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Eren Güvercin erzählt witzig, klug und polemisch von einer Generation junger deutscher Muslime, die in der aufgeregten öffentlichen Debatte kaum wahrgenommen wird; eine Generation, die schon heute eine wichtige kulturelle und politische Rolle in Deutschland spielt, und das nicht trotz, sondern wegen ihres "Migrationshintergrunds"; ein Buch, das ernst und witzig zugleich erklärt, warum Güvercin ein mindestens so deutscher Name ist wie Podolski und Sarazzin, und warum die üblichen Abgrenzungsreflexe nicht mehr funktionieren.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Eren Güvercin
Neo-Moslems
Porträt einer deutschen Generation
Mit einem Vorwortvon Feridun Zaimoglu
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: P.S.Petry & Schwamb, Freiburg
ISBN (E-Book): 978-3-451-33915-8
ISBN (Buch): 978-3-451-30471-2
Der Glaube ist nicht der Haschkeks für den Sinnsucher
Von Feridun Zaimoglu
Einführung
Notiz zu den verwendeten Zitaten
1. Wer sind die Neo-Moslems?
Die goldene Generation
Deutsch-deutsche Muslime
Die neue kulturelle Avantgarde
Gegen Multikulti und Euro-Islam
Die Gewalt in Kunst verwandeln
Familie und Identität
Der notwendige Blick von außen
Gothic-Muslima
Kopftuch!
2. Wer spricht bisher über die Muslime?
Die Sarrazinfalle
Vertreter einer unbarmherzigen Bürgerlichkeit
Untergang des Abendlandes?
Kritik der Islamkritik
Paranoider Stil
Die Medien und die Muslime
3. Was denken die Neo-Moslems?
Was ist der Islam?
Kapitalismuskritik
West-östliche Leitkultur
Kritik am politischen Islam
Die muslimischen Verbände
Das Beispiel Ditib
Wenn die Politik Angst macht
‚Integrationsbehörde‘ Verfassungsschutz
Liberal vs. konservativ? – Der neue politische Islam
Alternative Islamkonferenz
Popislam und Facebook-Muslime?
Die Flucht in die Werte
Literatur
Für Cano
Von Feridun Zaimoglu
Der verfemte Gläubige ist eine feste Figur in den öffentlichen Debatten unserer Tage. Da er sich den üblichen Zuschreibungen verweigert, verweisen ihn die Hüter der reinen Gesinnung auf den Hinterhof – wer aber darf im Schaufenster der Zivilisation begafft werden? Es sind dies die prahlenden Analphabeten des Glaubens, die Kirmeskasper der Islamkritik, das Dutzend der Unbegabten, die Freiheitlichen der Religion. Sie schreien und schimpfen, sie zischen und spucken, und doch nennt man sie: die Aufklärer.
Gern stellen sie sich in den Dienst jener, die fremde Art mit der Abart gleichsetzen. Die Aufklärer bekommen einen bösen Mund, wenn man sie der Denunziation überführt. Und doch sind sie im Ton wie in den Mitteln vulgär. Auf die Vernunft können sie sich nicht beziehen, ihr Furor speist sich aus den Ressentiments wider den Eingottglauben. Wer ihre Bücher gelesen, und ihre Auftritte erlebt hat, weiß: Lärm und grollende Laute ersetzen keine Schwachstellenanalyse. Sie geizen nicht mit negativen Sensationen, denn die Tagespopularität geht ihnen über alles. Die Anfeindung des Moslems garantiert fünf Sekunden Ruhm. Sie gründen Kampfvereine, die Mitglieder – sechseinhalb ergrimmte Jakobiner – brüten über den nächsten medienwirksamen Coup. Ist ihnen bewusst, dass sie sich wie Sektenanhänger gebärden?
