Nenne drei Nadelbäume: Tanne, Fichte, Oberkiefer - Lena Greiner - E-Book
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Beschreibung

Wenn Lothar Matthäus die Bibel übersetzt hat, waren Deutschlands Schüler mal wieder besonders kreativ. SPIEGEL ONLINE hat Lehrer dazu aufgerufen, die skurrilsten Stilblüten und Fehler aus Prüfungen, Klausuren und Unterrichtsstunden zu verraten und Hunderte von Einsendungen erhalten. Die besten davon sind in diesem Buch versammelt: Ein Beispiel für eine heimische Vogelart? Das Rotkäppchen. Das weibliche Sexualhormon? Estragon. Und Deutschlands bekannte Nadelbäume? Tanne, Fichte und Oberkiefer. Witzig, absurd und manchmal zum Verzweifeln – denn wer nichts weiß, kann alles raten.

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Das Buch

Jesus ist ein Mehrtürer, die Golden Gate Bitch eine berühmte Brücke in San Francisco und Konrad Adenauer? Der Gründer der Stalin-Staaten. Unwissende Schüler trumpfen gern mal mit Halbwissen auf. Doch was Lehrer leise verzweifeln lässt, ist oft zum Schreien komisch.

Das stellten auch die SPIEGEL-ONLINE-Redakteurinnen Lena Greiner und Carola Padtberg-Kruse fest, als sie ihre Leser dazu aufriefen, die witzigsten und absurdesten Schülerantworten einzusenden. Ihr Buch versammelt Hunderte Zitate aller Jahrgangsstufen und Fächer – ein unvergleichlich komisches Zeugnis deutscher Unbildung!

Die Autorinnen

Lena Greiner, Jahrgang 1981, stammt aus Hamburg. Sie studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Hamburg, Berlin und Washington, DC. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als freie Journalistin und schrieb vor allem über Bildungspolitik. Seit 2013 ist sie Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

Carola Padtberg-Kruse, Jahrgang 1976, studierte Englische Literatur und Politik in Bonn und London. Sie volontierte bei Zeit-Online und ist seit 2005 Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-SPIEGEL.

Lena Greiner /

Carola Padtberg-Kruse

Die witzigsten Schülerantworten

Mit Cartoons von

Hauck & Bauer

Ullstein

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage September 2015

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015

In Kooperation mit SPIEGEL ONLINE, Hamburg

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Titelabbildung: © FinePic®, München

ISBN 978-3-8437-1228-6

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: KompetenzCenter, Mönchengladbach

Inhaltsverzeichnis

»Philipp Reclam schrieb Kabale und Liebe«:Der Deutschunterricht

»Dear Mum and Dead«:Übelsetzungen aus Englisch, Französisch, Latein

Als Hitler die DDR gründete:Debakel in Geschichte und Politik

Hürden im Schulalltag:Von Blackouts und Schlafmangel

»Jesus war ein Mehrtürer«:Religiöse Verwirrungen

»Misses Hippie ist ein Fluss«:Irrläufer in Erdkunde

»Rippen und Unterkiffer«:Blamagen in Biologie

»Na steht für Napalm«:Chemie, Physik und Mathe

Die »Abfuckprämie«:Wirtschaft und Recht

Reifeprüfung?Die besten Fehler aus dem Abitur

»Schosch Dabellju Busch«:Absurde Schreibfehler

»Meine Konfession ist 75B«:Allgemein(un)wissen

»Alkohol verursacht Hemmschwellungen«:

Einleitung

Was ist Mut?

»DAS ist Mut«, schreibt ein Schüler auf den Prüfungsbogen und gibt die Philosophieklausur nach wenigen Minuten mit nur diesen drei Worten ab.

So soll es sich zugetragen haben. Irgendwo, irgendwann. Die Legende der wohl kreativsten Schülerantwort hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig, einige Lehrer wollen sie sogar selbst erlebt haben – und berichteten uns davon. Mehrere hundert Pädagogen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind einem Aufruf bei SPIEGEL ONLINE gefolgt, uns die witzigsten und traurigsten Wissenslücken ihrer Schüler zu schicken. Sie sendeten uns ihre schönsten Stilblüten aus dem Unterricht – von Grundschule bis Gymnasium und Berufsschule: In diesem Buch sind sie vereint, die absurdesten Fehltritte.

