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In unserer alternden Gesellschaft werden »die Jungen« und ihre Interessen übergangen, sie dürfen nicht mitbestimmen und haben keine Lobby, und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. So wird Politik für eine Generation gemacht, die sich den Folgen nicht mehr stellen muss. Denn die Vorurteile gegenüber jungen Menschen sitzen tief, aber Probleme wie der Klimawandel, fehlende Chancengleichheit oder das Rentensystem lassen sich nur mit frischen Ideen und vor allem gemeinsam lösen. Ananda Klaar fordert mehr Teilhabe für ihre Generation und zeigt, bei welchen Themen für ihre Altersgenossen viel auf dem Spiel steht. Ihr Buch ist zugleich Gesellschaftskritik und Aufruf, um der jungen Generation die Chance zu geben, ihre eigene Zukunft zu retten.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Cover & Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Der Abiball in der Sporthalle
Wenn Erwachsene immer alles besser wissen
Kapitel 3
Ein Club als Trostpflaster
Wenn die Suche nach Gemeinschaft ins Leere führt
Kapitel 4
»Das Kind muss aufs Gymnasium.«
Wirtschaftswissen – aber nicht für alle
Es geht auch anders
Kapitel 5
Kapitel 6
Wenn die Angst vor Hilfe größer ist als die Angst selbst
Einfach abgemeldet
Wenn eine Essstörung das Leben anhält
Kapitel 7
Lieber Klimaschutz als Zukunftsplanung
Von Besserwisserinnen und Klimaleugnern
Kapitel 8
Ohne Geld keine Perspektive
Albtraum eigenes Einkommen
Kapitel 9
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Wie die Politik uns übergeht
Es ist ein Montagvormittag. Montagvormittags habe ich zwei Schulstunden Physikunterricht. Für Physik habe ich sehr wenig übrig, fast gar nichts. Den Physikkurs habe ich meinen Eltern zuliebe belegt, meine Mutter ist Informatikerin, mein Vater Ingenieur. Ich verstehe die Formeln für Fotoeffekt und Interferenz nicht. Meine Gedanken bleiben nicht bei der Planck-Konstante und Relativitätstheorie, sie schweifen immer wieder ab. Alles, was ich im Physikunterricht denken kann, ist politisch, philosophisch, für mich und mein Dasein relevant, deutlich relevanter als Physik jedenfalls. Diese für mich ewig langen Stunden Unterricht verbringt mein Kurs in einem quasi ungeheizten, seltsam unpersönlichen weißen Klassenzimmer mit monotonen grauen Tischen, unbequemen Plastikstühlen und zwei großen grünen Schiebetafeln, wie sie sonst nur in Vorlesungssälen an der Universität vorkommen. Mein Lehrer, dessen Unterricht nicht nur mich überfordert, erzählt immer wieder vom Lehrsystem an der Uni. Er und auch die meisten anderen Lehrer*innen behandeln uns vor allem in dieser Kursstufe wie Erwachsene. Es ist unsere eigene Verantwortung, zum Unterricht zu erscheinen, Hausaufgaben zu machen, ein gutes Abi zu schreiben.
Jeden Montag sitze ich also im schwarzen Wintermantel und Schal in diesem ausdruckslosen Unterrichtsraum, denke über das Leben nach und versuche, mich nicht beim Prokrastinieren erwischen zu lassen. Der einzige Lichtblick ist die kurze Pause zwischen den beiden Stunden, in der meine Mitschüler*innen und ich uns miteinander unterhalten.
»Ananda, weißt du schon, wen du wählst?«, reißt mich an einem dieser Montage kurz vor der Bundestagswahl ein Mitschüler aus meinem Zustand der inneren Leere.
»Welchen Kandidaten könntest du denn empfehlen?«, fragt er weiter. Lustig, denke ich mir. Genau darüber habe ich die letzten fünfundvierzig Minuten nachgedacht.
»Faktisch gesehen kümmert sich niemand um uns Jugendliche«, antworte ich trocken, »aber wenn du schon irgendwas halbwegs Ordentliches wählen willst, dann wähl doch mit der Erststimme SPD und mit der Zweitstimme Grün.«
Schade, denke ich, als der Unterricht weitergeht, schade, dass ich zwar eine Stimme habe, sie aber nicht abgeben darf.