Andere hartleibige Damen und Herren ziehen die Kandidatur für eine Partei vor, die bis vor kurzem mit Fremdenskepsis beim Wahlvolk punktete. Das deutsche Märchen von Aufstieg durch Eingliederung hat die Klassenstreber mobilisiert. Es sind dies leider nicht die Besten und die Tüchtigsten, aber die Verschmitzten, die wissen, wie man sich das Lob der Mächtigen verdient. Am Leichnam der Gottesliebe wurden viele Grabreden gehalten, und noch heute gibt man dem Kaiser mehr, als ihm zusteht. Ihm schmeicheln manche in der Abwehrschlacht gegen die Muselmanen mit sentimentalen Traktaten. Viele Verleger heißen Frauen willkommen, die über böse Moslemmänner herziehen – mittlerweile ist eine eigene Frau beißt Moslem-Sparte entstanden. Früher reiste die Bürgerdame zu anatolischen Hirten und ließ sich Märchen erzählen. Heute muss die Dame nur ein Buch vollmachen mit Islamverfluchung. Wer hat es erfunden? Frau Oriana Fallaci – ihr Faschistenkrawall wurde zum Feminismus hochgefiedelt. Ihre Geistesschwestern in Deutschland haben verstanden: Moslemschelte ist ein einträgliches Geschäft. In den letzten Jahren sind viele Schläfer erwacht, so auch die Drittklassigen im Kultursektor. Die Zeichnung eines Mameluckenkopfs mit Turban wurde zum Banner der Aufklärer-Sturmkohorte. Stümper konnten ihre Kritzeleien an den Mann bringen, wenn sie denn auf den richtigen Titel setzten. Bald entstand ein eigener Geschäftszweig, die Prophetenbeleidigung machte Memmen munter. Die Saison der Tomatenpflücker ist vorüber, und das Feld abgeerntet. Die großen Gefechte stehen uns aber bevor, es drängen die Blutherren des Kulturkampfes in die vordere Reihe.
Muss man sich mit diesen Phänomenen befassen? Unbedingt. Hierbei handelt es sich um die Übergriffe eines moralisch verfassten Bürgertums – es weiß unter sich nicht nur den Klassenfremden. Es markiert den Fremdgläubigen als ein verachtenswertes Subjekt, als hergezogenes Gesindel, als Niederster unter den Niederen. Der horizontale Hass von einfachen Leuten gleicht dem Gemümmel der Greise. Nur der vertikale Hass bringt wahre Erleichterung. Die Herren setzen auf diese Politik der Ablenkung. Wer schert aus, wer spielt nicht mit, wer verbraucht sich nicht in Nachhutgefechten? Der von allen Seiten befehdete junge Gläubige deutschen Sinnes, der deutsche Moslem. Von ihm und von seinen selbsternannten Feinden ist in diesem Buch die Rede. Die Angstgegner scharen sich um längst erloschene Lagerfeuer, sie brüllen Flüche in die kalte Nacht. Das alles verdrießt den jungen Moslem nicht. Seltsam: Den Anekdotentanten, die sonst von freiem Leben schwätzen, fallen im Anblick von Muslimas mit Schamtuch nur Norm und Standard ein. Bekämpft man die Männertyrannei, wenn man junge Frauen zur Ordnung ruft? Im kleinen Nähzirkel wird die Likördamenfeministin gefeiert; es packt sie aber die kalte Wut, weil sich die von ihr Beleidigten und Beschimpften nicht von Gebell beeindrucken lassen. Tatsächlich sind die Mediengeschöpfe der Islamdebatte traumatisiert: In den Armeleutevierteln gelten sie als verbissene Spinner. Manch ein nützlicher Idiot wird, so seine Zeit des Ruhms vergangen ist, mit einem Gefühl der Verbrauchtheit ins Ungefähre starren.
Auf die Aufklärung beziehen sich heute also fast nur dumme Frauen und Männer. Wer aber kämpft mit dem scharfen Schwert der Kritik? Es sind dies sowohl die nicht organisierten Moslems, als auch die Gläubigen in den Moscheeverbänden. Sie wissen: Der Glaube ist nicht der Haschkeks für den Sinnsucher. Und also lehnen sie den Wahn einiger Konvertiten ab. Sie wissen: Der landvölkische Spiritismus der Anatolier und der Sekteneifer der Araber sind fatale Abweichungen vom Glauben. Sie wissen: Islam bedeutet Hingabe und nicht Unterwerfung. Die freien jungen Muslimas und Moslems müssen endlich, ohne Gängelung durch Außenstehende und Übelmeinende, zusammenkommen. Eren Güvercin schlägt völlig zu Recht eine alternative Islamkonferenz vor – das wird ein schöner Anfang sein. Was bringt also die Zukunft? Deutsche Moslems werden den deutschen Islam leben. Wer auf des Gläubigen Anpassung im Sinne einer Abkehr von Gottes Wort setzt, verliert sein Wettgeld.