Ob sich die legendäre Situation mit dem mutigen leeren Blatt wirklich mehrmals zugetragen hat? Wir bleiben skeptisch, doch was wir wissen: Jeden Tag werden Kinder und Jugendliche in Klassenzimmern äußerst kreativ, vor allem, wenn sie nicht weiterwissen.

Wir erinnern uns selbst noch gut an das Gefühl der Frustration, wenn der Lernstoff in der Schule so abstrakt blieb, dass ihn unser Gehirn partout nicht aufnehmen wollte. Wie das Herz raste und die Handflächen schwitzten, wenn in Klausuren oder im Unterricht nicht die – auf Lücke – gelernten Fakten, sondern größere Zusammenhänge oder gar völlig unbekannte Dinge abgefragt wurden. Wie unfair sich ein unangemeldeter Test am Montagmorgen anfühlte: Bedrohlich schlenderte der Feind mit verschränkten Armen und einem diabolischen Lächeln durch die Reihen, während wir fieberhaft etwas auf das Papier kritzelten. Und wir wissen noch genau, wie wenig das alles mit unserem wirklichen Leben zu tun hatte, wie viel Überwindung es kostete, sich mit dem Schulkram zu beschäftigen.

Das Schülerleben kann als gefühlt endlose Abfolge von Prüfungen, Tests, Referaten und Diktaten gesehen werden. Von Algebra über Goethe bis zum Zitronensäurezyklus – Schüler bekommen Tausende Fragen gestellt, schwierige und einfache, und sie müssen auf alle eine Antwort finden. Bis zu 13 Jahre lang werden sie miteinander verglichen und in Raster eingeordnet. Nach der Klausur ist vor der Klausur, nach dem Zeugnis ist vor dem Zeugnis. Das fetzt nicht immer, so viel ist klar. Dass es manchem eine Zeitlang schlicht zu doof ist, in diesem Leistungssystem mitzuwirken, ist nur verständlich.

Für Schüler, die aus diesen Situationen das Beste machen, ist dieses Buch der unfreiwilligen Komik im Klassenzimmer geschrieben. Ihr Ehrgeiz, die Lücken in den Fragebogen – und in ihren Köpfen – trotz Faulheit und Ahnungslosigkeit irgendwie zu füllen, bringt uns immer wieder zum Grinsen, häufig aber auch sehr zum Lachen. Denn die Schüler arbeiten dabei häufig mit erstaunlich hoher geistiger Flexibilität und ganz eigenen Lösungsstrategien, und würde man den verlangten Kanon einmal wegdenken, wären einige dieser Antworten durchaus plausibel. Allerdings nur einige – die meisten sind schlicht witziger Unfug.

So wie jüngst im Politikunterricht einer 8. Klasse. Das Thema: Die Ukraine-Krise.

Lehrer: »Welche Staaten außer der Ukraine fühlen sich jetzt auch von Russland bedroht?«

Schülerin: »Holland!«

Lehrer: »Hä? Wieso Holland? Guck mal auf die Landkarte!«

Schülerin: »Ja, aber das steht doch da: Hollande und Merkel sorgen sich sehr wegen der Ukraine-Krise.«

Nicht alle Lehrer schätzen diese komische Seite ihres Arbeitslebens. Viele sind verstört ob der Unwissenheit ihrer Schüler. Die größte Schwierigkeit besteht für Lehrer ja darin, dass sie mindestens 24 Zuhörer gleichzeitig abholen müssen. Da sitzen Jugendliche mit dem intellektuellen Niveau einer Zimmerpflanze neben oberschlauen Nachwuchsgenies. Wie der Unterricht also auch gestaltet wird: An einigen gehen die Lektionen immer vorbei. Mancher Schüler fühlt sich beleidigt, wenn im Physikunterricht der zwölften Klasse immer noch nach Grundlagen aus der Siebten gefragt wird, und macht sich über die Fragestellung lustig. Eine Reihe weiter denkt sein Mitschüler immer noch, die Erde sei eine Scheibe.

