Raue Vier - Roland Stockmar - E-Book

Raue Vier E-Book

Roland Stockmar

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Beschreibung

Vier alte Männer, allesamt autoritäre und teilweise charismatische Persönlichkeiten, - drei von ihnen eigentlich schon seit geraumer Zeit im Jenseits - erhalten vom Himmel die Erlaubnis, mit ihren Motorrädern eine letzte Reise auf Erden zu unternehmen. Sie fahren vom Nordelsass quer durch Nordfrankreich bis in den äußersten Westen der Bretagne. Auf ihrer Fahrt besuchen sie viele bekannte, dem normalen Touristen aber auch unbekannte Sehenswürdigkeiten. Die Reise gibt ihnen immer wieder Anlass, sich mit sich selbst, der eigenen Vergangenheit und den nicht einfachen Charakteren ihrer Weggenossen auseinanderzusetzen.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wie eine Horde wildgewordener Büffel trompeteten die LKWs hinter ihnen, rückten mit aufheulenden Motoren bis auf Armlänge an sie heran, ließen sich mit quietschenden Bremsen wieder zurückfallen, um dann erneut Anlauf zu nehmen. Die schweren Motorräder vor ihnen nahmen die ganze Breite der beiden Fahrbahnen ein.

Die Fahrer mit ausgestreckten Armen an den breiten Lenkern, die Beine mit ausgestellten Knien und den Stiefelspitzen auf den Fußrasten, die runden Helme tief in der Stirn. Flatternde Schals und flatternde Hosenbeine.

Hinter den LKWs wurden Sirenen hörbar, Blaulichter flackerten. Die Motorradfahrer wandten einander lachende Gesichter zu. „Wie eine Polizeistaffel beim Besuch eines Staatspräsidenten!“, schrie einer in den Fahrtwind. „Zu viel der Ehre für uns alte Zausel!“ ein anderer. Wie auf Verabredung drosselten sie das Tempo. Die LKW-Bremsen quietschten. Die Sirenen schrillten noch zorniger.

„Also gut“, meinte ein Graubart, „lassen wir sie vorbei! Die haben es eiliger als wir!“ Und so fädelten sie sich hintereinander auf der rechten Fahrspur ein.

Zwei Polizisten auf Motorrädern winkten sie wenig später auf den nächsten Parkplatz.

„Vos papiers! Ihre Ausweise!“ Die vier Grauhaarigen griffen gleichmütig nach ihren Papieren. „Nous ne comprenons pas francais! Wir sprechen alle nur Deutsch“, witzelte Urs, der Schweizer im Quartett. Die beiden Uniformierten runzelten die Stirn und begannen dann ungerührt mit ihren Notizen. Schließlich meinte der eine Polizist in elsäßischem Tonfall: „Sie bekumme jetzt ihre Papiere widder und dann freuet Sie sich uff Boscht vun Paris. Übrigens: Ich kenn das deutsche Sprichwort ‚ Alter schützt vor Torheit nicht!‘ - Messieurs! Meine Herren!“ Die Polizisten schwangen sich auf ihre Maschinen und brausten davon.

Eigentlich dürfte es drei Männer der Gruppe gar nichtgeben. Sie hatten im letzten Jahr das Zeitliche gesegnet. Das waren Urs und Manfred. Und der dritte, Gustav, war schon vor über fünf Jahrzehnten abgetreten. Sie hatten damit gerechnet, in die Hölle zu kommen. Sie hatten es sogar gehofft. Schwere Jungs und schräge Vögel, die sie mit Sicherheit in der Hölle wähnten, wären allemal unterhaltsamer als die farblosen Kirchentreuen, die wohl nicht nur auf der Wolke sieben sondern auch auf allen anderen schweben und mit ihrem frommen Gesäusel die himmlischen Sphären erfüllen würden.

Doch die Hölle war längst geschlossen, weil niemand mehr daran glaubte. Nein, sie war nicht nur geschlossen. Es gab sie einfach nicht mehr. Jetzt musste jeder ob er wollte oder nicht mangels anderer Möglichkeiten in den Himmel. Und eine zwischenzeitliche Aufnahme in das Fegfeuer war auch nicht möglich. Es war auf längere Zeit geschlossen, weil es den modernen Sicherheitsstandards nicht mehr genügte.

