Die umstehenden Männer jubelten. Siegmund prüfte kurz den Puls der Gefallenen, indem er Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader der Bewusstlosen drückte. Doch da war nichts mehr zu machen. Der Großherzog schnappte sich Schwert und Schild und bestieg erneut seinen Hengst.

»Los, weiter!«

Es galt keine Zeit zu verlieren und die Gefallenen überließ Siegmund den Dorfbewohnern. Auf dem Dorfplatz, wo drei Straßen zwischen den Häusern kreuzten, streckten zwei Züge von insgesamt knapp sechzig Mann eine weitere Echse an einem runden Sandsteinbrunnen nieder. Eine Dritte wurde von der Kompanie berittener Armbrustschützen, auf einer der Straßen vom Platz nach Norden hin, kampfunfähig gemacht und schließlich mit Schwerthieben erschlagen. Die letzte Kreatur floh aus Hainweiler nach Westen, hinab in die Wiesen, die auf der vom Fluss abgewandten Seite des Hügels lagen.

»Sollen wir ihr nachstellen?«, fragte der Hauptmann der Armbrustschützen, während er den Lauf der Kreatur zu den nächsten Wäldern hin verfolgte.

»Nein«, antwortete Siegmund. »Wir haben keine Zeit dafür. Lasst sie laufen.«

Die Mutter des kleinen Mädchens zog ihre Tochter aus dem Wasserfass. Dorfbewohner strömten mit Danksagungen heran. Viele Frauen und Männer in grauen Leinengewändern. Unter ihnen war auch der Dorfälteste, einem zittrigen Greis mit vielen Falten, Glatze und grünlich gefärbter Kleidung. »Königliche Hoheit, ein Glück, dass Ihr gekommen seid«, sagte er. »Diese Drachen hätten uns alle verschlungen.«

»Das waren keine Drachen«, bemerkte der Feldmarschall.

»Aber sie spuckten Feuer«, bestand der Dorfälteste.

»So?«, fragte Siegmund.

»Nun ja, zumindest die beiden Zweibeinigen taten das.«

»Und wo, sind die beiden Drachen?«, fragte der Feldmarschall genervt.

»Wir hatten Glück«, erwiderte der Dorfälteste. »Sie zogen weiter nach Südosten.«

SÜDOSTEN.... Das Wort hallte in Siegmunds Ohren wie ein Donnerschlag.

»Aufsitzen! Im Galopp vorwärts!«

Die abgestiegenen Männer sprangen schnellstmöglich wieder auf ihre Pferde. Die Spitze der Kavallerie preschte bereits aus dem Ort. Siegmund drückte seinem Hengst die Fersen in die Leisten. Die Reiter jagten den Hügel hinab und strikt nach Südosten, hin zum Fluss. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Drachen auf den Reisewagen stießen. Eine ganze Kompanie würde das Paar kaum stoppen können.

Die Reisekolonne folgte dem Pfad mit etwas Abstand entlang des Stroms, der nicht strikt nach Südosten floss. Der Bursche ritt auf seinem Esel neben dem Wagen her, um sich den Weg allein durch den Wald zu ersparen. Wenn das Regiment wieder zu ihnen stieß, würde er über die Auen zurück nach Hainweiler reiten. Dies war sicherer, da die Monster sehr groß waren und sich außerhalb des Waldes nicht verstecken konnten.

Eine grobe Stunde war vergangen, als es wieder im Unterholz raschelte. Gefolgt von einem Stampfen, dass sie zunächst nur als dumpfes Geräusch wahrnahmen. Dann konnten es die Tiere auch spüren und scheuten. Die Reiter hatten alle Mühe die Pferde unter Kontrolle zu halten. Sie ritten zügiger weiter, bis auf einmal die Männer zwei Drachen zwischen den Bäumen ausmachen konnten: einen grün geschuppten Drachen mit gelbem Bauch und einen braunen Drachen mit roten Bauchschuppen. Beide hatten einen aufrechten Gang auf zwei kräftigen Beinen mit kurzen Füßen. Sowohl die zweimal drei Zehen, als auch die zehn langen, vielgliedrigen Finger hatten scharfe Klauen. Definierte Muskeln an den beiden Armen ließen keinen Zweifel daran, dass diese Monster kräftig zupacken konnten. Der Kopf saß auf einem dicken Hals, sodass nur wenig Raum für ein spitzes Kinn blieb. Riesige Reißzähne statteten das große Maul als tödliche Waffe aus. Darüber befanden sich die breite, platte Nase, sowie zwei gelbe Augen, mit schlitzförmigen Pupillen. Diese glitten über die Kolonne vor ihnen. Auf dem Rücken trugen die Drachen drei Reihen von rautenförmigen Knochenplatten. Jene zogen sich vom Nacken bis zur Schwanzspitze hinunter, während sie erst größer und dann ab dem Kreuz immer kleiner wurden. Die mittlere Reihe war die Mächtigste.

