Nazi-Gold - Ian Sayer - E-Book

Nazi-Gold E-Book

Ian Sayer

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Beschreibung

Berlin, 1945. Während die alliierten Streitmächte die Hauptstadt des Deutschen Reiches bombardieren, schaffen die Nazis Reichsbank-Gold und Devisen aus der Stadt. Ganze Wagenladungen landen in Stollen in Thüringen und Bayern, wo später Hunderte Tonnen von den Alliierten sichergestellt werden. Doch ein großer Teil bleibt verschwunden und bis heute ist nicht vollständig belegt, wo der deutsche Goldschatz in den Nachkriegswirren schließlich landete. Ian Sayer hat die Suche nach dem verschwundenen Nazi-Gold zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Inspiriert von einem Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde, der das Verschwinden des Reichsbank-Goldes als größten Raub der Geschichte bezeichnet, macht er sich auf eine Suche, die bereits fast 40 Jahre dauert. Er befragt Zeitzeugen, reist um die halbe Welt, inspiziert Gebäude und versucht, Verstecke aufzuspüren. Sein Archiv zum Zweiten Weltkrieg schwillt auf mehr als 100 000 Bücher, Briefe und amtliche Dokumente an. Dann gelingt ihm ein sensationeller Coup: Nach intensiven Recherchen stöbert er zwei Goldbarren der Reichsbank in den Tresoren der britischen Notenbank auf. Der Durchbruch? Eine packende Reise durch Nachkriegsdeutschland, in geheime US-Archive, immer auf der Suche nach der Antwort auf die eine Frage: Wo ist es wirklich, das verschwundene Gold der Nationalsozialisten? Für die deutsche Ausgabe haben Ian Sayer und sein Co-Autor Douglas Botting den Klassiker »Nazi-Gold« zusammen mit dem deutschen Journalisten Mike Paßmann komplett überarbeitet.

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Seitenzahl: 864

Veröffentlichungsjahr: 2020

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NAZI GOLD

Ian Sayer | Douglas BottingLondon Sunday Times

NAZI GOLD

Ian Sayer | Douglas BottingLondon Sunday Times

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2021

© 2021 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

© der Originalausgabe Ian Sayer und Douglas Botting, 1998

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Alle abgebildeten Fotos stammen aus der Privatsammlung des Autors. Autor und Verlag haben sich, wo immer dies möglich war, mit den Rechteinhabern in Verbindung gesetzt. In wenigen Fällen ist dies trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen. Rechteinhaber, die nicht vom Verlag kontaktiert wurden, mögen sich bitte bei diesem melden.

Besonderer Dank für die redaktionelle Mitwirkung geht an Manuel Brückl.

Redaktion: Andreas Förster

Korrektorat: Silke Panten

Übersetzung: Almuth Braun

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Umschlagabbildung: Goldfläche: Dragana Jokmanovic/shutterstock.com,

Adler: hayr pictures/shutterstock.com

Satz: abavo GmbH

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-95972-107-3

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-183-7

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-184-4

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter:

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de.

In Erinnerung an Herbert Herzog

INHALT

Vorwort zur deutschen Erstausgabe

Einleitung

Anmerkung der Autoren

Teil I: Der Raub

1 Die Zerstörung der Reichsbank

2 Flucht in die Alpen festung

3 Der Schatz wird vergraben

4 Auf der Suche nach Gold, Silber und Devisen

5 Das Haus Hohe Halde

6 Die Geldgräber

7 Dem Finder gehört die Beute

8 Opportunisten der schlimmsten Sorte

9 Wer die Beute verliert, geht leer aus

10 Die Männer aus der Villa Ostler

11 Ein Loch im Eimer

12 Die Jungs vom CID

13 Die Abrechnung

Teil II: Korruption und Vertuschung

14 Der moralische Kollaps einer großen Armee

15 Das »Weiße Rössl«

16 Über die Grenze

17 Die Ermittlungen des Inspector General

18 Das Reinhardt-Memorandum

19 Der Tod der roten Prinzessin

20 Vertuschung

21 Das Ende der Affäre

Nachwort – die Verschwörung geht weiter

Danksagung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anmerkungen

VORWORT ZUR DEUTSCHEN ERSTAUSGABE

Am 25. Dezember 2020 jährt sich zum 46. Mal der Tag, an dem ich das Verschwinden riesiger Mengen von Devisen, Diamanten, Goldbarren und anderen Schätzen untersuchte, die vom Naziregime aus den besetzten Ländern geraubt worden waren. 1974 war das digitale Zeitalter noch in weiter Ferne, weshalb es elf Jahre dauerte, um für Nazigold zu recherchieren, das Buch zu schreiben und zu veröffentlichen. Seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe im Jahr 1984 wurden über eine Million Exemplare in vielen Sprachen verkauft.

Seit der Veröffentlichung hat sich der Buchtitel Nazigold zu einem Gattungsbegriff entwickelt, der grob auf jede Form von wertvollem Raubgut angewendet wird, einschließlich aller Arten von Gold, Silber, Diamanten, Schmuck, Devisen und anderen Edelmetallen. Der Begriff wurde von Regierungen, Medien und vielen Autoren übernommen, aber das Buch, das Sie nun vor sich haben, ist das ursprüngliche Nazigold, und ich bin stolz darauf, dass es sich über die Zeit hinweg bewährt hat.

Im Jahr 1978 hatte ich zwei Barren gestohlenes Nazigold aufgespürt und das US-Außenministerium gebeten, meinen Fund zu untersuchen. Sie ignorierten mich, bis ich mich mit der London Sunday Times zusammentat. Schließlich stimmte das US-Außenministerium 1983 zu, eine Untersuchung einzuleiten. Sie gipfelte in einer Zeremonie am 27. September 1996 in Bonn, bei der die deutsche Regierung zwei Goldbarren an Vertreter der US-Regierung übergab. Das Prozedere bis zu diesem Punkt hatte ganze 18 Jahre gedauert!

Am 8. Mai 1997 gab die Bank of England eine Pressemitteilung heraus, in der sie veröffentlichte, dass sie zwei Goldbarren mit Naziprägung besaß, die zu den Informationen passten, die ich in meinem Buch bereitgestellt hatte. Später in diesem Jahr wurde mir die seltene Ehre zuteil, in die Goldbarrentresore der Bank von England eingeladen zu werden, um »meine« Goldbarren (die derzeit über 1,5 Millionen Dollar wert sind) zu besichtigen und in Händen zu halten. Es war eine passende Anerkennung für meine Mission, einen Teil des fehlenden Goldes wiederaufzufinden. Ich hatte auch ähnliche Beweise vorgelegt, die auf das Verschwinden von US-Dollarnoten im Wert von 426.866 Dollar hindeuteten (derzeitiger Wert – auf Grundlage der Inflation – 6.163.945 Dollar und bis zu 32.000.000 Dollar auf Grundlage anderer Kriterien). Leider beschloss die zuständige Behörde, das US-Finanzministerium, es dem US-Außenministerium nicht gleichzutun. Es leitete keine Untersuchung auf der Grundlage meiner Ergebnisse ein. Dieses Geld fehlt nach wie vor.

Seit 1984 werde ich regelmäßig von Schatzsuchern, Abenteurern und Medienorganisationen konsultiert, die mich um Hilfe bei der Suche nach weiteren Nazigoldverstecken bitten. Bis zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Vorworts sind mir jedoch keine weiteren bedeutenden Funde bekannt.

Meine Untersuchungen waren aufregend, manchmal mühsam und sogar gefährlich, aber ich habe jede Minute davon genossen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Lektüre des originalen Nazigold.

Ian Sayer

September 2020

EINLEITUNG

Der Raub des Reichsbankvermögens im Jahr 1945 war nicht nur der größte Raub in der Geschichte, sondern über viele Jahre auch ein Ereignis, über das kaum etwas bekannt war.

Die Ära des Nationalsozialismus inspirierte beinahe so viele Mythen über verschollenes Gold und andere Schätze wie die Zeiten der spanischen Freibeuter – Mythen über Raubgut der SS, das in den Tiefen eines Alpensees lagert; über kostbare Juwelen in gesunkenen U-Booten und im libyschen Wüstensand verscharrtes Gold von Erwin Rommel, Generalfeldmarschall in der Zeit des Nationalsozialismus. Einige dieser Legenden basieren auf Tatsachen, wie zum Beispiel diejenigen, die sich auf den österreichischen Toplitzsee beziehen. Dort waren am 29. April 1945 von SS-Leuten tatsächlich Kisten versenkt worden. Diese hätten, so hieß es, zu Barren umgeschmolzenes Zahngold aus den Konzentrationslagern sowie geheime Akten der NS-Führung enthalten. Tatsächlich wurden bei zahlreichen Tauchgängen seit den 1950er-Jahren jedoch nur Kisten mit von den Nazis gefälschten Pfundnoten geborgen. Die Hoffnung auf einen Goldschatz hingegen erfüllte sich bislang nicht. Wahrscheinlich denken die meisten Menschen daher zuerst an den Toplitzsee, wenn von dem Nazischatz die Rede ist. Nazigold handelt allerdings von einem ganz anderen Schatz, und zwar von einer Geschichte, um die sich seit Jahren alle möglichen Gerüchte und Spekulationen ranken: die verschollenen millionenschweren Gold- und Währungsreserven der Reichsbank, die irgendwo in den bayerischen Alpen versteckt liegen sollen.

Die bekannten Fakten über das Verschwinden eines Teils der Reichsbankreserven gingen im Chaos der deutschen Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs und dem administrativen Durcheinander der anschließenden amerikanischen Besatzung unter. Die verspäteten Bemühungen des amerikanischen Militärs und der deutschen Zivilbehörden in den Nachkriegsjahren, diese Fakten nachträglich zusammenzutragen und daraus schlüssige Erkenntnisse zu gewinnen, wurden von der Unkenntnis der tatsächlich vermissten Summen und Wertgegenstände, mangelnder Koordination zwischen den verschiedenen Ermittlungsbehörden sowie der Unauffindbarkeit wichtiger Zeitzeugen zunichtegemacht.

