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1985-1989, das sind die letzten Jahre des Kalten Krieges. Dass es nie zu einer echten militärischen Konfrontation zwischen den West-Alliierten und den Kräften des Warschauer Paktes und damit zu einem Dritten Weltkrieg gekommen ist, ist nicht zuletzt der erfolgreichen Arbeit der militärischen Aufklärung beider Seiten zuzuschreiben. Das Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) spielte eine wichtige Rolle bei der Nachrichtenbearbeitung der NATO-Staaten. Günter K. Weiße beschreibt in seinem neuesten Buch kenntnisreich die militärische Lage Europas in den Jahren von 1985-1989. Aus eigener Erfahrung und unter Rückgriff auf bislang höchst geheime NATO-Dokumente berichtet er über Alltag und Aufgaben der SHAPE Intelligence Division sowie weiterer SHAPE-Gliederungen. Das Werk gibt nicht nur Einblick in die militärischen Übungen von NATO und Warschauer Pakt, Spionageabwehr und strategische Planungen für die Verteidigung Westeuropas, der Leser erfährt auch Näheres über die tägliche Arbeit bei SHAPE und den besonderen Korpsgeist, der die internationale Besetzung aus Soldaten und Zivilpersonen dieser Zeit prägte. Das Buch ist ein Muss für alle zeit- und militärgeschichtlich Interessierten – und für alle ehemaligen und aktiven "SHAPIANS".
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Veröffentlichungsjahr: 2014
ibidem-Verlag, Stuttgart
"Vigilia Pretium Libertatis"[1]
Die vorliegende Arbeit soll die völkerverbindende Bedeutung[2]der militärischen Zusammenarbeit auf allen Ebenen in einem großen internationalen militärischen Stab und die internen Arbeitsabläufe innerhalb eines NATO-Hauptquartiers beschreiben. Insbesondere die im Bereich des"Militärischen Nachrichtenwesens–Intelligence"beim Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE)im Zeitraum von 1985 bis 1989gemachten Beobachtungen sollen aus persönlichem Erleben geschildert werden. Damit soll aber auch das Verständnis für die heute noch wesentlich komplizierter gewordenen militärischen Abläufe vertieft werden. Das Werk basiert vorwiegend auf eigenen Erfahrungen des Autors vor Ort zur damaligen Zeit, frei zugänglichen Quellen[3]sowie Informationen damals Beteiligter. Es ist nicht die Absicht des Autors, ein Werk mit quellenkritischem,wissenschaftlichenAnspruchodereine militärpolitische Analyse vorzulegen. Aufdie politischen Hintergründe und Zusammenhänge wird nur dort Bezug genommen, wo dies zum Verständnis der Entwicklung erforderlich erscheint. Aus naheliegenden Gründen wird auf die Nennung der Namen Beteiligter verzichtet, außer es handelt sich um Personen der Zeitgeschichte. Noch immer schutzwürdige Vorgänge und Sachverhalte können naturgemäß nicht offengelegt werden. Allein der Autor ist für den Inhalt des vorgelegten Werkes verantwortlich. Die im Werk vertretenen Ansichten und Bewertungen reflektieren ausschließlich die Auffassungen des Autors, für die er auch die Verantwortung übernimmt. Sicherlich hat sich auch beiSHAPEseither viel geändert, nachdem Staaten aus demehemaligenWarschauer Paktder NATO beigetreten sind. So möge der Leser das Werk als historische Reminiszenz eines überaus interessanten Zeitabschnittsbetrachten.
Die North Atlantic Treaty Organization – NATOkonnte im Jahre 2009 auf eine über sechzigjährige, wechselvolle Geschichte zurückblicken. In dieser Zeitmit krisenhaften Entwicklungen und ernsthaften Krisen zeigte sich die NATO als Garantfreiheitlicher Werte und hat wohl, auch auf Grund ihrer Existenz und militärischer Präsenz und Fähigkeiten, wesentlich zur politischen und militärischen Stabilität in Europa beigetragen. Gleichwohlunterschiedliche Interessenlagen einzelner NATO-Mitgliedstaatenin der Vergangenheit gelegentlich zu Irritationen im Bündnis führten, hat sich das Bündnis insgesamt bewährt. Unbestritten haben die Politik und der militärische Einflussder Vereinigten Staaten von Amerika die Entwicklung der NATO entscheidend mitgeprägt. Der Austritt Frankreichs aus der militärischen Allianz im Jahre 1966hat die weitere Entwicklung innerhalb der NATO für die folgenden Jahre wesentlich beeinflusst. Im Jahre 2009 zeichnete sich allerdings eine Rückkehr Frankreichs in die militärische Kommandostruktur der nun erweiterten NATO ab, die ihren vorläufigen Abschluss in der Übertragung eines hohen NATO-Dienstpostens an einen französischen Admiral gefunden hat. Dies wird die künftige Entwicklung der Allianz, insbesondere auch unter dem Einfluss der neuen Mitglieder in Ost-und Südosteuropa neuerlich entscheidend prägen. Mitden asymmetrischen Bedrohungen, denen sich die Allianz seit 2001 ausgesetzt sieht, ist auch eineNeuorientierung der NATO verbunden, die sich bereits in Organisationsänderungen der politischen und militärischen Struktur der NATO manifestiert hatund noch längst nicht abgeschlossen[4]ist. Inwieweit die umfassenden Bemühungen um Unabhängigkeit der Europäischen Union von den Entscheidungsgängen der NATOund letztendlich der USA im Rahmen der"Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik – GASP"[5]von Erfolg gekrönt werden,erscheintfraglich, dahier parallele Strukturen zur NATO aufgebaut werden sollen, die sich auf die NATO-Allianz kontraproduktiv auswirken und zu unnötiger Belastung wichtiger nationaler militärischerund wirtschaftlicher Ressourcen führen werden, die besser in die bereits bestehende Struktur der NATO eingebracht werden sollten. Da die geplanten europäischen Kräfte[6]für ihre Auftragsdurchführung auch in Zukunft auf die Strukturen und Unterstützung der NATO, hier insbesondere im Bereich des Fernmelde- und des Nachrichtenwesens[7],angewiesen bleiben, stellt sich die grundsätzliche Frage, ob und in welchem Umfang derartige zusätzliche Strukturen überhaupt erforderlich sind und nicht auf bereits bestehende Strukturen der NATOzurückgegriffen werden sollte. Mit der Reorganisation der Streitkräfte Russlands ab 2009 und ihrer angekündigtenModernisierung,insbesondere im Bereich der taktischen, operativen und strategischen Nuklearwaffenerwächst dem Bündnis ein wieder ernstzunehmendes, mögliches Gegenüber. Auch hat die durch die russische Führung angekündigte künftige zeitweiligePräsenz der russischen strategischen Luftwaffein der westlichen Hemisphäre noch nicht absehbare Konsequenzenfür die Strategie der Allianz in dieser Region.Zudemist die Modernisierung der russischen Seestreitkräfte noch nicht endgültig abgeschlossen, so dass künftig wieder mit deren Präsenzin strategisch bedeutsamen Seegebieten[8]gerechnet werden kann. Durch die Aufnahme der drei baltischen Staaten in das Bündnis könnteesin einer krisenhaften Entwicklung an der Ostgrenze der NATOzur direkten Konfrontation zwischen NATO-Streitkräften und russischen Truppenkommen, deren Folgen in einer Krise auch nicht annähernd abgeschätzt werden können. Die gegenwärtige stabile politische Führung Russlands könnte durchaus in ferner Zukunft durch eine weniger berechenbare Führung ersetzt werden, derenAspirationen in Bezug auf Westeuropa und Anrainerstaaten in Zentralasien gegenwärtig noch nicht endgültig abgeschätzt werden können. Dies kann