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Vor Jahren waren Vanessa und Kian ein Liebespaar - in Deutschland. Doch Kian kehrt nach einem furchtbaren Streit mit Vanessa in sein Heimatland Namibia zurück, ohne eine Spur zu hinterlassen. Obwohl Vanessa lange unter der Trennung leidet, baut sie sich erfolgreich ein Grafikdesignstudio auf. Sie hat auch hin und wieder Beziehungen, doch immer noch gehört ihre Liebe allein Kian - dem großen, blonden, braungebrannten Mann aus Namibia. Längst hat sie die Hoffnung aufgegeben, ihn je wiederzusehen. Doch dann entschließt sie sich spontan, nach Namibia zu reisen. Wo sie Kian tatsächlich wiedertrifft, allerdings als verheirateten Mann mit Frau und Kindern. Vanessa versucht gegen ihre Gefühle die Tatsachen zu akzeptieren, wie sie sind, doch namibische Nächte unter dem klaren, sternenübersäten Himmel Afrikas haben ihre ganz eigene Magie ...
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Eine Liebe in Afrika
© 2013Oryx Publishers Windhoek, Namibia
www.oryx-publishers.com [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-99916-786-3-4
Coverfoto:
Es war trocken in diesem Jahr. Der große Mann mit den blauen Augen schaute in den wolkenlosen Himmel hinauf. Er stand auf einer Anhöhe mitten im Busch und verschmolz durch seine khakifarbene Kleidung gänzlich mit der Landschaft. Das Gras war gelb jetzt in der Trockenzeit, dem Winter hier im südlichen Afrika. Eine Zeit, in der es nie regnete und die Nächte einen kalt erzittern ließen.
Tagsüber schien jedoch die Sonne, und die braungebrannte Haut des Mannes zeugte davon, dass er viel draußen war. Sein strohblondes Haar wirkte ausgebleicht, wenn er den breitkrempigen Hut abnahm, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Denn jetzt, zur Mittagszeit, war es heiß, nachts allerdings fielen die Temperaturen manchmal sogar bis unter den Nullpunkt. Das war Namibia, das Land der Kontraste, groß und weit, ein Traum von Unendlichkeit.
Im Norden gab es Flüsse, Wasser genug, um die Felder und Weiden grün zu halten, im Süden regierte die Wüste. Die Namib im Westen, die sich bis an die lange Atlantikküste zog, und im Osten die Kalahari, sich weit über Namibias Grenzen hinaus nach Südafrika und Botswana erstreckend. Hier war das beherrschende Thema der Kampf ums Überleben ohne Wasser.
Der Mann ließ seinen Blick über die Trockensavanne schweifen, die nur spärlich mit dürren Sträuchern besetzt war. Es gab außer der kleinen Anhöhe, auf der er stand, keine weiteren Erhebungen, so weit das Auge reichte.
Er zog die Augenbrauen zusammen. Hinter einem der Sträucher hatte er eine Bewegung wahrgenommen. Ein Tier vielleicht? Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und sein Blick senkte sich starr auf den Punkt. Der Strauch war zu weit entfernt, um etwas zu erkennen, und in der Mittagshitze blieben die Tiere im Schatten, erst in der Abenddämmerung kamen sie heraus, aber er war daran gewöhnt, die kleinsten Anzeichen zu deuten. Ein langes, spitzes Horn, das kurz neben dem Schatten hervorlugte, sagte ihm, dass dort ein Oryx ruhte.
Selbst unter widrigsten Bedingungen ohne Wasser in der Wüste konnten Oryxe überleben. Deshalb war die Oryxantilope das Wappentier Namibias, aber sie war nicht selten. Durch ihre auffällige Fellzeichnung unterschied sie sich jedoch von den anderen Antilopenarten, die hier ebenfalls heimisch waren.
Der Mann versuchte, das schöne graue Tier mit der schwarzweißen Gesichtsmaske genauer auszumachen, aber die harte afrikanische Schattenbildung ließ das nicht zu. Wo Schatten war, war Nacht. Er verlagerte das Gewicht seines Gewehrs, das locker an einem Riemen von seiner Schulter hing. Heute brauchten sie kein Fleisch. Die Antilope konnte weiter in der Mittagshitze dösen.
Er drehte sich um und ging zu dem alten Land Rover zurück, der am Fuß der Anhöhe stand. Auch dessen sandfarbene Konturen waren im flirrenden Licht kaum zu erkennen. Nicht einmal das Gummi der Reifen, von Wüstenstaub bedeckt, stach farblich hervor. Fahrzeug und Fahrer waren perfekt an die Wüste angepasst.
Das laute Dröhnen des Motors, als der Mann den Wagen anließ, unterbrach brutal die umgebende Stille. Aber kein Vogel flog auf, kein Tier huschte davon. Es gab keine Vögel hier, und alle anderen Tiere warteten irgendwo versteckt darauf, dass die Hitze nachlassen würde, dass der Abend kam, um es ihnen zu erlauben, Nahrung und Wasser zu suchen. Selbst die Tok-Tokkie-Käfer ließen sich jetzt nicht blicken. Sie hatten sich tief in den Wüstenboden eingegraben, um der Mittagshitze zu entgehen.
Der Land Rover durchpflügte den Sand, bis er festeren Untergrund erreicht hatte und der Fahrer die Geschwindigkeit erhöhte, eine dichte Staubwolke hinter sich lassend, die den Weg wie Nebel verschleierte.
Nach einer Weile senkte sich der Nebel wieder, und jeder Hinweis auf eine menschliche Anwesenheit war verschwunden.
Die Wüste ruhte in sich selbst, sie brauchte die Menschen nicht.
»Trrt! Trrt! – Trrt! Trrt!«
Vanessa schreckte hoch. Forderndes Geklingel aus zwei Telefonen gleichzeitig ließ sie hektisch um sich blicken. Dann hob sie das Festnetztelefon ab und nahm das Handy in die Hand, um im Display lesen zu können, wer der Anrufer war.
Sie stöhnte leise auf. Und das an meinem letzten Tag! Ich will in den Urlaub!
»Ja, Herr Peters?«, meldete sie sich professionell freundlich auf dem Festnetztelefon, als sie das Handy stumm schaltete. »Was kann ich für Sie tun?«
Während sie zuhörte, starrte sie auf das Display des Handys. Es klingelte immer noch, war nur nicht mehr zu hören.
»Heute ist mein letzter Tag«, antwortete sie Herrn Peters mit einem etwas entnervten Gesichtsausdruck, den er aber glücklicherweise nicht sah. »Ab morgen bin ich in Urlaub.« Sie hörte kurz zu. »Zwei Wochen«, antwortete sie dann. »Kann es nicht so lange warten?«
Während ein Wasserfall von Worten aus dem Telefon auf sie einstürzte, schaute sie sich im Büro um. Auf dem Tisch, den sie als Schreibtisch benutzte, aber auch als Abstellfläche für alles Mögliche andere, stapelten sich Ausdrucke, abgelegte und nicht abgelegte Notizen, eine sonderbare Ansammlung von Firmenberichten gemischt mit Büchern – ein Stapel, der offensichtlich stets in Gefahr war umzukippen – und etlichen Kaffeetassen und -tellern. Auf größere Teller verzichtete sie mittlerweile generell, sie konnte sie nicht mehr auf ihrem Schreibtisch unterbringen.
