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Der römische Kaiser Nero (37–68 n. Chr.) fasziniert die Nachwelt seit eh und je: Er ist der Muttermörder und Brandstifter, der Tyrann und der exzentrische Anti-Kaiser, der sich zum Künstler stilisiert. In vielen Köpfen sieht er aus wie Peter Ustinov in «Quo vadis?». Alexander Bätz, Althistoriker, Bibliothekar und Journalist, entdeckt Nero neu, indem er sich dessen Leben und politischer Karriere auch über die Alltagsrituale des römischen Kaiserreichs nähert, die sozialen und politischen Institutionen beschreibt und durch eine Neulektüre der antiken Quellen auch Nebenfiguren aus dem römischen Alltag in ihren Berührungspunkten mit dem Kaiser hervortreten lässt: Senatoren, die abhängig waren von ihrer Nähe zu Nero, einfache Bürger, die als Handwerker und Kaufleute ihr tägliches Auskommen im Moloch Rom suchten, jungfräuliche Priesterinnen, prominente Intellektuelle, Soldaten und unzählige Sklaven und ehemalige Sklaven, die zum Beispiel als Ammen oder Vorkoster dem Kaiser so nah kamen wie kaum jemand sonst. Eine solche Perspektive erlaubt es, Nero aus der Gesellschaft heraus zu beleuchten, über die er herrschte, und hält Antworten auf die komplexe Frage bereit: Wie war die Beziehung zwischen Rom und diesem faszinierenden Kaiser – jenseits der düsteren Rezeptionsgeschichte? Die Leser beobachten Nero mit den Augen seiner Zeitgenossen und tauchen mit diesem Buch ein in ein farbenfrohes und lebendig beschriebenes Panorama des 1. Jahrhunderts. Ein originelles, modernes Buch über einen ewig aktuellen Topos: Nero.
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Seitenzahl: 846
Veröffentlichungsjahr: 2023
Alexander Bätz
Wahnsinn und Wirklichkeit
Der römische Kaiser Nero (37–68 n. Chr.) fasziniert die Nachwelt seit eh und je: Er ist der Muttermörder und Brandstifter, der Tyrann und der exzentrische Anti-Kaiser, der sich zum Künstler stilisiert. In vielen Köpfen sieht er aus wie Peter Ustinov in «Quo vadis?».
Alexander Bätz, Althistoriker, Bibliothekar und Journalist, entdeckt Nero neu, indem er sich dessen Leben und politischer Karriere auch über die Alltagsrituale des römischen Kaiserreichs nähert, die sozialen und politischen Institutionen beschreibt und durch eine Neulektüre der antiken Quellen auch Nebenfiguren aus dem römischen Alltag in ihren Berührungspunkten mit dem Kaiser hervortreten lässt: Senatoren, die abhängig waren von ihrer Nähe zu Nero, einfache Bürger, die als Handwerker und Kaufleute ihr tägliches Auskommen im Moloch Rom suchten, jungfräuliche Priesterinnen, prominente Intellektuelle, Soldaten und unzählige Sklaven und ehemalige Sklaven, die zum Beispiel als Ammen oder Vorkoster dem Kaiser so nah kamen wie kaum jemand sonst.
Eine solche Perspektive erlaubt es, Nero aus der Gesellschaft heraus zu beleuchten, über die er herrschte, und hält Antworten auf die komplexe Frage bereit: Wie war die Beziehung zwischen Rom und diesem faszinierenden Kaiser – jenseits der düsteren Rezeptionsgeschichte? Die Leser beobachten Nero mit den Augen seiner Zeitgenossen und tauchen mit diesem Buch ein in ein farbenfrohes und lebendig beschriebenes Panorama des 1. Jahrhunderts. Ein originelles, modernes Buch über einen ewig aktuellen Topos: Nero.
Alexander Bätz, 1978 geboren, hat Alte Geschichte, Germanistik und Bibliotheks- und Informationswissenschaften in Würzburg, Padua und an der HU Berlin studiert. Er ist als wissenschaftlicher Bibliothekar für die Altertumswissenschaften an der Universität Konstanz verantwortlich und schreibt als freier Autor und Wissenschaftsjournalist über Themen zur Antike unter anderem für die ZEIT und für ZEIT GESCHICHTE, wo er auch als Berater fungiert.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2023
Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung Anzinger und Rasp, München
Coverabbildung Heritage Images/Getty Images
ISBN 978-3-644-00169-5
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Florian
Nero war schwanger geworden – endlich. Vehement hatte er sich gewünscht, ein Kind empfangen und gebären zu können, seinen Ärzten mit Feuer und Tod gedroht, sollten sie ihm in dieser Angelegenheit nicht zu Diensten sein. Sie hatten ihm daraufhin einen Trank bereitet, der das Wunder herbeiführen sollte. Es gelang, die Geburt erfolgte über den Mund. Nach unbekannter Tragzeit spie der Kaiser eine hässliche Kröte aus. Die Anwesenden kommentierten den unappetitlichen Anblick mit bestürzten Ausrufen: «lata rana, lata rana!» – «großer Frosch», was dem Lateran seinen Namen gegeben habe.[1]
Diese skurrile Geschichte stammt aus der sogenannten Kaiserchronik, einer frühmittelhochdeutschen Geschichtsdichtung aus dem 12. Jahrhundert, entstanden vermutlich in Regensburg. Das im Mittelalter sehr einflussreiche Werk enthält einen historisch-chronologischen Abriss der römischen und deutschen Kaiser von Caesar bis ins Jahr 1147.[2] Geschehenes versteckt sich hier in Geschichten, mitunter bleibt es unauffindbar: Meist mit strenger Abwägung der Verdienste um das Christentum statten die gut 17000 Verse sämtliche Herrscherfiguren mit reichlich Anekdotischem aus. Über Nero weiß der unbekannte Autor jenseits der Schwangerschaft noch zu berichten, dass er mit großer Begeisterung Rom angezündet und seiner Mutter aus Neugier den Bauch aufgeschnitten habe. Auch die Hinrichtung der Apostel Petrus und Paulus geht hier auf Neros Konto. Entsprechend holt den ubelen kunige Nêre am Ende der Passage der Teufel.
Mit dem froschgebärenden Kaiser, der sich mit seinem speziellen Verlangen in grotesker Weise außerhalb der gottgewollten Ordnung bewegt, wider der manne natûre heißt es im Text, enthält die Kaiserchronik einen der kuriosen Höhepunkte der bis heute äußerst lebendigen Rezeptionsgeschichte Neros. Seit knapp 2000 Jahren kursieren ungezählte Bilder und Geschichten vom letzten Kaiser der julisch-claudischen Dynastie. Ein gutes Haar findet sich selten.
Wie so häufig bei der Bewertung historischer Größe und Schuld sind auch die Nero-Bilder vor allem Protokolle des vorherrschenden Zeitgeistes, die über ihre Schöpfer mehr aussagen als über den Gegenstand der Beschreibung. Das ist bei Alexander dem Großen oder Iulius Caesar nicht anders.[3] Doch wo bei ihnen in erster Linie jeweils gegebene politische Realitäten als Taktgeber der Deutung zu finden sind, Würdigungen breit und differenziert ausfallen und von tiefer Ablehnung bis höchster Verehrung auch noch sämtliche Zwischenschattierungen bieten, schwankt das Urteil bei Nero nur im Rahmen einer bunten Palette des Bösen, die ihn einzig auszuzeichnen scheint: Nero ist nach zwei Jahrtausenden zu einer Chiffre geworden, die für alles erdenklich Schlechte steht und dabei die historische Person bis zur Unkenntlichkeit verbirgt. Nero ist heute weitläufig bekannt als Muttermörder, Christenverfolger, Tyrann und Brandstifter. Wohlmeinendere Stimmen sehen in ihm lediglich einen feisten Neurotiker, gewissenlosen Drückeberger oder verweichlichten Versager, der sich dichtend und singend verlustierte und ungeeignet war für alles, was man von einem römischen Kaiser erwarten durfte.
Im Handumdrehen kann Nero aus der weit entfernten römischen Antike in die jeweilige Gegenwart geholt werden. Ein Vergleich mit ihm ist schnell bei der Hand, um bei Unterdrückern, politischen Gernegroßen oder gefährlichen Machthabern Defizitäres in der Persönlichkeit oder Staatslenkung anzuprangern, und ist seit Jahrhunderten allgemein verständlich. Als Donald Trump im März 2020 ein Bild twitterte, das ihn beim innigen Geigenspiel zeigte, während in den USA das Coronavirus wütete, kommentierte alle Welt den Nero-Bezug: Rom brennt, Nero greift zur Leier.[4]
Die althistorische Forschung bezweifelt seit einigen Jahren vehement, dass dem historischen Nero mit diesen Klischees beizukommen ist. Mit großem Aufwand arbeitet sie andere Deutungen des zeitlosen Kaisers heraus, erörtert mögliche Herrschaftskonzepte und kann durchaus konsistente Verhaltensweisen feststellen – zum Beispiel im Hinblick auf eine absichtliche Neuinterpretation der kaiserlichen Rolle unter dem Aspekt des Künstlertums.[5] Die bequemere Variante, in Nero einen besonders üblen Exponenten in einer langen Reihe schlechter Kaiser zu sehen, gerät zunehmend ins Hintertreffen. In der Wissenschaft bemüht heute niemand mehr den legendären ‹Cäsarenwahnsinn›, eine im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert mit Verve auf Kaiser wie Nero oder Caligula angewandte Diagnose, um die in den antiken Texten zuhauf präsentierten Seltsamkeiten in Verhalten und Charakter dieser Herrscher zu erklären.[6]
Vor einigen Jahrzehnten hat bei der Beschäftigung mit den großen Figuren der Antike ein Paradigmenwechsel eingesetzt. Heute dominieren vor allem strukturgeschichtliche Perspektiven den Diskurs.[1] Kaum jemand bestreitet noch ernsthaft, dass eine stets übergroß wirkende Figur wie Augustus, der eine bessere Lobby als Nero hatte, ein Kind seiner Zeit war. Selbst ihm, dem ersten römischen Kaiser, waren trotz seiner ungeheuren Machtakkumulation Rahmenbedingungen vorgegeben, die ihn oft zu reaktivem Handeln zwangen und nicht zuletzt Verständnis für diese Bedingungen und die daraufhin nötige Anpassungsfähigkeit voraussetzten.