Dieses Buch ist deshalb auch Lehrern gewidmet, für die falsch nicht gleich falsch ist. Lehrern, die das Potential von Lösungswegen zu schätzen wissen und die für die Fähigkeit, Dinge anders zu sehen, hin und wieder einen Kreativpunkt vergeben. Schließlich hat auch ihre Art zu fragen mit dem Unterrichtserfolg zu tun: Wenn eine Aufgabenstellung mehrere Bedeutungsebenen hat, ist es doch dem Empfänger überlassen, welche davon er sich aussucht und beantwortet, oder?

Ein Hauptschullehrer wollte beispielsweise in einer Klassenarbeit wissen: Wer wurde im Jahre 800 nach Christus zum Kaiser gekrönt? Wie im Studium gelernt, gab er den Schülern drei Antwortmöglichkeiten vor – die richtige, eine unwahrscheinliche und eine, wie er selbst sagt, »total bekloppte«: Karl der Große, Wilhelm II. und Franz Beckenbauer. Und was kreuzten 40 Prozent der Achtklässler an? Kaiser Beckenbauer. Eben.

In den folgenden drei Kapiteln lesen Sie zunächst von den besten Lachern aus den Fächern Deutsch, Fremdsprachen, Geschichte und Politik. Danach betreiben wir Ursachenforschung und klären, wie Blackouts im Gehirn entstehen, was man dagegen tun kann und warum Pubertierende sich einfach nicht konzentrieren können, wenn die erste Stunde um acht Uhr beginnt.

Dabei geht es im Deutschunterricht nicht nur um sprachliche Hürden, wie sie dieser Lehrer erlebt hat: »Ein Schüler aus Somalia, der oft zu spät kommt, kam einmal mehr zu spät«, erzählt der Pädagoge. Er sagt zu dem Jungen: »Jetzt bist du wieder zu spät; wo kommst du denn her?« Der Jugendliche, ganz verdutzt: »Aus Afrika!« Auch Muttersprachler greifen gern mal daneben, so wie in dieser Abiturklausur im Deutsch-Leistungskurs: »Schriftsteller in den 50er Jahren waren nur erfolgreich, wenn sie mit Glied in der Gruppe 47 waren.«

Und erst die Fremdsprachen! Meinen Sie wirklich, mit Hilfe eines Wörterbuchs sei eine Übersetzung ein Kinderspiel? Irrtum! Wer nämlich nicht weiß, dass das deutsche Adjektiv »reich« klein geschrieben wird, übersetzt den Satz »Mein Vater ist reich« schon mal mit »My father is Empire«. Kein Witz, genau das ist passiert, wie wir dank der Einsendung eines Lehrers aus Nordrhein-Westfalen wissen. Auch die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik halten ihre ganz eigenen Folterinstrumente bereit. Da wirbeln im Schülerhirn Namen von Ländern, Jahreszahlen und Politikern hoffnungslos durcheinander, und während die Gehirnzellen noch verzweifelt nach der richtigen Kombination schnappen wie ein Ertrinkender nach Luft, pressen die Schüler irrwitzige Lösungen hervor: Dann hat Mehmet Scholl die Nazis bekämpft, die berühmte Brücke in San Francisco heißt Golden Gate Bitch, und Caesar war Diktator auf Lebenszeit, weil er, so die Logik eines Sechstklässlers, so derart gut war in: Rechtschreibung.

Auch das Fach Religion stiftet in Kinderköpfen offenbar viel Verwirrung: Was war da los mit Abraham und Eva, warum lag das Jesuskind mit einer Grippe im Stall, und was hat ein berühmter Fußballer mit der Bibel zu tun? Jetzt wissen wir es. Speziell, aber nicht weniger abenteuerlich geht es in den Fächern Bio, Chemie und Physik zu. Abstruses Halbwissen lässt sich hier noch schlechter kaschieren. Da werden Rotkäppchen zur heimischen Fauna gezählt, Esel mit Maulwürfen gepaart und die Müllabfuhr zum Ökosystem gemacht. Selbst Lehrer können sich manchmal nicht zurückhalten. »Und wo sind wir mit unseren Gedanken?«, kommentierte ein Bio-Lehrer diesen Satz in einer Klausur: »Unterkiffer, Rippen …«

