Nachts wach - Berthe Arlo - E-Book

Nachts wach E-Book

Berthe Arlo

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Beschreibung

Berthe Arlo erzählt in "Nachts wach" in tagebuchartigen Erzählungen von der Realität des Sterbens, von der Überforderung der Pflegenden – und auch von der Unverschämtheit mancher Heimbewohner. Sie lässt kein Tabu aus: Einerseits ist es die ungeschönte, geradezu brutal geschilderte Realität, andererseits ein oft poetischer Text, manches hat einen surrealen Touch, und man denkt unwillkürlich an Dostojewskis Aussage, dass nichts fantastischer sei als die Wirklichkeit. Man möchte das nicht lesen, und doch kann man nicht mehr aufhören: Könnte es meinen Eltern auch einmal so gehen, oder mir selbst? Der Text ist dreißig Jahre alt, denn damals arbeitete die heute über 80-jährige Autorin als Nachtpflegerin in einem Pflegeheim. Erstaunlicherweise hat sich an den Verhältnissen nicht viel geändert. Dies verleiht dem Text eine fast unheimliche Aktualität und es steigert den Respekt vor Pflegenden immens. „Sehr wichtiges Buch. Nach der Lektüre dieses Buches kann niemand mehr sagen, er habe aber davon nichts gewusst!“ Claus Fussek, „Diese Texte, die vor mehr als 30 Jahren aufgeschrieben wurden, sind geprägt von einer poetischen Schönheit, und sie lassen den beteiligten Personen ihre Würde.“ Uta Nieper, ekz Bibliotheksservice „Ein sehr bewegendes Buch.“ Nicola Steiner „Ein Einblick in eine Welt, die wir nicht so kennen. Ich fand es wichtig, das zu lesen.“ Elke Heidenreich Berthe Arlo, geboren in den 1940er Jahren in Berlin. Sie arbeitete in den unterschiedlichsten Jobs zum Geldverdienen, unter anderem war sie neunzehn Jahre lang in einem Altersheim im Nachtdienst als Pflegehelferin tätig, von Mitte der 1980er bis Mitte der Nuller-Jahre. „Mich beschäftigen die Probleme alter Menschen und die stetige, unaufhaltsame Veränderung der Welt, in der wir leben.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Berthe Arlo Nachts Wach

Mit einem Interview zur Pflegesituation heute

ein mikrotext

ePub-Erstellung: mikrotextCover: Inga Israel

Coverfoto: Aron Visuals, unsplashCovetypo: PTL Attention, Viktor Nübel

Schriften: Myriad Pro, Gentium Book Basic

www.mikrotext.de

ISBN 978-3-948631-19-2

Alle Rechte vorbehalten.

© mikrotext 2022, Berlin

Berthe Arlo

Nachts wach

Erzählungen

Mit einem Interview zur Pflegesituation heute

VIELE KLEINE LEUTE

AN VIELEN KLEINEN ORTEN,

DIE VIELE KLEINE DINGE TUN,

KÖNNEN DAS GESICHT DIESER WELT VERÄNDERN.

Sprichwort der Xhosa, Südafrika

Vorrede

Zwei Nachtwachen für über achtzig Bewohner.

Zusätzlich auf die Klingel gehen im angegliederten Wohnheim.

Dabei lauern die Gefahren gerade im Dunkel der Nacht.

Denn alte und auf Pflege angewiesene oder demente Menschen befinden sich in der gleichen schutzbedürftigen Lage wie kleine Kinder.

Ganz besonders in der Nacht können sie Gefahren nicht einschätzen, verlaufen sich, verletzen sich, ängstigen sich und was der Dinge mehr sind.

Auf Gedeih und Verderb sind die alten Menschen denen, die sie pflegen, ausgeliefert und auf fremde Hilfe angewiesen.

Dabei ist jede Nachtwache in jeder Nacht auf sich allein gestellt.

Denn jeder Nachtwache wird in jeder Nacht eine Verantwortung aufgebürdet, die sie eigentlich überhaupt nicht tragen kann.

Dank an alle Menschen, die im Nachtdienst arbeiten, dafür, dass sie

diese Zustände ertragen und aushalten,

oft ihre Pausen opfern und eigene Befindlichkeit hintenanstellen,

bei aller Überbelastung, versuchen, wenigstens ein klein wenig menschliche Nähe und Zuwendung den Menschen gegenüber zu zeigen, die ihnen anvertraut sind.

In folgenden Texten sind nur die baulichen Gegebenheiten und die Namen geändert.

Sonst ist nichts ausgedacht, erfunden oder fantasiert.