Viele der historiographischen, antiquarischen und biographischen Texte der Antike konzentrieren sich indessen ausschließlich auf jene großen Männer und ihre ebenso großen Taten, im Guten wie im Schlechten. Strukturelle Informationen über die behandelte Zeit, die Spielfläche der Akteure, vermitteln die antiken Autoren nur indirekt. Verwunderlich ist das nicht: Warum sollte das, was für den zeitgenössischen Leser doch selbstverständlich war, von Tacitus oder Sueton extra ausgebreitet werden? Aufgrund dieses Filters gerieten für den späteren Beobachter Zusammenhänge und Voraussetzungen leicht aus dem Blick. Diesem Dilemma unterlag jahrhundertelang auch Nero. Vermeintlich Verrücktes kann durchaus in anderem Licht erscheinen, sobald die Umgebung heller und breiter ausgeleuchtet wird. Ein vollständigeres Bild ergibt sich erst durch die Einbettung des Lebens und Verhaltens der Kaiser in die römische Gesellschaft, in die Bedingungen des Hofes, in Akzeptanz- und Kommunikationsräume, in das System ‹Kaisertum› insgesamt.[2]
Längst ist die Forschung sich einig, dass die frühe römische Kaiserzeit aus einer ziemlich verwinkelten Quellenlage zum Leben erweckt werden muss. Oft sind also weniger die Kaiser das Problem als vielmehr die Texte, die zur Rekonstruktion ihrer Biographien zur Verfügung stehen. Nun kann sich ein Historiker seine Quellen aber nicht aussuchen. Das gilt generell, in besonderem Maße jedoch für die Alte Geschichte. Bei der Erschließung der griechisch-römischen Antike ist die Überlieferung dünner und zumeist komplizierter als bei späteren Epochen, wo mitunter großzügige Schwerpunktsetzungen bei der Materialauswahl erlaubt sind. Der Grat zwischen seriös Sagbarem und Spekulation ist nicht zuletzt bei einer Beschäftigung mit den Kaisern der julisch-claudischen Dynastie oft schmal.
In diesem Buch geht es nicht darum, den schlechten Kaiser Nero zum guten Kaiser Nero umzuformen. Das wäre methodisch und sachlich nicht möglich, und dafür gibt es auch keinen Anlass. Es soll vielmehr darum gehen, Nero zu entmythisieren, ihn nüchtern als Akteur seiner Zeit mit ihren Ritualen und Regeln, Traditionen und Werten vorzustellen und dabei die problematische Überlieferungslage nicht aus den Augen zu verlieren. Der gewählte Blick schweift oft weiter als bei einer üblichen Biographie, rückt dann von einer reinen Personenzentrierung ab. Neros Tauglichkeit in seinem Alltag steht im Mittelpunkt. Dafür eignet sich der Griff zum Brennglas, das sich ausschließlich auf ihn konzentrieren würde, wenig. Das Buch verwendet kultur-, sozial-, ereignis- und strukturgeschichtliche Zugänge und berücksichtigt damit den Umstand, dass Nero über viele Kanäle mit seiner Welt und den Menschen darin zu tun hatte. Es geht darum, ein Panorama zum Leben zu erwecken, in dem gelegentlich auch die Nebendarsteller zu Hauptdarstellern werden und umgekehrt – soweit das die Quellenlage erlaubt.
Im Umgang mit vielen Zeitgenossen, der weit unterhalb der Interessen der antiken Autoren stattfand, war Nero oft mehr Mensch als Kaiser. Da waren Ammen, die Nero pflegten und behüteten, als er noch gar nicht Nero hieß, Erzieher, die sich um den Knaben kümmerten und ihn auf die Thronfolge vorbereiteten. Und am Kaiserhof, wo die Fäden des Reiches zusammenliefen, erledigten ehemalige Sklaven alle Aufgaben, die wichtigen wie die schmutzigen, was oft dasselbe war, für Nero, ihren Herrn, der ihnen die Freiheit geschenkt hatte und dafür ewigen Dank erwarten konnte.
Kalkulierte Nähe und unendliche Distanz gleichermaßen prägten Neros Umgang mit der Aristokratie, wenigstens ab dem Zeitpunkt, an dem er auf eigenen Füßen stand und seinen Beratern nicht mehr uneingeschränkt folgen mochte. Kaisergunst und -missgunst entschieden dann über Leben und Tod und machten den von oben nahegelegten Suizid zu einer nicht seltenen Todesursache bei Senatoren. Diese grausame Rollenverteilung beeinflusste die Perspektive der Aristokraten auf den Kaiser verständlicherweise enorm. Traditionalisten und Opportunisten mussten gleichermaßen einräumen, dass sich überkommenes senatorisches Selbstverständnis und faktische Bedeutung im Staatsapparat diametral gegenüberstanden. Und ein Kaiser, der nicht erkennen konnte oder wollte, dass die Achtung der Traditionen als kleinster gemeinsamer Nenner im Umgang mit dem Senat unumgänglich war – ein solcher Kaiser war die Bezeichnung nicht wert. Verschwörungen, Erhebungen und Tod waren die Folge, ganz am Ende der Tod Neros selbst.
Neros Welt kreuzten aber nicht nur enttäuschte Aristokraten, sondern auch Wagenlenker, Priesterinnen, Gladiatoren und Soldaten sowie einfache Bürger Roms, die ihren Kaiser begeistert oder befremdet bei seinen öffentlichen Auftritten als Künstler betrachteten. Nero, der Unhold, scheint in diesen Kontaktzonen nur gelegentlich durch. Nicht jeder Bewohner Roms hätte dem schrillen Kaiser Verhaltensauffälligkeit attestiert. Bei der Suche nach dem feuerlegenden Monster betritt man besonders schwankenden Boden. Inzwischen ist die Mehrheit der Wissenschaft der Überzeugung, dass Nero an der großen Brandkatastrophe des Jahres 64, die doch so untrennbar mit seinem Namen verbunden ist, keine Schuld trug.
«Was hat es Schlimmeres je gegeben als Nero, was gibt es Besseres als die Bäder Neros?», fragt der Dichter Martial in einem Epigramm rund 20 Jahre nach Neros Tod.[1] Nero handelte in vielerlei Hinsicht höchst ambivalent und spaltete die öffentliche Meinung bereits zu Lebzeiten.[2] Licht und Schatten durchzogen seine Regierungszeit, wobei die Parameter für die Zuweisung zum einen oder zum anderen vom Betrachter abhängen. Kaum zu leugnen ist allerdings, dass die Berichterstattung der literarischen Überlieferung, die ausschließlich in schwärzesten Farben gehalten ist, der Komplexität des Themas nicht gerecht wird.
Bereits die nach der antiken Literatur zweite große Quellengattung der Alten Welt, die Epigraphik, rückt Nero in anderes Licht.[3] Auf dem Gebiet des Imperium Romanum sind 175 Inschriften erhalten, die Nero selbst initiierte oder die ihm gewidmet waren. Diese Zeugnisse weisen nicht darauf hin, dass zwischen 54 und 68 ein gefährlicher Psychopath auf dem Kaiserthron gesessen hätte. Im Prinzip zeigt Nero auf den Inschriften ein Gesicht, das guter Standard war: Die Rückbezüge auf Augustus und die Stilisierung militärischer Stärke gehörten zum Grundkanon sämtlicher Kaiser vor Nero. Hier lief also alles normal.
Ein weiteres Beispiel: Götterkulte verachtet und die Staatsreligion grundsätzlich ignoriert zu haben, gehört zu den zentralen Vorwürfen der Überlieferung gegen Nero. Die inschriftlichen Aufzeichnungen der Arvalbrüder, eines uralten, von Augustus aus der Vergessenheit geholten Priesterkollegiums, das seine Tätigkeiten protokollartig dokumentierte, liefern jedoch keine Indizien für diese Anschuldigungen.[4] Legte man nur diese Überlieferung zugrunde, nichts deutete auf einen aus der Reihe fallenden Kaiser hin.
Es lohnt also ein neuer Blick auf Nero, der sich von den Stereotypen, die seit so langer Zeit um ihn kreisen, nicht beirren lässt. Nero bewegte sich in einem relativ klar zu umreißenden Kosmos, dessen Protagonisten, Strukturen und Regeln wir genauso nachzeichnen können wie die Rückwirkungen dieser Welt auf den Kaiser. Darum geht es. Der in diesem Buch gewählte Zugang wäscht das Blut an des Kaisers Händen nicht ab, lässt das monströse und seltsam isoliert wirkende Einzelphänomen ‹Nero›, das seit Jahrhunderten durch die Rezeption spukt und die populäre Wahrnehmung prägt, aber ein wenig schrumpfen.
Die Suche nach der Substanz hinter dem Nero-Mythos beschäftigt die akademischen Elfenbeintürme schon länger, und dort wurde auch schon manche Antwort gefunden. Die breitere Öffentlichkeit wird allerdings erst seit Kurzem damit konfrontiert, lieb gewonnene Denk- und Sehgewohnheiten in Bezug auf Nero hinterfragen zu müssen. Das Buch will an dieser Stelle anknüpfen und einem breiten Leserkreis Auskunft geben über das, was in den letzten Jahrzehnten zu Nero erforscht wurde. Dass Nero, der bekannteste römische Kaiser, eine ungeheure Anziehungskraft außerhalb der Altertumswissenschaften besitzt, zeigte sich in Deutschland zuletzt 2016 eindrücklich an der Sonderausstellung Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann im Rheinischen Landesmuseum Trier. Als die hochgelobte Schau ihre Pforten schloss, hatten sich über 270000 Besucher jeweils mehrere Stunden lang mit dem unsterblichen Kaiser auseinandergesetzt und ein sehr ausgewogenes und aktualisiertes Nero-Bild präsentiert bekommen. Die Trierer Ausstellung war eine der erfolgreichsten Antike-Ausstellungen der vergangenen Jahrzehnte und dürfte dafür gesorgt haben, dass bei vielen Gästen die mythenbildende Nero-Verkörperung durch Peter Ustinov in der Quo Vadis-Verfilmung von 1951 deutlich verblasste.[5]
Wie kam es dazu, dass Nero in so einseitiger Art und Weise zu einem Mythos des Bösen werden konnte? Und welche Blüten trieb die Beschäftigung mit Nero im Laufe von fast 2000 Jahren?
