Nachtstreuners Flaschenpost - Louis Leon Cherrel - E-Book

Nachtstreuners Flaschenpost E-Book

Louis Leon Cherrel

0,0

Beschreibung

Nachtstreuners Flaschenpost ist ein gesellschaftskritischer Roman der Popliteratur. Marten stammt aus einem elitären Umfeld: Der Vater ist ein vermögender Jurist und die Nachbarschaft ein Kollektiv von Spitzenverdienern. Die feste Freundin und seine Clique streben jedoch künstlerische Berufe an und haben ein weniger materialistisches Weltbild. Marten teilt viele ihrer Gedanken, dennoch schätzt er die materiellen Vorzüge einer erfolgreichen Karriere. Es entwickelt sich ein Konflikt, der ihn innerlich zerreißt und durch seine ausschweifende Abendgestaltung vorangetrieben wird. Nachtstreuners Flaschenpost ist der Versuch eine Generation zu beschreiben, die an der Vielzahl ihrer Möglichkeiten zu scheitern droht. Doch im Unverbindlichem sind die Tage kurz und die Nächte lang! Helle Blitze, flackernde Bilder: im Flugmodus durch die Straßen der Stadt. Wir sind wieder auf Jagd. Zack, zack, zack.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Louis Leon Cherrel

Nachtstreuners Flaschenpost

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog:

1: Morgens

2: Backsteine

3: Flimmern

4: Shopping

5: Session

6: Pfeffer

7: Steppen

8: Steigen und Fallen

9: Weiß zu Rot

10: UsuallyI’mWithDaHomies

11: Waschen

12: Vor Anker

13: Spazieren

14: Abflug

15: Fly Dude – Flugmodus

16: Landung

Impressum neobooks

Prolog:

Nachtstreuners Flaschenpost

-

Louis Leon Cherrel

Cover gestaltet von Julia Pagel

Er steht an der Haltestelle. Von rechts nähert sich der Zug. Die Wartenden sehnen seine Ankunft herbei. Durch das nicht mehr vorhandene Dach des Stahlgerüsts gleitet ein leichter Nieselregen. Die Anderen blicken dem Zug sehnsüchtig entgegen und nähern sich der Bahnsteigkante. Nur er wendet seinen Blick ab und sieht in der Ferne die vielen kleinen Fahrzeuge über die Autobahn huschen – zehntausende Regentropfen zwischen ihm und der Autobahn.

Als letzter betritt er den Zug. Er schiebt das nasse Haar mit einer flüchtigen Bewegung aus dem Gesicht, blickt sich kurz um und setzt sich auf einem Gangplatz nahe der Tür. Beide Hände in den Taschen seiner Sommerjacke schiebt er die Kappe seines Füllers auf und ab. Unablässig tut er dies, bis die zwei drei Minuten vergangen sind, welche die Bahn für die Strecke zum nächsten Halt benötigt und er sich durch die Massen am Hauptbahnhof drängt.

Er zieht den Kopf ein, weil er erneut auf den Regen trifft. Seine Füße hasten über die steinerne Bahnhofsplatte. Ein Sprint endet unter der Stahlkonstruktion, die sich die gesamte Königsstraße entlang wuchtet. Er richtet sich die Frisur, bis dutzende weitere Schritte ihn erneut in den Regen tragen und er wieder sein Tempo erhöhen muss. Er huscht unter einer Markise hindurch und betritt das Lokal. Der Autor bestellt sich Gebäck und eine Tasse Kaffee. Er setzt sich auf einen Hocker. Sein Blick ist zum Fenster gerichtet. Er holt liniertes Papier aus seinem Rucksack und aus der Jackentasche den Füller.

Der Autor sieht den Regen die Markise hinabrinnen. Er stellt sich vor, wie die einzelnen Tropfen freigelassen werden und einsam hinunterfallen. Dann aber landen sie gemeinsam auf der Markise, bündeln sich und rinnen als gestärkter Schwall diese entlang, nur um später durch die dafür geschaffenen Kanäle hinfort gespült zu werden.

Er sieht ein Pärchen mittleren Alters mit großen Schirmen durch die Straße laufen. Sie tragen teure Kleider und extravaganten Schmuck. Beide blicken verträumt in ihre Smartphones. Er malt sich aus, wie sie wohl zusammengekommen sind. Wie waren sie wohl, als sie sich verliebt haben? Wie haben sie sich schließlich wieder voneinander distanziert? Oder waren sie vielleicht nie ineinander verliebt?

