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Im zarten Alter von drei Jahren verschwand die kleine Lotta spurlos – ein Albtraum, der Lova und Sven bis heute verfolgt. Keine Hinweise, keine Zeugen, keine Hoffnung. Bis eines Tages eine junge Frau vor ihrer Tür steht und behauptet, Lotta zu sein. Sie sieht ihrer Tochter ähnlich und der DNA-Test bestätigt das Unfassbare: Es ist ihre Tochter. Während Lova verzweifelt versucht, die junge Frau wieder in ihr Herz zu lassen, regt sich ein dunkles Gefühl des Misstrauens. Lotta wirkt fremd, zurückhaltend und irgendetwas an ihrer Geschichte passt nicht zusammen. Je näher Lova der Wahrheit kommt, desto klarer wird: Manche Geheimnisse sollten besser verborgen bleiben. Denn das, was wirklich mit Lotta geschah, ist schlimmer, als sie es je hätte erahnen können …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Anmerkung
Protagonisten
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Nachwort
Weitere Bücher der Autorin
Impressum
Auf das in Schweden übliche Duzen wurde zugunsten der Lesbarkeit verzichtet.
Die Geschichte sowie sämtliche Protagonisten, Institutionen und Handlungen sind in diesem Roman frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wo tatsächlich existierende Orte erwähnt werden, geschieht das im Rahmen fiktiver Ereignisse. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Der Wasserkocher klickte leise, als er abschaltete. Dampf stieg auf, kräuselte sich im Sonnenlicht, das durch die bodentiefen Fenster in die Küche fiel. Lova stand reglos da, die Hände auf der kühlen Arbeitsplatte abgestützt, und sah hinaus in den Garten, der im goldenen Licht des beginnenden Herbstes fast unwirklich ruhig wirkte.
„Mom? Ich kann mein rotes Shirt nicht finden.“
Elinas Stimme durchschnitt die Stille und Lova zuckte leicht zusammen. „Oben im Badezimmer, du hast es über die Heizung gehängt“, antwortete sie. Keine Sekunde später hörte sie Elinas Schritte auf der Treppe.
Sven kam in die Küche und rieb sich den Nacken. „Hast du das Frühstück fertig? Ich muss heute früher los, wir haben eine Besprechung mit dem Vorstand.“
„Kaffee ist durch“, sagte Lova, drehte sich um und stellte ihm eine Tasse hin. „Und deine Sandwiches liegen im Kühlschrank.“
Er warf ihr ein kurzes, dankbares Lächeln zu. Seine Augen wirkten müde. Das taten sie immer, seit jenem Tag. Aber er sprach nicht darüber. Sie beide nicht. Nicht mehr.
Aron tauchte als Nächster auf. Das Haar vom Schlaf noch zerzaust und die Jacke falsch zugeknöpft.
„Wieder zu lange wach gewesen?“, fragte sie. Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
„Ich habe für die Prüfungen gelernt. Leider bin ich nicht so begabt wie eure Lieblingstochter.“
Lova spürte einen kleinen schmerzhaften Stich in ihrem Herzen, sagte aber nichts. Stattdessen stellte sie den Teller mit dem Sandwich auf den Tresen und schob ihn in seine Richtung.
„Setz dich“, sagte sie mit sanfter Stimme.
Aron griff nach dem Sandwich und seufzte, als wäre sein Leben eine einzige Last. Elina stürmte die Treppe herunter, perfekt gestylt wie immer. Sie war nicht nur klug, sie war auch noch bildhübsch. Das lange Haar umspielte in sanften Wellen ihre Schultern und ihr Blick war wach und klar.
„Willst du wieder auf eine Misswahl?“ Aron nahm einen Bissen von seinem Sandwich.
Elina zuckte nur mit den Schultern. „Neidisch? Wenn du magst, kann ich dir meine Mascara borgen.“
„Nein, lass mal.“ Er winkte ab. „Es reicht, wenn einer in der Familie als Clown herumläuft.“
„Schluss jetzt!“, rief Lova und atmete tief durch. Sie stellte sich an die Spüle und beobachtete ihre Familie, wie sie aßen, sich zankten und sich beeilten, um dann wieder in ihre Welt zu verschwinden. Eine Welt, die sie nicht mehr verstand. Oder nicht mehr betreten wollte.
Sven sah auf die Uhr. „Ich muss los. Aron, Elina kommt ihr?“
Elina schulterte den Rucksack, während Aron hastig in seine Sneakers schlüpfte. Gleichzeitig drehten sie sich um und winkten ihr noch einmal zu, mit einer Synchronizität, die nur Zwillingen vorbehalten war. Sie nickte ihnen zu und küsste Sven flüchtig auf die Wange. Er roch nach Rasierwasser und Kaffee.
„Bis später.“
Die Haustür fiel ins Schloss und die Stille war schlagartig zurück. Lova stand noch einen Moment im Flur und starrte auf die matte Holzoberfläche der Tür. Dann drehte sie sich um und ging langsam in die Küche zurück. Das Geschirr stand noch auf dem Tisch und ein angebissener Apfel lag auf der Fensterbank. Sie räumte auf, spülte die Tassen und wischte über die Flächen. Jeder Handgriff war wie ein Ritual, ein Beruhigungsmittel gegen das Chaos in ihrem Inneren.
Sechzehn Jahre.
Sechzehn lange Jahre, seit Lotta verschwunden war. Lotta, ihre älteste Tochter. Sie war erst drei Jahre alt gewesen und war nie wieder aufgetaucht.
Keine Spur. Keine Zeugen. Keine Lösegeldforderung.
Nur diese unermessliche Leere.
Lova hatte funktioniert. Zuerst. Für Sven, ihren Job und das Zuhause, in das Lotta wohlbehalten zurückkehren sollte. Aber das ist nie geschehen. Trotz der groß angelegten Suche und den Medien, die dem Fall eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatten.
Sie holte wie eine Ertrinkende tief Luft, öffnete die Glastür und trat auf die Terrasse. Ihre Hände umklammerten förmlich die Kaffeetasse, als würde diese ihr Halt geben können. Der Wind war kühl, trotz des Sonnenscheins. Der Herbst kündigte sich an, aber ihr Körper lebte in einem anderen Kalender. Die Erinnerung, die sie gerade wieder heraufbeschwor, ließ ihr Herz schneller schlagen, und sie dachte an den Tag von Lottas Verschwinden zurück.
Der Geruch von Holunderblüten und gemähtem Gras lag in der Luft. Er schwebte über allem, über den Stimmen, dem Lachen, dem Klatschen der Kinderhände, dem stumpfen Schlagen der Trommeln und den Liedern, die jeder Schwede seit seiner Kindheit kannte. Midsommar – ein Tag des Lichts und des Lebens. Aber für Lova war er zu einem dunklen Schattenspiel geworden, aus dem sie nie wieder ganz hervorgetreten war.
An diesem Tag hatte sie das weiße Kleid mit den blauen Blumen getragen. Die Sonne stand hoch, der See glitzerte silbern, und Lotta hatte ihren Kranz aus Wiesenblumen wie eine kleine Königin auf dem Kopf getragen. Sie war erst drei gewesen und Lova konnte jedes Detail abrufen, als sei es auf Zelluloid gebannt.
„Ich geh tanzen!“, hatte Lova gerufen, ihre ältere Schwester Kristin an der Hand genommen, und sie in den Reigen der hüpfenden, lachenden Erwachsenen gezogen, die um den Midsommarbaum tanzten und das Lied der Frösche sangen.
Sven hatte ihnen zugelächelt, mit einem Bier in der Hand, während Lotta sich an seinem Bein festgehalten hatte. Lova erinnerte sich noch genau daran, wie sie ihn angesehen hatte, bevor sie losgelaufen war. „Du passt auf sie auf, ja?“
„Natürlich“, hatte er gesagt.
Das war das letzte Mal gewesen, dass sie ihre Tochter gesehen hatte. Der Schock hatte tief gesessen, war bis heute unvergessen. Aber der Tag hatte sich weitergedreht wie ein Mahlwerk aus Licht, Stimmen und Geräuschen, bis das Lachen der Kinder zu schrillen Fragen wurde.
„Hat jemand Lotta gesehen?“
„Sie war doch bei dir, Sven, oder nicht?“
„Vielleicht ist sie beim Bootssteg?“
„Lotta? Lotta!!“
Zuerst hatte niemand die Panik gespürt, nur das Kribbeln der Ahnung. Allmählich kippte die Stimmung. Lova hatte geschrien, das wusste sie noch und Sven war kreidebleich geworden. „Sie ist eben noch hier gewesen, ich habe mich nur kurz umgedreht … und …“
Die Suche hatte noch in derselben Stunde begonnen. Polizei. Freiwillige. Hunde. Taucher. Aber Lotta war spurlos verschwunden. Kein Kleid, kein Schuh, keine Haarspange. Absolut nichts, war je von ihr gefunden worden, so als hätte sich der Erdboden aufgetan und sie verschlungen.
Anfangs hatte Lova keine Panik. Noch nicht. Nur das Gefühl, dass etwas aus den Fugen geraten war. Sie waren über das Gelände gerannt, hatten ihren Namen gerufen, Bekannte gefragt und den Uferbereich durchkämmt.