LADY

Nein, Frau Brahms wollte nicht ins Altersheim, auch wenn sich dies Seniorenheim nannte.

Allerdings hatte sie gegen ein Kurhotel nichts einzuwenden. Also verkauften ihre Angehörigen ihr das ganz gewöhnliche Altersheim als ein sehr vornehmes Kurhotel.

In diesem weilt sie nun schon einige Jahre.

Pflegepersonal? Nie gehört.

Das sind doch die Dienstboten von Frau Brahms.

Sie ist eine Lady, hat Allüren wie ein Opernstar.

Und die lebt sie mit Vorliebe in der Nacht aus.

Lang, dürr, immer in bodenlange weiße oder geblümte Nachthemden gewandet, lustwandelt sie durch die Nachtstunden.

Sie spricht ein gepflegtes Hochdeutsch.

Drückt sich sehr gewählt aus, wenn sie sich denn überhaupt dazu herablässt, das Wort an ihre Lakaien zu richten.

Auf ihre feinen Angehörigen sind die Nachtwachen stocksauer.

Sie brauchen ja nachts auch nicht den Zimmerservice zu machen.

Das sollten die sich mal ansehen!

Hin und her und her und hin durchmisst Lady Brahms ihr Gelass.

Und immer trägt sie dabei ihr geliebtes Fotoalbum im roten Ledereinband unter dem Arm.

Wenn ihr Nachthemd schon eingenässt ist, zieht sie es selbst aus und pfeffert es irgendwo hin,

meistens unter ihr Bett.

Dann trägt sie nichts mehr an ihrem dürren Leib als das Netzhöschen.

Wenn die Nachtwachen viel Glück haben noch mit der Einlage drin.

Wenn sie Pech haben, läuft alles, was diese Einlage eigentlich aufhalten sollte, schon an ihren Beinen herunter, tropft auf den falschen Perserteppich, der einen Teil des Fußbodens bedeckt. Aber auf diesen Teppich bestehen die Angehörigen, wegen der „Wohnlichkeit“.

Bald wird er stinken wie die Pest.

Aus diesen Gründen muss wenigstens eine der Nachtwachen bei jedem der drei Rundgänge nach ihrer Einlage sehen. Leider. Ansonsten könnte man sie einfach in Ruhe lassen.

Sie begrüßt sie dann jedes Mal ganz ladylike:

„Ich hatte aber nicht nach Ihnen geläutet. Wer gibt Ihnen das Recht, bei mir einzudringen? Ich muss Sie leider bitten, wieder zu gehen.“

Wahr und wahrhaftig. So sind ihre Worte.

Manchmal zerreißt es die Nachtwache fast vor Lachen.

Aber die Lady möchte nun in ebenso wohlgesetzten Worten zu ihrem Bett geleitet werden.

Denn sie weilt ja hier zur Kur.

Kapriziös ist sie, aber umgänglich.

Normalerweise.

Allerdings kann sie manchmal auch sehr ungnädig sein.

In den meisten Nächten können sich die Nachtwachen aufteilen, eine geht zu ihr und die andere kann schon ins nächste Zimmer.

Als Karena wieder einmal Nachtdienst hat, findet sie Frau Brahms in ihrem mit dunkelgrünem Samt bezogenen Lieblingssessel sitzend.

Dieser samtbezogene Sessel ist nicht wirklich ideal für sie. Er ist schon ganz fleckig.

Ihr Nachthemd hat die Lady zwar noch an, aber von züchtig bekleidet kann keine Rede sein.

Das Nachthemd steht bis zum Bauchnabel auf und das, was von ihrem Busen noch übrig ist, liegt blank und bloß. Darüber baumelt eine doppelreihige Perlenkette.

Sie hat ihre gesamte Schmuckschatulle geplündert.

An sämtlichen Fingern funkeln Ringe.

Ihre Armbänder und Armreifen klirren sacht, während sie in ihrem Fotoalbum blättert.

Ganz elegant, die kleinen Finger rechts und links abgespreizt.

Alle Lichter sind angeschaltet.

Nachttischlampe, Stehlampe und Deckenbeleuchtung.

Letztere ist in jedem Zimmer normalerweise eine Korblampe.

Aber bei ihr hängt, wie könnte es auch anders sein, ein Kronleuchter.

Der strahlt und glitzert mit seinen Kristallfacetten über dieser Idylle.

Sie kann sitzen bleiben. Sie trägt ihre Einlage noch und diese ist offenbar nicht eingenässt.

Spätestens beim Morgenrundgang muss die Einlage gewechselt werden.

