Neuanfang in den Highlands - Nicole Craft - E-Book
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Neuanfang in den Highlands E-Book

Nicole Craft

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Beschreibung

Zwei gebrochene Herzen und die Liebe als beste Medizin …
Der gefühlvolle Liebesroman vor der wildromantischen Kulisse Schottlands

Nach einer Reihe von Enttäuschungen in der Liebe, hat Rebecca beschlossen, Männern den Rücken zu kehren. Doch die Pläne ändern sich, als sie auf einer Fortbildung in Schottland auf Marc trifft. Trotz ihrer Vorbehalte kommen sich die beiden immer näher. Als sie eine gemeinsame Vergangenheit entdecken, lernt Becky, ihren Gefühlen zu vertrauen und der Liebe eine Chance zu geben. Ihre gemeinsame Zeit ist jedoch begrenzt und Becky muss zurück zu ihrer Arbeit nach New York. Können die beiden auch über den Atlantik hinweg ihren Gefühle treu bleiben?

Erste Leser:innenstimmen
„Die Liebesgeschichte ist mitreißend, herzerwärmend und voller romantischer Momente. Ein absolutes Lesevergnügen!“
„Ein richtiger Wohlfühlroman zum Träumen und Verlieben!“
„Die Chemie zwischen Rebecca und Marc ist sofort spürbar und man kann wunderbar in der Lovestory versinken.“
„Der Neuanfang in Schottland hat mich sofort gepackt, sehr schöner Liebesroman!“

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses E-Book

Nach einer Reihe von Enttäuschungen in der Liebe, hat Rebecca beschlossen, Männern den Rücken zu kehren. Doch die Pläne ändern sich, als sie auf einer Fortbildung in Schottland auf Marc trifft. Trotz ihrer Vorbehalte kommen sich die beiden immer näher. Als sie eine gemeinsame Vergangenheit entdecken, lernt Becky, ihren Gefühlen zu vertrauen und der Liebe eine Chance zu geben. Ihre gemeinsame Zeit ist jedoch begrenzt und Becky muss zurück zu ihrer Arbeit nach New York. Können die beiden auch über den Atlantik hinweg ihren Gefühlen treu bleiben?

Impressum

Erstausgabe August 2023

Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98778-565-8 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98778-563-4

Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © Shaiith79, © AgneshUladar shutterstock.com: © Helen Hotson, © Chansom Pantip, © Konmac stock.adobe.com: © sarayut_sy, © 1xpert, © jomphon Lektorat: SL Lektorat

E-Book-Version 06.02.2024, 10:49:11.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Neuanfang in den Highlands

Umbruch in New York

Geschafft! Die erste ihrer zwei Abschlussarbeiten war fertig. Becky streckte sich, drückte auf Senden und ließ sich erleichtert in ihren Schreibtischsessel zurückfallen.

Für ihr Stipendium im Rahmen eines zweijährigen Fellowships am Strong Memorial Hospitals hier in New York hatte sie sich mit den Auswirkungen von Schlaganfällen auf das Gehirn beschäftigt. Das erste anstrengende Jahr, ihr Internship, war geschafft, sie erinnerte sich wieder an ihre Achtzig-Stunden-Arbeitswoche, aber es hatte sich gelohnt, denn sie hatte immens viel gelernt.

Die Scrubs überstreifen und wie Doktor Douglas Ross, alias George Clooney, im Emergency Room um Leben kämpfen - viele Medizinstudenten hegten diesen Traum. Becky hatte ihn sich erfüllt und arbeitete nun im Fachgebiet Neurologie. Aber diese Schreibtischarbeit ist gar nicht meins. Sie ließ die Schultern kreisen, massierte sanft ihren Nacken.

Piep! Eine E-Mail traf ein, und Becky öffnete den Newsletter mit Fortbildungen für Mediziner. Neugierig scrollte sie durch die Seite und blieb bei einer Fortbildung in einem Monat in Schottland hängen.

Das wärs!