Die erste öffentliche Erwähnung des Reichsbankschatzes scheint einem Zeitungsartikel von Henriette von Schirach (die mit Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach verheiratet war) zu entstammen, der im Oktober 1950 unter dem Titel »Das Gold vom Walchensee« in der Illustrierten Wochenend erschien. In diesem Artikel wurden zumindest die richtigen Fragen gestellt, allerdings lieferte er keine Antworten. Und er scheint die Münchener Kriminalpolizei dazu veranlasst zu haben, ihre eigenen Ermittlungen über bestimmte Aspekte dieses Mythos anzustellen. Während dieser Ermittlungen wurde die Geschichte von dem Münchener Journalisten Ottmar Katz in dem Artikel »Hinter den Kulissen ... Wo ist das Gold vom Walchensee?« aufgegriffen, der im Mai 1952 in der Zeitschrift Quick veröffentlicht wurde. Kurz darauf wurde ein englischer Autor namens William (Billy) Stanley Moss auf die Geschichte aufmerksam, der daraufhin seine eigenen privaten Ermittlungen über den Raub des Reichsbankgoldes und seine Folgen anstellte und sie 1956 in London in dem Buch Gold Is Where You Hide It veröffentlichte. Dieses Buch war zwar unvollständig und in Teilen irreführend, aber es war der erste Versuch einer kohärenten Schilderung der Reichsbankaffäre und die erste, die außerhalb von Deutschland erschien. Auf indirekte Weise wies sie den Weg zu der vorliegenden genaueren und vollständigeren Wiedergabe der Ereignisse.

Billy Moss, Autor des Bestsellers Ill Met By Moonlight (das von seiner Beteiligung an der riskanten Entführung des Kommandeurs der deutschen Streitkräfte auf Kreta während des Zweiten Weltkriegs handelt) wurde erstmalig über einen Mittelsmann auf den Reichsbankraub aufmerksam – den gebürtigen Polen und eingebürgerten Briten Andrew Kennedy. Während des Zweiten Weltkriegs war Andrew Kennedy der führende Kopf einer Fluchtorganisation in Ungarn und später Mitglied der britischen nachrichtendienstlichen Sondereinheit Special Operations Executive (SOE). Nach dem Krieg lebte und arbeitete er als Geschäftsmann in Deutschland, wo er sich eines breiten Freundeskreises erfreute, dem nicht nur Billy Moss, sondern auch zwei Bürger aus Garmisch-Partenkirchen angehörten, und zwar Gusti Stinnes und ihr englischer Ehemann Eric Knight. Über diese beiden – Gusti und Eric Knight – bekamen Kennedy und Moss erstmalig Wind von der Geschichte des Reichsbankschatzes.

Billy Moss arbeitete unter widrigen Umständen. Weder war es gut um seine Gesundheit bestellt, noch verfügte er über die finanziellen Mittel für ein Projekt dieser Tragweite. Darüber hinaus verweigerten ihm die US-Behörden, in deren verschiedenen Archiven man maßgebliche Informationen über den Raub des Reichsbankgoldes vermutete, jegliche Kooperation. Tatsächlich stritt und streitet die amerikanische Regierung bis heute ab, dass ein solcher Raub je stattgefunden hat, oder dass Mitglieder der amerikanischen Streitkräfte an einem solchen Raub beziehungsweise den darauffolgenden Ereignissen beteiligt waren. Die Archive, so die Regierung, enthielten keinerlei Aufzeichnungen, die irgendeinen Hinweis auf ein solches Vorkommnis gäben. Zudem verweigerte die Regierung auch die Einsicht in die maßgeblichen Dokumente, die für die Nachforschungen unverzichtbar waren. Moss’ Buch fiel daher zwangsläufig ein wenig dürftig und spekulativ aus. Dennoch kam es dem Kern der Sache ziemlich nahe und blieb über fast dreißig Jahre der beste Versuch, das Rätsel über das Verschwinden des Reichsbankschatzes zu lösen.

Bald darauf wurde das Guinnessbuch der Rekorde auf eine Meldung über diese Geschichte aufmerksam, die sich in den Archiven der Nachrichtenagentur Associated Press-Reuter in London befand, und nahm sie als »größten Raub der Welt« in seine frühen Ausgaben auf. In dem Eintrag wurden hochrangige Funktionäre sowohl der amerikanischen Streitkräfte als auch der ehemaligen Deutschen Wehrmacht der Beteiligung an dem Raub bezichtigt, und es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass nie irgendjemand zur Rechenschaft gezogen worden war, wobei die Angaben über die entwendeten Summen und Wertgegenstände weit von der Realität entfernt waren. Der Eintrag wurde in jedem Folgejahr (bis auf eines) in unterschiedlicher Form nachgedruckt, und es war dieser Eintrag, der die beiden gegenwärtigen Autoren unabhängig voneinander erstmalig auf die Fährte der bemerkenswerten Ereignisse brachte, die das Thema des vorliegenden Buches bilden.

Douglas Botting, Forschungsreisender und Autor, stieß erstmals im Jahr 1969 auf den Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde, und zwar im Anschluss an eine Reise nach Brasilien, wo er meinte, den Aufenthaltsort von Hitlers verschollenem ehemaligen Parteisekretär Martin Bormann ausfindig gemacht zu haben. Genau wie Moss kam Botting mit den US-Archiven nicht weiter und gelangte schließlich zu dem (wie sich später herausstellen sollte, falschen) Schluss, der Raub der Reichsbank sei ein Produkt antiamerikanischer Propaganda der von den Sowjets kontrollierten ostdeutschen Presse – in der Ausgabe des Guinnessbuch der Rekorde von 1970 befand sich ein Eintrag in diesem Sinne. Er widmete seine Aufmerksamkeit daraufhin anderen Themen des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands.

Fünf Jahre später, kurz vor Weihnachten des Jahres 1974, kaufte Ian Sayer, der im Jahr des Reichsbankraubes geboren wurde, seine erste Ausgabe des Guinnessbuch der Rekorde. In der Sekunde fing er Feuer und nahm mithilfe eines Kollegen namens Harry Seaman unmittelbar private Nachforschungen über den Reichsbankraub auf – ein Projekt, das schon bald zu einer passionierten Suche nach der definitiven Wahrheit werden sollte. Das war allerdings leichter gesagt als getan. Sayer begann bei null. Er besaß nicht einmal Billy Moss’ Vorteil persönlicher Kontakte zu einigen der maßgeblich Beteiligten an der Reichsbankaffäre. Weder kannte er die echten Namen der involvierten Personen, noch beherrschte er die Techniken der historischen und strafrechtlichen Ermittlungen oder die nötigen Mittel, um ausländische Staatsbürger in weit entfernten Ländern aufzuspüren oder sich an Plätzen wie Washington, Berlin und Buenos Aires hochsensible Aufzeichnungen aus Militär- und Polizeiakten zu beschaffen. Aber er hatte Feuer gefangen und ließ nicht mehr locker.

Zunächst war es eine äußerst undankbare Aufgabe: viele Tage mühseliger Recherchen im Public Records Office, dem damaligen Nationalarchiv des Vereinigten Königreichs, und im britischen Zeitungsarchiv Colindale Newspaper Library (das 2013 geschlossen und in die British Library überführt wurde) sowie endlose Stunden, in denen er internationale Telefonverzeichnisse durchkämmte. Viele Personen waren in der Zwischenzeit verstorben, einschließlich Billy Moss. Zwar war Sayer das eine ganze Weile nicht bewusst, aber die Geschichte spielte ihm in die Hände. Das Debakel Nixons zweiter Amtszeit und die misslungene Vertuschung der Watergate-Affäre boten Sayer die erste Gelegenheit, einen Fuß in die Tür zu bekommen, denn dieser Skandal führte indirekt zum Freedom of Information Act – dem 1967 erlassenen amerikanischen Gesetz zur Informationsfreiheit –, das eine Art Sesam-öffne-Dich zu den Archiven der US-Regierung und den verschiedenen Ministerien und staatlichen Behörden bildete.

Das war der erste Durchbruch. Im Verlauf von vielen Monaten und Jahren gaben die Archive ihre Geheimnisse in winzigen, schrittweisen Enthüllungen allmählich preis. Wenngleich das Heeresministerium (Department of the Army) in Washington nach wie vor den Reichsbankraub und jede Beteiligung amerikanischer Soldaten an den im Buch beschriebenen Ereignissen leugnete, führte ein Dokument zum nächsten, offenbarte ein Name fünf weitere, bis Sayer allmählich ein pralles Dossier über Straftaten, Korruption und Vertuschung im amerikanisch besetzten Nachkriegsdeutschland angelegt hatte. Im Jahr 1976 reiste Sayer (der ungern fliegt) auf der Queen Elizabeth II nach Amerika, um persönlich Einsicht in die National- und Militärarchive in Washington und den benachbarten Bundesstaaten Maryland und Virginia zu nehmen. Er fand sich in eigenartigen Situationen wieder, die er sich nie zuvor ausgemalt hatte – im Pentagon, in Telefonaten mit dem CIA, an die Türen des Geheimdienstes, des Nachrichtendienstes der Armee (USAI) und einer Reihe anderer amerikanischer Regierungs- und Militärbehörden klopfend. Die Dokumente führten auf viele finstere Abwege, und nicht selten waren sie umfangreich zensiert. Über bestimmte Themen, über die alle Unterlagen bewusst vernichtet worden waren, konnte er überhaupt nichts in Erfahrung bringen. Das wurde jedoch durch Sayers Entdeckung des Computers des amerikanischen Heeresamtes wettgemacht – dem unverzichtbaren Instrument zur Rückverfolgung von Personen über große Zeiträume.

Zurück in England führte er unzählige Transatlantik-Telefonate. Auf diese Weise gelang es ihm, zahlreiche ehemalige Angehörige der amerikanischen Streitkräfte aus den alten Zeiten in Bayern ausfindig zu machen, und zwar an so weit entfernten und unterschiedlichen Orten wie Locust Valley in Long Island, Anchorage in Alaska, Concrete in Washington State, Drake Falls in Virginia, Liberty Lake, Hollywood, New York, El Paso, St. Petersburg, Fort Worth und Palm Springs. Fast ausnahmslos waren seine jeweiligen Gesprächspartner äußerst zuvorkommend und kooperationsbereit. Nach mehr als dreißig Jahren konnten sich einige jedoch nicht mehr so recht erinnern, andere hatten dagegen ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen. Die meisten waren vor allem erstaunt, dass der Fall nach so langer Zeit wieder ausgegraben wurde. Und umso erstaunter waren sie, dass ausgerechnet ein Brite dafür verantwortlich war. Es wurde milde als typisches Beispiel britischer Exzentrik gewertet.