Wichtig war uns als Autorinnen in jedem Fall: Humor. Schließlich ist kein Mensch perfekt (faule Schüler erst recht nicht). Eine Lehrerin schrieb uns: »Bitte lassen Sie deutlich werden, dass ich – und ich denke, auch alle anderen Einsender – mich zwar innerlich sehr amüsiert habe, als diese Schülerantworten im Unterricht fielen, aber die Kinder nie ausgelacht oder dem Spott der Klasse preisgegeben habe.« So wohlwollend sehen wir das natürlich auch. Oder meinen Sie etwa, da wäre auch Schadenfreude im Spiel gewesen?

Könnte sein. Lesen Sie selbst.

Hinweis an die Leser

Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichensetzungsfehler in den Schülerantworten wurden in der Regel korrigiert – es sei denn, sie machen den Witz aus. Sofern bekannt, haben wir die Klassenstufe und die Schulform angegeben, die Rekonstruktion war jedoch nicht in allen Fällen möglich. Die Zitatgeber bleiben durchgehend völlig anonym.

Dasselbe gilt auch für die vielen Lehrer, die uns zusätzliche Anekdoten aus ihrem Arbeitsleben geschickt haben: Wie sie manchmal vor Prüfungsblättern sitzen und rätseln, wie sie witzige, aber falsche Antworten benoten – und wie sie sich vor zu großer Enttäuschung schützen, wenn ihr persönliches Lieblingsthema von der Jugend mit Dummheit und Ignoranz geächtet wird.

»Philipp Reclam schrieb Kabale und Liebe«: Der Deutschunterricht

Ratter, ratter, ratter … man brütet vor dem Aufgabenblatt, doch es will einem einfach nichts Gescheites einfallen. Der Sinn von Literaturinterpretationen erschließt sich Schülern nicht auf den ersten Blick. Wozu sollen Versfuß und Reimschema im echten Leben gut sein? Doch Pädagogen, Kultusminister und Bildungsforscher bleiben hartnäckig: Johann Wolfgang von G. wird nie aus dem deutschen Bildungskanon verschwinden.

Um das Textverständnis der Schüler ist es zwar oft schlecht bestellt, besonders, wenn ein Drama gar nicht gelesen wurde. Doch schuld sind nicht die Lehrer allein. Goethes »Iphigenie auf Tauris« einer Klasse ruppiger Halbwüchsiger nahezubringen ist und bleibt eine undankbare Aufgabe. Kein Wunder also, dass minimal vorbereitete Schüler in der Prüfung dann maximal kreativ werden müssen. Viele schaffen es immerhin noch, ihren Nonsens schlau klingen zu lassen. Und wenn der Deutschkurs zur Liebeslyrik vordringt? Spätestens dann muss jeder Deutschlehrer, der sein Germanistik-Studium einst aus Liebe zur Literatur aufnahm, ganz, ganz stark sein. Oder viel Humor haben, so wie dieser Pädagoge, der seine Schülerantworten-Einsendungen mit Kommentaren wie diesen versah: »BANAUSE!!!« Und: »Ich glaube, hier ist etwas ganz anderes ein DRAMA!!!« Oder: »Schluchz … ich habe als Lehrer versagt!«

Fack ju Göhte

Die Leiden des jungen Lehrers: Herrlicher Unsinn fällt Schülern zu den Werken Goethes ein. Ein Muss in der Oberstufe ist Faust I. Zu diesem Drama aller Dramen stellten die Gymnasiasten in einem Grundkurs Deutsch folgende abenteuerliche Hypothesen auf:

»Gretchen wird zum Fraß der Gesellschaft.«

Aber ist es nun ein leckeres Gretchen oder ein ganz und gar unschuldiges Mädchen? Vielleicht sogar eines, das nur ausgenutzt wird? Da gehen die Meinungen auseinander.