Wildromantische Bilder von der Insel tauchten vor ihr auf, und sie verlor sich in Gedanken, während sie ihr Spiegelbild in der Scheibe betrachtete. Kurz nach ihrem 29. Geburtstag vor zwei Monaten hatte sie sich ihre braunen, schulterlangen Haare auf Anraten von Lynn, ihrer Freundin und Mitbewohnerin, stufig schneiden lassen, sodass sie schön lockig fielen. Dazu besaß sie nun blonde Strähnen.

Vor ihr erstreckte sich die atemberaubende Skyline von New York, die wie ein Meisterwerk aussah. Die vielen Lichter in den Fenstern der Hochhäuser erinnerten an kleine Laternen und gaben der Szenerie eine warme und gemütliche Atmosphäre.

Becky konnte die American Copper Buildings mühelos erkennen, zwei Wolkenkratzer, die in der Mitte miteinander verbunden waren und so an ein H erinnerten. Bei dem Anblick wanderten ihre Gedanken zurück zu den schottischen Highlands und der E-Mail. Ihr Blick schweifte weiter zur 432 Park Avenue, eines der höchsten Gebäude in New York und wegen seines streichholzähnlichen Aussehens als Matchstick Building bezeichnet – das hatte Lynn ihr kurz nach ihrem Einzug erzählt.

Sie beide hatten sich in der Klinik kennengelernt, wo sie auf verschiedenen Abteilungen als Assistenzärztinnen arbeiteten und zu Fachärztinnen ausgebildet wurden. Und so kam es, dass Lynn als einheimische New Yorkerin meinte: „Hey Becky, du als gebürtige Berlinerin wirst dich hier ja schlecht auskennen. Aber ich mache gerne eine kleine Tour mit dir. Was hältst du davon?“ So begann ihre Freundschaft, und Lynn bot Becky ein Zimmer in ihrer Zweier-WG an.

Lynn konnte es mit den besten Touristenführern der Stadt aufnehmen. Becky liebte die gemeinsamen Shopping-Nachmittage mit ihr, denn sie war außerdem eine Style-Expertin. Eigentlich hätte sie Modedesign studieren sollen und nicht Medizin. Wenn Becky Bilder an ihre Freundinnen in Deutschland schickte, erkannten diese sie kaum wieder. Becky genoss es, wenn sich Lynn Zeit für ihr Make-up und eine Stilberatung nahm. So gelang es Becky, ihrem alten und langweiligen Streber-Ich zu entkommen, wie sie sich selbst oft bezeichnet hatte. Mode war ihr nie wichtig gewesen, sie fühlte sich auch zu dick dafür. Für sie zählten gute Noten und bequeme Kleidung, sie hatte schon zu Grundschulzeiten als Streberin gegolten.

Aber Lynn hatte das perfekte Händchen für Farben und Formen, und Becky genoss die Freiheit, ausprobieren zu können, was sie wollte, denn in New York kannte sie ja niemand. Diese Mode-Experimente hätte sie sich in Berlin nie zugetraut; sie hätte sich geschämt und Angst gehabt, ausgelacht zu werden, wenn sie plötzlich wie ein bunter Schmetterling angeflogen gekommen wäre.

Lynn hatte gestaunt, als Becky sich von der grauen Maus zu einem wunderschönen Schwan mauserte, und ihr Selbstbewusstsein wuchs. So war auch Steven auf sie aufmerksam geworden.

Sie löste sich aus ihren Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Skyline vor ihr. Manchmal, bei klarem Wetter, sah sie in der Ferne das Meer. Im Jahr ihres Internships hatte sie die Stadt als mondän und hip empfunden, doch in den letzten vier Wochen, nach ihrer Trennung von Steven, erdrückte sie Becky. Sie erschauderte, und ihr Gesichtsausdruck in der Fensterscheibe sprach für sich. Höchste Zeit für eine Pause!

Die Sterne und Schneeflocken an den Scheiben hatte sie im letzten Winter befestigt; auch Blumen und Schmetterlinge zierten das Doppelfenster. Becky hatte sie in einem Ein-Dollar-Shop ergattert.

