Unter namibischer Sonne - Michelle van Hoop - E-Book

Unter namibischer Sonne E-Book

Michelle van Hoop

0,0

Beschreibung

Die Sonne Namibias brennt heiß auf die Farm am Rande der Kalahari herunter und wirft harte Schatten. Kians und Vanessas Zukunft ist bedroht, denn eine Ministerin versucht, die Farm an sich zu reißen. Rächen will sie sich an Kian wegen eines lange zurückliegenden Vorfalls. Damit ist auch ungewiss, ob Vanessa noch lange im Land bleiben darf – es sei denn, sie heiratet Kian so schnell wie möglich. Während die Ministerin vor nichts zurückschreckt, um ihre perfiden Pläne zu verwirklichen, hoffen Kian und Vanessa, dass trotz allem die Gerechtigkeit siegen wird in Afrika ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Michelle van Hoop

UNTER NAMIBISCHER SONNE

Die Fortsetzung von »Namibische Nächte«

© 2016Oryx PublishersWindhoek, Namibia

www.oryx-publishers.com [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-99916-786-9-6

1

Vanessa saß auf der Veranda und schaute in die Weite, wo die heiße Luft am Horizont über dem Buschgras flirrte. Sie lächelte. Noch kurz vor Weihnachten hätte sie sich nicht vorstellen können, nun hier zu sitzen, in Ruhe und Frieden, allein mit sich und der Welt und doch umgeben von so viel, das sie sich nie hätte träumen lassen.

Es war Februar, und sie war gerade aus Deutschland zurückgekehrt, wo sie ihr Büro und ihre Wohnung aufgelöst hatte. Viele Jahre ihres Lebens waren in Kartons verschwunden, anderes hatte sie auf eBay versteigert und etliches einfach nur weggeworfen.

Am schwersten war ihr der Abschied von ihren Eltern gefallen. Auch wenn sie sich sehr auf Kian gefreut hatte, die beiden hätte sie am liebsten mitgenommen. Ihre Mutter hatte geweint, und ihr Vater hatte versucht seine Gefühle zu verstecken, was ihm jedoch nicht gelungen war. Dass ihre Eltern angekündigt hatten, sie bald zu besuchen, war für sie alle ein wenn auch schwacher Trost gewesen.

»He!« Sie sprang schreiend auf. Ein kalter Guss hatte sie getroffen. Gleich darauf hörte sie ein Kichern. »Tuhafeni! Was machst du da?«

Tuhafeni kam hinter der Verandaecke hervor und konnte sich gar nicht einkriegen vor Lachen. Sie krümmte sich vor lauter Vergnügen. Ihr ganzes Gesicht strahlte, und ihre dunklen Augen blitzten.

»Duuu . . .« Vanessa drohte ihr mit einem Finger, aber sie konnte sich selbst das Lachen kaum verbeißen. Neben allem anderen war sie quasi über Nacht auch noch Mutter geworden. Und es gefiel ihr.

Sie lächelte erneut. Die warme Luft strich über ihr Gesicht, und sie erinnerte sich daran, dass das ihr erster Eindruck von Namibia gewesen war, als sie vor Monaten auf dem Windhoeker Flughafen landete. Damals hatte sie noch nicht ahnen können, dass diese Reise ihr Leben verändern würde. Dass sie Kian wiedertreffen würde, ihre große Liebe. Und nun das perfekte Glück: mit ihm hier zu leben.

Ein kalter Lappen drückte sich in ihre Kniekehle, und sie zuckte zusammen. »Hörst du wohl auf?« Sie wollte nach Tuhafeni greifen, die herangehuscht war und sich erneut köstlich über Vanessas Reaktion amüsierte, aber der kleine Wirbelwind war zu schnell. »Wir sollen Wasser sparen, nicht verschwenden. Es gibt viel zu wenig Regen dieses Jahr«, dozierte Vanessa mit ernstem Gesichtsausdruck. »Du hast doch gehört, was Kian gesagt hat.«

Das war für Tuhafeni kein Argument, das sah man ihr deutlich an. Sie freute sich einfach nur, dass Vanessa endlich aus Deutschland zurück war. Schnell schlang sie ihre Arme um Vanessas Hüften und schmiegte sich an sie.

»Du bist schlimmer als ein Sandsturm.« Nachsichtig lächelte Vanessa auf Tuhafeni hinunter und streichelte den kleinen Kopf mit den kurzen, krausen Haaren.

Ihr Blick schweifte in die Richtung, wo der Farmweg zur Straße führte. Sie zog die Augenbrauen zusammen. Da war eine Staubwolke. Als ob eine Herde Zebras herangaloppieren würde. Aber das schien eher unwahrscheinlich, denn die Herden hielten sich normalerweise dort auf, wo keine Straße war.

»Tuhafeni? Kannst du da was erkennen?« Vanessa hob Tuhafeni hoch. Sie hatte schon öfter festgestellt, dass Menschen, die hier aufgewachsen waren, die Bilder, die die Natur bot, besser interpretieren konnten. Wo ein Europäer das Kudu erst sah, wenn es fast schon vor ihm stand, witterten die Einheimischen – egal, ob weiß oder schwarz – die Tiere geradezu.

»Auto«, teilte Tuhafeni ihr gelangweilt mit und schaute in die andere Richtung.

»Auto?« Vanessa konnte vor lauter Staub immer noch nichts erkennen. »Keine Tiere?«

Tuhafeni lachte und zog Vanessa an den Haaren. »Nee.« Sie fand es immer lustig, wenn Vanessa Dinge nicht erkennen konnte, die für Tuhafeni offensichtlich waren.