Alles beginnt mit den drei antiken Autoren Tacitus, Sueton und Cassius Dio.[1] Sie begründeten das einseitige Bild von Nero und gossen es in eine noch heute größtenteils gültige Form. Ihre Schriften bildeten den Humus, aus dem die düstere Rezeptionsgeschichte wild herauswuchern konnte. Augenzeugen der Regierungsjahre Neros waren die drei indessen nicht, und bei jedem von ihnen verstellten je eigene, aber grundsätzliche Faktoren den nüchternen Blick auf den Kaiser.
Publius Cornelius Tacitus, Mitte oder Ende der 50er Jahre geboren, erlebte Neros Wirken, wenn überhaupt, als Kind in der gallischen Provinz. Er betrat Rom vermutlich erstmals mit rund 15 Jahren, als sein Rhetorikunterricht in der Hauptstadt begann.[2] Nero war da bereits seit einigen Jahren tot. Auf dem Kaiserthron saß Vespasian (reg. 69–79), Begründer der flavischen Dynastie, der alles tat, um die Abgrenzung von Nero so augenfällig wie möglich zu gestalten. Unter den Flaviern trat Tacitus in eine senatorische Karriere ein und entwickelte für sich eine klare Vorstellung von jenen Rechten und Pflichten, die im Zusammenspiel von Kaisern und Senatoren gelten sollten. Insbesondere die brutale autokratische Herrschaft des letzten flavischen Kaisers Domitian (reg. 81–96) prägte Tacitus nachdrücklich als literarischen Verfechter senatorischer Freiheit und Selbstbestimmtheit.
Tacitus war ein Misanthrop und Kulturpessimist, der in seinen Werken schonungslos gegen die in seinen Augen unübersehbaren Zerrüttungen in Gesellschaft und Politik wetterte. Ihn zu lesen, ist noch heute ein Genuss. Insbesondere wenn er, was häufig der Fall ist, seinen viel zitierten Vorsatz, ohne Zorn und Eifer über die Geschehnisse berichten zu wollen (sine ira et studio)[3] aus den Augen verliert und mit großer Bissigkeit die Unzulänglichkeiten bestimmter Personen oder Gruppierungen darlegt. Rom, so schreibt er an einer Stelle etwa, sei eine Stadt, in der man alles erfahre und niemand etwas für sich behalten könne[4] – übersteigertes Sendungsbedürfnis ist nicht erst ein Phänomen unserer Zeit. Tacitus’ Grundton ist düster, und hätte man ihn gefragt, er hätte auf einen Kaiser an der Spitze des Staates wohl generell verzichten können – ganz sicher aber auf einen Herrscher wie Nero, der die sensible Tektonik des römischen Kaisertums schließlich deutlich zu Lasten des Senats umzuformen begann.
Abgesehen von Rückblicken in den Historien, einer Arbeit, die vor allem die Kaiser der flavischen Dynastie behandelt, findet Tacitus’ Beschäftigung mit Nero in seinem zweiten bedeutenden Werk, den Annalen statt, verfasst rund 50 Jahre nach dessen Tod. In ursprünglich wohl 18 Büchern erzählt Tacitus hier von Glanz und Elend der julisch-claudischen Dynastie, unter deutlich stärkerer Betonung des Elends. Das Opus setzt mit dem Tod des Augustus und Herrschaftsantritt des Tiberius im Jahr 14 ein und hangelt sich von Jahr zu Jahr über Tiberius, Caligula und Claudius bis hin zu Nero. Bereits der nach Jahren gegliederte Aufbau der Annalen ist ein politisches Statement. Tacitus hätte auch die einzelnen Herrscher seinem Werk als Ordnungsprinzip zugrunde legen können. Er orientierte sich aber lieber an der Annalistik, der urrömischen historiographischen Form aus den seligen Zeiten der Republik. Die Annalen sind nicht vollständig erhalten: Nachdem Nero am Ende des zwölften Buches den Thron besteigt, widmet ihm Tacitus die Bücher 13 bis 16 komplett. Mitten in Buch 16 bricht das Werk ab. Daher fehlen die Jahre 66 (teilweise), 67 und 68, in denen sich Neros Ende vollzog.
Viele der von Tacitus verwendeten Quellen stammten aus der Feder von Senatoren, die unter Kaisern wie Tiberius (reg. 14–37), Caligula (reg. 37–41) und nicht zuletzt Nero gelitten hatten und fast sämtlich anonym im Dunkel der Geschichte versanken.[5] Für die Nero betreffenden Teile der Annalen sind allerdings drei Namen bekannt. Tacitus nennt Plinius den Älteren (24–79), den Verfasser nicht nur der monumentalen Naturalis historia (Naturgeschichte), sondern auch eines in den 70er Jahren entstandenen und heute nur noch über Zitate fassbaren geschichtlichen Werkes. Dass Plinius nichts von Nero hielt, illustrieren diverse Passagen in der Naturalis historia. Sobald es eines abschreckenden Beispiels für Verschwendung, falsche Religiosität oder unrömische Lebensart bedarf, kennt Plinius eine passende Episode aus Neros Leben. Seine Ablehnung gipfelt in den Etikettierungen Neros als «Feind des Menschengeschlechts» und «Gift für die Welt».[6]
Außer Plinius verwendete Tacitus die Historiker Marcus Cluvius Rufus und Fabius Rusticus, Zeitgenossen Neros, die wohl beide unmittelbar mit Neros Art und Weise, die kaiserliche Rolle auszufüllen, in Berührung kamen. Cluvius Rufus agierte als Ansager bei Neros Bühnenauftritten und stand dem Kaiser insgesamt nicht feindselig gegenüber. Fabius Rusticus gewann als Freund des berühmten Philosophen Seneca, zeitweise der engste Berater Neros, Einblicke in die Zustände am Hof. Spätestens als Seneca auf Betreiben Neros Selbstmord beging, konnte Fabius Rusticus, ein begnadeter Stilist, den Tacitus gar mit dem hochgeschätzten Livius verglich, nichts Gutes mehr am Kaiser finden. An einer Stelle erwähnt Tacitus auch die Autobiographie Agrippinas, der Mutter Neros, als Quelle.[7]
Neben diesen literarischen Zeugnissen verarbeitete Tacitus nachweislich die im Saturntempel auf dem Forum Romanum archivierten Abschriften von Senatsbeschlüssen und ferner die acta senatus, Protokolle, die zu den Senatssitzungen angefertigt und in den kaiserlichen Archiven verwahrt wurden. Tacitus formte aus seinem Material nicht grundsätzlich die dunkelste Variante, wenn ihm voneinander abweichende Aussagen über Nero vorlagen. Das ist zum Beispiel der Fall, als es um die Frage geht, von wem die sexuellen Annäherungsversuche ausgegangen seien, die das Bild vom Mutter-Sohn-Verhältnis Neros und Agrippinas überschatten – wohl eher von Agrippina, konstatiert Tacitus nach kurzer Quellenkritik.[8] Es wäre daher falsch, Tacitus als unkritischen Geschichtsschreiber anzusehen, der auf Nero eingeprügelt hätte, um aus politischen Gründen eine spezifische Form der Erinnerung zu konstruieren. Tacitus hatte jedoch, wie viele Historiker, feste Ansichten, was die Dinge betrifft, über die er schrieb – auch im Falle Neros, den er zweifelsohne verabscheute und schlicht als Tyrannen betrachtete.
Gaius Suetonius Tranquillus wurde um das Jahr 70, kurz nach Neros Tod, wahrscheinlich in der bedeutenden nordafrikanischen Handelsstadt Hippo Regius in der römischen Provinz Africa geboren.[9] Er gehörte dem Ritterstand an, der zweithöchsten gesellschaftlichen Schicht des Imperiums nach den Senatoren. Ähnlich wie Tacitus gelangte auch er zu Ausbildungszwecken nach Rom, wo er Mitte der 80er Jahre während der Herrschaft Domitians Rhetorikunterricht nahm. Unter Trajan (reg. 98–117), vor allem aber unter Hadrian (reg. 117–138) besetzte Sueton hohe Ämter in der kaiserlichen Verwaltung. Er leitete zeitweise die Archive und Bibliotheken der Hauptstadt und diente für einige Jahre im bedeutenden Amt des ab epistulis als Leiter der kaiserlichen Kanzlei. Allein von Berufs wegen stand Sueton somit eine Fülle an Quellen zur Verfügung – offizielle Dokumente aus den staatlichen Archiven ohnehin, doch zusätzlich auch die zahlreichen Bittschriften und Anfragen, die die Kaiser erreichten und in der Kanzlei beschieden wurden. Auf Grundlage dieses Materials schrieb Sueton sein Hauptwerk, mit dem er eine bis dahin in Rom noch kaum verbreitete literarische Betrachtungsweise in fast kanonischer Art zur Nachahmung empfahl: die Biographie. Neros Vita ist eine von zwölf Lebensbeschreibungen römischer Herrscher von Caesar bis Domitian, die Sueton bald nach 120 verfasste.[10]
Zusätzlich zu diversen schriftlichen Quellen akzeptierte Sueton auch mündliche Überlieferungen oft vollkommen unbekannter Provenienz. Das Ergebnis dieser Zusammenführung ist ein üppig koloriertes Sittengemälde, das keinen Anspruch auf historische Exaktheit erhebt, auch die Chronologie nicht grundsätzlich beachtet und stattdessen mit Klatsch und Tratsch, Anekdoten und vermeintlich besonders aussagekräftigen Details zur Illustration der charakterlichen Eigentümlichkeiten seiner Protagonisten gespickt ist. Langwierige Auseinandersetzungen zwischen Kaisern und Senatoren, staatstheoretische Dispute und die Frage nach Sinn oder Unsinn der monarchischen Herrschaft waren nicht Suetons Sache. Sein Interesse galt der Persönlichkeit seiner Helden.[11] Über Nero war zur Abfassungszeit von De vita Caesarum bereits allerhand Legendenhaftes im Umlauf, das Sueton jede Menge Stoff für eine blumig-schaurige Kaiserbiographie lieferte. Dass aus Nero einiges herauszuholen war, zeigt auch der Umfang: Neros Vita ist deutlich länger als diejenige des mit 63 Jahren verstorbenen Claudius, obwohl bei Nero lediglich 31 Lebensjahre zu Buche stehen.