Natürlich war der Himmel jetzt hoffnungslos überfüllt. Ein himmlisches Gremium tüftelte an einer Lösung und fand sie auch. Um wenigstens über Monate eine gewisse Entlassung zu schaffen, bot man Personen an, in kleineren Gruppen auf Kosten des Himmels noch einmal einige Zeit auf der Erde zu verbringen. Ein großzügiges Taschengeld sollte ihnen sorglose Tage ermöglichen.

Die Teilnehmer der Gruppen waren aus einer riesigen Ansammlung drängelnder und schreiender Menschen ausgelost worden. Gemischte Gruppengebildet aus Frauen und Männern - durften nicht gebildet werden, um schon einmal einen vorhersehbaren großen Reibungspunkt auszuschalten.

Gustav konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, als sein Name aufgerufen wurde. Er war vor über fünf Jahrzehnten zu hundert Jahren Hölle verdonnert worden. Bei guter Führung könne er auch früher zu Fegefeuer begnadigt werden. Auf einen Aufstieg in den Himmel irgendwann einmal? - solle er sich aber keine Hoffnung machen, wurde ihm damals beschieden. „Schaue dir mal die Liste deiner Verfehlungen an, die du dir im Laufe deines Lebens hast zuschulden kommen lassen!“, schnauzte ihn einer der Bodyguards an der sog. „Heißen Pforte“, dem Einlass zur Hölle, an. „Übrigen sich lese auf deinem Überweisungsschein: Alter 59. Etwas früh, Alter, was?“ „Keine Lust mehr gehabt!“ „Ach ja? Und jetzt meinst du, hier wird es besser? Dir werden wir die Hammelbeine schon lang ziehen, mein Gut’ster!“ „Hammelbeine? Ach, dass kenne ich schon von der Reichswehr und von der Wehrmacht her! Das kann mich nicht mehr schrecken!“

Gustav hatte nicht seine ganze Zeit absitzen müssen. Nachdem immer weniger Leute an die Hölle glaubten, löste sie sich in Wohlgefallen auf, und das reparaturbedürftige Fegefeuer erlitt das gleiche Schicksal. Gustav wurde ohne Umwege und Umstände in den Himmel befördert. „Und das mir!“, war sein Kommentar.

Nachdem er an keinen Gebetsstunden, Gottesdiensten, Prozessionen und Wallfahrten, Proben und Aufführung von Messen teilgenommen hatte, verbrachte er seine Zeit mit Daumenkreisen und dem Ausdenken gotteslästerlicher Flüche. So dürfte es niemand verwundern, dass er als erster frühmorgens auf dem „Platz des ewigen Friedens“ stand und auf den Beginn der Werbeveranstaltung für „Adventure-Reisen zur Erde“ wartete. Und auch sein bereits erwähntes leichtes Schmunzeln beim Aufrufen seines Namens nicht. Da er schon über hundert Jahre auf dem Buckel hatte (etwa sechzig irdische und über fünfzig außerirdische),durfte er seine Reisebegleiter aussuchen.

Auch Männer aus dem Jenseits müssen mal, und so steuerten die drei einen Rastplatz an. Außer ihnen hielt sich jetzt dort nur noch ein Reisebus auf. Dessen Insassen hatten sich an Bänken und Tischen verteilt und sprachen ihren mitgebrachten Speisen und Getränken zu. Die drei Ritter der Landstraße setzten sich ohne Umstände zu ihnen und wünschten guten Appetit.

„Ja und Sie! Haben Sie kein Vesper dabei?“, erkundigte sich eine kräftige, ältere Dame und zauberte gleich blaukarierte Deckchen aus ihrem Vesperkorb und bestückte sie mit Wurst, Käse, Brotscheiben und einem Glas Gewürzgurken. „Greifen Sie nur zu! Ich hab immer reichlich dabei!“, forderte sie freundlich auf.