Endlich schälte sich aus der Staubwolke etwas heraus, und Vanessa sah, dass Tuhafeni recht hatte. Es war nicht nur ein Auto, sondern es waren sogar mehrere. Allerdings nicht die üblichen Touristen-Allrad-Fahrzeuge der Autovermieter. Es waren Limousinen. Drei schwarze Mercedes-Luxusschlitten, die hier in der Wildnis merkwürdig deplatziert wirkten. In Windhoek hatte Vanessa diese Wagen mit den grünen Kennzeichen des öfteren gesehen. Grün bedeutete Regierung.

»Was wollen die denn hier?«, murmelte sie vor sich hin und setzte Tuhafeni ab.

Die staubbedeckten Wagen hielten direkt vor der Rezeption an. Vanessa schaute sich kurz um, sah aber niemanden in der Nähe, der die Insassen hätte begrüßen können, also ging sie selbst hinüber.

Aus dem ersten Wagen stieg ein breitschultriger Mann in einem schwarzen Anzug, der sich misstrauisch umschaute. Die Motoren der Wagen liefen weiter, um die auf höchste Stufe gedrehten Klimaanlagen im Inneren mit Energie zu versorgen.

Der düstere Eindruck, den der schwarze Mann in dem schwarzen Anzug vermittelte, verstärkte sich noch, als Vanessa ihn begrüßte. Er starrte von seiner beeindruckenden Höhe auf sie hinunter wie ein dunkler Riese, der die Welt in seiner Hand zerdrücken konnte.

»Herzlich willkommen«, sagte Vanessa auf Englisch. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um sein Gesicht nicht aus dem Blick zu verlieren.

Er schien sie gar nicht zu beachten, schaute sich dann noch einmal um und nickte dem zweiten Wagen zu. Dessen Fahrer stieg aus und öffnete die hintere Tür.

Kurz darauf zeigte sich ein schlankes dunkles Bein in einem extravaganten Schuh, dann gesellte sich das zweite dazu, und eine elegant gekleidete schwarze Frau stieg aus. Sie trug eines der afrikanischen Kostüme, die man öfter in der Stadt sah: eine Mischung aus afrikanischer Tradition, was Stoffe und Farben betraf, jedoch nach europäischem Schnitt. Zudem trug sie einen Turban, die kostspielige Variante eines Kopftuchs, genau aus demselben Stoff wie ihr Kostüm.

Auch sie schaute sich um wie der große Mann zuvor, aber bei ihr beinhaltete der Blick kein Misstrauen, sondern eine Art gnädige Herablassung.

Wie die Königin von Saba, dachte Vanessa. Sie blickte erneut zur Rezeption. Wo war denn bloß Isolde? Die wusste sicherlich, wie man sich in so einem Fall zu verhalten hatte. Für Vanessa war das alles neu.

»Tuhafeni«, flüsterte sie, während sie sich zu der Kleinen hinunterbeugte. »Such Isolde. Schnell! Und bring sie her!«

Tuhafeni schaute sie verständnislos an.

»Isolde«, wiederholte Vanessa drängend. »Wo ist sie?«

Nun schien Tuhafeni zu verstehen, drehte sich um und lief ins Haus hinein.

Vanessa atmete kurz innerlich auf, aber da sie nicht wusste, wie lange es dauern würde, bis Isolde kam, musste sie sich etwas einfallen lassen.

Sie lächelte und ging auf die majestätisch um sich blickende Frau zu. Es war vollkommen klar, dass sie das Sagen hatte. Die Männer waren nur Begleiter. »Ich begrüße Sie auf Dornbrunn. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Fahrt.«

Die Frau war nicht unbedingt größer als Vanessa, aber sie trug sehr hochhackige Schuhe, was den Eindruck erweckte. Doch nicht nur deshalb wirkte ihr Blick von oben herab. Sie schien die ganze Welt als speziell für sie gemacht zu betrachten.

»Wo ist mein Zimmer?« Kein Lächeln milderte diese knappe Frage.

Beinah wäre Vanessa einen Schritt zurückgetreten, so abweisend erschien das schwarze Gesicht. »Oh, ich –«

»Madam Minister!«

Isolde! Endlich! Vanessa fiel ein Stein vom Herzen. Sie wandte den Kopf und sah, wie Isolde schnellen Schrittes herankam, so dass sie fast selbst eine Staubwolke hinterließ.

»Herzlich willkommen auf Dornbrunn.« Isolde begrüßte die Ministerin lächelnd auf Englisch. Sie hätte auch Afrikaans sprechen können, aber sie blieb bei der Sprache, in der auch Vanessa mit der Ministerin gesprochen hatte. »Leider ist der Weg sehr sandig.« Das klang entschuldigend, als ob mitten im Busch etwas anderes zu erwarten wäre. »Ich hoffe, es war nicht zu schwierig mit Ihren Limousinen.«

Vanessa blickte sie erstaunt an, und dabei bemerkte sie die Anspannung in Isoldes Gesicht. Was war hier los?

Isolde machte eine einladende Geste zur Rezeption hin. »Alles ist vorbereitet. Die Rondavels für Sie und Ihre Begleiter stehen zur Verfügung.«

»Sagen Sie meinem Fahrer, wo mein Rondavel ist, damit er mich dort hinbringen kann.« Ohne Isolde oder Vanessa weiter zu beachten, glitt die Ministerin ebenso elegant, wie sie ausgestiegen war, in den Wagen zurück, und ihr Fahrer schloss schnell die Tür hinter ihr.

Vanessa hob die Augenbrauen. Höflichkeit war dieser Frau wohl nicht angeboren.