„Das Denken lernen wir, indem wir auf das achten,
was es zu bedenken gibt.“
Martin Heidegger
In der sogenannten Islamdebatte der letzten Jahre ist der Türke, Albaner, Kurde und Araber vom Kanaken zum „Moslem“ mutiert. Während in den 1980er- und 1990er-Jahren der Begriff der Ausländerfeindlichkeit noch en vogue war, ist dieser Begriff in der Islamdebatte aus dem Wortschatz der Debattenteilnehmer verschwunden. Er bekam in den letzten Jahren durch den Begriff „Islamkritik“ einen pseudo-wissenschaftlichen Touch. Unter dem Deckmantel der Islamkritik sind ausländerfeindliche und dumpfe Parolen wieder salonfähig geworden. Die Ressentiments sind aber dieselben geblieben, die auch durch diesen Etikettenschwindel nicht kaschiert werden können, egal wie sehr sie sich mit Fakten und Studien wappnen.
Diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass die junge Generation der Muslime, die Neo-Moslems, sich eben nicht in die Ethnoecke drängen lassen. Sie pfeifen auf die ethnische Komponente und provozieren die bürgerlich-spießige Szene mit ihrem Bekenntnis zur deutschen Kultur und zu ihrem Heimatland Deutschland. Sie sehen sich in erster Linie als Deutsche, machen aber auch keinen Hehl daraus, Muslime zu sein. Einige wenige VIP-Migranten und Berufsmuslime treten in der Islamdebatte auf das Podium mit einer rechtfertigenden Haltung. Sie entschuldigen sich für ihre hohlen Glaubensgenossen und sind auch schnell dabei, aufgrund des öffentlichen Drucks ihren Glauben zu relativieren, um sich dadurch einen „liberalen“ Touch zu geben. Die Neo-Moslems – um ihnen einen Namen zu geben – dagegen reagieren nicht, sondern agieren. Wer sind die Neo-Moslems? Im ersten Teil des Buches versuche ich die verschiedenen Facetten der Neo-Moslems zu skizzieren. Es sind zunächst die jungen Muslime, die einen türkischen, arabischen oder anderen Hintergrund haben, aber hier geboren und aufgewachsen sind. Sie sind einfach ein Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Als Neo-Muslime kann man ebenso die größer werdende Anzahl deutscher Muslime bezeichnen, die – aus welchen Gründen auch immer – zum Islam gefunden haben und für die der Islam ein Teil ihrer Identität geworden ist. Sie handeln selbstbewusst, gehen mit ihrer Elterngeneration und der verkorksten Vermischung von religiöser und kultureller Tradition kritisch um, ohne jedoch Zugeständnisse in den zentralen Glaubensinhalten zu machen. Sie provozieren in beiden Richtungen. Sie sind eine Herausforderung. Denn so kritisch sie mit verschiedenen Ausartungen des Islam umgehen, so wenig zimperlich sind sie auch mit der Mehrheitsgesellschaft. Sie dienen sich nicht der herrschenden Meinung an, um sich als „Berufsmuslime“ im Markt zu etablieren, sondern sie nehmen ihre Verantwortung als Bürger dieses Landes ernst. Sie lassen sich keine Themen vorgeben. Sie diskutieren nicht nur über die Integration und den Islam in Deutschland, sondern machen sich Gedanken über die wirklich relevanten Fragen unserer Zeit, sei es die immer fortschreitende Sozialerosion oder auch ganz aktuell die Auswirkungen der Finanzkrise auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie wenden sich gegen die politisch-korrekten Weichzeichner in den Mainstream-Medien. Die willkürliche Verwendung politischer Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ wird nach ihnen der gesellschaftlichen Realität nicht gerecht.
Der zweite Teil handelt von denjenigen, die vorwiegend über die (jungen) Muslime sprechen und schreiben. An die Kritik der Islamkritik schließt sich dann der Teil an, in dem ich versuche – ähnlich einem Manifest – die Themen zu behandeln, die die Neo-Moslems beschäftigen. Es sind, vielleicht zur Überraschung einiger Beobachter, ganz unterschiedliche Themen, zu denen sie etwas zu sagen haben. Mit „Neo-Moslems. Porträt einer deutschen Generation“ versuche ich, diesen Stimmen einen Raum zu geben.