Der Autor sieht geleerte Bier- und Schnapsflaschen an einem Hauseingang stehen. Er stellt sich vor, wie diese hektisch geext wurden, um günstig den benötigten Rausch für einen nahegelegenen Club herbeizuführen.

Ein junges Pärchen auf alten Fahrrädern: Sie stellen die Räder gegenüber ab. Trotz des Regens verweilen sie noch einen Moment auf der Straße, um sich gegenseitig einen Kuss zu schenken. Hand in Hand betreten sie das Lokal. Er stellt sich vor, wie diese beiden wohl zu ihrem Glück gefunden haben.

Der Autor führt die Tasse zum Mund, atmet durch die Nase den Duft ein. Er wirft einen flüchtigen Blick aus dem Fenster und wendet sich schließlich seinem Papierstapel zu. Ein letztes Mal schiebt er die Kappe vom Füller. Er presst die Feder auf das weiße Blatt, gleitet unzählige Male von links nach rechts. Nicht malerisch und schwungvoll, sondern krakelig, fleckig und schwer zu durchblicken bilden sich die mit schwarzer Tinte geschriebenen Wörter auf dem Papier. Sätze reihen sich an Sätze, Tinte wird lebendig, wenn sie ihrer Bestimmung folgt.

Konzentriert wie er ist, tut er nichts Anderes mehr, als mit seinem Füller aus schwarzer Tinte eine Geschichte zu formen, seinen schwarzen Kaffee zu trinken und sich die schwarze Frisur zu richten.

Schwarze Frisur

Schwarzer Kaffee

Schwarze Tinte

Es ist ein Regentag, die Szene stellt sich in schwarz-weiß dar. Wir sehen eine Kirche, werfen einen Blick hinein. Zensierte Blicke, Bank für Bank. Ein Chor singt, ein Pfarrer predigt.

Martens Elternhaus befindet sich in dem beliebtesten und zugleich elitärsten Viertel der Stadt. Eigentlich wird das Wort „Haus“ dem Gebäude nicht gerecht: Auf einem großräumigen Grundstück ziert es vielmehr den Erdboden. Man stelle es sich vor wie eines dieser Prachtbauten, die man bei einem Spaziergang durch die richtige Gegend, meist abgeschirmt hinter breitem und dichtem Buschwerk, nur erahnen kann. Ähnlich den Villen, in denen Castingshowmodels zu Prinzessinnen werden. Märchenschlösser solange die Kamera draufhält.

Die Mutter hatte, während sie mit Marten schwanger war, einen renommierten Architekten das Haus entwerfen lassen: Moderne Elemente, wie verdunkeltes Glas in der Fassade oder viele offene Räume im Inneren, wurden verknüpft mit älteren Stilen, wie einem kleinem Rundturm, altem Stein aus Südeuropa sowie hohen Decken, welche teilweise mit Stuck verziert wurden. Vor dem Haus stehen diverse, glänzende Wagen teurer Hersteller. Hinter dem Haus ist ein idyllischer Garten angelegt worden.

Alles in allem wird also deutlich: Marten lebt in keiner durchschnittlichen Familie. Es wirkt, als könne er den Traum des westlichen Lebensideals in vollen Zügen genießen. Er hat zum Beispiel zu seiner gerade erreichten Volljährigkeit ein Auto des Herstellers geschenkt bekommen, dessen abgebrochenes Wappen Punks am Rucksack tragen. Ein Geschenk, um das ihn wohl die meisten Jungen seines Jahrgangs beneiden.

Die letzten Sommerferien seiner Schulzeit neigen sich dem Ende zu. Er wird bald sein Abitur machen müssen, aus dem Elternhaus ausziehen, viele Freunde verlieren, mit anderen enger zusammenkommen, Mädchen kennenlernen, Mädchen nachtrauern und vieles erleben, was eben passiert in dieser prägenden Zeit.

Der Leser kann sich hier bereits eines denken: Auf einem Jungen, aus einer - oberflächlich betrachtet - so überdurchschnittlichen Familie, muss ein enormer Druck lasten. Ohne Ausschweifungen hiermit klarzukommen, kann eine durchaus schwierige Aufgabe sein.

Möge sich jeder sein eigenes Bild machen.

