Simulieren geht über Studieren - Lena Greiner - E-Book
Beschreibung

An jeder Uni-Ecke stolpern Studenten über klug klingende, aber inhaltlich leere Formulierungen. Was verbirgt sich hinter den hochtrabenden Phrasen von Dozenten und Kommilitonen? Lena Greiner und Friederike Ott entschlüsseln den Hochschul-Code: Sie zeigen, dass Wissenschaftssprache unnötig kompliziert ist, und knöpfen sich u.a. die Doktorarbeiten des emeritierten Papstes Joseph Ratzinger und von Kanzlerin Angela Merkel vor. Gleichzeitig erklären sie, wie man in Notsituationen eine Hausarbeit sprachlich aufbrezeln kann. Außerdem übersetzen die Autorinnen mit Hilfe bekannter Comedians wissenschaftliche Passagen in verständliches Deutsch. Mit verblüffendem - und oft amüsantem - Ergebnis:
«Aus forschungspragmatischen Gründen erfolgt eine Eingrenzung der Datenmenge; bestimmte Indikatoren sind für die hier entwickelte Fragestellung vernachlässigbar.»
Heißt übersetzt:
«Die Zahlen, die ich zusammengegoogelt habe, stützen meine These eigentlich nicht. Ich benutze deshalb nur, was passt.»

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:195


Lena Greiner • Friederike Ott

Simulieren geht über Studieren

Akademisch für Anfänger

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

EinleitungDie Hochschulstapler – Professoren und DoktorenWillkommen in der StudienphraseWarum Wissenschaftler ihre Sprache aufblähenDas Geschwafel der Disziplinen – wo es am schlimmsten istPädagogen und Erziehungswissenschaftler: Wettlauf der BanalitätenWirtschaftswissenschaftler: Oh yeah, wir sind so much international!Informatiker: Spannend wie ein ComputerprogrammSoziologen und Politikwissenschaftler: Nur mal kurz die Welt erklärenPhilosophen: Ich weiß, dass ich nichts versteheLinguisten, Literaturwissenschaftler und Publizisten: Buchstabenrätsel für FortgeschritteneLänderkundler und Geologen: Von Metaboliten und WalderdbeerenMediziner: Die Verschwörung des HippokratesJuristen: Im Namen des SubstantivsWissenschaftssprachen in anderen LändernIst Rettung in Sicht?Prominente Doktoren im Check – Bluffen auch Merkel und ihre Kollegen?Gestammelte Werke – Stoibers und Ramsauers PhrasenfabrikJenseits von Eden – Ratzinger und Gysi im WirklichkeitscheckJenseits von Gut und Böse – was nur Merkel und Hofreiter verstehenBluff oder Klartext? Das ErgebnisVon wem stammt der Satz …? Das QuizBlendend durch die Uni – Simulieren geht über StudierenEine Typologie der Uni-BlufferKompetenzsimulation bei völliger Ahnungslosigkeit – wie Studenten bluffen«Ich habe aus Versehen Haschkekse gegessen» – absurde AusredenPhrasen für PanikphasenDie juristische HintertürDie Klagen der ProfsUni-Sprache – der Crash mit der Wirklichkeit«Weil Du mich nicht verlassen hast» – die skurrilsten Widmungen und DanksagungenDu bist, was du schreibst – die lächerlichsten Bewerbungen von Uni-AbsolventenNützliches für den (Uni-)AlltagSchreibtipps für KlartexterPimp your HausarbeitGlossar für AnfängerNachwortWir dankenLiteraturverzeichnis
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Einleitung