Es stellte sich heraus, dass die Reisegruppe ein Chor aus Karlsruhe war, der am nächsten Tag in „Notre Dame“ in Paris singen würde. Der Chorleiter war ein betagter Herr mit grauer, nein eher schon weißer Künstlermähne. Er betrachtete neugierig und wohlwollend die Motorräder unseres Männertrios. „Das ist immer noch ein Traum von mir! Seit meiner Jugendzeit ist das so und jetzt bin ich fast neunzig und ich habe ihn immer noch nicht verwirklicht! Einmal mit einem Motorrad durch die Gegend zu brausen! Jetzt natürlich nur noch als Beifahrer im Seitenwagen. Aber so was hätten Sie ja dabei“, sehe ich.

„Meister! Kein Problem! Das erledigen wir sofort! Sie machen mit uns eine kleine Spritztour, und wir bringen Sie gleich wohlbehalten wieder zurück!“, rief Urs. Und befahl: „Auf Männer!“ Die dreisprangen auf, zwei von ihnen hoben den alten Herrn unter dem Aufschrei des gesamten Chors von der Bank und drückten ihn in den Beiwagen. Sprachlos saß der Chor. Aufheulend preschten die Motorräder vom Parkplatz.

Gustav hatte also seine Reisebegleiter aussuchen dürfen. Neben ihm stand einer, zwar schon in vorgerücktem Alter, mit Glatze und grauen Koteletten, machte aber einen selbstbewussten Eindruck. Sicher kein Weichei, einer, mit dem man wohl auch mal auf den Putz hauen könnte, vermutete Gustav. „Wollen wir beide ein Reisegespann bilden und uns noch zwei Männer dazu holen?“, fragte er.

„Ja, bäumig! Das wär` numme nüüd!“, gab der zur Antwort. „Nume nüd? Ist das Scheizerdeutsch? Und was soll das heißen?“ „Ja, richtig! Ich bin Schweizer und ich will sagen, dass ich einverstanden bin! Und Sie sind Deutscher, Herr Doktor?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Ach so, wegen dem Schmiss an der Backe! Das haben schon viele gedacht, dass ich in einer schlagenden Verbindung war. Nein, diesen „Liebesgruß“ hat mir 1944 so ein hinterhältiges, französisches Partisanenschwein verpasst, als ich Kradmelder in der Wehrmacht war und von Gap nach Marseille fuhr.“ „Über das „Partisanenschwein“ müssen wir nochmal reden. Aber jetzt etwas ganz anderes: Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Ich habe Sie auf einem Foto in einem unsrer Familienalben. gesehen. Viel jünger natürlich, aber die Ähnlichkeit besteht ohne Zweifel. Sie stehen Arm in Arm mit einer meiner Tanten.- Sie waren ihr Verlobter!“ „Tatsächlich war ich mit einer Schweizerin verheiratet. Sie stammte vom Zürichsee.“– „Genau, da bin ich auch her! Und Sie sind der Gustav! Was ist die Welt doch klein, so sagt man. Aber der Himmel anscheinend auch! Und ich weiß ich schon eine Menge über Sie!“ „Denke ich mir!“, meinte Gustav mit säuerlichem Gesicht. „Das wird wohl kaum schmeichelhaft sein! Schließlich war ich für den Vater meiner Verlobten, en chaibe Düütsche‘ so sagt man doch bei euch.“ -

„Aber machen wir jetzt unsre Gruppe perfekt! Zwei Kandidaten fehlen noch. Ich muss hier raus! Diese ständigen Weihrauchschwaden! Davon hab ich die meiste Zeit Kopfweh!