künftige, mögliche Konflikte um wichtige Rohstoffe an der Peripherie der NATO einschließen. In Regionen an den Flanken der NATO können in absehbarer Zeit Konflikte um den lebenswichtigen Rohstoff Wasserund andere Rohstoffe erwartet werden, die einen nicht unbeträchtlichen Einfluss aufpolitische und militärische Entscheidungen der Allianz haben werden. Die bereits bestehenden Konfliktherde im Irak, im Nahen Osten, in Westafrikaund in Afghanistanbinden militärische Kräfte der Allianz und verursachen Kosten in nicht unbeträchtlicher Höhe. Einekurzfristige Lösung dieser Konflikte kann jedoch nicht erwartet werden. Die asymmetrische Bedrohung der Staaten der Allianz durchden weltweiten Terrorismus, Schurkenstaatenund Gruppierungen der internationalen organisierten Kriminalität wird eher zunehmen. Zu einem weiteren Problem für Westeuropa können ungehemmte Migrationsbewegungen, insbesondere aus wirtschaftlich unterentwickelten Staaten Afrikas,werden. Daneben verfügen mittlerweile auch Schwellenstaaten über Technologien zur Herstellung von biologischen, chemischen und Nuklearwaffen,mit deren Einsatz in einem künftigen, sich ausweitenden lokalen Konflikt gerechnet werden kann. Nicht zuletzt die"Kritischen Infrastrukturen"hochentwickelter westlicher Industriestaaten können zu Zielen terroristischer Gruppierungen oder staatlichen/halbstaatlichen Organisationen werden, wie dies in jüngsten Konflikten (Baltikum und Georgien) erkennbar wurde. Die russische Führungverstärkt offen undverdeckt ihre hegemonialen Ansprüche, insbesondere in unmittelbaren Anrainerstaaten Russlands, so dass hier auch künftig mit politisch motivierten Konflikten gerechnet werden muss.Die anwachsenden Anstrengungen Chinas um die Modernisierung seiner Streitkräfte[9], einschließlich der umfassenden Fähigkeiten des Informationskrieges, werden in Zukunft eine bedeutende Rolle imasiatisch-pazifischen Raum spielen, der auch für Westeuropa von eminenter wirtschaftlicher Bedeutungist. Der steigende chinesische Einfluss im pazifischen Raum und in Afrika ist unübersehbarund könnte in der Folge entsprechende Auswirkungen auch auf Westeuropa gewinnen. Die Vereinigten Staaten befinden sich derzeit in einer Phase der Re-Orientierung[10]und ziehen bedeutende militärische Kräfte aus Europa ab. Künftig werden die US-Streitkräfte vorwiegend auf US-Territorium stationiert sein. Ob und inwieweit die Vereinigten Staaten künftig ihre Präsenz im pazifischen Raum verstärken werden, ist noch nicht endgültig abzusehen. Gleichwohl wird auch erkennbar, dass die Vereinigten Staaten zunehmend Interesse an der Entwicklungin Afrikazeigen.Daher sollte die Allianz alle Möglichkeiten sowohl auf politischem als auch militärischem Gebiet nutzen, um ihren Einfluss als friedenserhaltendes Bündnis zu festigen und als militärischer Machtfaktor, zumindest an der Peripherie Europas,zu wirken und damit zum Erhalt des Friedens in dieser Region beitragen. Ob das Bündnis künftig über Fähigkeiten zu weltweiten Interventionsoperationen verfügen sollte, ist besonders kritisch zu hinterfragen. Damit einhergehend sollten die europäischen Bündnispartner ihren Einfluss auf politische und militärische Entscheidungen in der NATO verstärken, um so auch Europa im Bündnis ein stärkeres Mitspracherecht bei politischen und militärischen Entscheidungen der NATO zu garantieren. Denn nur so kannauf der politischen Ebene eine Identifikation mit den Werten und Zielen der NATO im Bündnis langfristig gesichert werden. Nationale Partikularinteressen sollten in einem derartigen Bündnis auch in Zukunft keinen Platzfinden. Auch ist die Rolle der europäischen Militärorganisation für die Zukunft besonders kritisch zu prüfen, da mit ihr Strukturen in Konkurrenz zu den seit Jahren in mancherlei krisenhaften Situation bewährten NATO-Strukturen geschaffen werden sollen, welche die ohnehin schon belasteten Verteidigungsbudgets der EU-Staaten noch zusätzlich belasten.Auch zeigt sich, dass die gegenwärtige EU-Militärorganisation mitdemMilitary Staff (EUMS) den Ansprüchen in asymmetrischen Konflikten aller Art möglicherweise nicht gewachsen sein wird.
Die Geschichte des Supreme Headquarters Allied Powers Europe von seiner Aufstellung im Jahre 1951 in Versailles beiParis bis heute nachvollziehen zu wollen würde den Rahmen dieses Werkes sprengen. Deshalbwird imweiterenVerlauf nur auf fürdas Hauptquartierentscheidende Ereignisse eingegangen werden. Für die Zeit von 1985 bis 1989 kann der Autor auf eigene Erfahrungen und Erlebnisse als Angehöriger des NATO Airborne Early Warning Force Command Headquarters, dasSHAPEangegliedert war und noch ist, zurückgreifen.Das NAEW-FC HQwar und ist in mannigfacher Weise mit dem Betrieb des Hauptquartiers verbunden. Das Schwergewicht der Schilderungen soll jedoch auf dem Gebiet der Bearbeitung des"Militärischen Nachrichtenwesens – Intelligence"im Hauptquartier liegen, da sich hier umfassende dienstliche Berührungspunkte des Autorsergaben. DasHauptquartier[11]wurde 1951 zwischen Versailles und St.Germain-en-Layebei Paris errichtet. Zum ersten Supreme Commander Allied Powers Europe – SACAEURwurde im Jahre 1950 der amerikanische General Dwight D. Eisenhower[12]bestimmt. Die Funktion des DeputySupreme Commander Allied Powers Europe übernahm der britische Field Marshal Viscount Montgomeryof Alamain[13], der sich durch seine Erfolge bei der Führung der 8.Britischen Armee[14]gegen die Achsenstreitkräfte in Nordafrika einen Namen gemacht hatte.Den Posten eines Stellvertretenden Obersten Befehlshabers Luftstreitkräfte übernahm der britische Air Chief Marshal Sir Hugh Sanders. Zum Stellvertretenden Obersten Befehlshaber Seestreitkräfte wurde der französische Admiral Lemmonier ernannt.Bereits im Mai 1952 übernahm der amerikanische General Mathew B. Ridgeway[15]die Funktion des SACEUR, ihm folgte bald darauf im Jahre 1953[16]der amerikanische General Alfred B. Gruenther. Am 9.Mai[17]1955 trat die Bundesrepublik Deutschland dem Nordatlantischen Bündnis[18]bei. Am gleichen Tage machten die"Deutschen Militärischen Bevollmächtigten"unter Führung von Generalmajor H. Speidelin Zivilkleidung beiSHAPEihren Antrittsbesuch und wurden von General Gruenther dem damaligen SACEUR und General Lehr, dem Vertreter des französischen Verteidigungsministeriums,empfangen. Wenig später, allerdings erst nach einer protokollarisch bedingten Verzögerung, wurde auch die deutscheNationalflagge[19]im Hauptquartier formell gehisst.Im November 1956 übernahmder amerikanische General LaurisNorstadden Posten des SACEUR, bis dieser im Januar 1963 durch General Lyman L. Lemnitzerersetzt wurde, der bis Juni 1969 amtieren sollte. Am7.März 1966 richtete der französische StaatspräsidentGeneral de Gaulleein Schreiben an Lyndon B. Johnson,demdamaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, in dem erden vollständigen Rückzug[20]der französischen Streitkräfte aus der Militärorganisation der NATO ankündigte. Am 29.März 1966 kündigte Frankreich an, dass die NATO-Unterstellung der französischenTruppen am 1.Juli 1966 enden werde unddie alliierten Einrichtungen der NATOin Frankreich bis zum 