»Gleich dahinten«, wies Isolde den Fahrer an, nun auf Afrikaans. »Rechts an der Rezeption vorbei, das zweite Haus, das große.« Diese kleinen Sätze waren auch für Vanessa zu verstehen, sie klangen fast wie Deutsch.

Er ließ nicht erkennen, ob er verstanden hatte, nickte nicht, bedankte sich nicht, lächelte auch nicht, sondern stieg nur wieder ein und fuhr los.

»Hoffentlich hat er es richtig mitbekommen«, murmelte Isolde. »Ich gehe ihm besser nach.« Und schon lief sie los.

Vanessa sah, dass der dritte Wagen dem führenden Fahrzeug der Ministerin folgte und dass in diesem letzten Wagen Männer und Frauen in Uniform saßen. Wohl der militärische Begleitschutz der Ministerin.

Zurück blieb allein der erste Wagen mit dem düsteren Riesen und einem zweiten Mann, der im Auto sitzengeblieben war.

»Wollen Sie mit in die Rezeption kommen?«, fragte Vanessa. »Wegen der Anmeldung?«

Er blickte sie an, als hätte sie ihm einen unanständigen Antrag gemacht. Aber vielleicht verstand er auch einfach nur kein Englisch.

Vanessa hob die Hände. »Muss nicht sein. Sie können auch hier warten.«

Sie kam sich etwas merkwürdig vor, aber da sie das Gefühl hatte, nichts weiter tun zu können, nickte sie dem Mann nur zu und ging ins Haupthaus hinein.

Tuhafeni stand im Schatten des Eingangs. Sie war gar nicht mehr mit Isolde herausgekommen. Ihre dunklen Augen hingen an dem großen schwarzen Mann, als ob er der Teufel persönlich wäre.

»Du magst ihn nicht, hm?«, sagte Vanessa, als sie Tuhafeni erreicht hatte. »Ich auch nicht. Ein bisschen Höflichkeit tut doch nicht weh.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber diese Ministerin war ja auch nicht besser. Als ob sie alle mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wären.« Sie streckte Tuhafeni die Hand hin. »Komm, wir gucken mal, ob es in der Küche nicht ein Stückchen Kuchen gibt, das auf uns wartet.«

Sofort strahlte Tuhafenis Gesicht wieder. Kuchen war immer gut.

Kurze Zeit später kam auch Isolde in die Küche. Erschöpft ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. »So, alle untergebracht.« Sie griff nach dem Wasserkrug auf dem Tisch, goss sich ein großes Glas ein und trank es gleich aus.

»Was war denn das für ein Schauspiel?«, fragte Vanessa, die sich mit Tuhafeni ein Stück Käsekuchen teilte. Tuhafeni war ganz darauf konzentriert, die abgestochenen Stücke auf der Kuchengabel zu balancieren, was eine schwere Aufgabe zu sein schien. »Das sind doch keine normalen Touristen.«

»Oh nein, das sind sie nicht!« Isolde stöhnte auf. »Ich wünschte, sie wären es!«

Vanessa hob fragend die Augenbrauen.

»Hat dir Kian nichts erzählt?«

»Nein.« Vanessa schüttelte den Kopf. »Was hätte er mir denn erzählen sollen?«

Isolde seufzte. »Das ist eine lange Geschichte. Sagt dir der Begriff Landreform etwas?«

»Ich habe darüber gelesen, bevor ich das erste Mal nach Namibia kam. Eine gute Sache. Die armen Menschen sollen alle Land bekommen, damit sie sich selbst versorgen können.«

»Ja, eine gute Sache.« Isolde lachte auf, aber es klang nicht fröhlich. »Eine ganz tolle Sache! Jedem ein Stück Land, und alle Probleme sind gelöst!«

Mit gerunzelter Stirn schaute Vanessa sie an. »Klingt nicht so, als ob du dafür wärst.«

»Kein Farmer ist dafür«, entgegnete Isolde müde. »Frag mal Kian.« Sie strich sich über die Stirn. »Unter dem Mantel der Landreform wird alles nur immer schlimmer. Für alle, weiß wie schwarz.«

»Warum?«, fragte Vanessa. »Ist es nicht gut, wenn die Leute sich selbst versorgen können? Wenn ich da an die Tagelöhner denke, die in Windhoek an jeder Straßenecke sitzen . . . Wären die nicht lieber auf der eigenen Scholle?«

Isolde schüttelte lächelnd den Kopf. »Vielleicht ein paar. Die meisten aber sicher nicht. Insbesondere die, die in Windhoek geboren und aufgewachsen sind. Was sollten die mit einem Stück Land? Sie wüssten gar nichts damit anzufangen.«

»Aber viele Leute aus dem Norden, die vom Land stammen, gehen doch jetzt zum Arbeiten in die Stadt«, erwiderte Vanessa. »Sehen ihre Familien nur zu Weihnachten, wenn die langen Sommerferien sind. Ich könnte mir vorstellen, dass die durchaus etwas mit einem Stück Land anzufangen wissen.«

»Du kennst Namibia nicht.« Isolde verzog die Lippen. »Für Leute aus Europa klingt das oft so einfach. Aber hier ticken die Uhren anders.«

»Ja, ich weiß, ich habe keine Ahnung.« Vanessa fühlte Ärger in sich aufsteigen. Wie früher, dachte sie, als Isolde und Kian mir in Deutschland auch immer das Gefühl gegeben haben, ich wüsste nicht, wovon ich rede. Und vor allem, wovon sie reden.