„Sie kann nicht weit sein“, hatte Sven gesagt. „Sie ist erst drei.“ Aber sie war verschwunden, innerhalb von Sekunden.
Nach zwanzig Minuten hatten sie die Polizei verständigt, die sofort mit Suchhunden anrückte. Mehrere Drohnen waren eingesetzt worden, alles war so rasend schnell gegangen und doch in ihren Augen viel zu langsam.
Ein Beamter hatte ihr die Hand gereicht. Leicht gebräunte Haut, ernster Blick, aber freundlich. „Kommissar Henrik Wahlström, wir tun alles, was wir können.“
„Sie ist drei Jahre alt“, hatte Lova mit tränenerstickter Stimme geflüstert. Ihre Stimme hatte dabei geklungen, als wäre sie durch dichten Nebel gekommen.
„Hatte sie etwas bei sich? Ein Kuscheltier oder ein Spielzeug vielleicht?“
„Nein, nur ihren Blumenkranz.“ Jedes Wort war ein Kampf gewesen.
Auch Sven konnte kaum sprechen. Er hatte gezittert, auf einem Baumstumpf gesessen und auf seine Hände gestarrt. „Ich habe sie doch nur kurz aus den Augen gelassen …“, wiederholte er wieder und immer wieder. „Nur kurz, für ein paar Sekunden …“
Die Polizei hatte systematisch das Gelände durchkämmt. Zuerst die nähere Umgebung des Festplatzes, dann den Weg zum See und die angrenzenden Wälder. Taucher waren gerufen worden. Jemand hatte einen roten Stofffetzen entdeckt, der sich als Luftballon entpuppte.
„Wir müssen alle Gäste befragen“, hatte Wahlström gesagt. „Vielleicht hat jemand etwas gesehen.“
Dann war die Nacht gekommen, ohne dunkel zu werden. Midsommarnacht. Diese verfluchte, unwirkliche Helligkeit, die den Schmerz so sichtbar machte.
Lova hatte später in der Polizeibehörde von Göteborg gesessen, ein Becher mit kaltem Kaffee in der Hand, der Saum ihres Kleides verschmutzt und die Haare zerzaust. Ihre Stimme war heiser, sie hatte Lotta dutzende Male gerufen. In ihrem Inneren pochte ein dumpfer Schmerz, der sie beunruhigte.
„Sie müssen sich ausruhen, Sie sind schwanger. Denken Sie auch an Ihre Zwillinge.“ Eine Beamtin hatte sie dazu bewegen wollen, nach ihrer Aussage nach Hause zu fahren, zurück in ein leeres Haus. Aber wie sollte man sich ausruhen, wenn das eigene Kind verschwunden war?
Ihre Eltern waren gegen Mitternacht eingetroffen. Ihr Vater war ungewöhnlich blass gewesen, ihre Mutter weinte leise. Lova hatte ihre Hand gehalten, die sich plötzlich so fremd angefühlte, wie alles um sie herum, selbst der eigene Körper.
Zeugen waren befragt worden, mit immer denselben Fragen.
„Haben Sie das Mädchen gesehen?“
„Mit wem ist sie zuletzt zusammen gewesen?“
„Ist Ihnen jemand Fremdes aufgefallen?“
Ein älterer Mann hatte bemerkt, wie ein Mädchen mit einem Kranz am Kopf in Richtung Bootssteg gerannt war. „Aber ich bin nicht sicher, ob es Lotta war, die Kinder haben alle ähnlich ausgesehen.“
Ein anderes Kind hatte behauptet, dass Lotta mit einem Mann gesprochen habe. Die Polizei nahm alles auf, jedes Detail. Aber nichts hatte ein klares Bild ergeben. Gegen drei Uhr war sie von ihrer Schwester Kristin nach Hause gefahren worden.
„Du musst schlafen, denk an die Zwillinge.“
„Ich kann nicht …“
„Doch, nur ein paar Stunden.“
Irgendwann hatten sie doch neben Sven im Bett gelegen, zusammengerollt wie ein Embryo. Er hatte sich nicht geduscht, seine Kleidung roch nach Rauch, Schweiß und Wald.
Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Stattdessen kamen die Bilder – Lotta, wie sie lachte und die zarten Ärmchen um ihren Hals geschlungen hatte. Und plötzlich war da der Gedanke gewesen, der sich wie ein kaltes Messer in ihre Brust schob: Was, wenn ich sie nie wiedersehen werde?
Am nächsten Morgen hatte es nicht besser ausgesehen. Die Polizei konnte keine neuen Spuren aufweisen und die Medien hatten begonnen, über diesen Fall zu berichten. ‚Dreijährige bei Midsommarfest verschwunden – Polizei ermittelt mit Hochdruck.‘
Und plötzlich hatte der erste Reporter vor ihrem Haus gestanden. Sven war außer sich gewesen, hatte ihn angeschrien. Lova stand am Fenster und hatte zugesehen, wie ihr Mann sich veränderte, Stück für Stück. Sie erkannte ihn kaum wieder.
Dann war die Angst gekommen, die Zwillinge zu verlieren. In ihr war das Licht erloschen. Der Schmerz saß nicht nur im Herzen, sondern auch tief im Bauch. Die Hebamme, die sie telefonisch erreichte, beruhigte sie. „Stress kann Wehen auslösen, ja, aber Ihr Körper ist stark. Konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem, auf den Moment.“
Aber wie sollte man das tun, wenn die eigene Welt aus dem Takt geraten war?
Die Tage danach verschwammen. Immer neue Hinweise, die zu nichts führten. Ein aufgefundener Schuh, aber nicht von Lotta. Ein verdächtiger Lieferwagen, der nichts damit zu tun hatte. Und ein vermeintlicher Zeuge, der psychisch verwirrt war.
Irgendwann war schließlich der Moment gekommen, in dem Kommissar Wahlström sie angesehen und gesagt hatte, dass sie zwar die Suche aufrechterhalten werden, aber nach zweiundsiebzig Stunden ohne verwertbare Spuren es wahrscheinlich sei, dass sie von einem Verbrechen ausgehen müssen.
Lova hatte nicht geschrien und nicht geweint. In diesem Moment war ihr Kind gestorben und sie in der Trauer gefangen, ohne dass sie es hätte verhindern können.
„Du kannst es nicht abschalten“, hatte Sven einmal gesagt. „Aber du musst es versuchen. Für die Zwillinge.“
Aber sie konnte es nicht, nicht wirklich. Nicht an diesen Tagen, wenn die Welt so sonnendurchflutet war wie damals. Immerzu musste sie an Lotta denken. Ob sie Angst hatte, ob es ihr gutging oder ob sie noch lebte. Und dann an Elina und Aron, die Kinder, die in ihr herangewachsen waren, als alles zerbrochen war. Die sie dennoch geboren hatte und liebte, so gut sie es eben konnte. Aber es war nie genug gewesen und sie hatte immer das Gefühl gehabt, zu versagen – als Mutter, als Frau, als Mensch.
Doch da war auch etwas anderes.
Ein Funken.
Etwas, das damals übersehen worden war. Sie spürte es noch immer, weil etwas mit dem Ablauf dieses Tages nicht stimmte. Und vielleicht war es noch nicht zu spät, um der Wahrheit näher zu kommen. Vielleicht war es an der Zeit, noch einmal zurückzugehen. Zurück zum See. Zurück zu Midsommar.
Aber würde das wirklich etwas bringen? Sie wusste es nicht.
Sie straffte die Schultern, leerte die Tasse und verließ das Haus, um sich ihrer Leidenschaft zu widmen. Nach der Geburt ihrer Zwillinge war sie nie wieder in ihren alten Job zurückgekehrt. Stattdessen hatte sie gekündigt, von einem Tag auf den anderen. Der Vorstand der Nordbanken-Region war schockiert gewesen. Sie war ein aufsteigender Stern gewesen, ehrgeizig und effizient. Aber irgendetwas in ihr war zerbrochen, irreparabel.
Und jetzt malte sie. Nicht mit Technik, nicht mit Strategie, nur mit Gefühl. Sie ging in ihr kleines Atelier über der Garage und stellte die Staffelei vor das große Fenster. Die Leinwand war leer, nur mit einer ersten zarten Skizze versehen – ein Horizont, ein paar Wolken, angedeutet mit Bleistift. Daneben ein Foto, eingerahmt in Silber – Lotta, lachend am Strand, die Haare vom Wind zerzaust.
Lova nahm den Pinsel zur Hand. Hellblau und einen Hauch Weiß. Sie malte den Himmel, wie sie ihn sich vorstellte. Wie er vielleicht dort war, wo Lotta jetzt lebte. Nicht tot, nein, aber verschwunden, in einer anderen Wirklichkeit. Irgendwo jenseits dessen, was sie verstand. Sie glaubte nicht an Gottheiten, aber an das Licht. Und daran, dass Schönheit einen Ort haben musste. Einen Ort, wo nichts verloren ging.
Es war fast Mittag, als sie innehielt. Ihre Finger waren voller Farbe, die Sonne weitergewandert. Die Schatten der Bäume draußen zitterten leicht im Wind. Ein kühler Hauch wehte durch das gekippte Fenster. Sie stand auf, wusch sich die Hände und ging hinaus auf den schmalen Balkon. Der Wald dahinter wirkte still. Die Blätter begannen sich zu färben, einzelne goldene Tupfer zwischen dem tiefen satten Grün. Sie atmete tief ein.
