Neben der Wirklichkeit - Roland Stockmar - E-Book

Neben der Wirklichkeit E-Book

Roland Stockmar

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Beschreibung

Pendeln zwischen der Wirklichkeit und dem Unwirklichen. Unwirkliches Verfremdetes. Wirkliches Unbekanntes. Kurzgeschichten

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Seitenzahl: 111

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Due Cappuccini

Außenkabine

Die Einladung

Gestrandet

Kliffkante

Santorin sehen…

Mary und Sepp

Godfried von Esch (1080-1139)

Der liebe Wolf

Rotkäppchen

Schneewittchen

Und wieder Hänsel und Gretel

Due Cappuccini

Sie saß allein im Abteil des Zuges, der sie nach Süden führte. Es war fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass sie zuletzt in Florenz gewesen war. Mit der linken Hand hielt sie das Bild schräg ins Licht, mit dem Zeigefinger der rechten Hand fuhr sie langsam und liebevoll darüber. Normalerweise stand das Bild auf ihrem Schreibtisch. Und selbst dann, wenn sie Besuch hatte, was allerdings selten vorkam, nahm sie es dort nicht weg. Warum auch? Der eine lächelte etwas amüsiert und ließ es dabei bewenden, der andere machte auch schon mal eine mehr oder weniger eindeutige Bemerkung. Sollte er! Sie hatte damit umzugehen gelernt. Sie war stolz auf ihn! Er war wirklich ein Bild von einem Mann. Da stimmte aber auch alles: Eine sogar klassische Schönheit, wie sie zumindest im Stillen immer wieder dachte. An ihren Augen glitt die Landschaft vorbei, ohne dass sie etwas davon bemerkte. In Gedanken malte sie sich ihr Wiedersehen aus, und dabei schlief sie ein.

In Florenz nannte sie einem Taxifahrer den Namen des Hotels. Dieses Mal wollte sie ein Zimmer mit Aussicht auf den Arno. Wie die junge Engländerin in einem Film, an dessen Titel sie sich nicht mehr erinnerte. Als sie ein Fenster ihres Hotelzimmers öffnete, sah sie, dass dieser Wunsch in Erfüllung gegangen war. Die Straßenlampen spiegelten sich in den Wassern des Arno. Nicht weit entfernt spannte sich der Ponte Vecchio über den Fluss.

Morgen früh wollte sie als erstes dort die Schmuckgeschäfte anschauen. Morgen konnte sie ihn noch nicht sehen, das hatte sie von vorneherein gewusst.

Am nächsten Morgen wurde sie früh aus ihren Träumen gerissen. Was gestern am späten Abend bereits eingeschlafen war, tobte jetzt wieder an beiden Ufern des Arno entlang: der städtische Verkehr. Schnell schloss sie das Fenster, machte ihre morgendliche Toilette, befragte auch des längeren den Spiegel, ob ihr Teint noch so jung sei wie vor einem Jahr und ging in den Frühstücksraum.

"Due Cappuccini", bestellte sie in Gedanken, während sie im Florenzführer blätterte. Aber - vom Kellner darauf aufmerksam gemacht, dass sie doch alleine sei - verbesserte sie sich. Ponte Vecchio, noch einmal San Miniato al Monte, dann nach Fiesole? Ja, so wollte sie es machen. Allein mit italienischer Geschichte und italienischer Kunst. So hatte sie hier auch angefangen. Bis er in seiner ganzen Größe in ihr Leben getreten war! Sie erinnerte sich genau! Obwohl viele Menschen um sie herum gewesen waren, sah sie plötzlich nur noch ihn! Und daran hatte sich nichts geändert! Mochte es ewig dauern!

Eines mochte sie sich allerdings nicht eingestehen: So heftig die Gefühle auch waren, die sie ihm entgegenbrachte, so unübersehbar war auch die gleichbleibende Distanz, die er ihr gegenüber wahrte.

Am Abend eines mit Kunst angefüllten Tages, der sich trotz der vielen Eindrücke für sie in die Länge gezogen hatte, schloss sie das Fenster ihres Hotelzimmers, bevor sie sich schlafen legte. Das nächste morgendliche „Concerto" wollte sie etwas gedämpfter erleben!