1.April 1967 geräumt werden müssten. Am 21.Juni 1966 stimmte das belgische Parlament der Verlegung vonSHAPEaus Frankreich nach Belgien zu. Am 13.September 1966 wurde die Errichtung des neuen Hauptquartiers bei Casteauin einem Außenbezirk vonMons, südwestlich von Brüssel,beschlossen. Am 26.Oktober 1966beschloss der Nordatlantikrat die Errichtung des neuen NATO-Hauptquartiers in Brüssel. Mit einer Entschließung des NATO Defense Planning Committees (DPC) wurde die Verlegung des bisher in Washington amtierenden Military Committees (MC)der NATOnach Brüssel in die Wege geleitet. Nach umfangreichen Bauarbeiten in Casteau nördlich vonMonskonnte das neue Hauptquartier fürSHAPEam 31.März 1967 in Dienst gestellt werden. Dessen Baukosten wurden damalsauf etwa 60 Millionen Deutsche Markgeschätzt. Es befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen belgischen Munitionsdepots[21]und verfügte am Anfang über 18 Gebäude. In der Anfangsphase war das Hauptquartier für die Aufnahme von etwa 1200 Militärpersonen[22]ausgelegt. Bald darauf wurden auch die Gebäudeder zum HauptquartiergehörendenWohnsiedlung"SHAPEVillage"bezugsfertig. Dass die Ansicht des Hauptquartiers[23]prägendeHauptgebäude mit 2 Stockwerken, das den Stab beherbergt, wird als"Main Building"bezeichnet und trägt die Nummer101.Esverfügt über die mit den BuchstabenA – K bezeichneten Flügel,die sich um zwei geschlossene Innenhöfe gruppieren. In dem Innenhof zwischen C-, D-und E-Flügel (Wing) befindet sich der K-Flügel (K-Wing), in dem ab 1984 das Hauptquartier derNATO-Frühwarnflotte[24]eingerichtet wurde. In demdurch die A-, B-, G-und F-Flügel (Wing) gebildeten Innenhof befand sichin den achtziger Jahrender "H-Wing",indemsich das"Supreme Headquarters OperationsCentre– SHOC"und die"Emergency Action Unit – EAU"befanden. Vorgelagert vor dem Gebäude 101 befindet sichdas Gebäude 102[25], in dem sich frei zugängliche Einrichtungen wie eine Cafeteria[26], die Bank, das Petrol Office, esdiente dem Verkauf der steuerbefreiten Benzinkupons, diebelgische Post, die Post der US-Army, die britische und kanadische Post sowie der Friseur, ein Zeitungs- und Andenkengeschäft und nicht zuletzt der große Saal (SHAPE-Auditorium) befand, in dem häufig Pressekonferenzen stattfanden und der auch zur Einweisung der Neuankömmlinge und ihrer Familien (Newcomer) diente. Auch befand sich im Gebäude 101 der BBL-Travel-Service, ein Reisebüro für die Buchung dienstlicher und privater Reisen. Im Eingangsbereich befand sich auf der rechten Seite dasSHAPEPolice Desk, das von der internationalenSHAPEPolice und der belgischen Gendarmerie besetzt war. Im Gebäude 102 befanden sich auch die Büros desSHAPEProvostMarshal, der für die Sicherheit des Hauptquartiers die Verantwortung trug. Der ZugangzurSHAPERestricted Area(Gebäude 101[27]) erfolgte über einen ebenerdigen Verbindungsgang zwischen Gebäude 102 und 101,an dessen Ende sich der international besetzte Sperrzonenposten derSHAPE-Police befand, der alle ein-und ausgehenden Stabsangehörigen kontrollierte. Zutritt wurde nur Personen gewährt, die im Besitz einesSHAPEEntry Passes waren oder als begleitete Besucher mit einem Visitors-Pass Zutritt erhielten. Gelegentlich wurden dort beim Betreten oder Verlassen auch mitgeführte Behälter und Taschen kontrolliert. Zum Zutritt zur"H-Wing",der innerhalb der Sperrzone nochmals gesondert durch einen internationalen Posten abgesichert war, war ein gesonderter Ausweis erforderlich. Nordwärts, hinter dem Main Building,befand sich ein geheimnisumwittertes Gebäude mit der Nummer 104, das den Sonderstab"LIVE OAK"beherbergte, der zwar im Hauptquartier untergebracht, dem SACEUR aberauf einem gesonderten Befehlsstrang direkt unterstellt war. Für einen Besucher vonSHAPEbesonders beeindruckend war, wenn dieser das Main Building durch den Haupteingang betrat, die rege Betriebsamkeit im Eingangsbereich, besonders durch die Vielzahl unterschiedlich uniformierter Militärpersonen unterschiedlicher Ränge und Dienstgrade und Zivilpersonen. Eine allgemeine militärische Grußpflicht innerhalb des Main Buildings bestand zwar nicht, gleichwohl es für einen militärischen Besucher außer Frage stand, einen vorbeieilenden General, der durchausunterschiedlicher Nationalität sein konnte, militärisch zu grüßen. Hatte sich der neu zuSHAPEversetzte Militärangehörige nach einiger Zeitin das Leben im Main Building eingelebtund erste Kontaktezu seinen"Fellow Shapians"geknüpft, verlor sich auch die anfängliche Scheu vor der ungewohnten internationalen Umgebung recht bald. Hier konnte es auch schon einmal vorkommen, das sich der Betreffende beim Warten im Friseursalon in Gesellschaft des SACEUR[28]befand,der auch den Friseursalon aufsuchte, nur begleitet von einem meist grimmig blickenden Leibwächter des SACEUR Security Detachments, dessen rechte Jackenseite sich verdächtig ausbeulte, was auf eine mitgeführte Waffe zum Schutz des SACEUR schließen ließ. Es verstand sich von selbst, in diesem Falle dem SACEURden Vortritt zu lassen. Vom Vorgänger General Galvins war bekannt, dass dieser den Friseur ausschließlich in seine Amtsräume gebeten hatte. Ein beliebter Treffpunkt zum Meinungsaustausch war die der Cafeteria angeschlossene Bar, in der zwischen 11.00 Uhr und 13.00 Uhrmeist reger Verkehr und ein geradezu babylonisches Sprach- und Uniformgewirr herrschte. Gleichwohl die"Lingua Franca"innerhalb des Hauptquartiers englisch war, wurde natürlich von den frankophonen Stabsangehörigen französisch gesprochen. Soldaten und Familienangehörige anderer Nationalitäten verständigten sich, wenn sie unter sich waren, in ihrer jeweiligen Heimatsprache. Interessant war auch, dass sich insbesondere bei den Angehörigen der Stäbe der jeweiligen Nationalen Militärischen Repräsentanten um die Mittagszeitnationale Gruppierungen bei den Malzeiten bildeten. Andere Stabsangehörige nahmen das Mittagsmahl[29]meist mit ihren Kameraden unterschiedlicher Nationalität gemeinsam ein. Besonders elegant wirkte auch ein weiblicher Adjutant[30]des französischen Kontingents beiSHAPE. Dies galt auch für die weiblichen Angehörigen der Royal Navy, die den charakteristischen"Tricorne Hat"der WRENS[31]trugen. Auch wurde die Cafeteria häufig für Feiern, die aus unterschiedlichen Anlässen stattfinden konnten, genutzt. An Zahltagen verteilte auch dort ein Vertreter einer südeuropäischen Nationdie"Paychecks"an die beiSHAPE[32]eingesetzten Soldaten seines Landes. Häufig wurden hier auch"Welcome and Farewell-Parties"von den jeweiligen Abteilungen des Stabes ausgerichtet, andenendie Abteilungsangehörigen und,wenn vorgesehen, auch die Ehefrauenteilnahmen. Allerdings handelte es sich hier nicht um Veranstaltungen im"formellen"Sinn. Diese wurden meist imSHAPEOfficersClub, der sich auch auf demSHAPE-Gelände befand,oder imSHAPETop Graders Club für die höheren Ränge der Unteroffiziere veranstaltet. Mannschaftsdienstgradeverfügten über einen eigenen Club,der als"IC – International CommunityClub"bezeichnet wurde. Auch wurden in der Haupteingangshalle, der"Main Entrance"im Gebäude 101,häufig Zeremonien aus nationalen und internationalen Anlässen