«Eine Katastrophe», «törichter Satz», «Scheiße». Worte wie diese schrieb der Journalist Wolf Schneider groß und in Rot an den Rand, wenn er Artikel seiner Schüler kritisierte. Es sind Worte, die auch Studenten manchmal denken, wenn sie in den Bibliotheken deutscher Universitäten sitzen und sich durch trostlose Wortwüsten kämpfen. Meist jedoch denken sie etwas anderes, nämlich, dass die Katastrophe nicht in den Büchern, sondern in ihrem eigenen Kopf stattfindet. Dass sie nichts verstehen, weil sie zu blöd sind. Dabei haben sie gerade noch Abitur gefeiert und waren davon überzeugt, einigermaßen intelligent zu sein. Doch dann, im Vorlesungssaal, im Seminarraum, zu Hause über den Büchern oder, noch schlimmer, im Büro des Professors verstehen sie plötzlich nur noch die Hälfte – wenn überhaupt. Und sie fragen sich: «Wird sich das jemals ändern?», «Habe ich das falsche Fach gewählt?», «Bin ich doch nicht so schlau?» Antwort eins: ja, mit viel Mühe. Antwort zwei: vermutlich nicht. Antwort drei: nein, nein, keine Sorge. Deutsche Wissenschaftssprache ist wie eine Fremdsprache, die man erlernen kann.

Aber muss die akademische Sprache so kompliziert sein? Und wenn nicht: Warum müssen sich Studenten an der Universität so quälen? In diesem Buch geben wir Antworten auf diese Fragen und zeigen: Es geht auch anders. Anhand von Beispielen entlarven wir die Fächer, in denen Wissenschaftssprache die heftigsten Kapriolen schlägt. Die Auszüge haben wir Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten vorgelegt und sie um eine Übersetzung der Satzungetüme gebeten, um den tatsächlichen Inhalt zu enttarnen, die Ehrfurcht zu nehmen, zum Lachen anzuregen: Die Humor- und Wissenschaftsexperten Eckart von Hirschhausen und Vince Ebert haben die Passagen mit viel Witz kommentiert. Die Hobbykabarettistin und Anthropologin Inge Schröder hat mal ernsthaft, mal mit einem Augenzwinkern übersetzt. Und die Journalisten Markus Reiter und Armin Himmelrath zeigen, wie man die überdrehtesten Sätze verständlich formulieren könnte – wenn man es denn wollte. Tatsächlich enthielten manche Formulierungen so gut wie keine Aussage. Man hätte sie ersatzlos streichen können.

Auch Journalistenschreck Wolf Schneider übersetzte für dieses Buch, scharf, knallhart und witzig wie gewohnt (s. Seite 37) – doch nach einer Passage wollte er nicht mehr. «Noch mehr Zuwendung zu investieren halte ich für verfehlt bei einem Sprachprodukt, das offensichtlich nicht dem Verstandenwerdenwollen dienen soll, sondern dem Prunken mit der eigenen Sprachakrobatik», schrieb er als Begründung. Wie soll es also erst den Studenten gehen, wenn schon der Sprachpapst keine Lust mehr auf solche Sätze hat?

Apropos: Wie halten die Studenten es eigentlich selbst mit dem Formulieren, wenn der erste Sprachschock verflogen ist? Dass die akademische Sprache nicht spurlos an ihnen vorbeigeht, hatten wir erwartet, schließlich haben auch wir einst Hausarbeiten verfasst. Das Ausmaß war dennoch überraschend. Ob in Referaten oder in Doktorarbeiten: Viele Nachwuchsakademiker begeben sich auf sprachlich gewagte Höhenflüge – sei es, um damit Unwissen zu kaschieren oder um die Erwartungen der Professoren zu erfüllen, wie eine Kunststudentin, die ein Referat über einen Film halten musste, den sie nicht verstanden hatte. Deshalb reihte sie einfach im Wechsel Fremdwörter an Fachbegriffe – und bekam dafür die höchste Punktzahl.

Wie aber machen das Menschen, die andere mit Sprache überzeugen müssen, Politiker zum Beispiel? Sind auch sie an der Uni dem Intellektualitätsdruck erlegen? Wir haben es überprüft und ihre Doktorarbeiten untersucht, unter anderem die von Kanzlerin Angela Merkel, CSU-Politiker Edmund Stoiber und Grünen-Politiker Anton Hofreiter. Am sprachlich wildesten hat es wohl der emeritierte Papst Benedikt XVI. getrieben. Nach der Lektüre jedenfalls war Inge Schröder, Geschäftsführerin des Wissenschaftszentrums in Kiel und Hobbykabarettistin, fassungslos: «Bei den Ergüssen frage ich mich überrascht, welches Kraut dieser Mann um Himmels Wissen geraucht hat» (s. Seite 73).