Nun war der Tag da, der sie alle eintönigen und einsamen Tage im trüben Norden vergessen lassen sollte! Sie machte sich zum frühestmöglichen Zeitpunkt auf dem Weg. In ungeduldiger Erwartung eilte sie durch das Tor eines Palazzo. Nur noch wenige Schritte und sie stand vor ihm!

Er war wie immer, unverändert seit ihrem letzten Beisammensein! Seine Größe, seine Jugendlichkeit, seine klassische Schönheit: ihr David!!

So wie ihr Finger in den letzten Monaten unzählige Male über sein Bild geglitten war, so streifte jetzt ihr Blick liebevoll über ihn, maß voll Besitzerstolz jeden Zoll seines Körpers und kehrte wieder zu seinem Gesicht zurück. Nicht unfreundlich sah er... ja wohin? Jedenfalls nicht auf sie und nicht auf die wenigen übrigen Besucher, die zu der frühen Stunde schon hierher gefunden hatten.

Doch plötzlich - oder täuschte sie sich? - wandte er leicht den Kopf, senkte den Blick und sah zu ihr herab. Es kam Bewegung in seine Gestalt, mit einem leichten Satz sprang er vom Sockel herab und stand vor ihr. Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück und hielt die rechte Hand vor den Mund, als wollte sie einen Schrei zurückhalten.

Die anderen Besucher standen erstarrt und schauten ungläubig auf dieses Schauspiel. Einer der Museumsdiener riss sich von diesem Anblick los und eilte zu einem Telefon.

David berührte sie an der Schulter, drehte sie herum und schob sie in Richtung Ausgang. Draußen regnete es. Autos mit beschlagenen Scheiben glitten Vorüber Menschen, unter Regenschirme gebückt, hasteten die Straße entlang.

Vorsichtig drehte sie den Kopf und sah an ihm hoch. Mein Gott war der riesig! Riesig und vor allem auch nackt! „Rein nach dem Gegenstande betrachtet, mag die Kolossaldarstellung eines halbwüchsigen, der Kleider entledigten Jungen unerträglich erscheinen...", hatte sie einmal in einem Kunstband über Michelangelo gelesen. Ratlos stand sie da, dann sah sie, dass er ein Tuch nachlässig über der linken Schulter trug. Entschlossen griff sie nach dem Ellbogen seines linken Arms, zog ihn herunter, griff nach dem Tuch und band es ihm um die Lenden, um wenigstens seine Blöße zu bedecken.

Aber wohin mit ihm? Am liebsten hätte sie sich vor Verlegenheit in ein Mauseloch verkrochen. Doch ihn nackt hier im Regen stehen lassen? Das kam nicht in Frage! In ihr regte sich bereits ein mütterlicher Instinkt für diesen großen Jungen. Sie nahm in bei der Hand und steuerte in die Richtung, in der ihr Hotel lag. Bald hatten sie es erreicht, und sie zog ihn schnell in die Eingangshalle. Heftig atmend blieb sie stehen, bemerkte aber gleich, dass die Rezeption nicht besetzt war. Nichts wie die Treppe hinauf, den Flur entlang und die Zimmertür aufgeschlossen! Er musste sich mächtig bücken, um den Kopf nicht anzustoßen. Und selbst im Zimmer, dessen Decke sehr hoch war, konnte er nicht aufrecht stehen.

Sie ließ seine Hand los, tat einen tiefen Seufzer der Erleichterung und setzte sich auf das Bett. Wenigstens waren sie jetzt weg von der Straße.

Aber wie sollte dieses überraschende Abenteuer weitergehen?

Er stand vor Nässe triefend mitten im Zimmer und rührte sich nicht. Seine großen Hände - wie sie jetzt zum ersten Mal fand - hingen unbeweglich herab. Wenn es ihr Bruder gewesen wäre, hätte sie gesagt: „Steh' um Gottes Willen nicht so da! Geh’ ins Bad, trocknete dich ab und zieh’ dich richtig an!" Aber er verstand mit Sicherheit kein Deutsch! Sie suchte in ihrem spärlichen italienischen Wortschatz nach der Übersetzung und brachte auch etwas zustande. Aber Fehlanzeige!