Parallel zu Ian Sayers Durchbruch in Amerika wurde ein ähnlicher Durchbruch in Europa erzielt. Der mit Billy Moss befreundete Andrew Kennedy stellte nämlich den Kontakt zu einem ehemaligen Polen namens Ivar Buxell her. Buxell hatte sich im Bayern der Nachkriegszeit nahe am Geschehen befunden und war anschließend nach Venezuela emigriert. Allerdings hatte er den Kontakt zu seinen alten Freunden in Deutschland bewahrt – eine Art Knotenpunkt, von dem zahlreiche Verbindungen in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Buxell erwies sich als unermüdliche und überaus hilfreiche Informationsquelle für zahlreiche der in diesem Buch beschriebenen Ereignisse. Mithilfe von Männern, die über einen ausgeprägten Sinn für Geschichte verfügten, so wie Buxell, William C. Wilson (ein ehemaliger Agent der Militärstrafverfolgungsbehörde der US Army mit einem bemerkenswerten und erstaunlich akkuraten Gedächtnis für Personen und Ereignisse) oder Tom Agoston (ein englischer Zeitungsjournalist, der als Erster über die Geschichte der Reichsbankaffäre und die Geschehnisse in Garmisch schrieb und Sayer zu den Vermerken, Beschreibungen und der Korrespondenz von Günther Reinhardt führte – einer maßgeblichen Figur in den späteren Phasen dieser Geschichte), konnten einige der Lücken in den offiziellen Archiven geschlossen und die historischen Dokumente um persönliche und Einzelinformationen angereichert werden, was andernfalls kaum möglich gewesen wäre.

Das Netz spannte sich über vier Kontinente bis zu so weit auseinanderliegenden Orten wie Caracas, Buenos Aires, Harare in Simbabwe, Rom und Livigno, Graz und Innsbruck, Garmisch und Mittenwald. Das war jedoch alles andere als ein Kinderspiel. Es gab Zeiten, da das Projekt gegen eine Betonmauer zu prallen schien und Monate vergingen, ohne dass irgendwelche Fortschritte erzielt oder ein Weg aus der Sackgasse gefunden wurde. Als Privatperson war es für Sayer nicht leicht, offizielle Institutionen zu hinterfragen und Ereignisse zu rekonstruieren, die einige Jahrzehnte zuvor allen möglichen Vertuschungsversuchen zum Opfer gefallen waren. Bestimmte Personen wehrten sich nachvollziehbarerweise gegen Nachforschungen über ihre Vergangenheit, wobei ein oder zwei der Betroffenen Schwierigkeiten verursachten, die das Potenzial besaßen, hochnotpeinlich zu werden. Im März 1981 zum Beispiel nannten ein oder mehrere Unbekannte Ian Sayer nach einem Treffen mit einem deutschen Journalisten in Innsbruck, mit dem Sayer Aspekte des vorliegenden Buches besprochen hatte, gegenüber der Londoner Zeitung Daily Mail als diejenige Person, die den Polizeibehörden bei der Aufklärung des Verbleibs einer Engländerin namens Jeanette May behilflich sein könne, die seit dem vorhergehenden Winter in Italien vermisst wurde und von der man vermutete, dass sie einer Entführung zum Opfer gefallen war.

Mrs. May, die in erster Ehe mit einem Mitglied der Familie Rothschild verheiratet gewesen war, war im Winter 1980 während eines Schneesturms in Begleitung einer Freundin durch eine abgelegene Bergregion Italiens gefahren und wurde seitdem vermisst. Es erübrigt sich die Erwähnung, dass Sayer absolut nichts mit Mrs. Mays Verschwinden zu tun hatte. Ebenso wenig wusste er, wer seinen Namen an die Daily Mail weitergegeben hatte, wenngleich er einen Verdacht hatte. Im Juli 1981 wurde er zum ersten Mal von zwei Angehörigen der italienischen Carabinieri sowie zwei Beamten des Londoner Dezernats für Schwerverbrechen verhört. Damit hatte es sein Bewenden, bis die Überreste der beiden Frauen im Januar 1982 im italienischen Gebirge gefunden wurden. Ein Jahr später rollte die italienische Polizei den Fall wegen des Verdachts auf Doppelmord erneut auf. Im März 1983 wurde Sayer zu Scotland Yard zum Verhör durch Vertreter der italienischen Polizei vorgeladen, und die italienische Presse brachte ihn in diversen Artikeln nicht nur mit dem Tod von Jeanette May, sondern auch mit dem Tod des italienischen Bankiers Roberto Calvi sowie den Aktivitäten der P2 (Propaganda 2), einer rechtsextremen Freimaurerloge, in Verbindung. Diese Artikel wären äußerst amüsant gewesen, wenn sie nicht auf so eklatante und schockierende Weise unwahr und diffamierend gewesen wären. Zwar hatte Sayer keine Mühe, der italienischen Polizei gegenüber seine Unschuld zu beweisen, aber er war sich sicher, dass das Ganze eine Folge seiner Beteiligung am Projekt Nazigold war – möglicherweise als Warnung vor eingehenderen Nachforschungen über die Vergangenheit.

Anfangs hatte Ian Sayer gar nicht vor, seine Recherchen in Buchform zu veröffentlichen. Seine Motivation gehorchte allein dem Abenteuergeist, der spannenden Jagd und dem Wunsch, die ganze Wahrheit über eine Episode in Erfahrung zu bringen, die mit ihren Drogengeschäften, Korruption und Mord und einer Atmosphäre, die an den Roman Der dritte Mann erinnerte, alle Elemente aus Fiktion und modernem Mythos zu enthalten schien. Aber angesichts der wachsenden Berge an Archivunterlagen, Interviewtranskripten, investigativen und Kriegsgerichtsprotokollen sowie Briefwechseln mit Augenzeugen, die irgendwann 120 Meter Regalfläche bedeckten und mehr als hundert Stunden Aufnahmezeit erreicht hatten, wurde offensichtlich, dass sie historisches Material enthielten, das für ein breiteres Publikum von Interesse war, und dass dieses idealerweise in Buchform präsentiert werden sollte.

Allmählich wurde das Material entlang eines groben narrativen Leitfadens sortiert. Die ersten Bemühungen, daraus ein Buch zu machen, erwiesen sich jedoch als fruchtlos. Eines Sommers machte Ian Sayer in Agathas Hafentaverne in Nissaki, einem kleinen Dorf an der eher abgelegenen Nordostküste Korfus, dann Bekanntschaft mit Douglas Botting, dessen frühere Bemühungen, das Reichsbankgeheimnis zu lüften, er kannte, und so kam es zur Zusammenarbeit für das vorliegende Buch. Die Recherchen dauerten acht Jahre. Die Entstehung des Buchmanuskripts – eine ziemlich komplexe, aufwändige und anspruchsvolle Aufgabe – sollte zwei weitere Jahre dauern. Zwar kann das daraus entstandene Werk berechtigterweise für sich in Anspruch nehmen, die bisher vollständigste und wahrheitsgetreueste Untersuchung dieser bemerkenswerten Affäre zu sein, aber es ist nicht erschöpfend.

Die Geschichte des Rätsels um das verschollene Gold der Reichsbank bleibt in Teilen ein Rätsel. Niemand wurde der Komplizenschaft bei diesem Raub angeklagt und nur wenige haben freiwillig ihre Beteiligung gestanden. Die Beweise bleiben lückenhaft. Ein Teil des Archivmaterials wurde vernichtet, anderes war extrem schwer aufzufinden und wieder anderes durfte aufgrund von Verleumdungsgesetzen nicht gedruckt werden.

Die Recherchen, die diesem Buch zugrunde liegen, hatten als Versuch begonnen, die Wahrheit über den größten Raub der Welt aufzudecken. Die Autoren hatten sich nie vorgestellt, dass sie schließlich eine Geschichte der Korruption enthüllen würden, die während der amerikanischen Besatzung Deutschlands stattgefunden hatte und vom Europäischen Kommando der Vereinigten Staaten (EUCOM) in Berlin und dem Heeresamt in Washington bewusst vertuscht worden war. Es war nie ihr Ziel, die amerikanische Militärregierung anzuprangern, die Deutschland nach dem Krieg regierte. Beide Autoren sind sich des gewaltigen Beitrags bewusst, den die amerikanische Regierung und die amerikanische Bevölkerung zur Kapitulation des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg und der Rettung Westeuropas in den anschließenden Nachkriegsjahren geleistet haben. Sie wissen auch um die aufrichtigen, intensiven Bemühungen unzähliger Amerikaner, die für die Militärregierung arbeiteten, um in den Trümmern und Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit in der amerikanischen Besatzungszone Ordnung, Anstand und Hoffnung wiederherzustellen. Die Belege, die im Rahmen der Nachforschungen auftauchten, offenbaren jedoch, dass mit der amerikanischen Besatzung einiges im Argen lag und ein Teil des Personals der amerikanischen Militärregierung ein Maß an Korruption aufwies, das eng im Zusammenhang mit der Geschichte des Nazigolds stand und kaum zu übersehen war. Einige amerikanische Leser dieses Buches mögen daher das Gefühl haben, dieses Buch sei antiamerikanisch im Ton. Die Autoren halten das für unzutreffend. Dieses Buch ist nichts weiter als der Versuch, die Wahrheit so klar zu präsentieren, wie es das komplexe und oft undurchsichtige Rohmaterial erlaubt, und dabei ein neues Licht auf wenig bekannte Nebenschauplätze der modernen Geschichte zu werfen.