Der Fuhrmann zog die Reiterpeitsche. Sie knallte durch die Luft und der Reisewagen fegte davon. Die Männer folgten ihm als Rückendeckung. Der Esel scheute und warf den Burschen ab, der kein besonderer Reiter war. Der Bursche sprang auf und der braune Drache folgte ihm. Der Bursche rannte so schnell er konnte, doch der Drache war schneller und packte den jungen Mann mit der riesigen Pranke, die etwa so groß war, wie der ganze Körper des Zwanzigjährigen. Der braune Drache verschlang ihn.

Der grüne Drache sah den Braunen an.

»Mit einem Schnapp sind sie im Mund«, brummte er in seiner lauten, tiefen Stimme. Dann stampfte er schnellen Schrittes den fliehenden Reitern nach. Der Drache war sehr jung, denn seine Bewegungen waren schnell und wendig. Er holte spürbar auf die Reiter auf, die gezwungen waren, dem langsamen Gespann Vorrang zu geben. Der Drache holte tief Luft und beugte sich wie für einen Weitsprung nach vorne. Dann spuckte er Feuer so weit es seine Lungen trugen. Der Flammenstoß fegte über die Köpfe der Reiter hinweg, traf den Waldweg und die umstehenden Bäume direkt vor dem Wagen. Die Straße war versperrt und die Pferde scheuten. Sie bäumten vor der Feuerwand auf.

In seiner Verzweiflung, die Tiere unter Kontrolle zu bringen, gab der Fuhrmann seiner Leitstute nach und versuchte seitlich ins Unterholz zu kommen. Die Zugpferde galoppierten direkt von der Straße, doch der Reisewagen zog einen weiten Bogen durch den Brandherd. Die Räder fingen Feuer. Das Fuhrwerk verließ die offene Straße. Aber der Fuhrmann hatte den Straßengraben übersehen. Das rechte Vorderrad sackte hinein und der Wagen kippte um. Er fiel krachend auf die Erde und wurde von den Pferden weitergezogen, bis das Gespann an einer Erle mit dem Wagenbock hängen blieb. Der Fuhrmann schlug mit dem Kopf gegen den harten Stamm und verhedderte sich in den Zügeln. Die beschädigte Deichsel hielt dem Zug der Pferde nicht mehr stand und die Tiere verschwanden mit dem Fuhrmann in den Bäumen.

Die Reiter stellten sich nun mutig dem Kampf. Ihre Aufgabe war es schließlich die Insassen des Wagens zu schützen. Und das würde vor Ort solange geschehen, bis hoffentlich Hilfe eintreffen würde oder sich eine Möglichkeit zur Flucht eröffnen würde. Bei dem grünen Drachen war die Unterseite nicht vollkommen mit gelben Schuppen bedeckt, sondern er hatte einen großen weißen Fleck auf der Brust. Der Drache rannte auf sie zu. Sie holten die Armbrüste und Bögen hervor und schossen nach ihm. Der Drache verbrannte die Bolzen und Pfeile in der Luft. Er riss mit beiden Händen zwei Soldaten aus ihren Sätteln und zerbiss den Ersten im Maul, während der Zweite versuchte sein Schwert dem Drachen in den Unterarm zu rammen. Der Drache spannte die Armmuskeln an. Man konnte die Rippen brechen hören, als sich die Finger um den Oberkörper des Mannes schlossen. Er schrie auf, sein Schwert fiel zu Boden und traf beinahe einen der Reiter, die versuchten ihm zu helfen. Der Mann am Boden griff das Bein des Drachen an und rammte das Schwert gegen dessen Schienbein. Der Drache zuckte zurück. Dann holte er aus und kickte den Reiter gekonnt von seinem Pferd. Der braune Hengst galoppierte davon. Der getretene Reiter war von einer der drei großen Drachenklauen durchbohrt worden und fühlte nichts mehr, als er zwischen zwei Eichen hindurch auf der Tür des Reisewagens landete. Der Arzt konnte gerade noch rechtzeitig den Kopf einziehen, als die Tür über den Passagieren wieder zuschlug, unter dem Gewicht des Toten.