»Ich weiß nicht, ob ich das heute noch schaffe«, warf sie ein, als Herr Peters eine Pause machte und ihr Gelegenheit dazu gab. Doch für ihn war das kein Argument. »Ist gut.« Sie versuchte, ein Seufzen zu unterdrücken. »Ich werde es fertig machen. Sie haben es morgen in der Post.«
Als sie auflegte, blickte sie erneut aufs Handy. Der Anrufer hatte aufgegeben.
Der Drucker blinkte. Sie erinnerte sich dunkel, dass sie einen Druckauftrag losgeschickt hatte, bevor sie das Telefon abnahm. Warum war das nicht längst herausgekommen?
Sie beugte sich über die blinkende Anzeige. Auch das noch! Der Drucker weigerte sich zu drucken, weil er keine Farbe mehr hatte. »Kannst du nicht ohne Farbe drucken?«, knurrte sie ihn an. »Und da nennt man uns Frauen zickig.«
Der Drucker äußerte sich nicht dazu, sondern blinkte fordernd weiter.
»Mist!« Vanessa fluchte und fuhr sich durch die Haare. Sie hatte keinen Ersatz für die Druckerpatrone, sie musste losgehen und eine kaufen. Aber es half nichts. Wenn sie den Auftrag von Herrn Peters und einiges andere heute noch erledigen wollte, musste sie ihr Büro verlassen. Sie verlor noch mehr Zeit, obwohl sie bereits zu wenig davon hatte.
In diesem Moment klingelte ihr Handy erneut. »Ja?« Ihr Gesichtsausdruck wurde abweisend. »Ich fliege heute«, antwortete sie auf eine Frage, die sie offensichtlich nicht glücklich gemacht hatte. »Das weißt du doch.« . . . »Um zweiundzwanzig Uhr zehn.« . . . »Nein, ich habe keine Zeit. Ich gehe hier in Arbeit unter. Das muss alles noch gemacht sein, bevor ich zum Flugplatz –« Der Anrufer ließ sich jedoch genauso wenig abwimmeln wie Herr Peters zuvor. »Ich habe es dir gesagt.« Vanessas Mundwinkel senkten sich. »Schon vor Wochen.« Sie starrte eine Weile in die Luft, während sie zuhörte. »Dafür kann ich wirklich nichts«, sagte sie dann. »Es tut mir leid, ich muss jetzt eine Druckerpatrone kaufen.« Sie legte auf.
Tief atmete sie durch, während sie in dem Gewimmel auf dem Tisch ihr Portemonnaie suchte. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit. Das war alles, was in ihrem Kopf pochte. Wie sollte sie das nur schaffen? Es war unmöglich, einfach unmöglich. Diese Hektik, dieser Stress.
Sie wollte dem allen nur noch entfliehen.
Stunden später saß Vanessa im Abflugbereich auf dem Flughafen. Sie hatte es gerade noch so geschafft einzuchecken, bevor der Schalter schloss.
Seufzend nahm sie ihren Laptop aus dem Handgepäckrucksack und öffnete ihn. Nun hatte sie wieder etwas Zeit. Sie konnte die Sachen per E-Mail verschicken. Hier auf dem Flugplatz war das überhaupt kein Problem mit den ganzen WiFi-Hotspots. Ihr Arbeitstag war noch immer nicht zu Ende.
Ob es dort im Busch auch Internet gab? Sie runzelte die Stirn. Vielleicht konnte sie ein paar Kunden dann noch von dort aus –
Wolltest du nicht Urlaub machen? Wenigstens für zwei Wochen? Nur zwei Wochen?
Sie wusste, dass ihre innere Stimme Recht hatte. Sie hatte sich so auf den Urlaub gefreut, gearbeitet wie eine Verrückte, um sich diesen Urlaub leisten zu können, um alle Kunden vorher noch zufrieden zu stellen, und nun dachte sie darüber nach, auch dort nur in den Computer zu starren, E-Mails zu schreiben, Entwürfe zu verschicken?
Nein. Sie klappte den Computer zu. Dann allerdings öffnete sie ihn wieder. Sie war noch nicht im Urlaub, sie war noch in Deutschland, und das hieß, dass sie noch einiges erledigen konnte. Als Grafikdesignerin mit einer eigenen kleinen Firma, in der sie selbst die einzige Arbeitskraft war, konnte sie es sich nicht leisten, Kunden zu verlieren.
»Gibt’s da was Interessantes zu sehen?« Ein Körper beugte sich von hinten über sie.
Vanessa zuckte zusammen. Sie roch das Rasierwasser des Mannes, bevor sie ihn sah. Unangenehm berührt beugte sie sich zur Seite, um dem penetrant moschusartigen Geruch ebenso zu entkommen wie der körperlichen Nähe. Sie klappte den Laptop im selben Moment zu, in dem sie »Nein« sagte.
»Das finde ich aber nicht«, erwiderte er. Er stieg mit langen Beinen über die Rücklehne der Bank, auf der Vanessa saß, und schaute ihr grinsend ins Gesicht. »Sie fliegen auch nach Windhoek?«
Vanessa konnte es nur unter größter Anstrengung vermeiden, mit den Augen zu rollen. Sonst noch Fragen? »Wenn ich nicht am falschen Gate sitze . . .«, antwortete sie.
Er ließ sich dicht neben ihr auf die Bank fallen. »Passiert Ihnen das oft?«, fragte er mit einem herablassenden Unterton. »Dass Sie am falschen Gate sitzen?«
Vanessa fühlte sich eingeengt. Dieser Kerl bedrängte sie in einer Art, auf die sie normalerweise mit Flucht reagiert hätte, aber sie musste hier in dem Bereich bleiben, sie konnte nicht weg. Selbst wenn sie aufstand, würde er ihr sicherlich folgen. »Nein«, sagte sie.
»Das ist Ihr Lieblingswort, oder?« Er zeigte gelblich verfärbte Zähne. Offensichtlich Raucher. Der Geruch hing an ihm und mischte sich mit dem Rasierwasser und eindeutigem Schweißaroma zu einem durchdringenden Gestank.
Vanessa warf einen kurzen Blick auf ihn. Wie viele der Mitreisenden, die auf den Abflug nach Afrika warteten, war er dem Zielland entsprechend gekleidet. Khakihemd, Khakiweste, Khakihose, breitkrempiger Lederhut – ein Möchtegern-Indiana-Jones.
»Unter gewissen Umständen tatsächlich«, antwortete sie. Sie hoffte, der kühle Ausdruck in ihrer Stimme würde ihn abschrecken, doch er war nicht die Art Mann, der solche Subtilitäten überhaupt wahrnahm. Und wenn, reizte es ihn wahrscheinlich zusätzlich.
»Sind Sie immer so spröde?«, fragte er unverschämt. »Es wird ein langer Flug. Wir könnten viel Spaß miteinander haben.«
»Den habe ich bestimmt. Wenn ich schlafe«, erwiderte Vanessa. »Schließlich ist es ein Nachtflug.«
»Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da.« Sein Grinsen wurde noch animalischer.
Vanessa schaute sich um. Alle Sitzplätze waren mittlerweile belegt, viele Leute standen auch. Auf der gegenüberliegenden Seite des Wartebereichs hatte sich eine Familie niedergelassen. Sie besetzten zwar eigentlich fünf Plätze, aber die Kinder standen immer wieder auf und liefen herum.
