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Die Zeiten von heute sind unsicher und die Aussichten für morgen ebenso. Was rät da ein Zukunftsforscher der nächsten Generation? Was sind seine Prognosen? Welche Hilfestellungen kann er bieten? Opaschowskis Grundbotschaft lautet: Zieht euch warm an und wehrt euch – denn sonst zahlt ihr morgen für die Fehler von heute. Aber er ermutigt auch: Ihr seid die Zukunft – und Zukunft lässt sich gestalten. Er liefert handfeste Analysen und gibt, gespeist aus seiner reichen Erfahrung, konkrete Ratschläge mit auf den Weg, wie eine lebenswerte Zukunft Wirklichkeit werden kann.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für meine
Drei-Generationen-Familie:
NOVA (14) – JURI (22) – EMMY (25)
JULIUS (27) – MAXIMILIAN (29)
IRINA (53) – ALEXANDER (56)
ELKE (84)
Horst Opaschowski
NEHMT EURE ZUKUNFT IN DIE HAND!
Message an die nächste Generation
© Claudius Verlag München 2025
Claudius Verlag im Evangelischen Presseverband für Bayern e.V. Birkerstraße 22, 80636 München
Tel. 089/12172-119
www.claudius.de
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München
unter Verwendung von: Rakete: © pikisuperstar – Freepik.com
Autorenfoto: © NOVA PILAWA
Lektorat: Stenger & Rode GbR, München
e-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2025
ISBN 978-3-532-60140-2
Momentaufnahmen für Deutschland
„Für die junge Generation wird es in Zukunft schwieriger, ebenso abgesichert und im Wohlstand zu leben wie die Elterngeneration heute.“
(2025: 83 Prozent der Deutschen)
„Die junge Generation muss sich wehren. Sonst erbt sie die Schulden von heute als Steuern von morgen.“
(2025: 79 Prozent der Deutschen)
„Für Jugendliche sollte am Ende der Schulzeit ein soziales Pflichtjahr eingeführt werden, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern und das Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern.“
(2025: 59 Prozent der Deutschen)
Repräsentativbefragungen von jeweils 1000 Personen ab 14 Jahren vom 12. bis 18. Mai 2025 in Deutschland Quelle: Opaschowski Institut für Zukunftsforschung (OIZ)
Vorwort
„Seid optimistisch! Oder: Zieht euch warm an?“
1. Willkommen, Generation Z!
Eure Zukunft beginnt jetzt
2. Seid vorbereitet
Auch unwahrscheinliche Zukünfte sind möglich
3. Wehrt euch
Sonst erbt ihr die Schulden von heute als Steuern von morgen
4. Ihr seid die Akteure der Zukunft
Setzt die Politik unter Druck
5. Was wird aus euch?
Ihr müsst zu Krisenprofis, Sinnsuchern und Lebensoptimierern werden
6. Maßhalten und Zusammenhalten
Euer Krisenmodus in unsicheren Zeiten
7. Macht die Familie zur Konstante eures Lebens
Beständigkeit und Bindungen sind unverzichtbar
8. Ihr seid nicht zum Alleinsein geboren
Macht aus Einsamkeit Gemeinsamkeit
9. Ihr dürft auch hilfsbereite Egoisten sein
Hilfsbereitschaft hilft euch und anderen
10. Leben ist die Lust zu schaffen
Lebenslust und Leistungslust gehören für euch zusammen
11. Seid kreativ im Kollektiv
Eure Quelle für Innovationen im Berufsleben
12. Werdet zu neuen Selbstständigen
Unternehmerisches Handeln ist gefordert
13. Habt Mut zur digitalen Diät
Steigt aus der Zeitfalle aus
14. Macht nicht gleich alle eure Träume wahr
Hebt euch noch unerfüllte Wünsche auf
15. Macht Warenwerte zu wahren Werten
Dann fängt euer Wohlstand mit dem Wohlergehen an
16. „Lasst uns eine neue Arche Noah bauen!“
Das kann euer Lebenskonzept für die Zukunft werden
Nachwort
Ein dankbarer Blick nach vorn und zurück
Anhang
Zukunft ist Herkunft