Isabelle, Volker, drei Ärzte und eine Magd waren noch im Wagen eingesperrt, obwohl dessen Dach und Räder brannten. Rufe und Husten klangen aus dem Inneren des Fuhrwerks. Jedoch der Kampflärm übertönte sie.

Die Männer versuchten die Einkreistaktik, aber der grüne Drache schlug drei mit seinem dicken Schwanz aus dem Sattel. Einen Soldaten tötete es sofort, den nächsten beim Prall gegen einen Baum. Der Dritte wurde Opfer des braunen Drachens, der den Mann auffing und einfach den Kopf abbiss. Dann verschlang sie den Rest. Sie war ein Drachenweibchen. Der grüne Drache fraß eines der verletzten Pferde. Zwischenzeitlich sendete er den Soldaten einen Feuerstoß entgegen. Die Männer wichen davor zurück.

Der Großherzog erreichte den Waldrand, als ihm vier Pferde mit einer abgebrochenen Deichsel entgegenkamen und an ihm vorbei galoppierten. Sie verschwanden hinter den Hügeln in Richtung der Stadtfeste Großbergen. Die Pferde kannten den Weg zu ihrem Stall und würden vorher wohl auch nicht zum Anhalten zu bewegen sein. Siegmund preschte kommentarlos auf seinem Hengst durch das Unterholz. Seine Männer folgten ihm schweigend. Siegmund konnte das Feuer riechen, lange bevor sie die ersten brennenden Bäume zu Gesicht bekamen.

Dann sahen sie das Schlachtfeld auf dem ein brauner Drache den Soldaten nachstellte, immer wieder Einen erwischte und fraß.

»Angriff!«, brüllte Siegmund voller Zorn.

Das Regiment brach aus dem Wald auf den Pfad. Die Reiter hatten Schwert oder Armbrust in der Hand und galoppierten auf den braunen Drachen zu. Diese spuckte Feuer.

»Ausschwärmen!«

Die Reiter wichen ihrem Feueratem aus. Die Armbrustschützen eröffneten das Feuer, sodass der braune Drache mit der Bolzenabwehr beschäftigt war. Die Soldaten kreisten sie ein und Siegmund landete einen ersten Treffer mit seinem Zweihänder gegen die Beine des braunen Drachens. Eine Gruppe versuchte den grünen Drachen, der etwas oberhalb der Straße stand, zum Kampf zu bewegen. Der Drache sah aber eher gelangweilt aus und lehnte an einer dicken Eiche, die etwa genauso groß wie er selber war. Nachdem einer der Männer ihm einen Bolzen in den Oberschenkel geschossen hatte, spuckte der grüne Drache einen mächtigen Feuerstoß über die Kampfgruppe und verbrannte Reiter und Pferd mit Haut und Haar. Die anderen Männer wichen zurück, denn der Feuerstoß des grünen Drachen schien anders zu sein, im Vergleich zum Feueratem des Braunen. Er zielte seinen Feuerstoß anscheinend genauer und wusste ganz genau wo und wie er die Soldaten treffen konnte. Der braune Drache schien dagegen mit den Reitern nicht klar zu kommen. Sie war bereits an beiden Beinen verletzt und ihr Schwanz blutete stark. Nicht zuletzt hatte sie auch das Problem direkt gegen Männer wie Siegmund kämpfen zu müssen. Dessen Schild wurde mit dem Feueratem des Drachen sehr gut fertig.

»Bist du fertig mit spielen?«, fragte der grüne Drache schließlich, in einem leicht genervten Unterton.

»Wenn du mir mal Feuerschutz gibst«, antwortete die Braune, sie klang vorwurfsvoll.

Der grüne Drache seufzte und spuckte seiner Drachengefährtin zwischen die Beine. Sie sprang einen Satz nach vorne in die Mitte des Feuerstoßes. Das Feuer traf die Erde in einem Winkel, sodass die Flammen den Männern in die Gesichter züngelten. Die Soldaten wichen vor der Hitze zurück. Der braune Drache verschwand in den Bäumen auf der anderen Seite, während der grüne Drache noch immer am Baum lehnte. Die Reiter formierten sich, um den Drachen nachzusetzen und trabten los. Die Brust des grünen Drachen wölbte sich bereits, weil er tief Luft holte, wohl um seiner Gefährtin mit einer Feuerwand den Rückzug zu decken.