Sie steckte ihren Laptop in den Rucksack und erhob sich, ging zu der Familie hinüber. »Entschuldigen Sie, darf ich mich vielleicht zu Ihnen setzen?«
Die Mutter blickte etwas irritiert auf, weil sie eben noch mit einem ihrer Sprösslinge beschäftigt gewesen war. Dann warf sie einen Blick hinter Vanessa, wo ›Indiana Jones‹ immer noch grinsend saß, die Arme über die Lehne ausgebreitet. »Aber selbstverständlich«, sagte sie mit einem verständnisvollen Lächeln.
»Danke.« Vanessa setzte sich, zog wieder ihren Laptop heraus und klappte ihn auf.
Wirklich konzentrieren konnte sie sich aber trotzdem nicht, denn nun stiegen die Bilder vor ihrem inneren Auge auf, die sie während des Surfens im Internet von Namibia gesehen hatte. Statt einen der Grafikentwürfe zu öffnen, an denen sie hatte arbeiten wollen, öffnete sie ihren Browser und rief die Internetadressen erneut auf.
Bilder von Giraffen, Elefanten, Löwen und Geparden breiteten sich vor ihr aus. Schwarze Menschen, fast nackt, mit rot angemalten Körpern. Die Frauen trugen eine wunderbare Haartracht, mit Schmuck verziert, der ebenso wie Körper und Haare rötlich-braun schimmerte.
Dann erschienen Bilder von der Landschaft auf dem Bildschirm. Leere, weite Savannen, kaum ein Baum oder Strauch, und wenn es welche gab, dann sahen sie genauso aus wie in Jenseits von Afrika.
Es musste herrlich einsam sein dort. Erholung pur.
Nicht dass Einsamkeit ihr oberstes Ziel war. Sie hatte sich gewünscht, eine Familie zu haben, einen Mann, Kinder, ein kleines Haus mit Garten. Sie lachte etwas ironisch auf. Teenagerträume.
Nun ja, eine Weile war es kein Traum gewesen, oder zumindest hatte die Erfüllung des Traums nahe gelegen. Damals mit Kian . . .
Aber nach Kian war niemand mehr gekommen, mit dem sie diesen Traum hatte träumen wollen. Auch Steffen nicht. Sie atmete tief durch. Rief sie kurz vor dem Abflug an und hatte praktisch vergessen, dass sie nach Namibia fliegen würde.
Sie musste zugeben, sie hatte oft von Urlaub gesprochen und es dann doch immer abgeblasen. Zu viel Arbeit. Der Aufbau ihrer eigenen kleinen Firma hatte viel Zeit und Kraft gekostet. Grafikdesigner gab es wie Sand am Meer, es war schwierig gewesen, die Kunden davon zu überzeugen, dass ausgerechnet sie die Richtige war.
Doch am Ende hatte sie es geschafft. Sie hatte mehr Arbeit, als sie bewältigen konnte. Eigentlich hätte sie noch jemanden einstellen müssen, aber mit den ganzen Lohnnebenkosten in Deutschland war das unmöglich. So hatte sie fast rund um die Uhr gearbeitet, um alle Kundenwünsche erfüllen zu können.
Irgendwann jedoch, total erschöpft auf ihrem Sofa liegend, hatte sie im Fernsehen einen Bericht über Namibia gesehen. Ganz kurz nur. Er war vorbei, kaum dass sie es mitbekommen hatte. Doch dieser kurze Bericht hatte sie an etwas erinnert. An etwas, von dem sie geglaubt hatte, dass sie es schon lange vergessen hätte.
Sie hatte versucht, es erneut zu vergessen, aber es ging nicht. Immer wieder erschienen diese Bilder vor ihren Augen.
Bis sie eines Tages ganz spontan diesen Flug gebucht hatte.
Selbst sie hatte das für eine verrückte Idee gehalten, war schon drauf und dran gewesen, den Flug wieder abzusagen – bis Steffen darüber gelacht hatte. Wofür hielt er sie? Für ein kleines Mädchen, das nicht wusste, was es wollte? Sie war dreiunddreißig Jahre alt, eine erwachsene Frau mit einer eigenen Firma.
Sie hatte Steffen angeboten mitzukommen. Sie kannte ihn zwar erst seit einem halben Jahr, doch sie hatten noch nie einen Urlaub zusammen verbracht, und es wäre eine Gelegenheit gewesen, sich besser kennenzulernen. Normalerweise sahen sie sich nur am Wochenende, manchmal in der Woche abends, wenn sie zusammen essen gingen und danach in Vanessas oder Steffens Wohnung. Außer im Bett waren sie sich noch nicht sehr nahe gekommen.
Und als sich die Gelegenheit ergab, hatte Steffen sie nicht genutzt. Vanessa betrachtete sich nicht als gebunden, seit Steffen aufgetaucht war. Ihre recht zweckgebundenen Treffen hatten keine Verbundenheit aufkommen lassen. Aber Steffen war durchaus ein angenehmer Mann. Er verlangte nicht, dass Vanessa immer für ihn da war, ebenso wie sie das nicht von ihm forderte. Sie trafen sich, wenn sie Lust dazu hatten.
Dennoch hatte Vanessa sich vorgestellt, dass ein Urlaub diese Verbindung vertiefen könnte, dass vielleicht mehr daraus entstehen könnte. Obwohl sie nicht in Steffen verliebt war.
Nein, verliebt war sie nicht mehr gewesen seit . . . Kian. Wenn sie von einem Mann träumte, war er es. Obwohl ihre Trennung so furchtbar gewesen war. Sie hatte sich lange nicht davon erholt.
Aber das war Jahre her. Es gab andere Männer, und sie hatte sich dem nach einiger Zeit auch nicht mehr verschlossen, aber keiner von ihnen hatte dieselben Gefühle in ihr ausgelöst wie Kian. Dieses Gefühl von Eins-Sein, Nicht-voneinander-lassen-Können.
Ja, sie hatte sich mit Kian schon mit den Kindern in einem Haus mit Garten gesehen, lachend und unendlich glücklich.
Doch so war es eben nicht gekommen.
»Fliegen Sie ganz allein?« Die Mutter, die ihr so freundlich Zuflucht gewährt hatte, schaute sie fragend von der Seite an.
Vanessa nickte. »Ja. Ganz allein.«
»Wartet Ihr Mann in Namibia auf Sie?«
»Nein.« Vanessa lächelte unangenehm berührt. Warum musste eine Frau immer einen Mann haben? War sie allein nichts wert?
»Sie besuchen Bekannte?«
»Auch das nicht.« Anscheinend konnte diese geschickte Familienbeherrscherin – es benötigte in der Tat einiges, ihre dreiköpfige Rasselbande im Griff zu behalten, die immer ungeduldiger wurde – sich nichts anderes vorstellen, als dass Vanessa zu irgendjemandem gehörte.
»Sie wollen doch nicht etwa dort arbeiten?« Die Frau hob die Augenbrauen und deutete auf den Laptop.
»Nein.« Vanessa lachte, und diesmal war sie froh, Nein sagen zu können. »Das wollte ich eigentlich nicht. Ich fahre in Urlaub.«
Die Frau lächelte. »Ich würde niemals einen Computer in den Urlaub mitnehmen, schon gar nicht nach Namibia. Da gibt es doch so viel zu sehen. Waren Sie schon mal in Namibia?«
Vanessa schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Wir waren schon öfter in Namibia«, sagte die Frau. »Es ist wundervoll – und riesig, zweieinhalbmal so groß wie Deutschland. Aber ganz wenige Menschen.«
Vanessa nickte. »Ich weiß.«
»Es ist nur nichts für Leute, die im Urlaub so was wie den Ballermann suchen«, fuhr die Frau fort. »Die wären enttäuscht.« Sie warf einen leicht fragenden Blick auf Vanessa.