abgehalten. Waren formelle Anlässe zu erwarten, wurde vor dem Haupteingang des Gebäudes der rote Teppich zum Empfang ausgerollt,während sich dieSHAPEHonourGuard unter Führung eines italienischen Carabiniere-Hauptmannes in Paradeuniformmit Federbusch und Degen, assistiert von einem britischen Warrant-Officer mit zeremoniellen Stock (Swagger Stick, nicht zu verwechseln mit dem Pace Stick, der ausschließlich der Vorbereitung bei Paraden dient),formierte. War der Anlass wichtig genug, stand auch eine militärische Kapelle zur Begrüßung bereit. Bei protokollarisch weniger bedeutsamen Anlässen kam die"SHAPE-Band",ein Zusammenschluss musikliebender Stabsangehöriger in unterschiedlicher nationaler Uniformierung unter Stabführung eines amerikanischen Unteroffiziers,zumEinsatz.Bei gesellschaftlichen Veranstaltungen innerhalb des Hauptquartiers wurdeschon eine Trennung zwischen den Dienstgradgruppen erkennbar, die allerdings bei Veranstaltungen auf Abteilungsebene weniger streng gehandhabt wurde. Über das"Social Life"innerhalb des Hauptquartiers soll an anderer Stelle weiter berichtet werden. Eine nicht weniger wichtige Rolle spielten die Einrichtungen, die sich in anderen Bereichen vonSHAPEbefanden.So in der Industrial Area (100)dasSHAPEHousing Office mitdem"Supreme Headquarters In and Out Processing Service–SHIPS",dem ersten Anlaufpunkt eines Neuankömmlings beiSHAPE. Nicht zu vergessen die"Vehicles Registration"[33]und das"Security Pass Office"sowie das"Ration Card and TDY[34]– Pass Office",in dem die Rationskarten für die steuerfreie Abgabe von"Rationed Items"an dieSHAPE-Angehörigen und ihre Familien ausgegeben wurden. Wichtig war auch das"Belgian ID Cards und Weapons Registration Office"[35],indem die belgische Aufenthaltsbewilligung[36]für Familienangehörige ausgestellt wurde. In der Area 400 befanden sich Einkaufs- und sonstigeVersorgungseinrichtungen. In der Area 300 befanden sich die nationalen militärischen Dienststellen und Unterkünfte der jeweiligen Nationen sowie der Sender des"American Forces Network – AFN", der das Gebiet vonSHAPEmit einem Radio- und Fernsehprogramm[37]versorgte.Die Area 500 umfasste die Einkaufszentren einschließlich des"Rationed Items Store–RIS",in der hochsteuerbare Waren wie Alkohol, Tabak und Zigaretten gegen Vorlage der Rationskarte[38]abgegeben wurden.In der Area 700 befanden sich dieSHAPE-Schuleinrichtungen. Die Area 600 war das Wohngebiet der Unteroffiziere und Mannschaften, soweit es diese nicht vorzogen, sich außerhalbdes Hauptquartiers zivil in der engeren und weiteren Umgebung einzumieten. Daneben befand sich auch die Wohnsiedlung der belgischen beiSHAPEeingesetzten Gendarmen. Die Area 800 umfasste den Bereich des"Officer Family Housing".Die Bewohner waren meist in Doppelhaushälften untergebracht. Höhere Offiziere erhielten aber auch Einzelhäuser[39]. Die Area 900 beherbergte denSHAPEOfficers Club. Das gesamte Gelände vonSHAPEwar eingezäunt und konnte nur an bestimmten Stellen betreten oder befahren werden, die meist nicht kontrolliert wurden. Mit dem Anwachsen der terroristischen Bedrohung wurde der gesamte Verkehr nach und ausSHAPEsehr strengen Kontrollen, meist durch dieSHAPEPolice und die belgische Gendarmerie,unterworfen. Der Bereich des"Main Building"und die angrenzenden Parkplätze waren innerhalb desHauptquartiers nochmals durch einen Drahtzaun abgesichert. Der Zugang wurde durch einen Posten derSHAPEPolice kontrolliert.Innerhalbdes Hauptquartiers überwachte dieSHAPEPolice den fließenden und ruhenden Verkehr und führte auch Geschwindigkeitsmessungen durch, die meistzunächst zu einer mündlichen Verwarnung führten. In besonders schweren Fällen erhielt der Fahrer ein"Ticket"und wurde an den zuständigen"Nationalen Militärischen Repräsentanten–NMR"gemeldet, der seinerseits entsprechende Disziplinarsanktionen verhängen konnte. Den militärischen Ordnungsdienst innerhalbSHAPEversah der Provost Marshalmit seiner InternationalSHAPEPolice, die nationale Polizeihoheit verblieb bei der belgischen Gendarmerie. Diese verfügte auf demSHAPE-Areal auch über ein eigenes Dienstgebäude gegenüber dem Main Building. Der in der Nähe gelegene Flugplatz Chievreswurde dem Hauptquartier zugeordnet und beherbergt seither Einrichtungen der US-Streitkräfteund wird bis heute auch als Flugplatz für den SACEUR genutzt. Bei Übungen wurde das Gelände in der Vergangenheit auch für die Errichtungen eines Ausweichhauptquartiers(Alternate War Headquarters–AWHQ) mit der Bezeichnung"FASTBREAK"genutzt. Zwischen 1985 und 1988 wurde auf dem Gelände des Hauptquartiersin Casteau/Maizieresauch ein Tiefbunker errichtet, der später nach Fertigstellungdas"SHAPEWar Headquarters – Kriegshauptquartier"[40]beherbergen sollte. Mit der Errichtung vonSHAPEwurdedurch die belgische Regierung für den jeweils amtierendenSupreme Allied Commander Europe–SACEURim"Chateau Gendebien"[41]an einer der Ausfallstraßen von Mons eine Residenz errichtet. Es handelt sich hierbei um ein Gebäude im Stil des 17.Jahrhunderts, das nach Zerstörungenin den letzten Tagen des Krieges renoviert wurde. Dort befindet sich seither die offizielle Residenz des SACEUR. Das bis heute von den Angehörigen des Stabes vonSHAPEgetragene Abzeichenwurde am 5.Oktober 1951durch den ersten SACEUR, General Dwight D. Eisenhower,genehmigt und kann wie folgt beschrieben werden:
"Zwei goldfarbene gezogene Schwerter vor einem Schriftbandmit dem Spruch'Vigilia Pretium Libertatis–Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit'. Zwei Olivenzweige unterhalb des Schriftbandes verdeutlichen das Streben der alliierten Mächte nach Frieden, während die Schwerter die Notwendigkeitbewaffneter Stärke zur Erhaltung dieses Friedens symbolisieren. Die Stellung der Schwerterergibt ein'A',das für die Allianz steht. Innerhalb des Spruchs und hinter den Schwerternhebt sich ein zwölfzackiger Palmwedelvom olivfarbigen Grundab. Er steht für die ersten zwölfVertragsstaaten der Nordatlantischen Allianzund soll durch seine Anordnung Strahlen der Hoffnung darstellen. Die Symbole liegen auf einem dunkelgrünenWappen, dass als Schild die schützende Aufgabe vonSHAPEverdeutlicht. Seine Farbe stehtfür die friedfertige Natur Europas."[42]