Gerade Absolventen von Sozial- und Geisteswissenschaften wollen später gern mit Texten arbeiten, sie wünschen sich Jobs in Verlagen, Agenturen oder Marketingabteilungen. Doch die Fachliteratur bereitet die insgesamt 2,5 Millionen Studenten an deutschen Hochschulen sprachlich wenig auf das Berufsleben vor. Das lassen zumindest die Anschreiben vermuten, mit denen sich einige Akademiker auf Jobs bewerben und aus denen wir zitieren(s. Seite 138).Ein Jurist schrieb allen Ernstes in einem Bewerbungsanschreiben: «Insbesondere die Möglichkeit der weiteren Spezialisierung bei bestehender Vielgestaltigkeit der von Ihnen angebotenen Stelle reizt mich.» Heieiei.

Dieses Buch soll zeigen: Sprache muss nicht kompliziert sein, um komplexe Dinge zu erklären. Sie sollte sogar möglichst einfach sein. Und einschüchtern lassen sollte man sich von ihr schon gar nicht.

Doch solange an den Unis noch keine sprachliche Revolution stattgefunden hat, hilft nur: cool bleiben, die Arbeit pimpen (s. Seite 151) und Kurt Tucholsky im Hinterkopf behalten: «Verwickelte Dinge kann man nicht simpel ausdrücken; aber man kann sie einfach ausdrücken. Dazu muss man sie freilich zu Ende gedacht haben.»

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Eine Tagung über Geschlechterforschung irgendwo in Deutschland. Eine junge Wissenschaftlerin hält einen Vortrag über ihr aktuelles Forschungsprojekt. Es geht um die Frage, ob das Geschlecht angeboren oder sozial bestimmt ist. Die Forscherin hat untersucht, wie unterschiedlich Jungen und Mädchen Naturwissenschaften erlernen, und beschreibt ihre Ergebnisse klar und gut verständlich. Das ist ungewöhnlich für Geschlechterforschungstagungen, schließlich fallen dort eher Begriffe wie «Differenzkategorie», «Intersektionalität» oder «paternalistische Mission».

Alles, was die junge Wissenschaftlerin sagt, ist richtig. Trotzdem gibt es schon während des Vortrags Zwischenrufe aus dem Publikum. Es fällt den Zuhörern unangenehm auf, dass die Frau die schlichten Begriffe «Junge» und «Mädchen» verwendet. Astrid Kaiser, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Oldenburg, hat diese Szene beobachtet. «Die Wissenschaftlerin kam rüber wie aus einer fremden Welt», erinnert sich Kaiser.

Willkommen in der Studienphrase

Das Ereignis liegt inzwischen einige Jahre zurück. Doch Kaiser hat die junge Frau, die Forscherin werden wollte, nie wieder im wissenschaftlichen Umfeld gesehen. «Sie war blamiert und ausgegrenzt. Sie hätte wohl besser Sätze sagen sollen wie: ‹Die Genderverhältnisse sind unter gegenwärtig patriarchal bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen überformt.›»

Das Beispiel der jungen Forscherin zeigt: Die Wissenschaftssprache an deutschen Hochschulen dient nicht nur der reinen Wissensvermittlung. Sie hat nicht immer das Ziel, komplexe Theorien oder Forschungserkenntnisse verständlich darzustellen. Nein, die Art und Weise, wie gesprochen und geschrieben wird, hat häufig noch einen anderen Zweck: Sie soll von anderen abgrenzen, die Zugehörigkeit zu einem exklusiven Kreis beweisen. Je kleiner dieser Kreis, also je weniger Menschen in die Sprache eingeweiht sind, umso einzigartiger und besonderer kann sich der Auserkorene fühlen.

Herrje, bin ich gebildet und wortgewandt, lautet die Botschaft. Ich kenne mich so gut aus wie kaum jemand sonst. Schaut alle her – nein, schaut alle auf! Denn mir kann keiner etwas vormachen, versucht es also gar nicht erst, und stellt bloß keine Fragen. Ihr würdet euch damit nur lächerlich machen.