Prognosen aus dem Zukunftsforscher-Tagebuch vor einem Jahrzehnt (2015/16)
Literaturverzeichnis
„Zukunftsforscher Opaschowski setzt auf die Jugend“, überschrieb die Deutsche Welle vor wenigen Jahren einen Beitrag. Auf die Feststellung „Viele seiner Thesen, die er schon in den 1970er- und 80er-Jahren formuliert hat, stimmen bis heute“ folgte die Frage: „Was erzählen Sie Ihren fünf Enkeln – seid optimistisch? Oder: Zieht euch warm an?“
Mit dem Sponti-Spruch aus der Nach-68er-Zeit „Trau keinem über dreißig“ begann Anfang der 1970er-Jahre meine wissenschaftliche Publikationstätigkeit. Ich selbst, Jahrgang 1941 und gerade dreißig geworden, stand also zwischen den Generationen – sympathisierte noch mit der jüngeren und paktierte schon mit den älteren Generationen. Diese biografische Ausgangssituation nutzte ich 1971 für meine erste Buchveröffentlichung über den „Jugendkult in der Bundesrepublik“. Mit dem Tod greiser Repräsentanten des Staates (Stalin, Roosevelt, Churchill, Eisenhower, Adenauer, Chruschtschow, de Gaulle) wurde der Weg frei für einen Generationenwechsel von John F. Kennedy bis Willi Brandt. Jugend und Jugendlichkeit wurden zu neuen Leitbildern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Und was meine ich mit „Jugend heute“? Im Kern handelt es sich um die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen: Meine fünf Enkel sind heute zwischen 14 (Nova) und 29 Jahren (Maximilian) alt. Diese Zeitspanne von fünfzehn Jahren gilt auch in der Jugendforschung als „die“ Jugendphase. Als 85-Jähriger schaue ich jetzt zurück – und zugleich nach vorn in die Zukunft dieser nächsten, meiner Enkelgeneration: „Ihr seid die Zukunft!“
„Eigentlich beneiden wir eure Generation“, sagte unlängst mein 22-jähriger Enkel Juri zu mir. „Ihr habt Krieg und Nachkriegszeit erlebt und konntet nach den Notzeiten nur gewinnen. Wir hingegen können doch nur verlieren. Wir sind in Wohlstandszeiten aufgewachsen und fühlen uns zunehmend auf der Verliererseite. Welche Zukunft wartet schon auf uns?“ Juris Statement war eine nachdenklich stimmende Antwort auf meine Bemerkung „Wisst ihr eigentlich, wie gut es euch geht?“ angesichts der vielen Weihnachtsgeschenke. Juri empfand diese Bemerkung zu Recht als Angriff auf den Lebensstil einer ganzen Generation.
Seine 25-jährige Schwester Emmy hingegen lebt bewusst zwischen Selbst- und Gesellschaftskritik. Sie weiß sehr wohl, was Wohlstand und Unwohlstand bedeuten und ergreift in unseren familiären Diskussionen Partei für die Schwachen und Benachteiligten in der Gesellschaft. Sie kritisiert die Regierungspolitik, die fast tatenlos der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland zuschaut. Für sie ist klar: „Die Regierung regiert weitgehend an den realen Lebensbedürfnissen der Menschen vorbei.“
Ihr Cousin, der 27-jährige Julius, hält wenig vom Lamentieren und Kritisieren. Er nimmt die Herausforderungen des Lebens aktiv und offensiv an. Auch ein „Leben am Limit“ gehört für ihn dazu. Er sieht es sportlich und will sich leistungsbewusst „mit Biss“ durch das Leben kämpfen. Sein älterer Bruder, der 29-jährige Maximilian, lebt schließlich die Siegermentalität schon vor. Auch er liebt den Wettkampf – beruflich und im persönlichen Leben auch. Dabei ist ihm das Vorausdenken besonders wichtig, was auch seine aktive Mitarbeit an meinem 2025 veröffentlichten „Zukunftsbarometer“ erklärt. An Ideen mangelt es ihm nicht: „Ich habe manchmal mehr Ideen als Zeit“, klagt er zu Recht.