Plötzlich hörte sie das Knacken eines vertrockneten Zweiges. Nicht laut, aber deutlich genug und ihr Blick huschte zum Waldrand. Vielleicht ein Reh oder ein anderes Tier, es war nichts Ungewöhnliches. Und dennoch …
Sie trat einen Schritt zurück, spürte einen kurzen Schauer. Früher hätte sie das ignoriert. Aber seit Lottas Verschwinden war ihr Gehör geschärft, ihre Wahrnehmung wie ein Radar. Da war jemand. Oder? Sie verharrte regungslos, schaute ins Dickicht. Aber da war nichts, kein Schatten und kein Geräusch. Nur ihr Herz, das ein bisschen schneller schlug. Sie schloss die Tür und verriegelte sie. Langsam, mechanisch. Plötzlich klingelte ihr Handy, die Rufnummer war unterdrückt. Sie zögerte, dann nahm sie das Gespräch an.
„Hallo?“
Ein leises Rauschen, bis eine flüsternde Stimme erklang. „Schau in deinem Atelier nach.“ Ein Klicken, die Verbindung war getrennt.
Lova starrte auf das Display. Sie stand ganz still und ihre Haut kribbelte. Das neue Bild?
Sie ging ins Atelier zurück. Dort standen die letzten Werke – Sonnenhimmel, friedliche Weiden, immer das gleiche Thema. Ein Paradies. Lottas Paradies. Aber eines der Bilder war verschoben, es hing leicht schräg an der Wand.
Sie trat näher. Nein, das war nicht möglich, sie hatte es gestern selbst geradegerückt. Und dann sah sie es. Ein Zettel war unter der Tür durchgeschoben worden, mit Buchstaben in schwarzer Farbe, auf dem nur ein Wort geschrieben war – Sävbyholm. Ihr stockte der Atem. Sävbyholm war ein altes verlassenes Gutshaus, etwa dreißig Kilometer nördlich. Ein Ort, von dem man Geschichten erzählte – düstere Geschichten. Sie war als Kind einmal mit der Schulklasse dort gewesen und seitdem nie wieder.
Was sollte das alles bedeuten? Ein Scherz? Oder ein Hinweis?
Am liebsten hätte sie Sven angerufen, aber etwas hielt sie zurück. Die Stimme in ihr sagte, dass sie allein gehen musste. Zwei Stunden später saß sie im Auto, den Rucksack auf dem Rücksitz. Sie hatte nicht nachgedacht und einfach gepackt, Jacke, Schlüssel, Wasserflasche. Das Navigationsgerät zeigte eine knappe halbe Stunde Fahrzeit.
Der Himmel war wolkenlos, aber die Sonne begann sich zu senken. Schatten tanzten über die Landstraße. Die Felder rechts und links wirkten wie eingefroren in der Zeit. Sävbyholm lag versteckt, abseits der Hauptstraße und nur über einen holprigen Weg erreichbar. Lova kannte ihn noch, irgendwo tief vergraben in ihrem Gedächtnis.
Als sie angekommen war, herrschte eine beinahe friedliche Stille um sie herum. Obwohl sie mit Lottas Suche abgeschlossen hatte, ging sie dennoch jedem noch so abstrusen Hinweis nach. Nein, die Hoffnung, dass Lotta noch am Leben sein könnte, die hatte sie in all den Jahren begraben. Sie dachte eher daran, dass derjenige, der ihr kleines Mädchen entführt hatte, sie irgendwann zu ihrem Grab führen würde, auf anonyme Art und Weise vielleicht. Ein Abschluss wäre schön, ein Ort vielleicht, wo sie hingehen und trauern könnte.
Sie schlug die Autotür zu und hob den Blick. Das Herrenhaus war nur noch eine Ruine, die Fenster eingeschlagen und das Dach teilweise eingefallen. Aber die schwere, zweiflügelige Eichentür stand offen und wirkte wie eine Einladung. Zögerlich lief sie die Stufen nach oben und betrat das Herrenhaus. Im Inneren roch es nach feuchtem Holz und Verfall. Die schweren Holztüren knarrten leise, als Lova sie hinter sich zuzog. Ihre Schritte hallten auf dem alten Steinboden. Die Sonne fiel schräg durch die Fenster und ließ den Staub tanzen.
Vor ihr erstreckte sich ein langer Flur, getäfelt mit dunklem Holz, von dem vereinzelte Türen abgingen. Sie drückte die Klinke herunter und schaute in den ersten Raum. Das Fenster war zerborsten und der Wind ließ die staubigen Gardinen flattern wie blasse Gespenster. Ihr Blick wanderte über verblichene Gemälde und eingerissene Tapeten. Alles war dem Verfall preisgegeben, was sie sehr bedauerte. Das Herrenhaus war größer, als sie gedacht hatte. Zimmer reihten sich aneinander – ein ehemaliges Musikzimmer mit einem zerfallenden Flügel, ein Salon, in dem zerbrochene Teetassen noch auf einem Tisch standen, als wären die Gäste plötzlich verschwunden. Überall Spuren eines Lebens, das längst vergangen war.
Am Ende des Flures stand sie vor einer hohen Tür aus Eichenholz mit matt angelaufenen Messinggriffen. Darauf geschnitzte Ranken, halb von der Zeit verwischt. Lova atmete kurz durch, bevor sie die Tür aufdrückte. Der Saal öffnete sich vor ihr wie ein geheimer Gedanke. Hoch und weit, mit einer gewölbten Decke, von der einst ein Kronleuchter gehangen hatte. Jetzt schwang nur noch das rostige Gestänge leer an den Ketten. Sonnenlicht brach durch die zerborstenen Fenster und warf bizarre Muster aus Licht und Schatten über den staubbedeckten Boden. Über dem Kamin bröckelte ein Wappen. Alles war still, schwer und beinahe ehrfürchtig. Der Raum war leer, und doch wirkte er bewohnt – von Erinnerungen, von Stimmen, die einst in Ballkleidern gelacht, getanzt, getuschelt hatten.
Lova trat ein. Ihre Finger glitten über das Geländer einer breiten Treppe, die sich zu einer Galerie erhob. Unten flimmerte das Licht auf dem Boden. Sie war sich nicht sicher, was sie hier eigentlich suchte. Aber sie wusste, dass etwas auf sie wartete. Vielleicht ein Hinweis, der sie zur Wahrheit führen würde.
Hinten im Saal, auf einem kleinen Podium, stand eine alte Staffelei mit einer halbfertigen Skizze. Kein richtiges Bild, nur ein paar Linien. Sie trat näher heran und sah den mit Kohle gezeichneten, kaum sichtbaren Namen – Lotta. Sie stolperte rückwärts, prallte gegen die Wand, hielt sich die Brust. Ihr Herz raste, die Luft war plötzlich sehr dünn. Das war kein Zufall. Jemand wusste etwas, jemand spielte mit ihr. Aber wer?
„Hallo?“
Sie drehte sich um die eigene Achse, lauschte den Geräuschen, die nur vom Wind verursacht wurden. Nichts rührte sich, alles blieb still. Sie machte ein paar Fotos von der Staffelei und lief zurück zum Eingang. Als sie das Herrenhaus verließ, war der Himmel dunkler geworden. Die Sonne stand tief und hinter einem der Fenster glaubte sie für einen Moment ein Gesicht gesehen zu haben. Aber als sie genauer hinschaute, war da nichts. Nur Schatten. Und Stille.
Bevor sie wieder in den Wagen stieg, warf sie einen letzten Blick zurück. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch, wie unheimlich dieses Gebäude doch wirkte. Der Motor heulte auf, als sie aus der schmalen Allee auf die Landstraße bog. Ihre Hände am Lenkrad zitterten leicht, und ihre Gedanken rasten in der gleichen Geschwindigkeit wie der Volvo. Das Bild der Staffelei mit dem Namen ihrer Tochter hatte sich in ihre Netzhaut eingebrannt. Menschen konnten grausam sein. Auch noch nach Jahren.
Sie sah kurz in den Rückspiegel. Die Straße war leer, niemand folgte ihr. Aber das flaue Gefühl im Magen wollte nicht weichen. Es war nicht einfach Angst, es war die blanke Wut. Wer wagte es, Lotta in dieses Spiel hineinzuziehen?
Die Bäume rauschten vorüber, graue Stämme im Zwielicht, bis sich endlich die ersten Häuser ihres Viertels zeigten. Lova bog in die Einfahrt und stellte den Wagen ab. Noch eine halbe Stunde, vielleicht weniger, dann würde ihre Familie zurückkommen. Sie würde ihnen nichts davon erzählen. Hastig schloss sie die Tür auf, der Geruch von Kaffee hing noch in der Luft. Alles war wie immer, und doch wieder nicht.
Mit klopfendem Herzen betrat sie ihr Atelier. Ihr Blick wanderte zu den Fenstern. Sie waren geschlossen, es gab keinen Glasbruch und doch war jemand hier gewesen. Zwischen den Pinseln, den Skizzen und ihren Gedanken. Wer hatte sie zum Narren gehalten und sich Zugang verschafft? Und warum der Name im Herrenhaus? Warum Lotta?
Ein Spiel, flüsterte es in ihr. Jemand spielte mit dir.