»Halt!«, rief Siegmund. Er war bereits abgestiegen und eilte zum Reisewagen. Das Feuer hatte sich über das Holz ausgebreitet. Die Räder brannten und das Lederdach war bereits bis auf die Bretter verbrannt, während sich die Flammen ihren Weg nach Innen suchten. Dachdielen und Bodenbretter schmorten. Im Laufen warf er dennoch einen verwunderten Blick zu dem Drachen hinüber, der sich so ungewöhnlich verhielt. Aber Siegmund hatte dringlichere Sorgen.

Der Großherzog sprang auf das Fuhrwerk und hob den schweren Toten mit einem raschen Armzug von der Tür und ließ ihn nach unten. Zwei Männer waren nötig, um Siegmund den Mann abzunehmen, den dieser mühelos herum wuchtete. Der Rauch hatte den ganzen Wagen ausgefüllt und zog augenblicklich ab. Siegmund wartete nicht lange mit steinerner Miene, sondern kletterte hinein. Draußen begannen die Soldaten zu löschen. Mit ihren Helmen schafften sie Wasser aus dem nahen Fluss heran und reichten es in einer Kette weiter bis zum Reisewagen.

»Neeiin!!« Ein lauter Schrei erfüllte die Luft: voller Schmerz, voller Wut und voller Hass. Jeder fühlte was geschehen war, die Reiter sahen sich in betroffenem Schweigen an. Andere starrten auf das schmutzige Pflaster. Selbst der grüne Drache senkte den Kopf.

»Es tut mir Leid«, brummte er in seiner tiefen, lauten Stimme. Dann verschwand er zwischen den Bäumen.

Im Wagen hob Siegmund den Kopf von Isabelle an, begutachtete ihn kurz und strich ihr das schweißnasse, schwarze Haar aus der Stirn. Dann drückte er ihren schlaffen Körper an sich und weinte, während er an die schmutzigen Bodenbretter des Wagens vor sich starrte.

Nach vielleicht einer Minute riss sich Siegmund zusammen. Er hob Isabelles toten Körper über seinen Kopf nach draußen auf die Wagenwand. Reiter kletterten hinauf, um ihm die tote Großherzogin abzunehmen. Das Neugeborene lag zwischen ihr und einem der Ärzte. Erschlagen von einem der Gegenstände. Die Ärzte waren ebenfalls tot, erstickt an den Gasen. Das konnte Siegmund in ihren gequälten Gesichtern sehen, während er die Toten nach oben reichte, um Platz zu schaffen. Er wagte nicht sich auszumalen auf was er gerade stehen könnte. Die Magd lag quer über einer Truhe und rührte sich nicht. Sie war blutüberströmt. Der Großherzog reichte sie nach oben. Die Soldaten auf dem Fuhrwerk schüttelten traurig den Kopf, auch die Magd war tot.

Im Fenster auf der unteren Seite lag zwischen einer Truhe und einem Durcheinander aus medizinischem Besteck und verschiedener Schreibwaren der letzte Passagier des Reisewagens. Der kleine Volker lag geschunden und regungslos da. Die Büchertruhe hatte ihn nur knapp verfehlt, doch das Skalpell des Hofarztes seinen Oberarm durchbohrt. Das fröhliche Grinsen war von seinem Gesicht verschwunden und die einst rosigen Wangen leichenblass. Siegmund schüttelte sich, während er um Beherrschung kämpfte. Still rannen die Tränen über seine Wangen während er sich zu Volker hinunter beugte. Vier Jahre hatte er mit dem Jungen verbringen können, viel zu viel davon hatte er mit Maßregelungen oder gar auf Feldzügen verbracht. Er griff den kleinen Körper mit seinen großen Händen. Der Junge wimmerte und hustete. Siegmund fing an zu lachen, dann zu weinen. Er drückte den kleinen Volker an sich und musste sich zurückhalten, ihn vor lauter Freude nicht in seinen massigen Armen zu zerdrücken.

»Er lebt«, rief er heiser, doch er brachte nur ein ersticktes Flüstern heraus. »Er lebt!«, brüllte er schließlich.

Die Männer auf dem Wagen verstanden und riefen nun ebenfalls: »Volker lebt!«

Vom Bann der Trauer entfesselt, toste ein Hurra-Geschrei los, das klang, als ob die Drachen erneut angriffen. Die schmerzlichen Verluste waren für einen Augenblick vergessen. Siegmund begann nach oben zu klettern.

Die Männer boten ihre Hände an, um Siegmund den Jungen abzunehmen. Doch dieser wiegelte ab. Er wollte seinen Sohn so bald nicht wieder loslassen. Mit einer Hand an der Wagenwand und Volker in der Anderen zog sich der Großherzog aus dem Wrack.