Das geht nur zu zweit. Die Nachtwachen bitten sie mit ausgesuchtester Höflichkeit, die nasse Tena gegen eine trockene eintauschen zu dürfen.

„Tena? Was ist das? Davon hab ich ja noch nie in meinem ganzen Leben gehört!“

Wie viel Zeit das kostet, und manchmal muss bei ihr auch zwei- bis dreimal am Tag gewechselt werden. Und falls sie diese bereits von sich geschleudert hat, heißt es, die Lady waschen, Bett beziehen und Fußboden wischen.

Eigentlich sollte sie die Prozedur nach all den Jahren kennen.

„Aber, Frau Brahms. Zu Ihrer eigenen Sicherheit tragen Sie in der Nacht eine Einlage. Sie selbst mögen es doch am allerwenigsten, wenn Ihr Bett nass wird.“

„Mein Bett ist nie nass. Und ich trage nie und nimmer eine Einlage. Eine Unverschämtheit ist das, so was zu behaupten!“

„Liebe Frau Brahms. Bitte. Lassen Sie uns doch jetzt mal nachsehen. Bestimmt ist die Tena jetzt nass und wenn wir sie nicht wechseln, werden Sie wund. Das ist nicht gut. Bitte stehen Sie doch eben mal auf. Das geht doch ganz schnell!“

Die Nachtwachen reden auf sie ein.

Zu lang Nässe auf der Haut zu haben, macht eben wund und das gibt nichts als Ärger.

Jetzt trotz Zeitdruck auf keinen Fall nervös werden.

Die Stimmen keine Nuance anheben, sonst rastet die Lady aus.

Dann geht überhaupt nichts mehr.

Mit Engelszungen reden die Nachtwachen, helfen ihr vom Sessel auf, schlagen das Nachthemd hoch.

Schwer und tropfnass hängt die Einlage in der Netzhose.

„Sehen Sie mal, Frau Brahms, wie nötig das jetzt ist, Ihre Einlage zu wechseln, so nass wie sie ist. Bitte noch nicht setzen. Bitte bleiben Sie stehen. Sofort. Sofort sind wir fertig.“

In weiser Voraussicht hat eine der Nachtwachen die trockene Tena schon in der Hand.

Frau Brahms ist das alles lästig:

„Ich? Nass? Woher denn? Ich habe keine Einlage. Ich weiß von keiner Einlage. Ich werde mich beim Kurdirektor beschweren. Sie sind eine Zumutung. Beide. Und verrückt noch dazu!“

Sie schimpft lauthals, schlägt um sich und tritt.

Aber die Nachtwachen sind in Übung und fix.

Nasse Tena aus, trockene an, Netzhose hoch, Nachthemd runter.

Und sie sind froh, dass Frau Brahms nicht auch noch Stuhlgang gehabt hat.

Schon sitzt sie wieder unter dem strahlenden Kronleuchter in ihrem Sessel.

Puterrot im Gesicht vor Ärger.

„So was habe ich ja noch nie erlebt. Niemals!“

Sie erlebt jede Nacht die gleiche Prozedur.

So langsam müsste sie sich doch daran gewöhnt haben.

Nein.

Jetzt geht die Schimpferei erst richtig los.

„Sie sind eine ganz unverschämte Person. Und Sie auch. Noch dazu sind Sie alle beide vollkommen irrsinnig. Reden von nassen Einlagen. Behaupten, ich hätte so eine. Das geht zu weit. Das verbitte ich mir. Wo ist denn hier eine Einlage, die nass ist?“

Wie sie sich wieder ereifert.

Keine Nachtwache macht das zum Spaß oder etwa aus dem Grund, sie ärgern zu wollen.

Sie zeigen ihr die klatschnasse Einlage.

Der Zellstoff darin löst sich schon langsam auf und sackt nach unten. Gleich wird die Tena anfangen zu tropfen.

„Das da? Das ist nicht von mir. Von mir ist das nicht.“

„Ach, Frau Brahms. Von wem denn sonst. Ist ja auch gar nicht schlimm. Ist ja alles schon vorbei. Bitte. Regen Sie sich doch bitte nicht so auf.“

Sie starrt die nasse Einlage an, starrt die Nachtwachen an.

Erfahrungsgemäß ist sie jetzt ohne ein Riesentheater nicht mehr ins Bett zu kriegen.

Soll sie eben im Sessel sitzen bleiben.

Das Zimmer ist warm, Hausschuhe hat sie auch angezogen.

Mit einem tiefen Seufzer greift Frau Brahms nach ihrem geliebten Fotoalbum.

Sie legt es sich auf den Schoß, schlägt es auf, die Armreifen klirren sacht.