1: Morgens

Ich blicke in die gleißende Sonne Andalusiens. Mein Blick wandert vom Himmel hinunter in das Tal. Eingebrannt auf meiner Netzhaut bleibt der Himmelskörper als weißer Fleck in meinem Blickfeld bestehen. Nach und nach schrumpft die Sonne meiner Netzhaut wieder, sodass mein Sichtfeld sich erweitert. Ich hebe meinen Hut und wische mir den Schweiß von der Stirn. Der Hirte in der Ferne treibt seine Schafsherde voran. Ich klettere über einen großen Stein, um ihm zu folgen. Doch plötzlich weht stürmisch der Bruder der Levante auf und die Küste Afrikas ist zum Greifen nah. Ich greife zu, werde vom Wind mitgezogen, wirble über die Meeresenge und lande sanft vor einer mit lehmigem Boden bedeckten Gasse, in einer Stadt des schwarzen Kontinents. Die Gasse führt einen kleinen Hang hinauf. Ich folge dem Weg. Der Aufstieg ermüdet mich. Oben angekommen erblicke ich ein Glaswarengeschäft, in welchem Tee ausgeschenkt wird. Ich bestelle in einer fremden Sprache und ein Jüngling bringt mir ein Glas Tee. Ich trinke, blicke in das Glas und plötzlich verfärbt sich der Tee. Er verwandelt sich, nimmt den Farbton des lehmfarbenen Bodens an. Ich blicke tiefer in das Glas. Ich blinzele. Die neue Farbe des Tees nimmt mein gesamtes Blickfeld ein. Ich blinzele erneut. Der Tee ist verschwunden, nunmehr liegt der reine Boden vor mir. Ich hebe den Kopf. Der Jüngling Santiago sitzt neben mir. Die Sonne geht gerade auf. Er hat Reisegepäck neben sich auf dem Boden liegen. Wir rauchen gemeinsam die Nargile. Santiago zieht – beruhigendes Blubbern. Er atmet aus, reicht mir den Schlauch und spricht „Baktu“. Ich nehme einen tiefen Zug, schließe die Augen, lehne mich zurück – „Baktu“.

Vogelgezwitscher.

Ich öffne die Augen. In meiner Hand befindet sich eine hölzerne Lesepfeife. Ich blicke auf meine haarigen nackten Füße. Ich sitze auf einer Bank vor einem mit Gras bewachsenen Hügel, in welchem eine tiefgrüne, runde Türe eingelassen wurde. Um mich herum ein Bauerngarten: Kapuzinerkresse, Lavendel, Rosen und diverse Kräuter. Auch einige Weinreben hangeln sich den Hügel neben der Tür hinauf. Neben mir befindet sich ein kleiner Brombeerstrauch, von dem ich verträumt ein wenig nasche.

Ein Schlürfen links von mir lässt mich aufschrecken. Neben mir steht ein kleiner Mann, der aus einer weißen Porzellantasse Kaffee saugt. Er reicht mir auch eine Tasse und setzt sich neben mich auf die Bank. Auch er ergreift eine riesige Tabakpfeife, klappt eine Zeitung auf und fängt an langsam kleine Rauchringe in die vor uns liegende Hügellandschaft zu pusten.

„Ein wirklich wunderbarer Morgen mein Freund!“

Ich nicke zustimmend, nehme einen Schluck Kaffee und puffe den Tabak. In der Ferne sehe ich einen alten Mann näherkommen. Wie von selbst nehme ich noch einen tiefen Zug von der Pfeife und trinke den Kaffee mit einem großen Schluck aus. Eine unsichtbare Hand packt mich am Kragen. Die Kraft zieht mich herum, die kreisrunde Tür zur Höhle öffnet sich und ich werde hineingezerrt. Leise ertönt ein Geräusch, wie wenn jemand die Nadel eines Plattenspielers auf eine Schallplatte aufsetzt. Während ich nach der Quelle suche, erklingt eine Melodie: Es sind Reggae-Offbeats zu hören, eine Band wird auf Englisch angekündigt, ich suche weiter, jemand fängt an auf Deutsch zu singen, ich blicke in den nächsten Raum und entdecke endlich die Quelle: In dem Raum stehen elf Männer an unterschiedlichsten Instrumenten, alle tanzen und feiern ihre Musik. Einer der Männer verwandelt sich in einen Fuchs, rennt auf mich zu, springt mich an, reißt mich um und kläfft ununterbrochen im Rhythmus der Musik „aufstehen, …, aufstehen, …, aufstehen, …“ Der Fuchs reißt sein Maul auf und verschluckt meinen Kopf, ohne dabei mit dem Singen aufzuhören. Ich reiße mich herum, schlage mit Armen und Beinen um mich, versuche mich aus der Klemme zu befreien, doch im letzten Moment, gerade als die Beklemmung unerträglich zu werden scheint, schaffe ich es, das weiche Wesen von mir weg zu reißen und bin frei.