»Du hast Ahnung von anderen Dingen«, entgegnete Isolde besänftigend. »Von denen ich überfahren worden bin, als ich nach Deutschland kam. Du bist anders aufgewachsen als wir hier. Im Moment bist du noch ein Jerry, aber das wird sich geben mit der Zeit.« Sie lächelte. »Wenn du erst mit Kian verheiratet bist . . .«

Vanessa hob die Augenbrauen. »Dann bin ich kein Jerry mehr?«

»Vielleicht nicht mehr ganz.« Isolde schmunzelte.

»Wir müssen uns erst wieder aneinander gewöhnen«, bemerkte Vanessa vorsichtig.

»Kian würde dich lieber heute als morgen heiraten.«

»Wir haben aber noch über keinen konkreten Termin gesprochen.«

»Das wird schon noch«, sagte Isolde und stand auf. »Ich muss jetzt dafür sorgen, dass die Ministerin ihr Essen bekommt. Wer weiß, was ihr sonst einfällt.«

»Was ist mit dieser Ministerin?«, fragte Vanessa. »Oder darf ich das als Jerry nicht wissen?« Sie verzog das Gesicht.

»Du kannst Kian fragen.« Isolde holte tief Luft. »Das hat nichts damit zu tun, dass du neu im Land bist. Es dauert einfach jetzt zu lange, das alles zu erklären. Und ehrlich gesagt«, sie machte ein entschuldigendes Gesicht, »möchte ich mich auch gar nicht damit beschäftigen. Mir wäre lieber, wir müssten das nicht.« Sie seufzte. »Kian wird sowieso einen Anfall bekommen, wenn er hört, dass sie hier ist.«

»Er weiß nichts davon?« Das überraschte Vanessa. Zwar war Isolde für den Gästebetrieb zuständig, aber Kian als Besitzer der Farm wurde eigentlich immer informiert, wenn es um etwas Wichtiges ging. Und das hier schien etwas sehr Wichtiges zu sein.

»Sie haben sich erst auf der Fahrt hierher angemeldet«, erklärte Isolde. »Und Kian ist ja schon seit dem Morgen im Busch unterwegs.«

»Das ist aber sehr kurzfristig.« Vanessa runzelte die Stirn. »Hätte ja sein können, dass du gar keine Rondavels freigehabt hättest. Für so viele Leute.«

Isolde lachte auf. »Dann hätte ich jemand anderen rauswerfen müssen! Davon ist sie zumindest ausgegangen.« Sie winkte ihrer Hauptköchin. »Wir müssen uns etwas Gutes einfallen lassen, Agnes.«

Vanessa war immer wieder überrascht, wie viele der schwarzen Angestellten deutsche Namen trugen. Während in Deutschland viele Eltern ihren Kindern englische Namen gaben, waren hier in Namibia deutsche Namen sehr populär, wenn auch manchmal in etwas ungewöhnlichen Abwandlungen. So wurden oft männliche deutsche Namen einfach in eine weibliche Form verwandelt wie beispielsweise der deutsche Name Gotthilf – oftmals waren es sehr altertümliche Namen, die hier verwendet wurden, aus der Zeit, als die ersten deutschen Siedler gekommen waren und auch die Missionare, die die ersten Schulen für die schwarzen Kinder gründeten. Wenn es ein Mädchen war, wurde daraus ganz ohne Umstände Gotthilfidine.

»Ich glaube, Tuhafeni, wir sollten ein bisschen lesen üben, was meinst du?«, wandte sie sich an den Wuschelkopf, der immer noch die letzten Krümel Käsekuchen vom Teller pickte wie ein kleiner Vogel. »Da du nun auf der deutschen Schule bist . . .«

»Lesen ist nicht schwer«, behauptete Tuhafeni.

»Na gut, dann machen wir Mathe. Oder was anderes?«

»Mathe.« Tuhafeni nickte. »Ist auch nicht schwer«, grinste sie dann.

»Weil du so ein begabtes Mädchen bist.« Lachend tippte Vanessa sie auf die Nase. »Gehen wir einfach mal rüber. Vielleicht finden wir ein Buch, das du gern lesen möchtest. Oder wir üben ein bisschen Kopfrechnen.«

»Kopfrechnen. Super!« Tuhafeni sprang begeistert auf.

»Du wirst noch mal Mathematik studieren!«

Mit einem erstaunten, aber auch ein bisschen stolzen Lächeln folgte Vanessa dem kleinen Wirbelwind, der schon in den Aufenthaltsraum, in dem die Bücher standen, vorausgelaufen war.

2

»Wo ist diese Schnepfe?« Kians wutentbrannte Stimme schallte durchs ganze Haus.

Vanessa stellte den Karton beiseite, den sie gerade hatte auspacken wollen. Eines der Schlafzimmer, das zuvor mehr als Rumpelkammer gedient hatte, stellte nun ihr neues Büro dar, und sie räumte noch ein.

Sie steckte den Kopf zur Tür hinaus. »Suchst du mich?«

»Habe ich dich schon mal als Schnepfe bezeichnet?«, dröhnte es gereizt zurück. Offenbar war Kian immer noch sehr aufgebracht.

»Kian!« Das war Isoldes Stimme. »Beruhige dich, bitte. Es bringt doch nichts, wenn du sie anbrüllst.«

»Was ist denn los?« Vanessa hatte sich mittlerweile den Gang hinunter nach vorn begeben, wo sie auf Kian und Isolde traf.

»Ich brülle sie nicht an!« Auch wenn Kian das vielleicht nicht dachte, aber seine Stimme war sehr laut. »Vanessa habe ich gar nicht gemeint.«

»Ich auch nicht«, sagte Isolde und hob die Augenbrauen.