Sie schaut die zwei Nachtwachen an:

„Das mag ja wohl alles so sein, wie Sie sagen. Mich interessiert das aber nicht. Das interessiert mich nicht im Geringsten. Und somit können Sie sich jetzt entfernen.“

Sie macht eine gnädige Handbewegung in Richtung Tür.

Die beiden sind entlassen.

Der Kronleuchter funkelt in der Morgendämmerung.

Die Ringe werfen kleine Blitze.

Die Perlenkette schimmert.

Als wäre nichts gewesen, schlägt sie langsam Seite für Seite in ihrem Album um.

So leise es nur geht, ziehen die Nachtwachen die Zimmertür zu.

KOBOLD

Unter zerzausten pechschwarzen Strubbelhaaren lugen kohlrabenschwarze ängstliche Mäuseäuglein in diese Welt, die er wahrscheinlich gar nicht richtig begreift.

So wenig, wie wir wahrscheinlich sein gesamtes Weltbild begreifen, das die allerwinzigste Kleinigkeit erschüttern kann.

Herr Weise ist ein richtiger kleiner Kobold, aber nicht immer ein lustiger.

Von null auf hundert regt er sich auf, wenn die Tasse, aus der er seinen Frühstückstee trinkt, eine andere ist als die übliche aus dem Hausgeschirr, wenn es zum Mittagessen etwas gibt, das ihm ganz und gar nicht schmeckt, wenn ihm im Flur jemand auf der Seite, auf der er gerade geht, entgegenkommt, wenn im Speisesaal beim Essen laut gelacht wird, wenn ihn einer schief anguckt (wie er meint!) oder wenn er gerade dann angesprochen wird, wenn er nicht angesprochen werden will. Solcherlei Ereignisse bringen diesen merkwürdigen kleinen Mann fast um den Verstand. Er gerät vollkommen aus der Fassung.

Er ist dann beleidigt, total aufgeregt und isst kein Abendbrot.

Und natürlich kann er auch nicht schlafen.

Er rennt in seinem Zimmer hin und her und klingelt nach den Nachtwachen, aus dem einzigen Grund, dass er ihnen sein Problem von A bis Z und ganz ausführlich schildern kann.

Da Herr Weise Sozialhilfeempfänger ist, hat sein Träger ihn irgendwann mal aus seinem Einzelzimmer in ein billigeres Doppelzimmer verlegen wollen. Zum Glück geschah das nie.

Jede Nacht sind die Fenster geschlossen, ist die Heizung aufgedreht und die Tür zweimal abgeschlossen. Das zweimalige Verriegeln hat folgenden Grund:

In einer längst vergangenen Nacht kam ein völlig verhuschtes, uraltes Frauchen in sein Zimmer gewackelt und setzte sich mit der größten Selbstverständlichkeit in seinen geheiligten Sessel am Fenster und er saß in seinem Bett und schrie die Arme an:

„Hau ab! Hau ab! Hau bloß ab, du alte Hexe!“

Völlig unbeeindruckt von seinem Brüllen wankte und wich das Frauchen aber nicht, sie war ja stocktaub und so klingelte er Sturm.

Am Bett, im Bad, am Tisch, alle drei Klingeln drückte er.

Seither hat er panische Angst vor möglichen nächtlichen Besucherinnen.

Die Nachtwachen schauen dreimal in der Nacht bei ihm rein, aber die kennt er ja.

Nur wehe, eine vergisst zweimal abzuschließen. Na, da ist dann was los!

Einmal beschwerte er sich beim Tagdienst aufs Heftigste über Rajani. Dabei hatte sie nichts anderes getan, als in einer glutheißen Sommernacht den Rollladen in seiner stickigen Gruft hochzuziehen und das Fenster aufzureißen. Denn Herr Weise saß um fünf Uhr am Morgen klatschnass geschwitzt in seinem Sessel. Der Schweiß tropfte von seinen schwarzen Strubbelhaaren, die wie ein Heiligenschein um seinen Kopf standen und Rajani rubbelte ihn erst mal trocken, danach bugsierte sie ihn in sein Bett und deckte ihn wegen der Hitze nur mit einem Laken zu.

Aber er hat einen regelrechten Aufstand beim Tagdienst veranstaltet: Er könne ins Bett gehen, wann er wolle. Rajani habe in der Nacht überhaupt nicht zu bestimmen, ob überhaupt oder wann. Das lasse er sich nicht gefallen.

