Nestbeschmutzer - Karel Hruby - E-Book

Nestbeschmutzer E-Book

Karel Hruby

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Beschreibung

Die fiktive Protagonistin Jo W. greift in ihren Kriminal- und Detektivromanen unfassbare Behördenwillkür und kriminelle Handlungen auf, die sich in ähnlicher Form tatsächlich ereignet haben. Die Personen und Orte sind nicht identisch. Nestbeschmutzer - als Jo einen Ring aus Kinderprostitution und Menschenhandel aufdeckt und dieses auf Wunsch der Polizei, deutschen und tschechischen Behörden zur Anzeige bringt, wird sie zur Zielscheibe der Verbrecher, die scheinbar weitreichende Verbindungen haben und vor nichts zurückschrecken. Auf der Suche nach Beweisen kommt sie verbrecherischen Machenschaften auf die Spur. Diese führen sie zu einem Kloster, hinter dessen Mauern furchtbare Dinge geschehen.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Personen und Orte sind fiktiv, sie kommen der Realität sehr nahe, siehe Kommentar letzte Seite.

Inhaltsverzeichnis

KINDERHANDEL

HILFE FÜR EIN KLOSTER

DER WAHRE NESTBESCHMUTZER

ZWEI JAHRE SPÄTER

Exposé

Josephine, genannt Jo, ist eine couragierte Frau, die sich neben ihrer Arbeit, in einem gemeinnützigen Verein für die Unterstützung von Waisenkindern einsetzt, deren Mütter gezwungen sind, an der Grenze zwischen Deutschland und Tschechien als Prostituierte zu arbeiten. Dabei kommt sie völlig unschuldig in das Fadenkreuz deutscher Behörden, die gegen sie wegen illegaler Adoptionsvermittlung fanden.

Trotz aller Widrigkeiten und Anfeindungen setzt Jo ihre Arbeit fort. Sie fährt lediglich mit Hilfsgütern und Spendengeldern nach Nordböhmen in Kinderheime in denen Kinder von Prostituierten untergebracht sind.

Auf der Suche nach Beweisen ihrer Unschuld kommt sie verbrecherischen Machenschaften auf die Spur. Diese führt sie zu einem Kloster hinter dessen Mauern furchtbare Dinge geschehen.

Als Jo einen Ring aus Kinderprostitution und Menschenhandel aufdeckt und diesen auf Wunsch der Polizei, deutschen und tschechischen Behörden zur Anzeige bringt, wird sie zur Zielscheibe der Verbrecher, die scheinbar weitreichende Verbindungen haben und vor nichts zurückschrecken. Jo wird für ihr Engagement und ihre Bürgerpflicht mit einer Haftersatzstrafe bestraft. Während Jo eine neue Identität erhält und dadurch ihren Job verliert, wirken die Kriminellen in Tsunami Gebieten und der Dritten Welt, unter dem Deckmantel der Nächstenliebe ungestraft weiter

Kinderhandel

Wie alles begann

Abfahren krächzte der Lautsprecher, langsam setzte der Zug sich in Bewegung. Plötzlich wurde die Abtteiltür aufgerissen. Eine alte Dame stolperte herein und ließ sich erschöpft auf dem leeren Fensterplatz nieder. Josephine, im Freundeskreis Jo genannt, schaute sie freundlich an.

„Wissen sie noch vor einigen Jahren, wo ist die Zeit hin", sagte die alte Dame, „da waren die Fenster des Bahnhofs noch zerstört. Das haben die ganz gut wieder hingekriegt. Der alte Bahnhof wird immer moderner, nur die Menschen sind nicht mehr so gemütlich.“

Jo nickte der alten Dame bejahend zu. Freunde und Verwandte hatten ihr die Geschehnisse im Spätsommer des Jahres 1989 geschildert. Jo war damals 40 Jahre alt, sie versorgte ihren kleinen, vier Monate alten Bruder und mied die Gefahr in die Innenstadt zu gehen. Immer wieder gab es in der Innerstadt Demonstrationen und Polizeistreifen. Der Hauptbahnhof war, von bis zu den Zähnen bewaffneten Polizisten und treuen Staatsdienern völlig abgeriegelt. Einige Hoffnungsvolle suchten eine Chance auf den Zug von Prag in die Freiheit aufzuspringen. Bei Einfahrt des Zuges fielen die ersten Pflastersteine gegen die bewaffnete Garde des totalitären Regimes. Reisende, die aus der Bahnhofshalle von den ankommenden Zügen in die Stadt wollten, wurden aufgefordert sich auf den Bahnhofsvorplatz auf die Straße zu legen. Unschuldige Bürger wurden verhaftet. Die Menschen hetzten in der Angst um ihr Leben durch die Straßen um den Hauptbahnhof, verfolgt von den Staatsbeamten. Es war ein Wunder, dass diese Ereignisse friedlich endeten, immer wieder hörte man die Rufe, „wir sind ein Volk!“