Tacitus und Sueton griffen nachweislich zum Teil auf dieselben Quellen zurück, möglicherweise nutzte Sueton Tacitus sogar für seine Biographien. Die Werke der beiden unterscheiden sich in Anlage und Intention dennoch deutlich. Im Gegensatz zu Tacitus verstand sich Sueton nicht als Historiker. Er wollte unterhalten, nicht unbedingt bewerten. Ganz frei von politischer Haltung war Sueton allerdings auch nicht.[12] Er verfasste seine Lebensbeschreibungen für ein aristokratisches Publikum, und als Angehöriger des Ritterstandes musste er auch selbst ein Problem mit Nero haben, der sich, so sahen es viele adlige Zeitgenossen, zum Beispiel mit seinen öffentlichen Gelagen und Bühnenauftritten unnötigerweise mit den Unterschichten der Hauptstadt einließ. Hinzu kommt, dass Sueton von Plinius dem Jüngeren gefördert wurde, dem Neffen des älteren Plinius (dem bereits erwähnten Verfasser der Naturalis historia). Die Welt der Intellektuellen in Rom war klein, und Aristokratenzirkel blieben unter sich – es ist schwer vorstellbar, dass Sueton in diesem Milieu eine für damalige Verhältnisse revolutionäre proneronische Haltung hätte ausbilden können.
Lucius Cassius Dio ist der dritte Autor, von dem eine umfassendere Überlieferung zu Nero und seiner Zeit erhalten geblieben ist. Sein Werk, eine römische Geschichte auf Griechisch (Rhomaike- historía), entstand um 200, rund 130 Jahre nach Neros Tod. Geboren als Sohn eines römischen Senators im bithynischen Nicaea in der heutigen türkischen Provinz Bursa, durchlief Cassius Dio die standesgemäßen Bildungsstufen, die ihn in die großen intellektuellen Zentren der griechischen Welt führten und schließlich auch nach Rom und Italien, wo er eine erfolgreiche senatorische Karriere begann.[13]
Sein historiographisches Werk behandelt knapp 1000 Jahre römischer Geschichte in annalistischer Form, von den Anfängen in der Königszeit bis in die Gegenwart der severischen Dynastie im Jahr 229. Ähnlich wie Tacitus nimmt Cassius Dio darin durchgängig eine senatorische Perspektive ein. Zwar hatte Cassius Dios Vita durch die Herkunft aus Kleinasien auch provinzial-griechische Wurzeln, aber seinem Selbstverständnis nach gehörte er nicht minder zur römisch-italischen Elite.
Cassius Dios Blickwinkel auf die kulturellen und politischen Gegebenheiten des Untersuchungszeitraums, etwa der Verhältnisse an den julisch-claudischen Kaiserhöfen, ist stark derjenige seiner Zeit, des frühen 3. Jahrhunderts. 80 Bücher umfasste seine Rhomaike- historía am Ende, von denen lediglich 25 vollständig erhalten geblieben sind. Die Bücher 61–63, die Neros Regierungszeit behandelten, sind nicht darunter. Ihr Inhalt lässt sich dennoch leidlich gut rekonstruieren, da das Werk Cassius Dios im 11. und 12. Jahrhundert eifrig für umfangreiche Weltchroniken ausgeschlachtet wurde.[14] Diese Abrisse aus den Federn unter anderem der byzantinischen Schriftsteller Johannes Zonaras und Johannes Xiphilinos zeigen, dass Cassius Dio Nero erheblich feindseliger gegenüber gestanden haben muss als Tacitus und Sueton.[15] Die Suche nach der optimalen monarchischen Herrschaft durchzieht Cassius Dios Werk wie ein roter Faden.[16] Durch Nero sah er sie nicht repräsentiert. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Nero für Cassius Dio sogar der schlechteste Kaiser von allen war.[17] Was Cassius Dio von Nero hielt, lässt er die britannische Häuptlingstochter Boudicca ausdrücken, die in den Jahren 60/61 einen Aufstand gegen die Römer anführte. Dem Namen nach sei Nero zwar ein Mann, sein Gesang, sein Leierspiel und seine Schminke zeigten jedoch, dass er in Wahrheit eine Frau sei. So bezeichnet sie ihn dann auch: Neronis-Domitia.[18]
An vielen Stellen lässt sich der originale Tenor der Abschnitte über Nero nur noch zum Teil nachweisen: Als Zonaras und Xiphilinos ihre Exzerpte anfertigten, war längst amtlich, dass Nero die erste Christenverfolgung angeordnet habe. Kaum vorstellbar, dass dieser Umstand nicht auch in die Bearbeitung des christlichen Mittelalters eingeflossen ist, die für uns heute den einzigen Zugang zu den Nero-Büchern von Cassius Dio darstellt. Cassius Dio kann es weder methodisch noch stilistisch mit Tacitus aufnehmen. Doch die Auszüge seiner Rhomaike- historía erzählen Neros Geschichte immerhin zu Ende und füllen damit die Lücke der Jahre 66 bis 68 aus, die im taciteischen Werk besteht.
Fassen wir zusammen: Das finstere Bild des letzten julisch-claudischen Kaisers prägten drei längere historiographische bzw. biographische Texte, jeweils erst nach Neros Tod und mit besonderen Intentionen verfasst und daher in ihrem Urteil höchst einseitig. Hinzu kommt eine Fülle an charakterisierenden Notizen, beiläufigen Bemerkungen und anekdotenhaften Erinnerungen bei verschiedenen Schriftstellern, Historikern und Biographen bis in die Spätantike, die in der Regel einen ähnlichen Ton anschlugen wie Tacitus, Sueton und Cassius Dio und auf diese auch oft zurückgriffen.
Einige Kostproben: Für den Philosophenkaiser Marc Aurel (reg. 161–180) war Nero nicht mehr als ein widernatürlicher Ausbund an Triebhaftigkeit, ein androgynos, mechanisch erregbar wie ein wildes Tier.[1] Der Chronograph von 354 pickt das Thema Dekadenz heraus: An Neros Hof habe es einen menschlichen Viel- und Allesfresser aus Alexandria gegeben, der unter anderem eine lebende Henne inklusive Federn, 100 Eier, Stiefelnägel, vier Tischtücher und einen Heuballen gegessen habe und dennoch hungrig geblieben sei. Weitere Informationen enthält der Eintrag, der Neros Regierungszeit beschreiben soll, praktisch nicht.[2] Dem Historiker Eutropius fällt zu Nero Ende des 4. Jahrhunderts schon kaum mehr ein als Parfümbäder (kalt und warm), beschämende Bühnenauftritte und militärisches Versagen sondergleichen.[3] Orosius, christlicher Autor des frühen 5. Jahrhunderts, fasst Neros Regierungszeit in wenigen Absätzen als einzige große Katastrophe zusammen. Der Kaiser habe Mutter, Bruder, Schwester und Ehefrau umgebracht und außerdem überhaupt sämtliche Angehörigen.[4]
Die Liste ließe sich leicht verlängern. Ohne Zweifel galt Nero dem Großteil der literarischen Überlieferung der Antike als prototypischer Tyrann, als Schurke und Scheusal, und diese Überzeugung kam sicher nicht aus dem Nichts. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, Neros Darstellung in der antiken Historiographie sei ausschließlich Erfindung. Viele der Nero nachgesagten Verbrechen und Verhaltensweisen sind evident.
Flavius Josephus, ein Zeitgenosse Neros, Chronist unter anderem des Jüdischen Krieges von 66 bis 70, deutet an, dass die Voreingenommenheit gegenüber Nero bereits in seiner Gegenwart bestanden habe – allerdings in beide Richtungen. Das lässt aufhorchen. Tatsächlich erwähnt Josephus in seinen Antiquitates Judaicae, dass etliche Historiker positiv über Nero berichtet hätten. Wir kennen keinen von ihnen, auch ihre Werke nicht. Josephus mutmaßt, dass es sich wohl um Günstlinge des Kaisers gehandelt habe. Auf der anderen Seite, so Josephus, stünden Geschichtsschreiber, die Nero aus verschiedenen Gründen hassten und daher eine zutiefst feindselige Schilderung verfasst hätten. Josephus bricht keine Lanze für Letztere: Diejenigen, die Nero verdammten, hätten es auch bei seinen Vorgängern mit der Wahrheit weniger gehabt und sie ebenfalls schlechtgemacht, obwohl sie doch so viel später erst über sie geschrieben hätten.[5] Dies bringt die Probleme der Beschäftigung mit Nero und anderen Kaisern wie Tiberius, Caligula und Claudius auf den Punkt: Günstlinge und Gegner rangen um die Deutungshoheit, und im Falle Neros erwiesen sich die Gegner als durchsetzungsstärker – mit ihren Werken wie im echten Leben. Die Verlierer der Geschichte prägen die Erinnerungen, Bilder und Blickwinkel des historischen Gedächtnisses so gut wie nie.
Ausgewogene oder gar positive Meinungen über Nero aus der Antike sind also rar. In den Versen des Dichters Titus Calpurnius Siculus wird Nero mit Apollon und Mars, einmal gar mit Iuppiter gleichgesetzt, sein Erscheinen messianisch gefeiert.[6] Entstanden zu Beginn von Neros Herrschaft, überwiegt hier die Erleichterung über den Neuanfang nach dem Ausscheiden des verhassten Kaisers Claudius. Ähnliches gilt für die Carmina Einsidlensia, als Fragment überlieferte Hirtendichtungen aus neronischer Zeit, die den jungen Herrscher hymnisch erhöhen.[7] Auch die euphorische Darstellung Neros als Apollon in Senecas bitterböser Satire Apocolocyntosis (Verkürbissung/Verwandlung in einen Kürbis) von 54 fällt gleichsam unter die Staatsraison, die eine Abgrenzung von Neros Vorgänger Claudius verlangte, dem eigentlichen – und radikal verunglimpften – Protagonisten dieses Werkes.[8] Mit der sogenannten Ilias Latina, einer Nachdichtung der homerischen Ilias, gibt es schließlich noch einen weiteren Fall, in dem Nero als Friedensbringer erscheint und literarisch gut wegkommt. Die neueste Forschung datiert das Werk in die Jahre zwischen 60 und 65.[9] Das ist überraschend spät: Nero hatte hier bereits seine Mutter ermordet und war möglicherweise auch schon als vermeintlicher Großbrandstifter bekannt.