Er sah sie so unbewegt an wie zuvor. Natürlich, kam es ihr in den Sinn, zu den Zeiten Michelangelos hatte man sicher ein anderes Italienisch gesprochen als das heute übliche! Sie konnte sich also noch so anstrengen, er würde sie nicht verstehen! Wütend schlug sie mit ihren Fäusten auf das Bett. So hatte sie sich ein Rendezvous mit ihm nicht in ihren Träumen vorgestellt!

Da standen über fünf Meter Realität, und sie musste etwas tun. Sie begann in fieberhafter Eile das Leintuch von der Matratze zu reißen. Zur Not mochte es als Toga durchgehen!

Als sie sich ihm wieder zuwandte, saß er zu ihrer Überraschung am Toilettentisch und sah gebannt in den Spiegel. Er besah sein Gesicht von der einen und von der anderen Seite, er strich mit den Händen über die Muskeln der Arme und des Oberkörpers, und er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein dichtes, gelocktes Haar. Als er auf dem Frisiertisch eine Haarbürste entdeckte, nahm er sie und begann damit, seine Locken zu bearbeiten.

Nach einer Weile stand er auf und fing an, vor dem Spiegel wie ein Bodybuilding-Weltmeister zu posieren. Er drehte und wendete sich und ergötzte sich am Spiel seiner Muskeln.

Zuerst sah sie ihm erstaunt, zunehmend aber immer ärgerlicher werdend zu. Keine Frage, dass David im Vergleich zwischen ihnen beiden den

Schönheitspreis davontragen würde. Doch warum war er eigentlich von seinem Sockel herabgestiegen und hatte sie aus dem Museum geführt? War es nicht die Macht ihrer Liebe, ihrer Anbetung gewesen, die ihn hatte unter die gewöhnlich Sterblichen treten lassen? Warum würdigte er sie jetzt keines Blickes mehr?

Sie rief ihn mit seinem Namen, zuerst leise, dann immer lauter werdend. Umsonst! Er verharrte in der Bewunderung seiner eigenen Schönheit. Oder hieß er vielleicht gar nicht David? Doch selbst wenn es so sein sollte, ihre Rufe konnte er nicht überhören! Es sei denn - er war taub, vielleicht sogar taubstumm! Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er noch kein einziges Wort gesprochen hatte!

Sie ließ sich auf das Bett fallen und warf in einer resignierten Geste ihre Arme nach hinten. Dabei berührte sie, ohne es zu bemerken, den Klingelknopf vom Zimmerservice.

Kurz darauf klopfte es an die Tür. Sie schreckte hoch und sah entsetzt zu ihrem unbekleideten Zimmergenossen. Doch schon ging die Tür auf und das Zimmermädchen kam herein. Es ließ beim Anblick dieser riesigen, nackten Gestalt am Toilettentisch einen Schrei und wich in Richtung Flur zurück.

„Due Cappuccini!", entfuhr es der verzweifelten jungen Frau auf dem Bett, und schon war die Tür wieder zu.

Mein Gott! Was mochte da auf sie zukommen! Sie hatte einen jungen Mann von auffälligem Äußeren, der an der Rezeption überhaupt nicht angemeldet war, auf ihrem Zimmer. Sicher würde gleich der Hoteldirektor erscheinen! Vielleicht war er aber auch schon dabei, mit der Polizei zu telefonieren? Dann würde er binnen kurzem - von mindestens zwei Carabinieri flankiert - ins Zimmer treten!

Womöglich käme das als Bild in die Zeitung! Alles, nur das nicht! Sie in der Zeitung! Mitten auf der Fotografie ihr großer, nackter David, seine rechte Hand auf ihrer Schulter ruhend. Sie mit entsetzt aufgerissenen Augen in die Kamera blickend. Links neben David der Hoteldirektor.

Und eingerahmt würde dieses gegensätzliche Trio von zwei Carabinieri in stolzer Pose! Alles, nur das nicht! , fuhr es ihr noch einmal durch den Sinn.

Sie stand wie gehetzt vom Bett auf. Sie sah nach David. Entweder er musste verschwinden oder sie! Verschwinden? Ja - er war gerade dabei, ins Bad zu gehen. Wunderbar! Was immer er auch dort suchen mochte, es kam ihr gelegen!