Ich blicke mich um. Strahlender Sonnenschein durchflutet den Raum. Meine Augen sind schwer. Ich versuch den Schlaf aus ihnen heraus zu reiben. Ich wühle meine Hand unter der Decke hervor und taste links neben meinem Bett den kleinen Nachttisch ab. Ich bekomme mein Handy zu fassen und schalte den Wecker aus. Der Song der Berliner Band stoppt abrupt. Ich blicke auf das Display. Keine neuen Nachrichten, nur die Uhrzeit. Mein Kopf dröhnt. Ein oder zwei Drinks weniger hätten es wohl auch getan. Wenn ich mich später beeile kann ich noch ein bisschen weiterdösen; verschlafenes Abwägen, doch schließlich überwiegt das Argument, dass man von kurzen Schlafperioden auch nicht wacher wird - die Schlummerfunktion ist gnadenlos. Ich reiße mit einem Ruck die Bettdecke von meinem Körper und schwinge mich auf die Bettkante. Aus der Nachtischschublade hole ich eine kleine weiße Packung hervor und schüttle sie nah an meinem Ohr. Wie ein kleines Kind sich über eine Rassel freut, so freue auch ich mich über das Geklimper der Packung. Ich lasse eine Brausetablette in der Wasserflasche verschwinden, die zu meinen Füßen bereitsteht.

Ich stehe auf, stecke mein Handy in die Tasche meiner Schlafanzughose und öffne eines der großen Fenster. Eine warme Sommerbrise streift mich und weht in das Zimmer. Die tiefrote wappenlose Flagge an der Wand schlägt Wellen. Das sommerliche Wetter der letzten Tage hat sich also gehalten. Diese Tatsache ist ein mindestens genauso gutes Schmerzmittel, wie die sich im Wasser auflösende Tablette.

Ich atme tief ein und erfreue mich noch einen Moment an dem angenehmen Wetter. Dann gehe ich zu meinen Anziehsachen, um zu sehen, ob alle meine Wertsachen noch da sind oder ob ich etwas verloren habe. Zuerst wühle ich in den Taschen der Jeans nach meinem Portemonnaie und lande direkt einen Treffer. Sehr gut! Und auch den zweiten Punkt meiner Suchliste kann ich schnell abhaken: Mein Schlüssel war zwar nicht in der Hose zu finden, doch ich sehe ihn auf meinem Schreibtisch herumliegen. Doch wo ist meine Uhr? Ich prüfe wieder meine Hosentaschen, den angrenzenden Sessel, grabe mich durch meine Bettwäsche, gucke noch mal über den Schreibtisch, wende mich erneut den Anziehsachen zu. Fuck! Wo ist meine Uhr?!

Stressschweiß, eine Hitzewelle.

Oh man, das wäre eine Katastrophe. Ok, ganz ruhig Marten, Ruhe bewahren. Ich setze mich auf meine Bettkante und trinke den letzten Schluck aus der Glasflasche. Am besten gehe ich in aller Ruhe durch, was ich gestern gemacht habe, nachdem ich Heim gekommen bin: Ich habe die Tür aufgeschlossen, habe meine Schuhe abgestellt und die Jacke aufgehängt. Hatte ich da meine Uhr noch an? Kein Plan! Egal, weiter überlegen: In der Küche ein vorgezogenes Frühstück, klassisch versackt und einen Drink heruntergekippt. Die nächsten Erinnerungen spielen bereits in meinem Zimmer: „Mad Men“ auf dem Laptop, die Zahnbürste im Mundwinkel, Laptop zugemacht. Kurz versucht zu lesen, bis die Buchstaben umherhüpften und der Inhalt direkt wieder in Vergessenheit geriet. Im Schlafanzug die Decke übergestreift, und gewartet, bis der Schlaf das Erlebte zu Erinnerungsresten werden lies.

Doch wann habe ich meine Uhr abgelegt? Habe ich sie verloren? Falls ich sie beim Zocken bei Friedrich vergessen hätte, hätte er mir bestimmt schon geschrieben.

Erneute Panik.