Dankbar bin ich den zahlreichen Gesprächspartnern, die in diesem Buch Erwähnung finden. Ohne den geistreichen Austausch mit Ihnen wäre das Buch nicht zustande gekommen. Hervorheben möchte ich hier besonders Eberhard Straub, der immer ein offenes Ohr für mich hatte. Seine kritischen und inspirierenden Anmerkungen und Gedanken waren in der Entstehung des Buches sehr wertvoll. Und natürlich danke ich von Herzen meinem guten Freund Feridun Zaimoglu. Nicht nur für das Vorwort. Er hat mich immer wieder ermutigt, endlich mal etwas zu schreiben. In den über zehn Jahren, die wir uns nun kennen, war er ein guter Weggefährte, der immer einen guten Rat hatte und einen gepusht hat. Danke, Feridun Abi!
Danken möchte ich auch besonders Milad Karimi und Nimet Seker für ihre Unterstützung. Sie hatten immer ein offenes Ohr für mich. Es ist schön zu wissen, dass man solche wertvollen Freunde hat. Und schließlich möchte ich auch meinem Lektor Patrick Oelze für die angenehme Zusammenarbeit mit ihm danken. Mit seinen kritischen und klugen Anmerkungen hat er dem Buch den Feinschliff gegeben.
Köln, März 2012
Eren Güvercin
Ein Großteil der im Text verwendeten Zitate geht auf Gespräche und Interviews zurück, die ich selbst geführt habe und die von den Gesprächspartnern autorisiert wurden. Zitate aus Artikeln oder Büchern sind als solche benannt.
Die Integrationsdebatte hat in den vergangenen Jahren zum Teil schrille Formen angenommen. Jüngster Auslöser war das Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. Viele Experten haben im Laufe dieser Diskussionen immer wieder vor Pauschalisierungen und einer Ethnisierung sozialer Probleme gewarnt. Feridun Zaimoglu gab zu Protokoll, Sarrazin halte einer verunsicherten Mittelschicht den Muslim als ‚Vogelscheuche‘ hin, anstatt Einwanderung als europäische Normalität zu betrachten.
Zu dieser Normalität würde auch gehören, die Biografien der ersten Gastarbeitergeneration angemessen zu würdigen. Diese Generation kommt allerdings in den Debatten kaum vor. Was waren das überhaupt für Menschen? Was hat diese erste Generation veranlasst, als junge Menschen in ein fremdes Land, in eine fremde Kultur zu kommen? Was waren ihre Hoffnungen, ihre Ängste? Man kann sich gar nicht vorstellen, was es für ein Abenteuer für meinen Vater gewesen sein muss, als er in den 60er-Jahren aus seinem Dorf bei Gümüshane aus dem Nordosten der Türkei mit dem überfüllten Zug nach einer anstrengenden Reise in Deutschland ankam. Einige Verwandte waren schon seit einigen Jahren als Gastarbeiter in Deutschland, als er endlich auch einen der heiß begehrten Plätze ergatterte. Wie in einer Musterung wurden die Bewerber von Deutschen in der Türkei gesundheitlich mit deutscher Gründlichkeit überprüft. Erst nachdem sie als arbeitstauglich eingestuft wurden, bekamen sie die Erlaubnis als Gastarbeiter nach Deutschland einreisen zu dürfen. Diese jungen Männer hatten einen Traum. Sie wollten einige Jahre in Deutschland arbeiten, um mit den Ersparnissen in ihre Heimat zurückzukehren und eine eigene Existenz aufzubauen.
Diese Aufbruchstimmung der ersten Generation spürt man immer noch, wenn sie von dieser Zeit erzählen, von ihren ersten Erfahrungen in Deutschland. Sie sprechen trotz vieler negativer Erlebnisse am Arbeitsplatz oder auf der Straße immer mit sehr viel Respekt über ihr Deutschland, das damals für sie eine zutiefst fremde Kultur und eine vollkommen neue Umgebung war. Diese jungen Frauen und Männer waren sich nicht zu schade, auch die schwerste Arbeit zu verrichten. Mein Vater erzählt mit glänzenden Augen von seinen ersten Jahren in Deutschland. Mit einigen Verwandten aus seinem Heimatdorf hat er oft 15Stunden am Tag hart gearbeitet und in Containern oder Arbeiterwohnheimen gelebt. Trotzdem erzählen alle mit Nostalgie über diese harte, aber glückliche Zeit.