Wer neu an die Uni kommt, kann sich zunächst überhaupt nicht vorstellen, dass Sprache einem so unwissenschaftlichen Zweck dienen könnte. Es erscheint geradezu absurd, denn an der Uni geht es doch in erster Linie darum, Neues zu erfahren und zu lernen. Warum sollten einem dabei die Wissenschaftler und Dozenten das Leben unnötig schwer machen?

Deshalb hinterfragen Erstsemester das, was ihnen geboten wird, anfangs nicht. Sie durchschauen den Mechanismus der Abgrenzung durch Sprache nicht. Für sie ist an der Uni sowieso alles neu: jede Bezeichnung, ob Mensa oder Audimax, die Prüfungsordnungen oder wie eine Hausarbeit geschrieben werden soll. Nichts ist so wie in der Schule oder im Berufsleben. Das ist aufregend, aber auch einschüchternd. Und wer sich noch nicht auskennt, versucht erst einmal, seinen Platz im großen Campusgefüge zu finden – bloß nicht negativ auffallen. Wer traut sich da schon, die unnötig komplizierte Sprache der scheinbar allwissenden Professoren anzuprangern? Kaum einer.

Los geht es meist schon bei den Texten, die Studenten für die Seminare lesen müssen. Viele denken, sie wären die Einzigen im Kurs, die nichts verstehen. Sie mustern die anderen, die jedoch so tun, als sei der Stoff Standardwissen an deutschen Grundschulen. Erst nach und nach, wenn sich Kommilitonen anfreunden, fangen sie an, sich gegenseitig zu beichten, dass sie in Wirklichkeit überhaupt nichts verstanden haben. Und je mehr Zeit sie in der Bibliothek verbringen und andere Studenten beobachten, sehen und hören sie, dass sie mit ihrer unergründlichen Müdigkeit nicht allein sind: An jeder Ecke im Lesesaal schlafen junge, fitte Leute über ihren Büchern ein – ohne dass sie vorher die ganze Nacht durchgefeiert hätten. Andere klatschen sich auf der Toilette kaltes Wasser ins Gesicht oder schmeißen Koffeintabletten ein.

Wen wundern diese Beobachtungen, wenn Texte so anfangen wie dieser Aufsatz über Lebensstilforschung, der 2011 in der Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschienen ist? «Zunächst werden auf Grundlage der bereichsspezifischen Theorie und mit bereits in anderen Kontexten geprüften oder mit neu entwickelten Instrumenten die entscheidenden Orientierungen erhoben und mit Hilfe von Faktorenanalysen auf zentrale, voneinander unabhängige Variablen reduziert […].»

Halt, nicht abdriften! Ist ja schon vorbei.

Überforderung beim Lesen solcher Sätze ist nicht neu: An die «bisher nie gekannte, lähmende Müdigkeit», die ihn überfiel, wenn er an der Uni Texte lesen musste, erinnert sich auch Wolf Wagner, der vor einem halben Jahrhundert studiert hat. «Wenn ich eine Hausarbeit oder ein Referat zu verfassen hatte, trockneten mir die Gedanken ein», berichtet der heutige Professor für Sozialwissenschaften in seinem immer wieder neu aufgelegten Bestseller «Uni-Angst und Uni-Bluff» über seine Studienzeit in den 1960er Jahren. Manchmal habe er sogar den Straßenfeger, den er durch das Bibliotheksfenster sah, um seine klar definierte und überschaubare Tätigkeit beneidet.Auch heute empfinden viele ähnlich.

Was ist da los? Warum wird bei vielen Studenten Motivation zu Frust, sobald sie sich mit dem Stoff beschäftigen, über den sie doch eigentlich so viel wissen wollen? Auch wir haben uns im Studium immer wieder vorgenommen: Diese Woche lesen wir alle Texte, von Anfang bis Ende. Ganz bestimmt. Unbekannte Begriffe schlagen wir nach, die wichtigen Stellen streichen wir mit einem bunten Marker an. Die Zeit dafür war da. Doch dann klebten wir erneut an langen, komplizierten Sätzen fest, vergaßen darüber das bereits Gelesene und kamen nicht weiter im Text. Kaffeetrinken wurde in diesen Fällen zur einzigen Alternative.

