Nana im Morgengrauen - Park Hyoung-su - E-Book

Nana im Morgengrauen E-Book

Park Hyoung-su

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Beschreibung

Der schüchterne Student Leo will sich nach seinem Studium auf eine Reise um die Welt begeben, bleibt jedoch in Bangkok im Prostituiertenbezirk Nana hängen. Durch eine Verkettung von Zufällen trifft er dort an einem Imbissstand auf eine Frau, die ihn augenblicklich in ihren Bann zieht. Fasziniert und abgestoßen zugleich von seiner Ahnung, dass es sich bei dieser unbekannten Schönen um eine Prostituierte handeln könnte, spricht er sie an. Wenige Tage später sucht er Ploy, so der Name der Frau, in ihrer Wohnung in Nana auf. Doch die Verhältnisse, in denen sie dort wohnt, geben einen sehr schlechten Hintergrund für die sich anbahnende Romanze ab. Zusammen mit drei anderen Prostituierten lebt Ploy in der völlig he­runtergekommenen Mietwohnung eines schäbigen Hauses, das einen bunten, stinkenden Haufen von verarmten, verzweifelten und verwirrten Menschen beherbergt. Der sensible, ja geradezu ängstliche Leo ist abgestoßen von der erbärmlichen Unterseite der Neonglitzerwelt Bangkoks, die von Stumpfheit, Drogen, Not und Gewalt geprägt ist. Für die reichen Erlebnistouristen ist hier jede Art von Ausschweifung, jede Form von Perversion käuflich zu erwerben. Leo jedoch erlebt die Schattenseite dieser Freiheit. Er lernt die stinkenden Eingeweide des Amüsiermolochs kennen, die in den ärmlichen Behausungen der Prostituierten und Drogensüchtigen keinem neugierigen Blick verborgen bleiben.

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Seitenzahl: 983

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

Erstes Kapitel - Willkommen zurü in Nana

Zweites Kapitel - Eine Art Afrika

Drittes Kapitel - Outsider

Viertes Kapitel - Aus Sicht der SOI 16

Leseproben

Kim Hoon - Acht Leben

Shūsaku Endō - Skandal

Shūsaku Endō - Schweigen

Shūsaku Endō - Samurai

Ryū Murakami - Das Casting

Ryū Murakami - In Liebe, Dein Vaterland (I)

Ryū Murakami - Coin Locker Babys

Matthew Parker - Goldeneye

Nona Fernández - Die Straße zum 10. Juli

Nona Fernández - Space invaders / Chilean Electric

Steven Millhauser - Stimmen in der Nacht

Jan Kjaerstad - Das Norman-Areal

Originaltitel: 새벽의 나나 © 2010 by Park Hyoung-su

All rights reserved.

First published in Korea by Moonji Publishing Co., Ltd.

Nana im Morgengrauen is published under the support of

Literature Translation Institute of Korea (LTI Korea).

© 2018, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-64-4

Lektorat: Anton Ziegler

Cover: Jürgen Schütz

Umschlagbild: © fotolia.com – Radarani

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen

ISBN: 978-3-902711-78-6

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.twitter.com/septimeverlag

Park Hyoung Su

geboren 1972, gilt als der aufstrebende Stern unter den koreanischen Autoren. Nach seinem Studium trat er eine Professur für Kreatives Schreiben an der Korea University in Seoul an. Er veröffentlichte bisher zwei Bände mit Kurzgeschichten, für die er mit dem Daesan Literary Award ausgezeichnet wurde, und den vorliegenden Roman. Sein Stil, der mit innovativen Metaphern und dosiert eingesetzten Elementen eines magischen Realismus arbeitet, hat ihm unter Kritikern hohe Anerkennung eingetragen.

Klappentext

Der schüchterne Student Leo will sich nach seinem Studium auf eine Reise um die Welt begeben, bleibt jedoch in Bangkok im Prostituiertenbezirk Nana hängen.Durch eine Verkettung von Zufällen trifft er dort an einem Imbissstand auf eine Frau, die ihn augenblicklich in ihren Bann zieht. Fasziniert und abgestoßen zugleich von seiner Ahnung, dass es sich bei dieser unbekannten Schönen um eine Prostituierte handeln könnte, spricht er sie an. Wenige Tage später sucht er Ploy, so der Name der Frau, in ihrer Wohnung in Nana auf. Doch die Verhältnisse, in denen sie dort wohnt, geben einen sehr schlechten Hintergrund für die sich anbahnende Romanze ab. Zusammen mit drei anderen Prostituierten lebt Ploy in der völlig heruntergekommenen Mietwohnung eines schäbigen Hauses, das einen bunten, stinkenden Haufen von verarmten, verzweifelten und verwirrten Menschen beherbergt. Der sensible, ja geradezu ängstliche Leo ist abgestoßen von der erbärmlichen Unterseite der Neonglitzerwelt Bangkoks, die von Stumpfheit, Drogen, Not und Gewalt geprägt ist.Für die reichen Erlebnistouristen ist hier jede Art von Ausschweifung, jede Form von Perversion käuflich zu erwerben. Leo jedoch erlebt die Schattenseite dieser Freiheit. Er lernt die stinkenden Eingeweide des Amüsiermolochs kennen, die in den ärmlichen Behausungen der Prostituierten und Drogensüchtigen keinem neugierigen Blick verborgen bleiben.

Park Hyoung-su

Nana im Morgengrauen

Roman | Septime Verlag

Aus dem Koreanischen von Sun Young Yun und Philipp Haas

Erstes Kapitel

WILLKOMMEN ZURÜCK IN NANA

1

Leo blieb stehen und blickte sich um. Jemand hatte ihn an der Schulter berührt, nicht aus Versehen, wie ihm schien, sondern weil er ihn gut kannte und ihm bedeuten wollte, dass er ihm etwas zu sagen hatte. Aber hinter ihm waren im Flackern der Neonschilder nur ein faul daliegender Hund, die Hitze, die an Geldscheinen klebend ausgetauscht wurde, und jene Menschen, die eben an ihm vorübergegangen waren. Und dahinter die thailändische Nacht, tiefblau und dunkel glänzend wie geöltes Ebenholz.

Ein feiner, tropisch warmer Sprühregen ging nieder. Der unerwartet mitten in der Trockenzeit fallende Regen sorgte auf der ganzen Straße für ein Durcheinander. In der Sukhumvit Soi 4, am Eingang der sogenannten Nana Plaza, verkauften durchnässte Straßenhändler mitten unter den Prostituierten, die alle dasselbe Lächeln im Gesicht trugen, auf Holz gebratene Bananen, Hühnerflügelspießchen, gebratene Nudeln mit Ei und frittierte Schwimmkäfer. Es war nach elf Uhr abends, daher waren in der Straße die dunklen Winkel und die Strommasten voller Essensreste und halb verdautem Erbrochenen, das sich zum Teil erst vor Kurzem aus dem Mund eines Betrunkenen ergossen hatte. Die schmutzigen Hunde, an einer Epidemie leidend, die ihnen das Fell ausfallen ließ, blickten arglistig wie Kleinkriminelle umher, während unaufhörlich mit Werbung für Juwelierläden beklebte Honda-Taxis, klapprige Motorradrikschas und Porsches der neuesten Bauart die zweispurige Straße auf und ab rasten, als wollten sie alles, was sich ihnen in den Weg stellte, über den Haufen fahren, um dann doch mit scharfem Quietschen abzustoppen. Tiefer im Inneren der von Straßenhändlern gesäumten Straße reihte sich über eine Strecke von etwa fünfzig Metern eine Bar mit dröhnenden Lautsprechern an die nächste, waren entlang des linken und des rechten Fahrbahnrandes schmutzige Massagestudios zu sehen, vor deren Eingängen Gruppen von Masseusen in gelben T-Shirts saßen, die mit lauten Rufen dicke, ältere, an Scheckhaut leidende europäische Ehepaare anzulocken versuchten, war weiters ein teures Franchise-Steak-Restaurant zu sehen, in dem ein junges Mischlingsmädchen bediente, ein 7-Eleven-Minisupermarkt, sowie eine indische Imbissstube, die den Duft von Tandoori verströmte, ein mit etwa zehn Pentium-PCs bestücktes Internetcafé, in Rosarot beschilderte Lady-Bars, die von Herren in Armani-Anzügen frequentiert wurden, danach wieder ein 7-Eleven-Minimarkt, daneben Tattoo-Läden, aus denen der Rauch von Ganja-Haschischzigaretten drang, und wieder ein 7-Eleven. Dahinter ging es mit dem Nana der mittelpreisigen Hotels weiter, die ihre Zimmer für jeweils drei Stunden vermieteten, Nana war voll davon.

Leo betrat eine Bar mit zur Straße hin offener Front und bestellte sich ein Bier. Nachdem er sein Gepäck im Hotel abgestellt hatte, war er seit sieben Uhr abends über vier Stunden lang herumgelaufen und nun völlig nassgeschwitzt. Dabei hatte er vor allem auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang des Sukhumvit Nana Nightclubs gut drei Dutzend Drogenhändler und Prostituierte angesprochen, von denen die meisten ihr halbes Leben hier verbracht hatten und zu Lebzeiten höchstwahrscheinlich auch nicht mehr von hier wegkommen würden. Sie hörten sich erst geduldig Leos Ausführungen an, warteten lange zu, bis er ihnen möglichst viele Informationen über die Gesuchte gegeben hatte, sagten dann aber, dass sie ihren Namen noch nie gehört hatten, grinsten verschlagen und versprachen, später einen Freund nach ihr zu fragen, der allerhand über die Prostituierten der Sukhumvit-Straße wusste. Fürs Erste, empfahlen sie Leo, sollte er ihnen etwas von dem günstigen, aber qualitativ hochwertigen Ecstasy abnehmen, das sie anboten, die Schlampe, von deren Sorte hier ohnehin reichlich herumliefen, vergessen und stattdessen mit ihnen kommen, um eine zwölfjährige Sexmaschine aus dem Landesteil Isan zu treffen. Einige der Prostituierten, von billigem Rum betrunken, packten ihn kurzerhand am Gürtel und zerrten mit aller Kraft daran.

