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Zwei Menschen. Der eine in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens, der andere in Erwartung seines Ruhestandes. Der eine, bestimmt durch immer wieder wechselnde Erwachsene. Der andere, bestimmt durch eine nun auftretende schwere Krankheit. Beide gehen ihren Weg.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Memoiren
Noch dreieinhalb Jahre
Noch drei Jahre und zwei Monate
Noch drei Jahre
Noch zwei Jahre und vier Monate
Noch ein Jahr und zwei Monate
Noch zehn Monate
Noch vier Monate
Noch vier Wochen
Noch vier Tage
Noch fünf Stunden
Stunden später
Ermutigung
Stille
Es ist Sommer, Sommer 1941.
Ich stehe als Zweijähriger mit dicken Backen in einer Wiese voller Gänseblümchen und Margeriten. Vielleicht etwas schmollend, eine Blume zerpflückend. Wer liebt mich, wer liebt mich nicht? Irgendwo in der Nähe muss auch meine Schwester sein, ebenfalls pausbackig, mit einer Schleife im Haar.
Die Mutter ist vielleicht im Haus, in der Wohnung. Wenn sie jetzt Grießbrei kochen würde... Das ist meine Lieblingsspeise.
Der Vater wird nicht zum Essen kommen. Er ist weit weg. Er fährt auf einem Motorrad Richtung Moskau, eine lange Staubfahne hinter sich herziehend.
Und bald ist bitterkalter Winter und er liegt zusammen mit den anderen Soldaten im Schnee vor der Stadt. Erfrorene Soldaten sitzen und liegen in den bizarrsten Stelllungen. Einer von ihnen, ein Russe, dreht den deutschen Soldaten den Hintern hin. Sie benützen ihn als Zielscheibe. Es klingt wie nach Holz, wenn die Kugeln einschlagen.
In der Wohnung windet sich eine dunkle Treppe in den zweiten Stock hinauf. Ich sitze gern auf der obersten Stufe und werfe Spielzeug hinunter.
Eines Tages nimmt mich jemand an der Hand und geht mit mir die Treppe hinauf, hinein in ein verdunkeltes Zimmer. Meine Mutter liegt auf dem Bett, aber sie rührt sich nicht und sie sagt auch nichts.
In einer fremden Wohnung steige ich auf einen Stuhl und greife nach dem Telefonhörer.
Ich verliere das Gleichgewicht und klammere mich am Telefonhörer fest. Eine Frau kommt herein und schimpft.
Etwas später sind meine Schwester und ich in einem Kinderheim. Meine Tante Anna kommt und ich sage zu ihr: „Meine Mutti ist im Himmel!“
Meine Schwester kommt zur Tante Bertel nach Obersäckingen, ich zur Tante Anna nach Säckingen. Der Onkel ist nur auf dem Bild da.
Die Gasse, in der wir wohnen, ist schmal, mit holprigem Kopfsteinpflaster.
Am einen Ende der Gasse steht eine Hausruine, bei Dunkelheit ein schwarzes Loch. Am anderen Ende wacht an einer Mauerecke ein großer Stein, der sich in der Dämmerung in bedrohliche Gestalten verwandelt.
Bedrohliche Gestalten auch in Büchern. Der Wolf, der in die Stube der sieben Geißlein einbricht. Das dralle Mädchen, das sich dem gequält blickenden Hl. Antonius auf den Schoß setzt. Strenge Soldaten mit weißen Helmen, die eine Reihe von Männern einrahmen. „Nürnberger Prozess“, steht über dem Bild in der Zeitung.
Morgens gibt es zum Frühstück Bratkartoffeln und Kaffee oder Kaffee und Bratkartoffeln. Immer wieder hilft der eigene Garten aus. Vor allem mit Beeren. Brombeeren und Johannisbeeren. Ein dünner Teigboden, auf dem sich Johannisbeeren türmen.
Hasen, niedliche Hasen, kuschelweich- und dann auf dem Teller. Und an Ostern steht ein großer Schuhkarton, gefüllt mit Ostereiern, auf der Kommode.
Manchmal kommt aus der Schweiz (von der Schwester meiner Mutter) ein Esspaket. Vor allem Milchpulver. Der Karton mit diesen Köstlichkeiten steht unter dem Sofa im Wohnzimmer. Der Onkel im Bild wacht darüber mit strengem Blick. Das Milchpulver klumpt durch den Speichel schnell zusammen.
An einem Mittag kommt die Tante früher als erwartet heim. Ich lehne beiläufig neben dem Esstisch. An der Innenseite des Tischbeins steht die Flasche mit Lebertran. Sie ist halbleer.
Vor Weihnachten liegen im Karton unter dem Sofa Birnenwecken. Wenn man nur ganz wenig abbeißt...
Plötzlich ist der Onkel aus dem Bild doch da. Meine Tante und ich holen ihn am Bahnhof ab. Er trägt eine Uniform, den Tornister auf dem Rücken, ein Gewehr an der Seite.