Sie nippte am Orangensaft und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er schmeckte fruchtig-frisch und erinnerte Becky an die herrlichen Sommermonate, nach denen sie sich an diesem grauen Tag sehnte. Sie stellte das Glas wieder ab und seufzte, denn ihre Schultern schmerzten nach diesem langen Arbeitstag in der Klinik und ihrer Arbeit zu Hause. Für das Stipendium im Strong Memorial musste sie regelmäßig Seminararbeiten vorlegen, und die schrieben sich nicht von allein. Angespannt strich sie sich die Haare aus dem Nacken. Vorsichtig massierte sie ihren Halsbereich und unterdrückte ein Gähnen. Seit Tagen hatte sie nur einen Wunsch: sich ins Bett zu legen und zu schlafen.

Mit dem Daumen tippte sie leicht auf ihr Handy. Der Bildschirm leuchtete auf und zeigte zwei glücklich lächelnde Gesichter; Stevens blonder Lockenschopf neben ihren glatten, dunklen Haaren, seine braunen und daneben ihre grünen Augen. Einige Sekunden später löschte sie das Bild am Startbildschirm des Handys. Becky seufzte; sie vermisste Steven, seine Unbeschwertheit und sonnige Art. Nach langen und intensiven Tagen im Krankenhaus hätte er ihr den Nacken massiert und die Füße, sie hätten gemütlich auf der Couch gelegen und sich einen lustigen Film angesehen. Und wenn es eine Party gegeben hätte, hätte er versucht, sie zu überreden, sich die Seele aus dem Leib zu tanzen und im Hier und Jetzt zu leben. Das konnte er meisterhaft, und so hatten sie sich perfekt ergänzt. Sie hatte sich von ihm mitreißen lassen in ein aufregendes New Yorker Leben.

Aber es gab kein Zurück mehr, dieser Abschnitt war vorbei.

Nach einem neuen Bild suchend, stieß sie auf ein Strandfoto vom letzten Sommer. Steven braungebrannt, mit seinem Sonnyboy-Lächeln, bei dem alle Frauen weiche Knie bekamen, kauerte hinter ihr und massierte ihren Nacken. Beckys Mund verzog sich. Damals war ihre Welt in Ordnung gewesen. Traurigkeit stieg in ihr hoch.

Steven hatte sich nicht mehr bei ihr gemeldet. Ihr Magen zog sich zusammen. Becky sah sich wieder in seiner Wohnung und roch diesen fremden Duft nach Rosen. Dieser Stich in ihrem Herzen tat weh. Ihre Augen wurden feucht, und sie schluchzte. Tränen kullerten über ihre Wangen. Das Gefühl, ausgenutzt worden zu sein, ließ ihren Atem stocken. Scham durchflutete sie, und sie schnappte nach Luft.

„Becks? Wo ist mein Föhn? Ich kann ihn nicht finden.“ Lynn tauchte im Türrahmen auf und hielt abrupt inne.

Becky erschrak und suchte verzweifelt ein Taschentuch. Nach Fassung ringend, wandte sie sich ab. „Ich hab dich gar nicht gehört.“

„Hey, was ist denn los?“, fragte Lynn mit sanfter Stimme.

„Ach, nichts. Ich habe nur Bilder von Steven gefunden.“ Becky schnäuzte sich in ihr Taschentuch und trocknete ihre Tränen.

„Von Steven?“ Lynn zog ihre Augenbrauen hoch.

„Ja, ich hab sie gelöscht.“

Ihre beste Freundin schmunzelte leicht und nahm Becky in die Arme. „Nach vier Wochen wurde das aber höchste Zeit, Süße.“

„Ach, Lynn, es tut noch immer so weh.“ Sie verzog das Gesicht und blickte sie ratsuchend an. „Ich mochte ihn, und wir sind auch gut miteinander klargekommen.“

„Ich sage jetzt nicht, was ich denke.“ Lynn hob mahnend ihre Augenbrauen.