»Sanitäter«, brüllte er dann, während er von dem Fuhrwerk kletterte. Die Sanitäter begannen, unter Siegmunds wachsamen Augen, den hustenden Volker zu versorgen. Sie wagten jedoch nicht das Skalpell zu entfernen, sondern fixierten es an Ort und Stelle mit so vielen Verbänden wie ihnen möglich war.

»Wir müssen schleunigst nach Großbergen zurück«, sagte der Sanitäter. »Die Ärzte müssen sich um den jungen Herrn kümmern.«

»Die Ärzte sind tot«, bemerkte der Großherzog.

Siegmund knotete mehrere Dreieckstücher zusammen und legte den kleinen Jungen hinein. Anschließend band der Großherzog die Tücher um seinen eigenen Hals zusammen und stieg auf sein Pferd. Siegmund hatte seinen Sohn nun wie ein riesiges Medaillon an einer Kette um den Hals.

»Alles Aufsitzen«, befahl er im ruhigen Ton. Die Männer stiegen in die Sattel.

»Im Galopp nach Südosten. Auf nach Keeper’s Town!«, rief Siegmund. »Jetzt erst recht!«

Das Regiment galoppierte los, der Nacht entgegen.

2. Kapitel: Alles im Eimer

»So, das ist meine Geschichte«, schloss Volker. »Oder zumindest hat man es mir so zugetragen.«

Er war für einen noch Dreizehnjährigen recht groß und muskulös gebaut. Das war auffallend, weil an dem warmen Frühlingstag beide Jungen die Ärmel hochgekrempelt hatten. Volker hatte schwarzes Haar und ein für einen Jungen markantes Gesicht mit Hakennase. Seine Augen blitzten aufmerksam und klug, trotzdem huschte ihm immer wieder der Schalk durchs Gesicht. Er trug ein halb offenes, hellgraues Leinenhemd, das bis vor nicht allzu langer Zeit weiß gewesen war; pechschwarze Hosen, deren Farbe wohl für eine ganze Familie zum Eindunkeln der Wäsche gereicht hätte, und schwarze Reiterstiefel mit fester Sohle, die ein Vermögen kosteten.

»Und wie hast du Deine verloren?«

Vigor zuckte die Achseln. »Ganz ehrlich, ich habe keinen blassen Schimmer.«

Volker musterte den schlanken Jungen vor sich. Vigor war deutlich kleiner als Volker, aber vor allem sehr mager. Unterernährt, vermutete Volker. Vigor hatte rotbraunes bis dunkelblondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel und ein schmales, kindliches Lausbubengesicht. Er war etwa Volkers Alter, sah allerdings doch sehr jung aus. In seinen Augen leuchtete ein Feuer, das ihn für den Sohn des Großherzogs interessant machte. Er schien gebildet und wirkte überhaupt nicht wie einer der Bauernjungen oder Knechte, die Volker bei seinen Streifzügen so über den Weg liefen. Nein, selbst nun nicht, wo er hüfttief im Schlamm steckte. Vigor sah müde, schäbig und dreckig aus. Das graue Leinenhemd, welches er trug, war ausgewaschen, geflickt und ihm deutlich zu weit. Wahrscheinlich konnte er aus dem Hemd auch durch den offenen Kragen schlüpfen, statt es über den Kopf zu ziehen. Kein Wunder, dass es ihm von der Schulter rutschte. Alles in allem ein sehr schmuddeliges Bild. Trotzdem wirkte Vigor stolz und erhaben, mächtig wollte man sagen.

»Was heißt, du kannst dich nicht erinnern?«, fragte Volker.

»Das mir die Erinnerung an das Ereignis fehlt?«, antwortete Vigor. »Dafür würde ich es begrüßen, wenn seine Königliche Hoheit mir helfen könnten.«

»Oh, ja.«

Volker sprang von seinem Ross ab, auf dem er die ganze Zeit über gesessen hatte. Der schwarze Hengst war gesattelt, doch es fehlte jedes Zaumzeug. Volker näherte sich Vigor ein Stück durch das hohe Gras und Schilf, welches auf dem baumüberdachten Schlammufer eines seichten Sees wuchs. Bäume und Gras wurzelten in den See hinein. Die glasklaren Wasserfläche schien auf einen halben Meter nur wenige Zentimeter Tiefe zu gewinnen. Dies war sehr trügerisch, schließlich steckte Vigor in etwa knöcheltiefem Wasser bis zur Hüfte im Schlamm. Volker ging nur so weit bis er Vigors ausgestreckte Arme greifen konnte. Er packte ihn an beiden Arme und begann zu ziehen.