Der Zug gewann an Tempo und verließ die Stadt. Die Landschaft wurde offen und freundlich. Überall schöne Häuser und gepflegt Gärten. Das Bergmassiv der Sächsischen Schweiz ließ die Naturschönheit erahnen. Der Zug fuhr langsam, er hatte den Grenzbahnhof erreicht.

Jo erkannte am Bahnhofsgebäude die vergitterten Fenster. Ihr lief es kalt über den Rücken. Im Sommer 1987 war es, sie hatte viele Monate das Geld zusammengespart, um mit ihrem jüngeren Bruder, das erste Mal einen Urlaub am Plattensee in Ungarn zu verbringen. Die Grenzposten holten sie und das Kind aus dem Zug, nahmen ihnen die Ausweispapiere weg und führten sie in den vergitterten Raum des Bahnhofsgebäudes. Viele Stunden verstrichen. Jo wurde untersucht, sie musste ihre gesamte Kleidung ablegen. Wie ein Pferd das beschlagen wird, die Fußsohlen zeigen, die Haare lösen, alle Verstecke am nackten Körper wurden von einer Beamtin mit Gummihandschuhen untersucht. Jo empfand noch immer Ekel vor der Entwürdigung. Dem Kind nahmen die Beamten den Walkman ab und untersuchten die Kassette auf versteckte Informationen. In der Nacht kamen zwei Herren, Jo musste ihr Einverständnis geben und daraufhin nahmen sie das Kind mit, es sollte in einem Kinderheim untergebracht werden.

Jo blieb noch einige Stunden sitzen, schwer bewaffnete Männer brachten sie in einem Kleinbus, Marke Barkas, in einen Plattenbau auf der anderen Seite der Elbe, wo sie Jo zu ihren Motiven des Urlaubs nach Ungarn befragten. Auch wenn diese Menschen ihr keine Republikflucht nachweisen konnten und sie ihren Bruder wieder erhielt, verlief ihr Leben immer in Angst vor dem Frauengefängnis und ständigen Verhörterminen.

Heute hatte sie einen Grund diese Grenze nach Jahren wieder zu überschreiten. Fünf Kilo Eierkuchenmehl, das nach einem Kinderfest übrig geblieben war, sollte sie den Obdachlosen der Mutter Theresa nach Prag bringen und sich mit einem Geistlichen der Prager Gemeinde treffen. Der Zug hatte die tschechische Grenze passiert, die Häuser waren heruntergekommen, überall Schmutz. Noch immer hielt der Zug in Usti nur eine Minute. Der Schreckenstein wirkte finster, die maroden Schienen selbst ließen den Zug ächzen.

Praha - Holeschovice, Schwester Elisabeth von der Deutschen Gemeinde stand bereits am Bahnsteig und begrüßte Jo freundlich. Sie wusste aus Briefen, dass Jo mehrere Jahre als Kind in Prag gelebt hatte und durch ihren Onkel, die Geschichte des Landes kannte. Jo fühlte sich in Prag zu Hause. Als Kind war sie mit ihren Familienangehörigen durch die Straßen gelaufen. Sie kannte die Prager Altstadt und die Kleinseite mit ihren Sehenswürdigkeiten. Ihr Cousin baute damals mit an der Metro, den Prager Frühling hatte sie im August 1968 miterlebt. Jo wandte sich zu Schwester Elisabeth und sagte mehr zu sich. „Seltsam, die meisten Ereignisse um Prag waren im August. Wann waren die zwei Fensterstürze zu Prag?"