Wie wär‘s mit dem Typen dort drüben? Der scharrt wie ein Rennpferd mit den Hufen! Der kann`s nicht erwarten, den immerwährenden Lobgesängen zur Ehre des Allgegenwärtigen zu entgehen. Und er sieht ziemlich handzahm aus und wird nicht unsre Gruppe ständig aufmischen wollen. Zwei Alphatiere wie wir beide müssten genügen! Also dich, Heiri, das ist doch so ein Schweizer Name? schätze ich so ähnlich ein wie mich! Wir müssen den andern immer sagen, wo’s langgeht, stimmt’s?“-„Ja schon, aber immer demokratisch! Übrigens heiße ich Urs.“

Der als „handzahm“ eingeschätzte zeigte gleich Begeisterung, als er von den beiden Kerlen, die etwa in seinem Alter zu sein schienen, angesprochen wurde. „Prima, prima! Isch hebb mei Lewe lang schun Motorrad fahre wolle! Awer als Jugendlischer hebb ich´s Geld ned ghadd

un speda war mei Fraa degesche! Momfred, Momfred,hodd se gmeent, du hosch vielleischt ned s’Meeschde in de Birn, awer zu Brei fahre musch se aa ned!Fast hedd isch vergesse misch vorzustelle! Isch heess Momfred, also Manfred. Des hawwe Sie ja schon mitgekriegt - „Das Wichtigste habe ich verstanden, nämlich Motorrad und Manfred“, fasste Urs zusammen.

Jetzt aber stockte die Rekrutierung. Keiner der nächsten Angesprochenen wollte mitmachen. Keiner hatte Lust, in das Motorradgespann, das die Himmlischen Gustav zugesprochen hatten, einzusteigen. Als Beifahrer! Jeder wollte selbst an einem Gasgriff drehen! Auch als Gustav das Gespann anpries, mit dem sei er als Mitglied der Feldgendarmerie schon 1941 in Russland rumgekurvt, biss keiner an.

„Dann sucht euch eben in Gottes Namen - oder in meinem Namen - auf der Erde noch einen aus, beschied sichtlich genervt Paulus, der Leiter des „BfA“ (Büro für Ausreisewillige), weil das Büro dem heutigen Ansturm kaum gewachsen war. „In Kleinasien und Griechenland gibt es einige interessante staubige Pisten, kann ich euch aus eigener Erfahrung empfehlen!“, schob er aber etwas freundlicher nach, weil ihm einfiel, dass er doch ein Heiliger war .Und das verpflichtete zu einer gewissen Makellosigkeit! Anstrengend!

Nicht zu vergessen: Manfred und Urs hatten keinen Motorrad-Führerschein!

„Wo ist das Problem?“, fragte der Reise-Apostel. „Er legte den beiden seine Hände auf die Stirn und erklärte: „Ab diesem Augenblick könnte ihr perfekt Motorradfahren!“

Nun also war auch der Beiwagen besetzt. Die weiße Künstlermähne des Chorleiters flog im Fahrtwind. In seinem Herzen wogten die Gefühle. Wut und Empörung über die freche Entführung gegen die aufkommende Begeisterung über den Ritt ins Unbekannte.

Die Begeisterung wuchs mit jedem Meter, den er im Beiwagen zurücklegte, und die Wut fiel in sich zusammen. Seine Augen begannen zu leuchten. Er dirigierte wild und schrie: „Im Sturmwind daher! Im Sturmwind daher!“

Auf dem nächsten Parkplatz stellte er sich den anderen noch vor: „Bruno, Musiker, Chorleiter.“. Aber bei aller neu aufgekommenen Begeisterung musste er denen doch gleich bekennen, dass ihm sein im Stich gelassener Chor etwas im Magen lag. Schließlich müsse er ihn am nächsten Tag bei einem Konzert dirigieren. Und jetzt müsse man den Vorsitzenden des Chores sofort benachrichtigen, dass er wohlauf sei und auch rechtzeitig zur Generalprobe in „Notre Dame“ eintreffen werde, empfahl er Urs. „Zwischendurch mal eine kleine Spritztour, aber dann doch wieder zurück zu den „Freuden der Pflicht“, wie Siegfried Lenz es einmal formuliert hatte!“