Er ließ sich seine Gereiztheit nicht anmerken, wollte aber nichts mit ihnen zu tun haben. Er hätte sich erst gar keine Hoffnungen machen dürfen, es hier ohne Weiteres finden zu können. Jenes Mädchen, von dem er sich vor sechs Jahren in einer Seitengasse der Sukhumvit-Straße verabschiedet hatte, hatte er hier in Nana, wo Nacht für Nacht mehrere Tausend Prostituierte zusammenkamen, finden wollen? Ein fürwahr großartiger Plan! Aber da das menschliche Herz nun einmal die seltsamsten Wege ging, hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, dass es unmöglich oder jedenfalls sehr schwierig werden könnte, das Mädchen zu finden, seit er sich vor drei Tagen auf den Weg hierher gemacht hatte, nachdem er von der Untreue seiner Ehefrau erfahren hatte. Stattdessen hatte er sich nur damit beschäftigt, was er beim Wiedersehen sagen oder was für ein Geschenk er vorbereiten sollte. Es war eine banale Floskel, für die er sich schließlich als ersten Satz entschied: ›Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!‹, außerdem hatte er als Mitbringsel in einem Tax-Free-Laden am Flughafen einen Flakon Chanel Allure besorgt. All dies war nun also umsonst. Dass es zu allem Überfluss, wie um ihm die Laune völlig zu verderben, auch noch mitten in der Trockenzeit sinnlos regnete, war einfach nur zum Kotzen.

Eine schlanke Barfrau, die sich die Haare braun gefärbt hatte, kam zu ihm und brachte ihm ein Singha-Bier und dazu ein Gefäß mit kleinen runden Eiswürfeln.

»Spielst du eine Runde Pool mit mir?«

Da der Nachbartisch sehr nahe herangerückt war, reckte sie ihm ihren Unterleib entgegen, während sie die Frage stellte. Ihre Stirn stand in dem schmalen Gesicht ein Stück vor und sie hätte vielleicht ganz unschuldig ausgesehen, hätte sie sich nicht mehrere Ringe durch die Lippen stechen lassen. Aber vielleicht hatte sie sich die Piercings ja gerade deshalb machen lassen, weil sie Angst hatte, zu unschuldig auszusehen. Auf der einen Seite ihres Gesichts stieg eine traurige und schreckliche Erscheinung auf: Die großen Augen des Schamanen, der in der Dunkelheit langsam durchtrennte Hals einer jungen Indianerin, ihre im Augenblick des größten Schreckens schmerzverzerrten Lippen und Augenlider, die sich sogleich entspannten und ausdruckslos wurden wie der Nebel hinter den Wölkchen rosa Arterienblutes. Mein Gott, was geschieht da gerade? Lass mal ein wenig tiefer blicken, ein wenig tiefer da hinein, okay?

Ja, aus dem Dorf herausgekommen bist du also auf dem Weg zum Birkenwald. Eine mondlose Nacht in der Taiga, ruft da nicht aus dem fernen Westen eine Eule »Huuhuu«? Die sich vor den Sternschnuppen ängstigenden Füchse haben sich in Richtung des eisigen Tals am Fluss Lena versammelt. Du läufst ganz allein auf dem sibirischen Waldweg, in der Hand eine Ledertasche, um den Kriegern kaltes Wasser zu bringen. Bis hierher kann man dein Herz schlagen hören.

Lass mich sehen, lass mich noch ein Stück näher ran, ein kleines Stückchen nur … Das Ziegenleder, das deinen Rücken bedeckt, flattert im eisigen Wind, deinem leicht geöffneten Mund entströmt weißer Hauch. Deinen Ehemann, der seinen Mut mit den Zähnen eines Bären zeigt, und seine indianischen Gefährten hast du weit hinter dir gelassen, um dich herum kriecht in der Tiefe des Waldesdickichts der Schatten des Erdballs. Aber … mein Gott, was ist das?!? Ausgerechnet der alte Schamane, der vor ein paar Tagen aus dem Dorf verjagt wurde, hält sich dort versteckt. Als er mit einem sichelförmigen weißen Messer in der Hand hinter einer durch Blitzschlag verkohlten Fichte hervortritt, willst du, anstatt wegzulaufen, der Bedrohung mit gefasstem, keinerlei Regung erkennen lassendem Ausdruck begegnen, er aber hatte von Beginn an nicht die Absicht, dir nur zu drohen oder mit dir zu verhandeln. Auch wenn es sich häufig so darstellt, als hätten Zufälle und Fehlentscheidungen, Affekthandlungen und Fehler die Dinge aus dem Lot gebracht, ist rückblickend doch nur geschehen, was geschehen musste. Mein Gott! Sieh an, was er mit dir macht! Blutüberströmt brichst du zusammen, er aber hält dich noch immer an den Haaren gepackt und durchtrennt dir mit flinken Zügen den schlanken weißen Hals. Obwohl deine Seele den Körper noch nicht verlassen hat, verschwinden nach und nach Ausdruck, Wille und zuletzt auch alle Begierde aus deinem Gesicht, du bist nur noch ein langsam erkaltendes Stück Fleisch. Der Schamane hält den abgetrennten Kopf hoch, starrt ihn aus kurzer Distanz einen Moment lang durchdringend an und schleudert ihn dann in Richtung des hinter ihm in der Ferne liegenden Dorfes, das voll ist von Signalfeuern, von sich. Nun rollst du zwischen Bäumen und Büschen hindurch, über Abgründe und Felsen hinweg, rollst und rollst, ehe du schließlich deinem Ehemann zu Füßen landest, der gerade im Kreise seiner Gefährten steht und eine feurige Rede hält. Deine Seele verlässt den Körper, entschwindet in dem kurzen Moment des Abschieds, da sich der Blick deines vor Schreck sprachlosen Ehemannes mit dem deinen trifft. In der Tat, auf diese Art und Weise bist du gestorben.

›Woher, um alles in der Welt ...‹, murrte Leo bei sich und seufzte beim Blick auf das semi-transparente Trinkglas, an dem nach Grünzeug aussehende Essensreste klebten, ›… woher nahmst du bloß die Kühnheit, ganz allein dorthin aufzubrechen? Deinen Mann und die Tausenden freundlichen und loyalen indianischen Krieger zu verlassen, die alle für dich durchs Feuer gegangen wären.‹ Aber wer konnte eine solche Frage schon beantworten? Im Leben zählen nicht die Absichten, die wir hegen, am Ende kommen die Dinge einfach über uns. Leo schüttelte den Kopf und antwortete knapp:

»Nein, ich mach mir nichts aus Pool.«

Die Barfrau hatte seine Antwort gehört und setzte sich dennoch mit einem Plumps zu ihm. »Du sprichst ja richtig gut Thai! Bist du hier, um jemanden zu treffen?«

Leo schenkte sich behutsam Bier ein und trank rasch mit spitzen Lippen den Schaum von dem Glas, das überzulaufen drohte. Auf der schmutzigen Straße hauchten Prostituierte, denen im Regen Mascara über das Gesicht lief, an unbestimmte Gegenüber gerichtet die immer gleichen Grußworte, mit denen sie um Kundschaft warben: »Na, wie wär’s heut mit uns?«, »Wohin des Weges?« Der Regen hatte beinahe aufgehört und nur eine leichte Schwüle wurde mal hierhin, mal dorthin getragen, je nachdem, wie der Wind gerade wehte.

Sobald das kalte Bier in seinem Magen angekommen war, wurde Leo noch müder. Er spielte mit der Hotel-Schlüsselkarte in seiner Hosentasche. Bei dem Gedanken daran, von welchem Moment an etwas falsch gelaufen war, war sofort der pochende Kopfschmerz wieder da. Seine Frau hatte kein Wort der Rechtfertigung verloren.

»Willst du, dass ich meine Sachen packe?« Das war alles gewesen, was sie gesagt hatte.

Leo, der sich nur mit Mühe hatte beruhigen können, hatte sie gebeten, das nicht zu tun. Anstatt in Wut zu geraten oder mit ihr zu streiten, hatte er dieses völlig unerwartete und schmerzhafte Problem mit ihr gemeinsam lösen wollen – wenn es denn zu lösen gewesen wäre. Aber so, als hätte sie alles von langer Hand vorbereitet, hatte sie ihre Sachen bereits gepackt, nahm nur die bereitstehende Tasche und ging aus der Wohnung. Er fragte nicht, wohin sie wollte. Denn das Wohin war nicht das Entscheidende. Wie ihm vor langer Zeit einmal jemand hier auf dieser Straße, an der er jetzt saß, gesagt hatte, brach man seine Zelte nicht ab, weil man unbedingt irgendwohin wollte, sondern weil man dort, wo man war, nicht mehr bleiben konnte.