Ein Spiel mit Regeln, die du noch nicht kennst.
Sie atmete scharf aus, versuchte, sich zu sammeln. Kein Platz für Panik. Stattdessen griff sie zu einem der Notizblöcke auf dem Arbeitstisch, riss eine leere Seite heraus und begann zu schreiben. Alles, was sie gesehen hatte. Und gefühlt. Vielleicht lag die Wahrheit in diesen Details.
Als sich der Schlüssel im Türschloss drehte und Stimmen durch das Haus drangen, hatte Lova den Zettel bereits versteckt, das Atelier verlassen und ihre Gesichtszüge geglättet. Sie drehte sich um, das Lächeln wie eine Maske aufgesetzt. Aber hinter ihrer Stirn arbeitete es weiter. Sie würde schon herausfinden, wer in ihr Leben eingedrungen war. Und was er wollte.
„Mom?“ Elina stand im Türrahmen, den Rucksack noch auf dem Rücken und das Haar zu einem losen Zopf geflochten. Sie sah Lotta manchmal so ähnlich, dass es wehtat.
„Ja, Liebling?“
„Kann ich nachher noch zu Jonna?“
Lova zwang sich zu einem Lächeln. „Natürlich.“ Sie nahm das Gemüse aus dem Kühlschrank und begann damit, das Abendessen zuzubereiten. Innerlich war sie immer noch so aufgewühlt und hoffte, dass es ihr niemand ansah. Viel zu oft war sie in Gedanken versunken gewesen und hatte ihre eigenen Bedürfnisse und die der Kinder völlig ignoriert. Sie wünschte sich, sie hätte früher erkannt, dass ihre Kinder etwas anderes brauchten als das leise Leiden, das sie in sich trug.
Sie hatte es wirklich versucht. Aber das Gefühl, keine gute Mutter zu sein, nagte an ihr. Nicht nur an den Tagen wie heute – aber heute ganz besonders.
Aron schaute kurz zur Tür herein. „Alles in Ordnung?“
„Ja, ich habe nur an etwas gedacht.“
Er zuckte die Schultern. „Wieder an Lotta?“
Der Satz war so geradeheraus, wie nur Aron ihn sagen konnte.
Lova blinzelte. „Ja, ich habe an Lotta gedacht.“
Aron erwiderte nichts, musterte sie nur aufmerksam. Sonst sagte sie nichts, sprach Lottas Namen fast nie aus. Aber heute war alles anders.
„Hast du dich jemals gefragt, ob sie noch lebt …?“ Ihre Stimme klang fremd.
Aron atmete geräuschvoll aus. „Glaubst du das?“
Sie schluckte. „Ich weiß es nicht. Manchmal träume ich davon, dass sie irgendwo ist. In einem Haus mit weißen Vorhängen und dass sie genauso malt wie ich.“
Aron lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen. „Wenn sie noch leben würde, warum hat sie sich dann nie gemeldet?“
„Weil sie bei ihrem Verschwinden erst drei gewesen ist“, sagte sie leise. „Vielleicht erinnert sie sich nicht an uns.“ Oder vielleicht durfte sie sich nicht erinnern. Aber das behielt sie für sich.
Sven kam wieder später nach Hause. Das Licht war schon weich, die Schatten lang. Er wirkte erschöpft, als er die Schuhe in der Diele auszog. Sie stand noch in der Küche, schnitt Zwiebeln, obwohl sie wusste, dass sie das nicht aushalten würde. Jedes Mal weinte sie. Und jedes Mal fragte er nicht, ob es die Zwiebeln waren oder etwas anderes.
Aber ausgerechnet heute fragte er. „Ist es ein schlimmer Tag gewesen?“
Sie nickte. „Ich habe unentwegt an Lotta denken müssen.“
Er setzte sich auf den Küchenstuhl und rieb sich über die Stirn. „Solche Tage habe ich manchmal auch.“
Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie darüber sprachen.
„Ich hätte sie nicht aus den Augen lassen dürfen“, sagte er. „Ich war so sicher, dass sie da ist und habe mich nur einmal kurz umgedreht. Dieses verdammte Gespräch mit Jörgen …“
„Ich weiß“, sagte Lova. „Es hätte uns allen passieren können.“
„Ich habe gedacht, dass du mich hassen würdest.“
„Oh ja, ich habe dich gehasst“, sagte sie ganz ruhig. „Eine lange, lange Zeit.“
Er atmete langsam ein. „Und jetzt?“
Sie hob die Schultern. „Wir haben uns auseinandergelebt.“
„Bist du dir sicher?“
„Es zu leugnen, macht wenig Sinn. Du bist mehr mit deiner Arbeit verheiratet als mit mir. Die Kinder und ich, wir sehen dich kaum, du bist immer unterwegs.“
Er schaute sie an, und sie spürte zum ersten Mal seit langer Zeit, dass sie beide an diesem Verlust nicht zerbrochen waren. Aber versteinert, auf unterschiedliche Weise.
„Aron und Elina, sie sind gut geraten“, sagte er. „Trotz allem.“
„Sie mussten immer zurückstecken und es war alles andere als gut für sie, mit dieser Trauer und unserem Trauma aufzuwachsen. Sie haben Lotta ja nicht einmal gekannt“, flüsterte sie.
„Ja, dessen bin ich mir bewusst“, erwiderte er. „Aber sie lieben dich, Lova. Sie wissen vielleicht nicht, wie du kämpfst, aber sie spüren es.“
Später in der Nacht lag sie lange wach. Der Regen hatte eingesetzt, leise und gleichmäßig. Unruhig wälzte sie sich von der einen auf die andere Seite, überlegte, ob sie Sven wecken sollte, um ihm von der Staffelei zu erzählen. Irgendwann setzte sie sich auf, schlug die Bettdecke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Sie stand auf, zog sich ihre Strickjacke über und schlich barfuß über die Holzdielen. Sven schlief tief und fest, sein Gesicht entspannt. Sie beneidete ihn darum.
Im Flur zog sie sich die Jacke über und griff nach den Autoschlüsseln. Sie fuhr allein durch die Nacht, ohne Ziel. Aber ihr Unterbewusstsein wusste instinktiv, wo es sie hinzog. Ganz in der Nähe des Festplatzes, auf dem Lotta verschwunden war, kam ihr alter Volvo zum Stehen. Die alte Scheune stand noch immer grau und schief am Rand des Sees. Das Gras war hoch, das Dach wölbte sich bedrohlich nach innen und die Türen hingen schief in den Angeln.
Lova stieg aus, die Luft roch nach Algen und Moos. Ihr Herz schlug schnell und sie spürte ein aufgeregtes Kribbeln. Sie ging langsam, Schritt für Schritt, auf die Tür zu. Es war verrückt, aber ausgerechnet hier fühlte sie sich Lotta näher als sonst irgendwo.
Ihre Schritte wurden vom feuchten Gras gedämpft. Nirgends brannte mehr Licht, die Welt war in ein kaltes, silbernes Halbdunkel getaucht. Der Mond hing schwer über dem See, in dessen Oberfläche er sich spiegelte. Die Wellen schlugen leise und rhythmisch wie ein Pulsschlag an das Ufer.
Lova zog die Jacke enger um sich. Der Weg war dunkel, aber sie kannte ihn auswendig. Jeder Ast und jeder Stein waren ihr vertraut. Alles war still und leer, und doch so voller Erinnerungen. Sie blieb stehen, als sich der Platz vor ihr öffnete – die kleine Lichtung direkt am Wasser. Dort, wo man den See riechen konnte, feucht und klar. Dort, wo man Lotta das letzte Mal gesehen hatte.
Sie schloss die Augen, spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog. Sie wusste nicht genau, warum sie hergekommen war. Vielleicht, weil sie hoffte, dass sie sie hier noch einmal spüren könnte. Vielleicht, weil dieser Ort der einzige war, an dem sich alles noch ungefiltert anfühlte.
Etwas rauschte über ihr. Eine Eule segelte durch die Luft, ihre Schwingen schwarz vor dem Nachthimmel. Lova blickte ihr nach, wie sie in der Dunkelheit verschwand. Ein lautloser Schatten, unberührt von allem.
Tränen stiegen ihr in die Augen. „Lotta …“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. Sie kniete sich ins feuchte Gras, legte die Hände auf den Boden, als könne sie etwas von ihr auffangen, ein Echo, einen Hauch. „Warum bist du gegangen? Warum hat man dich mitgenommen?“
Der See antwortete nicht. Nur das stetige, rhythmische Schlagen der Wellen. So gleichmäßig, so unbeeindruckt vom Verlust, vom Schmerz. Sie weinte still, Tränen tropften auf ihre Hände. Sie war müde, von der Ungewissheit, von der Leere und vom Schweigen der Welt. Sie wollte Lotta zurück – ihre Stimme, ihr Lachen und ihre Wärme. Aber alles, was blieb, war der Schatten einer Eule und das Geräusch von Wasser.