5000 Euro einfach so weg, das wäre schon leicht ärgerlich.

Doch dann ein Geistesblitz: Hatte ich mit dem Lesen nur aufgehört, weil mein Nervensystem mit dem Alkohol überfordert gewesen war? Don Drapers Konsum in „Mad Men“ war doch auch nicht geringer und er konnte trotzdem kreativ sein. Der eigentliche Punkt könnte gewesen sein, dass mich während des Lesens meine Uhr am Handgelenk gestört hatte.

Ja, jetzt glaube ich mich richtig zu erinnern: Ich hatte sie abgelegt und mir war aufgefallen, dass es schon halb sieben Uhr morgens war. Deswegen hatte ich bestimmt aufgehört zu lesen und nicht, weil ich zu betrunken war. Ich blicke also auf meinen Nachttisch und tatsächlich, unter einem aufgeklappten Buch liegt meine Uhr. Der ganze Stress mal wieder umsonst – sollte ich weniger trinken?

Wir haben früher häufig Familienurlaub in Bungalows in Südfrankreich gemacht. An heißen Sommertagen riecht für mich das Haus immer nach solchen Urlauben. Wegen der leichten Katerstimmung fühle ich einen Moment lang Fernweh und etwas Einsamkeit. Zwei drei Atemzüge später wird mir aber bewusst, wie sehr ich es mag, das Haus komplett für mich alleine zu haben. Meine Eltern waren vor ein paar Tagen zu einem Urlaub in unserem Ferienhaus in der Provence aufgebrochen. Ich atme noch einmal den Geruch ein, der mich so an die alten Urlaube erinnert. Immer diese Nostalgie. Ich schüttle den Kopf und lasse den Duft einfach von einer frisch entflammten französischen Zigarette überdecken.

Als ich die Treppe nach unten gehe, begleitet mich die Ruhe des leeren Hauses. Auf den letzten Stufen höre ich schon die Standuhr im Wohnbereich zweimal schlagen: 14 Uhr. Ich beseitige die Spuren meines Abendmahls und lege an der Musikanlage „Hest“ von Kakkmaddafakka auf den Plattenspieler.

Sommer – Freude – Tanzlust.

Laut mitsingend wärme ich einige Aufbackbrötchen im Ofen auf und mache mich daran Orangen für meinen Saft auszupressen.

Ein paar Minuten später sitze ich an meinem Lieblingsplatz im Garten: Der Tisch im Schatten, direkt am schmalen Bachlauf, der in unseren Teich mündet.

Mettbrötchen, Camembert mit Feigensenfsauce, Saft und ein starker Kaffee stehen vor mir bereit. Dazu noch diese Ruhe, weil niemand überflüssig smalltalken will. Der Tag rückt sich Stück für Stück in ein positiveres Licht. Eine neue Zigarette zwischen den Lippen strecke ich mich in der prallen Sonne. Ich lasse kleine Rauchschwaden in den sonst wolkenlosen Himmel aufsteigen. Der letzte Schluck schwarzen Suds wandert die Speiseröhre hinab und so kommen meine Gedanken langsam in Fahrt:

Die Ziehharmonika machte einen gewaltigen Knick. Mir wurde im Bus schon immer schlecht. Die Kurve wollte einfach nicht enden und ich wurde von der Zentrifugalkraft in die Seite meines Vaters gedrückt. Meine suchenden Hände fanden eine Stange und ich konnte mich zurück auf meinen Sitzplatz ziehen. Schwitzende Menschen tummelten sich in der Ein- und Ausstiegszone. Der Bus war völlig überfüllt. Mein Vater starrte angewidert in die Leere. Ich brauchte ihn nicht zu fragen, was er über die ganze Aktion dachte.

Nach ein paar Stationen fiel mir ein Mädchen auf. Zwei, drei Reihen schräg vor uns hatte sie sich hingesetzt. Sie ging in meine Stufe. Das wusste ich ganz genau, denn ich hatte sie schon mehrfach in der Schule beobachtet. Ich mochte sie, aber nicht nur, weil ich sie einfach wunderschön fand. Da war noch etwas Anderes. Selbstverständlich hatte ich es nicht gewagt sie anzusprechen. Nicht, dass sie irgendwie abgehoben oder unnahbar wirkte, eher die Natürlichkeit, auf der ihre Schönheit beruhte, machte sie für mich so schwer zu bewältigen. Theoretisch hatte ich keine Probleme damit, ein Mädchen anzusprechen, dass mich beeindruckte. Doch das hier, war für mich von Anfang an etwas ganz anderes gewesen.