Mit Neros Tod verschwinden die wohlwollenden Töne fast vollständig. Zwar werden Neros erste Jahre häufig als positiv hervorgehoben, so auch bei Sueton, doch verstärkt dies kompositorisch oft nur den Kontrast zu den Jahren der tyrannischen Herrschaft, deren Beginn die meisten antiken Autoren mit dem Mord an Agrippina im Jahr 59 ansetzen. Immerhin moderat – in einer Einzelstelle – äußert sich zum Beispiel der Biograph Plutarch (ca. 45–130), der in seiner Lebensbeschreibung des republikanischen Feldherrn Titus Quinctius Flamininus eine politische Parallele zum späteren Nero zieht.[10] Plutarch verfasst an der betreffenden Stelle kein Loblied auf den Kaiser. Aber eine Ausnahme gegenüber der sonstigen Überlieferung stellt sie allein deshalb dar, weil die Erwähnung Neros schlicht neutral ausfällt. Konsistent war Plutarchs Nero-Bild nicht, wie seine lapidare Bemerkung am Schluss der Vita des Antonius zeigt, Nero habe mit seinem Irrsinn beinahe das Imperium zum Einsturz gebracht.[11] Aber der Biograph erlaubt sich doch einen etwas nüchterneren Blick auf Nero als die römischen Autoren. Der Grund: Plutarch war Grieche, und in Griechenland bewerteten die Menschen Neros Kaisertum durchaus positiv. Viele von Neros Vorlieben, die Autoren wie Tacitus oder Sueton als unrömisch brandmarkten und deswegen ablehnten, wurzelten in der Kulturtradition des griechischen Ostens.
Im Hinblick auf Neros Andenken erwies sich jedoch nicht die tendenzielle Sympathie der Bewohner Griechenlands als durchsetzungsstark, sondern das, was den Federn der Historiker entsprang. Ausgehend von dieser antiken Überlieferung ertrank das Bild Neros in Ablehnung und Hass.
Als einflussreichste Strömung innerhalb der Nero-Rezeption offenbarte sich schließlich die christliche.[1] Ausgangspunkt ist der taciteische Bericht über den Brand Roms 64 mit den anschließenden Ereignissen. Fast beiläufig und ohne besondere Anteilnahme am Schicksal der auch ihm höchst suspekten Sekte der Chrestiani erwähnt Tacitus, dass Nero im Anschluss an den großen Brand Schuldige gesucht habe, um vom Verdacht, er selbst sei für die Katastrophe verantwortlich, abzulenken. Daraufhin sei es erstmals zu einer konzertierten Verfolgung der Christus-Anhänger in Rom gekommen, die dann in besonders grausame Hinrichtungen gemündet sei. Tacitus’ Bericht wirft aus vielen Gründen Fragen auf, etwa im Hinblick auf die Umfänge der Maßnahmen und die überlieferten Details – aber auch, was den Zusammenhang zwischen der Christenverfolgung und dem großen Brand angeht.[2]
Das Bild des Christenverfolgers Nero wurde dennoch kanonisch. In seinen um 197/198 verfassten Schriften Ad nationes und Apologeticum charakterisierte der Kirchenvater Tertullian Nero als ersten persecutor und damnator der Christen.[3] Nicht nur für die Apologeten des 2. und 3. Jahrhunderts stand mittlerweile noch ein weiteres schreckliches Detail fest, das Neros Image zusätzlich verfinsterte: Nach einer seit der Mitte des 2. Jahrhunderts fassbaren Überlieferung erlitten im Zuge der neronischen Maßnahmen auch die Apostel Petrus und Paulus den Märtyrertod in Rom. Ab ca. 200 konnten ihre angeblichen Grabstätten auf dem Mons Vaticanus und in der Nähe der Via Ostiensis besucht werden und transportierten die Erinnerung an Neros Tyrannei damit stetig in die frühchristliche Gegenwart.
In den für die Christen mitunter sehr unruhigen Zeiten vom 3. bis 5. Jahrhundert taucht Nero in zahlreichen apokalyptischen Schriften auf, die sein Wiedererscheinen, oft als der Antichrist persönlich, oft als dessen Vorbote, mit den Tagen des Jüngsten Gerichtes verknüpfen. Dahinter stehen bereits kurz nach Neros Ende kursierende Legenden, der böse Kaiser sei gar nicht gestorben, sondern habe sich in den Osten abgesetzt, wo er auf seine Erweckung warte, um seinen Thron wieder einzunehmen. Die langlebige Mär vom Nero redivivus hatte sicher auch Futter bekommen durch das Auftreten von mindestens zwei Pseudo-Nerones, die bald nach Neros Tod den griechischen Raum unsicher machten.[4]
Victorinus, Bischof von Poetovio im heutigen Slowenien, Verfasser des ältesten erhaltenen Bibelkommentars auf Latein, stellte im späten 3. Jahrhundert die wirkmächtige These auf, Nero sei mit dem Großen Tier in der Offenbarung des Johannes gleichzusetzen. Dort heißt es kryptisch, die Zahl jenes Tieres sei die Zahl eines Menschen und sie laute 666.[5] Tatsächlich ergibt die Summe aus den Zahlenwerten der hebräischen Buchstaben für Neron Kesar die Zahl 666. Dass dieses Zahlenspiel auch mit anderen Namen funktioniert, half Neros Andenken wenig. Der erste Kaiser, unter dem die Christen zu leiden hatten, als Untier und Antichrist bereits im Buch der Bücher? Vielen Exegeten schien diese Möglichkeit zu verlockend, um nicht wahr sein zu können.
Nero hatte die Antike als unsterbliches Monster hinter sich gelassen, das sich nun seinen Weg durch die Jahrhunderte bahnte. In losem Wechsel gekleidet als Tyrann, Verwandtenmörder oder Antichrist, wuchs es auf Überlebensgröße heran, wurde zur Legende und irgendwann sogar schwanger, wie in der eingangs erwähnten Kaiserchronik. Der historische Nero schrumpfte im gleichen Zug auf ein kaum noch sichtbares Maß.[1]
Im Mittelalter gibt es keine Äußerung zu Nero, hinter der nicht das Bild von der mala bestia[2] durchschimmert. Auch in der Kaiserchronik fällt eine Trennung von der tyrannenhaften und muttermordenden Zeichnung Neros und seinem Image als Antichrist schwer. Inzwischen war alles eins geworden. In den mittelalterlichen Auseinandersetzungen zwischen Kaisern auf der einen und Päpsten und Fürsten auf der anderen Seite wurde so mancher Kaiser ‹Nero› genannt – der Canossagänger Heinrich IV. zum Beispiel, aber auch Friedrich II. aufgrund seiner antipäpstlichen Politik. Der Vorwurf saß: Dachte man an Nero, so erschien das ganze Konzept der Translatio imperii, der Übertragung des ehrwürdigen römischen Kaisertums der Antike auf das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation), plötzlich befremdlich.[3] In der Tradition eines Kaisers wie Nero wollte niemand stehen.
Die Staatstheoretiker der Renaissance verließen erstmals die Linien der überwiegend christlichen Perspektive im Umgang mit Nero. Überlegungen zu herrscherlichen Tugenden, den Aufgaben eines Fürsten und Idealen der Staatsführung beschäftigten die Schreibstuben der Gelehrten in Florenz, Pavia oder Rom. Auch unter diesen Blickwinkeln bot Nero genügend Anknüpfungspunkte, nachdem die Tyrannentopik bereits eine wichtige Säule in der Darstellung von Tacitus gewesen war. Immerhin gewann Nero mit dem Humanisten Gerolamo Cardano einen ersten Fürsprecher – rund 1500 Jahre nach seinem Tod. Das ist, als würde ein in unseren Tagen übel beleumundeter Politiker um das Jahr des Herrn 3500 herum erstmals eine positive Presse erhalten. Cardanos Encomium Neronis von 1562 stilisiert Nero dann aber auch gleich zu einem Idealkaiser. Selbst seine zahlreichen Morde seien politisch klug gewesen und im Großen und Ganzen aus Notwehr heraus erfolgt.[4]
Diese Ehrenrettung blieb eine Ausnahme. In der Regel sahen auch die Menschen der Renaissance keine Gründe, Nero zu mögen. Zumindest ein Spurwechsel ist jedoch erkennbar: Der frühneuzeitliche Nero ist mehr Tyrann und weniger Christenverfolger. Für die Diffamierung politischer Gegner eignete sich das nicht minder, und dafür wurden auch die schönsten sprachlichen Mittel aktiviert: In einem Traktat von 1651 bezeichnet der große John Milton seinen Lebensgegner Karl I., den englischen König, auf Latein als Nerone Neronior – Karl war also mehr Nero als Nero selbst. Milton verwendete diesen kühnen Neologismus – ein aus ‹Nero› gebildetes Adjektiv im Komparativ – nicht einmal als Erster.[5]
Im 17. Jahrhundert wurde Nero von Literatur und Kunst in großem Stil entdeckt, sein Bild weiter tradiert und verbreitet. In schwülstigen Dramen wie Nero. A New Tragedy von Matthew Gwinne (1603) betrat der Kaiser die Theaterbretter. Die Handlung dieser Stücke wurde vor allem aus dem Anekdoten-Arsenal Suetons und den Werken Tacitus’ befeuert. Wer es sich leisten konnte, besuchte Nero auch in der Oper: Claudio Monteverdi stellte in L’incoronazione di Poppea von 1642 einen liebestrunkenen Kaiser auf die Bühne, dessen abschließendes Duett mit Gattin Poppea geradezu verstörend auf das damalige Publikum gewirkt haben muss: Der Unmensch Nero soll in der Lage gewesen sein zu lieben? 1705 brachte Georg Friedrich Händel seinen Nero am Hamburger Gänsemarkt auf die Bühne, noch mit mäßigem Erfolg. Vier Jahre später folgte Händels Agrippina in Venedig. Das italienische Publikum tobte vor Begeisterung und ließ den «caro Sassone» hochleben, wie ein zeitgenössischer Beobachter berichtet.[6] Die Agrippina gilt noch heute als herausragend unter den Opern Händels. Freilich zerlegt das Libretto aus der Feder Vincenzo Grimanis auch die letzten Reste an Geschichtlichkeit: Als Beispiel genügt eine Szene am Schluss des 3. Aktes, in der sich Claudius anschickt, Nero mit Poppaea Sabina zu verkuppeln. Historisch gesehen, beißt sich hier so ziemlich alles.