»Fester«, ermunterte ihn Vigor.

Volker zog wie ein Stier.

»Au!«, rief Vigor. »Nicht so fest.«

»Mann, entscheide dich mal.«

»Kann ich wissen, dass du zu viel Kraft hast?«

Volker spannte seinen rechten Oberarm an und spielte mit dem dicken Bizeps hin und her, indem er die geballte Faust drehte. »Ich dachte, dass sei offensichtlich.«

»Ist doch bloß Pudding.« Vigor grinste frech.

»Na, warte.« Volker zog wie besessen an dessen Arme.

»Ist ja gut. Ich glaube es dir.«

»Los, strampeln!«, keuchte Volker. »Damit Bewegung in die Soße kommt.«

Vigor trat Morast, während Volker unablässig zog. Vigor bewunderte die Ausdauer, während seine Füße lahmten. Was natürlich auch daran lag, dass Vigor schon seit mehr als einer Stunde um seine Freiheit kämpfte. Jedes Mal wenn Vigor den Fuß nach oben riss, schien der Schlamm den Fuß mit ungeheurer Kraft wieder nach unten zu zerren. Langsam, ganz langsam bewegte Vigor sich aufwärts.

»Es geht. Es geht«, keuchte er vor Anstrengung.

»Verdammt, ich kann nicht mehr«, japste Volker, ohne das sein Zug nachließ.

»Noch ein Stück.« Vigor versuchte ihn wieder anzuspornen. »Du schaffst es. Nicht nachlassen!«

»Und weiter!« Volker zog als hinge sein eigenes Leben davon ab. Es schien eine Ewigkeit zu dauern und die Kräfte der Jungen schwanden schnell.

Vigors Oberschenkel waren frei, aber er konnte die Beine immer noch nicht aus dem elenden, beigefarbenen Morast heben. Als ob die oberste Schlammschicht harter Stein wäre. Doch es war der Sog der Hohlräume, die Vigor beim Weg nach oben hinterließ, welche ihn mit solcher Gewalt festhielten. Die zähe Masse füllte die Kammern nur sehr langsam nach.

»Obsidan.« Volker rief seinen Hengst zu sich. Vigor runzelte die Stirn. Den Rappen nach dem schwarzen Gestein zu benennen wäre treffend, aber das Zeug hieß Obsidian. Vielleicht war es aber auch ein Eigenname, Vigor wusste es nicht; war aber im Augenblick auch egal.

»Kopf runter«, sprach Volker zum Hengst. »Kopf runter.«

Währenddessen drückte er den Kopf des Pferdes nach unten. Der Hengst gehorchte und Volker konnte seinen rechten Arm um Obsidans Hals legen. Mit der linken Hand hatte er immer noch Vigor fest im Griff. Vigor konnte den Schweiß zwischen ihren Händen spüren. Die nassen Hände waren wohl der Grund, dass Volker ständig fester zupackte.

»Schritt zurück«, sagte er zu dem Pferd. »Zurück, Zurück.«

Der Rappe machte einen Schritt rückwärts.

»Ah, langsam!«, schrie Vigor. »Du brichst mir die Füße.«

Volker ließ Vigor los und der Druck ebbte ab. Der kleinere Junge atmete auf und beugte sich vor um seine Füße zu massieren. Dabei stieß er mit seinen Händen in den weichen Schlamm und zog sie schnell wieder nach oben. Der Schmerz in seinen Knöcheln musste warten.

Volker sah kurz ratlos drein. »Mist.«

»Du kannst mich nicht quer herausziehen, sonst brichst du mir Füße und Schienbeine«, erklärte Vigor. »Ich muss hoch, nicht vor.«

Volker nickte, dann sammelte er Äste auf und warf sie vor Vigor auf den Morast. Insbesondere die langen, legte er quer vor Vigor. Dazwischen trat er auf die Äste, um zu sehen ob sie im Morast verschwanden.

Es dauerte eine ganze Weile, bevor Volker zufrieden war. Er hatte insgesamt etwa ein ganzes Lagerfeuer voll Holz vor Vigor versenkt, in eigentlich tellertiefem Wasser. Dann tastete sich Volker vorsichtig über den Schlamm. Er ging in die Knie und packte Vigor im Bärengriff. Auf Vigors Rücken fasste Volker seine eigenen Ellenbogen. Schließlich ging der große Junge in die Hocke, die Arme glitten nach unten um Vigors Hüfte. Volker hatte ihn so eng, dass Vigor flach in der Brust atmen musste, den Volkers Kinn bohrte sich in Vigors Bauch.