Daneben trug das bei den unterschiedlichen nationalen Elementen beiSHAPEeingesetzte Personal eigeneBrustabzeichen[43].Für einenzuSHAPEversetzten Soldaten, gleichgültig welcher Nationalität,ergaben sich eine Reihe von Problemen, die vordringlich gelöst werden mussten. Zunächst bestand das größte Problem darin, eine angemessene Bleibe zu finden. Hier wirkte dasSHAPEHousing Office unterstützend und stand dem Neuankömmling beratend zur Seite. Aus einer Vielzahl von Angeboten, die im Housing Office verfügbar waren und die grundlegende Angaben zur Lage, Ausstattung und dem Mietpreis enthielten, konnte der"Newcomer"sich die für ihn passenden Angebote heraussuchen. Als hinderlich konnte sich die Sprachbarriere erweisen, da die meisten Vermieter nur französisch sprachen. Aber auch hier vermittelte das Housing Office die entsprechenden Kontakte und unterstützte die Verhandlungen. Bei der Unterkunftssuche konnte der Neuankömmling häufig Überraschungen erleben. In einem Fall befand sich die Heizungsanlage eines in Aussicht genommenen Hauses in einem Gartenhäuschen in einiger Entfernung vom Gebäude. Die nur mäßig isolierten Heizungsrohre verliefen in etwa 30 cm Tiefe durch den Garten in das Haus. Hier war anzunehmen, dassder Garten auch im Winter schneefrei blieb. In Anbetracht des zu erwartendenHeizölverbrauchs für dieHeizung des Hauses im Winter, wurde davon Abstand genommen, dieses Haus zu mieten. In einem anderen Falle erwies sich das angebotene Haus als ein Chateau aus dem 17.Jahrhundert.Die einzige Heizungsmöglichkeit bestand aus einem überdimensionierten Kamin mit der Ausdehnung 3 x 2 Meter. Auch hier musstewegen der zu erwartenden hohen Kosten für die Heizung von der Anmietung Abstand genommen werden. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.Aber war endlich ein passendes Haus gefunden, musste auch darauf geachtet werden, ob das in Aussicht genommene Haus auch über eine alternative Heizungsmöglichkeit für den Winter verfügte, da das Stromversorgungssystem im unpassenden Moment ausfallen konnte.Aber hier war aber auch darauf zu achten, dass der Schornstein regelmäßig gereinigt wurde, da zu dieser Zeit eine Reihe von Kaminbränden zu beobachten war. Dies war meist auf nur sporadische Reinigung der Kamine durch die Bewohner zurückzuführen. Meist wurden Kaminbrände dadurch gelöscht, dass die örtliche Feuerwehr die Spritze durch die obere Schornsteinöffnung einführte. Dies war meist mit einerÜberschwemmungdes darunter liegenden Gebäudes verbunden. War auch dieses Problem geklärt, ergab sich die Frage nach der Warmwasserversorgung. Diesewurde meist durch eine Therme, die durchaußerhalb des Gebäudes befindliche Gasflaschenversorgt wurde, gelöst. Auch hier war auf Betriebssicherheit des Systems zu achten. Nicht zu vergessen die elektrischen Versorgungseinrichtungen des in Aussicht genommenen Hauses, die nicht immer der deutschen VdE-Norm entsprachen. Wichtig war auch, den Vermieter in angemessener Nähe zu finden, was sich bei kleineren Problemen häufig alsVorteil erwies. Stimmte die Chemie zwischen Vermieter und Mieter konnte eszum Vertragsabschluss kommen. Auch hier waren spezifische Bestimmungen des belgischen Rechts zu beachten, insbesonderedie Verpflichtungen des Mieters aus dem belgischen Nachbarschafts- und Schadensersatzrecht. Nicht zuletzt war auch die Lage des Hauses von Bedeutung, da es sich bald zeigte, dass Einbrüche bei SHAPIANERN häufig vorkamen. Insbesondere während der Weihnachts- und Urlaubszeit fanden häufig Einbrüche statt. In einem Fall fuhr vor dem Haus eines deutschen Offiziers ein Möbelwagen vor. Den Nachbarn teilten die"Spediteure"mit,siehätten den Auftrag, das Haus des Offiziers"umzuziehen".Die Nachbarn schöpften keinen Verdacht, die"Spediteure"konnten die EinrichtungdesHauses ungestörtverpacken und davonfahren. Als der Offizier aus dem Urlaub zurückkehrte, fand er sein Haus vollständig ausgeräumt vor. Auch konnte die Suche nach einer angemessenen Unterkunft für Gäste von privaten Anlässen durch die Gastgeber zu Missverständnissenbei der Auswahl einer geeigneten Lokalität führen. In einem Fall, der Suche nach einer angemessenen Umgebung für eine Hochzeitsfeier und Unterbringung der Gäste an der von Mons nach Tournai führenden Straße, die über eine Reihe von kleineren Hotels oder Pensionen zu verfügen schien, ergab sich im Gespräch mit der"Patronne",das dieses Haus anderen Zwecken diente und für eine Hochzeitsfeier wohl nicht der geeignete Rahmen zu sein schien. Dies galt auch für die übrigen Etablissements entlang dieser Straße. Glücklicherweise fand sich später in Stambrughes ein von zwei Schwestern geführteskleines Hotelin einer alten Villa mit dem Namen"Vert Gazon",dessen Küche und Ambiente überzeugten.
Den Aufbau der NATO-Streitkräfteund deren Kommandostruktur zwischen1949und 1980 schildern zu wollen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, deshalb soll nur auf die Besonderheiten für den Zeitraum von 1984 bis 1989 eingegangen werden, soweit dies zum Verständnis der Abläufe im Supreme Headquarters Allied Powers Europe und der Central Regionerforderlich erscheint. Die politischen und militärischen Rahmenbedingungen werden,soweit fürSHAPEbedeutsam, in die Betrachtung einbezogen. Besondere Probleme für die Streitkräfte der NATO, die zum großen Teil im Frieden nicht lagegerechtfür einen möglichen Einsatzdisloziert waren, ergaben sich aus der geographischen Asymmetrie für die Heranführung von Verstärkungskräften aus den USAin einer möglichen Krise. Ein weiteres Problem zu dieser Zeit ergab sich aus dem Zeitbedarf[45]für eine mögliche Mobilisierung, die von politischen Entscheidungen[46],sowohl in der NATO als auch bei den beteiligten Nationen,abhängig war. Ebenfalls als sehr problematisch erwies sich die Frage, mit welcherpolitischenundmilitärischenGewichtung mögliche Indikationen[47]für einen Aufmarsch der Warschauer-Pakt-Streitkräfte bei den Partnern in der Allianzin die Lagebeurteilung durch die zunächst zuständigen nationalen Gremien einfließen und welche politischen und militärischen Folgerungen die Allianz daraus ziehen würde. Dieser Prozess der Indikationsgewinnung[48]fußte auf einer Reihe von unterschiedlichen Faktoren, die,gegeneinander abgewogen, erst ein einigermaßen schlüssiges Lagebild ergaben. Inwieweit derartige Schlüsse auf nationaler Ebene berücksichtigt wurden, hing nicht zuletzt wesentlich von den Vorstellungen und der Politik der jeweiligen nationalen Entscheidungsträger ab. Auch erwies sich von entscheidender Bedeutung, wie stark der Einfluss der jeweiligen nationalen Nachrichtendienste[49]auf die Entscheidungsfindung durch die jeweilige Regierung war. Auch das Durchsetzungsvermögen der nationalen Entscheidungsträger und deren Vertreter auf höchster NATO-Ebene und die unterschiedlichen nationalen Interessenlagen[50]der übrigen Partnerin der Allianz bestimmte maßgeblich die Bewertung derartiger Indikationen. Nicht zuletzt hätten auch großangelegte Verschleierungs- und Täuschungsmaßnahmen[51]des möglichen Gegners auf politischer und militärischer Ebene die Entscheidungsfindung durch die NATO nachhaltig beeinflussen können. Auch waren Verpflichtungen einiger NATO-Partner ein wesentliches Element für Entscheidungen auf höchster Ebene, wie die Kuba-Krise[52]im Jahre 1962 bereits gezeigt hatte,und die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Entscheidungen der NATO-Gremien hatten. Auch zeigte sich schonzuBeginn der achtziger Jahre, dass die Fernmeldeverbindungen[53]der NATO höchst anfällig waren und dringend einer Modernisierung bedurften. Auch häuften sich zu Anfang der achtziger Jahre Fehlalarme[54]im nordamerikanischenLuftverteidigungssystem NORAD, die häufig auf Systemfehler zurückzuführen waren, aber ungewollt zur Auslösung eines Nuklearkrieges hätten führen können.[55]
Um einer Bedrohung55durch Kräfte des Warschauer Paktes in Zentraleuropazubegegnen und Bündnissolidarität zudemonstrieren, waren die Großverbände der NATO-Landstreitkräfte[56]im Bereich Allied Forces Central Europe – AFCENTwie folgt disloziert.