Die Jahre vergingen, einige schafften den Absprung, wie mein Onkel, der wirklich nach wenigen Jahren in die Türkei zurückkehrte, aber viele, wie auch mein Vater, konnten sich nicht von Deutschland lösen. Stattdessen holten sie ihre Ehefrauen nach und lebten sich immer mehr ein. Lange Jahre hatten sie immer noch im Hinterkopf zurückzukehren. Sie füllten die Fabrik- und Montagehallen, standen am Fließband, putzten Böden blank oder arbeiteten bei der Müllabfuhr. Sie nahmen diese Arbeiten an, ohne sich an dem Mangel an Ansehen zu stoßen, der mit der Art ihrer Beschäftigung einherging. Diese Gastarbeiter waren Pioniere und sich für keine Arbeit zu schade. Ihren Kindern lebten sie vor, dass ehrlich verdientes Geld einen hohen Stellenwert hat. Diese Gastarbeitergeneration wurde von außen oft leichtfertig als homogener Block wahrgenommen. Feridun Zaimoglu verweist in diesem Zusammenhang auf die „Binsenweisheit“, „dass kein Mensch mit einer strengen, linearen Biographie aufwarten kann“. Der Versuch, Einzelne wie Kollektive zugunsten vermeintlicher Erkenntnisgewinne zu vereinheitlichen, müsse in eine Art „Küchenethnologie“ enden, so Zaimoglu. Denn die Konfliktlinien verlaufen eben nicht zwischen den Kulturblöcken, sondern innerhalb der Kulturkreise: „Eine Schafherde bleibt zusammen, weil die Hirtenhunde sie zusammentreiben. Menschen haben es an sich, dass sie die angestammten Schollen verlassen und neue Siedlungen aufsuchen. Wer in so einer Klimazone der Unterschichtenkräfte aufwächst, hat sich für sein späteres Leben eins vorgenommen: Er will nicht auf halber Strecke verrecken. Um Gottes Willen: Nein!
Das ist die Realität von Tausenden Gastarbeiterhaushalten der ersten Stunde, von den verschimmelten Arbeiterbaracken, von den Hinterhausbuchten und den Elendkabuffs, in denen wir groß geworden sind. Wir, das sind die Zuwandererkinder.“
Die Realität von uns ‚Gastarbeiterkindern‘ war eine gute Lebensschule. Die Armut, die Verhältnisse, in denen wir aufwuchsen, gaben uns etwas mit, was kein staatlich verordnetes Integrationsprogramm leisten konnte. Die Verhältnisse waren nicht kuschelig, aber dafür waren die Legenden und Erzählungen der Väter und Mütter reich. Besonders die Mütter, die immer noch oft als unmündige, uniforme Masse von Frauen dargestellt werden, spielten eine immense Rolle mit ihrem großen Sprachschatz und ihrem hellwachen Geist. Viele von ihnen waren nach westlich-moderner Vorstellung ungebildet, meine Mutter etwa war Analphabetin und hatte keine Schule besucht. Nach modernen Bildungs- und Familienvorstellungen hatten wir eine ziemlich miserable Ausgangsposition im Vergleich zu unseren Altersgenossen.
Diese großen Frauen der ersten Einwanderergeneration beherrschten vielleicht nicht das enzyklopädische Alphabet, aber sie sind Meisterinnen des Lebensalphabets, wie es die Schauspielerin Renan Demirkan mir in einem sehr emotionalen Interview beschrieb: „Meine Mutter erspürte das Leben besser, als jeder Wissenschaftler es zu analysieren vermag. Eine Unbelesene, die wesentlich wissender war über die Dinge des Alltags, als ein Belesener es jemals sein wird. Diese Leute, die hierher kommen, laufen wirklich mit offenen Augen und Armen in dieser Gesellschaft herum. Auch wenn sie nicht vieles begreifen, so stellen sie doch Fragen. Auch wenn sie nicht alle Antworten verstehen, so bleiben sie da und suchen weiter. Sie werden nur nicht so sichtbar wie all die, die hier laut von sich reden, weil es nicht ihre Kultur ist und sie haben es nie gelernt, sich sichtbar zu machen.“
Es wird in der zum Teil absurden Integrationsdebatte gar nicht vor Augen geführt, wie sich fast über Nacht Hunderttausende Anatolier bäuerlicher Tradition in das Heer des zugewanderten Industrieproletariats verwandelten. Und viele ihrer Kinder und Kindeskinder, also Bauernarbeiterkinder, verlassen die Rolle der Deklassierten und wollen sich nicht mit dem Gang durch die Institutionen begnügen, wie es der deutsche bürgerliche Nachwuchs bis zur Perfektion betreibt. Dabei stoßen sie auf ein wirkliches Kulturvakuum und suchen es auszufüllen.