„Was? Dass Steven offenkundig schnell weitergezogen ist?“ Becky fühlte sich elend.

„Hm.“

„Ich bin in dieser Hinsicht doch eher europäisch und nicht amerikanisch veranlagt, so schnell nach einer Trennung kann ich nicht gleich zum Nächsten übergehen.“ Becky löste sich aus Lynns Umarmung. Sie verschränkte ihre Hände vor ihrer Brust und atmete aus.

„Ach, Süße. Steven war ein entzückender Zeitvertreib, aber er war nicht dein Traumprinz. Was hattet ihr denn schon gemeinsam? Partys, Konzerte und ein wenig Romantik und dann wieder Partys und Konzerte. Mehr hättest du mit Steven nie haben können.“ Lynn legte eine Hand auf Beckys Arm.

„Du bist schrecklich im Trostspenden, Lynn, weißt du das?“ Verletzt wandte Becky sich ab und schluchzte erneut.

„Ich bin nur realistisch und sage dir die Wahrheit.“ Sanft drückte Lynn ihr einen Kuss auf ihre Stirn, griff dann zu einem weiteren Taschentuch und reichte es ihr.

„Ja, ja, und du hast heute früh die Weisheit mit deinem Müsli gegessen.“ Becky strich sich seufzend mit den Händen über das Gesicht.

„So, ich hole uns beiden Hübschen Kaffee, und dann sagst du mir, was ihr sonst gemeinsam hattet.“ Lynn stand auf und kam kurz darauf mit zwei Tassen zurück. „Hier, der wird dir guttun.“ Eine davon stellte sie vorsichtig auf dem Schreibtisch ab. „Wir finden eine Lösung für dein Dilemma.“ Mit Schwung setzte sie sich auf das Bett.

„Danke.“ Becky sog den Duft ein, den der frische Kaffee verströmte. „Vermutlich hast du Recht, ich hatte mich mit Steven in etwas verrannt. Nachdem wir auf Mike und Jills romantischer Hochzeit waren, dachte ich, wir würden einmal heiraten. Und ja Lynn, du hast leicht reden. Eine Lösung für meine Männerprobleme wäre, das Ufer zu wechseln.“ Becky spielte mit dem Höhenversteller ihres Schreibtischsessels.

„Ha, du bist ja witzig, hattest du schon einmal etwas mit einer Frau?“ Lynn hustete und klopfte sich auf die Brust, da sie sich am Kaffee verschluckt hatte.

Becky stand auf und setzte sich neben sie; die Matratze gab leicht nach. Einfühlsam trommelte sie ihr auf den Rücken, und der Husten ließ nach.

„Jetzt bist du sprachlos, nicht?“, sagte sie triumphierend und strahlte.

Lynn holte tief Luft, lächelte und meinte stirnrunzelnd: „Süße, ich mag dich auch, das weißt du. Aber ich glaube nicht, dass Beziehungen mit Frauen etwas für dich sind.“ Daraufhin führte sie wieder ihre Tasse zum Mund. „Aber lenk dich doch ab. Wie wäre es, wenn du mit dem Schreiben weitermachst? Du hast erzählt, dass du früher während des Studiums Kurzgeschichten geschrieben hast.“

Becky musterte Lynn, dann erhob sie sich langsam und nahm erneut in ihrem Schreibtischsessel Platz. Unschlüssig sah sie sich um. Die Mappe mit den Bestätigungen für besuchte Fortbildungen, ihr Notebook, ein College-Block und ihr Tagebuch lagen vor ihr.

„Ja, du hast recht, ich werde wieder schreiben.“ Becky strich über die glatten Tasten des Laptops und scrollte gedankenverloren durch die Seite, die sie vorhin aufgerufen hatte.

„Was ist das?“ Verwundert erhob sich Lynn.

„Was denn?“ Becky unterdrückte ein Gähnen.