»Da bin ich aber froh.« Vanessa blickte noch immer etwas verständnislos von einem zur anderen.

»Es geht um die Ministerin«, erklärte Isolde.

Vanessa verzog die Lippen. »Das habe ich fast schon vermutet. Oder dass wir unseren ersten Ehekrach haben, bevor wir überhaupt verheiratet sind.« Sie hängte sich in Kians Arm ein und strich darüber. »Ich weiß zwar nicht, was das mit dieser Ministerin auf sich hat, aber ich schließe mich Isolde an: Beruhige dich erst mal.«

»Ich könnte sie erschießen!« Kians Kiefer mahlten.

»Das würde doch auch nichts ändern.« Isoldes Blick musterte Kian besorgt. »Du würdest nur für den Rest deines Lebens im Gefängnis landen. Und es käme ein anderer, der dasselbe will wie sie.«

Er strich sich mit der Hand durchs Haar. »Du hast ja recht. Aber es macht mich so wütend!«

»Mich auch«, sagte Isolde. »Und vielleicht ist sie gerade deshalb gekommen. Um so eine Reaktion zu provozieren. Wie damals auf Farm Friedland.«

»Ja.« Es glich eher einem Knurren, was Kian da von sich gab. »Das wäre ihr zuzutrauen.«

Isolde lachte hohl auf. »Ihr ist alles zuzutrauen! Sie hat nicht umsonst diesen Ruf.«

»Würdet ihr mich vielleicht mal einweihen?« Vanessa verzog das Gesicht. »Oder soll ich lieber rausgehen, weil das nichts für Jerrys ist?« Ihre Stimme klang ein wenig sarkastisch.

Auf einmal schien Kian wieder zu sich zu kommen. »Wer hat dich denn als Jerry bezeichnet?«

»Isolde.« Vanessa wies mit dem Kinn auf die blonde Farmmanagerin.

»Na ja . . .« Er begann zu lächeln. »Bis vor kurzem warst du noch in Deutschland. Und alle Deutschen, die herkommen, sind erst mal Jerrys.«

»Ist klar«, sagte Vanessa. »Ich beklage mich ja auch nicht. Nur wüsste ich schon ganz gern, um was es hier geht. Denn wenn es dich angeht«, sie suchte seine Augen, »geht es auch mich an.«

Kian erwiderte ihren Blick und atmete tief durch. »Lange Geschichte.«

»Die Auskunft habe ich auch schon von Isolde bekommen«, entgegnete Vanessa seufzend. »Und dass es etwas mit der Landreform zu tun hat.«

»Landreform!« Kian warf den Kopf zurück. »Wenn es das nur wäre!«

»Ich glaube, das verwirrt Vanessa jetzt noch mehr.« Isolde schmunzelte. »Du solltest ihr das genauer erklären. Ich ziehe mich gern zurück.« Sie betrachtete Kian misstrauisch. »Wenn du mir versprichst, dass du dein Gewehr nicht anrührst. Jedenfalls nicht, um die Ministerin zu erschießen.«

»Schon gut.« Kian winkte ab. »Brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

»Alright.« Isolde benutzte die allgegenwärtige namibische Bestätigungsformel. »Ich habe nämlich noch was zu tun.« Sie hob kurz die Hand und verschwand nach draußen.

»Wie wär’s mit Rooibostee?«, fragte Vanessa.

Kian nickte. »Tee wäre prima. Danke.« Er zog den breitkrempigen Südwester-Hut, den er in den Nacken geschoben hatte, wieder nach vorn und nahm ihn dann ab, um ihn auf den Tisch zu legen.

»Alles in Ordnung auf den Posten?«, fragte sie, während sie Tee einschenkte und ihm einen Becher hinschob.

Er setzte sich und nickte. »Ja, es scheint momentan alles in Ordnung zu sein. Den Rindern geht es gut und den Rhinos auch.« Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Fast zu ruhig ist es da draußen.«

»Du denkst, da braut sich was zusammen?«

»Wenn diese . . . Dame«, er hatte sicherlich ein anderes Wort wählen wollen, aber im letzten Moment entschied er sich um, »in der Nähe ist, braut sich immer was zusammen.«

»Wer ist sie?«, fragte Vanessa. »Oder ist es deshalb, weil sie Ministerin ist?«

Nachdenklich nahm er einen Schluck Tee und behielt den Becher in der Hand. »Sie war schon immer gefährlich. Seit sie Ministerin ist, hat sie nur mehr Macht. Noch mehr Macht, Dinge zu tun, die anderen schaden.«

Vanessa sah die Frau wieder vor sich. »Als sie ankam, dachte ich, sie benimmt sich wie die Königin von Saba«, bemerkte sie kopfschüttelnd. »Als ob ihr die ganze Welt gehören würde.«

Kian lachte auf. »Das hätte sie gern!« Er trank seinen Tee aus und schenkte sich aus der Kanne nach, die auf dem Tisch stand. »Isolde und ich kennen sie schon von der Schule. Sie war auch auf der DHPS.« Es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich zu beruhigen versuchte. Seine Finger spannten sich immer wieder um den Teebecher wie um einen dieser Knetbälle, die gegen Stress helfen sollten. »Bis sie rausgeworfen wurde«, fuhr er fort. »Schon damals war sie eine miese Intrigantin. Ein Mädchen hat sich ihretwegen umgebracht.«

Mit aufgerissenen Augen starrte Vanessa ihn an. »Aber da war sie doch selbst noch ein Kind!«

»Heißt es nicht, dass Kinder am grausamsten sind? Auf sie traf das jedenfalls zu.« Geistesabwesend legte er den Kopf in den Nacken, als würde er sich an die damalige Zeit erinnern. »Sie war grausam. Und ich glaube nicht, dass sich das geändert hat.«