Dabei hat er die Rechnung ohne Rajani gemacht. Die hört sich seine Beschwerden über sie wortlos an. Baut sich in der nächsten Nacht vor ihm auf und spricht ganz ruhig:

„Mein lieber Herr Weise. Sie haben sich über mich beschwert. Und mir kann es im Prinzip auch egal sein, ob Sie im Stockdunkeln in Ihrem glutheißen Zimmer nassgeschwitzt im Sessel sitzen und nicht schlafen können. Ich hab damit kein Problem. Ich dachte nur, es sei für S i e besser, trocken und luftig im Bett zu liegen und noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Wenn Sie aber glauben, sich deshalb über mich beschweren zu müssen, wissen Sie, dann lasse ich es das nächste Mal einfach sein.“

Spricht’s, dreht sich um und will gehen.

Aber das ist Herrn Weise nun auch wieder nicht recht.

Ganz kleinlaut und verlegen will er am liebsten gar nichts mehr von seiner Beschwerde beim Tagdienst wissen, begleitet Rajani bis zur Tür und schließt selbst zweimal ab.

Und – Rajani ist seither sein erklärter Liebling!

In einer Nacht, als Nele und Karena Dienst haben, geschieht etwas, das sie so leicht nicht vergessen werden. Als sie in das Zimmer von Herrn Weise schauen, erschrecken sie sich fast zu Tode über die blutigen Fußspuren auf dem Boden und darüber, dass Herr Weise nicht in seinem im Bett liegt. Er sitzt, inzwischen mit Hausschuhen an den Füßen, auf der Toilette und guckt ganz verdattert, weil sie plötzlich vor ihm stehen.

Wo blutet er denn und wieso?

Das muss irgendwo an seinen Füßen sein.

Unter Protest ziehen sie ihm die Hausschuhe aus.

Wie sich schnell herausstellt, hat er sich am Fußrücken gekratzt und unglücklicherweise eine dicke Ader getroffen. In Windeseile legen die Nachtwachen ihm einen Druckverband an.

Überall der metallische Geruch nach Blut. Im Hausschuh des verletzten Fußes steht das Blut wie in Aschenbrödels Schuh und fängt an zu klumpen.

Ja, warum um alles in der Welt hat er denn nicht nach ihnen geklingelt?

Karena und Nele putzen den Fußboden, weichen den blutigen Hausschuh in einem Eimer ein und stellen ihn in die Dusche.

Im Schrank finden sie glücklicherweise ein zweites Paar Hausschuhe, das sie vor sein Bett stellen. Ihre einzige Sorge ist nur, dass er seinen Druckverband abreißt.

Eine halbe Stunde später, wer klingelt?

Herr Weise, oh je.

Da gehen sie am besten gleich zu zweit.

Sie schließen sein Zimmer auf, und als sie Licht machen, liegt er auf dem Rücken im Bett und starrt stumm an die Zimmerdecke, mit einem Ruck wirft er sich über den Bettrand und starrt unter sein Bett:

„Hier war jemand. Wer war hier? Unter meinem Bett liegen jetzt zwei Pfund Bohnenkaffee.“

Nichts blutig, der Druckverband ist noch dran. Was hat er denn? Er gibt keine Ruhe, regt sich wie üblich wahnsinnig auf. Wahrscheinlich ist er zur Toilette gegangen und hat seine alten Hausschuhe gesucht und dabei die anderen unters Bett geschubst. Karena beugt sich herunter und angelt danach.

Nele holt den Eimer mit dem eingeweichten blutigen alten Schuh.

Na, hoffentlich merkt er sich das alles und lässt weiter den Verband dran.

Jedenfalls verspricht er es.

Aber er wundert sich:

„Warum sagt mir denn keiner, dass wir einen Wasserschaden haben? Aber würden Sie bitte trotzdem die zwei Pfund Bohnenkaffee unter meinem Bett entfernen!“

Nele und Karena können sich kaum das Lachen verkneifen.

Karena sagt:

„Schon geschehen, Herr Weise.“

Sie stellt seine leichten Pantoffeln wieder vors Bett, genau in seine Blickrichtung. Wenn er seine Nachttischlampe anlässt, kann gar nichts schiefgehen.

Auch das verspricht er, legt sich wieder auf den Rücken, zieht seine Bettdecke hoch bis zur Nasenspitze und sagt:

„Zweimal abschließen. Dieser Bohnenkaffee. Von selbst rennt der ja nicht unter mein Bett …“

Auf seine Weise ist er ein liebenswerter kleiner Kobold.

GEDULD

Silvia ist bekannt für ihre Engelsgeduld.

Nichts kann sie so leicht aus der Ruhe bringen. Immer ist sie zu einem Scherz aufgelegt.