„Na, diese Bilder. Wo ist das?“ Ihre Mitbewohnerin stellte sich hinter sie und stupste sie an.

„Ach das. Das ist Schottland.“ Becky seufzte sehnsüchtig.

„Schottland? Warst du dort schon einmal? Das hast du nie erwähnt.“ Lynn knuffte sie in den Arm.

„Nein. Davon träume ich und bin zufällig in einem Newsletter mit Fortbildungen für Mediziner darauf gestoßen.“ Daraufhin klappte sie den Laptop zu.

„Und?“ Lynn ging in die Küche, kehrte mit einem Stuhl zurück und nahm neben ihr Platz. „Mach es doch nicht so spannend.“

„Was genau meinst du?“ Becky lehnte sich zurück und gähnte erneut.

„Na, welche Fortbildung denn?“ Ungeduldig tippte Lynn mit ihren langen, manikürten Fingernägeln auf den Schreibtisch. Klack. Klack. Klack.

Beckys Blick fiel auf die glitzernden Sterne auf jedem zweiten Nagel. „Spezielle Kapitel der Neurochirurgie, mit Fokus auf die neuesten Entdeckungen im Bereich der non-invasiven Forschungs- und Untersuchungsmethoden bei Gehirnerkrankungen. Ein mehrtägiges Symposium.“

„Ein Neurologie-Neurochirurgie-Kongress. Hm. Wann?“ Abrupt wandte sich Lynn ab und griff zum Tischkalender.

„Schon in vier Wochen.“ Becky blinzelte tapfer ihre Müdigkeit weg.

Lynn blätterte Beckys Kalender um. „Hier. Da hast du doch frei. Es wäre ein verlängertes Wochenende. Wenn du buchst und einen Fortbildungsantrag für die Klinik stellst, bekommst du mehr Freizeit und startest erst später mit deinem nächsten Dienst. Außerdem wäre es im Juli, somit kannst du dort einige warme Sonnenstrahlen tanken, die definitiv deine Stimmung heben würden.“

Becky schluckte. Ihr Blick glitt zum Kalender, wo dick in roten Buchstaben endlich frei stand. Dann sah sie Lynn an, die wissend lächelte.

„Ich würde Schottland sehen“, meinte sie sehnsüchtig seufzend.

„Ja genau, und für den Fall, dass die Klinik nicht mitspielt, kannst du ja noch stornieren, dafür hast du Zeit“, meinte Lynn.

„Ja, stimmt.“ Becky nickte.

„Das Leben ist zu kurz, um sich allein im tristen Kämmerlein zu verkriechen und den Trauerlappen zu mimen.“ Lynn sah sie aufmunternd an.

„Nur ich kann es mir einfach nicht leisten. Wie soll ich das bezahlen? Den Flug, die Unterkunft und die Seminargebühren?“

Lynn spitzte ihre Lippen. „Becky, du hast mir doch Geld geborgt, das ich dir noch nicht zurückgegeben habe, weißt du noch? Ich nehme die Kaution für das Zimmer, wir kennen uns mittlerweile gut, und ich vertraue dir. Machen wir es so, dass du dein Geld dafür verwenden kannst, das ist kein Problem für mich!“

„Wirklich? Bist du dir sicher, Lynn?“

„Ja, ich überweise es dir heute noch. Du musst jetzt buchen, dann hast du noch den Frühbucherpreis im Angebot.“

Sollte sie nach Schottland fliegen? In ihrem Kopf ratterte es wild. Reizen würde es sie schon, und es wäre ein Lichtblick. Dort gäbe es keinen Steven. Oder einen anderen lässigen Amerikaner, der sie an ihn erinnerte. So wäre ihr Leben sicher leichter.

Und sie sähe endlich Schottland. Schottland! Wie lange träumte sie schon davon? Becky holte tief Luft, und ohne länger zu überlegen, klappte sie den Laptop auf und navigierte sich durch die Seite. Sie hielt inne, sah zu Lynn, die nickte. Becky klickte auf Buchen. Voller Erleichterung riss sie ihre Arme in die Luft. „Jippie!“ Dann ließ sie sich in den Stuhl zurückplumpsen.