»Aber . . . warum?« Sie blickte ihn ungläubig an. »Warum versucht sie anderen zu schaden? Was hat sie davon?«

Er zog schief einen Mundwinkel hoch. »Ich glaube, es macht ihr Spaß. Niemand konnte es sich erklären. Sie stammt aus einer guten Familie. Deshalb war sie ja auch auf der DHPS. Sie gehörte zu den ersten schwarzen Kindern, die dort aufgenommen wurden. Und sie war eine hervorragende Schülerin. Sie hätte ein Vorbild sein können.«

Vanessa hob erstaunt die Augenbrauen. »Ist sie das nicht? Immerhin ist sie Ministerin. Keine schlechte Karriere.«

Er lachte auf. »Dazu braucht man nicht mal einen Schulabschluss! Es gibt Minister, die kaum lesen und schreiben können.«

»Da bin ich tatsächlich noch ein Jerry.« Sie schüttelte den Kopf. »So etwas kann ich mir nicht vorstellen.«

»Tja.« Kian atmete tief durch. »Engeline ist wohl etwas, das viele Europäer sich nicht vorstellen können. Oder nicht wahrhaben wollen. Uns hier wird oft vorgeworfen, dass wir immer noch kolonialistisch denken würden, aber in Wirklichkeit sind es die Europäer, die so denken. Sie haben so eine altertümliche Vorstellung davon, dass alle Schwarzen gut und nur arme Opfer der Weißen sind. So ist es natürlich längst nicht mehr.«

»Na ja . . .«, sagte Vanessa. »Wenn man sich anschaut, wem das Land gehört . . .«

Seine Augen blitzten. »Was denkst du, was mit dem Land passieren würde, wenn so jemand wie Engeline die Farm übernähme?«

»Heißt sie wirklich so?« Der Name wurde wie das deutsche Wort Engel ausgesprochen, auch die Endung klang deutsch, wie Josefine, und das wunderte Vanessa. Sie hätte eine englische Aussprache erwartet.

»Ja, wie passend, nicht wahr?« Kian lachte spöttisch auf. »Ihre Eltern müssen einen besonderen Sinn für Humor gehabt haben.« Er schüttelte den Kopf. »Sie ist das Gegenteil von einem Engel, war es immer. Aber selbst wenn wir das wissen, was können wir tun?«

Vanessa fühlte die Anspannung in Kian wieder ansteigen. Es war wie eine heiße Flamme, die zu ihr herüberschwappte. Sie sagte nichts, auch weil sie spürte, dass jede Antwort auf seine Frage unbefriedigend gewesen wäre und mehr geschadet als genützt hätte.

»Du denkst, sie würde so weitermachen wie wir, nicht wahr?«, fragte er sarkastisch. »Das kannst du vergessen. Sie würde alle Leute, die jetzt hier leben, vertreiben, ihre eigenen Leute mitbringen, und in kürzester Zeit wäre die ganze Farm heruntergewirtschaftet. So war es in Friedland.«

»Sie will die Farm übernehmen?« Eine kalte Hand griff nach Vanessas Herz. An so etwas hatte sie überhaupt nicht gedacht. Das hier war wieder eine der Diskussionen, bei denen sie spürte, dass ihr sehr viel Hintergrundwissen fehlte. In Deutschland war namibische Geschichte nun einmal kein Thema gewesen. Und auch nicht das, was täglich hier passierte. Alles, was sie wusste, wusste sie von Kian. Und das war nur ein sehr kleiner Ausschnitt.

Seine Kiefer mahlten. »Auf jeden Fall ist sie nicht zufällig hier. Die Enteignungen stehen uns immer vor Augen. Man kann ›freiwillig‹ an die Regierung verkaufen, aber wenn man das nicht will . . .« Er ließ den Rest offen.

»Sie können dir die Farm einfach wegnehmen?« Vanessa wurde noch kälter.

»Offiziell läuft das alles ganz legal ab.« Kians Augenbrauen zogen sich zusammen. »Aber wenn sie etwas haben wollen . . . Sie sitzen am längeren Hebel. In Friedland war es ebenso. Die Krämers wollten nicht verkaufen, und dann gab es eben . . . Vorfälle. Bis sie aufgegeben haben.«

Vanessa dachte an die endlose Weite auf Kians Farm, über die sie tagelang gefahren waren, an die wundervollen und auch die schrecklichen Erlebnisse, als er angeschossen wurde und fast gestorben wäre. An die Nächte, die sie unter dem samtenen Sternenhimmel verbracht hatten. »Das wäre furchtbar«, flüsterte sie.

»Ich gebe nicht so leicht auf.« Er atmete tief durch und schaute sie an. »Aber Engeline auch nicht.«

»Und du kannst sie nicht aufhalten?« Vanessa fühlte erneut Kälte ihren Rücken heraufkriechen.

»Das werde ich! Und wenn ich sie erschießen muss!« Er schüttelte den Kopf. »Leider hat Isolde recht. Es würde nichts ändern, denn dann käme der nächste gierige Minister oder sonst jemand, der sich bereichern will, ohne einen Handschlag zu tun.«

»Also müssen wir eine andere Lösung finden.« Vanessa spitzte entschlossen die Lippen.

»Wir?« Er schaute sie überrascht an.

Sie lächelte. »Du bist nicht mehr allein, schon vergessen?«

»Nein.« Langsam schlich sich auch in seine kantigen Züge ein vorsichtiges Lächeln. »Das vergesse ich nicht.« Er griff nach ihr und zog sie auf seinen Schoß. »Das möchte ich nie wieder vergessen.« Er küsste sie sanft und innig.