Ja, und schließlich die jüngste Enkelin, die 14-jährige Nova: Sie verkörpert schon fast eine neue Generation spontaner Macher: Nicht lange reden. Machen – und das sofort! Als wir im Sommer 2025 nachmittags beim Kaffee zusammensaßen, traf gerade per Post die Anfrage des Verlags nach einem aktuellen Porträtfoto für die Buchwerbung ein. Nova zückte ihr Smartphone. Click. Fertig war das Werbefoto für diese Buchproduktion. Und auf meine Frage, was sie denn später mal werden will, kam die Antwort: „Dass ich mit dem, was ich kann, auch was erreichen kann …“
Diese 14- bis 29-jährige Enkelgeneration ist für mich die GEN NEXT 2040, die in den nächsten Jahren die Akteure der Zukunft sein wollen und werden – als Macher und Entscheider in der Arbeitswelt und als sozial Engagierte und Wehrfähige im künftigen Gesellschaftsleben auch. So herrscht bei mir der Eindruck vor: Diese Generation weiß, was sie will. Sie hat Ideen und Pläne fürs Leben, ist zielstrebig, sozial orientiert und kennt Langeweile nur vom Hörensagen. Lediglich auf die Frage „Wie geht es weiter?“ kann diese Generation nur wenig konkrete Antworten geben. Zu unsicher sind die Zeiten von heute und die Aussichten für morgen. Die hier versammelten „Messages an die nächste Generation“ wollen orientierende Leitplanken für eine lebenswerte Zukunftsgestaltung vermitteln und Immanuel Kants berühmte Fragen beantworten helfen:
Was können wir wissen?
Was sollen wir tun?
Was dürfen wir hoffen?
Eure Zukunft beginnt jetzt
Die Zukunft wartet nicht. Für euch, die nächste Generation, hat die Zukunft längst begonnen. Doch warum sollt ihr überhaupt an die Zukunft denken? Und wozu braucht ihr Weitblick und Visionen? Die Begründung: Früher brauchte der Fahrer eines Fuhrwerks, das sich nachts auf einer Landstraße im Schritttempo fortbewegte, zur Beleuchtung der Straße nur eine schlechte Laterne: Heute dagegen – in Zeiten der Hochgeschwindigkeit – muss ein schnelles Auto, das mit hoher Geschwindigkeit durch eine unbekannte Gegend fährt, mit starken Scheinwerfern ausgestattet sein. Ohne Sicht, ohne Weit-Sicht schnell in die Zukunft zu fahren, das ist doch der reinste Wahnsinn. Weitsicht ist im Nonstop-Zeitalter geradezu Zukunftspflicht.
Doch habt ihr nicht manchmal in Deutschland den Eindruck: Sobald ihr das Fernlicht einschaltet, wird in der Öffentlichkeit auf die Scheinwerfer geschossen? Wo bleibt das verantwortliche Zukunftsdenken, das der Sinnfrage nicht ausweicht und auch unbequeme Antworten auf die Frage gibt: Wie werden wir morgen leben, ja wie wollen wir leben?
Wagt mit mir jetzt eine Reise in die Zukunft. Auf den ersten Blick ist die Unsicherheit groß: Wer kann schon präzise voraussagen, wie die nächste Generation arbeiten, leben und konsumieren will und wird? Ist euer Zukunftsprofil nicht offener denn je?
In der Tat: Die Sprünge von einer Generation zur anderen werden immer kürzer und kurzlebiger. Die Gefahr ist groß, dass schnell Merkmale einer sogenannten „neuen Generation“ konstruiert werden, die auf den zweiten Blick weder neu noch außergewöhnlich sind, sondern schon immer jugendspezifisch waren. In der Generationenfolge der letzten Jahrzehnte folgten nach der Logik des Alphabets auf die „Generation X“ die „Generation Y“ und die „Generation Z“. Haben die Buchstaben-Etikettierungen nur zufälligen Charakter? Sind es bloße Begriffe oder verbergen sich dahinter unterschiedliche Lebenskonzepte? Hier eine Kurzcharakteristik:
Generation X: Der kanadische Kultautor Douglas Coupland führte 1991 in seinem gleichnamigen Roman den Begriff „Generation X“ als Beschreibung für ein Leben in einer immer schneller werdenden Kultur („Tales for an Accelerated Culture“) ein. Er beschrieb darin das Lebensgefühl einer jungen Generation in den USA zwischen McJob, Brazilification (also der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich) und dem Yuppie-Lebensstil. Es dominierte ein „Ich-will-alles“-Lebensgefühl. Eine wunschlos (un)glückliche Generation wuchs heran, die fast alles hatte und haben wollte. Sie fühlte sich als „Ich-will-alles-und zwar-jetzt“-Generation. Sie erwartete „nur zwei oder drei wahrhaft interessante Momente im Leben, der Rest sei Füllmenge“ (Coupland 1991, S. 36). Den größten Teil ihrer Energie wendete diese Generation X, also die etwa zwischen 1965 und 1980 Geborenen, dafür auf, eigene Zukunftsängste abzuwehren.