Aber heute Abend sitzt sie müde und erschöpft im Dienstzimmer, hat die aufgeklappte Pflegedokumentation vor sich liegen, starrt stumm hinein.

Der Spätdienst liegt hinter ihr und sie muss für die Nachtwachen die Übergabe machen.

Alle Bewohner sind schon zu Bett gebracht und ausnahmsweise ist es mal ganz ruhig in der Wohngruppe. Alles sollte eigentlich okay sein.

Da schaut Silvia hoch, schaut alle, die um den Tisch herum sitzen wortlos an. Langsam füllen sich ihre Augen mit Tränen und plötzlich sprudeln die Worte aus ihr heraus:

„Ich weiß nicht, wenn das hier so weitergeht, … ich glaube, ich hör auf. Ich muss hier aufhören. Es ist ja nicht die Arbeit. Ich kann wirklich hart arbeiten. Ich arbeite ja auch gerne hier. Aber wenn jeder Bewohner mich nur noch anmeckert, beschimpft und nach mir schlägt, mich kratzt, zwickt und beißt, mich an den Haaren zieht, … ich kann das nicht mehr. Ich bin doch hier, um zu helfen. Die Leute können es ja nicht mehr allein. Bekommen doch gar nichts mehr gebacken. Ich will ihnen doch ganz einfach nur helfen. Da bin ich die Frau Korn am Waschen und gleich brüllt sie los: ‚Lass mich doch gehn! Was willst du denn von mir? Lass mich in Ruhe, du blöde Sau, du Dreckmensch.‘ Ihr wisst ja, wie sie schimpft. Und dann schlägt sie, boxt, tritt nach mir und wirft das frische Nachthemd ins Klo, wo ausgerechnet blöderweise der Deckel nicht zugeklappt ist. Dann komm ich zur Frau Heide. Ich will ihr für die Nacht das Gebiss herausnehmen, um es in die Kuki-Dose zu legen. Da beißt sie mir mit ihren falschen Zähnen in die Hand und schreit: ‚Eine Unverschämtheit ist das, Sie grobes Weib! Zerren Sie nicht so an mir herum. Sie sind ja verrückt.‘ Dabei war ich wirklich vorsichtig. Blitzschnell reißt sie an meinen Haaren, verdammt noch mal, das hat vielleicht geziept, mir sind die Tränen gekommen. Und von der anderen Seite quatscht mir gerade die Frau Liese das Ohr ab. Schon wieder hat sie all ihre Schränke ausgeräumt, alles auf den Fußboden geworfen und fragt mich, warum ich das gemacht hab? Ich halte ihr die Nachtmedikamente hin und sie hat nichts Besseres zu tun, als reinzuspucken, und dann beschwert sie sich wütend, dass sie das nicht nehmen will, weil da jemand hineingespuckt hat. Nimmt es dann doch, und ich freue mich schon, in dem Moment spuckt sie mir das ganze Zeug ins Gesicht. Hinter mir kommt der Herr Stein derart leise ins Zimmer geschlichen, dass ich das gar nicht merke. Er ist auf dem besten Wege, Frau Liese eine zu schmieren, weil sie so unglaublich laut plärrt, ich solle endlich ihre Sachen in den Schrank räumen. Ich kann gerade noch seine Hand festhalten. Daraufhin boxt er mir in die Rippen, haut auf meine ohnehin schon lädierte Schulter, dass ich fast zusammenbreche. Egal wie, ich muss weitermachen. Ich rufe mir den Wolfgang zu Hilfe. Herrn Wieck kann ich nicht alleine machen, so einen schweren, steifen Brocken, wie er einer ist. Ich versorge ihn schon mal, soweit ich ohne Hilfe komme, und sage zu ihm: ‚Ach Herr Wieck, bitte krallen Sie sich doch nicht so am Bett fest, lassen Sie doch los, helfen Sie doch ein wenig mit, wir wollen Sie doch nur lagern.‘ Da krallt er sich auch noch mit der anderen Hand fest. Wolfgang und ich mühen uns ab, da lässt er plötzlich das Bett los, haut mir mit der Faust auf den Arm und schreit: ‚Halt’s Maul, du blöde Kuh, du alte.‘ Da könnte ich wirklich ausrasten. Das kann sich keiner vorstellen, der hier nicht arbeitet. Sie glauben das nicht mal, selbst wenn ich es ihnen erzähle. Aber ihr kennt das ja selbst. Nur. Ich kann das nicht mehr. Ich pack das nicht mehr. Wenn das immer so weitergeht, immer schlimmer wird, … dabei habe ich doch schon genug Nerven gelassen am Nachmittag. Herr Krag ist im Garten über eine Bank gestolpert und in die Büsche gedonnert, hat sich zum Glück nichts getan, ist ja weich gefallen. Aber bis ich den hochgehievt hatte! Inzwischen hatte sich Frau Best mit dem Herrn Müller so richtig gezankt. Er hat sie bei den Schultern gepackt und geschüttelt, also musste ich die beiden Kampfhähne trennen. Frau Diehl, Frau Greb, alle, alle schwätzen auf einen ein, brummen, schreien oder brüllen sich gegenseitig an, … das halte ich nicht mehr aus. Ich will doch wirklich nur freundlich sein, hilfsbereit, zu jedem. Leiner ist mal ein bisschen nett oder einfach ganz normal, keiner der wenigstens nur ein einziges Mal ‚Danke‘ sagt. Immer nur aggressiv. Ach, ... Mensch. Ich weiß auch nicht. Hilft ja alles nichts. Entschuldigung.“