Irgendwann richtete sie sich auf. Die Kälte kroch ihr unter die Haut, der Tau hatte ihre Jeans durchnässt. Sie drehte sich noch einmal um, sah auf den dunklen See hinaus, als würde sie dort ein Zeichen erwarten. Aber da war nichts, nur Dunkelheit. Langsam ging sie zum Wagen und fuhr zurück. Das Haus empfing sie mit einer bedrückenden Stille. Sie zog die Tür leise hinter sich zu und tastete sich durch die Dunkelheit in ihr Atelier. Dort setzte sie sich an den Schreibtisch, zitternd und die Haare noch feucht vom Nebel. Sie musste unbedingt herausfinden, wer Lotta entführt hatte, um endlich abschließen zu können. Und sie würde nicht eher ruhen, bis sie wusste, was damals wirklich geschehen war.
Linnea trat aus der U-Bahn-Station auf die regennasse Straße, der Wind war schneidend und voller Salz vom nahen Meer. Die Straßen von Malmö hatten sich verändert, aber sie erkannte noch die alten Narben. Der Kiosk an der Ecke, bei dem sie früher Zigaretten geschnorrt hatte, war jetzt ein Bubble-Tea-Laden mit pastellfarbenem Neonlicht. Die Fassaden waren frischer gestrichen, aber darunter, das wusste sie, war alles beim Alten geblieben. Es roch noch immer nach nassem Beton, Müll und diesem besonderen Geruch, den kalte Verzweiflung hinterließ, wenn sie zu lange in engen Wohnungen ausharrte.
Ihr Blick blieb an einem heruntergekommenen Plattenbau hängen. Fünfter Stock, linker Flügel. Ihr altes Zuhause. Der Ort, an dem sie gelernt hatte, leise zu weinen. Der Ort, an dem ihre Mutter eines Morgens einfach nicht mehr aufgestanden war. Und ihr Vater … nun, er hatte es nicht einmal bemerkt, bis Linn ihn daran erinnert hatte, dass sie den ganzen Tag über noch nichts gegessen hatte.
Sie schlug den Kragen ihrer Jacke höher und ging weiter. Es war nicht Nostalgie, die sie zurückführte. Eher eine Art Inventur. Prüfen, ob sie wirklich so weit weg war, wie sie geglaubt hatte. Sie hatte früh gelernt, dass man nur überlebt, wenn man keine Fragen stellte. Dass man besser schlief und man sich selbst nichts erzählte. Aber in letzter Zeit träumte sie zu oft von zerbrochenem Glas auf dem Wohnzimmerboden, von Stimmen, die zu laut wurden, von einer Kindheit, die sich anfühlte wie ein dunkler Flur ohne Lichtschalter.
Sie blieb vor einem Hauseingang stehen. Eine junge Mutter zerrte ihr schreiendes Kind die Treppe nach oben. Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke. Linn sah den Stress, die Müdigkeit, die Abgestumpftheit – und etwas anderes, vielleicht Trotz.
Sie ging weiter. Sie war damals nicht gestorben, sie war nicht gebrochen. Aber was genau sie geworden war, wusste sie selbst noch nicht.
Ihr alkoholkranker Vater hatte sie aufgezogen, nachdem ihre Mutter sich das Leben genommen hatte. Er war die meiste Zeit betrunken gewesen, hatte von Sozialhilfe gelebt und sich kaum um sie gekümmert. Sie war viel zu oft hungrig ins Bett gegangen. Mit fünfzehn war sie von zuhause weggelaufen, um sich allein durchzuschlagen, was mehr oder weniger gut geklappt hatte. An diesen Abend erinnerte sie sich noch genau, als sie beschlossen hatte, dieser Wohngegend für immer den Rücken zu kehren. Es hatte geregnet. Aber nicht dieser heftige Sommerregen, der wenigstens die Hitze von den Wänden wusch. Es war dieser kalte, durchdringende Nieselregen, der tagelang anhielt und die Welt grau machte.
Sie hatte auf dem zerschlissenen Sofa gesessen, die Knie an die Brust gezogen und auf den flackernden Fernseher ohne Ton gestarrt. Ihr Vater lag auf dem Boden, halb unter dem Couchtisch, eine leere Wodkaflasche noch in der Hand. Sie hatte ihn vor Stunden husten hören, laut, rasselnd – danach war es still geworden. Die Wohnung roch nach Schweiß, Rauch und diesem süßlichen Geruch von Alkohol. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn. Der Kühlschrank brummte, als wolle er sie daran erinnern, dass er leer war. Zwei Tage vor ihrem fünfzehnten Geburtstag war sie regelrecht geflohen, weil niemand je gefragt hatte, ob sie sich darauf freute.
Linn war einfach aufgestanden, leise, wie sie es gelernt hatte. Lautlos hatte sie ihre ausgeleierte und viel zu dünne Jacke angezogen. Ihre Schuhe waren alt und ausgetreten. In der Schublade unter dem Küchentisch lagen dreißig Kronen, eine abgelaufene Monatskarte und ein altes Foto von ihrer Mutter. Darauf war sie jung und schön, lächelte in die Kamera und hielt die dreijährige Linn auf dem Arm. Das Bild steckte sie ein, öffnete die Tür und lauschte. Niemand war im Treppenhaus. Kein Nachbar, der sich wunderte, warum ein Mädchen mitten in der Nacht verschwand. Aber in diesem Haus hatte sich sowieso niemand über irgendwas gewundert.
Draußen war es kälter, als sie erwartet hatte. Der Regen prickelte auf ihrem Gesicht, als würde er ihr sagen wollen, dass das gerade real passierte. Kein Traum, kein Film. Nur sie, die Nacht, und eine Entscheidung, die niemand für sie treffen konnte. Sie ging, auch wenn sie nicht wusste, wohin. Aber mit jedem Schritt wurde es ein bisschen heller in ihr. Und das reichte.
Und jetzt war sie zurück, weil sie gehört hatte, dass ihr Vater gestorben war. Manch einer würde sie für herzlos halten, weil sie nicht auf seiner Beerdigung gewesen war. Aber sie wollte auf ihre eigene Art und Weise Abschied von ihm und ihrer bescheidenen Vergangenheit nehmen.
Sie zog die Jacke fester um sich, als sie den grauen Wohnblock emporschaute, der sich wie eine Betonklippe in den bewölkten Himmel von Malmö reckte. Die Mauern schienen kalt zu atmen, als würden sie ihr leise Fragen ins Ohr flüstern. Was suchst du hier, Linn? Warum bist du zurückgekommen?
Sie war hier, um nach Antworten zu suchen. Obwohl einige Jahre dazwischenlagen, erkannte sie trotzdem jedes Fenster, jeden Riss im Putz. Sogar die rostige Schaukel auf dem Hof war noch da. Dort hatte sie als Kind gesessen, oft allein, während ihre Mutter drinnen rauchte und ihr Vater … nun ja. Linn schüttelte die Erinnerung ab wie ein lästiges Insekt. Sie wollte nur kurz herkommen, einen letzten Blick zurückwerfen und einen endgültigen Schlussstrich ziehen.
„Entschuldigung?“
Die Stimme kam von links, sanft, aber bestimmt. Ein Mann, vielleicht Mitte vierzig, stand neben ihr. Dunkler Mantel, glatt gebügelter Schal und hellblaue Augen, die sie eindringlich musterten.
„Linn? Du bist doch Linnea Karlsson, nicht wahr?“
Sie erstarrte. „Ja. Wer sind Sie?“
Er lächelte schwach. „Das erzähle ich dir später. Ich weiß, dass es seltsam klingt, aber darf ich dich auf einen Kaffee einladen? Es gibt etwas, worüber wir dringend reden müssen.“
Linn musterte ihn. „Worüber denn bitte?“
„Über dich“, sagte er ruhig. „Über dich und deine Familie.“
Etwas in seinem Ton ließ sie aufhorchen. Keine plumpe Anmache, kein falscher Charme. Nur Ernsthaftigkeit und ein Schatten von Geheimnis. Widerwillig nickte sie.
„Gut. Mein Wagen steht gleich dort drüben.“ Mit einem Kopfnicken deutete er in die Richtung.
Sollte sie? Oder sollte sie nicht? Der Besuch ihres alten Zuhauses hatte bei ihr eine depressive Stimmung aufkommen lassen. Momentan war ihr irgendwie alles egal und sie folgte ihm. Als er ihr die Beifahrertür seines schwarzen Wagens öffnete, zögerte sie jedoch einen Moment. Der Innenraum roch nach Leder, dezentem Parfüm und Tabak. Sie war hin- und hergerissen. Jeder vernünftige Instinkt in ihr schrie, nicht einzusteigen. Aber die Neugier, das flackernde Gefühl, dass hinter seinen Worten mehr steckte, zog sie hinein wie ein unsichtbarer Faden. Mit einem mulmigen Gefühl stieg sie ein, hörte das sanfte Klicken des Gurtmechanismus und spürte, wie sich der Wagen in Bewegung setzte. Der Regen tanzte auf der Windschutzscheibe, während sie durch die Straßen von Malmö fuhren, hinein in etwas, das größer war als alles, was sie bisher gekannt hatte.
Das Café an der Ecke war klein und warm, die Fenster beschlagen. Sie setzten sich an einen Zweiertisch in einer Nische, direkt neben einem Bücherregal mit verstaubten Krimis. Linn umklammerte die Tasse, die vor ihr stand, trank aber nicht.