Schwester Elisabeth bestätigte ihr, „der erste Fenstersturz war im Rathaus am Karlsplatz und erst der Zweite auf der Prager Burg. Unsere Kirchgemeinde liegt am Karlsplatz. “ Schwester Elisabeth kannte Jos Patenonkel, den Musikprofessor, der in der Karlsuniversität unterrichtete und für den Prager Rundfunk Kinderlieder komponierte. Jo vermisste den verstorbenen Onkel sehr, der ihr Sagen und Geschichten über Prag und ihre Familie erzählte. Ein Teil der Familie der mütterlichen Seite kam aus Österreich und Nordböhmen. Im Jahr 1945 mussten die Großeltern mit der gesamten Familie Haus und Hof verlassen, sie wurden nach Deutschland ausgewiesen. Damals war Jos Mutter erst 18 Jahre alt. Sie flüchtete mit vielen jungen Mädchen von Niemes über Tetschen, Teplice, Bilina in Richtung Aue, mit dem Ziel die Amerikaner zu erreichen. Junge deutsche Soldaten, noch Kinder, begleiteten und beschützen die Mädchen. Die Wehrmachtsuniform war ihr Verhängnis, gleich hinter Tetschen wurden sie hinterrücks erschossen. In Usti wurde ein Blutbad an vielen unschuldigen Deutschen aus Rache angerichtet. Die Mädchen entgingen diesem Massaker knapp.

Eine Verwandte arbeitete als Schwester im Lazarett in Budweis. Sie geriet in tschechische Kriegsgefangenschaft und musste zwei Jahre bei einem Bauern, Sommer wie Winter barfuss das Feld bestellen. Der Bauer gab die junge deutsche Frau der russischen Besatzungsmacht zur Vergewaltigung frei. Vieh und Haustiere wurden besser verpflegt, als die deutsche Gefangene, die Abfälle des Bauern essen musste, um zu überleben.

Nach diesen Qualen kam sie als Umsiedlerin, verschüchtert und gedemütigt in die DDR. Zu ihren Erlebnissen durfte sie nie sprechen. Eine Entschädigung wurde immer abgelehnt, diese Tatsachen totgeschwiegen. Trotzdem setzten sich in der Folgezeit viele Vertriebene, für die Erhaltung von tschechischen Kirchen und Naturdenkmäler in Nordböhmen ein.

Das Eierkuchenmehl übergab Jo den Obdachlosen der Mutter Theresa in Prag. Der Geistliche der Deutschen Gemeinde erzählte, dass sich keine internationale Hilfsorganisation für Bedürftige in Nordböhmen einsetzt. Große Sorgen bereitete ihm das Schicksal der vielen Kinder der Prostituierten von der Europastraße 55, die völlig vergessen in den tschechischen Waisenhäusern Nordböhmens lebten.

Schwester Elisabeth nahm Josephine das Versprechen ab, dem kranken Geistlichen eines Gebirgsklosters zu helfen. Jo war erschüttert über den Bericht der Kirchenvertreter. Daraufhin sah sie die Hilfe für diese Waisenkinder in Nordböhmen als ihre Mission an.

Nach mehrmaligem Klingeln öffnete sich die Tür des geschützten Kinderheimes. Jo und ihre Begleitung mussten sich über die Schuhe Stofflappen ziehen und warten. Eine kleine resolute Frau, Mitte 50, Chefärztin des Waisenhauses, begrüßte die Besucher in gebrochenem Deutsch. Sie erklärte, „wir haben immer wieder um Hilfe aus Deutschland gebeten, denn die Väter der meisten Kinder sind die unbekannten Kunden der Frauen, die auf der Europastraße stehen. Keiner will davon hören.“

Sie führte die Gäste durch die zwei Gebäude. Der Putz bröckelte von den Wänden, die Wege waren zerstört und die Waschküche eine Ruine. Hingegen die Räume für die Kinder angenehm warm und sauber. Liebevoll betreuten die Schwestern die Kinder.

Die Frau Doktor seufzte, „hier leben 70 Kinder bis zu ihrem dritten Lebensjahr. Ihre Mütter, die als Prostituierte arbeiten müssen, ließen ihre Babys in den Geburtskliniken zurück oder setzten sie aus. Der tschechische Staat stellt den Kindern nur Geld für Ernährung, Unterkunft und zweckmäßige Kleidung zur Verfügung. Wir brauchen dringend Hilfe für Anschaffungen, Kinderwagen, Reparaturarbeiten und Spielzeug.“

Die Mitglieder des Vereinsvorstandes fragten Frau Doktor, wie ist es mit Krankheiten, die an der „Roten Meile“ auftreten. Frau Doktor beantwortete diese Frage. „Die Kinder kommen nach der Klinik in ein Zentralheim, dort erfolgt die Registrierung. Sie erhalten ihre Geburtsurkunde und werden untersucht. Stellt der medizinische Dienst unheilbare Erkrankungen fest, kommen diese Kinder in ein besonderes Pflegeheim. Sie haben keine Chancen jemals in die Gesellschaft integriert zu werden oder Eltern zu finden. Ich kenne nur wenige Ausnahmen. Die Kinder, die in unserem Heim leben, sind gesund. Täglich mache ich Visite. Diese Kinder sind für Deutsche nicht zur Adoption freigegeben, dafür fehlen in Deutschland noch die Gesetze.“