Da alles rasend schnell gegangen war, hatte er sich die Szene danach mehrmals vor Augen rufen müssen, um überhaupt zu begreifen, was genau geschehen war. Aber je länger er darüber nachgedacht hatte, umso mehr war das Einzige, woran er sich erinnern konnte, wie ihm seine Frau den Rücken gekehrt hatte und zur Tür gegangen war. Diese ihre Rückenansicht war eine sehr natürliche und sogar anmutige gewesen, aber der Gedanke, dass nach sieben gemeinsamen Jahren des hitzigen fleischlichen Austausches dieses Bild tatsächlich alles sein sollte, was ihm von ihr blieb, ließ ihn vor Wehmut erschaudern. Er fragte sich, worüber sie derart in Rage geraten sein mochte. Etwa darüber, dass er ihre Untreue entdeckt hatte? Oder darüber, dass er sie dennoch nicht aufgefordert hatte zu gehen? Oder aber über seine ausdruckslose Miene, als er sie bat, nicht zu gehen. Man konnte nicht sagen, was es war. Es war nicht nur schwierig, jemand anderen zu verstehen. Es war unmöglich.

»Heute ist ein Freudentag!«

Als ihn die Barfrau an seiner Seite erneut ansprach, hatte Leo die Augen geschlossen und eine Hand, mit deren Fingern er sich die Schläfen massierte, auf sein Gesicht gelegt. Obwohl er sich nicht sicher war, ob das Massieren den Schmerz linderte oder ihn im Gegenteil verstärkte, konnte er nicht damit aufhören. Es war das Einzige, was er gegen seine Kopfschmerzen tun konnte. Unter dem Tisch wand sich eine riesige Raupe, deren hellgrüner Körper zur Hälfte zerdrückt worden war, in Agonie.

»Es ist ein Tag, an dem die ganze Welt ausgeht und trinkt.«

»Was wird denn gefeiert?«, fragte Leo und stupste mit der Fingerspitze ein Stück Eis tiefer in sein Glas. Das Eis drehte sich in dem Glas und stieg langsam zurück an die Oberfläche.

»Keine Ahnung. Ist einfach so.«

Die Barfrau antwortete lächelnd, sie schien froh darüber zu sein, dass Leo endlich reagierte. Schweißtropfen formten sich auf dem Rücken ihrer leicht gepuderten Nase. Aus der Toilette drangen laute Schreie. Es hörte sich nach einem Streit unter Betrunkenen an. Aber niemand interessierte sich genug dafür, um sich danach umzuwenden. Ob da jemand in einem Verbrechen aus Leidenschaft erschossen wurde, oder ob sich jemand in der unerträglichen Hitze selbst umbrachte, es war allein seine Sache. Nach einer kurzen Pause sagte die Barfrau mit sanfter Stimme:

»Stell dir vor, ich weiß immer noch nicht, was an Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Weißt du das?«

»An dem Tag wurde irgendein Baby geboren«, antwortete Leo. In dem Augenblick schmolz gerade das letzte Stückchen Eis in seinem Glas. Ein schwarzer Skorpion lief auf dem mit Transparentlack eingelassenen Baumstumpf, der das Geländer stützte, im Kreis. Er schien ins Freie gekommen zu sein, um freudig den ersten Regen nach langer Zeit zu begrüßen.

»Das heißt also, der ganze Trubel findet nur statt, weil angeblich ein Kind geboren wurde?«

Die Barfrau nickte kraftlos mit dem Kopf, als enttäuschte sie diese Erklärung, ehe sich ihre Miene wieder aufhellte und sie mit leuchtenden Augen sagte:

»Es muss aber ein feines Leben gelebt haben, dieses Kind!«

Wie würde sie dreinschauen, wenn man ihr erzählte, dass das Kind in seinem dritten Lebensjahrzehnt hingerichtet worden war? Als auf einer Seite der Straße ein junger, etwa zweijähriger Elefant erschien, wurde sein Besitzer sogleich von europäischen Touristen umringt, die mit ihm den Preis einer Banane als Imbiss für das Tier verhandelten. Nachdem der Elefant, der am Rücken und am Kopf dicke Haare hatte, die Banane bekommen und aufgefressen hatte, hatte er sichtbar bessere Laune und trompetete und tanzte sogar ein bisschen. Leo beobachtete die Szene eine Zeit lang und sagte dann, während er über das außen beschlagene Bierglas wischte:

»Ich suche tatsächlich nach jemandem.«

»Nach einem Mädchen von dieser Straße?«, fragte die Barfrau. Sie wollte wissen, ob es sich um eine Prostituierte der Sukhumvit-Straße handelte.

»Ich weiß nicht, ob sie eine von hier ist oder nicht. Aber ich nehme es doch an. Ja, wahrscheinlich.«

Und er wiederholte den Namen des Mädchens dreimal. Die Antwort der Barfrau kam unerwartet:

»Die kenne ich! Wir haben für kurze Zeit in derselben Straße gewohnt.« Bevor Leo in seinem Erstaunen irgendetwas sagen konnte, fügte sie hinzu: »Ihr Englisch ist unglaublich gut. Aber willst du die wirklich an einem Tag wie heute treffen?«

»Wieso? Was soll das heißen?«, fragte er verwirrt. »Du meinst, ich kann sie an einem Tag wie heute nicht treffen?«

»Dummerchen. Bist du vielleicht reich? Die ist extrem teuer. An einem geschäftigen Tag wie heute müsstest du ihr mindestens 20.000 Baht geben. Außerdem ist sie dieser Tage anscheinend mit irgendeinem chinesischen Typen zusammen, der in Silom ein Business am Laufen hat. Von dem heißt es, wenn er Meeresfrüchte isst, bestreut er sie vorher reichlich mit Goldstaub. Um keine Nahrungsmittelvergiftung zu bekommen, oder was weiß ich wofür. Wie die Reichen eben sind. Die klotzen lieber statt zu kleckern.« Und dann fügte sie hinzu: »Was ist mit mir? Ich habs auch drauf.«

Sie meinte nicht ihre Englischkenntnisse. Sie steckte sich einen Finger in den Mund und nahm ihre Zahnprothese heraus. Augenblicklich fiel ihr die Mundpartie ein und zog sich zusammen wie ein Schließmuskel. Dann öffnete und schloss sie ihre Lippen ein paarmal, ehe sie sich das Gebiss zurück in den Mund steckte und wieder aufs Zahnfleisch drückte.

»Krass, was? Ich kann echt gut blasen.«

»Mmmh, sieht so aus.«

Leo applaudierte ihr. Er wollte sie nach der Telefonnummer des Mädchens fragen, hielt aber inne. Es war unwahrscheinlich, dass sie die Nummer hatte, und selbst wenn, so wollte er den Hörer nicht abheben und jemanden, den er sechs Jahre nicht gesehen hatte, übers Telefon begrüßen: »Hey, ich bin in Thailand, in Bangkok.« Natürlich würde dann alles augenblicklich erkalten. Es wäre eine Dummheit und schuld daran wäre er ganz allein.

Er fühlte sich niedergeschlagen und wurde von Wellen der Müdigkeit erfasst. Der Straße zugewandt schloss er fest die Augen. In einem wirbelnden, violetten Strudel konnte er das Sukhumvit von 1994 fühlen. Dann machte er die Augen wieder auf. Er war zurück im Sukhumvit des Jahres 2009. Leo massierte sich mit den Fingern die Schläfen und machte die Augen ein paarmal auf und zu. Nach einiger Zeit, als hätte er einen Punkt jenseits der Erschöpfung erreicht, schien er sich nicht mehr sicher zu sein, zu welchem Jahrzehnt die Bar, in der er saß, gehörte. Er stand auf, das in der Zwischenzeit bitter gewordene Bier ließ er stehen.

»Gehst du schon?«

Die Barfrau mit dem falschen Gebiss sah auf, ein Anflug von Enttäuschung huschte über ihr Gesicht. Sie hatte es nicht geschafft, ihn zu ködern wie all die anderen. Leo gab ihr 100 Baht Trinkgeld.

»Sieh zu, dass du dir beim nächsten Mal einen Typen angelst, auf den allzeit Verlass ist.«

Obwohl er es mit einem Lachen gesagt hatte, erwiderte die Barfrau prompt mit einem Blick, der verriet, dass sie seine Worte für einen brauchbaren Ratschlag hielt:

»Ja, darauf muss ich wirklich achten.«

Sie deutete eine Verbeugung an und legte ihre Hände zu einem Wai zusammen: »Dir auch fröhliche Weihnachten!«

Ungefähr um die Zeit, als Leo aus der Bar heraustrat, fingen die an der Straße stehenden Leute an, einen Countdown herunterzuzählen. Es ging auf Mitternacht zu. Mit einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleich durchdrehen vor Glück, hängten sich die Prostituierten bei einem beliebigen Mann, der gerade neben ihnen stand, ein und kreischten drauflos. Chinesisch, Deutsch, Arabisch, Thailändisch, Englisch, Koreanisch, Spanisch, Hindi und Französisch flossen zu einem konfusen Sprachenwirrwarr ineinander. Und als das Gekreische schließlich seinen Höhepunkt erreichte, war es Weihnachten geworden.

Endlich Weihnachten …

Und, was nun? Seit zweitausend Jahren änderte diese Nacht überhaupt nichts, alles blieb, wie es war. Das lärmende Lachen verklang sofort und alle blickten hektisch um sich, um Peinlichkeiten zu vermeiden.

Leo verließ Nana und bog nach rechts auf die Sukhumvit-Straße ab. Der Regen hatte ganz aufgehört und auch die Wolkendecke riss auf, ein bläulich tropischer Mond erschien. Leo ging weiter an einem Abschnitt mit Schneiderwerkstätten vorbei, die über die ganze Front damit warben, dass man zu jedem Anzug, den man kaufte, ein Seidenhemd und sogar eine Krawatte umsonst bekam. Die Christmas!-Rufe waren nun nicht mehr zu hören. Die Passanten, die vereinzelt mit gesenkten Köpfen an ihm vorübergingen, waren ganz auf ihren eigenen Weg konzentriert. Sie sahen traurig aus, als wäre all der Trubel ein für sie selbst unerreichbarer Luxus.