Viele Studenten fangen in solchen Situationen an, daran zu zweifeln, ob sie das richtige Fach gewählt haben. Und jeder Fünfte lässt das Studium auch tatsächlich sausen, zeigt eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Weit mehr als die Hälfte der Studienabbrecher nannten Leistungsprobleme, mangelnde Studienmotivation, die Studienbedingungen oder Prüfungsversagen als Gründe. Dabei hatten sie einst ein so großes Interesse an dem Fach, dass sie ihm ihr Berufsleben widmen wollten.

Klar, jede Disziplin hat ihre eigene Sprache, deren Begriffe, Ausdrucksweisen und Abkürzungen sich Studenten aneignen müssen. Mediziner sprechen von Varizen, wenn jemand Krampfadern hat. Journalisten sagen Zeile, wenn sie die Überschrift eines Textes meinen. Juristen reden von Prokura, wenn es um eine Vollmacht geht. Das ist nicht verwerflich, solange Fachleute unter sich sind. Häufig macht Fachsprache die Kommunikation sogar präziser und effizienter. Mit Blenden hat das gar nichts zu tun. Doch wenn ein Autor Inhalte unnötigerweise unverständlich ausdrückt, steckt häufig ein unlauteres Motiv dahinter: Er will angeben, mit hochtrabenden Begriffen Kompetenz vorgaukeln, bluffen eben.

Die meisten Studenten denken, es läge an ihrer mangelnden Intelligenz, wenn sie komplizierte Texte nicht begreifen. Kein Wunder, herrscht hierzulande schließlich die Ansicht: Versteht der Leser einen Text nicht, ist der Leser dumm. Das kratzt am Selbstbewusstsein.

Wer hingegen von Deutschland aus zum Studieren in die USA geht, erlebt das Gegenteil. Dort gilt: Versteht der Leser den Text nicht, ist der Autor dumm. Wissenschaftliche Aufsätze lesen sich dort häufig so leicht wie ein Zeitungsartikel. Die Sätze sind kürzer und im Aktiv formuliert. Angelsächsische Korrekturprogramme auf dem Computer zeigen sogar an, wenn in Sätzen zu viele Passivkonstruktionen vorkommen. Selbst aus der Ich-Perspektive zu schreiben – in Deutschland ein Tabu – ist üblich. Dort heißt es dann zum Beispiel: «In this publication I will show …» oder «I have done research about …». Das schafft Nähe zu dem Autor, er wird sichtbarer.

Angelsächsische Wissenschaftsbücher sind, im Gegensatz zu den meisten deutschen, mitunter auch unterhaltsam. Autoren ziehen persönliche Erlebnisse und Beispiele heran, um komplexe Themen zu veranschaulichen. So werden die Werke von Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman im Internet sogar als Urlaubslektüre empfohlen, und die Bücher von Richard Sennett, einem der bekanntesten Soziologen, sind Bestseller in Buchhandlungen.

Wie unterschiedlich die deutsche und englische Wissenschaftssprache sind, zeigt die folgende Anekdote: Ein Student aus Deutschland verbringt einige Zeit am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. In einer Studienarbeit schreibt er sinngemäß auf Englisch: «Es kann zur Detonation des Siedebehälters kommen.» Der Professor fragt: «Warum schreiben Sie nicht, der Kessel kann platzen? Alles andere ist Angeberei.» Der Student ändert den Satz und bekommt eine Eins. Zurück in Deutschland, reicht er die Arbeit zur Anerkennung ein. Er bekommt eine Eins minus. Der Professor in Deutschland begründet die Verschlechterung damit, dass die Arbeit stellenweise unwissenschaftlich formuliert gewesen sei. Er hätte zum Beispiel schreiben sollen: «Es kann zu einer Detonation des Siedebehälters kommen.» – «Das bedeutet doch dasselbe», antwortet der Student. «Ja», sagt der Professor. «Aber es ist wissenschaftlicher ausgedrückt.»