»Gretchen verliert ihre guten jungfräulichen Eigenschaften, die sie anfangs von Goethe bekam.«

»Gretchen stellt die verkommene Unschuld in Person dar.«

»Gretchen kann keine andere Haltung einnehmen, weil Goethe sie keine andere Haltung einnehmen lässt.«

»Die Frau, die nur als Lustobjekt gilt, wird eingewickelt, um den männlichen Trieb zu befriedigen.«

Auch die Interpretationen der Goethe-Tragödie Iphigenie auf Tauris können Schwierigkeiten bereiten, in diesem Fall der zwölften Klasse einer Gesamtschule in Wuppertal, Nordrhein-Westfalen.

Sie erinnern sich vielleicht: In diesem Schauspiel von Goethe aus dem Jahr 1787 geht es um ein Familiendrama rund um Götter, Priester, Orakel, Krieg – und natürlich menschliche Werte. Griechische Mythen dienten Goethe als Vorlage, kein Wunder also, dass sich Lügen, Missverständnisse und Sünden aneinanderreihen: Die tugendhafte Iphigenie soll geopfert werden, findet aber heimliche Rettung auf der Insel Tauris, wo sie vor Heimweh beinahe wahnsinnig wird – ihr Bruder Orest ist es schon.

Doch: Wer das Buch nicht gelesen, nicht verstanden hat oder sich den Inhalt einfach nicht merken kann, dem bleibt in einer Klausur nur reichlich Platz – für abenteuerliche Spekulationen.

»Ich denke, dass Iphigenie mit ihren Lügen auffliegen wird.«

»Pylades weist Iphigenie darauf hin, dass sie auch mal lügen soll, damit es besser läuft.«

»Nun steht Iphigenie unter Sorgen.«

»Um Zeit zu gewinnen, behauptet Iphigenie, sie müsse den vom Wahnsinn verfolgten Orest reinigen.«

»Iphigenie war ruhig, aber wenn es drauf ankam, war sie wirksam, sie war still, aber gleichgültig.«

»Der dritte Akt ist der Wendepunkt, wo sie ein Opfer findet, welches sagt, dass er Brudermord begangen hat, wo sich aber am Ende rausstellt, dass es ihr Bruder ist.«

»In Iphigenie handelt es sich auch um die Klassik, die sich in Griechenland abspielte.«

»Auch das Ende ist eine Katharsis, da sich durch Iphigenies Tod auf Tauris und Griechenland vieles ändert.«

Nun gut: Nichts bleibt, wie es ist. Alles ist im Fluss. Jedes Ende ist der Anfang von etwas Neuem – selbst wenn das Ende eine Katharsis ist. Und damit ist es noch nicht vorbei. Goethes Iphigenie inspiriert die Deutsch-Schüler zu immer wilderen Interpretationen:

»Nun kommt es zum erregenden Moment, als der König um Iphigenies Hand anhält.«

»Und nun komme ich zu meinen Vor- und Nachkenntnissen!«

»Der Humanismus bedeutet, sich geistlich zu entfalten.«

»Die Sprache und der Satzbau zeugen von einem hohen geistigen Niveau des Autors.«

Na, immerhin.

Doch woran liegt es, dass Schüler Sätze schreiben, die sie selbst nicht verstehen? »In der Mittelstufe haben wir nicht gelernt, richtige Aufsätze zu schreiben«, rechtfertigt sich Schüler Patrick, 18, in einem Hintergrundgespräch über versemmelte Prüfungen. »Unser Lehrer hat mit uns nur über die Lektüre geredet und höchst selten mal die Tafel benutzt. In einem Test zu Patrick Süskinds ›Das Parfum‹ sollte ich dann die ›Fluidaltheorie‹ beschreiben. Ich hatte keine Ahnung und versuchte, mich rauszureden.« Also schrieb Patrick: »Die Fluidiale Theorie ist eine Theorie, welche Grenouille hilft, seinen Parfümeur-Traum zu verwirklichen. Mit einem Belüftungsapparat wird das Parfum verteilt. Sie hilft Grenouille sehr!« Dafür kassierte er eine 5. Gleich in der nächsten Stunde ließ der Lehrer einen weiteren Überraschungstest zu diesem Roman schreiben, diesmal erhielt Patrick sogar eine 6. Er sagt: »Zum Glück konnte mich die Lehrerin in der Oberstufe wieder aufbauen. Jetzt steuere ich auf ein gutes Abitur zu.«