Dänische Kräfte: Jyske-Division
Deutsche Kräfte: 6.Panzergrenadierdivision,Heimatschutzbrigade51
Niederländische Kräfte: 41. (NL) Panzerbrigade[58]
Deutsche Kräfte: I, (GE) Korps, Münster[59]
Britische Kräfte: I. (UK)Corps[60]
Belgische Kräfte: I. (BE) Korps,Köln[62]
Deutsche Kräfte:III. (GE) Korps, Ulm[63]
US-amerikanische Kräfte: V.(US)Corps, Frankfurt[64],VII.(US)Corps, Stuttgart[65]
Kanadische Kräfte: Canadian Forces Europe – CFE, Lahr[66]
Französische Truppen (nicht der NATO unterstellt)[67]
Die sich Ende 1989 abzeichnenden Veränderungen auf politischem und militärischem Gebiet in Europa bliebenauch für die Landstreitkräfte der NATO nicht ohne Folgen[68]. Allerdings ist hier nicht der Platz, die sich nunnachderWiedervereinigung Deutschlands abzeichnenden Folgen für die Strategie der NATO in Mitteleuropa nachzuzeichnen. Mit der Aufstellung des Allied Command Europe Ready Reaction Corps – ARRCab 1990 in Mönchengladbach begann eine Transformation der NATO-Kommandostrukturund damit auch der NATO, die mit der Aufnahme neuer Mitglieder und deren Integration in die NATO-Kommandostruktur noch lange nicht abgeschlossen ist. Eine weitere Zäsur für die NATO bedeutete der Beginn des"Ersten Golfkrieges"[69]am 17.Januar 1991,dessen Erfahrungen noch lange in der NATO nachwirken, die aber hier nicht weiter betrachtet werden sollen.
Sowohl die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich verfügten bis 1990 über Kontingente von Spezialeinsatzkräften auf westdeutschem Boden.
Die US-Armee unterhielt in Deutschland die 10th Special Forces Group (Airborne)[70].Die Einheit wurde im Jahre 1991 aus taktischen Gründen wegen der Nähe zu Headquarters USEUCOM nach Stuttgart in die Panzerkaserne nach Böblingen verlegt. Wenig ist über die Aktivitäten dieser Einheit bekannt. Auch in Berlin waren Kräfte der Special Forces im Rahmen der US-Berlin Brigade bis zu deren Abzug 1990 präsent. Soweit bekannt, führte die 10th SFG in den Jahren 1985 bis 1989 Übungen mit Sondereinheiten anderer NATO-Partner in Norwegen, Spanien,Dänemark, Italien, Belgien,Deutschland, Großbritannien, Portugal, Kanada, Frankreich, Luxemburg und Österreich durch. In den Übungen CASINO GAMBIT 1/88 und FLINTLOCK 88 wurden"militärische und paramilitärische Operationen (Widerstandsoperationen, Subversion, Zieleinweisung, Offensivaktionen und Nachrichtengewinnung in einem feindbesetzten, politisch sensitiven Land) geübt. In den Übungen"ALPINE FRIENDSHIP"und"HAY MOUNT"wurdenmit Beteiligung deutscher Kräfte Infiltrationstechniken, Kommunikationsverfahren, luftgestützte Versorgungsverfahren sowie Kommandooperationen und Guerilla-Bekämpfung geübt. Soweit bekannt, haben Elemente der 10th US-Special Forces Group auch an Übungen der 23.SAS (TA) im Norden Deutschlands teilgenommen. Der Kommandeur der US-Streitkräfte (US Army European Commander – USEUCOM)ist auch verantwortlich für den Einsatz der US-Special Forces in seinem Kommandobereich. Als Führungsinstrument für"Special Operations"verfügt USEUCOM heute über das (US) Special Operations Command Europe in Stuttgart, dem die 1/10th Special Forces Group, die Naval Special Warfare Unit (NSW Unit 2 (Navy Seals)sowie die 352ndSpecial Operations Group und ein Signals Detachmentunterstehen. Das früher bei USEUCOM dislozierte NATOSpecial Operations Headquarters(NSHQ)wurde zwischenzeitlich zuSHAPEnach Mons in Belgien verlegt.
Soweit bekannt, waren auch bis 1990 keine britischen Spezialeinsatzkräfte[72]auf dem Territorium der Bundesrepublik ständig stationiert. Im Rahmen von Übungen der britischen Rheinarmee (British Army on the Rhine–BAOR)und der Northern Army Group (NORTHAG) wurden Kräfte des 23 Special Air Service Regiments (23rd SAS), einem Reserveverband der britischen Territorial Army (TA)für Aufgaben der"unkonventionellen Kriegführung"eingesetzt und haben möglicherweise auch in den Reihen der"BRIXMIS"(britische Militärverbindungsmissionbeim Oberkommandierenden der Gruppe derSowjetischen Truppen inDeutschland – GSTD)gedient. Offenbarwaren Kräfte der 23rd SAS auchfür Fernaufklärungsmissionen im Kriegsfall hinter den sowjetischen Linien vorgesehen. Bis zum Eintreffen der 23rd SAS auf dem Luftwege sollte bei BAOR eine hochmobile Special Reconnaissance Squadron (SRS) des Royal Armoured Corps (RAC) die Aufklärung übernehmen. Auch war an den Einsatz von Teilen der 23rd SASim Rahmen von Lähmungsmaßnahmen aller Art gedacht. Hierbei wurde auch der Einsatz von Atomic Demolition Munitions (ADM)durch britische Kräfte geplant. Allerdings befanden sich diese ADM in Friedenszeiten unter US-amerikanischem Gewahrsam. Britische Pläne zur Entwicklung eigener ADM (PROJECT CLIPPEUS) wurden offenbar aus politischen Gründen später aufgegeben. Insgesamt verfügte BAOR in den sechziger Jahrenmöglicherweise über bis zu 25 Spezialisten für den Einsatz von ADM im Bereich NORTHAG. Ob und in welchem Umfang auch der britischen SpecialBoatSquadron– SBS, einem maritimen Sonderverband für Kommandoeinsätze aller Art, vorzugsweise in Küsten- und Flussregionen, für Einsätze in Norddeutschland eingeplant war, kann auf Grund fehlender Quellennoch nicht abschließend beantwortet werden. Allerdings rechneten die Planer bei NORTHAG[73]seit den fünfziger Jahren auch mit einer geheimen Streitmacht bewaffneter Zivilisten im Kriegsfall, die für Aufklärungs- und Sabotagemissionen eingesetzt werden sollten. Ob es sich bei diesen Kräften um Angehörige der deutschen, vom BNDinitiierten SBO-Organisation[74]gehandelt haben könnte, ist ungewiss. Bei der Signals Intelligence in den siebziger und achtziger Jahren zeigte sich bald, dass die britischen SIGINT-Kräfte (4th Signals Regiment, Royal Signals) im Bereich NORTHAG wegen der rigiden sowjetischen und ostdeutschen Funkdisziplin bald an ihre Grenzen stießen.
Teile des in Langenargen am Bodensee stationierten13emeRegimentDragons Parachutistes (13.R.D.P),eine Fernspäheinheit der französischen Armee, spielte wohl nie die Rolle einer Führungsorganisation fürfranzösisch inspirierteStay-Behind-Operationen im Kriegsfall im Südwesten der Bundesrepublik, gleichwohl es häufig mit anderen Spezialeinheiten der Bundeswehr und NATO an Übungen beteiligt war. Die in Langenargen stationierte Einheit wurdewohl schon in den achtziger Jahren wieder nach Frankreich verlegt.Nach einer Zwischenstationierung in Dieuze, Departement Moselle wurde diese 2011 an ihren endgültigen Standort Matignas sur Jalle,Departement Gironde, verlegt. In Deutschland ist diese Einheit,soweit bekannt, seither nicht mehr offiziell an Übungen beteiligt gewesen.
Bei gelegentlichen Übungen deutscher Spezialeinsatzkräfte in Deutschland, das Kommando Spezialkräfte KSKin Calw soll hier unberücksichtigt bleiben, nehmen auch Spezialeinsatzkräfte anderer Nationen teil, jedoch sind Informationen darüber stets vage und meist nicht zu verifizieren. Dies gilt auch für die zunehmende Vernetzung polizeilicher Spezialeinsatzkräfte und deren Übungen, sowohl in Deutschland[75]als auch im benachbarten Ausland.