Sie schmiegte sich an seine breite Brust und genoss den Duft, den er aus dem Busch mitgebracht hatte. Eine unvergleichliche Mischung von Wildnis, Freiheit und Abenteuer, unterlegt mit seinem ganz eigenen Geruch. »Ich bin so froh, dass ich hier bin«, flüsterte sie.

»Ich hoffe, das war die richtige Entscheidung.« Er seufzte tief. »Ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell mit den Realitäten des Landes konfrontiert werden würdest. Du hast dir das sicher anders vorgestellt.«

»Ich habe mir nur vorgestellt, mit dir zusammen zu sein.« Sie hob den Kopf und lächelte ihn zärtlich an. »Gemeinsam können wir alles überwinden. Und solange wir zusammen sind, kann uns nichts passieren.«

»Ach, Nessa . . .« Seine Augen schienen ihren Anblick, jede Faser ihres Gesichts in sich aufzunehmen. »Du bist so wunderschön. Eine Oase in der Wüste.«

Seine Worte jagten ihr Schauer über den Rücken, und seine starken Arme ließen den Wunsch in ihr aufkeimen, dass es nichts anderes auf der Welt gäbe als sie beide und dass sie sich jetzt ganz einander widmen könnten, aber sie wusste, dass das Illusion war. »Sie können dir die Farm nicht einfach wegnehmen. Sie ist seit Generationen in deiner Familie.«

»Wen interessiert das?« Er lachte trocken auf. »Die bestimmt nicht.«

Vanessa schüttelte den Kopf. »Ich begreife es nicht.«

»Das wirst du noch«, sagte er. »Wenn du länger hier bist.« Er zog sie an sich und streichelte ihren Rücken. »Bisher haben wir es noch immer geschafft. Wir haben jede Dürre, jede Rinderseuche überstanden. Engeline«, er knirschte mit den Zähnen, »wird sich noch wundern.«

3

Vanessa streckte sich im Bett und lächelte. Sie schaute auf das zerwühlte Kissen neben sich. Kian war nicht mehr da, und wenn dieses Kissen nicht gewesen wäre, hätte sie fast geglaubt, nichts von dem, woran sie sich erinnerte, wäre passiert. Es wäre nur ein unerfüllbarer Traum gewesen.

Aber es war kein Traum. Und selbst, wenn es einer gewesen war, hatte er sich erfüllt.

Sie drehte den Kopf und schaute auf die hellen Lichtstreifen, die durch die Holzlamellen der Jalousie am Fenster fielen. Sie wusste nicht genau, welche Uhrzeit es war. Hier in Afrika war das Licht immer so durchdringend, dass es sich vom Morgen bis zum Abend kaum unterschied.

Aber egal. Auf jeden Fall war es Zeit zum Aufstehen. Obwohl sie in seinen Armen eingeschlafen war, sehnte sie sich bereits wieder nach Kian.

Als sie gerade die leichte Decke zurückschlagen wollte, öffnete sich die Tür. Vanessa lächelte. Er hatte wohl ihre Gedanken gehört.

Doch es war nicht Kian, es war eines der Mädchen aus der Küche. Sie kam mit einem vollbeladenen Tablett herein.

»Goeiemôre, mevrou«, sagte sie, während sie etwas unsicher – kein Wunder, das Tablett quoll wirklich über – auf das Bett zukam.

»Guten Morgen«, erwiderte Vanessa überrascht auf Deutsch, weil Afrikaans so ähnlich klang, dass sie gar nicht daran dachte, auf Englisch zu antworten.

Dann jedoch sagte das Mädchen noch etwas, und Vanessa verstand kein Wort. »Es tut mir leid«, erwiderte sie – nun auf Englisch. »Ich spreche kein Afrikaans.« Sie rutschte im Bett nach oben, um angelehnt sitzen zu können.

Das Mädchen stellte – wie es schien: erleichtert – das Tablett vor Vanessa auf der Bettdecke ab. »Der Baas sagt, Sie sollen essen«, teilte sie Vanessa in einem etwas schwerfälligen Englisch mit. »Er musste zum Posten.«

Vanessa ließ ihren Blick über das Tablett schweifen. »Vielen Dank«, sagte sie und wies auf die einsame Blume, die in einem Glas Wasser in der Mitte stand. »Das ist sehr nett von Ihnen.«

Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Nicht von mir. Vom Baas.« Ihre weißen Zähne blitzten, als sie nun lachte.

»Ach?« Vanessa hob die Augenbrauen. Sie kannte die Blume nicht, aber sie fühlte eine zärtliche Wärme in sich aufsteigen, als sie daran dachte, wie Kian sie gepflückt haben musste, extra für sie. Etwas verlegen schluckte sie ihre Rührung herunter.

»Danke«, sagte sie, nun ihren Blick wieder dem schwarzen Gesicht zuwendend, das sie abwartend ansah. Die dunklen Augen erinnerten sie sehr an Tuhafenis. Möglicherweise war dieses Mädchen auch eine Herero. Vanessa hatte noch nicht gelernt, die Stämme zu unterscheiden, es sei denn, sie trugen die entsprechende Kleidung.

Das Mädchen stand da und schaute sie weiterhin an. Vanessa hatte das Gefühl, sie hätte irgendetwas falsch gemacht, denn offensichtlich wartete die junge Frau auf eine Reaktion von ihr. Fragend hob sie die Augenbrauen. »Hat Kian . . . ich meine der Baas, noch etwas gesagt?«

Das Mädchen schüttelte nur den Kopf.