Von der Konzeption bis zur Publikation hat Nazigold insgesamt zehn Jahre in Anspruch genommen. Dass es je vollendet wurde, ist zu einem großen Teil der Unterstützung zahlreicher Personen zu verdanken, deren Namen in der Danksagung aufgeführt und deren Beiträge dort dankbar anerkannt werden. Unser ganz besonderer Dank geht an Mary Sayer für ihren unermüdlichen Ansporn und ihre aktive Unterstützung des Projekts in allen seinen Phasen; an Melanie Bryan, die dafür sorgte, dass die komplexe Masse an Recherchematerial nicht in Chaos und Anarchie ausartete und viele Tausend Seiten Rechercheaufzeichnungen und Manuskriptentwürfe tippte; an Gail Lynch und Pamela Shaw, die sich so geduldig und so erfolgreich durch die Archive von Washington arbeiteten; an Alastair Brett von der Sunday Times, der in guten und in schlechten Zeiten an das Buch glaubte und eine unerschöpfliche Quelle der Kraft war; an Antony Terry, der das große Gewicht seiner Erfahrung und seines Fachwissens als ehemaliger Korrespondent der Sunday Times in Deutschland zur Verfügung stellte und für das Projekt in Europa Interviews und Recherchen durchführte; an Andrew Thompson, dem Korrespondenten der Sunday Times in Buenos Aires, der trotz des widrigen Arbeitsklimas als Folge des Falklandkriegs couragiert an seiner schwierigen und heiklen Frage- und Recherchelinie festhielt; und an Katy und Anna Botting für das Aufspüren der Goldlöcher des Walchen seeschatzes sowie für ihren Enthusiasmus und ihren unermüdlichen Zuspruch in schwierigen Phasen.

Seit Fertigstellung des Buches im Jahr 1983 hat es im Zusammenhang mit dem Nazigold zahlreiche neue Enthüllungen gegeben. Diese überarbeitete und aktualisierte Auflage enthält alle wichtigen Entwicklungen, die seitdem stattgefunden haben – einschließlich der fortdauernden Verschwörung der US-Regierung mit dem Ziel, die Wahrheit über das Verschwinden großer Teile des Nazischatzes aus der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone in Deutschland zu verheimlichen.

Ian Sayer

Douglas Botting

ANMERKUNG DER AUTOREN

Der Reichsbankraub war kein einmaliger Raubüberfall, der von einem einzigen führenden Kopf ausgeheckt wurde, sondern eine Serie unabhängiger Ereignisse, in deren Verlauf zwischen Mai 1945 und März 1947 unterschiedliche Mengen an Gold und Währungsreserven der Reichsbank gestohlen wurden. Der Leser stellt sich den Reichsbankschatz am besten als einen toten Wal vor, der von Haien angegriffen wird – großen Haie und kleinen Haien, die jeder für sich unterschiedlich große Fleischstücke aus dem Wal reißen. Zwar stürzen sie sich alle gleichzeitig auf denselben Kadaver, dennoch handelt es sich um keinen gemeinsamen Angriff; jeder handelt auf eigene Faust und unabhängig von allen anderen.

Um dem Leser die Größenordnung der in diesem Buch erwähnten Summen an Gold und Währungsreserven verständlich zu machen, haben wir beide sowohl in ihrem Wert von 1945 als auch ihrem entsprechenden Wert des Jahres 2020 in Dollar und Euro ausgedrückt, und zwar zum Stichtag 15. März 2020. Der Goldpreis lag 1945 bei 34,50 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) Gold; am 15. März 2020 lag er bei 1484 Dollar/1332 Euro je Feinunze Gold. Um die Zahlen in dieser Geschichte zu vereinfachen, wurde der Wert aller anderen Auslandswährungen in US-Dollar zum Währungskurs von 1945 umgerechnet.

TEIL I: DER RAUB

1 DIE ZERSTÖRUNG DER REICHSBANK

Am Morgen des 3. Februar 1945 legte ein unbekannter amerikanischer Bomberpilot in der Plexiglasnase einer B-17 Flying Fortress den Schalter für den Bombenabwurf um. Während seine zerstörerische Fracht die Maschine verließ, rief er den traditionellen Leitspruch der Bomberpiloten: »Bombs away! Doors closing! Let’s get the hell out of here!«1 Dass er dadurch eine Rolle beim größten Raub in der Geschichte spielen würde, hätte er wohl nie gedacht. Und auch die Verstrickungen, die dadurch international entstanden, hätten wohl sicher seine Vorstellungskraft gesprengt. Die amerikanischen Streitkräfte in Deutschland und das Pentagon waren darin ebenso verwickelt, wie das Heeresamt in Washington.

Bis zu jenem schicksalhaften Morgen hatte es fast zwei Monate lang keine größeren Luftangriffe auf die deutsche Hauptstadt gegeben, weil der Himmel über Berlin beinahe während des gesamten Winters von einer dichten Wolkendecke verhangen war. Die britischen und amerikanischen Bombengeschwader hatten ihre Aufmerksamkeit auf nähere und leichter zu treffende Ziele gelenkt. Und sie hatten es den Berlinern überlassen, ihre Sorgen auf die russische Armee zu richten – denn die drang zu diesem Zeitpunkt in atemberaubendem Tempo und in großer Übermacht von Osten her in das rund 90 Kilometer entfernte Odergebiet vor. Zum Unglück der Berliner traf die Ankunft der Roten Armee an der Oder mehr oder weniger genau mit einem Wetterumschwung in Berlin zusammen. Am Morgen des 3. Februar verhieß die Wettervorhersage einen wolkenlosen Himmel und für den Nachmittag wechselnde Bewölkung und Regenschauer. Diese Wetterbedingungen ermöglichten es den Alliierten, zur Unterstützung der vorrückenden russischen Truppen einen massiven Bombenangriff zu fliegen. Mit der Zerstörung von Militäreinrichtungen, Regierungsgebäuden und Transportzentren – vor allem des Rangierbahnhofs Tempelhof – wollten sie jegliche Vorbereitungen für einen deutschen Gegenangriff auf die russischen Stellungen im Keim ersticken. Zu diesem Zweck flogen die 1. und 3. Division der amerikanischen Luftwaffe mit einem Geschwader aus 1000 mit Bomben beladenen Flugzeugen den schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf Berlin.

Der 3. Februar war ein kühler Samstag und damit in Deutschland ein ganz normaler Arbeitstag. Geschäfte, Banken, Büros und Ministerien waren geöffnet und auf den Straßen tummelten sich Büroangestellte. Ebenfalls auf den Straßen: orientierungslose deutsche Flüchtlinge, die vor den vorrückenden russischen Truppen in die Hauptstadt geflüchtet waren. Die erste Ankündigung der drohenden Gefahr kam aus dem Radio. Die Ansage lautete wie üblich: »Achtung! Eine dichte Formation feindlicher Flugzeuge nähert sich Berlin vom Gebiet Hannover-Braunschweig aus.« Später, als die Bomber kurz vor der Stadt waren, setzte der Bombenalarm ein, gefolgt von allgemeinem Sirenengeheul. Der Straßenbahn- und Zugverkehr kam augenblicklich zum Erliegen. Drei Millionen Berliner flüchteten in Schutzräume. Die Flüchtlinge rannten auf der vergeblichen Suche nach Schutz ziellos durch die Straßen. Die Flaktruppen richteten ihre Geschütze und Radargeräte aus, machten ihre Flaks feuerbereit. Die Parabolspiegel des Radarsystems der beiden Flaktürme Berlin-Tiergarten begannen wild hin- und herzuschwingen. Krankenhäuser, die Feuerwehr, der Zivilschutz und die Polizei wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Leichentücher und heiße Suppe wurden bereitgehalten, Notleichenhallen vorbereitet. Als die Leitbomber gegen zehn Uhr morgens am Himmel über der wie ausgestorben wirkenden Stadt auftauchten, eröffneten praktisch sämtliche Flakbatterien auf Kommando das Feuer.

950 Bomber vom Typ Flying Fortress, flankiert von 575 Mustang-Kampfflugzeugen, dröhnten an jenem Morgen über Berlin hinweg.2 1003 Bomber waren von ihren Stützpunkten in England gestartet, von denen 25 die Route verlassen hatten, um günstige Gelegenheitsziele anzugreifen, 28 mussten umdrehen. Weitere 326 Bomber des Typs B-24 der 2. Luftdivision waren ebenfalls in Richtung Deutschland gestartet, griffen die Hydrierwerke Magdeburg an. Sie flogen in einer Höhe von 8000 Metern – so hoch, dass sie von unten zunächst wie winzige glänzende Lichtpunkte wirkten, die perfekte Dreiecksformationen bildeten, klar erkennbare Miniaturmuster, fern und unerreichbar, aus allen vier Motoren lange Kondensstreifen am Himmel hinterlassend. Unaufhaltsam näherten sie sich der Hauptstadt in einer endlos langgezogenen Linie, die sich fast über ganz Westeuropa bis zum Zuiderzee im Nordwesten der heutigen Niederlande erstreckte. Dazwischen explodierten kleine Rußkleckse, die sich in winzige, runde schwarze Rauchwolken verwandelten – es waren die Geschosse der 1200 Flakgeschütze der deutschen Luftabwehr. Sie feuerten unaufhörlich. Was Feuerintensität und Treffgenauigkeit betraf, war das die wohl intensivste und furchterregendste Flakkonzentration, auf die die 1. und 3. Luftdivision der amerikanischen Luftwaffe je getroffen war. Im Verlauf des Bombenangriffs wurden in jeder Formation ein oder zwei Flugzeuge getroffen, stürzten ab. Immer wieder warfen die Flugzeuge weiße Zielmarkierer ab; was vom Boden aus wie winzige Murmeln wirkte, waren in Wirklichkeit hoch explosive Bomben – Sprengbomben, Brandbomben, Streubomben und Minen.