„Also … was wollen Sie mir sagen?“
Der Mann lehnte sich zurück. „Bist du dir sicher, dass deine Eltern auch wirklich deine Eltern waren?“
Linn blinzelte irritiert. „Was soll das heißen? Natürlich waren sie das.“
„Waren sie das wirklich? Denk nach, Linn. Gab es nie Momente, in denen du dich … fremd gefühlt hast?“
Ein Prickeln kroch über ihren Nacken. Ihre Stimme wurde schärfer. „Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen, aber das hier, das geht zu weit.“
Sie schob den Stuhl zurück, wollte gehen. Aber seine Hand schoss nach vorn und packte sie sanft, aber fest am Handgelenk.
„Bitte, bleib noch einen Moment. Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.“
Linn zögerte erneut. Sie wollte schreien, weglaufen, aber irgendetwas in seinem Blick hielt sie fest. Eine Mischung aus Dringlichkeit und Mitgefühl?
Sie setzte sich langsam wieder. „Also gut“, sagte sie tonlos. „Reden Sie.“
Er atmete tief durch. „Linnea, was für ein Leben wünschst du dir? Wenn du ganz ehrlich bist.“
Sie musste nicht lange überlegen. „Ein ganz normales Leben mit Liebe und Geborgenheit. Und genügend Geld, um abends satt ins Bett zu gehen.“
Er nickte. „Das kann ich dir bieten.“
Sie starrte ihn an. „Wie bitte?“
Er schob langsam ein Foto über den Tisch. „Weil du nicht die bist, für die du dich hältst. Du bist die verschollene Tochter der Familie Sandell.“
Linn griff mechanisch nach dem Foto. Es zeigte ein großes, helles Haus mit einem gepflegten Garten. Davor standen zwei Erwachsene, in seinem Alter vielleicht, und zwei Teenager. Sie sahen wie Zwillinge aus, ein Junge und ein Mädchen mit langen, sanft schimmernden Haaren.
„Das sind sie?“ Sie schluckte. „Was soll das?“
„Deine leibliche Familie. Die Sandells sind sehr wohlhabend, Unternehmer und Künstlerin. Sie haben dich verloren, als du kaum drei Jahre alt warst. Eine Entführung, so wurde es zumindest vermutet, und seitdem suchen sie nach dir. Und jetzt habe ich dich gefunden.“
Ihr Herz klopfte wie wild. „Wie kommen Sie zu all diesen Informationen? Woher wissen Sie davon?“
„Das kann ich dir im Moment nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Weil es dich in Gefahr bringen könnte und noch nicht die passende Zeit ist. Aber in drei Tagen … in drei Tagen kann ich dir alles offenlegen.“
Linn stand auf. „Das klingt wie ein schlechter Film. Sie kommen aus dem Nichts, erzählen mir, ich sei die Tochter einer reichen Familie, zeigen mir ein Bild, aber verweigern mir eine Erklärung? Ich bin nicht so naiv, wie Sie denken.“
Er sah sie an, ruhig, ohne ein Wimpernzucken. „Das ist deine Entscheidung, Linn. Du kannst es glauben oder nicht. Aber wenn du willst, dass sich dein Leben ändert, hast du jetzt die Chance dazu. Denk darüber nach.“
„Und wenn ich Nein sage?“
„Dann schließt sich diese Tür wieder. Und du wirst nie erfahren, wer du wirklich bist.“
Sie drehte sich wortlos um und lief zum Ausgang.
„Vergiss nicht, in drei Tagen erwarte ich dich wieder hier. Gleicher Ort, gleiche Uhrzeit.“
Sie tat so, als hätte sie seine Worte nicht wahrgenommen und öffnete die Tür. Draußen prasselte der Regen auf ihre Kapuze. Sie lief ziellos durch die Straßen, das Bild der fremden Familie in der Jackentasche. Ihre Gedanken rotierten. Konnte das wahr sein? Sie erinnerte sich wieder an ihre Kindheit. Kein einziges Foto von ihrer Geburt, keine Geschichten aus der Babyzeit. Und immer dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. Als wäre sie ein Gast im eigenen Leben.
Sie stellte sich in einem Hauseingang unter und griff nach dem Foto. Die Zwillinge lächelten. Der Junge hatte Grübchen, genau wie sie. Die Augen der Frau hatten denselben schimmernden Goldton, der an Bernstein erinnerte.
Ein Zittern durchfuhr sie. Wie sollte es jetzt weitergehen?
Wie sie nach Hause gekommen war, konnte sie nicht mehr sagen. Zuhause, ihre Gedanken waren ein einziges Chaos. Nachdem sie die durchnässte Jacke im winzigen Badezimmer aufgehängt hatte, stellte sie den Wasserkocher an und starrte auf den sich kräuselnden Dampf. Was, wenn es stimmte? Was, wenn sie wirklich nicht die Tochter der Karlssons war? Warum hatte ihre Mutter das nie gesagt?
War es ein Tausch gewesen? Eine Entführung? Adoption? Entführung klang verrückt. Aber vielleicht … vielleicht nicht?
Sie griff zum Handy, um ihre Freundin anzurufen. Na ja, sie war eher eine Arbeitskollegin. Und wahrscheinlich wäre es besser, mit niemandem darüber zu sprechen. Jeder würde sie für eine Hochstaplerin halten, wenn sie mit so einer abstrusen Geschichte um die Ecke kommen würde. Aber sie hatte das dringende Bedürfnis, darüber zu reden. Warum zum Teufel, war ihr Vater ausgerechnet jetzt gestorben? Niemand würde ihr jetzt die Wahrheit sagen können.
„Was soll ich nur tun?“, flüsterte sie.
Die Nacht zog sich wie Kaugummi. Bilder flackerten in ihrem Kopf. Die weiche Stimme des Mannes. Das Foto, die fremden Augen, die doch irgendwie vertraut waren. Sie würde recherchieren müssen, und zwar eine ganze Menge. Aber dafür fehlte ihr die Zeit, weil sie ausgerechnet jetzt mehrere Tage hintereinander arbeiten musste, weil Arne ausgefallen war.
Es wurde eine unruhige Nacht. Sie versuchte zu schlafen, war aber viel zu aufgewühlt. Am nächsten Morgen stand sie auf und der Blick in den Spiegel offenbarte ihr, dass sie noch schlechter aussah als am Vortag. Sie hatte Angst, sich zu verrennen, Angst, an eine Illusion zu glauben, die niemals in Erfüllung gehen würde.
Ohne zu frühstücken, brach sie auf. Der frühe Morgen hüllte alles in diesen blassgrauen, schläfrigen Schleier und die leeren Straßen glänzten noch feucht vom nächtlichen Regen. Der Gedanke, dass irgendwo da draußen Menschen waren, die dasselbe Blut wie sie in sich trugen, ließ ihr Herz unruhig schlagen. Ihre Gedanken waren woanders – bei dem Fremden und seinen Worten von gestern.
„Du hast noch eine andere Familie.“
Dieser Satz hallte in ihrem Kopf wider, als hätte jemand eine Glocke angeschlagen, die nicht mehr aufhören wollte zu klingen. Sobald sie die Augen schloss, sah sie Bilder, die sie nicht einordnen konnte – ein Garten, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, ein Gesicht, das ihr fremd und vertraut zugleich war.
Der Burgerladen, in dem sie arbeitete, lag zwischen einer Autowerkstatt und einem alten Kiosk. Als sie aus dem Bus stieg, stand Ben schon rauchend vor der Tür.
„Morgen, Linn“, murmelte er und warf den Zigarettenstummel zu Boden. Seine Augen waren müde, wie immer.
„Morgen“, erwiderte sie knapp, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und stieß die Tür zum Mitarbeiterraum auf.
Die Uniform klebte kalt an ihrer Haut, als sie sie überzog. Sie band sich das Haar zusammen und kontrollierte ihr Namensschild. Der Burgerladen war wie immer belebt, obwohl die Türen erst vor zehn Minuten geöffnet hatten. Ein süßlicher Geruch von altem Fett und frischen Brötchen schlug ihr entgegen.
„Linn, endlich! Die Kasse spinnt wieder und Herr Griesgram von Tisch sieben ist auch schon da.“
Miriam, ihre Kollegin mit den ewig verschmierten Lidstrichen, wedelte hektisch mit einem zerknitterten Kassenbon.
„Morgen“, sagte Linn und zwang sich zu einem Lächeln. Sie streifte sich die Schürze über und band sie fester als nötig. Der Schichtbeginn war wie ein Rausch. Bestellungen prasselten auf sie ein, eine nach der anderen. „Zwei Cheeseburger, einmal ohne Gurken, einmal extra scharf! Und die Pommes nicht vergessen, bitte!“
Sie nickte, tippte, drehte sich um, schob Tabletts, balancierte Becher, hörte Stimmen, Stimmen, Stimmen. Aber in ihrem Kopf liefen ganz andere Szenen ab.
Wer sind sie? Wie sehen sie in der Realität aus? Was, wenn sie mich nie gesucht und nie gewollt haben?
„Hallo? Entschuldigung?“ Eine Frau mit blondem Pferdeschwanz und einer Tüte voller Kinderspielzeug stand vor ihr. „Ich hatte ein Happy Meal mit Wasser bestellt, aber das hier ist Cola.“
Linn starrte die Frau einen Moment zu lange an, bevor sie sich wieder gefangen hatte. „Oh, es tut mir leid. Ich bringe Ihnen sofort das Richtige.“
Miriam trat neben sie und senkte die Stimme. „Alles in Ordnung mit dir? Du wirkst völlig abwesend.“
Linn schüttelte den Kopf. „Es ist nichts, ich habe nur schlecht geschlafen.“
Miriam erwiderte nichts, aber sie musterte sie mit einem Blick, der mehr wusste, als er zugeben wollte. Dann ging sie weiter zur Fritteuse.