Die visuellen Erwartungen bedienten die Maler des Barock. Mit großen Augen bestaunt Nero auf Antonio Molinaris Gemälde Nero vor der Leiche seiner Mutter Agrippina von ca. 1680 seine halb entkleidete und soeben von seinen Schergen gemeuchelte Mutter.[7] Aus dem Bild spricht deutlich der bereits in der Antike hartnäckig an Nero klebende Vorwurf des Inzests (Abb. 1).
Im späten 18. und im Verlauf des 19. Jahrhundert tauchte die Nero-Rezeption in eine Phase der Ästhetisierung ein. Neros (vermeintliches) Bekenntnis zum Dionysischen, zu Dekadenz und bedingungslosem Künstlertum machte ihn für den Marquis de Sade, aber auch für Dichter wie August von Platen oder Gustave Flaubert zu einem Prototyp und Faszinosum. Die Bezugspunkte blieben dabei stabil: Nero war weiterhin der singende Brandstifter, nur wurde dies nun ästhetisch umgedeutet.[8] Etwa zeitgleich hatte Nero auch die Wohnstuben des Bürgertums erreicht. Seit Ende des 18. Jahrhunderts schossen historische Romane wie Pilze aus dem Boden. Abgestoßen und fasziniert zugleich, tauchte die Leserschaft ein in die degenerierte römische Kaiserzeit, die von einer Figur wie Nero ideal repräsentiert schien. Ausgehend von einem inzwischen sehr stabilen Nero-Bild mäanderten Werke wie Acté von Alexandre Dumas von 1839 oder Quo vadis von Henryk Sienkiewicz durch ihre Handlungen, scherten aus und setzten Schwerpunkte.
Bei Sienkiewicz ist die Unbill der frühen Christen das Thema. Nero wurde dafür nicht neu erfunden. Er blieb innerhalb des bewährten Musters der Christenverfolger, Brandstifter und Tyrann. Im Mittelpunkt der Handlung steht er nicht, treibt sie als Untergrundströmung aber voran. Sienkiewicz’ Quo vadis von 1895 gilt als der literarische Klassiker schlechthin über Nero und seine Zeit.[9]Der Jahrhundertroman prägte für mindestens eine Generation die Vorstellungen vom neronischen Rom und bildete den Höhepunkt einer regelrechten Nero-Hysterie im Polen des 19. Jahrhunderts.[10] Henryk Siemiradzki, ein enger Weggefährte von Sienkiewicz, lieferte die passenden Gemälde dazu. Bereits 1876 hatte er mit Neros Fackeln ein Meisterwerk geschaffen, dessen auratische Ausstrahlung gerade daher rührt, dass Nero auf dem Bild zunächst gesucht werden muss. Aus dem Mittelgrund blickt der Kaiser wie ein lauerndes böses Tier aus einer wüst feiernden Menge heraus abwartend, fast gelangweilt, auf in Pech und Stroh eingewickelte Christen, während Sklaven die Feuerbecken schüren, um den Todesbefehl zu vollstrecken (Abb. 2). Grundlage dieser Szene ist unverkennbar die Darstellung des Tacitus.[11]
Die weltgeschichtlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts mit ihren großen und kleinen Autokraten, aber auch kulturelle und gesellschaftliche Diskurse führten dazu, dass die Faszination für Nero noch einmal eher zu- als abnahm. Grundsätzlich verstärkte sich die bereits im 19. Jahrhundert erkennbare Tendenz, den Kaiser und einzelne Facetten seines Verhaltens mit klaren Gegenwartsbezügen zu versehen. Im Schnitt alle fünf Jahre, so lässt sich grob schätzen, erschien ein Roman über ihn. Immerhin bekam Nero nun hin und wieder auch neue Züge verpasst. Er verlor deutlich an Schrecken, zumal der Imperativ der christlichen Perspektive endgültig der Vergangenheit angehörte.
1922 entwarf der Ungar Dezsö Kosztolányi in seinem Roman Der blutige Dichter das Psychogramm eines Künstler-Despoten, dessen Despotie als Ergebnis der fatalen Melange aus Sucht nach künstlerischer Anerkennung einerseits und der faktischen Allmacht des Kaisers andererseits erscheint. Die Kollision von Kunst und Leben produziert bei Kosztolányi letztlich den Untergang eines völlig überforderten Nero.
Protagonist in Lion Feuchtwangers Der falsche Nero von 1936 ist Terentius Maximus, einer jener Nero-Wiedergänger, die nach Neros Tod im Osten des Reiches auftauchten.[12] Die Figur in Feuchtwangers satirischem Roman ist zum einen eine Kopie Neros, was in gewissem Sinne der historischen Realität entspricht, weist zum anderen aber unübersehbare Bezüge zu Adolf Hitler auf. Der Roman handelt vom Aufstieg eines Psychopathen, der ungeheuren Rückhalt bei weiten Teilen des Volkes genießt und für seine visionären politischen Ideen im Osten des Reiches nachdrücklich verehrt wird. Dieses Bild nimmt die historisch verbürgte Tatsache auf, dass Nero in den östlichen Gebieten des Imperium Romanum einer der beliebtesten Kaiser aller Zeiten war. Verglichen mit den sonstigen literarischen Zeichnungen Neros wirkt Feuchtwangers Version fast schon revisionistisch.
Seit dem Zweiten Weltkrieg steht vermehrt Nero, der Gescheiterte, im Blickpunkt des Interesses: Nero als ungewollt in die Kaiserrolle Gedrängter, als suchender Künstler, von Affekten beherrscht und im Grunde genommen schwach, der am Ende an den brutalen Herrschaftsbedingungen des Imperium Romanum zerschellt. Der Mythos Nero gewinnt eine psychologisierende Facette hinzu, und damit ist endgültig unterstrichen, dass ‹Nero› eine Projektionsfläche geworden ist, die einmal gut und einmal schlecht daherkommen kann.
Die Erkenntnis ist banal und sagt doch viel aus: Was ‹Nero› ausmacht, ist seit Jahrhunderten fast ausschließlich der Blick auf ihn durch andere. Das ursprüngliche Objekt der Faszination ist bis zur Unkenntlichkeit verfinstert. Nero ist heute eine Marke. Seit Sommer 2020 bieten Supermarktketten in Deutschland Grillkohle mit seinem Namen an. Es gibt auch einen dazu passenden Online-Shop, wo Grillbegeisterte aller Klassen finden, was sie benötigen, sogar in Bio-Qualität.[13] Nero selbst ist hier sehr weit weg.
Beim vorliegenden Buch handelt es sich um ein wissenschaftliches Sachbuch, das sich auf eine möglichst umfassende Berücksichtigung der antiken Quellen genauso stützt wie auf aktuelle Forschungsergebnisse zu Nero und all das im Anmerkungsapparat nachweist, wie es sich gehört. Diese Perspektive wird ab dem Kapitel Geburt und Kindheit jedoch erweitert: Jedem Kapitel ist ein erzählerischer Einstieg vorangestellt. Szenen aus Neros Leben, Schlüsselereignisse stehen dort im Mittelpunkt, von deren Geschichtlichkeit wir nur allgemeine Kenntnis haben, indessen ohne dabei auf ausführliche antike Beschreibungen zurückgreifen zu können. Neros Geburt in einer Dezembernacht des Jahres 37 ist so ein Fall: Trotz (fast) fehlender Überlieferung werden selbst die größten Skeptiker nicht bestreiten, dass es dieses Ereignis gegeben haben muss. Andere Beispiele sind der Tod des Claudius im Oktober 54, ein feierliches Opfer anlässlich des kaiserlichen Geburtstages im Dezember 62 oder das Verhör eines mutmaßlichen Verschwörers gegen Nero im April 65. Letzteres übernimmt ein Folterknecht, und so wie dieser im Kapitel Allgemeine Radikalisierung stehen auch bei den anderen szenischen Einstiegen jeweils besondere Hauptdarsteller und auch Hauptdarstellerinnen stärker im Licht.
Anhand der Geburt Neros lässt sich das Vorgehen exemplarisch erläutern: Dank der Schriften des Arztes Soranos von Ephesos, der im späten 1. und frühen 2. Jahrhundert in Rom wirkte, liegen uns umfangreiche Einblicke in die Geburtsmedizin der römischen Kaiserzeit vor. Soranos, der eine Autorität auf diesem Gebiet war, schrieb ganze Papyrusrollen voll mit Hinweisen, was bei einer Niederkunft alles zu beachten sei. Er weist den Anwesenden Aufgaben zu, schildert minutiös, welche medizinischen Instrumente und welche Hausmittelchen Verwendung finden sollten, und stellt vor allem die Hebamme als entscheidende Figur (nach der werdenden Mutter) in den Mittelpunkt. Wir können also durchaus etwas dazu sagen, wie eine Geburt in einem reichen römischen Haushalt abgelaufen sein dürfte. Angereichert mit den wenigen überlieferten Informationen zu Ort, Zeit und Besonderheiten der Geburt Neros lässt sich auch deren Hergang mit gewisser Plausibilität erzählen.
Der Ansatz ähnelt dem einer Ausstellung, die ein größeres Thema über einzelne Objekte zu erhellen versucht. Es geht um Veranschaulichung und darum, Neros Welt etwas Alltägliches zu geben, und es geht auch darum zu zeigen, wie über Parallelüberlieferungen historische Erkenntnis gewonnen werden kann. Aus diesem Grund findet sich zu jedem erzählerischen Kapiteleinstieg eine vergleichsweise üppige Anmerkung im Apparat des Buches. In ihr werden die im Text behaupteten Inhalte detailliert belegt.
Zunächst wird es nun aber um Neros Welt gehen, um die Bühne, auf der sich der Kaiser bewegte. Sie hatte im Wesentlichen Augustus vorbereitet, Neros Ururgroßvater, und sich in dessen Bühnenbild zurechtzufinden, erwies sich für alle Nachfolger des ersten römischen Kaisers als ziemlich kompliziert.