»So was brauche ich nicht.« Vanessa lächelte. »Im Gegenteil, ich freue mich auf die Ruhe, den Frieden. Ich habe in letzter Zeit sehr viel gearbeitet. Es reicht mir, irgendwo am Pool zu liegen.«
»Nur am Pool?«, fragte die Frau verwundert. »Das könnten Sie auch in Mallorca haben oder sonst wo. Einen Pool hat zwar jeder in Namibia, aber das Interessanteste ist doch das Land, die Tiere. Wir fahren sechs Wochen herum, wir werden im Zelt schlafen und jeden Tag woanders sein.«
Das kam Vanessa dann doch wieder wie Stress vor, wie die Hektik, die sie hinter sich lassen wollte. »Schön«, sagte sie. »Ich werde sicher auch ein paar Ausflüge machen.«
Die Frau seufzte. »Hoffentlich sehen wir Löwen, das ist nicht immer einfach. Und die Kinder sind so wild darauf.«
Vanessa schaute zu den Kindern, die nun langsam begannen, alles auseinanderzunehmen. Wild war tatsächlich der richtige Ausdruck. »Ich bleibe nur zwei Wochen«, sagte sie. »Da habe ich nicht so viel Zeit herumzufahren.«
»Nur zwei Wochen? Für Namibia?« Die Frau schien geradezu entsetzt. »Das ist ja gar nichts.«
Wahrscheinlich hatte sie Recht, aber Vanessa war froh, dass sie überhaupt diese zwei Wochen hatte. »Ich kann leider nicht länger«, antwortete sie, und in diesem Moment kündigte die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher an, dass sie nun ihr Flugzeug besteigen konnten.
In dem engen Schlauchfinger, der sie in die Maschine führte, drängte sich auf einmal jemand gegen sie. Vanessa erkannte den Geruch sofort.
»Wie wär’s mit einem kleinen Rachenputzer gleich im Flugzeug?«, fragte er.
Glücklicherweise waren sie schon kurz vor der Einstiegsluke, und Vanessa reichte der Flugbegleiterin ihre Bordkarte, ohne die Frage zu beantworten.
»Nach rechts, bitte«, sagte die adrett in eine blaue Uniform gekleidete junge Dame und lächelte.
Als Vanessa versuchte, ihr Handgepäck durch die engen Reihen zu manövrieren, hörte sie hinter sich noch, wie die Flugbegleiterin den nächsten Gast mit »Geradeaus und dann nach rechts« einwies. Zumindest musste sie nicht fürchten, neben ihrem anhänglichen Verehrer zu sitzen.
Sie fand ihren Platz am Fenster, verstaute ihr Handgepäck über dem Sitz und drängte sich mit etlichen »Entschuldigung. Entschuldigen Sie bitte« an ihrem Sitznachbarn, der bereits am Gang saß, vorbei. Ein bequemer Flug würde das nicht werden bei diesen engen Platzverhältnissen, doch für die erste Klasse reichte ihr Einkommen nun wirklich nicht.
Sie verstaute die Decke und das Kissen, die auf dem Sitz gelegen hatten, auf ihrem Schoß und schaute auf das Flugfeld hinaus. Der Boden glänzte nass. Fast ununterbrochen hatte es in den letzten Tagen geregnet. Und kalt war es auch. November.
Sie schauderte ein wenig zusammen und zog ihre Jacke enger um sich. Hier im Flugzeug war es auch nicht gerade warm. Sie tastete an der Armlehne nach den Knöpfen für die Sitzregulierung und stellte den Sitz etwas schräg, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Hoffentlich ging es bald los.
Obwohl eine ganze Menge Leute auf den Abflug der Maschine gewartet hatten, dauerte es nicht lange, bis alle eingestiegen waren. Eine Gruppe Männer auf den mittleren Sitzplätzen grölte herum. Offenbar hatten sie beim Warten dem Alkohol schon recht gut zugesprochen.
Das kann ja heiter werden, dachte Vanessa. Aber schon bald darauf folgte die Ansage, sich anzuschnallen und die Rückenlehnen gerade zu stellen. Vanessa tat es und griff nach dem Gurt.
Sie fühlte, wie langsam Aufregung von ihr Besitz ergriff. Bisher hatte sie keine Zeit dafür gehabt oder war von anderen Dingen abgelenkt worden, aber nun wurde es ernst.
In neuneinhalb Stunden würde sie in Namibia sein.
Vanessa erwachte von einem leichten Ruckeln. Sie war so erschöpft gewesen, dass sie nach dem Abendessen gleich eingeschlafen war und tatsächlich kaum etwas vom Flug mitbekommen hatte. Nun ging über den Wolken langsam die Sonne auf.
Es war ein herrlicher Anblick. Rötlich schimmernd färbte sich der Horizont, und gleich darauf stach ihr die Sonne bereits grell in die Augen. Sie wandte den Blick ab. Es war unmöglich hineinzuschauen. Die Luft war so klar, dass nichts die Pracht der Glut abmilderte.
Vanessa griff in ihre Handtasche und nahm ihre Sonnenbrille heraus. So geschützt konnte sie den Sonnenaufgang nun fasziniert beobachten.
Dabei bemerkte sie, dass über den Wolken eine falsche Annahme gewesen war. Als sie nach unten blickte, sah sie keinerlei Wolkenbildung. War das überhaupt möglich? Sie flog ja nicht zum ersten Mal, aber ohne Wolken war sie noch nirgendwo angekommen.
»Bin ich froh.« Der ältere Mann neben ihr seufzte. »Bald wieder zu Hause.«
Vanessa schaute ihn interessiert an. »Sie leben in Namibia?«
»Ich bin dort geboren.« Der Mann lachte leicht. »Sie denken, ich sollte eine dunklere Hautfarbe haben?«
»Nein, nein.« Vanessa lächelte etwas verlegen. »Ich weiß, dass es viele verschiedene Hautfarben in Namibia gibt, schwarz und weiß und eine Menge dazwischen.«
»Und alle leben friedlich zusammen«, sagte der Mann. »Darauf sind wir stolz. Ist ja nicht selbstverständlich, wenn man sich unsere Nachbarn ansieht, Zimbabwe zum Beispiel.« Er schaute an Vanessa vorbei zum Fenster hinaus. »Aber selbst Mugabe kann seinen Leuten das Licht nicht nehmen.«
Mittlerweile stand die Sonne hell am Himmel, weißgelb in der klaren Luft, der rotgoldene Schimmer war verschwunden.
Eine Flugbegleiterin kam mit einem Sack vorbei. »Die Decken, bitte.«
Vanessa wurschtelte sich aus ihrer Decke heraus und gab sie ihr. Die nächste Flugbegleiterin sammelte die Kissen ein, und es war deutlich zu spüren, dass sie sich ihrem Ziel näherten. Die Passagiere wurden unruhig, einige zückten ihre Fotoapparate und Videokameras, machten Aufnahmen durch die kaum dafür geeigneten Fenster. Vielleicht waren sie ›Ersttäter‹ wie Vanessa, denn etliche andere kümmerten weder der Sonnenaufgang noch der wolkenlose Himmel. Sie schienen das alles bereits zu kennen.