Als ich nun kurz darauf erneut wuchtig in meinen Vater hineinrutschte, platzte es aus ihm heraus: „So eine nervige Kacke. Wo nehmen die denn ihre beschissenen Fahrer her. Keine Haltestelle schafft er anzufahren, ohne dass der halbe Bus aus den Fugen gerät. Wenn ich so meinen Beruf verrichten würde! Hätte ich mich mal nicht auf deinen Rat verlassen, sondern wäre einfach, wie ursprünglich geplant, mit dem Taxi gefahren!“

Mit grimmiger Miene überkreuzten sich seine Arme. Er hatte sich einen neuen Wagen gekauft, der nun früher als geplant abholbereit war. Allerdings war meine Mutter für einige Tage verreist und ich war zum Fahren noch nicht alt genug. Die Idee mit dem Bus kam von mir, denn eine Taxifahrt durch die halbe Stadt wäre deutlich teurer gewesen als die Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen. Dass mein Vater komfortverwöhnt und ihm der preisliche Unterschied gänzlich gleichgültig gewesen war, hatte ich irgendwie ausgeblendet. Ich war die Strecke schon öfter gefahren, doch nie im Feierabendverkehr. Wenn ich ganz ehrlich zu mir war, säße ich jetzt auch lieber im Taxi. Doch dann sah ich wieder das Mädchen und alles machte einen Sinn.

Wenige Haltestellen vor unserem Ziel stiegen einige junge Männer in den Bus. Sie unterhielten sich auf Arabisch. Ich sah mich um, damit ich die Reaktionen der anderen Fahrgäste einfangen konnte. Auf einmal fingen eine ältere Dame und ein Herr lautstark an, sich zu unterhalten: „Das wird noch ein ganzes Stück Arbeit, diese ganzen Flüchtlinge hier zu versorgen und die Kosten, die dadurch erst entstehen.“

Kopfschüttelnd gab der Gesprächspartner seine Zustimmung: „Aber hallo. Was die Merkel sich dabei denkt. Wir haben ja so schon kaum Ausbildungsplätze und dann sollen jetzt auch noch diese ganzen Asis hier aufgenommen werden. Die lungern doch wieder nur in Marxloh rum und machen ihre kriminellen Geschäfte. Da hab ich letztens noch was in der Zeitung gelesen.“

Immer mehr Fahrgäste beteiligten sich nun an dem Gespräch. Ich schämte mich und war einfach nur froh, dass diese jungen Männer noch nicht gut genug deutsch sprachen, um zu verstehen wie gerade über sie geredet wurde. Auf einmal ging einer der Sprechenden auf die Flüchtlinge zu und fragte sie, ob sie denn auch Fahrscheine hätten. Mittlerweile verfolgten die meisten Fahrgäste des Busses die Szene mit großer Aufmerksamkeit. Auch das Mädchen aus meiner Stufe blickte herüber.

„Fahrschein? Fahrschein? Du haben Fahrschein?“

Die jungen Leute verstanden natürlich nichts und blickten den Sprechenden einfach nur verwundert an.

Eine weitere Frau ergriff das Wort und fragte: „Do you have a ticket? A ticket? A ticket for the bus?“

Jetzt schienen sie zu begreifen und einer holte einen zusammengeklappten Zettel aus seiner Hosentasche und reichte ihn dem Mann. Dieser holte eine Lesebrille aus seiner Hemdtasche und begutachtete wie ein Kontrolleur das Dokument. Dann hellte sich seine Miene auf und er lachte, während er das Papier der Frau reichte: „Die haben gar kein Ticket. Das ist einfach ein Pass. Die fahren schwarz. Das war ja klar, dass die sich hier durchschnorren wollen.“

Die Frau wedelte hektisch mit dem Zettel des Flüchtlings in der Luft herum und sagte dabei mit mahnendem Blick zu ihm: „Nur weil ihr einen Ausweis habt dürft ihr doch nicht einfach Bus fahren. Das kostet euch eine Menge Geld.“

Dann wand sie sich zu dem Mann, der zuerst gesprochen hatte: „Ja das ist ja mal eine Unverschämtheit. Die sollten sofort ein Bußgeld bezahlen. Solche Leute muss man direkt hart rannehmen, sonst wird das ja mal gar nichts mit der Integration.“

Die jungen Männer schienen absolut nichts mehr zu verstehen und lächelten einfach nur verunsichert vor sich hin. Plötzlich stand das Mädchen aus meiner Stufe genervt auf. Schon im Gehen rief sie den beiden zu: „Meine Güte! Jetzt reicht es hier aber.“