Auch Leo war gedrückter Stimmung. Der Gedanke, dass er sie nicht treffen konnte, machte ihm zu schaffen. Hätte er doch nach der Telefonnummer fragen sollen? Immerhin hatte er, um sie zu treffen, ein Flugticket gekauft, das ganze Apartment in Ordnung gebracht, war zum Flughafen gefahren und hatte einen Langstreckenflug hinter sich gebracht. Aber ehe die innere Leere zu groß wurde und in Verbitterung umschlug, wollte er sie einfach annehmen.

Obwohl er nur eine Flasche Bier getrunken hatte, fühlte er sich betrunken. Über seinen Rücken rann ihm der Schweiß hinunter. Es ging kein Wind und die Straße war voll vom Lärm der mit hoher Geschwindigkeit auf die Fahrbahn niedergepressten Reifen. Es war heiß und er fühlte sich ganz verlassen. Das war noch schlimmer, als sich kalt und verlassen zu fühlen. Aber er wollte nicht zurück in die dick aufgeschminkte Lebhaftigkeit Nanas. Selbst dann nicht, wenn er dort jemanden treffen konnte.

Als er an der Sukhumvit Plaza vorbei war, nahm die Zahl der Läden, die noch offen hatten, immer mehr ab. Die Gebäude waren niedrig und die Straße noch unbelebter als zuvor. Er hatte keine Kraft mehr in seinen schon seit Langem erschöpften Beinen und die Fußsohlen konnten das Gefühl vom Auftreten auf die Gehsteigplatten nicht mehr übertragen. Die heftige Müdigkeit radierte den Gedankenmix, der ihm wirr durch den Kopf ging, vor allem aber die quälende Realität, der er sich gegenübersah, sanft wie ein Radiergummi aus. Und was dann noch blieb, waren jene Dinge, die er niemals würde vergessen können, jene Dinge, die den vierzigjährigen Leo wieder nach Bangkok hatten zurückkehren lassen. Er dachte an die angenehme Wärme der Rundungen, an die sich seine Fingerspitzen ganz genau erinnerten. Er rief die Gesichter ab, die nun nur noch als eine Erinnerung existierten, rief sich die Zeit, die er mit ihnen zusammen verbracht hatte, ins Gedächtnis zurück. Wenn gerade keine Passanten um ihn herum waren, murmelte er behutsam ihre Namen, einen nach dem anderen, vor sich hin. Dabei klopfte ihm merkwürdig heftig das Herz. Obwohl die vielen Lebensgeschichten mit der Zeit teilweise in Vergessenheit geraten und ausgelöscht worden waren, verschwand zumindest die Sehnsucht nach den Menschen selbst nicht so ohne Weiteres.

Die Alleebaumreihe, die seine Netzhaut nur am Rande streifte, schwamm wie eine Geistererscheinung an ihm vorüber. Mit dem Wind, der ihm sanft um die Ohren strich, verwehte auch die Zeit. Leo ging weiter. Als er in der Stille die ihm über die Wangen streichende Luft wie das Auf und Ab eines vertrauten Atems fühlte, bemerkte er, dass er in die Tage vor fünfzehn Jahren zurückgegangen war.

Zweites Kapitel

EINE ART AFRIKA

2

Zuerst war da ein Weg. Ab irgendeinem Zeitpunkt ließ sich einer nach dem anderen an diesem Weg nieder und es entstand eine Barackensiedlung, deren Bewohner ihr ganzes Leben damit verbrachten, den von den Göttern einer weit entfernten Vergangenheit gemachten schmalen Weg aus roter Erde mit anderen großen Wegen in der Nähe zu verbinden.

Wie aus einer instinktiven Angst vor der Einsamkeit, jedenfalls ohne irgendeinen anderen erkennbaren Zweck oder Plan, zog sich die schmale Straße in sanfter Biegung in Richtung der Ratchadaphisek-Straße, wechselte dann jedoch die Richtung und kehrte unauffällig an ihren Ursprung zurück, und auch die paar Gässchen, die von ihr abzweigend in Richtung der Sukhumvit-Straße führten, endeten abrupt – gerade so, als hätten sie es sich anders überlegt – noch ehe sie in diese einmündeten, sodass sich das ganze Netzwerk in seiner Unberechenbarkeit eher wie das Geflecht der roten Äderchen auf dem Weiß eines ermüdeten Augapfels ausnahm.

Immer mehr Menschen kamen vorbei, weil sie etwas zu erledigen oder sich verlaufen hatten, und so wurde der ursprüngliche rote Erdweg allmählich breiter und an beiden Seiten entstanden Häuser mit Schieferdächern und kleine Läden. Die Zahl der Bewohner nahm zu und sobald der Rubel richtig zu rollen begann, hielten es die Zuständigen für notwendig, einen Teil des Geldes dafür zu verwenden, die beiden Ränder des Weges mit grauen Steinplatten zu bepflastern und den roten Erdweg dazwischen mit einem groben Beton-Kies-Gemisch zu decken. Nicht nur das aus Sandstein behelfsmäßig zusammengeflickte Pflaster an den Rändern, sondern auch der Betonbelag, der eigentlich gut zehn Jahre lang hätte halten sollen, brach schon nach zwei, drei Regenzeiten auf, und das darunterliegende Stahlgeflecht kam zum Vorschein. Auch die Kanalisation hatte ihre Macken. Kaum fiel ein wenig Regen, wurden Essensreste, tote Mäuse, Küchenschaben, Tiereingeweide und dergleichen angeschwemmt. Die Anrainer, die von diesem Anblick bald genug hatten, entfernten die aufgebrochene Pflasterung und die Betonteile sowie das rostige Eisengeflecht und schütteten da und dort Kiesel aus dem Bach, an anderer Stelle minderwertigen Zement, an anderer Stelle wiederum lediglich gelblichen Sand auf. Auf diese Weise veränderte sich das Aussehen der Straße aus verschiedenen Gründen immer wieder ein wenig, nur der großspurige Name »Sukhumvit Soi 16«, den die Behörden dem Weg gegeben hatten, blieb unverändert derselbe.

Anfangs waren die aus der Provinz Isan zugewanderten Rauschgifthändler die Herren der Straße. Sie bekämpften und töteten einander, um die Markthoheit zu erringen, wodurch die Straße herunterkam, aber sobald sich um die Zeit des Höhepunkts des Vietnamkrieges eine raffgierige Alte aus Chiang Saen auf der Soi Asok eingenistet und ein Monopol über Angebot und Nachfrage aus dem goldenen Dreieck errichtet hatte, wurden diese Typen einer nach dem anderen zu unbedeutenden Kleinkrämern. Da ihnen nun kein großer Verdienst mehr zufiel, gab es auch nichts mehr, um das es sich zu zanken lohnte, und schon gar niemanden mehr, der ihnen ihre Stellung streitig machen wollte. Sie hielten sich auch selbst für nichts anderes als einfache Straßenhändler, die Kondome und minderwertige Tigersalbe verkauften. Dennoch: einmal auf der schiefen Bahn, immer auf der schiefen Bahn – daher sprachen sie noch immer vorsichtig und mit leiser Stimme und versuchten, möglichst nicht in unnötige Querelen verwickelt zu werden. Ihr Benehmen war schon nicht mehr das von Herren.

Die nächsten Herren der Straße waren die Aidskranken. Als das erworbene Immundefektsyndrom Mitte der 1980er-Jahre sozusagen in Mode kam, wurde die Sukhumvit Soi 16 auf einmal zu einer Krankenstation für Aidspatienten. Infizierte unterschiedlicher Nationalität, die der Aufmerksamkeit ihres Umfelds entgehen wollten, zogen zu zweit oder zu dritt in billige, heruntergekommene Einzimmerwohnungen und bildeten traute Wohngemeinschaften. Ihr einziges Problem war die Krankheit namens AIDS, und wenn sie dann und wann Bumbum machen wollten, suchten sie Prostituierte auf, die wie sie selbst auch aidskrank waren. Da die Beträge, die zwischen diesen beiden Gruppen den Besitzer wechselten, lächerlich gering waren, sah es manchmal so aus, als handelte es sich um reine Liebesdienste. Einmal war es eine Duftseife mit Zitronenaroma, ein andermal eine Handvoll billiger Wattestäbchen aus China, die von der Hand eines Aidskranken in die Hand einer Prostituierten der untersten sozialen Schicht wanderte. Es kam jedoch auch vor, dass sich der Austausch dieser Gegenstände als Resultat einer für den Außenstehenden nicht nachvollziehbaren Rechnung in der umgekehrten Richtung vollzog.

Etwa zu dieser Zeit wurde auch damit begonnen, richtige Gebäude zu errichten, in die Lebensmittelläden, Schweinestelzen-Esslokale, Second-Hand-Elektrohandlungen und Nudelsuppenimbisse einzogen. Von denjenigen, die diese Läden eröffneten, ging es den meisten keineswegs darum, irgendwelche großartigen Gewinne zu erzielen, vielmehr handelte es sich um die hierher vertriebenen Verlierer eines Platzkampfes auf der Sukhumvit-Straße, die deswegen immer noch einen tiefen Groll hegten. Diese Gruppe von Leuten, die ihre Nachbarn bei jeder sich bietenden Gelegenheit beflegelten oder ausheckten, wie sie sie am besten übers Ohr hauen konnten, gingen alsbald sang- und klanglos miteinander unter, zum Glück aber teilte der für sein Alter jung aussehende, aus Nakhon Pathom stammende Junggeselle Shan diese Vorlieben nicht mit ihnen. Er war Vorhangmacher mit so guten Fähigkeiten, dass er sogar auf der Sukhumvit Soi 9, die man als einschlägiges Handelszentrum bezeichnen konnte, gearbeitet hatte. Es war nicht bekannt, warum Shan, der über gutes Aussehen und einen guten Charakter verfügte, in den hinteren Teil der abgelegenen Sukhumvit Soi 16 verdrängt worden war, außer Zweifel stand jedoch, dass sein Erscheinen einen erneuten Generationenwechsel markierte.