Sie stürzte zum Schrank, riss ihren Koffer heraus, warf ihn aufs Bett und schmiss ihre Kleider hinein.

Da der Koffer, da die Handtasche, ein Blick noch zur Badezimmertür und sie war hinaus. Vorbei an der Rezeption. „Signorina!" hörte sie noch und stand schon auf der Straße. „Taxi! Taxi!!" Nichts wie weg, nichts als zum Bahnhof!

„Binario secondo!", sagte der Bahnbeamte. Bahnsteig zwei also! Gott sei Dank nicht so weit! Sie war am Ende ihrer Kräfte!

Erst als der Zug schon eine Weile fuhr, kam sie wieder zu Atem. Aber die Landschaft glitt an ihr vorbei, ohne dass sie etwas davon bemerkte. Florenz, das Hotel am Arno, David - es musste ein Alptraum gewesen sein!

Als sie ein paar Wochen später für einige Geschäftskollegen in ihrer Wohnung eine kleine Einladung machte, stand das Bild mit David nicht mehr auf dem Schreibtisch. Einer ihrer männlichen Gäste bemerkte es gleich. „Da wird sich sicher Ersatz finden lassen!", meinte er schmunzelnd und legte eine Hand auf ihre Schulter.

Außenkabine

Himmelhoch ragt die weiße Bordwand der „Poseidon“.

Die Frau zieht sich am Geländer der Gangway hoch, atmet schwer, bleibt wieder stehen und schaut in die weiße Wand über ihr. Er, ein paar Stufen tiefer, blickt auf ihre dicken Knöchel in den hellgrauen Halbschuhen.

Kronleuchter, Spiegel, Gläser, Silberbesteck, weiße Servietten, Stimmengewirr. „Was darf es sein, die Herrschaften?“ Der Ober steht aufnahmebereit. Gerichte werden aufgetragen, leergegessene Teller diskret entfernt. Leise untermalt der Klavierspieler. Die beiden sitzen sich gegenüber, führen Löffel oder Gabel zum Mund, wischen mit der Serviette über die Lippen, nippen an Gläsern, schauen aneinander vorbei in den Saal, essen den Nachtisch. Jetzt noch der Espresso. Schweigen im Stimmengewirr. Der Griff nach dem Serviettenring. Sie gehen.

Er lässt den Vortritt. Den langen Flur entlang zur Kabine sein Blick auf die dicken Knöchel in den hellgrauen Halbschuhen.

In der Kabine alles in dunklem Holz, schwere Messingbeschläge. Hinter dem Bullauge die ruhige See. Sie sitzt auf dem Bett und schaut hinaus. Aus dem Bad Gurgelgeräusche, das Knipsen eines Lichtschalters, das Schleifen einer Tür auf dem Teppichboden. Er schlüpft in eine warme Jacke, blickt auf die Uhr. Sie reibt mit einer Hand ihre Knöchel, wirft einen Blick auf ihn, bückt sich langsam nach ihren Schuhen.

Wieder der lange Flur. Ein leeres Deck. Dunkles Pech zwischen hellgescheuerten Planken. Der Wind schiebt die beiden zum Heck.

Zwei dunkle Umrisse an der Reling. Ein schäumendes Band, das vom Heck des Schiffes zum Horizont läuft. Der Himmel wechselt seine Farbe von Rot über Violett nach Grau. Die beiden Umrisse zerfließen in der Nacht.

Erleuchtete Kabinen. Runde gelbe Kreise der Bullaugen zittern über das Wasser. Mahagoni und Messing in gedämpftem Licht. Gurgeln aus dem Badezimmer. Eine Tür scheuert auf dem Teppichboden. Entferntes Summen von Schiffsturbinen. Die Tür zum Flur zittert im Rahmen.

In Schüsseln und Schälchen, in Körbchen und auf Platten, offen präsentiert oder warm verhüllt das Frühstücksbüfett. Er, einen Teller in der Hand, steht unschlüssig.

„Ja, ja, das weiß man gar nicht wo man anfangen soll, bei diesem Angebot! Also ich beginne immer mit einem Glas Tomatensaft!“ Die Dame vom Nachbartisch im Speisesaal ist neben ihn getreten. Zähne und Perlen blitzen ihn an. „Ach übrigens,