Endlich setzten sie zur Landung an, und während der Boden immer näher kam, erkannte Vanessa unter sich dunkle Hügel und eine Landschaft, die nur aus brauner Erde und ein paar Büscheln trockenen Grases zu bestehen schien. Häuser sah sie nicht, bis am Ende die Flughafengebäude auftauchten. Es sah aus wie ein Platz, auf den Kinder Legosteine gesetzt hatten. Sie hatte Bedenken, ob die Landebahn reichen würde.
Ihre Sorgen waren unbegründet. Die Maschine setzte auf, wurde langsamer, und der Pilot drehte sie, um an die richtige Stelle zu fahren.
Die Passagiere klatschten, einige begannen bereits, ihr Gepäck aus den Fächern zu holen, und generell machte sich Aufbruchsstimmung breit. Viele der Urlauber schienen es sehr eilig zu haben, an ihr Ziel zu kommen.
»Keine Zeit, keine Zeit«, bemerkte der Mann neben Vanessa kopfschüttelnd. »So seid ihr Deutschländer.«
Vanessa lächelte. »Ich bin mit der Absicht hergekommen, mir endlich einmal Zeit zu nehmen.«
»Richtig so.« Langsam erhob der Mann sich von seinem Sitz und gab damit auch Vanessa die Möglichkeit aufzustehen. »Wir hier in Afrika haben immer Zeit. Es gibt nichts, was so dringend wäre, dass es nicht Zeit hätte.«
Nun musste Vanessa lachen, während der Mann ihr zuvorkommend half, ihr Gepäck aus dem Fach über ihren Sitzen zu holen. »Das sollte ich mal meinen Kunden sagen!«
Er warf einen Blick zu dem Gedrängel am Ausgang. »Oder denen hier.«
Sie versuchten gemeinsam, eine Lücke zu finden, um sich in die Schlange einreihen zu können. Langsam ließ der Massenandrang nach, die meisten waren schon draußen.
Gleich darauf betrat Vanessa zögernd den obersten Absatz der Treppe, die hinunter zum Flugfeld führte. Hier gab es keinen Schlauchfinger wie in Frankfurt. Vanessa blieb stehen, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. Die warme Luft überfiel sie nach der Kühle des Flugzeugs unerwartet.
Sie blickte hinauf in den blauen Himmel. Trotz Sonnenbrille hatte sie den Eindruck, das Licht wäre sehr hell, so als ob sie gar keine Sonnenbrille tragen würde. Als sie sie jedoch kurz nach oben schob, ließ sie sie sofort wieder auf ihre Nase fallen. Ohne Sonnenbrille war es unmöglich, überhaupt etwas zu erkennen.
Die warme Luft streichelte sie, und sie merkte, dass sie viel zu dick angezogen war. Selbst jetzt, am frühen Morgen, hatte die Sonne hier, auf dem internationalen– auch wenn man das kaum glauben konnte – Flughafen der Hauptstadt von Namibia bereits eine unglaubliche Kraft.
»Wollen Sie noch länger hier stehenbleiben?« Die Stimme ihres freundlichen Sitznachbarn riss Vanessa aus ihrer Erstarrung.
»Nein, natürlich nicht. Entschuldigung.« Sie schaute ihn kurz an, lächelte und ging dann die Treppe hinunter. Ihre Schritte klangen metallisch nach auf den gelochten Eisenstufen.
Aber das merkte sie gar nicht. Sie war zu fasziniert von ihrer Umgebung. Wind wehte Sand über die Flugbahn, auch auf ihr Gepäck und die Passagiere, die sich in einer zerrissenen Schlange auf das Flughafengebäude zubewegten. Es gab lediglich dieses eine flache Gebäude, es konnte kein Zweifel aufkommen, wo man hinmusste. Rundherum breiteten sich nur weite Landschaft und Busch aus.
Dazwischen türmten sich die dunklen Hügel auf, die Vanessa schon aus der Luft beim Landeanflug gesehen hatte. Sie waren nicht wirklich hoch, aber hoch genug, um Vanessa an den Taunus zu erinnern, den sie so gut kannte. Doch die Hänge hier waren nicht grün, sondern bewachsen mit Grasbüscheln, ebenso gelb und trocken wie das Gras in der flachen Ebene darunter. Dazwischen stachen schroffe Steinabhänge hervor, wie abgebrochen und tausend Jahre alt.
Vanessa konnte sich kaum sattsehen an diesen Formationen. Sie hatte das Gefühl, in einem Land vor der Zeit gestrandet zu sein, wo jeden Moment ein Dinosaurier stampfend aus dem Busch auftauchen konnte. Nichts war so, wie sie es erwartet hatte, und trotzdem – ja, trotzdem hatte sie das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.
Sie schüttelte irritiert den Kopf, während sie ihren Handgepäck-Trolley etwas mühsam über den rissigen Betonbelag zog. So ein Unsinn.
Dennoch ließ sie dieses Gefühl nicht los, als sie nun das Flughafengebäude betrat.
Schon als sie sich in die Schlange einreihte, die sich vor dem Einreiseschalter gebildet hatte, merkte sie, dass es hier viel gemächlicher zuging als in Europa. Niemand schien Eile zu haben, die Passagiere abzufertigen. Zum Ärger einiger Urlauber, die ungeduldig waren, ihr Urlaubsziel endlich zu erreichen, und daraufhin freundlich, aber bestimmt aufgefordert wurden, zu warten. Außerhalb der Reihe.
Vanessa musste lächeln. Anscheinend hatten die Leute hier keine Vorliebe für Drängler. Die Langsamkeit des Lebens sollte nicht gestört werden.
Endlich kam sie an die Reihe und legte ihren Pass und das Einreiseformular vor, das sie schon im Flugzeug hatten ausfüllen müssen.
»Ferien?«, fragte das ebenholzschwarze Gesicht der Einreisebeamtin und ließ nicht die Spur eines Lächelns erkennen.
»Ja.« Vanessa nickte.
»Füllen Sie das hier aus.« Die uniformierte Beamtin schob Vanessa das Formular über den hohen Tresen, hinter dem sie saß, zurück und zeigte auf einen Abschnitt, den Vanessa nicht ausgefüllt hatte. »Wo werden Sie wohnen?«, fragte sie schlecht gelaunt, jetzt vielleicht noch schlecht gelaunter als zuvor, weil Vanessa dem Formular gegenüber zu wenig Respekt gezeigt hatte.
So kam es Vanessa jedenfalls vor. Sie hatte die Frage nur schlecht verstanden, denn die Beamtin sprach Englisch mit einem starken Akzent. »Auf einer Gästefarm«, antwortete sie schnell. Ihr Herz pochte unnötig schnell. Es gab nur noch so wenige Grenzen in Europa. Eine solche Behandlung, als wollte man als Eroberer in ein Land eindringen, war doch sehr ungewohnt.
Die Beamtin hob die Augenbrauen. »Name? Wir haben viele Farmen hier.«
»Oh. Ja.« Vanessa beeilte sich, den Namen der Farm in das Formular einzutragen. »Natürlich. Entschuldigen Sie.« Sie wollte nicht dasselbe Schicksal erleiden wie die Frau vor ihr, die noch immer ungeduldig und gestresst neben der Reihe wartete.
Nachdem Vanessa den Zettel vollständig ausgefüllt hatte, erhielt sie den Stempel in ihren Pass, das Touristenvisum für neunzig Tage. Wenn ich doch nur so lange hierbleiben könnte, dachte sie für einen Moment sehnsüchtig.
Aber dann musste sie weiter, zum Gepäckrondell, um auf ihren Koffer zu warten.