Berlin war für einen Artilleristen ein echtes Paradies. Eine breite Verkehrsader von 7 Kilometer Länge, Teil der ursprünglich auf 50 Kilometer geplanten Ost-West-Achse, die Hitler 1938 im Rahmen seiner größenwahnsinnigen Bauprojekte durch eine Verbreiterung der bestehenden Straßen fertigstellen ließ, um dort in den ersten Kriegsmonaten seine Siegesparaden abzuhalten, führte direkt vom Reichskanzlerplatz (heute Theodor-Heuss-Platz) zum Brandenburger Tor, das aufgrund seiner hervorstechenden Lage selbst aus einer Höhe von 6000 bis 9000 Metern noch sehr gut erkennbar ist. In diesem Kernbereich der Stadt ragten die wichtigsten Gebäude aufgrund ihrer schieren Größe deutlich heraus – der Reichstag, die Reichskanzlei, Görings riesiges Reichsluftfahrtministerium, das Propagandaministerium und andere wichtige Regierungsgebäude in der Wilhelmstraße. Östlich vom Brandenburger Tor verlief die Allee Unter den Linden, die praktisch eine Verlängerung der Ost-West-Achse bildete. Zwei Straßenzüge südlich dieser Allee ragte ein weiteres wichtiges Gebäude heraus – die Reichsbank, das Herz des Bankensystems von Nazideutschland; die Zitadelle seines Nationalschatzes und ein verlockendes Bombenziel für jedes Flugzeug, das bereits die halbe Stadt überquert und seine Bombenladung noch nicht abgeworfen hatte. Bei hervorragender Sicht auf den Stadtkern, der sich scharf konturiert wie ein Stadtplan unter ihnen abzeichnete, bedeckten die Amerikaner im Rahmen des schwersten Luftangriffs, den Berlin im Zweiten Weltkrieg erlitt, die Stadt mit einem Bombenteppich, dessen Gesamtgewicht 2625 Tonnen betrug.

Zurück blieb vollkommene Verwüstung.3 Wohnhäuser brachen auseinander und legten ihr zertrümmertes Innenleben bloß, als seien sie wie eine weiche Schichttorte von einem scharfen Messer durchteilt worden. Ganze Häuserblöcke wurden zu einem mannshohen Trümmerhaufen reduziert. Komplette Straßenzüge lagen in Schutt und Asche. Aus den Kellern der zerstörten Häuser, über denen sich unverrückbare Berge aus Beton und Stein türmten, gab es kein Entrinnen. Die Schreie der Verschütteten und Sterbenden drangen nach außen. Der unaufhörliche Bombenregen hatte so heftige Erschütterungen ausgelöst, dass die 200 Tonnen schweren Eisenbahnlokomotiven aus den Schienen gehoben worden waren und die Luft bis zu einer Höhe von 300 Metern mit Asche und verkohltem Papier angefüllt war. Die Straßen waren von eingestürzten Häusern und gähnenden Bombenkratern blockiert, Wasserfontänen spritzten aus den zerstörten Rohrleitungen. Rettungstruppen gruben verzweifelt in meterhohen Schichten aus glühend heißen Mauersteinen, doch für viele Menschen gab es keine Hoffnung mehr. Brände loderten so heiß, dass die Verletzten durch die schiere Hitze auf dem Straßenbelag festklebten und verbrannten. Glühend weiße Funken schossen viele Hundert Meter hoch in die Luft, Nietnägel schossen wie Gewehrkugeln aus ihren Verankerungen, Branntwein in den Kellern detonierte wie Panzerfäuste. In der Luft hing der intensive Geruch von kompaktierter Erde, dickem Rauch, beißendem Ziegelstaub, verkohltem Holz, geborstenen Rohrleitungen, feuchten Kellern und entweichendem Gas. Als die Stahltüren der Bunker geöffnet wurden, bot sich den Überlebenden, die ins Freie drängten, ein Bild des Armageddon, eine mittelalterliche Vision des Höllenfeuers. Dicke Rauchschwaden hingen über der Stadt. Sie reichten bis zu 6000 Meter hoch. Blauschwarze Rauchsäulen, die sich aus den orangegelb lodernden Flammen erhoben, verstellten die Sicht. Straßen waren von einer mehr als knöchelhohen Schicht aus grünlichem Staub und weißlichem Schutt bedeckt, die sich bei Regen in eine pastöse Masse verwandelte.

Im Stadtzentrum war es so finster, dass niemand den Einbruch der Dunkelheit bemerkte. Fotos aus jenen Tagen wirken, als seien sie in tiefster Nacht aufgenommen worden.4 Vor dem Hintergrund der Flammen, die aus den rauchenden Ruinen am Alexanderplatz aufstiegen, zeichneten sich die Konturen stahlhelmbewehrter Feuerwehrmänner der Luftschutzpolizei ab. Der Französische Dom, aus dem Feuer und Qualm loderten, glich einer riesigen olympischen Fackel und über dem unversehrten Kaiser-Friedrich-Museum, dem heutigen Bode-Museum auf der Museumsinsel, waberte eine Staubwolke vom Ausmaß eines Wüstensandsturms. Ein schwedischer Journalist schrieb in einem der ersten Presseberichte über den Angriff:

»Am Samstag, als die amerikanischen Bomber den schwersten Bombenangriff des gesamten Kriegs flogen, spielten sich in Berlin unbeschreibliche Szenen ab. Als es losging zu einem Zeitpunkt, da die Russen in Gebiete vorstießen, in denen viele Berliner vor dem Krieg ihre Wochenendhäuschen hatten – wurde schnell deutlich, dass die Luftabwehr sehr schlecht organisiert war und zu wenig Leute hatte. Die Abfangjäger, die in die Luft aufstiegen, konnte man an einer Hand abzählen. Die unterbesetzte Feuerwehr hatte große Schwierigkeiten, die riesigen Feuerherde zu löschen. Viele Berliner waren von diesem letzten Luftangriff so traumatisiert, dass sie die Luftschutzkeller nicht verlassen wollten.«5

In dem großen Bombenangriff vom 3. Februar kamen laut einem Wehrmachtsbericht fast 3000 Berliner ums Leben – beinahe ein Toter pro Tonne Bombenmaterial –, 120.000 Menschen wurden obdachlos. Mindestens eine der zurückkehrenden Bombermannschaften drückte in ihrem Logbucheintrag ihre Sorge über die zivilen Opfer aus, die sie verursacht hatten: »Berlin, Samstag, Flak-Trommelfeuer, wurden mit jedem Überflug schwächer. Kein Schaden am Flugzeug. Sichtbombardierung! Fünf 1000 lb-Bomben abgeworfen. Frauen und Kinder getötet.« Ganze Stadtviertel wurden dem Boden gleich gemacht, wobei die Bomben mehrere beachtliche Treffer erzielt hatten. Einer war das Hauptquartier der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße, das in Brand gesetzt wurde. Ein weiterer war der Volksgerichtshof, in dem der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, Dr. Roland Freisler, getötet wurde. Es war Freisler, der mehrere Hundert Menschen zum Tode verurteilt hatte, die auf irgendeine Weise in den Anschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944 verwickelt gewesen sein sollen. Am verheerenden Morgen des 3. Februar wurde er von einstürzenden Stahlträgern im Luftschutzbunker neben dem Gerichtssaal erschlagen. Als Freisler gefunden wurde, hielt er die Akte von Fabian von Schlabrendorff umklammert: Er wollte den Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 gerade einem Kreuzverhör unterziehen, als der Bombenangriff plötzlich die Verhandlungen unterbrach.6

Auch Hitlers Reichskanzlei kam nicht ungeschoren davon. Am Morgen nach dem Luftangriff beschrieb Martin Bormann, Parteisekretär und »Hitlers Mephistopheles« seiner Frau in Berchtesgaden die verheerenden Zerstörungen in einem Brief:

»In dieser Minute habe ich mich gerade notdürftig im Büro meiner Sekretärin eingerichtet, welches der einzige Raum in diesem Gebäude ist, der einige provisorische Fenster besitzt. Der gestrige Luftangriff war äußerst massiv. Der Garten der Reichskanzlei bietet einen bestürzenden Anblick: tiefe Krater, umgestürzte Bäume und alle Wege von riesigen Schutt- und Trümmerhaufen verstellt. Auch die neue Reichskanzlei hat mehrere Einschläge erlitten und ist einstweilen nicht benutzbar. Die Gebäude der Parteikanzlei bieten ebenfalls einen traurigen Anblick. Die Telefonleitungen sind nach wie vor beschädigt; die Residenz des Führers und die Parteikanzlei haben immer noch keine Verbindung zur Außenwelt. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, gibt es in diesem sogenannten Regierungsquartier nach wie vor weder Licht noch Strom noch Wasser! Vor der Reichskanzlei steht ein Wasserwagen; das ist unser gesamter Vorrat zum Kochen und Abwaschen! Das Schlimmste von allem sind die Wasserklosetts. Diese Kommando-Schweine benutzen sie pausenlos und nicht einem von ihnen kommt es je in den Sinn, einen Eimer Wasser mitzubringen, um die Klosetts zu spülen.

Ab heute Abend soll ich anscheinend einen Raum im Bunker erhalten, in dem ich arbeiten und schlafen soll ...«7

Die größten Verheerungen in Berlin erlitt das Gebiet um den Bahnhof Tempelhof. Aber auch andere wichtige Ziele waren getroffen worden – darunter die Zentrale der Reichsbank am Werderschen Markt. Genau dieses Ereignis war von größter Bedeutung für die Geschichte des großen Reichsbankraubes.

Die Reichsbank war ein solider Prachtbau aus der Jahrhundertwende, der so groß wie die alte Reichskanzlei und fast so groß wie der Reichstag war. Am Morgen des 3. Februar machten ihm 21 direkte Bombeneinschläge den Garaus. Es ist nicht klar, ob sich das gesamte Bombenarsenal einer einzigen B-17 auf die Finanzzentrale des Dritten Reiches entlud. Die Bombenjäger der Flying Fortress behaupteten, sie könnten mit ihren modernen Norden-Bombenzielgeräten aus 6000 Meter Höhe Bomben in ein Gurkenfass abwerfen. Ebenso könnte das Gebäude unter einer Serie von Einschlägen aus den Bombenluken verschiedener Flugzeuge eingestürzt sein.8 Gewiss ist nur, dass es den 5000 Bankangestellten, die im unterirdischen Luftschutzbunker zusammengekauert ausharrten, schien, als sei das Jüngste Gericht über sie gekommen. Die Wände der Betonhöhle wackelten, als seien sie aus Pappmaché; von der Decke lösten sich Wolken aus weißem Staub, der einem den Atem nahm, das Licht ging aus und Frauen schrien in Todesangst oder weinten unaufhörlich, als direkt über ihnen die Bomben einschlugen und die Mauern und Böden der verschiedenen Stockwerke auf die Decke des Bunkers krachten. Erstaunlicherweise kam dabei niemand ums Leben, wenngleich der Reichsbankpräsident Dr. Walther Funk später eingestand: »Nur durch ein Wunder ist es mir gelungen, zusammen mit 5000 anderen Menschen aus diesem tiefen Keller an die Oberfläche zu gelangen.«9 Er hätte auch ihrer aller Grab werden können.