»Auf Drei streckst du die Zehen weg«, wies Volker an und Vigor nickte. Die beiden Jungen zählten gemeinsam.

»Eins, Zwei...und Drei!«

Mit einer Art Brunftschrei streckte Volker die Beine durch und stemmte seinen eigenen Oberkörper so aufrecht wie möglich nach oben. Dabei riss er Vigor mit einem lauten „Blob“ aus dem Morast. Volker setzte ihn neben sich ab. Der Schlamm verschlang gerade die obersten Äste ihrer Unterlage und kroch langsam zu ihren Füßen. Vigor beugte sich hinunter und zog einen Holzring an dessen schmiedeeisernen Griff aus dem Schlamm. Der Junge zerrte den Holz -eimer heraus, während der Schlamm seine Zehen eroberte.

»Ja, rette den kostbaren Eimer«, lachte Volker. »Während dir das matschige Zeug die Füße hoch kriecht.«

Vigor streckte ihm scherzhaft die Zunge raus. Beide eilten zur Sicherheit des trockenen Ufers und ließen sich dort ins Gras fallen. Der schwere Eimer rollte scheppernd neben die nächste Buche.

Vigor und Volker atmeten schweigend nebeneinander durch. Zu sagen gab es nichts. Es war einfach irgendwie so wie es sein sollte. Der süße Geschmack des Sieges: die Aufgabe war bewältigt, sie außer Gefahr und der Morast bezwungen. Vigor sah sich um. Die Bäume des Waldes überschatteten den schmalen Rasenstreifen zu weiten Teilen. Es waren dicke Buchen und Eichen, hier und da stand auch etwas anderes dazwischen, wie Ahorn, Linde und Ulme oder eine Hasel. Am Wasser tummelten sich Erlen und ein paar Weiden. Die Sonne schien warm an diesem milden Nachmittag im Auroramond, dem vierten Monat des Jahres. Nur vereinzelte weiße Schönwetterwolken zogen gemächlich mit der Brise über den blauen Himmel. In diesem Teil des Forstes schienen nur wenige Insekten geschäftig zu sein. Es herrschte eine angenehme Stille, mit dem entfernten Plätschern von Wasser und dem Rauschen der Baumkronen im Hintergrund. So nah am See war die Luft angenehm frisch und kühl.

Vigor fühlte Volkers Blick und sah zu ihm hinüber. Der große Junge lag ausgestreckt auf dem Rücken, als würde ihm das Ufer gehören. Streng genommen, tat es das auch, irgendwie.

»Lustig«, meinte Volker, »machen wir gleich nochmal.«

»Ja«, stimmte Vigor zu, »aber diesmal gehst du rein und ich zieh dich raus.«

»Das will ich sehen«, lachte Volker. »Das schaffst du gar nicht mit den dünnen Ärmchen.«

»Klasse statt Masse«, konterte Vigor.

»Ah, und wie wäre es mit einem Ringkampf?«

»Sag mal, kriegst du eigentlich nie genug?«

»Ich? Nein, warum auch?«

»Weil wir uns erst aus dem Schlammloch gekämpft haben?«

»Ach so, das war heute«, erwiderte Volker, als hätte er das schon vergessen. »Wo wir gerade dabei sind, was machst du eigentlich hier?«

»Ich soll Wasser für das Waisenhaus holen«, erklärte Vigor. »Befehl vom Obersten Aufseher.«

»Bitte?« Volker sah ihn ungläubig an. »Das ist doch bescheuert. Es sind mindestens zwölf Kilometer bis ins Dorf.«

Dass es eine hirnrissige Idee war, stand auch für Vigor außer Frage. Doch schienen für ihn Idiotie und Oberster Aufseher irgendwie zusammen zu gehören.

»Zuerst sollte ich zehn Eimer vom Strom holen«, berichtete er. »Das passte dem Aufseher aber dann nicht mehr und er sagte, ich solle einen Eimer vom See im Norden holen. Er hat mir diesen Tümpel hier beschrieben.«

»Er mag dich nicht«, stellte Volker fest. »Um nicht von hassen zu reden.«

»Irgendwie hatte ich das Gefühl mittlerweile auch.«

»Vergiss dein Gefühl«, entgegnete Volker. »Wenn dich jemand an den See ohne Boden zum Wasserholen schickt. Dann dafür, dass du nicht wieder kommst.«