Urs informierte im Namen Brunos den Chor, und jetzt konnte man den Ablauf des restlichen Tages ins Auge fassen. Metz war nicht mehr weit entfernt und Urs, der in seinen Erdentagen die Stadt schon einmal besucht und sie schön gefunden hatte, schlug vor, dort doch zu übernachten. Die drei anderen waren einverstanden und auch damit, zuerst eine Bleibe zu suchen und dann den Abend auf einer Restaurant- Terrasse am Ufer der Mosel ausklingen zu lassen. Ein nettes, kleines Hotel hatten sie bald gefunden, aber ein Lokal an der Mosel fand sich weit und breit nicht. Also verzehrten sie ein Allerwelts-Touristenmenu in der Fußgängerzone. „Wir alten Knaben haben für heute genug geleistet!“, zog Bruno das Fazit des Tages, und die anderen nickten zustimmend und alle zogen zum Hotel.

Da sie nicht wussten, wie lang ihr Taschengeld tatsächlich einmal reichen würde, verteilten sich auf zwei Doppelzimmer. Gustav und Urs, Manfred und Bruno wollten sich das erste Mal beschnuppern. Abendtoilette entfiel, zu müde waren doch die Kumpane. Immerhin zogen sich alle die Schuhe aus. Dabei fiel der Blick von Manfred auf die Füße von Bruno. „Mensch Bruno, wo hast du denn deine Zehen gelassen? Hat dich mal der Weiße Hai gebissen?“ „Nein, nein! Mich hat ein viel schlimmeres Monster gebissen! Das war Josef Wisarionowitsch Dschughaschwili, bekannt geworden als Stalin. Ich musste als Siebzehnjähriger noch an die Ostfront und habe mir im Winter 1944 dort die Zehen erfroren. Sie wären vielleicht noch zu retten gewesen, aber ich wurde in einem Lazarettzug nach Deutschland und dann noch zwei Tage lang dort herumgekarrt. Als mich schließlich ein Krankenhaus aufnahm, waren meine Füße dick geschwollen und schwarz. Man musste mir alle Zehen amputieren.“ –Da hast du ja noch Glück gehabt“, meinte Manfred und räkelte sich zufrieden in seinem Bett. „Wieso denn Glück gehabt?“, brauste Bruno auf. - „Na, mein Vater hat alle Finger in Russland gelassen!“

„Kameraden!“ Urs erhob sich am nächsten Morgen am Frühstückstisch. „Heute nähern wir uns Feldern, auf denen wahrscheinlich einige eurer Vorväter ruhmreich für ihr Vaterland gekämpft hatten! Wir fahren zuerst nach Gravelotte und besuchen dann Verdun. Das wäre mein Vorschlag!“ „Bei all deiner Begeisterung für das Militärische, du ruhmreicher Enkel eines Tell! Für mich geht heute der Dienst an der Musik vor! Hast du vergessen, dass ich heute Nachmittag zur Generalprobe in Paris sein muss und heute Abend in Notre Dame ein Konzert dirigiere?“ „Das machen wir einfach so“, meldete sich Gustav. „Ich fahre Bruno, den musikalischen Knaben, nach Paris. Der schwingt dort seinen Taktstock. Und sobald der letzte Ton verklungen ist, setze ich ihn wieder in den Beiwagen und bin dann vor Mitternacht wieder da. Ihr könnt hier in der Zwischenzeit am Ufer der Mosel angeln gehen. Oder angelt euch ein paar flotte Französinnen! Wäre das ein Vorschlag?“ „Du vergisst ganz, wie alt wir sind!“, jammerte Manfred. „Oder sollen wir etwa in einem Altersheim vorbeischauen?“

Urs meinte: „Gustav, du hast Rech! So machen wir das! Und uns beiden Hinterbliebenen hier wird schon was einfallen!“

Mal richtig wieder ohne Rücksicht auf die Kollegen den Gashebel aufdrehen dürfen! Gustav genoss es - und Bruno war in Gedanken schon in, ‚Notre Dame‘! Der Chor stand schon brav aufgereiht vor dem Altar, als die beiden in der Kathedrale auftauchten. Gustav lümmelte sich mit einem langgezogenen Seufzer in die erste Kirchenbank, und Bruno nahm sich ohne Umschweife den Chor zur Brust: „Wir haben keine Zeit zu verlieren! Erklärungen gibt es später!“.