Nach dem Bombenangriff bot das Bankgebäude den gleichen verheerenden Anblick wie die übrige in Trümmern liegende Stadt: Pyramiden aus Schutt und Asche, eingestürzte Mauern, die das Innere der Büroräume freigaben, zerstörtes Mobiliar, Waschbecken, die an Wasserrohren herabhingen, die Fenster dunkle Höhlen mit zerborstenen Scheiben, die aus schiefen, wackeligen Wänden starrten, schwelende Türrahmen und verkohlte Papierfetzen, die aus den rauchenden Ruinen aufstiegen und durch die Luft wirbelten. Während die Bankangestellten in den Überresten der Akten und Archive stocherten, betrachteten die Bankdirektoren ihre beispiellos trostlose Lage. Die Druckerpressen, mit denen die deutschen Banknoten gedruckt wurden, waren zerstört. Und was noch schlimmer war: Das Gemäuer des Geldtempels war eingestürzt, der Schatz des Dritten Reiches, das Vermögen der Nation war zum Greifen nah. Dabei benötigte das Reich die Vermögenswerte, Bankeinlagen, Reserven, Gold und Edelmetalle, Bargeld, Devisen und Anleihescheine, um den Krieg zu finanzieren – oder um dadurch vielleicht später einmal im Frieden zu überleben. Die Tresore und Stahlkammern der Reichsbank und ihr kostbarer Inhalt hatten den Bombenangriff unbeschadet überstanden. Es bedurfte jedoch nur eines einzigen weiteren Luftangriffs, damit ein Großteil des konzentrierten Vermögens Nazideutschlands buchstäblich in Rauch aufging und für alle Zeiten verloren war.

Als Staatsbank war die Reichsbank die führende deutsche Bank und eine der größten Banken der Welt, die in vielerlei Hinsicht ihrem größeren und erhabeneren Pendant, der Bank of England, ähnelte. Wie diese war die Reichsbank an einer eigenartigen Mischung aus staatlichen und privaten Finanzangelegenheiten beteiligt. Sie wickelte weltweite Finanztransaktionen des Reiches ab, führte umfangreiche Manöver wie Devisenkontrollen durch, bestimmte die Währungskurse und Zölle und versorgte die Ministerien mit Geld. Wie die Bank of England war die Reichsbank verpflichtet, Gold zu einem festen Mindestpreis zu kaufen und seine Zinssätze in Gold anzugeben. Außerdem war sie Hüter der Goldreserven des Landes sowie Kreditgeber der letzten Instanz. Anders als die Bank of England fungierte sie darüber hinaus auch als Bank für den ganz normalen Bürger und bot ihren Einzelkunden in hundert Hauptbanken und mehr als 4000 kleineren Zweigstellen alle damals üblichen Bankdienstleistungen.

Im Jahr 1939 wurde die Reichsbank per Dekret direkt Hitlers Kontrolle unterstellt. Kurz darauf verloren der Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht und die meisten Mitglieder des Direktorenkollegiums in einem Streit mit Hitler über die Finanzierung des deutschen Kriegsprogramms ihre Posten. Hitler ersetzte Schacht durch den geschmeidigeren Volkswirt Dr. Walther Funk. Der hatte schon ein Jahr zuvor von Schacht das Amt des Reichswirtschaftsministers übernommen. Funks erste Aufgabe als neuer Reichsbankpräsident bestand darin, die meisten der verbliebenen hochrangigen Führungskräfte der Bank zu entfernen, mit Ausnahme von Vizepräsident Emil Puhl, einem Bankier alter Schule. Puhl stand für gute Ordnung und galt wegen seiner exzellenten Beziehungen zu Himmler, Heydrich und der SS nach Einschätzung des Historikers Werner Rings als »heimlicher Herrscher der Reichsbank«. Funk selbst verstand so gut wie nichts vom Bankwesen – er hatte niemals auch nur an einer einzigen Sitzung des Bankvorstands teilgenommen.10

Es war Puhl, der mit fortschreitendem Krieg die Funktionen der Reichsbank auf absonderliche Bereiche von Naziaktivitäten ausdehnte, wie die Beschlagnahmung des Geldvermögens eroberter Nationen und ermordeter Personen. Kurz nach Kriegsausbruch wurden die nationalen Goldreserven – die durch den Erwerb der österreichischen Goldbestände nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich erheblich angewachsen waren – durch die im Ausland erbeuteten Vermögen noch einmal deutlich gesteigert. Die Nazis erzwangen die Herausgabe der Goldreserven im Wert von 2.596.608 Dollar der Tschechischen Nationalbank und der Goldbestände im Wert von 32.200.000 Dollar der Ungarischen Nationalbank. Sie erbeuteten einen Teil der Goldreserven Albaniens, Hollands, der Sowjetunion und anderer Länder, die von der siegreichen Wehrmacht überrannt worden waren. Nach der Besetzung Frankreichs stahlen sie Gold im Wert von 225.900.000 Dollar, das einen Teil der belgischen Goldreserven beinhaltete, die die belgische Regierung aus Sicherheitsgründen in der französischen Nationalbank deponiert hatte. Das belgische Gold wurde in die Reichsbank Berlin verlegt und umgeschmolzen. Jeder Goldbarren wurde anschließend mit dem Prägestempel RB (für Reichsbank), dem deutschen Adler, dem rückwirkenden Datum 1938 und seinem Gewicht bis zu drei Stellen hinter dem Komma versehen. Später, als die Deutschen angesichts der vorrückenden anglo-amerikanischen Truppen zum Rückzug aus Süditalien gezwungen waren, übernahmen sie italienisches Gold im Wert von 100.000.000 Dollar, das ebenfalls den Reserven der Reichsbank einverleibt werden sollte. Auf der Höhe der nationalsozialistischen Eroberungszüge durch Europa betrugen die Goldreserven der Reichsbank schätzungsweise 772.636.253 Dollar – was im Jahr 2020 einem Wert von 11.103.555.591 Dollar/9.986.560.000 Euro entsprach. Ein Großteil dieser Goldreserven wurde von den besiegten europäischen Nationen erbeutet, wenngleich sich die genaue Summe nie mit Gewissheit bestimmen ließ. Nicht alle Goldbestände lagerten in der Berliner Bankzentrale: Ein Teil der Goldreserven war 1943 auf die verschiedenen Filialen der Reichsbank (die als spezielle Aufbewahrungsorte bezeichnet wurden) in Mittel- und Süddeutschland verteilt worden. Berlin blieb jedoch das Hauptdepot für die Goldbestände der Reichsbank.

Die Berliner Bankzentrale war außerdem das zentrale Depot für Währungseinlagen, Gold und andere Wertgegenstände, die sich im Besitz der Wehrmacht, der Abwehr, des Auswärtigen Amtes und ähnlicher Behörden befanden. Daneben bot sie der SS einzigartig makabre Bankdienstleistungen. In den ersten Kriegsjahren erarbeitete der stellvertretende Reichsbankpräsident Puhl ein Arrangement mit seinem Beinahe-Namensvetter Oswald Pohl, einem SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Der war seit 1942 auch Leiter des neu geschaffenen SSWirtschafts- und Verwaltungshauptamtes – der Abteilung, die für die Verwaltung der Konzentrationslager zuständig war. Im Rahmen dieses Arrangements nahm die Reichsbank Banknoten, Wertpapiere, Goldzähne, Schmuck und anderes Raubgut der SS entgegen, das aus Auschwitz und anderen Vernichtungslagern angeliefert wurde, schmolz es zu Goldbarren um oder verkaufte es. Die Einnahmen wurden der SS gutgeschrieben. In den Jahren 1942/43 führte die SS die Aktion Reinhardt durch. Hinter der Tarnbezeichnung verbarg sich die systematische Ermordung aller Juden und Roma des Generalgouvernements im deutsch besetzten Polen. Im Zuge der Aktion Reinhardt wurden zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 etwa 1,6 bis 1,8 Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma aus den fünf Distrikten des General-gouvernements (Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien) in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka getötet. Vor ihrer Ermordung wurden den Gefangenen systematisch sämtliche Devisen, Goldmünzen, Schmuck und Kleidung geraubt.11 Mithilfe ihrer Veräußerung konnte die SS ihre Einlagen bei der Berliner Reichsbank um insgesamt 100.047.000 Reichsmark in Devisen (im Wert von 40.357.805 Dollar) steigern. Emil Puhl kam bei dieser patriotischen Aufgabe zugute, dass er nicht nur als eigentlicher Reichsbankpräsident fungierte, sondern zudem ein deutsches Verwaltungsratsmitglied einer privaten internationalen Bank in der Schweiz war. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mit Sitz in Basel bot ihm die ideale Gelegenheit, bei der Weiterverwertung des in den Konzentrationslagern erbeuteten Goldes als Hehler und Geldwäscher zu fungieren, nachdem es in der Reichsbank zu Goldbarren umgeschmolzen worden war.12

Im Anschluss an die Bombardierung der Reichsbankzentrale in Berlin lag die Entscheidung über die Autorisierung der Verlagerung der Reserven und des Personals von Berlin an einen sicheren Ort bei Funk, die praktische Umsetzung dieser Entscheidung lag bei Puhl. Noch während der Rauch schwer über den Berliner Häuserdächern hing und die Feuerwehr die ungezählten Brandherde bekämpfte, wurde angeordnet: Die Beamten aus den wichtigsten Abteilungen in Berlin werden nach Weimar und Erfurt evakuiert und leiten die Reichsbank von dort aus, die Gold- und Dollarreserven der Reichsbank werden an einen sicheren Drittort verbracht – in das sehr tiefe und weitläufige Kalibergwerk im thüringischen Merkers, rund 320 Kilometer südwestlich von Berlin.13

Weniger als eine Woche nach dem Bombenangriff waren die Vorbereitungen für die Registrierung, Verpackung und den Transport der deutschen Reserven, die in den Tresorräumen der Reichsbankruinen in Berlin lagerten, so weit gediehen, dass eine erste Lieferung nach Merkers für den 9. Februar 1945 angesetzt worden war. Zunächst sollten Währungsreserven im Wert von 1 Milliarde Reichsmark in Scheinen – gebündelt in tausend Säcke – und eine erhebliche Summe an Fremdwährungen in das vermeintlich sichere Untertagelager gebracht werden. Darunter waren auch mehr als 4.000.000 Dollar in Scheinen. Drei Tage später sollte der Großteil der Goldreserven folgen. Wert: 200.000.000 Dollar. Gewicht: circa 100 Tonnen. Sie füllten 13 flache Transportwaggons der Reichsbahn. Transport, Entladung und Umladung auf zwanzig 10-Tonnen-Lastwagen in Bunker »Raum 8« tief im Inneren des Grubenfelds Kaiseroda II/III nahm 72 Stunden in Anspruch. Am 18. Februar war der Transfer abgeschlossen. In den folgenden sieben Wochen lagerte der Großteil des deutschen Vermögens sicher in einer kalten Höhle, die in 800 Metern Tiefe unter der thüringischen Beckenlandschaft in das Salzgestein gehauen war. Britische und amerikanische Luftwaffen flogen derweil häufigere und verheerendere Bombenangriffe auf Berlin und die russischen Truppen rückten unaufhaltsam auf die Vororte im Osten der Hauptstadt vor.