Er nimmt seinen Platz in der dunklen Küche ein. Ich drehe ihm den Rücken zu, fasse einen seiner Stiefel und er stemmt mit dem anderen Fuß gegen meinen Hintern. Manchmal zieht er seinen Hosenträger aus, beugt mich über die Stuhllehne und bearbeitet meinen Hintern.
Eines Tages ist er wieder fort.
Ab und zu holt mich die Tante aus dem Bett, wickelt mich in eine Decke und steigt mit mir die steilen Treppen hinunter in den Keller. Es sind noch viele andere Leute da. Eine Glühbirne beleuchtet rötliche Backsteingewölbe. Über uns brummen gleichmäßig Flugzeugmotoren.
Wieder sitzt ein Mann am Tisch in der Küche. Meine Tante sagt: „Das ist dein Vater! Er ist aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er hat wieder geheiratet und wird deine Schwester und dich nach Eberbach mitnehmen!“
Nun wohnen wir in Eberbach. Im vierten Stock eines Hauses unter dem Dach. Es gibt zwei Zimmer. Eines dient als Küche, Esszimmer, Wohnzimmer und Kinderzimmer, das andere ist das Elternschlafzimmer. Es gibt kein fließendes Wasser. Wir tragen es in einem großen Topf herauf. Meistens ist das meine Aufgabe.
Der Vater ist arbeitslos. Er ist nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft nicht mehr in den Polizeidienst eingestellt worden. Er hat Kriegsverletzungen, die ihm Kämpfer des französischen „Maquis“ beigebracht haben. Ein Schlüsselbein ist durchschossen worden. Eine Kugel ist neben dem Genick eingedrungen, hat einige Zähne herausgeschlagen, die Zungenspitze abgetrennt und ist durch eine Backe wieder herausgefahren.
Jetzt sieht es aus, als ob er in einer Schlagenden Verbindung einen Schmiss davongetragen hätte. Deshalb wird er von manchen Leuten mit Herr Doktor angesprochen.
Unsere Stiefmutter war 1946 als Bedienung in einem Gasthaus tätig. Da hat sie unseren Vater kennengelernt.
Wir sitzen einträchtig am Tisch. Es gibt Suppe. „Esst Suppe, Kinder, das ist gesund!“, sagt die Stiefmutter. Ich ziehe den Löffel von der gegenüberliegenden Seite durch die Suppe, nehme ihn auf, nippe etwas an der Breitseite des Löffels und führe ihn dann von der Spitze her ein. Manchmal misslingt das Essen „comme il faut“. Oder es liegt sonst etwas in der Luft.
Der Arm meines Vaters fährt durch die Luft, die Hand zieht über meinen Hinterkopf und der Kopf fährt in den Teller.
Manchmal gibt es Kuchen. Es ist nicht einfach an Weißmehl heranzukommen. Die Stiefmutter tauscht manchmal Stücke ihres Tafelsilbers dafür ein. Oder Bettwäsche von ihrer Aussteuer.
Mit Spinat tun wir uns da leichter. Wir sammeln an den sonnigen Hängen neben der Bahnstrecke Brennnesseln. Wir waschen sie gründlich und jetzt kann man sie gut anfassen und zubereiten.
Ich bekomme, weil ich auf der Lunge nicht ganz gesund bin, zusätzliche Lebensmittelmarken. Die Milch läuft mit einem bläulichen Schimmer in die zerbeulte Milchkanne.
In der Grundschule bekommen wir von den Amerikanern Schulspeisung. Kakao und Weißmehlweck, Grießbrei mit Rosinen, kleine Schokoladenriegel.
Im Sommer kann man im Odenwald Brombeeren und Blaubeeren sammeln. Aber da geht mein Vater mit meiner Schwester immer alleine.
Gemeinsam sammeln wir Tannenzapfen. Immer wieder sitzen Eidechsen auf den Wegen, selten sehen wir auch einen Feuersalamander. Wir klettern an den steilen Hängen herum, füllen den Sack mit Tannenzapfen und lassen ihn den Abhang hinunterkullern. Lachend rennen wir hinterher.
Im Sägewerk bekommen wir billiges Brennholz. Es sind in Stücke gesägte Bretter. Ich halte den Sack auf. Mein Vater wirft die Holzstücke hinein. Hin und wieder bleibt der ausgezackte Rand eines Brettchens am Sack hängen und reißt ihn mir aus der Hand. Darauf folgt eine Ohrfeige. Auf dem Heimweg ziehe ich den Handwagen mit dem Holz darauf. Ich habe Mühe, damit den Buckel hochzukommen. „Aber es ist eine gute Leibesertüchtigung!“, meint mein Vater.
Ich bin schwächlich, blass und habe eine „Hühnerbrust“. Außerdem gibt es da noch den Schatten auf der Lunge.
Jeden Tag trainiert mich mein Vater. Er hat sich einen etwa einen Meter langen Stock zurechtgeschnitten. Den habe ich an beiden Enden zu fassen und mit ausgestreckten Armen. Immer und immer wieder. Und dann enger fassen. Und noch enger.