Bald stiegen Sphärenklänge in das Kirchenschiff. Zur größeren Ehre Gottes und derer, die ihm hier ihre Stimme liehen. Gustav fielen die Augen zu, und er glitt auf der Bank langsam immer tiefer. War er schon wieder im Himmel? War da schon wieder ein Chor von Engeln am Werk? Sollte sein Abenteuer auf Erden schon wieder vorbei sein?

Plötzlich ein allgemeiner Aufschrei im Chor. Gustav schreckte hoch. Er sah, wie ein paar Frauen des Chores um den umgesunkenen Bruno knieten. Er war ohnmächtig geworden. „Diese schreckliche Aufregung war sicher schuld!“ -„Diese unverschämte Entführung!“ „Wer weiß, was diese Ganoven alles mit ihm angestellt haben!“- „He, he, he! Jetzt mal nicht ausfällig werden! Wir haben ihn die ganze Zeit wie ein rohes Ei behandelt!

Außerdem war er gleich begeistert in unsrer Runde dabei!“, mischte sich Gustav ein. Insgeheim aber überlegte er sich, ob er nicht doch etwas zu flott unterwegs gewesen war! Der Knabe wurde ja sicher bald hundert!

Den Tag in Metz ließen Urs und Manfred gemütlich angehen. Sie probierten alles durch, was das Frühstücks- Büfett hergab. Gott sei Dank hatten sich in Frankreich viele Cafés und Hotels in den letzten Jahren überzeugen lassen, dass sich vor allem die ausländischen Gäste nicht mehr mit einer Tasse Kaffee und einem Croissant zufriedengaben.

„Jetzt haben wir ja etwas Zeit, um uns etwas näher kennenzulernen“, begann Urs das Gespräch. Er fuhr auf Schwyzerdütsch fort und Manfred antwortete auf Pfälzisch. Aber weil sich die beiden Dialekte zwar gemütlich anhörten aber vom anderen nur schlecht verstanden wurden, wechselten sie auf ein wie sie fanden recht passables Hochdeutsch.

„Manfred“, setzte Urs neu an, „du bist also 65 Jahre alt. Das ist heutzutage ja noch kein Alter.

Warum bist du doch relativ früh gestorben?“ „Zuerst gab starb meine Frau, dann meine Schwester. Dann wurde bei mir Darmkrebs festgestellt. Ich habe meine Krankheit in meinem Inneren wachsen lassen, Arzttermine versäumt, Anrufe vom Krankenhaus unterdrückt, und erst als ich ziemlich sicher war, dass mir alle ärztliche Kunst nicht mehr helfen würde, war ich bereit, ins Krankenhaus zu gehen. Die waren dann dort tatsächlich machtlos. Und ich konnte mir manchmal ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn ich die hektischen Bemühungen des Pflegepersonals und der Ärzte beobachtete! Wie sie sich abmühten, meinen ausgezehrten Körper doch wieder ans sichere Ufer zu bringen!“

„Da sehe ich Parallelen bei mir“, sinnierte Urs „Auch ich wäre vielleicht noch am Leben, wenn ich früher zum Arzt gegangen wäre. Aber aus welchen Blüten wollte ich noch Honig saugen? Ich sah keine mehr! Und ich sah in allen Bereichen, in denen ich gekämpft hatte, keine Erfolgsaussichten mehr! „Warst du immer nur am Kämpfen?“ „Was denkst du! Unsre Heldenväter früher haben gekämpft, selbst wenn es aussichtslos schien! Du musst immer für etwas kämpfen: für deine Überzeugungen, deine Ideale! Oder willst du das von den anderen machen lassen? Und wenn alles nur bequem auf seinem Hintern hocken will? Ich habe immer gekämpft! Arnold von Winkelried war mein Vorbild, mein Held! -Was, den kennst du nicht?! Na, ja, du bist eben kein Schweizer! Also, Arnold von Winkelried hat in der Schlacht von Sempach an vorderster Front einige österreichische Speere an seine Brust 8 gezogen und damit eine Bresche geschaffen, in die das Schweizer Heer eindringen konnte. Er ist seinen Verwundungen erlegen, aber die Schweizer haben gesiegt! Ich habe im Laufe meines Lebens auch viele Speere auf mich gezogen, im Kampf für eine starke Schweiz. Aber schließlich hatte ich doch das Gefühl, dass ich auf verlorenem Posten stand.! - Jetzt ist es gut! Alles ist vorbei!“