Es war eine Geduldsprobe, denn die Koffer kamen und kamen nicht, das Gepäckrondell drehte sich völlig sinnlos vor sich hin, ohne ein einziges Gepäckstück auszuspucken.
Eine Frau, die ebenfalls eine Uniform trug, aber nicht dieselbe wie die Einwanderungsbeamtin, kam auf das Gepäckband zu, warf einen sehr missbilligenden Blick darauf, fragte dann die Passagiere: »Sind die Koffer noch nicht da?«, erntete einhelliges Kopfschütteln und machte plötzlich den Eindruck einer wutschnaubenden Lokomotive. Sie ging nach draußen auf das Flugfeld, wo einige schwarze Männer gemütlich herumstanden und -saßen und miteinander lachten, und schnauzte sie in einer unverständlichen Sprache an, woraufhin die Männer wie Gummibälle aufsprangen und plötzlich losrannten.
Vanessa musste lächeln. Es schien so, als hätten die Frauen hier mehr zu sagen als die Männer. Das hatte sie nicht erwartet. Sie blickte durch die Glasscheibe noch einmal zu dem Airbus hinaus, mit dem sie gekommen waren. Er stand einsam und verlassen auf dem weiten Gelände vor dem Panorama des afrikanischen Hochlandes. Es sah aus, als stände das große Flugzeug mitten im Busch. Viel Betrieb war hier nicht.
Kein großer Bahnhof, kein Gate, keine schlauchförmige Anbindung an die Maschine, einfach nur eine Treppe, die von einigen der Männer, die jetzt so aufgescheucht herumliefen, herangerollt worden war und dann unten festgehalten wurde, damit sie nicht wieder wegrollte. Man kam sich ein wenig so vor, als wäre man in einem Film aus den dreißiger Jahren gelandet.
»Sie braucht nur noch eine Peitsche, oder?« Eine unangenehme Stimme, bei der sie gern darauf verzichtet hätte, sie je wieder zu hören, drang an Vanessas Ohr. Und auch den Geruch erkannte sie sofort. »Schwarze Frauen.« Es klang sehr verächtlich, aber Vanessa hatte den Eindruck, dass das nichts mit der Hautfarbe zu tun hatte. Dieser Möchtegern-Indiana-Jones hielt Frauen generell für eine untergeordnete Art.
Sie würdigte ihn keiner Antwort und blickte starr vor sich hin, in der Hoffnung, dass die aufgescheuchten Männer das Gepäck nun bald bringen würden. Und tatsächlich, endlich zeigte sich ein Koffertransporter auf dem Flugfeld, auf dem Weg zu der Klappe, durch die die Koffer auf das Gepäckband gelegt wurden.
Ein paar Minuten später erschien das erste Gepäckstück. Die Passagiere atmeten hörbar erleichtert auf, und man hatte das Gefühl, sie hätten bald geklatscht.
Der Mann neben Vanessa gab ein abschätziges Geräusch von sich. »Afrika. Der unfähigste Kontinent, den es gibt.«
Sie wollte eigentlich nichts dazu sagen, aber seine Arroganz brachte ihr Blut zum Kochen. »Und warum sind Sie dann hier?«, fragte sie mit wütend blitzenden Augen.
Er grinste. »Trophäenjagd. Gleich hole ich mein Gewehr beim Zoll ab, und dann geht’s los. Ich hoffe, ich kriege einen Elefanten vor die Büchse. Der fehlt mir noch in meiner Sammlung. Aber wenn nicht, gibt es ja noch genug andere Tiere.«
Vanessa wandte sich angewidert ab. Glücklicherweise sah sie in diesem Moment ihren Koffer auf dem Band auftauchen. Sie lief ihm schnell entgegen, nahm ihn herunter und zog ihn zusammen mit ihrem Trolley zum Ausgang.
Als sie den Zoll passiert hatte – niemand hatte sich für ihr Gepäck interessiert, sie war einfach durchgewinkt worden –, öffnete sich eine Tür in eine erstaunlich große Halle. Bis jetzt hatte Vanessa den Eindruck gehabt, alles hier wäre sehr klein.
Sicherlich, diese Halle ließ sich auch nicht mit der auf dem Frankfurter Flughafen vergleichen, aber immerhin vermittelte sie einen gewissen Eindruck von Modernität. Metallisch schimmernde Bänke für die Wartenden, wie man sie auch aus Europa kannte, die bekannten Zeichen der Autovermietungen, ein Geldautomat, ein Souvenirshop, sogar ein Café.
Sie schaute sich suchend um. Man hatte ihr mitgeteilt, sie würde abgeholt.
In der Nähe des Ausgangs, durch den sie gerade getreten war, sammelte sich eine ganze Menge Menschen mit Schildern. Auf den Schildern standen Namen. Einige der Männer, die die Schilder hochhielten, riefen die Namen auch.
Plötzlich meinte Vanessa ihren eigenen Namen zu hören. Sie versuchte, den Sprecher auszumachen, und ging auf ihn zu. »Ich bin Vanessa Kluge.«
Der Mann zeigte blendend weiße Zähne in einem schwarzglänzenden Gesicht, das sehr freundlich erschien. »Ich bin Johannes.«
Er sprach Deutsch, was Vanessa irritiert stutzen ließ.
»Wir müssen auf die anderen warten«, klärte Johannes sie auf. »Noch zwei.« Er ließ seinen Blick wieder zum Ausgang schweifen.
Vanessa nickte, immer noch überrascht. »Sie sprechen gut Deutsch«, bemerkte sie.
»Der Baas ist deutsch«, erwiderte Johannes, wieder seine weißen Zahnpastawerbungszähne zeigend. »Und ich war in Otjimbingwe als Kind.«
Vanessa schaute ihn leicht verwirrt an. »Otjim- . . .« Sie konnte den Namen nicht aussprechen. Er erschien ihr sehr fremd. »Das klingt aber gar nicht deutsch.«
»Die deutschen Missionare aber«, grinste er wie ein Honigkuchenpferd. »Ich bin in der Missionsstation aufgewachsen.«
Ein älteres Ehepaar trat auf sie zu. »Guten Tag, Johannes. Wie schön, dich wiederzusehen.« Die Frau strahlte geradezu, während der Mann offensichtlich versuchte, seine Rührung zurückzuhalten, und Johannes mit einem betont männlichen Handschlag begrüßte.
Johannes strahlte jedoch ohne Rücksicht auf Verluste über das ganze Gesicht. »Schön, dass Sie wieder da sind«, erwiderte er.
Vanessa bemerkte, dass das deutsche Ehepaar Johannes duzte, während er sie siezte. Es rief ein komisches Gefühl in ihr hervor. Sie wusste, dass die Apartheid lange vorbei war, aber hier, in diesem Moment, kam es ihr so vor, als ob es in diesem Land immer noch zwei Klassen Menschen gab.
Alle zusammen begaben sie sich durch die Halle auf den weitläufigen Parkplatz hinaus. Außer Johannes hatten auch andere Fahrer so langsam ihre Gäste eingesammelt, und überall bewegten sich kleine Gruppen zu verschiedenen Fahrzeugen.
Was diesen Fahrzeugen allen gemein war, war ihre Größe. PKWs schien es hier nicht zu geben. Es gab einige Kleinbusse, aber die meisten Wagen, die auf dem Parkplatz standen, waren große Allradfahrzeuge. Und die meisten sahen erstaunlich neu aus.