Es war der zweite Selbstmord im königlichen Palast von Alexandria binnen weniger Tage. Als Instrument diente vielleicht eine Uräusschlange, das heilige Tier des Amon Ra, vielleicht auch eine gewöhnlichere Giftschlange. Die ägyptische Königin Kleopatra VII., die letzte Herrscherin aus der Dynastie der Ptolemäer, starb. Kurz vor ihr hatte sich bereits ihr Geliebter Marcus Antonius entleibt, allerdings auf die für Feldherrn angemessene Art, mit einem Schwertstoß in den unteren Bauchbereich. Das hatte zunächst nicht funktioniert. Antonius’ Lebensgeister waren noch einmal kurzzeitig zurückgekehrt infolge der Nachricht, die tot geglaubte Kleopatra lebe doch noch.[1] Antonius war kein Ägypter, sondern ein Römer, aber ein Römer, der sich kleidete wie ein Ägypter und sich auch so verhielt. Das behauptete wenigstens Antonius’ großer Gegner, ein junger Mann von eher schwacher körperlicher Konstitution, aber mit einem umso stärkeren Willen, der jetzt mit einer riesigen Armee vor den Toren des Palastes wartete. Octavian, so sein heute gängiger Name, hatte Antonius und Kleopatra ein Jahr zuvor in der Schlacht bei Actium vor der griechischen Westküste vernichtend geschlagen und die Besiegten nun in Alexandria gestellt. Er nahm die Nachricht vom Tod des berühmten Paares ungerührt zur Kenntnis. Es wäre sicher schön gewesen, Kleopatra im Triumphzug durch Rom zu treiben, aber nun gut. Es gab auch so einiges zu tun. Octavian legte das Schwert beiseite und machte sich an die politische Arbeit.
Der Tod von Kleopatra und Antonius im Jahr 30 v. Chr. ließ den fast 33-jährigen Octavian mit einer faktisch unangreifbaren Machtstellung zurück. Er befehligte ein ungeheures Heer, und die Bevölkerung Roms und Italiens – auf sie kam es im Moment vor allem an – sehnte sich nach Frieden und Ordnung, zermürbt nach einer langen Kette von Bürgerkriegen. Octavian stand als Letzter auf der Bühne. Niemand war in Sicht, der ihn von dort noch hätte vertreiben können oder wollen.
Große Namen, gelegentlich auch große Taten, aber selten große Ideen hatten die vergangenen 100 Jahre geprägt und dabei die Strukturfehler der Römischen Republik ungewollt enttarnt.[1] Tiberius Gracchus und Gaius Gracchus, Gaius Marius, Lucius Cornelius Sulla, Marcus Licinius Crassus, Gnaeus Pompeius Magnus, Gaius Iulius Caesar, zuletzt Marcus Antonius: dass einige der bekanntesten Akteure der römischen Geschichte in einem relativ kurzen Zeitabschnitt von rund 100 Jahren agierten, war kein Zufall, sondern Symptom einer Krise. Ambitionierte Einzelfiguren, die sich aus der Masse der Senatsaristokratie herauszuheben versuchten, waren in der Verfassung der Römischen Republik eigentlich nicht vorgesehen.
Einige Schritte zurück: Nachdem die Altvorderen um 500 v. Chr. den letzten König gestürzt hatten, entwarfen sie eine staatliche Ordnung, in der penibel darauf geachtet wurde, dass nie wieder ein einzelner Mann in den Stand gesetzt werde, dauerhaft und unumschränkt über Rom zu gebieten. Diesem Zweck sollten besondere Regelungen dienen: das Abtreten der beiden höchsten Beamten und Militärs, der Konsuln, nach Jahresfrist, umfangreiche Vetorechte von Amtsträgern gegen Maßnahmen ihrer Kollegen, langwierige politische Entscheidungs- und Prüfprozesse, in denen der Adelsrat, der Senat, im Mittelpunkt stand, das am Abstimmungstag nach Vermögensverhältnissen antretende Volk jedoch die letzte Entscheidung traf. Beobachtern wie dem zeitgenössischen griechischen Historiker Polybios nötigte dieses gemischte System große Bewunderung ab.[2] Zweifellos, die nie schriftlich fixierte Verfassung der Römischen Republik war sonderbar: weder Monarchie, noch Aristokratie noch Demokratie, und dann doch wieder alles zugleich. Eine klug erdachte politische Ordnung – für einen Stadtstaat.
Ab Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. verließ die Latinerstadt Rom jedoch die Kleinräumigkeit Italiens, ließ die grünen Täler und Hänge des Apennin hinter sich, maß sich nicht länger mit italischen Kleinvölkern wie Volskern und Samniten, sondern mit Karthagern und Makedonen, mit Großmächten. Bereits Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. beherrschten die Römer das westliche Mittelmeerbecken unangefochten. Die Karthager waren in zwei Großkriegen besiegt worden, Sardinien, Korsika, Sizilien und die einträglichsten Teile Spaniens als römische Provinzen organisiert. Schon Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. gab es überhaupt keinen ernst zu nehmenden Gegner mehr. Karthago wurde 146 v. Chr. dem Erdboden gleichgemacht, das griechische Kernland vollständig besiegt und in die Provinz Macedonia umgewandelt. Wenig später folgte der Übertritt nach Kleinasien, wo drei weitere römische Provinzen entstanden. Exakt 100 Jahre vor Neros Geburt führte Pompeius dem Imperium Romanum Syrien und die Levante zu, ein paar Jahre später Iulius Caesar das riesige Gebiet Galliens.
Die Erringung der Weltherrschaft blieb nicht folgenlos, weder für die eroberten Regionen noch für Rom selbst. Die Römer beherrschten ein unzusammenhängendes Territorium, das in erster Linie auf seinen Nutzen für Rom hin geprüft und verwaltet wurde. In den spanischen Bergwerken verendeten Zehntausende Sklaven, dazu gezwungen, Kupfer und Blei, Silber und Gold für die Hauptstadt des Weltreichs zu schürfen.[3] Ein Fürsorgeempfinden für die auswärtigen Gebiete existierte kaum. Oft genug fielen die senatorischen Statthalter mit ihrer Entourage wie Wölfe über die ihnen gemäß den Verfassungsprinzipien stets nur kurz anvertrauten Landschaften her.[4] Das galt auch für manche Heerführer, die ihre militärischen Aufträge breiter interpretierten, als notwendig gewesen wäre, und ganze Landstriche ausgeblutet zurückließen, um bald mit Hunderten Ochsenkarren voll Plünderungsgut auf ihre Anwesen in Italien zurückzukehren.[5]
Für den sozialen Zusammenhalt in Rom erwies sich diese Entwicklung als ungünstig. Unter den Senatoren förderten die Bedingungen Konkurrenzkampf und Geltungsbedürfnis. Und während die Oberschicht in Wohlstand und Luxus badete, profitierten die meisten römischen Bürger nur wenig. Insbesondere die Landbevölkerung verlor häufig den Anschluss. Daran änderten auch die Versuche einer Agrarreform durch die Aristokraten Tiberius und Gaius Gracchus ab 133 v. Chr. nichts. Die kleinbäuerliche Lebensweise auf dem Land wurde von senatorischem Großgrundbesitz an den Rand gedrängt, der bald ganz Italien wie ein Flickenteppich bedeckte, bewirtschaftet von einer unzählbaren Menge an Sklaven, die als Kriegsgefangene oder Geraubte nach Italien gespült worden waren.
Zu Tausenden strömten arme Kleinbauern, Kriegsversehrte und andere Verlierer der Entwicklung nach Rom, um dort ein Auskommen zu suchen. Im 1. Jahrhundert v. Chr. entwickelten sich die stadtrömischen Unterschichten schließlich zu einem akuten politischen Faktor, nachdem einzelne Adlige das Potenzial einer Mobilisierung der Massen zur Durchsetzung ihrer persönlichen Ziele erkannt hatten – aus dem Amt des Volkstribuns heraus, unter Umgehung des Senats. Spätestens damit war die Verfassung der Römischen Republik implodiert.
Als manche Aristokraten erkannt hatten, auch ohne den Konsens mit den Standesgenossen politische Entscheidungen herbeiführen zu können, begann infolge einer sinnvoll gedachten, in ihren Konsequenzen jedoch verheerenden Reform der Militärverfassung eine neue und endgültig unumkehrbare Eskalation. Die Armeen der späten Republik waren nicht länger aus römischen Bürgern rekrutierte Milizheere, die im Bedarfsfall und abhängig von den Vermögensverhältnissen des Einzelnen zu den Waffen gerufen wurden, um nach dem Kriegszug zu Pflug oder Handwerksbetrieb zurückzukehren. Eine Umlage der Ausrüstungsfinanzierung ermöglichte stattdessen Mittellosen und Freiwilligen den Zugang zu gladius und pilum, Schwert und Speer. Verbunden mit immer längeren Feldzügen errangen die Feldherrn im 1. Jahrhundert v. Chr. so ein bis dahin nicht bekanntes Machtmittel, das ihre Zähmung im Sinne der Staatsräson zunehmend schwierig gestaltete. Bereits Marius und Sulla, vor allem aber Pompeius und Caesar befehligten riesige Heerhaufen – über Jahre hinweg. Oft aus prekären Verhältnissen kommend, in der Armee Lohn und Sinn findend, verband sich diese Soldateska auf Leben und Tod mit dem jeweiligen Feldherrn, der sie versorgte, auch nach der Demobilisierung. Loyalität in Waffen endete fortan nicht an Provinzgrenzen, nicht mit einem Senatsbeschluss und auch nicht an den Ufern des Rubikon, der Grenze zum entmilitarisierten römischen Bürgergebiet in Italien.