Ein verzweifelter, hilfloser Monolog.

Jeder, der um den Tisch sitzt, kennt solche Tage oder Nächte.

Stumm legt Wolfgang den Arm um Silvias Schulter.

Sie wischt sich schnell über die Augen, putzt sich die Nase und zieht entschlossen die Pflegedokumentation zu sich heran.

Dann macht sie mit fester Stimme die übliche gründliche Übergabe für jeden einzelnen Bewohner.

DESPOT

Nomen est omen.

Er ist Altenpfleger und sein Nachname ist König.

Christoph ist sein Vorname, aber gnädig ließ er sich dazu herab zu sagen:

„Ihr könnt mich Chris nennen. Für alle meine Freunde bin ich nur der Chris.“

Er ist schon ziemlich lange da und sitzt fest im Sattel.

Mit seiner keinen Widerspruch duldenden Art hat er es in kürzester Zeit zum Wohngruppenleiter im dritten Stock gebracht, hier herrscht er über Bewohner, Personal und sogar die Ärzte fressen ihm aus der Hand.

Was er sagt, hat Gewicht. Wo es nur geht, lässt er den Kompetenten heraushängen.

Der dritte Stock ist sein Reich, hier regiert er seine Kolleginnen und Kollegen.

Und nicht nur das.

Seine Art, die Dinge und die Menschen zu sehen, steckt offenbar an.

Einige seiner Mitarbeiter wollen offenbar seine kleinen Kronprinzen und Kronprinzessinnen sein. Unerträglich, wie sie sich bei ihm einschleimen.

Im ganzen Haus gehen die Augenpaare gen Himmel, wenn sein Name fällt, der aber selten genannt wird. Er heißt bei allen nur „Doc“ oder „Prof“ und niemand mag seine selbstherrliche Art und schon gar nicht seine haarsträubenden Anordnungen.

Wie er mit seinen altbackenen Bonmots nerven kann.

Die Nachtdienstler kommen zur Übergabe in „sein“ Dienstzimmer und er empfängt sie mit:

„Na. Heute Nacht ohne Spesen nix gewesen. Oder etwa doch?“

Sehr witzig.

Er betritt die Szene jeden Morgen wie einer, der den totalen Durchblick hat.

„Was könnt ihr alle mir schon erzählen. Bevor ihr nur den Mund aufmacht, gibt es nichts, was ich nicht schon vorher noch besser weiß“, gibt er allen zu verstehen.

Stämmig ist er, seitlich gescheiteltes Haar, Menjoubärtchen über der Oberlippe, runde Brillengläser, sieht aus wie ein Oberlehrer Ende vorvoriges Jahrhundert.

Niemals erhebt er mahnend den Zeigefinger, und trotzdem macht es den Anschein, als tue er nichts anderes.

Ob die Nachtwachen jetzt wohl endlich mal zu ihrer Übergabe kommen?

Der Frühstückskaffee brodelt bereits in der Kaffeemaschine und duftet herrlich, Herr König hebt erwartungsvoll die Augenbrauen.

Schnell haben die Nachtwachen die Bewohner durch, zuletzt bleibt nur noch von Frau Hortek zu berichten und mit ihr ist das so eine Sache!

Kaum hat der Arzt ihr einen Blasenkatheter gelegt, passiert immer das Gleiche:

Sie muss rechts und links gelagert werden und hat deshalb jeweils ein Kissen im Rücken und eins zwischen den Beinen. Weil sie aber weder rechts noch links gerne liegt, hat sie jede Nacht, die ihr der liebe Gott gibt, nichts Eiligeres zu tun, als so schnell als möglich diese Kissen wegzuschieben, um wieder in ihrer Lieblingslage platt auf dem Rücken zu liegen.