Generation Y: Auf die Generation X folgte die Generation Y. Im Blickpunkt der modernen Jugendforschung standen jetzt die zwischen Mitte der 1980er-Jahre bis zur Jahrtausendwende Geborenen, die ebenso selbstbewusst-glücklich wie nüchtern-pragmatisch erschienen. Die Generation Y war demnach „die anspruchsvollste und verwöhnteste Generation aller Zeiten“ (BUND 2014, S. 20): Behütet aufgewachsen und von Geburt an gefördert und gefeiert. Sie hatte eine geradezu höllische Angst, etwas zu verpassen. Mit unzähligen Optionen groß geworden, glaubte sie, ein Anrecht auf Glück zu haben. Und das bedeutete: „Glück ist wichtiger als Geld.“ Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, warum Jugendforscher die Generation Y „heimliche Revolutionäre“ nannten, die irgendwo dagegen und irgendwie auch nicht dagegen waren. Diese Generation Y engagierte sich in der Politik nur, wenn „es ihr etwas bringt“ (Hurrelmann/Albrecht 2014, S. 125). Infolgedessen wollten sie Politik als Sprachrohr für die eigenen Belange verstanden wissen. Kurz: Sie machten „Politik auf leisen Sohlen“, ohne aktivistisch zu sein.
Generation Z: Nach der Generation Y kommt ihr – die Generation Z: Ihr seid die nach der Jahrtausendwende Geborenen. Ihr seid die Generation U30. Ihr strahlt vielfach Zuversicht aus, seid in Wohlstandszeiten aufgewachsen und möchtet auch in Zukunft so weiterleben wie bisher – und das in Zeiten, die immer unsicherer und in denen weltweit Finanz-, Wirtschafts-, Umwelt- und Gesellschaftskrisen immer selbstverständlicher werden. Auf den ersten Blick habt ihr, die ihr in Dauerkrisenzeiten aufgewachsen seid, wenig Grund zum Optimismus. Trotzdem:
Nehmt die Herausforderungen des Lebens positiv und offensiv an. Von naiv-blauäugigem Optimismus wollt ihr wenig wissen, von chronischen Zweifeln und resignativem Pessimismus aber auch nicht. Selbstsicher startet ihr in die neue Berufs- und Lebensphase. „Loslegen!“ und „Losleben!“, heißt euer Wahlspruch. Ihr seid von euch und eurer Lebenshaltung überzeugt und reagiert relativ gelassen auf die Ära globaler Krisen. Ihr versteht euch als aktive Optimierer und wollt nicht bloße Optimisten sein.
Eure ganz persönlichen Aussagen sprechen für sich: „Ich will einfach das Beste aus jeder Situation machen.“ – „Ich bin temporär optimistisch, aber auch ein bisschen skeptisch.“ – „Ich denke, ich werde was. Also bin ich optimistisch.“ Groß ist euer Respekt vor einer ungewissen Zukunft mit noch vielen offenen Fragen. Ihr wollt und müsst mit der Spannung eines ambivalenten Lebensgefühls leben: Gespannt auf das, was kommt, aber auch ängstlich angesichts dessen, was noch kommen wird oder kann. Dies erklärt eure gelebte Gelassenheit: Ihr lasst alles auf euch zukommen. Die Ungewissheit bleibt zwar, aber sie lähmt euch nicht. Offensiv-positiv gestaltet ihr als Generation der Lebensoptimierer eure Zukunft. Ihr habt immer öfter einen „Plan B“ in der Tasche.
Auch unwahrscheinliche Zukünfte sind möglich
Über der Haustür von Niels Bohr, dem großen dänischen Atomphysiker, war einst ein Hufeisen befestigt. Ein Freund sprach ihn prompt darauf an: „Aber du glaubst doch nicht an so etwas!“ „Nein“, antwortete Bohr, „natürlich nicht. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es trotzdem wirkt.“ Und als Niels Bohr seine Atomtheorie entwickelt hatte, wurden Stimmen laut wie: „Mein Gott, muss der gerechnet haben.“ Seinen Freunden und Schülern vertraute der Wissenschaftler jedoch an: „Ich habe nicht gerechnet. Das war ein Einfall“ (Jungk 1969, S. 71). So muss wissenschaftliches Zukunftsdenken auch verstanden werden: eine Antenne für das Kommende haben, eine Art inneres Radarsystem, das ständig die Gegenwart beobachtet und systematisch der Frage nachgeht: Wo gehen die Dinge hin? Eine Mischung aus Datenbankbasis, Ideenfindung und Problemlösungshilfe für Entscheidungsträger. Verantwortliche Zukunftsforschung muss sozialkritische Analysen liefern, aber genauso offen für kreative Prognosen sein.