Natürlich gibt es auch in Deutschland Texte, die einen Aha-Effekt auslösen, Seminare, die Spaß machen, Bibliothekstage, die wie im Flug vergehen. Vielen Forschern in Deutschland geht es aber genau darum nicht. Sie wollen ihre Fachtexte nicht anschaulich gestalten. Sie glauben stattdessen, sie müssten sich besonders kompliziert ausdrücken, um in den führenden Fachjournalen veröffentlichen zu können. Sie fürchten, sonst nicht als kompetente Wissenschaftler wahrgenommen zu werden.

«Grauenhaft», findet Ulrich Schmitz, Linguistik-Professor an der Universität Duisburg-Essen, solche Texte. Er nennt sie «intellektualistisch». Der sprachliche Aufwand sei dabei höher als der gedankliche, damit der Verfasser sich als Mitglied seiner intellektuellen Kaste ausweisen könne. Vor allem an zwei Merkmalen würde man aufgeblasene Wissenschaftssprache erkennen:

Es werden viele Wörter verwendet, die im Alltag selten oder gar nicht vorkommen – obwohl der Gedanke mit geläufigeren Worten genauso treffend oder sogar besser ausgedrückt werden könnte.

Sätze werden derart lang und verschachtelt konstruiert, dass der Leser mehr Mühe zur Analyse des Satzes als zum Verständnis der Inhalte aufwenden muss.

Auch wir stellten fest: Häufig geht es in wissenschaftlichen Texten weder um Spezialwissen noch um hochkomplexe Zusammenhänge. Oft sind die Erkenntnisse im Grunde sehr banal, nur merkt es der Leser vor lauter sprachlicher Extravaganz und Wortlametta nicht. Wir stießen bei den Recherchen für dieses Buch häufig auf Sätze, die hochkompetent klangen, bei näherer Betrachtung aber erschreckend inhaltsleer waren.

Warum Wissenschaftler ihre Sprache aufblähen

Warum liefern sich Professoren und Dozenten einen derartigen Unverständlichkeitswettbewerb? Wie konnten sich die angelsächsische und die deutsche Wissenschaftssprache so unterschiedlich entwickeln? Zum einen liegt es daran, dass die deutsche Sprachstruktur fast schon zur Verkomplizierung einlädt. So gibt es unzählige Möglichkeiten, lange Komposita zu bilden, das sind diese Bandwurmwörter, für die wir im Ausland so berühmt sind: Donaudampfschifffahrtsgesellschaft zum Beispiel oder Fußbodenschleifmaschinenverleih. Im Englischen sind solche Wortungetüme gar nicht möglich. Auch umständlich erweiterte Adjektivattribute («der von seiner Frau verlassene Mann» oder «der von Hegel im 19. Jahrhundert geprägte Begriff») sind in der englischen Sprache unüblich.

Ein weiterer Grund: Die Lehre spielt an angelsächsischen Hochschulen eine größere Rolle als an deutschen. Wer Studenten etwas vermitteln möchte, muss sich verständlich ausdrücken. In Deutschland erhalten Forscher ihre Reputation nicht nur durch Lehrleistung, sondern vor allem durch wissenschaftliche Leistung, bei der sie mit anderen Experten kommunizieren.

Und: Die Angelsachsen haben eine lange Tradition der Empirie. Schon der englische Naturwissenschaftler Isaac Newton setzte bei seinen Forschungen im 17. Jahrhundert auf Experimente. Am Anfang stand ein Problem, und dafür suchte man eine Lösung. Diese Herangehensweise gilt bis heute. Das zeigt sich auch in der Struktur der Texte: Während deutsche Publikationen häufig mit theoretischen Einführungen beginnen, fangen englische Texte oft mit einem konkreten Beispiel, einem Problem, an. Die Theorie kommt erst später. Der Angelsachse fragt sich: Was bringt es mir, wenn ich forsche? Welchen Nutzen, welchen Gewinn habe ich? Ganz anders die deutsche Hochschulkultur: Hier wird Wissenschaft der Wissenschaft wegen betrieben. Deshalb ist bei uns auch vieles sehr theoretisch, die Philosophie zum Beispiel.