Dieauf Initiative des US-Nachrichtendienstes bereits Anfang der fünfziger Jahre entstandenen Stay-Behind-Organisationen (SBO), meist von den nationalen Nachrichtendiensten getragen, sollten bei einem sowjetischen Angriff und der Besetzung von Teilen Westeuropas nach dem Vorbild des britischen"Special OperationsExecutive – SOE"während des Zweiten Weltkrieges im deutsch besetzten Europa den Kampf gegen den Aggressor aufnehmen,Nachrichten gewinnen,Sabotage-Operationen durchführen undalliiertenFlugzeugbesatzungen und entflohenen alliierten Kriegsgefangenen helfen. Nachdem die NATO die Verteidigung West-Europas übernommen hatte, wurde sie in die Aktivitäten der nationalen Stay-Behind-Aktivitäten eingebunden. Dem Vernehmen nach soll dasClandestine Planning Commmittee – CPC[77]unter der Aufsicht vonSHAPEdabei eine wesentliche Rolle gespielt haben. Stay-Behind-Strukturen entstanden bereits Anfang der fünfziger Jahre in folgenden NATO-Staaten:Belgien, Frankreich, Dänemark, Deutschland[78],Griechenland, Niederlande, Norwegen, Portugal, Türkei, Großbritannien. Auch in nicht-NATO-Staaten wurden ähnliche Strukturen für den Fall einer sowjetischen Invasion geschaffen: Österreich[79], Schweiz[80], Schweden[81], Spanien, Finnland und Zypern. Eine Ausbildungsgrundlage und Handlungsanweisung für die SBO-Organisationen bildete die US-amerikanische"TOP SECRET"eingestufte Felddienstvorschrift"Field Manual 30-31 B –Stability Operations- Intelligence Special Fields"vom 10.März 1970[82].Die SBO-Organisationen der NATO, insbesondere die SBO-Organisation des BND,stand bis zur Wende unter permanenter Beobachtung durch die Hauptabteilung III (Spezialfunkdienste)des Ministeriums für Staatssicherheit[83]. Durch"Innenquellen"der HVA des MfS im BNDwar die HA IIIstets über die technische Entwicklung und Verfahren des BNDzur Führung eigener Agenten und SBO-Mitarbeiter,insbesondere in dem zur damaligen Zeit noch für die Agenten-Kommunikation noch bedeutsamen"Kurzwellenbereich", unterrichtet. Eigene, aus der Erfassung[84]der BND-Verkehre gewonnenen Erkenntnisse rundeten das Bild ab.
In den Jahren von 1980 bis 1982/1983 wurden in Luxemburg eine Reihe von Sprengstoffanschlägen gegen Strommasten verübt, deren Urheber erst jetzt im Jahre 2013 anlässlich eines Prozesses in Luxemburg[85]ermittelt werden konnten. Auch hier wird angenommen, dass die Urheber der Anschläge in den Reihen der damaligen luxemburgischen GLADIO-Organisation zu suchen sind. Da der Prozess noch andauert, können auch keine verlässlichen Angaben über die mutmaßlicheTäterschaft der Angeklagten, zwei ehemalige Polizeibeamte mit Verbindungen zum Nachrichtendienst, gemacht werden. Allerdings sah sich die Bundesregierung veranlasst, basierend auf einerKleinenAnfrage[86]im Deutschen Bundestag, eigene Ermittlungen zu einer möglichen Verwicklung des Bundesnachrichtendienstesin diese Angelegenheitanstellen zu lassen. Auch hat die Bundesregierung als Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag aus dem Jahre 1991[87]erklärt, dassdie deutsche, dem BNDunterstehende SBO-Organisationzum Jahresende 1991 endgültig aufgelöst wird (wurde).Auch in Belgien erschütterten in den Jahren 1982,1983 und 1985 eine Reihe von zum Teil blutigen Überfällen auf Supermärkte, Geldtransporter und WaffengeschäftedieÖffentlichkeit. Die Taten wurden unter dem Begriff"Tueries du Brabant"bekannt. Deren Urheber wurden in den Reihen des belgischen GLADIO-Ablegers vermutet. Insgesamt wurden bei den Überfällen der"Tueurs du Brabant"28 Menschen getötet und 22 Personen verletzt. Die Beute der Täter konnte bis heute nur annähernd beziffert werden und soll mehr als 5 Millionen belgische Franc betragen haben. Auch ein Untersuchungsausschuss des belgischen Parlaments konnte die Fälle nicht abschließend klären. Auch für die in Mons und Umgebung lebenden"Shapianer"waren die Vorfälle besonders besorgniserregend, da sich einige Überfälle auf Supermärkte in der engeren Umgebung von Mons ereigneten und nicht auszuschließen war, dass man selbst Opfer eines derartigen Überfalls beim Einkauf werden konnte. Die allgemeine Sicherheitslage in und umSHAPEzu dieserZeitwar ruhig,abgesehenvon gelegentlichen Einbrüchen[88]bei den Angehörigen vonSHAPE, die in Mons und Umgebung lebten,und der nicht ganz unbegründeten Furcht vor Anschlägen der Irish Republican Army – IRAauf britische Einrichtungen beiSHAPEund Rheindalen, dem BAOR-Hauptquartier bei Mönchengladbach.
Da der Komplex"Stay Behind Organisationen"der NATO/GLADIOso umfassend ist, muss hier auf die inzwischen erschienene Literatur verwiesen werden, da eine weitere Bearbeitung diesesspeziellen Themas den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde. Abschließend soll auf die Veröffentlichungen von G. Ganser zu diesem Thema hingewiesen werden.
Mit dem Ausscheiden Frankreichs[89]aus der militärischen Integration der NATO im Jahre 1966 war auch im Bereich der Luftverteidigung in Süd-Südwestdeutschland eine Lücke durch den Abzug französischer Luftverteidigungskräfte[90], insbesondere bei den Flugabwehrraketen-Verbänden (Raum westwärts der Linie Koblenz-Friedrichshafen) entstanden, die durch andere Kräfte der NATO gefüllt werden musste.Bis Ende der siebziger Jahre war die Lücke geschlossen, gleichwohl Frankreich seither noch passiv an der Luftverteidigung der NATO in Zentraleuropa partizipieren konnte. Insbesondere erhielt die französische Luftverteidigung immer noch Informationen aus dem NATO-Luftverteidigungssystem. Die Luftverteidigung der NATO wurde in den sechziger Jahren unter dem Kommando des SACEURintegriert als gemeinsame Aufgabe der NATO-Partner eingerichtet[91]. Mitte der achtziger Jahre verfügte die NATO in der Central Region über folgende Luftangriffs- und Verteidigungsverbände, die durch den"Commander Allied Air Forces Central Europe"in einem integrierten Gesamtsystem geführt wurden. Die NATO-Kommandobehörde"Allied Air Forces Central Europe – AAFCE"in Ramstein verfügte über verbunkerte Führungsstellen und führte bereits im Frieden aus diesen Stellen im 24-Stunden-Dauerdienst. Für den Einsatz waren AAFCE die2.Alliierte Taktische Luftflotte– "2ndAllied Tactical Air Force"– TWOATAF in Rheindahlen bei Mönchengladbach und die 4.Alliierte Taktische Luftflotte –"4thAllied Tactical Air Force"– FOURATAF in Heidelberg unterstellt. Ab 1982 nach Aufstellung der NATO Airborne Early Warning Force, mit Stab in CasteaubeiMons beiSHAPE, Main Operating Base–MOBGeilenkirchen bei Aachen[92]unddem Zulauf der ersten NATO Airborne Early Warning Systems– NAEW (BOEINGE-3A SENTRY) nach Geilenkirchenab 1983 verfügte die NATO erstmals über ein luftgestütztes Frühwarnsystem[93]zur Luftverteidigung. Auch Großbritannien beabsichtigte,sich an diesem Programm mit einem eigenen System, der BAE NIMROD[94],zu beteiligen.Die NATO verfügte in den achtziger Jahren über ein integriertes Kommando-und Führungssystem, das wie folgt für taktische und operative[95]Luftkriegsoperationen gegliedert war.
Supreme Headquarters Allied Powers Europe –SHAPEmit seinemGefechtsstand SHOC (Supreme Headquarters Operations Centre) für den SACEUR, der die"Operational Control"über die integrierte Luftverteidigung der NATO innehatte.
Allied Air Forces Central Europe – AAFCE[96]in Ramsteinmit verbunkerten Führungsstellen im Hunsrück.Der COMAAFCE war für die Luftverteidigung in der Central Region verantwortlich. Dem COMAAFCE[97]waren die beiden taktischen Luftflotten (TWOATAF und FOURATAF) in der Central Region unterstellt.