Im Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit steht seit Jahren die systematische Untersuchung der veränderten Lebensgewohnheiten der Bevölkerung. Die Ergebnisse von Repräsentativumfragen im Zeitvergleich (sogenannte Zeitreihen) bilden die sozialwissenschaftliche Basis für Prognosen. Prognosen erzielen immer dann eine große Treffsicherheit, wenn sie von der zentralen Frage ausgehen: Wo bleibt und was will der Mensch? Erst danach ergeben sich Antworten darauf, was wirtschaftlich, technologisch und gesellschaftlich alles möglich wäre.
Zukunftsforschung zeigt euch die Richtung an, wohin ihr euch in der Welt von morgen entwickelt. Dabei geht es um Entwicklungstendenzen und sich abzeichnende Perspektiven und nicht um Spekulationen. Wohl steht am Ende die Vision einer wünschbaren Zukunft – die Vision von 2030, 2040 oder 2050, wie ihr morgen leben wollt.
In Forschung, Wirtschaft und Politik müssen wir mit dem Zukunftsparadox leben: Je mehr und je präziser wir Prognosen abzugeben in der Lage sind (z. B. bei Wahlprognosen, Wettervorhersagen), desto mehr stellt sich bei uns das subjektive Gefühl von Ungenauigkeit und Unsicherheit ein. So entsteht ein Zukunftsgewissheitsschwund (Lübbe 1990, S. 68). Weil die Menge der Ereignisse pro Zeiteinheit mit der Menge des verfügbaren Wissens wächst, entsteht der Eindruck, dass die Zukunft immer weniger prognostizierbar sei.
Für euch ist Zukunft ein anderes Wort für Hoffnung. Leben im Land der Hoffnung und des Fortschritts. Das entspricht euren Erwartungen. Deshalb liebt ihr wieder Verlobungsringe und vertraut auf einen effizienten Idealismus: Lieber der Nachbarin helfen als lebenslänglich für die Parteien Plakate kleben. „Trotz weltweiter Krisen blicke ich optimistisch in die Zukunft“, sagen acht von zehn Gleichaltrigen – mehr als jede andere Bevölkerungsgruppe. Eure Option lautet: Wir wollen Zukunft! Wir sind die Zukunft!
Wie nie zuvor in unserer schnelllebigen Zeit sind Orientierungs- und Handlungswissen gefordert, um Konflikt- oder Krisenmanagement erfolgreich meistern zu können. Zukunftsforschung zwingt zur Entwicklung von Eventualstrategien. Empfehlungen für das Handeln lassen sich aber nur formulieren, wenn auch die Ziele des Handelns transparent gemacht werden. Andernfalls agiert ihr wie die Protagonistin von „Alice im Wunderland“: „Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus am besten weitergehe?“, fragt Alice. „Das hängt sehr davon ab, wo du hinwillst“, antwortet die Katze. Wissenschaftliche Zukunftsforschung will – negativ formuliert – verhindern, dass Menschen und Gesellschaften von Veränderungen überrumpelt werden, und – positiv formuliert – helfen, dass Menschen und Gesellschaften selbst zum Motor von Veränderungen werden. Wer die Zukunft gestalten will, muss wissen oder zumindest ahnen, wohin die Reise geht oder gehen kann. Dabei ist es nicht wichtig, ob das Zukunftsszenario in allen Punkten genau gezeichnet wird: Die Richtung muss präzise und verlässlich sein.
Nicht modische Zeitgeistströmungen wie wellness, homing oder cocooning sind Megatrends, sondern große, grundlegende Entwicklungen, die mindestens zehn bis zwanzig Jahre lang richtungs- und zukunftsweisend sind. Zurzeit werden Zukunftstrends durch einen dreifachen Wandel ausgelöst – den globalen, den sozialen und den demografischen:
1. Globaler Wandel. Der Prozess der Globalisierung hat die Welt unvergleichlich wohlhabender gemacht, aber gleichzeitig viele weniger entwickelte Länder in noch größere Armut gestürzt. Es sind der Gegensatz von Wohlstand und Elend sowie die wachsende Ungleichheit in der Welt, die immer öfter globale Proteste auslösen.