„Das habe ich im Krankenhaus auch zu mir gesagt!“

- „Weißt du was, Manfred! Wir reden später weiter. Ich merke, dass das Thema mich ganz aufwühlt! Jetzt gehen wir in die Stadt. Ich will vor allem die Glasfenster von Chagall in der Kathedrale anschauen. Sie sollen „eine Offenbarung in Glas“ sein, habe ich mal gelesen. Und dann interessiert mich auch das „Centre Pompidou“. Ich weiß, dabei denkt jeder an Paris, aber hier gibt es auch eines!“

*

Verwirrt machte Bruno wieder die Augen auf. Er sah über sich einen Kreis von weiblichen Gesichtern, umrahmt von grauen oder weißen Haaren. Sind das jetzt Engel?, überlegte er. Und: Sind eigentlich alle Engel alt? Dann will ich aber noch nicht in den Himmel!

„Bruno, armer Bruno“, murmelte eine bei ihm kniende Gestalt und nahm liebevoll seine Rechte in ihren weichen Hände.

„Was heißt da armer Bruno! Ich bin nicht arm!“ Zornesröte stieg in sein Gesicht. Er stieß die Hände weg und setzte sich mit einem Ruck auf. „Ich bin vielleicht alt, aber ich bin nicht arm!“, schrie er so laut, dass das ganze Kirchenschiff widerhallte. Aber da verlor er wieder das Bewusstsein und sank erneut um.

„Wartet hier!“, befahl der Vorsitzende des Chors. Ich gehe schnell nach draußen und rufe mit meinem Handy einen Notarzt.“ -Die Zurückgebliebenen begannen in unfrommer Lautstärke zu beratschlagen. Um achtzehn Uhr sollte das Konzert beginnen. Da würde Bruno aber sicher in einem Krankenbett liegen. Musste man das Konzert absagen? Würde man einen Ersatz finden, der an der Stelle von Bruno das Konzert dirigieren konnte?

„Mais oui, c’est possible! - Ja, das ist möglich!“, meldete sich eine Stimme auf Französisch. Sie gehörte dem Organisten von Notre Dame, der sie während ihres Aufenthalts in Paris begleiten sollte und bei der Generalprobe anwesend war. „Ich bin nämlich auch Chordirigent und habe die „Cäcilienmesse“ von Gounod schon dirigiert. Wenn Ihr Chorleiter einverstanden ist. Aber vielleicht geht es ihm bald wieder besser und er kann den Taktstock selbst schwingen!“

„Kann er nicht!“ Der Vorsitzende des Chors war mit dem Notarztwagen zum Krankenhaus mitgefahren und brachte jetzt die Hiobsbotschaft, dass Bruno nach Anordnung der Ärzte sicher ein paar Tage unter Beobachtung bleiben und das Bett hüten müsse.

„Da ist die Kacke jetzt aber am Dampfen!“ Gustav schien sich sogar zu freuen. Aber er hatte wohl in ein Wespennest gestochen! Wütend wurde er angefahren: „Sie Banause! Das einzig Musikalische an Ihnen ist wahrscheinlich ihr Hinterkopf! Und haben Sie auch nur die geringste Ahnung, welcher Aufwand hinter so einem Konzert steckt? Ein ganzes Jahr haben wir an diesem Stück geprobt! Wir haben uns so gefreut! Und nicht auszudenken: In zwei Stunden beginnen die Konzertbesucher zu strömen! - Sie und Ihre schönen Freunde sind überhaupt schuld an allem! Den alten Mann im Beiwagen durch Frankreich zu jagen! -Wollen Sie vielleicht unser Konzert dirigieren!?“