Bei dieser unruhigen Rumrutscherei erwischt sie manchmal den Katheterschlauch. Meistens kommen die Nachtwachen früh genug, um ihn ordnungsgemäß zu ziehen, bevor sie sich selbst verletzen kann. Sie bekommt dann eine Klebewindel angelegt. In diesem Fall besteht akut die Gefahr einer Hautirritation. Doch ohne Lagerung werden ihre Beine immer krummer. Das ist wie bei der Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Aber.

Nun hat Herr König in seiner Herrlichkeit verfügt, dass überhaupt kein Katheter mehr gelegt wird. Bei ihrem pausenlosen Herumgezappel bekommt sie für die Nacht eine Klebewindel.

Basta.

Mit hochgezogenen Augenbrauen spricht er zu den Nachtwachen:

„So. Na denn. Frau Hortek, Frau Hortek. Mein Gott. Sie will eben unentwegt auf dem Rücken liegen. Dann bekommt sie halt wieder einen roten Po. Sie trinkt nicht bei euch in der Nacht? Na. Dann müssen wir das eben am Tag versuchen. Wenn. Ja, wenn wir dafür Zeit finden. Ihre Beine werden immer krummer, das andere jetzt auch? Ich weiß, ich weiß. Deswegen ist sie ja auch schon ewig am Jammern. Das hört ihr ja nicht mehr, ihr geht. Aber ich. Kaum komm ich am Morgen zum Dienst ...“

„Ja ja, kann sein, aber heute Nacht hatte Frau Hortek doch wieder einen Blasenkatheter. Ihre Angehörigen haben den Arzt bestellt und er hat einen gelegt, weil sie von den Klebewindeln schon wieder wahnsinnig wund ist. Trotz lagern, trotz öfter wechseln, trotz eincremen in einem fort. Prompt hat sie bei ihrer Rumwurstelei wieder den Schlauch vom Katheter in der Hand und da haben wir den vorsorglich gezogen, bevor sie weiter daran herumzerrt und sich selbst auch noch verletzt. Jetzt hat sie dann doch wieder eine Klebewindel an. Was sollen wir denn sonst machen? Wie soll das denn jetzt weitergehen?“

Also, die Augenbrauen von Herrn König wandern noch höher.

Das hört er jetzt gar nicht gerne.

Da werden seine Anordnungen einfach von den Angehörigen ignoriert!

„Immer dieses Getue mit dem Katheter, das ist doch nun wirklich …“

Er hebt an, eine salbungsvolle Rede an die Nachtwachen zu halten:

„Nun. So ist das eben mit unserer Frau Hortek. Wenn sie nicht will, dann will sie eben nicht. Ich kann sie ja auch zu nichts zwingen. Außerdem kostet das viel zu viel Zeit. Und gerade die haben wir in meiner Wohngruppe nicht. Bei diesem Personalschlüssel können wir uns nicht stundenlang nur mit Frau Hortek beschäftigen. Unmöglich. Auf den Rücken will sie immer? Dann bleibt sie eben auf dem Rücken liegen. Trinken will sie nicht? Dann trinkt sie eben nicht. Ich kann mich nicht zerteilen. Soll ich mich etwa neben ihr Bett setzen?“

Wie alle längst registriert haben, ist sein wichtigstes Wort PFLEGENOTSTAND, damit entschuldigt er seine ganze haarsträubende Bequemlichkeit.

Im Grunde ist dieser Herr König nichts anderes als nur unglaublich faul.

Wo er delegieren kann, delegiert er.

Wo er sich drücken kann, drückt er sich.

Alles ist ihm zu viel.

Fragt sich doch, warum er überhaupt Altenpfleger geworden ist.

14 Tage später ist der ganze Spuk vorbei und Herr König für immer von der Bildfläche verschwunden.

Wie ist das passiert?

Wie ging das zu?

Wer hat das fertiggebracht?

Keiner weiß was.

Möglicherweise haben sich Bewohner beschwert, solche, die noch für sich selbst sprechen können, vielleicht Verwandte von Bewohnern?

Gerade mit denen hat er sich immer gerne angelegt.

Wie auch immer, endlich ist „Doc/Prof“ weg und ein Aufatmen geht durchs Haus.

Verblüfft und schön blöd dran sind nur seine Kronprinzen und Kronprinzessinen.

Aber die werden ihr Fähnchen schon wieder nach dem nächsten Wind hängen, der da ganz bestimmt kommen wird …

SORGENFREI