2. Sozialer Wandel. Das Interesse der Bürger verlagert sich: Weg von staatlichen Institutionen – hin zu Bürgerinitiativen und Nichtregierungsorganisationen für Umweltschutz und Menschenrechte, Entwicklungsländer und soziale Anliegen, Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftsnetzwerke. Diese informellen Netzwerke ermöglichen einerseits neue Formen der Solidarität, sind aber andererseits weniger stabil und nicht auf Dauer angelegt.
3. Demografischer Wandel. Langsam breitet sich weltweit ein Prozess der Überalterung aus. Die Revolution auf leisen Sohlen bewirkt, dass sich etwa der Anteil der über 60-Jährigen in Bangladesch in den nächsten fünfzig Jahren fast versechsfacht. Immer mehr geburtenstarke Jahrgänge erreichen dann das Seniorenalter. Eine problematische Paradoxie zeichnet sich ab: Während die Industrieländer zuerst wohlhabend wurden und dann alterten, altern die Entwicklungsländer, bevor sie wohlhabend werden. Die tendenzielle Geriatrisierung der Welt kann in Zukunft zu globalen Verteilungskämpfen zwischen Jung und Alt, Arm und Reich führen.
Eigentlich gibt es für die Wissenschaft nur eine wünschenswerte Utopie: das Bild einer Zukunft, in der es allen besser und niemandem schlechter geht. Realistisch aber ist eher eine Zukunftsperspektive, in der die Gewinner vielleicht ein bisschen weniger und die Verlierer ein bisschen mehr bekommen.
In der internationalen Zukunftsforschung gibt es unwahrscheinliche Zukünfte (sogenannte „Wild-Card“-Szenarios), die heute unsicher erscheinen, die aber – wenn sie Wirklichkeit werden – weitreichende Folgen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben können. Wenn solche Ereignisse eintreten, bleibt keine Zeit für lange Forschungen und Überlegungen mehr. Maßnahmen müssen dann schnell und mitunter sofort getroffen werden (vgl. Steinmüller/Steinmüller 2003). Die Unberechenbarkeiten in den Entscheidungen und „Dekreten“ des amerikanischen Präsidenten Donald Trump sind ein Beispiel dafür.
Als Zukunftsforscher war ich mir dieser Risiken und Verantwortung in den letzten zwanzig, dreißig Jahren immer bewusst. In der Zukunftsstudie „Deutschland 2020“ habe ich solche Wild-Card-Szenarios erstmals entwickelt. Für die 2020er-Jahre hatte ich 2004 als mögliche Risiken u. a. aufgezeigt:
Verseuchung der Erde durch Bakterien/Viren
Klimawandel (Überschwemmung, Erdbeben, Vulkanausbruch)
Handelsembargo EU/USA
Kalter Krieg zwischen Europa und den USA
Das Ende der Diplomatie: Krieg als Außenpolitik
Die USA auf dem Rückzug
Rückkehr zum Nationalismus: Antwort auf den Globalismus
Der Nahe Osten explodiert
Aufstand der Hungernden: Invasion nach Europa
Das waren meine Szenarien vor über zwanzig Jahren, die zum Zukunftsdenken herausforderten, auch wenn sie damals mehr mit sozialer Fantasie, mit Inspiration und sozialer Verantwortung zu tun hatten. Sie wirkten seinerzeit wie Querschläger oder Blitze aus heiterem Himmel – und sind inzwischen Wirklichkeit geworden (Pandemie, Klimawandel, Flüchtlingskrise, EU/USA-Konflikt u. a.). Spätestens seit dem Atomunfall Fukushima im Jahr 2011 ist jedoch allen klar geworden, dass auch ein Restrisiko Realität werden kann: Über Sicherheitsannahmen, Sicherheitsvorkehrungen und Sicherheitsanforderungen muss neu nachgedacht und entschieden werden. Nicht jede Katastrophe ist vorhersehbar, wohl aber vorstellbar. Zukunftsforschung als Risikoforschung heißt: das Undenkbare denken, das Unerwartbare erwarten, das Unwahrscheinliche für wahrscheinlich halten und mit dem Unberechenbaren rechnen.