Im Dezember 2021 wurde ich achtzehn Jahre alt. Drei Monate vorher war Bundestagswahl. Viele meiner Freund*innen und Mitschüler*innen sind in den Monaten und Wochen davor volljährig geworden. Nur einige von ihnen interessieren sich für Politik. Die allerwenigsten wollen wie ich Politikwissenschaften studieren. Stattdessen sind ihnen vor allem solche Dinge wichtig, für die sich viele Achtzehnjährige eben interessieren: Führerschein, Abimotto, Schulnoten. Natürlich habe ich auch einige politikbegeisterte Freund*innen, was meinem eigenen politischen Engagement geschuldet ist, doch wüsste mindestens die Hälfte meiner Stufe keine Antwort auf die Frage nach dem Namen des Bundespräsidenten, wie meine Gemeinschaftskundelehrerin in der zehnten Klasse in einer Klausur feststellen musste. Auch inhaltlich besteht oft großes politisches Desinteresse. Jeder weiß zum Beispiel, dass es sich bei Hartz IV um Arbeitslosengeld handelt, doch wissen nur wenige, wie problematisch das ganze Konzept ist und nehmen es einfach als tolle und großzügige Leistung des Sozialstaats wahr. Sich wirklich und ernsthaft mit den politischen Beschlüssen, unseren Politiker*innen und der deutschen Parteienlandschaft auseinanderzusetzen, dazu fehlt meist die Motivation. Dabei ist Politikverdrossenheit nicht nur schade, sondern auch gefährlich für unsere Demokratie. Denn diese lebt ausschließlich von der Beteiligung der Gesellschaft.
»Im September steht nicht nur irgendeine Wahl an«, erzählte ich daher vor allem den Gleichaltrigen in meinem Umfeld im Laufe des Jahres immer wieder, »in diesem Jahr findet eine Bundestagswahl statt, die maßgeblich über meine und die Zukunft meiner Generation entscheiden wird.«
Meine Mühen schienen sich auszuzahlen: Zu Beginn des Schuljahres kamen immer wieder Mitschüler*innen auf mich zu und fragten, wen ich denn wählen würde. Viele vergaßen dabei, dass ich selbst noch gar nicht wählen durfte. Ich würde also in diesem Jahr nicht mit meinen Freund*innen Erstwählerin sein können. Ich würde nicht mit meinem Vater die Wahlkabine besuchen und meine zwei Kreuze machen können. Ich würde mir nicht am Wahlabend die Hochrechnungen ansehen und mit den von mir Gewählten mitfiebern können. Was ich allerdings tun konnte, war, meine erste Wahlempfehlung abzugeben.
So oder zumindest in ähnlichem Ausmaß übergangen gefühlt habe ich mich durch den Gesetzgeber nicht nur bei der Bundestagswahl 2021, sondern bereits mit dem gescheiterten Versuch der schwarz-roten Großen Koalition, die Kinder- und Jugendrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Ich habe also nicht nur eine politische Meinung, die nicht berücksichtigt wird, sondern auch Rechte, die nicht bestmöglich von den Erwachsenen geschützt werden.
Schon während meines Engagements bei den Fridays for Future wurde mir klar, dass unsere Probleme nicht von denjenigen angegangen werden, die die Macht und die nötigen Mittel dafür haben und jetzt gerade am Ruder sitzen. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr engagiere ich mich für den Klima- und Umweltschutz, womit ich nicht gerade alleine bin. Auf den von mir mitorganisierten Protesten gingen vor der Pandemie teilweise über zweitausend Menschen auf die Straße, der Großteil von ihnen minderjährig. Doch dürfen Fünfzehn-, Sechzehn- und Siebzehnjährige nicht wählen, geschweige denn selbst zur Wahl aufgestellt werden, weder regional noch auf Bundesebene.
Das mag zwar Vorteile haben, aber eine negative Folge davon ist, dass Kinder und Jugendliche politisch quasi keine Rolle spielen. Wir sind keine Zielgruppe der Wahlprogramme der großen Parteien. Ihre Programme werden über unsere Köpfe hinweg gemacht, denn wir haben keine Stimmen, die sie gewinnen können. Selbst wenn ich 2021 also das Recht zu wählen gehabt hätte, hätte ich mich zwischen den gegebenen Wahlmöglichkeiten nur schwer entscheiden können, weil die Themen, die mein Leben berühren, in den Parteiprogrammen nicht stattfinden.
Kurz gesagt:
Alte machen Politik für Alte.
Vielleicht auch deshalb, weil viele Entscheider*innen der vergangenen Bundesregierung keine Kinder hatten. Natürlich kann man es dann nicht oder nur schwer nachvollziehen, wie sich Kinder und junge Menschen fühlen, wenn schlicht kein Kontakt zu ihnen besteht.
Dabei sehen sich einige Jugendliche vor einem Problem, das bereits vor knapp 250 Jahren Gegenstand des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war, das jedoch in der öffentlichen Berichterstattung so gut wie keine Rolle spielt: »No taxation without representation« lautete eine zentrale Forderung der Unabhängigkeitsbewegung. Viele Jugendliche arbeiten und zahlen Steuern, dürfen aber trotzdem aufgrund ihres Alters nicht wählen. Laut eines Berichts der WirtschaftsWoche vom Mai 2021 haben unter Achtzehnjährige 2016 etwa 163 Millionen Euro Einkommensteuern gezahlt.[1] Die größte Gruppe von ihnen sind Angestellte, während der größte finanzielle Anteil von Jungunternehmer*innen kam.