Jegliches Gefühl der Sicherheit, das die Führer des Dritten Reiches im Hinblick auf die Verwahrung der Staatsreserven verspürt haben mochten, sollte sich als verfehlt erweisen, als die Westfront zusammenzubrechen begann. Am 22. März überquerten Einheiten der 3. US-Armee unter dem Kommando des charismatischen, aber umstrittenen Generals George S. Patton den Rhein, Deutschlands letztes natürliches Verteidigungsbollwerk im Westen, zu einem Überraschungsangriff auf Ludwigshafen. Er stürmte zügig gen Osten, brach am 4. April in das thüringische Becken ein und rückte auf Gotha zu. Die Naziführung reagierte spät auf die Gefahr, die der amerikanische Vorstoß für die Staatsreserven in Merkers bedeutete. In letzter Minute unternahmen hohe Reichsbankbeamte den verzweifelten Versuch, die gesamten Reserven zurück nach Berlin zu verfrachten. Das verhinderten jedoch die rasend schnell vorrückenden amerikanischen Truppen – und der teilweise Stillstand der Reichsbahn wegen der Osterferien. Das war selbst gemessen am Standard des Naziregimes einigermaßen bizarr. Als Goebbels davon hörte, explodierte er: »Man könnte sich die Haare raufen, wenn man daran denkt, dass die Reichsbahn Osterferien feiert, während der Feind unsere gesamten Goldbestände plündert.«14 Bald darauf gaben die Bankbeamten jede Hoffnung auf eine Verlagerung der Goldreserven auf und konzentrierten sich auf das Geldvermögen, vor allem die Reichsmarkscheine, die aufgrund der Zerstörung der Druckerpressen beim Luftangriff vom 3. Februar knapp waren. 450 der 1000 mit Geldscheinen angefüllten Säcke konnten sicher aus der Mine geborgen werden, für die übrigen 550 Säcke reichte die Zeit vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen nicht mehr und sie wurden auf dem Grund des Hauptschachts zurückgelassen, während die Beamten der Reichsbank versuchten, sich in Sicherheit zu bringen.

Merkers fiel am 4. April um elf Uhr morgens an die 9. Division. Es war kein Ort, für den sich irgendjemand in der 3. Armee interessierte, und normalerweise hätte es vermutlich lange gedauert, bis die Amerikaner eine systematische Durchsuchung der örtlichen Minen vorgenommen hätten. Doch ein oder zwei Tage später führte eine beiläufige Begegnung zweier amerikanischer Militärpolizisten im Dorf Merkers zu der zufälligen Entdeckung der Mine und ihres großartigen Inhalts.15

Eines der ersten Dinge, die die Amerikaner in Merkers taten, war die Verhängung einer Ausgangssperre und eine Beschränkung der Freizügigkeit der Zivilbevölkerung im gesamten Gebiet. Am Morgen des 6. April fuhren zwei Militärpolizisten – die Gefreiten Clyde Harmon und Anthony Kline – auf Routinepatrouille durch den Ort, um die Einhaltung der Ausgangssperre zu überprüfen, als sie auf einer Straße außerhalb Merkers zwei aus Frankreich vertriebene Frauen überholten. Da eine von ihnen schwanger war, nahmen die Militärpolizisten die beiden Frauen spontan mit. Zuerst kamen sie zu einem Kommandoposten, an dem sie befragt wurden. Als die Frauen vom Soldaten Richard Mootz zurück nach Merkers gefahren wurden, rief eine von ihnen an der Einfahrt zu den Kaiseroda-Schächten: »Das ist die Mine, in der die Goldbarren lagern.«

Und so kam das Ganze ans Licht. Gegen Mittag hatte bereits der Stabschef davon gehört. Wenige Stunden später hatten Vertriebene und ein britischer Kriegsgefangener die Geschichte bestätigt. Er war einer von 200 Kriegsgefangenen der britischen 51. Division, die in der Mine Zwangsarbeit verrichteten – und er war an der Entladung des ersten Goldtransportes beteiligt gewesen. Als sich herumsprach, dass »angeblich die gesamten Reserven der Berliner Reichsbank« in der Mine lagerten, wurden unverzüglich Vorkehrungen zur Sicherung der 48 Kilometer langen Stollengänge und fünf Eingänge zu den Grubenschächten getroffen. Das 712. Panzerbataillon wurde zur Bewachung des Eingangs bei Merkers abkommandiert und das gesamte 357. Infanterie-Regiment, das rund 600 bis 700 Mann zählte, bewachte die anderen vier Eingänge.

Am 7. April betraten die Amerikaner die Mine. Innerhalb einer Minute brachte ein Aufzug eine Gruppe aus Offizieren des Stabsquartiers der 90. Division in Begleitung von deutschen Minenangestellten zum Grund des Hauptschachtes in 640 Metern Tiefe. Selten in der Geschichte stieß eine einmarschierende Armee auf eine Aladin-gleiche Höhle von annähernd großem Wert. Im Hauptstollengang türmten sich 550 Säcke an der Wand – sie enthielten mehr als eine halbe Milliarde Reichsmark. Später kam die Gruppe zum Hauptbunker, der von einer dicken Mauer aus Ziegelstein umgeben war, in deren Mitte sich eine schwere Stahltür befand. Daraufhin wurden die Armee-Ingenieure herbeigerufen, die mit ein wenig Dynamit ein Loch in die Mauer rissen. Anschließend kletterten die Männer in den Bunker, den sogenannten Raum 8.

Sie befanden sich in einem höhlenartigen Gewölbe von 46 Metern Länge, 23 Metern Breite und 3,6 Metern Höhe. Auf dem Boden der Höhle lagen kniehoch 7000 nummerierte Säcke. Die Amerikaner zählten 20 Reihen, von denen einige zwei oder drei Sack hoch waren und sich bis ans andere Ende der Höhle erstreckten. In jedem Sack befanden sich Goldmünzen oder Goldbarren mit einem Gewicht von 25 und 37 Kilo pro Sack. Insgesamt lagerten dort mehr als 8527 Goldbarren mit einem Gewicht von 100.352 Kilo (98,76 Tonnen) und einem Wert von mehr als 112.000.000 Dollar. Unter den geprägten Goldmünzen, deren Wert später offiziell auf mehr als 126.000.000 Dollar beziffert wurde, befanden sich eine Million Schweizer Franken, eine Million französische Franc und 711 Säcke mit 20-US- Dollar-Goldstücken – jeweils 25.000 Dollar pro Sack. Insgesamt wogen die Goldbarren und Goldmünzen 250 Tonnen. An einer Wand türmten sich stapelweise Geldscheinbündel, und am Ende der Höhle befanden sich große Mengen an Gold- und Silberblech und Gebrauchsgegenstände aus Edelmetall – in Koffer, Truhen und Kisten gezwängt –, das die Nazis bei der Plünderung von Privathäusern und Institutionen in ganz Europa erbeutet hatten. Viele Kisten und Säcke trugen die Aufschrift »Melmer«, die auf den SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer wiesen, der den Transfer von Gold- und Wertsachen aus den Konzentrationslagern auf das Konto der SS leitete. Alle Gegenstände waren mit einem Hammer flachgeklopft worden, um Platz zu sparen, und wurden anschließend in alle möglichen Behältnisse gestopft, bis sich die Gelegenheit ergab, sie einzuschmelzen und in Gold- und Silberbarren zu gießen. Es gab Säcke mit Zahngold und goldenen Zahnbrücken, dazu Koffer, randvoll mit Diamanten, Perlen und anderen Edelsteinen, die den Opfern der Vernichtungslager entrissen worden waren; außerdem geraubte Augengläser, Brillen, Uhren, Hochzeitsringe und Zigarettenetuis.

Ein hochrangiger Beamter der Reichsbank, der von den Amerikanern gefangen genommen worden war, schätzte die gesamten Währungsreserven, die in den Minen von Merkers lagerten, auf:

»2.700.000.000 Mark in Geldscheinen (im Wert von mehr als 1.089.148.850 Dollar)

2.000.000 US-Dollar

98.000.000 französische Franc

110.000 britische Pfundnoten

4.000.000 norwegische Kronen

Sowie kleinere Mengen türkische Pfund, spanische Peseten und portugiesische Escudos.«16

Eine vorsichtige amerikanische Schätzung aus der damaligen Zeit bezifferte den Wert der gesamten Schätze auf rund 315.000.000 Dollar, was diesen Fund zu einem der größten gehorteten Vermögen der Welt machte. Eine systematischere Zählung bezifferte allein den Wert des Goldes bereits auf 238.490.000 Dollar.17

Die Geld- und Goldreserven waren nicht die einzigen Schätze, die die Amerikaner an jenem Tag in der Kaiseroda-Mine konfiszierten. Insgesamt lagerten mehr als 400 Tonnen Gemälde und andere Raubkunstobjekte in einem der anderen Schächte, von denen einige in Papier und Sackleinen eingewickelt waren, andere einfach aneinander gelehnt standen. Die Gemälde kamen aus fünfzehn deutschen Museen. Darunter: Werke von Rembrandt, Tizian, Van Dyck, Raphael, Dürer und Renoir. Die gesamte Kollektion war von unschätzbarem Wert. Das kostbarste Objekt von allen war jedoch kein Gemälde, sondern eine 3000 Jahre alte ägyptische Miniaturstatue der Königin Nofretete. In den benachbarten Gruben des Gebiets um Merkers wurden weitere Funde gemacht; darunter 400 Tonnen Unterlagen aus dem Reichspatentamt, mit denen 30 Eisenbahnwaggons hätten gefüllt werden können und die potenziell so wertvoll waren wie das Gold. Dazu Unterlagen des Oberkommandos der Wehrmacht, zwei Millionen Bücher aus Berlin, die Goethe-Sammlung aus Weimar und vieles mehr.