Aber warum rümpfen hiesige Wissenschaftler pikiert ihre Nasen über Kollegen, die ihre Erkenntnisse verständlich beschreiben, so wie die erwähnte Geschlechterforscherin? Sie könnten sich doch freuen, wenn ein anderer die deutsche Sprache erfolgreich bändigt. «Stilistische Brillanz und rhetorische Gestaltung stehen im Verdacht, unseriös zu sein», sagt Ludwig Eichinger, Präsident des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Der schlimmste Vorwurf, den man einem deutschen Wissenschaftler machen könne, sei der Satz: «Sie schreiben ja schön.»

Zwar hat sich die sprachliche Situation in den vergangenen Jahren durch einen zunehmenden angelsächsischen Einfluss etwas verbessert, seit der Umstellung auf Bachelor und Master sind auch die Studiengänge in Deutschland internationaler, praxisorientierter und stärker auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Immer mehr Fächer werden auf Englisch angeboten, gleichzeitig nähert sich die deutsche Wissenschaftssprache in manchen Bereichen der englischen an. Allerdings spielt Deutsch als Forschungssprache international ohnehin kaum noch eine Rolle. Während im 19. Jahrhundert Deutsch noch vor Englisch und Französisch als die wichtigste Sprache der Naturwissenschaften galt, wird in naturwissenschaftlichen Fächern, der Mathematik, in den Wirtschaftswissenschaften und selbst in der Philosophie heute fast alles gleich auf Englisch publiziert.

Dennoch: In der deutschen Wissenschaftssprache verzichtet man noch immer auf Unterhaltungseffekte, um bloß seriös zu wirken. Wissenschaftler und Sprachexperten nennen vor allem drei Gründe für dieses Gebaren. Sie lassen sich zu folgenden Thesen zusammenfassen:

Fachsprache darf nicht simpel sein, weil sie sonst zu banal wirken könnte.

Fachsprache ist ein akademisches Muskelspiel, das der Anerkennung im eigenen kleinen Kreis dient.

Mit der Fachsprache will sich der Wissenschaftler vom Rest der Gesellschaft abgrenzen. Sie ist ein Teil des akademischen Habitus.

Angst vor Banalität

Populärwissenschaftliche Veröffentlichungen sind in Deutschland verpönt. Ein Buch, das qualitativ hochwertig ist und sich auch noch gut verkauft, ist vielen Wissenschaftlern suspekt. Einen Text in kleiner Auflage zu veröffentlichen, den nur eine Handvoll erlesener Leute verstehen, scheint den meisten lieber zu sein, als ihr Buch in der Auslage einer großen Buchhandlung zu sehen. L’art pour l’art – die Kunst für die Kunst oder eben: die Wissenschaft für die Wissenschaft.

Deshalb nehmen viele Philosophie-Professoren etwa den erfolgreichen Buchautor und Philosophen Richard David Precht nicht für voll, obgleich Precht mit seinen anschaulich geschriebenen Büchern und leichtverständlichen philosophischen Erklärungen eine Lücke füllt, die Hochschulwissenschaftler nicht besetzen. «Wenn man sich gerade etabliert, eine Karriere aufbauen und wissenschaftlich ernst genommen werden will, sollte man tunlichst nicht populärwissenschaftlich schreiben», sagt Schreibtrainer Markus Reiter. Höchstens wenn man ein altgedienter Professor sei, dann dürfe man das vielleicht irgendwann.

«Natürlich schreibe ich für das Fachpublikum anders, als ich es für die breite Öffentlichkeit tun würde», berichtet ein Professor für Politikwissenschaft. Für die Allgemeinheit würde er unterhaltsamer und einfacher formulieren, meint er, müsste dann aber auf Feinheiten verzichten.