Linn funktionierte wie fremdgesteuert. Stunde um Stunde verging, ein Kundenansturm nach dem anderen. Ihre Beine fühlten sich wie Gummi an, die Haut an den Händen war rau vom ständigen Desinfizieren. Ihre Gedanken drifteten immer wieder ab. Was, wenn ihre leibliche Mutter gleich zur Tür hereinkommen würde? Oder ihre Geschwister?
„Du kannst jetzt Pause machen.“ Es war Jannik, der Filialleiter. Seine Stimme war nicht unfreundlich, aber bestimmt.
Linn blickte auf die Uhr. Sie hatte vier Stunden ohne Unterbrechung durchgearbeitet. Sie nickte wortlos und schleppte sich in den Pausenraum, der nach Mikrowellenessen und Desinfektionsspray roch. Kraftlos ließ sie sich auf einen der Plastikstühle fallen. In der Stille des kleinen Raumes holte sie ihr Handy hervor. Ihr Daumen schwebte zögernd über der Tastatur und sie starrte auf das Display. Sollte sie mit der Recherche beginnen? Stattdessen las sie alte Nachrichtenverläufe, Geburtstagsglückwünsche, Bilder von Schulfesten, einfache, kleine Momente.
Ein lautes Geräusch ließ sie aufschrecken. Draußen war ein Tablett mit Bechern zu Boden gefallen. Sie schaltete das Handy aus, steckte es ein und ging wieder raus.
Die restliche Schicht verlief in einer dumpfen, erschöpften Trance. Als der letzte Kunde gegangen war, ließ Linn sich auf den Küchenboden sinken, zwischen einem leeren Karton und einem Eimer mit Reinigungsmittel.
„Ich hasse gerade alles“, murmelte sie.
„Das nennt man Feierabend“, sagte Miriam trocken, die sich neben sie setzte.
Linn lachte leise. Es war kein fröhliches Lachen, eher eins, das über der Müdigkeit lag wie ein Film aus Staub.
„Willst du reden?“, fragte Miriam.
Linn überlegte. „Ich habe gestern erfahren, dass meine Eltern angeblich nicht meine leiblichen Eltern sind.“
Miriam sah sie an. Keine übertriebene Reaktion, kein Schock, nur stilles Verständnis. „Wow. Und wie fühlst du dich?“
„Wie eine Mischung aus Leere und Neugier. Als hätte ich gerade ein Buch angefangen, von dem ich gar nicht wusste, dass es überhaupt existiert.“
Miriam nickte. „Willst du sie finden? Deine Familie?“
Linn zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, vielleicht. Ich kann an nichts anderes mehr denken.“
„Dann mach es“, sagte Miriam. „Aber zuerst solltest du etwas essen, so blass wie du bist.“ Sie hielt ihr einen übriggebliebenen Burger hin.
„Danke.“ Linn biss hinein, obwohl sich ihr Magen wie ein Knoten anfühlte.
„Kommst du klar?“, fragte Miriam.
Linn nickte.
„Gut, dann werde ich mal weitermachen.“
Als sie endlich ihre Arbeitskleidung ablegte, fühlte sie sich ausgelaugt. Der ganze Tag hatte sich wie dichter Nebel angefühlt, durch den sie gestolpert war. Ihre Kollegen redeten noch über einen betrunkenen Gast, der am Nachmittag randaliert hatte, aber sie hörte nicht zu.
Eine halbe Stunde später nahm sie den Bus und fuhr nach Hause. Der Geruch nach altem Fett hing noch in ihren Haaren, als sie die Wohnungstür aufschloss. Sie ließ sich aufs Bett fallen, ohne die Schuhe auszuziehen. Die Wohnung war still, nur der Kühlschrank summte leise. Nachdem sie sich fünf Minuten ausgeruht hatte, zog sie die Schuhe aus, schnappte sich den Laptop und hockte sich im Schneidersitz auf das Bett.
Der Bildschirm flackerte kurz auf, dann öffnete sich der Browser. Ihre Finger hingen einen Moment zögernd über der Tastatur, bevor sie die Namen der einzelnen Familienmitglieder eingab. Zuerst war der Vater an der Reihe. Es gab einen Zeitungsartikel über ihn, in dem er über seine Arbeit als Manager berichtete. In seiner Freizeit wanderte er gern und war Mitglied im Golfclub von Öjersjö. Sie tippte auf den Link. Die Website des Golfclubs war aufgeräumt, mit großen Bildern grüner Fairways und einem weißen noblen Clubhaus. Unter dem Button ‚Mitglieder‘ fand sie schließlich ein Gruppenfoto von einem Turnier im vergangenen Jahr. Sie klickte es an und zoomte hinein. Dritter von links, in beigefarbener Hose und dunkelblauem Polo. Dieser Mann sollte angeblich ihr Vater sein? Aufmerksam betrachtete sie sein Gesicht. Die Linie des Kiefers kam ihr vage bekannt vor, aber das konnte auch Einbildung sein.
Zurück im Browser öffnete sie einen neuen Tab. Sie musste nicht lange suchen, bis sie auf das Profil von Lova Sandell stieß. ‚Emotionale Acrylkompositionen‘, stand dort geschrieben. Die Bilder waren lebendig, voller Bewegung und sanfter Farben, fast überbordend. In einem Interview unten auf der Seite sprach sie über die Inspiration aus ‚inneren Landschaften‘, über die Familie und das Malen mit offenen Fenstern.
Linn klickte das Interview weg, jetzt waren die Zwillinge an der Reihe. Sie besuchten das Gymnasium und es war keine Herausforderung, das Jahrbuchfoto zu finden, auf dem beide fröhlich in die Kamera lachten. Dieser Anblick versetzte ihr einen Stich, sie kam sich beinahe minderwertig vor in ihren abgewetzten Jeans und dem Hoodie, der an den Bündchen bereits ausfranste.
Sie lehnte sich zurück und stellte den Laptop zur Seite. Das waren sie also, die Familie, von der sie nie erfahren sollte. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander, während der Regen an die Fensterscheiben trommelte. Plötzlich fühlte sich das kleine Bett zu groß an und das Zimmer zu eng. Sie hatte das Gefühl, sofort aufzustehen und irgendwohin laufen zu müssen, damit es in ihrem Kopf wieder still wurde. Aber sie blieb sitzen.
Spielte dieser Mann nur mit ihr? Oder konnte es tatsächlich möglich sein, dass sie die verschollene Tochter war, nach der die Familie jahrelang gesucht hatte?
Sie zog den Laptop wieder zu sich heran, um mehr über die verschollene Tochter herauszufinden. Es würde eine sehr lange Nacht werden.
Die Nacht war dunkel und still und dennoch fand Lova nicht zur Ruhe. Sie wälzte sich zum dritten Mal von einer Seite auf die andere und zog die Decke enger um sich – vergebens. Der Schlaf wollte nicht kommen. Ein leises Knacken über ihr, wahrscheinlich das Holz des Dachbodens, das arbeitete. Trotzdem zuckte sie zusammen und setzte sich schließlich aufrecht hin.
Sie hielt es nicht mehr aus.
Barfuß schlich sie über den kalten Dielenboden, schlüpfte in ihre Clocks, zog sich die Jacke über und öffnete die Tür. Kalte Herbstluft strömte ihr entgegen und sie huschte hinüber zum Atelier. Hier, zwischen den Farben, Pinseln und unfertigen Leinwänden, fühlte sie sich ein wenig wie sie selbst.
Ein einzelnes Licht über der Staffelei warf einen warmen Schein auf das Bild, an dem sie zuletzt gearbeitet hatte. Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und trat näher ans Fenster. Lova starrte nach draußen und dachte an den Zettel. Wer konnte ihn durch den Türspalt geschoben haben? Wer hasste sie so sehr?
Es war nicht der erste Hinweis, den sie bekommen hatte. Und wie die anderen hatte auch dieser ins Nichts geführt. Eine Sackgasse, ein weiterer Stich ins Herz.
„Was willst du von mir?“, flüsterte sie.
Sie setzte sich auf den kleinen Hocker neben dem Arbeitstisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Es war so viel leichter, zu denken, dass es nur ein kranker Scherz war. Aber ein Teil von ihr, ein schmerzhaft hoffnungsvoller Teil, wollte es nicht glauben. Vielleicht wusste jemand doch etwas. Vielleicht war Lotta nicht …
Sie schluckte, dachte an die Suchaktionen. An die Gesichter der Polizisten und deren Mitleid in den Augen. Nicht Hoffnung. Nie Hoffnung.
Mehr und mehr hatte sie sich zurückgezogen, Menschen vor den Kopf gestoßen, weil alles unerträglich geworden war. So auch Linda, ihre beste Freundin. Lova schloss die Augen, verspürte Trauer und Frustration zugleich. Anfangs war Linda jeden Tag dagewesen. Sie hatte ihr Essen gebracht, organisiert, telefoniert, sie getragen. Aber dann hatte auch ihre Freundin den Kontakt abgebrochen. Kein Streit, kein Wort der Wut, nur Distanz.