Die Entdeckung der Gold- und Währungsreserven des Dritten Reichs – oder zumindest eines erheblichen Teils davon – war für den Oberbefehlshaber der alliierten Expeditionsstreitkräfte bedeutend genug, um sich eine kurze Pause vom Kriegsgeschehen zu gönnen und sich am 12. April 1945 einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Am Grubeneingang wurden General Eisenhower und seine zwei Senior Generals, General Omar N. Bradley (der die 12. Heeresgruppe befehligte) und General Patton von den Generälen Eddy und Weyland und von Oberst Bernard Bernstein von der Finanzabteilung des Obersten Hauptquartiers der alliierten Expeditionsstreitkräfte erwartet. Pattons Aide-de-Camps, Oberst Charles R. Codman, erinnerte sich in einem Brief an seine Frau an den albtraumhaften Abstieg:

»Die Gruppe wurde in einen primitiven Lastenaufzug verfrachtet, der von einem unscheinbaren deutschen Zivilbürger bedient wurde. General Patton begann die Sterne auf den Schulterklappen derjenigen über ihm zu zählen, während der wackelige Aufzug in immer größerem Tempo den 600 Meter tiefen, pechschwarzen Schacht hinab ratterte. Er blickte auf das einzige Kabel, das gegen den immer kleiner werdenden Flecken Himmel kaum noch zu sehen war.

»Falls diese Wäscheleine reißen sollte«, bemerkte er nachdenklich, »würden die Beförderungsaktivitäten in den amerikanischen Streitkräften erheblich angeregt werden.«

Aus der Dunkelheit ertönte die Stimme General Eisenhowers: »Ok, George, das reicht. Keine weiteren Scherze, bis wir wieder an der Oberfläche sind.«18

Als die Fünf-Sterne-Generäle am Fuße des Schachts in den schwach beleuchteten Tunnel traten, warf der wachhabende GI einen Blick auf die ungewöhnlich dichte Konzentration aus hochrangigen militärischen Führungskräften, die sich vor ihm aufbaute und murmelte in der unterirdischen Stille für alle deutlich vernehmbar: »Jesus Christus!«19

Die Gruppe bewegte sich entlang des Stollengangs bis zu einer Höhle mit hohem Deckengewölbe, die mit Kunstgegenständen angefüllt war. Patton warf einen gelangweilten Blick auf einige Gemälde. »Die, die ich gesehen habe, waren meiner Meinung nach höchsten 2,50 Dollar wert«, lautete sein Kommentar in seinen Memoiren, »und von der Art, wie man sie normalerweise in amerikanischen Bars findet.«20

Eisenhower deutete auf ein Dutzend hohe Stapel aus Geldbündeln mit Reichsmarkscheinen, die sich separat in einer Ecke türmten. »Was ist mit denen?«, fragte er.

Ein deutscher Minenangestellter erklärte, diese Scheine seien für die Zahlung des Solds der Wehrmacht in der Zukunft gedacht. »Ich bezweifle, dass die Wehrmacht noch länger Wehrsold zahlen wird«, warf General Bradley ein.

Dann betraten die Generäle Raum 8 und betrachteten beeindruckt das Beutegold der Reichsbankreserven, das den Tresorraum anfüllte. »Wenn noch die alten Freibeuterzeiten herrschen würden, als ein Soldat seine Kriegsbeute behalten durfte«, sagte Bradley zu Patton, »wären Sie der reichste Mann der Welt.« Und später, als sie wieder aus der Grube an die Oberfläche zurückgekehrt waren, beugte sich Bradley zu Patton und fragte ihn halb im Spaß, halb im Ernst: »George, was würden Sie mit dem ganzen Geld tun?« Patton kicherte. Die Hälfte seiner Männer würde wollen, dass aus dem Gold Medaillen geprägt würden, antwortete er – »eine für jeden Hurensohn der 3. Armee.« Eisenhower lachte, ohne die leiseste Vorstellung zu haben, als wie merkwürdig prophetisch sich Pattons Bemerkung erweisen sollte, beziehungsweise welch großer Teil der Reichsbankreserven am Ende in den außergewöhnlich klebrigen Fingern einiger seiner Kriegskameraden der 3. Armee hängenbleiben sollten.

Es war klar, dass der Schatz nicht ewig in den Höhlen von Merkers bleiben konnte. Patton bestand darauf, dass Eisenhower jemanden entsenden solle, der die Verantwortung für den Tresor übernähme. Dessen Bewachung würde ein ganzes Regiment erfordern, sagte er, und ein Loch in seine Divisionen reißen. Und so wurde beschlossen, den gesamten Schatz unverzüglich an einen sicheren Ort zu bringen. Zu diesem Zweck wurde das Reichsbankgebäude in Frankfurt am Main ausgewählt, das am 26. März in die Hände der Amerikaner gefallen war. Am Morgen des 14. April begann um neun Uhr der Abtransport unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. In den Stollengängen schleppten Grubenwagen mit Anhängern den Schatz vom Tresorraum zum Schacht, wo die beladenen Anhänger in den Aufzug gehievt und an die Oberfläche gebracht wurden. In einer zwanzigstündigen Aktion holten die amerikanischen Truppen den gesamten Inhalt der Mine an die Oberfläche – Gold, Devisen und Kunstwerke in insgesamt 11.750 Behältnissen –, erstellten ein Verzeichnis und verluden ihn auf 32 10-Tonnen-Lkws. Am folgenden Morgen setzte sich der Konvoi Richtung Frankfurt in Bewegung, begleitet von fünf Infanteriezügen, zwei MG-Zügen, zehn mobilen Luftabwehrgeschützen und einem Geschwader aus Aufklärungsflugzeugen und Mustang-Kampfflugzeugen. In Frankfurt bildeten zwei Infanterie-Kompanien einen Sicherheitskordon um die Reichsbank, während die kostbare Fracht abgeladen, registriert und in die Banktresore gebracht wurde. Die gesamte Aktion wurde in der Nacht des 15. April abgeschlossen. Drei Tage später, am 18. April 1945, wurde auch die Besetzung des Kalibergwerks durch die USTruppen wieder aufgehoben. Trotz der außerordentlich schweren Bewachung hielten sich noch Jahre danach beharrlich die Gerüchte, eine Wagenladung voller Gold beziehungsweise Kunstgegenstände sei auf dem Weg nach Frankfurt verschwunden. Allerdings waren es die Gold- und Währungsreserven, die sich noch immer in deutschen Händen befanden, die dieses Schicksal ereilte.

Die Amerikaner äußerten deutliche Zweifel daran, dass der Fund von Merkers die gesamten deutschen Gold- und Währungsreserven ausmachten – was ihnen einige Sorgen bereitete. Bestätigt wurden diese Zweifel nach dem Verhör der in Merkers gefangen genommenen Reichsbankbeamten. Ein Spezialteam aus Experten des US-Finanzministeriums und der Bank of England unter Leitung von Oberst Bernard Bernstein eilte nach Frankfurt und schwärmte von dort ins besetzte Deutschland aus, auf der dringenden Suche nach weiteren Schätzen. Der Goldrausch hatte begonnen!

2 FLUCHT IN DIE ALPENFESTUNG

Der Fund der Reichsbankreserven von Merkers war ein verheerender Schlag für die Naziführung. Propagandaminister Goebbels war außer sich vor Wut und schrieb am 8. April, einen Tag nach der Konfiszierung durch die Amerikaner, in sein Tagebuch: »Traurige Nachrichten aus Mühlhausen in Thüringen. Unsere gesamten Goldreserven, die viele hundert Tonnen betragen, sowie gewaltige Kunstschätze, darunter die Nofretete, sind dort den Amerikanern in die Hände gefallen. Ich war immer gegen die Verlagerung des Goldes und der Kunstschätze aus Berlin, aber trotz meiner Einwände weigerte sich Funk, meinen Rat anzunehmen. Wahrscheinlich wurde er von seinem Stab und seinen Beratern dazu überredet. Nun haben sie in krimineller Pflichtvergessenheit zugelassen, dass die kostbarsten Besitztümer des deutschen Volkes in feindliche Hände geraten sind. Wenn ich der Führer wäre, wüsste ich, was nun zu tun ist.«21

Goebbels täuschte sich aber, was Hitler betraf. Weit davon entfernt, Funks Kopf zu fordern, hatte sich der Führer selbst zu einer weiteren umfangreichen Evakuierung der verbliebenen Reichsbankreserven überreden lassen – den Gold- und Devisenreserven, die sich an den speziellen Aufbewahrungsorten in Mittel- und Süddeutschland noch immer in deutschen Händen befanden.

Wenngleich es Funk war, der Hitler diesen Vorschlag unterbreitete, stammte die ursprüngliche Idee nicht von ihm, sondern von SS-Obersturmbannführer Friedrich »Fritz« Josef Rauch (39), der seit 1942 dem Reichsminister und Staatssekretär der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers – einem der zwanzig mächtigsten Männer des Dritten Reichs – als Adjutant gedient hatte und vor Kurzem zu Hitlers persönlichem Sicherheitsoffizier aufgestiegen war.22 Rauch soll in der Geschichte des großen Reichsbankraubs eine maßgebliche Rolle spielen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht zu seinen makellosen Referenzen passt – Makellos gemessen an den Standards der Nationalsozialisten.