Es gibt nur wenige Wissenschaftler, die glauben, dass es möglich ist, allgemeinverständlich zu schreiben, ohne auf Differenzierungen und Zwischentöne zu verzichten. Heinrich August Winkler zum Beispiel, einer der bekanntesten deutschen Historiker, bläute seinen Studenten ein, so zu formulieren, dass sie auch von Laien verstanden werden. Sie müssten eines scheuen wie der Teufel das Weihwasser, und das sei der Fachjargon, sagte er. Denn: Keineswegs könnten komplexe Dinge nur kompliziert ausgedrückt werden. «Im Gegenteil», so Winkler, «ich glaube, dass die Verständlichkeit der Darstellung eher dafür spricht, dass ein Autor versucht hat, ein Problem zu Ende zu denken.»

Diese Einstellung teilen jedoch nicht viele Wissenschaftler. Demnach zu urteilen, was in Bibliotheken zu finden ist, eint sie eher die Angst, Lesbarkeit würde den intellektuellen Tiefgang ihres Textes gefährden.

Akademische Muskelspiele

Warum ist es für deutsche Wissenschaftler wichtiger, im kleinen Kreis anerkannt zu werden, als Studenten oder der Öffentlichkeit ihre Erkenntnisse nahezubringen? Wolf Wagner hat eine historische Erklärung für dieses Phänomen: Im 19. Jahrhundert setzte der Gelehrte Wilhelm von Humboldt die radikalen preußischen Bildungsreformen um. Professoren wurden staatliche Beamte auf Lebenszeit, unkündbar und mit einem guten Gehalt. Doch: Nach einer Professur ging es nicht mehr weiter, weder im Status noch im Gehalt.

Stillstand verträgt sich aber nicht mit den Kämpfernaturen, die Wissenschaftler oft sein müssen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz im Hochschulbetrieb durchsetzen wollen. Schon Humboldt bezeichnete die «Fachgelehrten» als «die unbändigste und am schwersten zu befriedigende Menschenklasse – mit ihren sich ewig durchkreuzenden Interessen, ihrer Eifersucht, ihrem Neid […]».

Da es keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr gab, konzentrierten sich die deutschen Professoren nun auf den symbolischen Aufstieg, nämlich das Ansehen, das ein Wissenschaftler in Fachkreisen hat. Forschung und Lehre wurden immer abgehobener und schwerer nachvollziehbar, was wiederum, so Wagner, perfekt zu «den Aufstiegsbedürfnissen einer neuen bürgerlichen Akademikerschicht» passte, die «der Arroganz des preußischen Adels ihr akademisches und kulturelles Niveau entgegensetzte».Seither gehe es in der Wissenschaft vor allem um Karriere, Prestige und Exklusivität.

Noch heute ist es so: Wer Professor werden will, braucht Unterstützung von Koryphäen und Vorgesetzten. Und die achten darauf, wie viel ein Nachwuchsforscher in einschlägigen Fachjournalen veröffentlicht; die Anzahl der Publikationen ist die Währung der Wissenschaft. Also schreibt der Wissenschaftler möglichst viel und möglichst kompliziert, um mit seinen Texten, Forschungsanträgen und Vorträgen die Fachkollegen zu beeindrucken – und nicht, um Studenten oder gar der Öffentlichkeit etwas mitzuteilen.

Sprache wird damit ein Mittel zum Zweck. Wer als intellektuell gelten will, macht es kompliziert. Dabei sollte doch gerade jemand, der ein wissenschaftliches Problem lösen will, Wert auf Verständlichkeit legen und sich klar ausdrücken.

Eine weitere mögliche Erklärung für die sprachlichen Eskapaden vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften: Fächer wie Pädagogik und Politikwissenschaft wurden von anderen Fachbereichen lange nicht ernst genommen. Um sich Ansehen und Respekt zu verschaffen, etablierten die Vertreter dieser Fächer eine eigene «Sprache» mit eigenen Begriffen. Diese sollten hochwissenschaftlich klingen, waren aber leider vor allem abstrakt und aufgeblasen. Das Gleiche passierte in vergleichsweise jungen Fächern wie Betriebswirtschaft, Marketing und Public Relations. Sie litten offenbar ebenfalls unter einem Minderwertigkeitskomplex und versuchten, sich mit Anglizismen hervorzutun. Oder wie kann man sonst abgehobene Begriffe wie «Unique Selling Proposition», «Affiliate-Marketing» oder «Keyvisual» erklären?