„Warum, Linda?“
Vielleicht hatte es mit der Schwangerschaft zu tun gehabt. Als sie ihr von den Zwillingen erzählt hatte, war etwas in Lindas Blick zerbrochen. Sie hatte gelächelt – dieses falsche Lächeln, das die Augen nicht erreicht.
„Ich habe einfach so viel Stress im Job“, hatte Linda gesagt. Eine Lüge.
Lova war zu erschöpft, zu kaputt gewesen, um es damals anzusprechen. Und irgendwann war es zu spät.
„Ich konnte nicht mehr, Linda, ich konnte niemanden mehr halten. Nicht mal mich selbst“, murmelte sie.
Ein Schluchzer entwich ihrer Kehle, leise, erstickt. Sie atmete zittrig ein, richtete sich auf und griff nach einem Pinsel. Malen half, nicht immer, aber manchmal.
Gerade als sie ansetzen wollte, hörte sie ein Geräusch. Sie löschte das Licht und schlich zum Fenster. Der Regen hatte vor Stunden aufgehört, aber die Tropfen auf dem Fenster spiegelten noch das schwache Licht der Veranda. Sie stand reglos, den Blick nach draußen gerichtet, das Herz ein wenig zu laut in der Brust. Schon seit Tagen spürte sie dieses nervöse Kribbeln auf der Haut, als würde jemand in der Nähe sein. Nah genug, um zu beobachten. Und doch hatte sie niemanden gesehen. Kein Auto, keine fremden Spuren auf dem matschigen Kiesweg, keine Geräusche – nichts, woran man sich festhalten konnte.
Nur dieser unscheinbare Zettel.
Sie hatte ihn dutzendfach gelesen, analysiert, gedreht und gewendet, als könnte zwischen den Buchstaben ein rettender Hinweis verborgen sein. Angestrengt starrte sie hinaus, die Stirn gegen das kalte Fensterglas gedrückt. Die Umrisse des Gästehauses zeichneten sich schwach gegen den dunklen Himmel ab.
Da, ein Flackern, etwas bewegte sich!
Sie blinzelte, rieb sich die Augen. Und dann sah sie eine Gestalt. Schattenhaft, flüchtig, wie sie zwischen dem Haupthaus und dem Gästehaus verschwand. Wie ein Umriss aus Nebel, zu schnell, um ihn festzuhalten, aber zu deutlich, um ihn sich einzubilden.
Sie sog scharf die Luft ein und wich einen Schritt zurück. Ihr Herz raste. „Nein …“, flüsterte sie und wollte sich einreden, dass es nur ein Tier gewesen war. Ein Reh vielleicht, aber sie wusste es besser. Die Gänsehaut auf den Armen kroch bis in ihren Nacken. Mit einem letzten Blick nach draußen zog sie die Vorhänge zu. Aber die schattenhafte Gestalt hatte sich in ihre Gedanken gebrannt. Das alles konnte kein Zufall sein, jemand war da draußen. Und dieser Jemand wollte, dass sie es bemerkte.
Sie atmete flach, ging langsam zurück und verriegelte die Tür. Ihre Finger zitterten. Angst. Echte, körperliche Angst. Nicht wie in den letzten Jahren, in denen sie gelernt hatte, mit der Leere zu leben. Das hier war anders. Das hier war jetzt.
Sie lehnte sich an die Wand, schloss die Augen. Lotta. War das alles mit ihrer Tochter verbunden? Hatte sie damals etwas übersehen? Etwas, das nun zurückgekommen war?
Ein dumpfer Schlag ließ sie zusammenzucken. Holz auf Metall? Die Regentonne? Oder etwas anderes?
Sie wagte es nicht, wieder zum Fenster zu gehen. Stattdessen griff sie nach ihrem Smartphone, starrte auf das Display. Sie hätte jemanden anrufen sollen. Die Polizei. Ihre Eltern. Irgendwen. Aber sie wählte keine Nummer. Stattdessen drückte sie das Smartphone an ihre Brust, als würde es sie schützen können. Sie war müde davon, als hysterisch abgestempelt zu werden. Seit Lottas Verschwinden war sie die Frau, die überall Gespenster sah. Aber diesmal war es anders, es war real. Und das spürte sie.
Langsam ließ sie sich auf den Hocker sinken. Die Dämonen aus der Vergangenheit wollten einfach nicht verschwinden. Sie ließen sich nicht vertreiben, egal was sie auch versuchte. Aber sie war zu schwach, um sich ihnen zu stellen, und so würde es wohl immer bleiben.
Linnea stand vor dem Spiegel und musterte sich skeptisch, während sie anschließend das Foto in ihrer rechten Hand betrachtete. Es war die Momentaufnahme einer scheinbar glücklichen Familie, die alles hatte – ein großes, modern eingerichtetes Haus mit einem riesigen Grundstück am Rande der Großstadt, der Vater spielte Golf, während sich die Mutter in einem großzügigen Atelier verwirklichen konnte, das über die Maße einer kleinen Zweizimmerwohnung verfügte. Die Zwillinge wurden verhätschelt, wurden von A nach B gefahren und bekamen fast jeden ihrer Wünsche erfüllt.
Ihr Blick hob sich wieder und sie begegnete ihrem Spiegelbild. Was sie sah, behagte ihr ganz und gar nicht. Ein müder Blick, dunkle Augenringe und ein erschöpfter Zug um den Mund. Ihre Haut zierte eine ungesunde Blässe und die Haare hätten schon längst wieder nachgefärbt werden müssen. Aber dafür hatte sie kein Geld. Sie hangelte sich mit ihrem mickrigen Job von Woche zu Woche und war schon froh, wenn sie sich die Miete für diese heruntergekommene Einzimmerwohnung leisten konnte.
Sie trat einen Schritt zurück, schaute auf das Foto und dann wieder in den Spiegel, um eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Familie und ihr zu erkennen. War sie wirklich die verschollene Tochter? Sie fand, dass es überhaupt keine Ähnlichkeiten gab, dass sie sich das alles nur einbildete. Ja, sie hatte immer davon geträumt, so aufwachsen zu können, geliebt und umsorgt, anstatt sich selbst überlassen.
Sie wandte sich ab und setzte sich auf das Bett. Sie würde sich gleich mit dem Fremden treffen, bezweifelte aber, es auch wirklich durchzuziehen. Schließlich siegte die Neugier und sie machte sich auf den Weg. Das Foto ließ sie auf dem Tisch zurück.
Der Regen hatte nachgelassen, aber die Straßen glänzten noch, als sie aus dem Bus stieg und in Richtung Café lief. Der Himmel war grau, dunkel und schwer wie ein nasser Wollmantel. Unter dem kleinen Vordach des Cafés zögerte sie einen Moment, zog dann die Kapuze zurück und trat ein. Die Glocke über der Tür gab einen hellen Ton von sich.
Drinnen roch es nach frisch gebackenen Zimtschnecken und gemahlenem Kaffee. Das Café war klein, mit nur wenigen Tischen, die in einer Art nostalgischem Charme arrangiert waren: alte Holzstühle, bunte Tischdecken und gerahmte Fotografien von Malmö in den Sechzigern an den Wänden. In der Ecke spielte leise Musik, etwas Schwedisches, melancholisch, mit Gitarre und sanfter Stimme. Das hatte sie bei ihrem ersten Besuch überhaupt nicht wahrgenommen.
Der Mann saß am Fenster, mit einer Tasse Kaffee vor sich. Er blickte hinaus auf die Straße, als würde er jemanden beobachten, den nur er sehen konnte.
Sie atmete tief durch und ging langsam auf ihn zu. „Hej“, sagte sie, kaum lauter als die sanfte Musik.
Er schaute auf und musterte sie aufmerksam. Dann nickte er. „Du bist pünktlich.“
Sie setzte sich ihm gegenüber. Der Stuhl knarrte leise, als sie ihr Gewicht verlagerte. Sie streifte die feuchte Jacke ab und legte sie sorgfältig über die Stuhllehne.
„Ich habe gewusst, dass du kommen wirst“, sagte er.
„Und woher?“
„Weil du Antworten willst, Antworten, wer du wirklich bist.“
„Dann bin ich also leicht zu durchschauen?“
Er lachte kurz auf. „Sag mir einfach, wie du dich entschieden hast.“
Linn blickte kurz zur Theke, wo eine ältere Frau Milch aufschäumte und zwei Teenager ein Stück Kuchen teilten, bevor sie sich ihm wieder zuwandte. „Ich will es tun“, sagte sie. „Ich will zu ihnen zurück und ihnen sagen, wer ich bin.“
Er hob eine Augenbraue, als hätte er diese Entscheidung bereits vorhergesehen. Er nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und faltete die Hände. „Gut“, sagte er schließlich. „Dann musst du dich vorbereiten.“
Sie schluckte. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, fest ineinander verschlungen, um sich zu beruhigen. „Was genau muss ich tun?“
Er lehnte sich zurück. „Du wirst dich der Familie vorstellen. Aber du kannst nicht einfach dort aufkreuzen und behaupten, dass du ihre Tochter bist. Dafür ist es zu spät und zu sensibel.“
„Also wie dann?“