Wenn ich mit meinem Vater spazieren gehe, achtet er auf eine gerade Haltung bei mir. Er drückt immer wieder meine Schultern nach hinten und boxt mich mit der Faust ins Kreuz. „Brust heraus, Bauch rein!“
An sonnigen Tagen kämpfen wir gegen meine Blässe. Wir nehmen den Weg zum Neckar hinunter. Wir gehen auf eine Mole, hinter der alte, stillgelegte Lastkähne vertäut liegen. Ich muss Hemd und Unterhemd ausziehen und mich auf der Mole ausstrecken. Die Sonne brennt mir auf den Rücken. Das Wasser gluckst an den Bordwänden der Lastkähne. Ein Geruch von Teer und rostigem Metall weht herüber. Wenn mein Vater es erlaubt, darf ich wieder aufstehen.
Der meterlange Stock kommt oft zum Einsatz. Dann muss ich mich über den Tisch legen. Mein Vater zieht mir die Hose stramm und nun lässt er den Stock herabsausen. Wieder und wieder. Die Stiefmutter versucht, ihm in den Arm zu fallen.
Was habe ich angestellt? Habe ich Wasser auf der Treppe verschüttet? Bin ich zu spät nach Hause gekommen? Habe ich eine schlechte Note nach Hause gebracht? Ist es meine „Schwindsüchtigkeit“, sind es meine „Froschaugen“, wie mein Vater meint? Oder weil ich „wie ein Mädchen“ aussehe? „Dir sollte man den Pimmel abschneiden!“
Zur Strafe muss ich öfter zuhause bleiben. Oder ich darf aus dem Haus, darf aber nicht mit meinem Vater und mit meiner Schwester ins Schwimmbad. Dann stehe ich am anderen Neckarufer und schaue zu ihnen hinüber.
Wenn ich dabei sein darf, bringt Vater mir das Schwimmen bei. Wir sind in einer Ecke des Schwimmbeckens. Mein Vater hält mir seinen Arm unter den Bauch, ich beginne mit den Schwimmbewegungen. Sein Arm geht etwas tiefer, ich bekomme Angst und rudere schneller, der Arm geht noch tiefer, ich schlucke Chlorwasser, das mir auch beißend in die Nase steigt. Ich erreiche wild um mich schlagend den Rand des Beckens. Jetzt heule ich, werde geschimpft und wir beginnen einen neuen Versuch. „Bei der Reichswehr ist es ganz anders zugegangen!“, sagt mein Vater. „Uns hat man einen Gurt um den Bauch gebunden. Der war mit einem Seil an einer Art Galgen befestigt. Der Schwimmlehrer hat uns untergetaucht wie es ihm gerade gepasst hat!“
Manchmal üben wir die Schwimmbewegungen im Trockenen. Dazu muss ich mich zuhause auf den Tisch legen und die Arme und Beine bewegen.
Aber es macht keinen Spaß mit mir. Da sieht es bei meiner Schwester ganz anders aus. Sie pflügt bereits die ganze Länge des Schwimmbeckens durch und springt vom Drei-Meter-Brett.
Abends spielen mein Vater und die Stiefmutter oft Karten. Sie sitzen sich am Tisch gegenüber. Meine Schwester und ich liegen in unseren Betten, stellen uns schlafend, hören heimlich zu und blinzeln ab und zu unter unseren Augenlidern hervor. Meistens wird es nach einer Weile laut. Die beiden streiten miteinander. Ab und zu wirft mein Vater den Tisch um, die Karten mit den bunten Vögeln auf der Rückseite fallen auf den Boden.
Eines Tages kommt meine Schwester nicht von der Schule nach Hause. Es hat Zeugnisse gegeben. Ich werde losgeschickt, um sie zu suchen. Später benachrichtigt mein Vater die Polizei. Abends teilt uns die Polizei mit, dass meine Schwester mit der Bahn nach Mosbach gefahren ist. Dort hat sie eine Frau zu sich nach Hause genommen. Mein Vater fährt am nächsten Tag hin, um sie abzuholen.
Er malt ein Bild von ihr und hängt es für eine Weile im Speicher nebenan auf. Sprechblasen steigen aus ihrem Mund auf. In einer steht: „Ich bin eine Lügnerin!“
Vor dem Muttertag ist schönes Wetter. Ich pflücke mit meiner Schwester zusammen Blumen auf den Neckarwiesen. Mein Vater hat uns ein Gedicht gegeben. Wir sollen es auf dem Speicher lernen. Wenn wir es können, dürfen wir kommen und es ihm zur Probe vortragen.
Immer wieder klappt es nicht und wir müssen wieder auf den Speicher.
Nachdem meine Lunge immer noch nicht in Ordnung ist, werde ich im Sommer 1947 mit einem Kindertransport zur Erholung in die Schweiz geschickt. Die Schwester meiner Mutter wohnt mit ihrer Familie am Vierwaldstätter-See. Sie will mich mit ihrem Mann zusammen in Luzern am Bahnhof abholen.