»Danke, sehr beruhigend«, brummte Vigor. »Warum ohne Boden?«

»Dreimal darfst du raten.«

»Schlamm oder Magie. Ich nehme an Ersteres.«

»Richtig«, antworte Volker. »Und du hattest Glück, das war eine der seichteren Stellen.«

»Wirklich? Das erklärt alles«, erwiderte Vigor. »Ich hatte versucht, eine feste Stelle zum Wasser zu finden und dachte ich hätte mich vertan.«

»Nein, Hut ab. Das ist so ziemlich die beste Stelle.«

»Die anderen gingen mir dann bis zum Hals?«

»Ja, wenn du auf meinem Pferd sitzt.«

Vigor machte große Augen. Volker schüttelte den Kopf. »Kein Wunder, dass er dir nur einen Eimer gab.«

»Klar, damit er nicht zwei verliert.« Vigor seufzte. »So ein Blödmann.«

»Hattest du Schuhe an?« Volker deutete auf Vigors nackte Füße.

»Nein, glücklicherweise nicht.«

»Schade«, bemerkte Volker beiläufig.

»Warum?«

»Das schließt aus, dass du von Adel bist.«

»Wenn du das sagst«, meinte Vigor. »Und was ist daran so wichtig?«

»Du könntest sonst mein bester Freund werden.«

»Oh, kann dir leider nichts versprechen«, erwiderte Vigor. »Die Schuhe hätte ich bis zum Waisenhaus ohnehin verloren, so wie alles andere auch. Ist trotzdem eher unwahrscheinlich.«

»Komm, wir gehen zurück«, sagte Volker grinsend, »du Bauer.«

»Vielleicht bin ich nicht einmal ein Bauer«, bemerkte Vigor. »Ich brauche auch noch einen Eimer Wasser.«

»Denn kriegen wir an jedem Brunnen voll.« Volker stand auf. Vigor sammelte seinen Eimer ein. „Es ist mir verboten, an einem Brunnen Wasser zu holen.“

„Das ist mir so was von Wurst.“

Die beiden Jungen schlenderten durch die Bäume. Obsidan folgte ihnen, ohne Volkers zu Tun, wie ein treuer Hund. Die Jungen erzählten sich gegenseitig alles mögliche, während sie durch den Wald schlenderten. Volker löcherte Vigor über dessen Alltag und Pläne im Waisenhaus, musste dafür im Gegenzug Vigor alles über das Großherzogtum und das Leben am Hof erklären.

Die Zeit verging wie im Flug und schließlich lichteten sich die Bäume und gaben den Blick über flache Hügel frei hin zum Dorf, welches irgendwo dahinter lag. An einem alten Einsiedlerhof, etwa sechs Kilometer vom Waisenhaus entfernt, hielten sie an einem Brunnen. Es war ein sehr alter Dreiseitenhof mit weitem Dachüberstand. Den u-förmigen Hof bildete ein einfaches Fachwerkhaus, mit zwei fast genauso hohen Scheunen als Anbauten. Nur das Wohnhaus hatte ein Obergeschoss, dass zur Hälfte bereits die Dachschräge war. Die Dächer waren allesamt mit Reet eingedeckt. Alles sah recht heruntergekommen aus. Der weiße Putz im Fachwerk war abgeblättert, die Dächer hatten Flicken und Trümmer oder Unrat lagen im Hof aus nackter Erde verstreut. Viele der dunklen Sprossenfenster des Wohnhauses verbargen sich hinter ihren olivfarbenen Läden. Bei den Offenen hing meist der Fensterladen krumm in der Angel. Die Scheunen bestanden aus langen, dunkelbraunen Dielen, bei denen helle Bretter die Nachbesserungen verrieten, welche nach oben stetig abnahmen. Der Hof war geschäftig. Etwa zehn Männer und Frauen verrichteten gerade ihre Arbeiten.

Als Vigor und Volker näher kamen, erkannten sie, dass der Hof nicht vergammelt war, sondern die Schäden alles recht frische Kampfspuren waren. Die in der Gegend hausenden Kreaturen ließen den Bewohnern nicht viel Frieden.

In der Mitte des Innenhofs war ein Steinbrunnen gemauert. Er hatte keine Seilwinde, sondern nur ein Strick lag daneben. Einkerbungen im Stein verrieten, dass auch dieser Brunnen einst ein Trägergerüst für eine Seilwinde gehabt hatte. Doch das war wohl schon lange verschwunden. Die beiden Jungen gingen an die Wasserstelle. Volker streckte auffordernd die Hand zu Vigor aus. »Darf ich bitten.«