Vanessa huschten Bilder von nur noch vom Rost zusammengehaltenen Autos durch den Kopf, aus Filmen, die in Dritte-Welt-Ländern spielten, oder aus Reportagen. Schwarze Fahrer, deren Kleidung aus mehr Löchern als Stoff zu bestehen schien, Dreck, Müll, Chaos, lautes Hupen, unüberhörbare lebensfrohe Gespräche oder Streit.
Nichts davon traf hier zu. Alles war ruhig, unauffällig, sauber, neu.
Nun ja, der Belag des Flugfeldes, über das sie den Weg ins Flughafengebäude genommen hatten, hatte nicht so neu ausgesehen. Auch die Menschen, die dort arbeiteten, wirkten nicht gerade reich. Aber so arm, wie Vanessa es sich vorgestellt hatte, auch nicht.
Sie folgte Johannes und den beiden anderen Gästen zum Wagen. Hier endlich zeigte sich ein wenig von dem, was sie erwartet hatte: Der Wagen war ein alter Jeep, der ziemlich klapprig aussah. Zudem musste Johannes durch Matsch gefahren sein. Die Spuren hingen in Form von hohen Dreckspritzern am Auto.
Vielleicht bin ich doch in Afrika, dachte Vanessa lächelnd und stieg ein.
Der alte Jeep rumpelte mit Vanessa und den beiden anderen Passagieren über die Schotterpiste, hinter ihnen eine dicke Staubwolke hinterlassend. Vanessa schaute fasziniert zum Fenster hinaus.
Vom Flughafen aus waren sie zuerst auf einer Teerstraße gefahren, aber auch dort schon hatte sich links und rechts der Straße nur Buschland ausgebreitet. Die Straße wirkte wie ein schwarzes Band zwischen den mit trockenem Gras bedeckten Hügeln.
Sie waren eine Weile unterwegs, als Johannes auf einmal abbremste und nach vorn zeigte. »Baboon.« Er lachte.
Vanessa hatte zwar bereits von Weitem dunkle Schatten am Straßenrand gesehen, das aber für Sträucher gehalten. Nun erkannte sie, dass es Affen waren. Paviane. Eine große Familie mit erwachsenen Tieren und sehr vielen kleinen Äffchen, die sich entweder an die Mutter klammerten oder neben ihr her hoppelten, immer Unsinn im Kopf. Einige der erwachsenen Tiere schienen etwas zu fressen gefunden zu haben, hockten auf ihrem Po, kauten gemütlich und schauten dem Auto entgegen. Sie schienen keine Furcht zu haben.
Plötzlich beschloss die Gruppe, die Straße zu überqueren, und auch das lief sehr gemütlich ab. Ein großes Männchen ging voraus, schaute sich um, erreichte die andere Straßenseite und blickte zurück. Als wäre das ein Signal gewesen, setzten sich nun die anderen Affen der Horde in Bewegung.
Vanessa konnte es kaum glauben. Da saßen Paviane einfach so am Straßenrand. In freier Wildbahn. Sie lebten offensichtlich ganz ursprünglich, und die Straße war nur ein Teil ihrer Umgebung, dem sie keine besondere Bedeutung zumaßen.
Roswitha, die eine Hälfte des Ehepaares, das neben Vanessa saß, lachte. »Beim ersten Mal ist das immer eine Überraschung, nicht? Ich habe auch so dagesessen wie Sie. Wenn man die Tiere nur aus dem Zoo kennt . . .«
Vanessa schüttelte den Kopf. »Das ist . . . unglaublich. Die gehören niemandem, und niemand kümmert sich um sie?«
Johannes zuckte die Achseln. »Nein, warum? Baboons gibt es genug. Um die muss sich niemand kümmern.« Er fuhr weiter.
Vanessa drehte sich um und verfolgte die Pavianfamilie noch eine Weile mit den Augen, bis sie in den Hügeln neben der Straße verschwunden war.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie von der Teerstraße auf eine Schotterstraße abbogen und der Anschein von Zivilisation vollkommen verschwand. Das Gras wurde dichter, der Weg war voller Löcher, die zum Teil mit Sand aufgefüllt waren, in denen der Wagen wie auf Eis schlitterte.
Vanessa klammerte sich an den Vordersitz, da es sonst keine Möglichkeiten gab, sich festzuhalten. Die Federung des rustikalen Gefährts entsprach auch nicht gerade dem, was heute so Standard war. Für Rückenkranke war das nichts. Gurte, um sich anzuschnallen, waren ebenfalls nicht vorhanden. Wenn man sich diesen Wagen so betrachtete, schien er noch aus einer Ära zu stammen, als Sicherheitsmaßnahmen absolut kein Thema gewesen waren.
Dennoch – oder vielleicht gerade weil das alles so ursprünglich war – fühlte sie das Hochgefühl in sich ansteigen, das sie bereits seit der Landung empfand. Am Rand dieser Straße, die eigentlich gar keine war, liefen immer wieder Leute entlang – allerdings nicht so angezogen, wie Vanessa es von den Bildern in Erinnerung hatte, sie trugen ganz normale Kleidung, T-Shirt und Hose oder auch so eine Art knallblauen Arbeitsanzug, einige Frauen mit Kindern hatten ihre meist recht rundlichen Körperformen in eher afrikanisch wirkende Kleider gehüllt.
Johannes winkte ihnen zu, hielt den Wagen manchmal an und wechselte ein paar Worte mit ihnen, alle schienen sich irgendwie zu kennen. Die schwarzen Gesichter lachten, und offenbar machten sie Bemerkungen über Johannes’ Fahrgäste, was die aber nicht verstehen konnten. Die Sprache klang nicht wie irgendetwas, das Vanessa je gehört hatte. Sie bestand nicht nur aus Wörtern, sondern auch aus einer Art Klick- und Schnalzlauten, bei denen Vanessa sich fragte, wie sie erzeugt wurden. Es schien, als könnten die Leute gleichzeitig sprechen und klicken oder schnalzen.
»Ich wusste nicht, dass die Gästefarm so weit von Windhoek entfernt ist.« Vanessa schaute ihre Mitreisenden an. »In der Beschreibung klang es, als wäre sie ganz nah.«
Siggi, Roswithas Mann, lachte. »Das ist sie auch. Für namibische Verhältnisse. So eine Strecke gilt nicht als weit, wenn eine Farm mehrere tausend Hektar groß ist.« Er lächelte Vanessa zuversichtlich an. »Aber wir sind bald da. Höchstens noch eine halbe Stunde.«
Vanessa schaute versonnen aus dem Fenster. »Es ist nicht so, dass ich bald ankommen will. Es ist so herrlich hier.«
»Ja, das ist es. Deshalb kommen wir immer wieder her.« Roswitha schloss sich ihrem versonnenen Blick an. »Wir fahren schon seit zwanzig Jahren nach Namibia. Es gibt nichts Schöneres.«
Vanessa konnte sich diesem Urteil nur anschließen. Dieses heimatliche Gefühl, das sie schon am Flughafen so überraschend beschlichen hatte, wurde immer stärker. Als ob sie nach Hause kommen würde. Allerdings nicht in ein Zuhause, in dem sie aufgewachsen war. Es war mehr wie eine Erinnerung aus einem früheren Leben.
Aber an so etwas glaubte Vanessa nicht. Dennoch irritierte sie dieses Gefühl, so schön es auch war. Sie fühlte sich hier fremd und gleichzeitig vertraut auf eine Art, die sie bisher nicht gekannt hatte.