Vanessa runzelte die Stirn. »Dann werde ich jetzt frühstücken«, sagte sie. »Ich hätte auch in die Küche kommen können.«

Das Mädchen warf einen etwas zweifelnden Blick auf sie, rührte sich aber nicht.

»Sie können ruhig gehen«, fügte Vanessa hinzu. »Sie müssen nicht hierbleiben, während ich esse.«

Das endlich brachte Bewegung in die junge Frau. Sie drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Vanessa schaute ihr irritiert nach. Was war das denn jetzt gewesen? Sie fühlte sich an alte Filme erinnert, in denen schwarze Sklaven ihre weißen Herren bedienten. Genauso kam sie sich jetzt vor.

Während der Weihnachtstage waren sie allein gewesen, und Vanessa hatte selbst die Mahlzeiten zubereitet oder Kian hatte Braai gemacht, das köstlich schmeckende Fleisch auf dem fest gemauerten Grill im Hof zubereitet, und kurz nach Neujahr war sie nach Deutschland geflogen.

Deshalb hatte sich noch kein Alltag einstellen können, und sie war es noch nicht gewöhnt, dass hier auf der Farm Angestellte waren, die ihr viele der Arbeiten abnahmen, die sie sonst selbst tat. Was in Deutschland ja schließlich auch normal gewesen war.

Als Touristin hatte sie sich anders gefühlt. Da war es selbstverständlich, dass man ins Restaurant essen ging oder dass jemand zum Putzen kam, aber nun war sie ja keine Touristin mehr, nun war sie hier zu Hause.

Zu Hause. Sie schüttelte den Kopf. Nein, so richtig begriff sie das immer noch nicht.

Sie biss in ein Brötchen, eines der Brötchen, die Isolde selbst backte und die so ein Gefühl von Deutschland vermittelten.

Als sie unglücklich nach Deutschland zurückgekehrt war Ende letzten Jahres, war ihr dort alles grau und kalt erschienen. Weil sie sich an die Sonne Namibias erinnerte, an die wunderschöne Landschaft, die Tiere, Kian, Tuhafeni. Und dachte, dass sie das alles nie wiedersehen würde.

Im Januar darauf dann – nur ein paar Wochen später – war es vollkommen anders gewesen. Ja, es war kalt in Deutschland um diese Jahreszeit, und ja, der Himmel war meistens recht grau, insbesondere verglichen mit Namibia. Aber diesmal schaute sie genauer hin. Wer tat das schon, wenn er in einem Land aufgewachsen war?

In den Wochen, in denen sie ihre Wohnung und ihr Büro auflöste, war ihr klargeworden, warum viele Leute nach Deutschland wollten. Unter anderem deshalb, weil es dort alles gab. Die Geschäfte waren voll, man konnte sogar Preise vergleichen und dasselbe Produkt billiger kaufen.

In Namibia war man froh, wenn es das Produkt überhaupt gab. Entweder man kaufte es oder man hatte es nicht. Die Preise erschienen im Vergleich zu Deutschland überteuert, aber es musste ja alles importiert werden. Kaum etwas wurde in Namibia selbst hergestellt.

Deshalb hatte sie eine ziemlich große Einkaufstour gemacht, um all das nach Namibia zu schaffen, was sie sonst dort vermisst hätte. Dinge, an die man in Europa so gewöhnt war, dass man erst wusste, was es bedeutete, sie zu haben, wenn man sie nicht hatte.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. IKEA. Dort hatte sie Kian kennengelernt, und nun hatte sie dort für Namibia eingekauft. Denn IKEA gab es in Namibia nicht. So schloss sich der Kreis.

Sie schaute wieder auf die Blume, die dem Frühstückstablett so eine liebevolle Note verlieh.

Es war typisch Kian, dass er ihr das Frühstück ans Bett schickte. Möglicherweise hatte ihm die Nacht so gut gefallen?

Bei dem Gedanken wäre Vanessa fast rot geworden. Sie sollte lieber nicht an diese Nacht denken, solange Kian abwesend war und sie ihn nicht berühren konnte.

Sie schmunzelte. Nun war es aber endgültig Zeit aufzustehen. Sie griff nach dem Tablett, um es zur Seite zu stellen, da hörte sie draußen Lärm. Etwas klirrte, und dann erhoben sich wütende Stimmen.

So etwas kam öfter vor. Die älteren schwarzen Hausangestellten wie Maria schimpften mit den jüngeren, die gerade erst in der Küche eingearbeitet wurden und sich oft sehr ungeschickt anstellten. Sie kannten von zu Hause viele der Dinge nicht, die auf der Farm zum täglichen Ablauf gehörten.

Während Vanessa ihr Tablett nahm und horchte, hatte sie jedoch das Gefühl, dass das nicht Maria war, die da schimpfte. Es dauerte auch nicht lange. Sie verließ das Zimmer und brachte das Tablett in die Küche, stellte es dort auf dem Tisch ab.

Im selben Moment kam ein junges Mädchen schluchzend von draußen hereingestürzt.

»Was ist passiert?«, fragte Vanessa, bekam aber keine Antwort.

In der Küche waren mehrere Frauen damit beschäftigt, alles für das Frühstück der Gäste vorzubereiten, die zur Zeit auf der Farm Urlaub machten, aber sie taten, als hätten sie nichts gehört, weder das Schluchzen noch Vanessas Frage.

Das junge Mädchen, das von draußen gekommen war, hatte sich in eine Ecke verkrochen. Also ging Vanessa zu ihr und hockte sich vor sie hin. »Was ist denn los?«, fragte sie freundlich.