Infolge der Ghettoisierungspolitik der Militärregierung wurden die Aidskranken in ein Genesungsheim im westlichen Khlongtoey umgesiedelt und die Mietzimmer in der Soi 16 leerten sich. Weil es sich um Orte handelte, an denen bisweilen zwei, drei Personen an einem einzigen Tag gestorben waren, aber auch wegen des unangenehmen Geruchs, den die Aidskranken hinterlassen hatten, wollte kein normaler Mensch in diese Zimmer einziehen. Die Monatsmieten wurden wesentlich günstiger als andernorts in der näheren Umgebung und es kam auch immer seltener vor, dass Polizisten oder sonstige Beamte erschienen und sich wichtigmachten. Und weil schließlich auch die Lage in Sukhumvit in der Nähe von Soi Nana, das zu jener Zeit gerade zu einem Mekka der Prostitution aufstieg, und Soi Cowboy einen weiteren Pluspunkt darstellte, kamen dort immer mehr ärmliche Prostituierte zusammen.

Weniger als ein Jahr nachdem die Aidskranken vertrieben worden waren, wimmelte es in der Soi 16 von Prostituierten der untersten Klasse. Diese wohnten in Gruppen in je einem großen Zimmer zusammen, weniger um Kosten zu sparen, als vielmehr, weil sie selbst nur zu gut wussten, dass sie einer geringgeschätzten und ausgestoßenen Klasse angehörten und selbst innerhalb dieser zur untersten Schicht zählten. Da die meisten von ihnen »Billigprostituierte« waren, die pro Freier gerade einmal 100 Baht verdienten, betrachteten sie einander nicht als Konkurrentinnen innerhalb derselben Berufssparte, sondern empfanden so etwas wie Solidarität füreinander. Um das Schamgefühl, das sie empfanden, besser überspielen zu können, gingen sie gemeinsam zur Arbeit, warteten gemeinsam auf Freier, und wenn einer von ihnen etwas Schlimmes widerfuhr, halfen sie einander, als wären sie selbst betroffen. Sie arbeiteten äußerst effektiv zusammen, nicht nur im Alltagsleben, sondern auch beim Ködern von Kundschaft, sodass es ihnen sogar gelang, hochklassige Prostituierte, die bei weitem hübscher und schicker waren als sie selbst, von der Station Nana zu vertreiben. Unter diesen hochklassigen Prostituierten entschieden sich jene, die keinen langfristigen Großsponsor finden konnten, lieber dafür, sich in die Gemeinschaft der Prostituierten der untersten Klasse zu integrieren, als sich von der Station Nana vertreiben zu lassen, wodurch die Sukhumvit Soi 16 nun von Liebesdienerinnen der unterschiedlichsten Hierarchiestufen bevölkert wurde: von der alleruntersten Klasse jener Prostituierten, die keine Arme oder Beine mehr hatten oder deren ganzer Körper von Brandwunden bedeckt war, bis zur höchsten Klasse derer, die schon von ferne glitzerten und schillerten. Durch diese Veränderungsprozesse wurde das stabile Zusammengehörigkeitsgefühl, welches sie anfangs verbunden hatte, etwas geschwächt, zugleich jedoch festigte sich der gute Ruf der Soi 16. Um die finanziell potenten Prostituierten der höheren Klasse herum bildeten sie eine Art Gilde, legten ihre eigenen Regeln fest und beschützten die Gruppe nach außen. Und weil sie meistens abends arbeiteten und tagsüber schliefen, benötigten sie dicke Vorhänge, um das grelle Sonnenlicht abzuhalten. Mit anderen Worten hieß das nichts anderes, als dass die Prostituierten, die quasi zur dritten Generation von »Herren« der Straße geworden waren, Shan brauchten.

Shan, der Junggeselle mit der Pilzkopffrisur, war zwar auch seiner Fachkompetenz wegen beliebt, vor allem aber, weil seine Vorhänge günstiger waren als jene, die es auf der Sukhumvit-Straße zu bestellen gab. Sein Laden, der sich in einem Winkel tief im Inneren der Soi 16 befand, war von morgens bis abends voll mit Prostituierten der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Jüngeren unter ihnen, die kaum älter als fünfzehn waren, befühlten eine Weile lang die pinkfarbenen oder hellgrünen Stoffe – Stoffe in Farben, die ihnen gefielen – letztendlich aber bestellten sie, dem Rat der praktisch denkenden älteren Prostituierten folgend, doch Vorhänge aus dickem schwarzem Stoff. Daher brauchte Shan nicht viele Sorten von Stoff auszustellen. Gelegentlich kamen auch Hausfrauen oder Studentinnen in den Laden, um Stoffe zu bestellen, die in der Regel teurer waren als jene, die die Prostituierten benötigten, und bei diesen Gelegenheiten holte Shan dann die seit Langem aufbewahrten Kataloge hervor, zeigte sie ihnen und betonte, dass er in Wahrheit der Fachmann der Soi 9 war. Obwohl der Weg von der Soi 16 bis zur Soi 9 von einem jungen Mann in knapp dreißig Minuten zurückgelegt werden konnte, hatte Shan mit dieser Strategie bei den Bewohnern der Straße, die davon träumten, von der Peripherie ein Stück weit in Richtung des Zentrums voranzukommen, stets Erfolg.

Dieser Strategie verdankte es Shan auch, dass er zu etwas Geld kam, mit dem er sich einen Laden und eine Wohnung in einem sauberen Neubau anschaffte, und das junge, aus Chiang Rai stammende bildhübsche Fräulein Som vom Volksstamm der Akha zur Frau nahm. Som war eine Frau, die ihrem Ehemann gegenüber einen hündischen Gehorsam an den Tag legte, wenn jemand ihn zu beleidigen wagte, griff sie unverzüglich zum Messer und bedrohte denjenigen damit. Ihre Muschel lag im Vergleich zu anderen Frauen sehr weit nach oben in Richtung des Bauchnabels versetzt, sodass man sie nicht auf den Boden zu legen brauchte, sondern im Stehen Bumbum machen konnte. Aus demselben Grund war Doggystyle extrem anstrengend, aber immer wenn Som ihm gegenüberstand und ihm mit ihrer Stimme, in die sich die Sprachmelodie des Akha-Stammes mischte, ein paar Worte ins Ohr flüsterte, war er halb von Sinnen vor Erregung. Als Shan zum ersten Mal mit ihr für nur 100 Baht Bumbum machte, wusste er sofort, was er in seinem Leben bisher am meisten gebraucht hatte: genau diese Frau. Er musste sie möglichst schnell heiraten und ihr, damit sie sich nicht wieder aus dem Staub machen konnte, ein Kind machen. Mit dieser Strategie war er freilich nur allzu erfolgreich.

Die Vorhänge wurden allmählich immer teurer. Die Bewohner dachten erst, dass es vielleicht daran lag, dass ihre Fenster breiter waren als die der anderen, aber irgendwie kam es ihnen dann doch komisch vor und so begannen sie sich zu fragen, weshalb die Preise immer weiter stiegen. Dann ließ Shan mitten in der Arbeit alles liegen und stehen, ließ sich an Ort und Stelle an einem geeigneten Platz nieder und rechtfertigte sich gesenkten Hauptes weinerlich damit, dass er nun einmal ein Kind habe und dieses Kind nicht ernähren könne, wenn er nicht so und so viel für die Ware verlangte.

Anfangs kam er damit irgendwie durch. Aber als er zwei, drei und also immer mehr kleine Kinder zu versorgen hatte und sich die steigenden Milchpulverkosten direkt proportional in höheren Vorhangpreisen niederschlugen, kam es immer häufiger vor, dass die Bewohner ihrem Unmut direkt vor Shans Nase Luft machten. Hin und wieder klebte auch Babykacke an den Vorhängen, die er auslieferte. Aber man hatte auch irgendwie Mitleid mit Shan, dessen Gesicht mit der Zeit schmaler und dessen Stimme schwermütiger geworden war, und trug seine Beschwerden jedenfalls nicht so heftig vor, dass Som sich bemüßigt gefühlt hätte, zum Messer zu greifen und einen damit zu bedrohen. Außerdem war es zu jenem Zeitpunkt immer noch ein wenig günstiger, bei Shan zu bestellen, als auf die große Sukhumvit-Straße hinauszulaufen und seine Bestellung dort zu platzieren. Die Anrainer hofften inständig, dass Shan nun nicht noch mehr Babys bekommen würde. Som trug Tag und Nacht das Scheidenpessar, welches sie von einem Kleinkriminellen namens Oddt gekauft hatte. Es nützte jedoch nichts. Som wurde mit einem vierten Kind schwanger.

In etwa zu jener Zeit fing Som angesichts der sinkenden Haushaltsfinanzen, die sich mit der Geburt eines weiteren Babys zunehmend verschlechtern würden, ein gefährliches Business an. Sie begann, auf der Soi 16 Drogen zu verkaufen, die sie von der Alten in Asok bezog. Obwohl die Meinungen darüber zwischen den beiden Ehepartnern durchaus auseinander gingen, blieb Shan, als Som die ersten dicken Tränen aus ihren großen Augen kullern ließ, nichts anderes übrig, als ihr mit den Worten »Tu, was du für richtig hältst!« grünes Licht zu geben. Som hielt die Drogen in den Vorhangkatalogen ihres Mannes versteckt und verkaufte sie bei Hausbesuchen an schmerzgeplagte Aidskranke und Drogensüchtige. Weil sie die Rauschmittel selbst vorbeibrachte und überdies Membership-Bonuspunkte vergab, erweiterte sich ihr Kundenkreis laufend, sodass ihr Einkommen jenes ihres Mannes zum Zeitpunkt der Geburt ihres vierten Babys, das mit einem Zipfelchen auf die Welt kam, erstmals überstieg.