Sie fuhren weiter, und Vanessa bemerkte, dass der Busch am Straßenrand immer dichter wurde, fast undurchdringlich. Plötzlich erschien eine riesige Maschine in ihrem Blickfeld, die direkt auf dem Schotterweg geparkt zu sein schien. Sie sah aus wie eine Mischung aus Bulldozer und Mähdrescher, allerdings ziemlich überdimensional.
Ohne die Geschwindigkeit des Jeeps großartig zu verringern, fuhr Johannes an dem Gefährt vorbei. Sie landeten fast im Busch, und für einen Augenblick hatte Vanessa das Gefühl, sie würden sich gleich überschlagen, der Jeep neigte sich gefährlich zur Seite.
Sie hielt sich fest, und als sie wieder auf die Schotterpiste zurückgekehrt waren, fragte sie: »Was war das denn?«
Statt Johannes, an den die Frage eigentlich gerichtet gewesen war, antwortete Siggi. »Damit wird die Straße geglättet«, erklärte er. »Um die Löcher auszugleichen. Diese Maschinen schälen praktisch die oberste Schicht ab. Danach ist die Pad dann eine Weile glatt, aber es dauert nicht lange, bis die Löcher wieder da sind. Besonders, wenn es regnet.«
Vanessa blickte zurück, wo die riesige Maschine langsam kleiner wurde. Es war merkwürdig. Hier im Busch zu sein und dann so eine Maschine zu sehen. Ein Gegensatz, der größer nicht hätte sein können. Das war definitiv nicht das, was sie erwartet hatte.
Kurz darauf verlangsamte Johannes die Fahrt, blieb fast stehen.
»Giraffen«, seufzte Roswitha hingerissen und blickte durch das Seitenfenster nach oben.
Vanessa konnte von ihrer Seite aus nichts sehen, aber Johannes drehte den Wagen um, und als sie sich ein wenig hinausbeugte, sah sie plötzlich einen Kopf ein paar Meter über sich schweben. Die Giraffe war hinter einem hohen Gebüsch halb versteckt, nur der Kopf ragte darüber hinaus, und sie zupfte Blätter ab, die sie genüsslich kaute, während sie mit arrogantem, geradezu unbeteiligtem Blick auf die Menschen in dem Wagen hinuntersah.
Es war ein unglaubliches Bild. Es sah aus, als wäre der Baum der Körper der Giraffe, der Kopf auf die obersten Blätter aufgesetzt. Vanessa atmete tief durch. Sie standen neben einer Giraffe im Busch, und es schien alles ganz natürlich.
Johannes drehte wieder, und als sie sich von dem Platz entfernten, bemerkte Vanessa, dass noch mehr Giraffen hinter diesem Busch gestanden hatten, nur etwas weiter entfernt. Auf ihren langen Beinen wirkten sie wie archaische Gestalten. Zwei davon steckten die Köpfe zusammen wie tuschelnde Teenager, während sie dem sich entfernenden Jeep hinterherblickten.
»Sie sehen aus, als fragten sie sich, was dieses kleine Wägelchen hier ist.« Vanessa lachte.
Roswitha lachte auch. »Ja, ich glaube, das fragen sie sich immer. Sie fühlen sich sehr erhaben.«
»Kein Wunder bei der Größe. Wir müssen sehr klein aussehen von da oben.« Vanessa konnte sich gar nicht sattsehen an den majestätisch aufragenden Tieren, deren lange Hälse ihnen ein noch aristokratischeres Aussehen verliehen. Nur der kleine Kopf wirkte merkwürdig unterproportioniert.
Auf dem weiteren Weg machte Johannes immer wieder auf Tiere in der Entfernung aufmerksam, Kudus, Springböcke, Gnus, Warzenschweine. Einmal überquerte eine Mutter mit mehreren kleinen Ferkeln hinter sich in rasendem Galopp die Straße, sodass Johannes nur knapp ausweichen konnte. Sie waren wie aus dem Nichts erschienen.
Besonders lustig waren ein paar Laufvögel, etwa in der Größe eines Huhns, aber viel schlanker. Auch sie tauchten plötzlich am Straßenrand auf, aus dem dichten Busch, offensichtlich in der Absicht, die Straße zu überqueren. Wenn sie dann jedoch den Jeep kommen sahen, fingen sie an zu laufen, und zwar auf eine spezielle Art. Sie streckten den Kopf vor wie ein Stier, der zustechen will, und rasten dann auf dem Weg los, aber in Fahrtrichtung, statt ihn zu überqueren, und in einer Geschwindigkeit, die man ihnen gar nicht zutraute.
Johannes machte sich einen Spaß daraus, sie zu Höchstgeschwindigkeit anzutreiben, und lachte.
»Können sie denn nicht fliegen?«, fragte Vanessa erstaunt.
»Doch.« Johannes lachte noch mehr. »Aber sie vergessen das immer. Sie fliegen nur im äußersten Notfall. Mal sehen, ob wir sie dazu kriegen.«
Er versuchte, einen Vogel, der vor ihnen herlief, noch mehr zu scheuchen, und tatsächlich, plötzlich flatterte er auf und flog davon.
Vanessa fragte sich, warum der Vogel das nicht schon längst getan hatte, sondern die ganze Zeit wie der Roadrunner mit fast durchdrehenden Beinen vor dem Wagen hergelaufen war. Allerdings konnten diese Vögel wirklich schnell laufen, das musste man zugeben.
Erneut musste Vanessa lachen, als sie an die Art dachte, wie das Tier losgelaufen war, wie es den Kopf vorgestreckt hatte wie jemand, der sich dem Wind entgegenstemmt. Dabei war gar kein Wind. Aber ohne den Kopf zuerst einmal vorzustrecken, konnte der Vogel anscheinend nicht loslaufen. So lange musste er stehenbleiben. Es sah einfach nur lustig aus.
Sie lehnte sich in den Sitz zurück. Selbst so einen Vogel zu beobachten war hier aufregend. Die Tiere, die man höchstens aus Serengeti darf nicht sterben oder anderen Naturfilmen kannte, lebten hier in ihrer natürlichen Umgebung, unbeschränkt und nur von manchmal vorbeiziehenden neugierigen Touristen gestört.
Es war ein Paradies.
Endlich bog Johannes von der Schotterpiste in Richtung eines Farmtores ab, das anders als die meisten Tore nicht einfach nur in lockeren Angeln am Zaun hing, sondern aus zwei gemauerten Pfeilern links und rechts des Weges bestand. Davor waren zwei große Holzfiguren postiert, dunkel poliert und mindestens drei Meter hoch. Die eine stellte eine Giraffe dar, die andere einen hochgewachsenen afrikanischen Stammeskrieger in einem Lendenschurz.
Johannes hielt vor dem Tor. Ein Mann, so pechschwarz, dass seine Augen sich wie helle Kieselsteine von seinem Gesicht abhoben, und in eine Art Uniform gekleidet, trat aus einem kleinen Häuschen am Pfeiler hervor, mit einem Clipboard in der Hand. Johannes wechselte ein paar Worte in der unverständlichen Klicksprache mit ihm, sie lachten, und der Wächter öffnete das Tor und ließ sie hindurchfahren.
Es dauerte sicherlich zwanzig Minuten, bis sie endlich das Farmhaus vor sich auftauchen sahen, weitläufig flankiert von mehreren kleineren Häusern. Johannes hielt vor dem größten, an dem Rezeption stand.