Natürlich handelt es sich hier im Vergleich mit allen Steuereinnahmen um Peanuts, doch trotzdem ist es nicht einfach gar kein Geld. Es ist Geld, das wir dem Staat abgeben, eine Leistung, die wir erbringen, über deren Verwendung wir jedoch nicht mitbestimmen können. Denn wir dürfen nicht wählen. Wir sollen also etwas leisten, aber nicht über die Ausgaben mitentscheiden dürfen? Den Amerikanern war diese Ungerechtigkeit jedenfalls Grund genug, um einen Krieg mit ihren Unterdrückern, der britischen Krone, anzufangen.
Ich möchte alles andere, als zum Krieg gegen die Erwachsenen aufzurufen. Aber ich möchte deutlich auf etwas hinweisen: auf die Missstände und auf die Probleme, die uns junge Menschen belasten. Denn es ist bitter nötig, dass wir mit der Politik und den großen Parteien abrechnen, da sie vor allem auch da große Lücken aufweisen, wo sie eigentlich unsere Interessen vertreten sollten.
Selbst die Jusos, bei denen ich mich schon früh engagiert habe, und die SPD machen für mich zu wenig Inhalte für Jugendliche zum Thema. Vor allem in Sachen Klimawandel und Nachhaltigkeit beinhaltet ihr Parteiprogramm nicht genügend konkrete Maßnahmen, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Daher bin ich zu Fridays for Future gegangen, habe Streiks und andere Aktionsformen mitorganisiert, um mich politisch so einbringen zu können, wie ich es für richtig halte.
Um den Treibhauseffekt weiß man seit Ende des 19. Jahrhunderts, und spätestens seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ist klar, dass unser industrialisiertes Leben einen negativen Einfluss auf das Klima hat und damit unsere Lebensgrundlagen gefährdet. Seit mindestens vier Jahrzehnten haben wir diese Information und haben doch viel zu lange nichts mit ihr angefangen, den Umstieg erst viel zu spät angepackt. Jetzt den politischen Wandel noch weiter nach hinten zu verschieben, ist absolut fahrlässig. Ob man lieber Arbeitsplätze rettet oder sozialen Ausgleich bei überlebenswichtigen Entscheidungen schafft, ist eine pure Frage des Willens. Die SPD ist, seit ich denken kann, mit in der Regierung gewesen. Und in der gesamten Zeit ist bei den für uns Jugendliche wichtigen, zukunftsweisenden Themen nicht wirklich etwas vorangegangen.
Doch nicht nur innen-, sondern auch außenpolitisch lässt sich eine gewisse Ignoranz gegenüber der Zukunft der jungen Generation beobachten. Dabei werden schon heute die Grundlagen dafür gelegt, wie Länder und Menschen in Zukunft miteinander umgehen. Klar ist: Die internationale Zusammenarbeit hat in letzter Zeit nicht gut funktioniert. Besonders deutlich zu sehen war das dank der Coronakrise, in der nicht nur ein »Wettrüsten« der Impfstoffe, sondern auch eine Impfdekadenz der westlichen Industriestaaten stattgefunden haben. Welcher Impfstoff ist wohl zuerst fertig, am sichersten, am schnellsten produzierbar? BionTech, Astra, Sputnik oder doch Moderna? Und während in Deutschland die Impfstoffe bereits verfielen, weil es nicht genug Impfwillige gab, lag die Impfquote im Jahr 2021 auf fast dem gesamten afrikanischen Kontinent bei deutlich unter zehn Prozent. Nicht etwa aus Unwilligkeit, sondern weil die Menschen dort schlicht das Impfangebot gar nicht hatten.
Wie soll unsere Generation mit globalen Problemen und Krisen in der Zukunft umgehen, wenn der internationale Fokus heute vor allem auf Wettbewerb und Vorteilsnahme liegt?
Die Verzweiflung der Schwellen- und Entwicklungsländer, das Gefühl, in der Pandemie vergessen worden zu sein, habe ich in meiner eigenen Familie erlebt. Meine Mutter ist in Indonesien geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern und Geschwister leben noch immer dort. 2018 war ich das letzte Mal in Indonesien, um meine Familie zu besuchen. Mittlerweile haben wir uns also Jahre nicht mehr gesehen. Meine Großeltern werden nicht jünger. Auch deshalb waren wir seit Beginn der Pandemie die ganze Zeit über angespannt. Denn wir mussten ständig damit rechnen, dass mein Opa, der über siebzig Jahre alt ist, sich mit dem Virus infizieren wird. Das war auch deshalb sonnenklar, weil alte Menschen in Indonesien keine Chance auf eine Impfung hatten. Anders als in Deutschland wurden dort nämlich nicht die Risikopatient*innen, sondern die Erwerbstätigen priorisiert geimpft. Die Impfstoffe, die man dort zur Verfügung hatte, waren laut Hersteller nämlich nicht für alte Menschen mit erhöhtem Risiko geeignet. Wir lebten in Sorge, dass es ihm schlecht gehen würde, dass er an Long Covid leiden würde, dass er eine Ansteckung nicht überleben könnte.