Der Vorstand des Vereines, den Jo zu dem Hilfszweck mit einigen Gleichgesinnten gegründet hatte, schloss mit der Ärztin einen Patenschaftsvertrag ab. Jo schrieb unzählige Bettelbriefe an Betriebe, Vereine und Politiker, um sie auf die vergessenen Kinder an der deutschtschechischen Grenze aufmerksam zu machen.

Das gesellschaftskritische Magazin eines privaten Fernsehsenders griff das Problem auf und versprach Jo mit einem Filmbeitrag dem Kinderheim zu helfen und einen Spendenaufruf in Deutschland zu senden. Jedoch die Chefärztin des Kinderheimes begegnete den Medienvertretern mit Zurückhaltung und Misstrauen. Seit 1994 versuchten nationale und internationale Fernsehsender erfolglos die Öffentlichkeit auf die Probleme der „vergessenen Kinder der Prostituierten” aufmerksam zu machen. Diese Ablehnung spürte auch das Fernsehteam das Jo unterstützte. Sie standen vor verschlossenen Türen, Frau Doktor lehnte kurzfristig die Dreharbeiten ab. Völlig entnervt rief der Redakteur seinen Chef in Deutschland an und schilderte die Situation.

Von Deutschland kam die Antwort, „sie haben eine tatkräftige Frau im Team, machen sie sich keine Sorgen!”

Damit lag die gesamte Verantwortung bei Jo. Dank ihrer tschechischen Sprachkenntnisse wurde sie bei der örtlichen Polizei vorstellig. Der Polizeichef verständigte den Bürgermeister über Polizeifunk. Dieser verließ vorzeitig eine Beratung in der Kreisstadt und kam ins Hotel, wo das Fernsehteam Quartier genommen hatte, zur nächtlichen Krisensitzung.

Der Redakteur war erleichtert und meinte tief aufatmend, „bloß gut, dass wir nicht in Prag sind!”

„Warum?”, fragte ihn Jo völlig ahnungslos.

„Dann hätten Sie uns den Präsidenten herzitiert!“

Die Chefärztin wurde vom Bürgermeister von dem ehrlichen Hilfsangebot aus Deutschland überzeugt.

Es war Februar, eisige Kälte, im Gebirge hoher Schnee, das Drehteam hatte sich warm angezogen. Nach der Beratung mit dem Bürgermeister brach das Drehteam nochmals auf, um Impressionen von der belebten Europastraße einzufangen. Die Dreharbeiten waren durch die Hilfe des Bürgermeisters und der Polizei noch effektiver.

Der Sendetermin des Beitrages sollte nach vier Tagen erfolgen. Der Redakteur hielt einen Brief in der Hand und begann seine Berichterstattung.

„Dieser Brief hat die Redaktion sehr bewegt!”

Er sprach weiter, seinen Standardsatz, „ein Bericht sehr persönlich aus dem Leben, Reporter decken auf!”

Dann folgte ein Filmbericht: In den Schaufenstern standen halb nackte junge Frauen und warteten auf Kundschaft. Auf der Europastraße liefen viele leicht bekleidete Mädchen, auf und ab, sie winkten und forderten die Männer auf anzuhalten.

Was das Drehteam zu sehen bekam, lies die Männer frösteln.

Eine junge Frau, kaum bekleidet, stand am Straßenrand und es schneite. Sie wiegte ihren schwammigen Körper aufreizend. Die prallen Brüste hielt nur ein kleines Schälchen, eine viel zu enge dünne Bluse bedeckte den Oberkörper, sie trug knappe Tangas und dünne hohe Absatzschuhe.

Zwei dunkelhäutige sehr junge Mädchen wurden von den Reportern befragt, wie sie sich vor Krankheiten schützen. Die Mädchen antworten kichernd, „da ist nichts mit Kondomen, die Männer wollen alles, vor allem ohne Kondome, dafür erhalten wir zehn DM, mit Kondom nur fünf DM!”