Auf diese Weise stand den beiden mit zwei Einkünften nun verglichen mit früher die doppelt so viel Geld zur Verfügung, dennoch erhöhte Shan die Vorhangpreise erneut um einen den Milchpulverkosten für das neugeborene Kind entsprechenden Betrag, schlicht weil sich diese Erhöhung inzwischen zu einer liebgewordenen Gewohnheit entwickelt hatte. Nun gab es verglichen mit der Bestellung in der Soi 9 keinen Preisunterschied mehr. Darüber hinaus gingen die Umsätze auch deshalb rasch zurück, weil die meisten der Bewohner bereits Vorhänge vor ihren Fenstern hängen hatten. Shans Job war es nun, im Vorhangladen sitzend vor sich hin zu dösen. An der animalischen Leidenschaft, die er für seine Frau hegte, hatte sich auch in dieser Situation nichts geändert und so blieb Soms Regelblutung bereits im dritten Monat nach der Geburt des vierten Babys erneut aus. Diesmal erschrak auch Som selbst.

Wenn es dem Baby nicht bestimmt gewesen wäre, am Ende doch auf die Welt zu kommen, wäre es nicht nur einmal, sondern dutzende Male gestorben. Som, die fünf für zu viel hielt, trank drei Flaschen des hochprozentigen Lao Khao-Schnapses, von dem es hieß, er habe abtreibende Wirkung, zerkaute, um das Eintreten der Regelblutung zu erzwingen, Verhütungsmedikamente, als handelte es sich um die tägliche Portion Reis, schlief mit einem riesigen Eisbrocken auf dem Bauch und nahm sogar das ultrastarke Abtreibungsmedikament RU486 ein – kein Mensch wusste, wo sie das Zeug herhatte – das Baby aber starb nicht, sondern wuchs beharrlich weiter. Letztendlich akzeptierte Som die Schwangerschaft, beschloss aber, ihre Eileiter nach der Entbindung ganz abbinden zu lassen. Und sie widmete sich erneut ganz ihren Geschäften.

Sie war eine geborene Drogendealerin. Auch ohne eigens darüber Buch zu führen, hatte sie ganz genau im Kopf, wer sich wie viel Rauschmittel pro Tag einwarf, und dementsprechend suchte sie jeweils diejenigen auf, die gerade etwas benötigten. Auch die grundlegenden Skills eines Drogendealers eignete sie sich selbst an, ohne sie von jemandem beigebracht bekommen zu haben. Beispielsweise redete sie ihren Kunden stets gut zu, »es« besser nicht allein zu machen, sich dem Genuss lieber in Gesellschaft hinzugeben. Das klang wie ein wohlmeinender Ratschlag, der den Zusammenhalt der Leidensgenossen untereinander stärken oder die durch Einnahme von Rauschmitteln verursachten Unfälle verhindern sollte, der Zweck aber, den sie damit in Wahrheit verfolgte, war es schlicht, mehr von dem Rauschgift zu verkaufen und dafür zu sorgen, dass ein Einzelner nicht ohne Weiteres damit aufhören konnte. Damit nicht genug, verfügte Som auch über einen animalischen Instinkt, den Kopf einer bestimmten sozialen Gruppe zu identifizieren. Sie gab grundsätzlich niemandem Kredit, mit Ausnahme einer einzigen Person, nämlich jener, die auf der Straße die meiste Präsenz hatte: ihr allein gewährte sie diesen Kredit sozusagen stellvertretend für alle. Wenn also jemand auf Pump Drogen von Som kaufte, bedeutete dies in weiterer Folge auch, dass sein Status auf der Soi 16 nach außen hin garantiert war.

Der Erste, dem diese wichtige Rolle zufiel, war der ehemalige Luftfahrtkontrolleur Uwe, der, nachdem er ein schweres Unglück verursacht hatte, aus seinem Heimatland Deutschland geflohen war. Er hatte ein dreistöckiges Mietshaus, welches sich damals noch in Bau befand, als Ganzes erworben und besaß so viel Geld, dass ihm, nachdem er selbst ein Eckzimmer im Erdgeschoss des Hauses bezogen hatte, egal war, wer die übrigen acht Zimmer bewohnte, sodass er es eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte, auf Kredit zu kaufen. Aber nachdem Som Uwe besucht und ein paarmal für ihn geputzt und gewaschen hatte, akzeptierte er ihr Angebot – wenn auch möglicherweise nur, weil ihm ihre aufdringliche Fürsorge zusehends lästig wurde. Die Kleinganoven der Soi 16 kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit einfach bei ihm vorbei, sei es, weil sie übertrieben kontaktbedürftig waren oder weil sie schlicht kein Schamgefühl kannten, und führten sich genüsslich die dort haufenweise herumliegenden Rauschmittel zu Gemüte. Da Uwe selbst aber, den Rat des kahlköpfigen Songruon befolgend, der ihm einerseits treues »Mädchen für alles«, zugleich aber auch ein echter Freund war, mit dem Rauschgiftkonsum wieder fast ganz aufgehört hatte, nachdem er nach ein paar Monaten Probleme am Herzen bekommen hatte, machte für ihn auch der Kauf auf Kredit bald keinen Sinn mehr. Für Uwes Drogenfreunde bedeutete dies, dass sie durch die Hölle gehen mussten.

Als zweites wurde die Rolle der Kreditnehmerin von der schönen, aus Chiang Mai stammenden Jia übernommen, die auf der Soi 16 zu einer legendären Figur werden sollte. Sie hatte etwa drei Jahre lang in Uwes Mietshaus gewohnt und während ihrer letzten fünf Monate in Sukhumvit Unmengen an Rauschmitteln auf Kredit gekauft. Tatsächlich nahm sie selbst jedoch gar nicht so gerne Drogen, das meiste davon wurde von den Prostituierten der untersten Klasse konsumiert, die finanziell von ihr abhängig waren. In einer sternenklaren Nacht zu Ende der Regenzeit kam Jia, die die Leute in der Soi 16 immer wieder freigiebig unterstützt hatte, stillschweigend zu Som, zahlte ihr Schulden in Höhe von weit mehr als 100.000 Baht zurück und verließ im Anschluss die Straße mit einem aidskranken Chinesen für immer.

Danach war die Reihe der »VIPs«, die von Som auf Kredit kauften, in der Sukhumvit Soi 16 für kurze Zeit unterbrochen. Wer Rauschgift kaufen wollte, musste in jedem Fall immer Bargeld zur Hand haben. Ausnahmen wurden nicht gemacht und keine Rabatte gewährt.

Der vorausberechnete Entbindungstag war der 10. Dezember, aber auch am Tag nach diesem Termin und auch zwei Tage danach hatte Som noch keine Wehen. Als eine ganze Woche vergangen war, ohne dass die Wehen eingesetzt hätten, bekam Som es plötzlich mit der Angst zu tun, weil ihr wieder einfiel, was alles sie angestellt hatte, um das Baby zu Beginn der Schwangerschaft abzutreiben, und so bat sie Buddha flehentlich darum, das Baby möge gesund zur Welt kommen. Auch beschloss sie, bis zur Geburt des Kindes kein Rauschgift mehr zu verkaufen. Dadurch mussten die Drogensüchtigen von der Soi 16 die Alte auf der Soi Asok aufsuchen oder aber durch die Hölle gehen. Endlich, am einundzwanzigsten des Monats, begannen die Wehen und Som wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Es sollte keine einfache Geburt werden. Die Gebärmutter, durch die schon vier Kinder problemlos ans Licht der Welt gelangt waren, hatte sich erwartungsvoll ganz geöffnet, aber aus irgendeinem Grund schien das Baby der Geburt ausweichen zu wollen. Am nächsten Tag kam der Kopf heraus, zog sich jedoch wieder zurück, tags darauf kam das Baby erneut bis zu den Schultern heraus und zog sich wiederum zurück. Am Abend desselben Tages kam das Baby bis zum Gesäß heraus und stellte allen zur Schau, dass es ein Mädchen ohne Zipfelchen war, schnappte ein paarmal mit dem Zahnfleisch nach dem Handgelenk des Arztes, der es herausziehen wollte, und zog sich erneut in die Gebärmutter zurück.

»Dieses Gör macht sich einen Spaß daraus!«

Som fluchte und schrie vor unerträglichen Schmerzen, bis sie in Ohnmacht fiel, und all das wiederholte sich noch unzählige Male. Doch selbst in dieser Lage noch echauffierte sie sich mit aufgerissenen Lippen über den Vorschlag des Arztes, das Baby aufzugeben:

»Das Kind ist von Shan! Wenn ihm jemand auch nur ein Haar krümmt, werde ich seine Familie bis in die entfernteste Verwandtschaft hinein vollständig auslöschen!«

Sie hatte viel Blut verloren, und obwohl sie Blutinfusionen in derart rauen Mengen erhalten hatte, dass man einen Whirlpool für zwei damit hätte füllen können, verlor sie nach dem Nachmittag des Vierundzwanzigsten vollständig das Bewusstsein. Das Baby, das einmal gar bis zu den Knöcheln herausgekommen war, nur um sogleich wieder langsam zurückzukriechen, wurde endlich gegen Morgen des nächsten Tages vom Mutterleib getrennt. Als der erste Schrei des Babys erklang, erlangte Som kurz wieder das Bewusstsein, erblickte das Baby und lächelte dünn. Sie rief nach dem an ihrer Seite schluchzenden Shan und zeigte auf eine Prostituierte, die sie gerade mit sorgenvollem Gesichtsausdruck ansah.