Skurrile Konvertiten wie Pierre Vogel prägen durch ihre öffentlichen Auftritte das Bild vom muslimischen Deutschen, der seine deutsche Identität abgelegt und eine sogenannte ‚islamische Identität‘ angenommen hat. Diese angebliche islamische Identität besteht aber bei diesen Akteuren oft aus einer bloßen Nachahmung der arabischen Kultur und einem ideologischen Islam, der im Fall Pierre Vogel eine wahhabitische Färbung hat. Selten kommen deutsche Muslime in der Öffentlichkeit vor, die eben keinen Widerspruch sehen zwischen ihrer deutschen Kultur und dem Islam. Die Neo-Moslems, deren Eltern aus der Türkei oder der arabischen Welt stammen und als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, profitieren von den Erfahrungen der deutschen Muslime, die sich im Laufe ihres Lebens für den Islam entschieden haben, denn sie sind oft eher in der Lage, kritisch über bestimmte unheilvolle Entwicklungen in der islamischen Welt zu reflektieren. So wie Andreas Abu Bakr Rieger, Rechtsanwalt und deutsch-muslimischer Intellektueller. Der in Freiburg geborene Jurist studierte schon in jungen Jahren die Werke Martin Heideggers, vor allem seine Technikkritik. Rieger ist der Ansicht, dass die deutschen Muslime auch der islamischen Welt aus ihrem Schatz etwas mitgeben können. Neben der Gelassenheit gegenüber der Technik, statt der Technikgläubigkeit, die in der islamischen Welt sehr verbreitet ist, könnten geschichtsbewusste deutsche Muslime der islamischen Welt auch eine natürliche Skepsis gegenüber jeder ideologischen Verblendung, die den Feind nötiger brauche als etwa das Gebet, mitgeben. Rieger, der auch Herausgeber der Islamischen Zeitung ist, versucht den Islam zwischen Technik und Ideologie zu denken, und leistet mit seiner Zeitung einen wichtigen Beitrag zur innermuslimischen Debatte über Grundsatzfragen unserer Zeit. „Unsere allgemeine Verachtung, als rechtstreue Bürger, gegenüber Selbstmordattentätern kann man ja auch in dieser Zeitung nachlesen. Ein deutscher Muslim wird aber auch Rainer Maria Rilke zitieren und dessen Erschütterung teilen, dass ‚die Erde dem Menschen in die Hände gefallen ist‘“, so Rieger.
Er betont die prophetische Tradition, jegliche Form des Extremen zu meiden und den Mittelweg einzuschlagen. „Deutsche Muslime revoltieren nicht etwa gegen unser deutsches Erbe, im Guten wie im Schlechten, sie ziehen einfach nur eine andere Quintessenz daraus. Für deutsche Groß-Intellektuelle, die sich gerne gegen „Kopftuchmädchen“ und „Extremfälle aus dem Milieu“ positionieren, sind wir deutschen Muslime ernstzunehmendere Sparringspartner.“ Vielleicht ist das eben auch der Grund, wieso Freidenker wie Rieger aus der öffentlichen Islamdebatte ausgeschlossen werden. Rieger betont, dass er in der islamischen Tradition, in der Muslime denken und leben, bisher kein islamisches Wissen gefunden habe, dass seinem von Deutschland geprägten Intellekt oder seinen europäischen Erfahrungen überhaupt widerspreche. „Vielleicht auch, weil uns die Identitätskrisen der Immigration erspart geblieben sind, praktizieren wir unseren Islam durch alle Aufregungen hindurch eigentlich ruhig. Es ist der gerade Weg. Deutsche Muslime bleiben den neuen Extremen der Esoterik oder des Extremismus fern, unter deren Eindruck so viele Muslime heute leider stehen.“
Die Realität von weit über einer Milliarde Muslime bringt mit sich, dass es muslimische Otto-Normal-Verbraucher wie auch muslimische Kriminelle gibt. Rieger warnt davor, in die Falle zu laufen, dass man nun als Muslim aus einer Art Solidaritätsverpflichtung jeden aberwitzigen Irrweg irgendeiner muslimischen Gruppe vertreten oder gar verteidigen müsse. „Es mag muslimische Bankräuber geben, aber keinen islamischen Bankraub. Das ist die Linie, um die es zunächst geht.“