Eine Frau flüchtete vor ihrem Zuhälter ins Dunkle. Die Polizei, die die Europastraße mit Video überwachte, nahm sich der Frau an. In der Polizeistation setzte sie ihre blonde langhaarige Perücke ab. Der Kopf zeigte kahle Stellen, sie hatte sich die Krankheit an der „Roten Meile” geholt. Vor acht Monaten wurde sie unter dem Versprechen, als Verkäuferin in Deutschland arbeiten zu können, aus der Ukraine geholt. In Dubi nahmen ihr die Schlepper die Ausweispapiere ab. Sie wohnte mit drei weiteren jungen russischen Mädchen in einem neuen Quadratmeter großen Zimmer in einem Abrisshaus. Als sie sich weigerte, das Geld als Prostituierte für ihre Weiterreise nach Deutschland zu verdienen, wurde sie geschlagen. Sie bedankte sich mehrfach bei der Polizei und dafür, dass sie ärztliche Hilfe bekam, sie hatte unerträgliche Schmerzen. Sie sagte weinend, „es macht mir Angst, viele Männer scheinen sehr gute Stellungen in Deutschland zu haben, sie sprechen ein sehr gut verständliches Deutsch und kein sächsisches Kauderwelsch. Sie kommen meist in Brigade, sind auf der Geschäftsreise nach Prag und bringen kleine Präsente auf der Rückreise mit. Manchmal müssen wir dann auch noch die Taxifahrer bedienen, die eine Massage (Quickie) von uns fürs Warten geschenkt bekommen. Viele dieser Männer, die unsere Kunden sind, wissen nicht, welche Krankheiten sie mit nach Hause nehmen!“

Eine Frau gab ein Interviewe.

„Ich habe in Deutschland gearbeitet, die Zuhälter holten mich wieder zurück. Ich verdiene sehr wenig bei der großen und viel jüngeren Konkurrenz. Die deutschen Männer wollen junge Mädchen ab zwölf Jahre oder hochschwangere Frauen. Von den 100 DM, die ich mindestens täglich verdienen muss, erhalte ich nur mein Essen, Unterkunft und Kleidung. Das Leben ist sehr schwer“, dabei treten ihr Tränen in die Augen und sie spricht weiter, „für mich und die …“

Sofort eine Überblendung in das Waisenhaus Johanka. Die Sprecherin des Senders findet eine Überleitung. „Sie meinte die Kinder, die an der E 55 entstanden, bei einer kurzen Begegnung, der Frauen mit ihren Freiern. Die Mädchen müssen weiterarbeiten, in der Regel bis zur Niederkunft, Kinder sind geschäftsschädigend, also werden sie in den Geburtskliniken zurückgelassen.“

Das Kinderheim ist gemütlich, die Kinder spielen friedlich.

Frau Doktor, Leiterin des Waisenhauses spricht, „ob deutscher Vater oder tschechische Mutter, die Kinder brauchen Liebe, ein Zuhause, eine Zukunft und das können wir nur eine kurze Zeit bieten. Wenn die Kinder bis zu ihrem dritten Lebensjahr keine neuen Eltern gefunden haben, kommen sie in das nächste Heim und so weiter.“

Dann kommt Jo zu Wort, die sich der Not der Waisenkinder angenommen hatte und der Fernsehredaktion den Brief schrieb.

Jo sagte nur zwei Sätze:

„Ich möchte die Männer, darauf aufmerksam machen, was passieren kann! Der tschechische Staat gibt Unterkunft, Kleidung und Verpflegung, das kann doch nicht alles sein!”

Dann gab der Sender einige Erklärungen zur Situation ab. Er sprach von Auslandsadoption, ein Sachverhalt, der mit Jos Hilfsaktion, Spenden für die Waisen zu sammeln, in keinem Zusammenhang stand. In diesem falschen Zusammenhang erklärte die Frauenstimme des Senders.

„Das genügt einer Frau nicht, die sich schon lange um Pflegeeltern bemüht!”

Danach folgte ein weiteres Interviewe mit der Kinderärztin des Waisenhauses. Sie erzählte den Reportern vor der Sendung:

„Die Kinder in den Heimen werden nach der Aufnahme und Quarantäne sechs Monate für tschechische Eltern zur Adoption ausgeschrieben. Da die meisten Waisenkinder der Europastraße dunkelhäutig sind, von Zigeunern abstammen, wollen tschechische Eltern diese Kinder nicht adoptieren. Dann können ausländische Paare sich um diese Kinder bemühen. Über Prag werden die Unterlagen in die zentrale Stelle nach Brünn weitergeleitet. Dabei ist es Voraussetzung, dass die Antragsteller von ihren zuständigen Adoptionsbehörden geprüft wurden und für eine Adoption im Ausland zugelassen sind. Wir haben schon 14 Kinder ins Ausland geben können. Mit den Kindern stehen wir ständig im Kontakt und lassen uns von den Jugendämtern berichten, wie es unseren Schützlingen geht. Eine Adoption nach Deutschland ist nicht möglich, weil die Bundesrepublik noch nicht der Hager Konvention, Schutz vor Kinderhandel und Kindesmissbrauch, beigetreten ist. Deshalb liegen in Brünn, aus Deutschland bereits 5.000 von den deutschen und tschechischen Behörden bestätigte Adoptionsanträge vor, die erst nach Entscheidung des Deutschen Bundestages, weiter bearbeitet werden können”.

Bereits noch in der laufenden Sendung erhielt Jo Anrufe und Faxnachrichten. Die Anrufer und Schreiber wollten spontan mit Sachspenden helfen. Viele Zuschauer fragten an, ob sie einem dieser Kinder in ihrer Familie ein Zuhause geben können. Obwohl diese Zuschauer von der Heimleiterin informiert worden, dass eine Adoption nicht möglich ist, riefen sie an, suchten einen Strohhalm und fanden wieder eine Ablehnung. Jo war von diesem Ergebnis überrascht und völlig überfordert. Sie las Briefe mit traurigen Schicksalen. Frauen wünschten sich nichts Sehnlichster als ein Kind. Durch Operationen, Schwangerschaftsabbruch und schweren Krankheiten waren sie selbst dazu nicht in der Lage. Jo und ihr Verein konnten diesen Ehepaaren nicht helfen. Sie hatten sich nie mit derartigen Problemen befasst, wussten durch die Chefärztin des Kinderheimes, dass keine Adoption aus Deutschland möglich war, weil das Hager Abkommen von Deutschland noch nicht unterzeichnet worden war. Ausgangspunkt der Hilfsaktion war, nur die Menschen in Deutschland auf die vergessenen Kinder aufmerksam zu machen und ihre Not durch Spenden zu lindern.

Zwei Tage nach der Sendung flatterte ein Brief der Behörde in Jos Briefkasten, worauf am nächsten Tag eine unnahbare Dame vom Jugendamt persönlich erschien.

Sie sagte zu Jo, „was sie tun, ist strafbar!”

Was tat Jo, was den Unmut dieser Dame erzeugte?

Sie hatte in der Fernsehaufzeichnung, nur zwei Sätze gesagt, die nichts mit den Vorwürfen der Amtsdame zu tun hatten. Diese Frau hatte nicht einmal die Sendung gesehen und sich zuerst bei dem Fernsehsender sachkundig gemacht. Es war eine Fernsehaufzeichnung!

Jo kannte vorher nicht das Ergebnis, das durch Schneiden der Texte und die Begleitansprache gesendet wurde. Sie hatte sich darauf verlassen, dass der Fernsehsender seriös berichtet und nicht einen Quotenfüller mit Halbwahrheiten ausstrahlen wollte.

Für dieses eine Mal glaubte ihr die Dame vom Amt. Sie wollte vorsorglich ihre Amtsbrüder und Schwestern in den anderen Bundesländern informieren, dass Jo mit ihrem Verein nur zum Spenden sammeln aufgerufen hatte. Die Dame konnte es sich bei ihrem Rundbrief nicht verkneifen zu vermerken, man möge Jos Tun beobachten und bei Verdachtsmomenten, Bericht erstatten. Jo übergab der Amtsdame 66 Originalbriefe zu Adoptionsanfragen, die bisher eingegangen waren und lies sich den Empfang bestätigen. Es wurde vereinbart, dass Jo wöchentlich die eingehenden Briefe beim Jugendamt abzuliefern hat. Bei der Erfüllung der ihr aufgetragenen Zwangsmaßnahme wurde sie nicht sehr freundlich von den Damen des zuständigen Jugendamtes empfangen. Das Jugendamt schickte alle Briefe mit einem behördlichen Anschreiben an alle Adoptionswilligen zurück. Selbst ein Adliger aus dem Nachbarfürstentum erhielt sein Schreiben mit einem Amtsbrief zurück. Jo hatte den Auftrag, alle anrufenden Adoptionswilligen zu informieren, dass sie sich an ihr zuständiges Jugendamt zu wenden haben. Diese waren traurig auch aggressiv, weil sie sich um eine weitere Chance betrogen sahen.

Jo schrieb den Deutschen Bundestag an und bat um Ratifizierung des „Hager Abkommens.“