Das Überschreiten dieses unscheinbaren Flüsschens in Oberitalien durch Caesars Legionen, kampferprobt und -gewohnt nach der Eroberung Galliens, läutete im Januar 49 v. Chr. die entscheidende Phase im Untergang der Republik ein. Handstreichartig besetzte Caesar Italien, besiegte seine Gegner aus der Senatsaristokratie um Pompeius und den jüngeren Cato in Griechenland und Nordafrika und ließ sich Ende 45 v. Chr. zum Diktator auf Lebenszeit ernennen. Dies war, in Ermangelung verfassungskonformerer Visionen, Caesars Lösung, seine faktisch monarchische Sonderstellung abzubilden. In den wenigen Monaten seiner Alleinherrschaft vermochte Caesar in Ansätzen zu zeigen, wozu eine nicht den retardierenden Mechanismen der Republik unterworfene Staatsführung in der Lage sein könnte. Allein, ein Teil der zurückgesetzten Senatsaristokratie beobachtete jeden dieser Schritte mit Argwohn und unversöhnlichem Hass. Ihnen war Caesar nichts als ein Verräter, der Staatsfeind Nummer eins. An den Iden des März 44 v. Chr. wurde Caesar von etwa 60 Verschwörern erdolcht.[6]
Doch die Verhältnisse ließen sich nicht zurückdrehen: Marcus Antonius, Caesars rechte Hand, ergriff bereits wenige Stunden nach der Ermordung des Diktators die Initiative. Sein Wort hatte vor allem bei Caesars Soldaten Gewicht. Schon schien es den Verschwörern, als habe man Caesar beseitigt, nur um an seiner statt unter Antonius zu dienen, der die Militärmacht in den Händen hielt. Antonius war der Mann der Stunde – bis etwas Überraschendes geschah: Aus dem Nichts der Geschichte tauchte ein 19-jähriger Knabe auf, der Großneffe Caesars, sein Adoptivsohn gar, nachdem der Diktator dies in seinem Testament so verfügt hatte. Der Knabe hieß Octavian, und er war bereit, das Erbe seines Adoptivvaters anzutreten. Über Nacht verfügte Octavian über drei Viertel von Caesars ungeheurem Vermögen sowie, was noch mehr wog, über Caesars Anhängerschaften im Volk und über den Zuspruch von dessen Soldaten und Veteranen.
Zunächst pragmatisch mit Antonius im Bunde, rottete Octavian die Gegner seines Vaters in kürzester Zeit bis zur letzten Wurzel aus. Ein Blutgericht sondergleichen tagte über den alten republikanischen Eliten. Cicero verlor in diesem Sturm Kopf und Hände, sie dienten den Mördern als Nachweis ihrer Tat. Insgesamt starben rund 300 Senatoren und 2000 Ritter, nachdem sie sich nicht mit den Siegern hatten verbrüdern wollen oder ihre Beseitigung aus plumper Gier opportun erschien. Ab 42 v. Chr. war eine Rückkehr zur alten Ordnung ausgeschlossen, zu dramatisch war der Aderlass in den Reihen der Senatsaristokratie gewesen. Antonius und Octavian beendeten ihr Zweckbündnis. In einem in Ost und West aufgeteilten Reich bezogen sie Stellung für den Entscheidungskampf. Antonius quartierte über Jahre in Ägypten und gewann dort Herz und Kopf Kleopatras. Octavian gewann einstweilen die Herzen und Köpfe Italiens, die sich nach den vergangenen Schreckenszeiten dringend nach Ruhe und Frieden sehnten. Die Seeschlacht bei Actium am 2. September 31 v. Chr. besiegelte das Ende des Antonius. Als dieser sich ein knappes Jahr später im Palast von Alexandria das Leben nahm, war Octavian die letzte verbliebene Figur auf dem Feld.
Drei Jahre nach den Ereignissen in Alexandria, im Jahr 27 v. Chr., war von dem brutalen Schlächter, der auf seinem Weg zur Macht über unzählige Leichen marschiert war, nichts mehr zu sehen. Octavian nahm den Ehrennamen Augustus an und begründete die römische Kaiserherrschaft. In rund 40 Regierungsjahren schuf er das Fundament eines für Jahrhunderte bestehenden Staatswesens von ungeheuren territorialen Ausmaßen. Die Grundordnung des Imperium Romanum zur Zeit Neros ging fast ausschließlich auf Augustus zurück, Neros Ururgroßvater.[7]
Die Einführung einer Alleinherrschaft war in Rom mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, im Grunde war sie unmöglich. Darüber war sich Octavian im Klaren, trotz seiner präzedenzlosen Machtfülle. Auch wenn die alten republikanischen Eliten ermordet oder gezähmt sein mochten, eine Monarchie stellte keine Option dar in Rom, wo die Königsherrschaft seit der Vertreibung des letzten rex, also seit fast 500 Jahren, den Ruch des Tyrannischen, des schlimmsten politischen Verbrechens überhaupt, innehatte. Andererseits ließ sich zur republikanischen Tagesordnung auch nicht zurückkehren. Die kurzen Leinen, die der Senat zur Führung der Beamten im Frieden wie im Krieg vorgesehen hatte, waren längst zerrissen. Die überkommenen Strukturen arbeiteten seit Jahrzehnten nicht mehr wie einst vorgesehen – abgesehen davon, dass sie sich als ungeeignet erwiesen hatten, den Herausforderungen des Weltreichs zu begegnen. Und vor allem: Was hätte mit Octavian selbst geschehen sollen, dessen Sonderstellung sich mit republikanischem Vokabular nicht einmal ansatzweise beschreiben ließ? Auf Octavians Befehle hörten zeitweise mehr als 60 Legionen! Zum Vergleich: Caesar hatte mit 10 Legionen Gallien erobert und sich im Bürgerkrieg durchgesetzt.
Dazu kamen die Finanzen. In der späten Republik hatten einige Senatoren beträchtliche Vermögen anhäufen können, nicht selten auf Kosten ihrer Mitmenschen, durch Eroberungszüge in der Ferne und Enteignungen in Italien. Verglichen mit den finanziellen Mitteln Octavians wirkten jedoch auch legendäre Großvermögende wie Pompeius oder Crassus wie Schulbuben mit Taschengeld. Dafür hatte neben der riesigen Hinterlassenschaft Caesars vor allem der Triumph über Kleopatra gesorgt. Denn Octavian hatte bestimmt, dass die Verwaltung des durch ihn dem Imperium Romanum zugeführten Ptolemäerreichs nicht durch den Senat erfolgen solle, sondern seine persönliche Angelegenheit blieb. Damit erhielt Octavian direkten Zugriff auf die Königsschätze Ägyptens und die laufenden Einnahmen des reichen Landes.
Sein unermesslich großes Vermögen versetzte Octavian in den Stand, Anhänger, Soldaten und Freunde bequem zu entlohnen sowie Skeptiker und Zweifler von den eigenen guten Absichten zu überzeugen und zu Gegenleistungen zu verpflichten – zum Beispiel zu Loyalität. Daneben enthielt Octavians Sonderstellung allerdings noch einen zweiten Aspekt: Seine Soldaten, seine Mittel, seine Verbindungen und Anhängerschaften trugen bereits zu einem beträchtlichen Teil zur grundlegenden Handlungsfähigkeit des korrodierten republikanischen Systems bei, insbesondere in den Provinzen. Ohne Octavian war also kein Staat zu machen. Verbunden mit einer allgegenwärtigen Friedenssehnsucht und den besonderen verfassungsmäßigen Überzeugungen in Rom erwuchs so ab 27 v. Chr. eine neue Staatsform: der Prinzipat.
Ein feierlicher Staatsakt im Januar 27 v. Chr. läutete den Neuanfang ein. Octavian legte die Verfügungsgewalt über die verbliebenen 28 Legionen, die Provinzen und sämtliche Sondervollmachten, die er im Laufe der letzten gut 15 Jahre angehäuft hatte, nieder und übergab sie an den Senat und an das Volk. Er war jetzt formal zurück ins Glied getreten, allerdings nur für wenige Augenblicke. Denn schon schälten sich aus der Menge der Senatoren zunächst vereinzelte, dann immer lautere Rufe heraus: Die Leitung der res publica möge in den Händen des Caesarsohnes verbleiben, auf dessen Ressourcen der Staat ja tatsächlich bereits dringend angewiesen war. Cassius Dio schildert eine wohl abgewogene Inszenierung ohne jedes Risiko des Scheiterns, und Octavian ließ sich auch nicht lange bitten.[1] Dass er eines der beiden Konsulate auch im Jahr 27 v. Chr., zum fünften Mal in Folge, bekleiden würde, stand ohnehin fest. Doch zusätzlich sagte er nun zu, dass, wenn eine besondere Rolle seinerseits gewünscht sei, er die Verantwortung für diejenigen Provinzen des Reiches übernehmen könne, die als unsicher und noch nicht befriedet galten. Das fand Beifall, und damit kontrollierte Octavian mit den spanischen und gallischen Provinzen oder der Provinz Syria die strategisch wichtigsten Gebiete des Imperiums. Noch bedeutsamer war jedoch die damit verbundene gleichsam automatische Übernahme des römischen Heeres. Denn wo sollten die Truppen dringender benötigt werden als in diesen gefährdeten Regionen?
Wer es sehen wollte, musste erkennen, dass Octavian dabei war, sich die soeben niedergelegte Sonderstellung im Handumdrehen wieder zurückzuholen – allerdings im Konsens mit seiner Umgebung, ja in der Außenwahrnehmung sogar von dieser initiiert. Ein Senats- und Volksbeschluss besiegelte die Abmachungen vom Januar 27 v. Chr. Und genau hier lag der entscheidende Punkt. Augustus («der Erhabene»), wie Octavian seitdem offiziell genannt wurde, hatte auf eine Usurpation, auf eine selbstherrliche Ermächtigung, verzichtet. Stattdessen hatte er seine außerordentliche Position infolge eines Prozesses empfangen, der unverkennbar die Souveränität von Senat und Volk anerkannte. Bei dieser Rollenverteilung blieb es. Neue Kaiser erhielten ihre Amtsbefugnisse – formal – immer aus der Autorität des Senats.
In zeitgenössischer Perspektive konnte Augustus mit Fug und Recht behaupten, die Ordnung des im Chaos der Bürgerkriege versunkenen Staates restituiert zu haben, so wie er es auch in seinem postum im ganzen Reich angeschlagenen Tatenbericht herausstellte.[2] Es zogen keine pöbelnden Horden mehr durch Rom, um sich die Köpfe für rivalisierende Agitatoren einzuschlagen – für eine Beruhigung der Lage hatten neben regelmäßigen und üppigen Getreidespenden die Einrichtung einer städtischen Feuerschutz- und Sicherheitstruppe von 3500 Mann gesorgt (die vigiles) sowie die Stationierung von drei ‹Stadtkohorten› (cohortes urbanae