»Ihr gib auf Pump!«

Sodann hauchte sie ihren Lebensatem aus.

Auf diese Weise wurde am Weihnachtstag des Jahres 1994 jene Person bestimmt, die als dritte Kredit erhalten sollte. Das Mädchen, dem der Name Lano gegeben wurde, erschien auf der Sukhumvit Soi 16, und Shan, der als Vorhanghändler keine Arbeit mehr hatte, trat in die Fußstapfen seiner Frau und wurde so durch eine zufällige Fügung zum Drogenhändler. Dies also war der Tag, »an dem alles begann«, jener Tag, an welchem, nachdem so viel Zeit verstrichen war, die erschöpften Gedanken des allein an der Station Nana umherstreifenden Leo über einen zeitlichen Abstand von fünfzehn Jahren hinweg zurückkehrten.

3

Die mit Fliegendreck bedeckte lange Neonröhre verströmte ein trübes Licht. Eine Maus lief dicht an der Wand entlang, hielt in der Mitte inne, wechselte flink die Richtung und verkroch sich in einen Haufen von Kleidung. Die Maus schien an einer der drei Frauen, die wie leblos hier und dort herumlagen, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Der Name jener Frau, die auf vier Schichten irgendwie übereinandergelegten Linoleums unterschiedlicher Sorte, Farbe und Muster, die jedoch annähernd gleich alt und gleich schmutzig aussahen, lag und tief und fest schlief, war Lissa. Sie stammte aus Trat im Süden. Alle nannten sie »Lissa, die Glückliche«, und sie glaubte, dass Buddha voll und ganz auf ihrer Seite stand, was tatsächlich der Fall zu sein schien.

Lissa hatte schon davon geträumt, eine Prostituierte zu werden, als sie noch nicht einmal richtig laufen konnte, und hatte für sich beschlossen, nach Bangkok zu gehen und eine schicke Prostituierte zu werden, sobald sie alt genug wäre, einen BH anzulegen. Dann aber dauerte es doch sehr lange, bis ihr ein richtiger Busen wuchs, sodass sie, als sie schließlich in Bangkok ankam und Prostituierte wurde, bereits dreizehn Jahre alt war.

Anfangs arbeitete sie in einem Schaummassagesalon in Petburi. Weil sie ein süßes Gesicht hatte, ihre Haut weiß und weich war, und zu jener Zeit außerdem gerade drei beliebte Mädchen nacheinander aufhörten, kamen die Freier nur der jungen Lissa wegen. Wenn sie den einen Kunden abgefertigt hatte und das Wasser aufdrehte, um sich den Schaum vom Körper zu spülen, kam der nächste schon ins Badezimmer herein.

Lissa jauchzte vor Freude, so sehr genoss sie jeden einzelnen Tag. Das Haben auf ihrem Konto wurde stetig mehr und sie wurde laufend von gut aussehenden Männern umschwärmt. Weil sie der kostbarste Schatz des Etablissements war, konnte sie, wenn sie ein geringes Bußgeld zahlte, auch während der Öffnungszeiten zum Tanzen nach draußen gehen. Ihre junge und gesunde Leber baute alle Arten von Alkohol im Nu wieder ab, sehr zum Ärger jener Neulinge unter den Freiern, die sie durch das Einflößen von größeren Mengen Alkohols versuchten gefügig zu machen. Das war der völlig falsche Weg. Es genügte ein Wort und Lissa war allzeit bereit, ihren Slip auszuziehen. Es ging ihr in erster Linie nicht ums Geld.

Nachdem sie an der Hand eines ihrer Stammkunden, des Niederländers Marco, aus dem Massagebusiness ausgestiegen war, war ihr Leben recht beschaulich geworden, aber immer noch sprachen sie, wenn sie an der Station Nana Aufstellung bezog, am laufenden Band Männer an. Dazu kam, dass die Freier, die ihr ins Netz gingen, ausnahmslos echte Gentlemen waren.

Lissa schlief nicht mit ihnen, weil sie das Geld brauchte. Sie mochte es einfach, wenn die Männer sie umarmten und ihr in fremden Sprachen, die sie nicht verstand, Dinge ins Ohr flüsterten. Sie machte mit ihnen etwas, das sie gerne machte, und weiter dachte sie nicht. Es kam vor, dass sie mal etwas mühsam oder nervig fand – sie war schließlich auch nur ein Mensch – hatte aber ihre eigene Art, damit umzugehen, indem sie dieses Negative in Sekundenbruchteilen wieder vergaß und nur das Angenehme und Beglückende in Erinnerung behielt. Sie hatte sich noch nie tiefschürfende Gedanken über das Leben gemacht – sie zerbrach sich nun einmal nicht gern den Kopf, war nicht gern einsam oder ernst, mochte es auch nicht, die Gedanken schweifen zu lassen oder mal gar nichts zu tun.

Als Marco vor ihr auf die Knie fiel und sie schluchzend darum anflehte, ihn zu heiraten, war ihre spontane Reaktion darauf einfach und klar, hörte sich an wie ein Scherz:

»Wenn du uns ein zweistöckiges Haus kaufst, das eine Schweinefarm dabeihat, dann meinetwegen, ja.«

Die beiden heirateten und bauten sich in Lissas Heimat Trat das Nest, das sie sich gewünscht hatte. Und während Marco zum Arbeiten in die Niederlande zurückging, um einen riesigen Yen-Kredit zurückzuzahlen, genoss sie in Bangkok die heiße Jugend ihrer siebzehn Jahre. Auch in diesem Augenblick, während Lissa in der Sukhumvit Soi 16 auf dem schmutzigen Linoleum tief und fest schlief, legte sich gerade eine dicke Staubschicht auf alles in dem verwaisten Haus des jungen Ehepaares in Trat, fielen die Zäune auseinander und Dutzende verlassene Schweine verhungerten eins nach dem anderen, das Weiß ihrer Augäpfel nach außen gekehrt.

In einem Winkel im hinteren Teil des Zimmers, hinter einer dicken Säule versteckt, saß ein sehr mageres Mädchen, das, über das ganze Gesicht lächelnd, voller Eifer in eine astrologische Zeitschrift vertieft war: die fünfzehnjährige Kai, deren Name »Huhn« bedeutete. Weil sie schwanger war und nur ihr Bauch kugelrund hervorstand, nannten alle ihr noch ungeborenes Baby Khai, also »Ei«. »Hey Kai, wächst dein Khai gut heran?« – auf diese Art sprach man sie an.

Sie stammte aus Pattaya, hatte schneeweiße Haut und knallrote Lippen. Im Gesicht trug sie immer ein freundliches Lächeln, was aber nicht daher rührte, dass sie ein glückliches Leben führte oder gerne lachte, sondern den Grund hatte, dass sie als kleines Kind an einer Fieberkrankheit gelitten hatte. Diese hatte Komplikationen mit der Gesichtsmuskulatur zur Folge gehabt, sodass ihre Augenwinkel wie bei einem abnehmenden Mond nach unten zeigten, während die Mundwinkel in Richtung der Backenknochen nach oben verliefen, wodurch ihre weißen Zähne eine Hasenscharte und sich außerdem Grübchen bildeten. Natürlich hatte auch sie im Laufe ihres Lebens eine eigene Art entwickelt, Emotionen zu zeigen, aber es sah zum Beispiel so aus, als ob sie lächelte, wenn sie verwirrt war, als ob sie »Ha!« auflachte, wenn sie sich ärgerte, und als ob sie in schallendes Gelächter ausbrach, wenn sie vor Schmerzen stöhnte. Ihre Mimik war ein einziges Durcheinander und hatte für sie während ihrer fünfzehn Lebensjahre unzählige Male nachteilige Folgen gehabt. Dass sie einmal für eine Taschendiebin gehalten und in eine Wachstube gebracht oder einmal wie eine Verrückte behandelt worden war, waren noch Harmlosigkeiten, es war auch vorgekommen, dass sie von Männern, die missverstanden hatten, sie wäre einverstanden, vergewaltigt, oder – noch schlimmer – auf der Insel Samet, wohin sie mit einem alten Freier auf eine Spritztour gekommen war, von chinesischen Jugendlichen, die es mit ihrem Heldenmut ein wenig zu weit trieben, entführt worden war. Stets hatte sie in diesen Situationen ihren Willen ganz klar zum Ausdruck gebracht – umsonst!

»Wenn alles sonst an dir ›Ja, ich will!‹ schreit, wer soll ein bloß gesprochenes ›Nein!‹ dann ernst nehmen.«

Das war es, was sie in ihrem Leben am häufigsten zu hören bekommen hatte. Und jedes Mal, wenn sie es hörte, brach sie in Tränen aus, weil es unfair war und sie wütend machte – aber selbst dann sah es aus, als weinte sie vor lauter Lachen.

Kai war ein schrecklicher Geizhals. Für sich selbst hätte sie ohne triftigen Grund keinen einzigen Satang ausgegeben. Das meiste Geld, das Kai mit ihren Liebesdiensten verdiente, schickte sie an ihre Mutter in Pattaya. Die Mutter wusste, dass ihre Tochter sich prostituierte, machte sich aber keinen Kopf deswegen – schließlich hatte sie es in jungen Jahren genauso gemacht. In manchem glich die Mutter der optimistischen Lissa, und von dem Geld, das ihr ihre Tochter überwies, kaufte sie sich ein Motorrad und Whiskey, oder gab es einfach als Taschengeld an die Männer weiter, mit denen sie sich traf.