Gustav sah ruhig in die Runde. „Ja, warum eigentlich nicht! Ich war als junger Mann in der Reichswehr. Hatte eine ganze Kompanie unter mir. „Drei, vier, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt!“, hab‘ ich z.B. dirigiert. „Spaß beiseite! Ich bin tatsächlich total unmusikalisch, aber ich kann trotzdem was für euch machen. Ich fahre jetzt mit meinem Motorrad ins Krankenhaus und bring euch die Zusage von Bruno mit, dass sein französischer Kollege für ihn dirigieren darf! Wir sind ja beinah schon alte Kumpel! Mir wird er das nicht abschlagen! Alsoich bin dann mal weg!“

„Du willst also in dieses ‚Centre Pompidou‘? -„Ja ,ins Centre Pompidou! Das wird dir auch gefallen! Oder interessiert dich die Kunst nicht?“ „Ich bin zwar Pfälzer, aber deswegen trotzdem ein Freund der schönen Künste! Die Schlösser in Schwetzingen und Heidelberg, die Museen in Monnem…“„Was Monnem? Monnem! Noch nie gehört!“- „Mannheim!“, verbesserte sich Manfred – „Also du gehst mit! Das freut mich!“

Sie bestaunten die moderne Kunst in weitläufigen Räumen. Jeder wählte seinen eigenen Weg.

Nach einer Weile bemerkte Urs auf einer Bank einen mageren Mann mit Drei-Tage-Bart und Glatze. Reglos vor sich hinstarrend. Das war doch Manfred! Urs rannte zu ihm hin und packte ihn an der Schulter. „Mensch, Manfred! Was ist los? Geht`s dir nicht gut?“- „Überhaupt nicht!“, murmelte der und hatte Tränen in den Augen. „Ich wollte mal weg von den himmlischen Höhen! Es hat mich so angestrengt, das ganze fromme Theater! Ich glaube, im Fegefeuer oder in der Hölle hätte ich mich leichter getan, hätte mich geben können, wie ich bin. Dort oben meinte ich immer, vollkommen sein zu müssen. Trotzdem –unser irdisches Abenteuer strengt mich noch mehr an.!“

„Mensch, Manfred! Du bist leichenblass!“ Der sagte kleinlaut: „Setze du mal deinen Rundgang allein fort! Ich gehe währenddessen ins Café und bestelle einen Tee!“

Gustav hatte Probleme, zu Bruno durchgelassen zu werden. Verschwitzt und zerzaust und unrasiert wie er war! Und dann diese Biker-Kluft! Er zeigte einer Krankenschwester sein makelloses Gebissseine eigenen Zähne waren ihm 1944 herausgeschossen worden und schilderte eindringlich die Notlage. „Na, bitte! Geht doch!“, stellte er schließlich zufrieden fest.

Bruno brütete im Krankenbett finster vor sich hin. Was wurde jetzt aus dem Konzert? Gustav erschien und hatte die Lösung, meinte er! „Aber was? Was für eine Lösung?!!“ Brunos Blut geriet in Wallung! Dieser französische Fant soll meinen Chor dirigieren?! Mein Konzert gestalten?! Nie und nimmer!! Ich rackere mich das ganze Jahr mit diesem begriffsstutzigen Chor ab, und ein anderer soll die Früchte dieser Arbeit ernten?! Nie und nimmer! Alles abblasen!, sage ich. Wo ist mein Handy? Wo ist die Nummer meines Vorsitzenden? Der soll alles regeln, alles abblasen!“

„Albert? Bist du es! Hör mir zu! Alles sofort abblasen! -Was heißt, das geht nicht? Schließlich bin ich euer Dirigent und gleichzeitig euer größter Sponsor! Ohne mich wärt ihr gar nicht hier! Vielleicht ist das mein letztes Konzert! Vielleicht bin ich nächstes Jahr schon unter der Erde? Willst du mich jetzt schon ins Grab bringen? Das braucht nicht mehr viel! Ich bekomme fast keine Luft mehr! Ich bekomme einen Herzinfarkt, Albert, wenn du