Das HQ TWO ATAF bestand aus einem Stab[98]am Friedensstandort in Rheindalen bei Mönchengladbach. Daneben verfügtedas HQ TWOATAF zur Führung der unterstelltenLuftwaffenverbände[99]in der Luftverteidigung über ein Air Defence Operations Centre– ADOC(Luftverteidigungsgefechtsstand) in Maastricht sowie zwei Sector Operations Centres – SOC 1[100],BrockzetelSOC 2[101]in Uedem bei Goch. Für die Führung von Luftunterstützungsoperationender unterstellten Jagdbomber-und der FlugkörpergeschwaderwarenAllied Tactical Operations Centres– ATOCeingerichtet.Bei der TWOATAF bestand ein ATOC in Kalkar.
Dem HQFOURATAF in Heidelberg warenunterstellt: SOC 3Boerfink (COPPERING)und das SOC 4/ATOC Meßstetten (SWEET APPLE) sowie weitere Combat Reporting Centres[102]. Das HQ FOURATAF führte neben des Verbänden der USAFE (3rdUSAir Force– Mildenhall/UK[103],16thUSAir Force–Torrejón[104],17thUSAir Force– Sembach)[105]auch deutsche[106]und belgische[107]Luftangriffs-, Verteidigungs- und Luftaufklärungsverbände.
Der Luftraum entlang derinnerdeutschenGrenze (IDG)und derLandesgrenze zur CSSRwar in Zoneneingeteilt. Die Grenzestellte die ostwärtige Begrenzungder AirDefense and Identification Zone- ADIZ, die parallel zurGrenze in unterschiedlicher Tiefe verlief, dar. Ihr schloss sich die USAir ForceEurope Buffer Zone[109]an, die parallel in unterschiedlicher Tiefe zur ADIZ verlief. Sowohl in der ADIZ als auch in der USAFE-Buffer-Zone war der Einsatz deutscher Luftwaffenkräfte in Friedenszeitenan die Genehmigung der USAFE/RAFG für jeden einzelnen Flug gebunden.Einfliegende unbekannte Luftfahrzeuge wurden ausschließlich von Flugzeugen der USAFE oder RAFG[110]abgefangen. Daran schlossen sich der HAWK und NIKE-Gürtel an. Das System der integrierten NATO-Luftverteidigung bestand aus einemGürtel von Flugabwehrraketenstellungenentlang der innerdeutschen Grenzewestlich der Linie Kiel-Hannover-Kassel-Frankfurt-Nürnberg-München in einer Tiefe von etwa 40 kmvon Kiel biszum Dreiländereck bei Hof, danach der deutsch-tschechischen Grenze biszum DreiländereckSüd ostwärtsFreyung im Bayerischen Wald folgend. Diese Stellungen verfügten über Flugabwehrraketen zur Abwehr von in tiefen und mittleren Höhen anfliegender gegnerischer Flugzeuge (Improved Hawk Belt – IHAWK- Belt[111]):Dieser Gürtel konnte im Bedarfsfall zusätzlich durch mobile HAWK-Stellungen der Truppenluftabwehr bzw. zum Schutz wichtiger Objekte verstärkt werden. Daran anschließend zog sich der Nike-Gürtel, dessen Feuereinheiten ab 1986 durch das System PATRIOT ergänzt wurden, parallel von Kiel bis in den südostbayerischen Raum. Dieses System sollte den Raumschutz gegen hochfliegende Luftfahrzeuge des möglichen Gegners sicherstellen. Bis Ende der achtziger Jahre wurde dieses Systemdurchim Bereich der Grenzevorgelagerteund ausgebaute Stellungen des radargestützten Tieffliegermelde- und Leitdienstes der deutschen Luftwaffe mit Radargeräten[112]ergänzt. Der bisher eingesetzte visuelle Tieffliegermeldedienst (Auge und Ohr) hatte damit seine Bedeutung verloren und wurde sehr bald eingestellt. Die Luftraumüberwachung und Jägerführung wurde durch eine Kette von Radarstellungen sowohl entlang der Grenze als auch imHinterlandsichergestellt. Die Radarstellungen (Remote Reportings Posts–RRP) als auch die Gefechtsstände (SOC/CRC) wurden im 24-Stunden-Dauerdienst in unterschiedlichen Bereitschaftsstufen betrieben. Zum NADGE-System[113]gehörten zu dieser Zeit mindestens 84 Radarstellungen.Die gewonnenen Luftlagedaten[114]wurden im Echtzeit-Verfahren an die Control and ReportingCentres (CRC) und an die Sector OperationsCentres (SOC) und die Air Defense OperationsCentres (ADOC TWOATAF) sowie an die Air Tactical OperationCentres (ATOC)[115]weitergeleitet und ergaben damit die aktuelle Luftlage, sowohl über eigenem Gebiet als auch im Luftraum des angrenzenden Warschauer Paktes.Um die begrenzte Reichweite der bodengebundenen Radarsensoren zu ergänzen führte die NATO ab 1982das luftgestützte AirborneWarning and Control System – AWACSein. Mit diesem System war es erstmals möglich, die Tiefe des Luftraumes über dem Gebiet des Warschauer Paktes bis zu einer Entfernung von wenigstens 500 Kilometern zu überwachen, wenn die NATO-E-3Ain Grenznähe[116]eingesetzt wurde. Auch konnten mit diesem System tieffliegende Hubschrauber eines möglichen Angreifers erfasst und verfolgt werden. Die NATO-E-3A verfügte daneben auch über Kapazitäten zur Jägerführung. Die Sector OperationsCentres koordinierten die Luftverteidigungsmaßnahmen in ihrem Sektor und bedienten sich dabei der Control and ReportingCentres, die für die Führung der Luftverteidigungsoperationen in ihrem Sektor verantwortlich waren. Zur Bekämpfung einfliegender feindlicherLuftangriffs-Kräftewar der schwerpunktmäßige Einsatz von Jagdfliegerkräften vorgesehen. Im Kampf befindliche eigene Bodentruppen sollten durch Jagdbomberkräfte unterstützt werden. Größere feindliche Kräftegruppierungen sollten durch den Einsatz der eigenen Flugkörperkräfte[117], die auch über nukleare Einsatzmittel verfügten, erfolgen. Es ist hier nicht der Platz, die Luftverteidigung und ihre Verfahren in aller Ausführlichkeit zu behandeln, deshalb muss auf die zu diesem Thema erschienene umfangreiche Literatur[118]verwiesen werden. Dies gilt auch für die Gliederung und Dislozierung der Radarführungsverbände der deutschen Luftwaffe, auf die sich die NATO-Luftverteidigung in der Bundesrepublik hauptsächlich abstützte. Die Bodentruppen der NATO in der Central Region verfügten über organische, mobileBestandteile der Feldflugabwehr,überdie hier aus naheliegenden Gründen auch nicht berichtet werden soll. Daneben verfügten die Streitkräfte der Bundesrepublik, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten über eine Vielzahl von elektronischen Sensoren, sowohl an derinnerdeutschenGrenze als auch an der Landesgrenze zur Tschechoslowakei,für die Nachrichtengewinnung mit elektronischen Mitteln. Ergänzt wurde die erdgebundene Erfassung von elektronischen Signalen mit Hilfe fliegender Sensoren, sowohl im Luftraum der Central Region, als auch über der Ostsee und den Luftkorridoren nach Berlin.Die drei westlichen Alliierten unterhielten in West-Berlin dazu noch umfangreiche Einrichtungenzur elektronischen Aufklärung. Für die Wahrnehmung nationaler Aufgaben begann die deutsche Luftwaffe in den achtziger Jahren mit dem Aufbau eigener Führungsfähigkeiten,in dem sie im Bereich der Luftwaffengruppe Nord bzw. Süd jeweils einen"Luftwaffenunterstützungsgefechtsstand"– LwUGefSt[119]aufstellte. Die Aufgabe dieser Gefechtsstände bestand in der Führung der den Luftwaffengruppenkommandos(Nord/Süd) unterstellten Luftwaffendivisionen sowie nachgeordneter Verbände dieser Divisionen. Dabei Erhöhen, Halten und Wiederherstellen der Einsatzbereitschaft, insbesondere der Kampfverbände der deut