In den meisten ihrer wachen Stunden war Kais innigster Wunsch einzig und allein, einen gutherzigen Mann, dessen Aussehen keine Rolle spielte, zu treffen und gemeinsam mit der Mutter zusammen in ihrer Heimatstadt zu leben. Um das zu erreichen, brauchte sie Geld, also ging sie der einzigen Arbeit nach, der sie als jemand, der nicht einmal einen Grundschulabschluss hatte, in einer Großstadt nachgehen konnte. Kai fragte sich immerzu, wann es endlich so weit wäre und sie in ihre Heimat zurückkehren könnte. Der einzige Freund, der ihr – egal, ob richtig oder falsch – eine Antwort auf diese Frage gab, war die astrologische Zeitschrift.

Hingegen war Yon, die zu Lissas Rechten mit weit gespreizten Beinen dalag und schnarchend schlief, eine Frau, die das Leben unheimlich einfach fand: »Trinken, rauchen, quatschen!«

Seit sie sich im Alter von neun Jahren in einer schmutzigen Seitengasse irgendwo in ihrer Heimat Isan mit einem vom Opium berauschten Mönch zum ersten Mal prostituiert hatte, hatte sie – sie war heute in ihren späten Vierzigern – diese drei Worte allein auf Englisch schon Zigtausende Male ausgesprochen. Selbst die Reihenfolge war dieselbe geblieben, hatte sich nie verändert. Ihrer eigenen Aussage zufolge hatte sie ihr ganzes Leben lang nur getrunken, geraucht und gequatscht. Davon abgesehen war ihre einzige Beschäftigung, zur Station Nana zu gehen und unter Prostituierten, die zwanzig oder dreißig Jahre jünger waren als sie, auf Freier zu warten, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Ihr dunkles und faltiges Gesicht glänzte fettig wie eine ölverschmierte kleine Dorftankstelle, aber sie hatte nicht einmal genug Kinderstube, dass ihr das unangenehm gewesen wäre.

Ihr markantestes Charakteristikum war ihr loses Mundwerk. Kurz gesagt: sie litt an Sprechdurchfall. In dem Jahr, als sie sieben Jahre alt wurde, hatte ihr ein Onkel mütterlicherseits – ein Analphabet, der Zuckerrohr schnitt – in der Absicht, sie zu vergewaltigen, aus Versehen statt eines Schlafmittels ein starkes Tuberkulose-Medikament verabreicht. Damals verfiel sie kurz in einen Dämmerzustand, wurde aber während des Bumbum wach und ließ sogleich einen ungeheuren Wortschwall vom Stapel, der sich teils nach einem Wortketten-Spiel, teils nach freier Assoziation anhörte, das meiste davon aber war so völlig frei von Logik und Regeln, dass man es bestenfalls noch als Zungenflattern bezeichnen konnte. Ihr Onkel erschrak ordentlich und setzte seine ganze Körperkraft ein, ihr den Mund zuzuhalten, wodurch ihr das Kinn und die Lippen ein wenig nach links verschoben wurden. Dann versetzte er ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht, durch den auch ihr rechtes Auge zur Hälfte eingedrückt wurde. Wäre ihr Vater, der diese Geräusche glücklicherweise gehört hatte, nicht ins Zimmer gestürzt, wäre Yons Gesicht sicherlich völlig entstellt worden.

Der Vater stellte seine Tochter in aller Ruhe auf die Beine, zog sie an und brachte sie aus dem Zimmer. Allein im Zimmer zurückgeblieben, war der Onkel, der sich den Kopf darüber zerbrach, wie er sich rechtfertigen sollte, gerade dabei, in seine Hose zu steigen, als Yons Vater ins Zimmer zurückkam und mit einem Hammer wuchtig auf ihn einschlug. Mit einem einzigen Schlag schlug er ihm ein Loch in den Hinterkopf, sodass der Onkel, der immer schon Analphabet gewesen war, von da an geistig zu überhaupt nichts mehr zu gebrauchen war, außer dazu, wie ein Roboter Zuckerrohr zu schneiden.

Für Yon hatte dieser Vorfall, von der hässlichen Entstellung ihres Gesichts abgesehen, auch geistig schwere Folgen: Ihr unterliefen im täglichen Leben allerhand törichte Fehler und ihre Gedächtnisleistung war ihr ganzes Leben lang mangelhaft geblieben, sodass sie sich oft nicht einmal sicher war, ob sie gerade gekackt oder sich die Zähne geputzt hatte. Damit nicht genug, litt sie an dem merkwürdigen Symptom, selbst nicht zu verstehen, was sie gerade sagte. Aber in einem hatte Buddha vielleicht Gnade mit ihr walten lassen, indem er nämlich in ganz bestimmten Momenten, die man nur schwer beschreiben konnte, alle ihre körperlichen Sinne einschließlich des Seh- und des Geruchssinns zu einer außergewöhnlichen Sensibilität schärfte, die sie ein fast schon übermenschliches Urteilsvermögen an den Tag legen ließ. Natürlich war das nur extrem selten der Fall. So selten, dass es der Wahrheit vielleicht näherkam, zu sagen, es kam überhaupt nie vor.

Diese Yon machte nun ihren Mund auf. Machte ihn noch weiter auf. Und noch ein Stück weiter. Schließlich machte sie ihn so weit auf, dass zwei Billardkugeln auf einmal hineingepasst hätten. Sie stieß eine möglichst große Menge ihres schlechten Atems aus und schloss den Mund dann mit einem Klacken. Dann schmatzte sie ein paarmal. Nachdem sie sich mit leicht in Falten gelegter Stirn im Zimmer umgesehen hatte, schnappte sie sich heimlich einen 100-Baht-Schein, der gerade aus Lissas Hosentasche hervorlugte, und ging durch das knarrende Eisentor nach draußen.

Kai, die nach wie vor in die astrologische Zeitschrift vertieft war, nahm davon keine Notiz. In der Zeitschrift stand nichts Konkretes darüber geschrieben, wann genau sie zu Geld kommen und in ihre Heimat zurückkehren würde, stattdessen war sie voll von schwammigen, nebulösen Formulierungen. Wenn man es auf die eine Weise betrachtete, schien es zuzutreffen, und wenn man es auf eine andere Weise betrachtete, traf es genauso zu. Manchmal wollte sie das Magazin deshalb mit den Worten »Was für ein Quatsch!« von sich schleudern, in Wahrheit aber war gerade diese Unbestimmtheit der Grund, weshalb sie nicht genug davon bekam und alle drei Monate eine neue Ausgabe kaufte. Immerhin trafen die Monatshoroskope manchmal tatsächlich zu.

Lissa drehte sich im Liegen auf die andere Seite um. Es sah so aus, als ob sie mit ausgestreckten Armen nach etwas tastete, sie schien im Schlaf nach Yon zu suchen. Still machte sie ihre Augen halb auf und brummte vor sich hin, als ob sie gar nicht geschlafen, sondern nur mit geschlossenen Augen über etwas nachgedacht hätte.

»Nicht schon wieder! Die Säue haben schon wieder eine ganze Schar Ferkel geworfen!«

Mit diesen Worten sprang Lissa auf, stürzte sich auf Kai und packte sie am Fußgelenk. Kai, die darauf nicht gefasst gewesen war, kippte seitlich um und verlieh mit dem Ausruf »Hey!« ihrem Unmut darüber Ausdruck, machte dazu aber ein gutgelauntes Gesicht, wie man es bei jungen Mädchen auf einem Picknickausflug beobachten konnte. In dem Augenblick, da Lissa mit dem Finger auf Kais Gesicht zeigend laut auflachte, kam von Weitem hörbar ein fortgesetztes Murmeln über die Treppe hoch. Kurz darauf öffnete sich mit einem Quietschen die Eisentür und Yon erschien mit zwei Päckchen Mentholzigaretten in der Hand. In ihrem Gefolge trat zögerlich ein Ostasiat mit kurz geschnittenem Haar und hellerem Teint ins Zimmer und grüßte mit einer Verbeugung.

Dem Mann stand sein Unbehagen ins Gesicht geschrieben. Es war wegen des Geruchs nach einem eigentümlichen Dunkel, den man bereits beim Eintritt in die Soi 16 wahrzunehmen begann, wegen der chaotisch anmutenden, fremdartigen Struktur des Mietshauses, wegen der labilen, unglückschwangeren Harmonie, die die unterschiedlich hohen Treppenstufen zu vermitteln schienen, wegen des von Armut und Trägheit, von Sittenverfall und Illegalität bestimmten kargen menschlichen Lebens, das er beim Heraufsteigen in den zweiten Stock durch die einen Spaltbreit offen stehenden Türen erblickt hatte: In einem fensterlosen dunklen Zimmer saß ein massiger Mann von der Größe eines Elefanten, der eine Unmenge von Schnapsflaschen vor sich aufgehäuft hatte. In einem anderen Zimmer masturbierte ein junger Mann mit bis zu den Knien heruntergelassenen Hosen hingebungs- und geräuschvoll: Fapfap, Fapfapfap. In einem Zimmer im ersten Stock trocknete sich eine Alte, die am ganzen Körper tätowiert war und keine Faser auf dem Leib trug, ihre nassen Haare vor dem Ventilator, während direkt gegenüber drei bis vier junge Leute in ein Kartenspiel um Geld vertieft waren. All diese Einblicke boten sich dem Auge hinter dem halb offenstehenden Eingangstor im Inneren eines gemeinschaftlich genutzten, zur Straße hin völlig unversperrten Wohnhauses.