„Bravo“, sagte Lynn und klopfte Becky auf die Schulter.

Endlich mal eine Fortbildung an einem ihrer Sehnsuchtsorte. Das Thema begeisterte sie derzeit zwar nicht allzu sehr, aber in der Klinik würde es ausgezeichnet ankommen. Auf einmal wirkte die Welt wieder ein wenig freundlicher. In Beckys Bauch stellten sich die Schmetterlinge ein. Schon in dreißig Tagen würde sie fliegen!

„Becky, hier ist eine Übersicht der Vortragenden. Die lassen sich sehen, da sind sexy Männer dabei.“

„Das war ja wieder klar!“ Becky lachte und rollte mit den Augen.

Lynn beugte sich zum Laptop und scrollte durch die Website. Dann wandte sie sich um und strahlte. „Was sagst du zu ihm? Der ist doch bezaubernd und wirkt smart, hm?“ Sie deutete auf einen schwarzhaarigen Mann.

„Wer? Lass sehen!“ Für einen Moment erstarrte Becky. „Hm. Ja, definitiv“, meinte sie mechanisch und schluckte. Wie in Trance stand sie auf und ging auf das Fenster zu.

O mein Gott, das ist Marc, und er wird auf dem Kongress sein!

Der Gedanke wirbelte ihren Magen durcheinander und ließ ihr Herz für einen Moment schneller schlagen. Auf ihrem Gesicht bildete sich ein zaghaftes Lächeln.

„Was ist denn los?“, fragte Lynn verwirrt.

„Das ist Marc, ich kenne ihn aus Berlin.“ Gedankenverloren starrte sie aus dem Fenster, erinnerte sich wieder an ihr Kennenlernen an der Uni in Berlin, und schüttelte den Kopf.

„Los Becky, sag mir, was du denkst.“

„Ach, Lynn. Ich war in ihn verliebt. Wir sind uns zum ersten Mal an der Uni-Klinik in der Abteilung für psychosomatische Medizin begegnet, und da hat sich sein Blick regelrecht in meinen gebrannt.“ Auch jetzt noch schluckte sie bei diesem Gedanken. „Ja, es klingt nach einem Klischee, aber genauso fühlte es sich eben an. Wir beide in dem überfüllten Hörsaal … und einen unendlich langen Moment später, in dem wir Blickkontakt hielten, habe ich realisiert, dass er ein Assistenzarzt in Ausbildung war. Neurochirurgie. Das war, glaube ich der peinlichste Moment meines Lebens.“ Becky holte tief Luft. „Er hat sich als Doktor Marc Morrison vorgestellt, war damals dreißig Jahre alt und ist gebürtiger Schotte.“ Schmunzelnd blickte sie Lynn an. „Also was soll ich noch sagen? Für die Hälfte der Studentinnen extrem verführerisch.“

„Und du warst eine davon?“, fragte Lynn und grinste.

Becky kratzte sich am Kopf. „Natürlich! Wobei ich dann natürlich vehement versucht habe, den Blickkontakt zu vermeiden, aber er sah so süß aus, und na ja …“ Becky räusperte sich und sah betreten zu Boden. „Die Zeit damals mit Marc kann in einem Satz zusammengefasst werden. Kurz, aber intensiv.“ Sie rieb über ihre Wange. „Immerhin weiß ich nun, dass er beim Kongress in Schottland dabei sein wird und bin vorbereitet.“ Ihr Blick glitt wieder zum Monitor und dem Bild von Marc Morrison. „Und Lynn, du musst wissen, er ist einer dieser von sich selbst überzeugten Männer, die sich nur für sich und ihre Arbeit interessieren und nicht für jemanden wie mich. Ich war in ihn verliebt, und wir hatten einige tolle Dates miteinander, aber er meinte, dass er keine feste Beziehung führen könnte …“ Ob er damals wirklich keine Gefühle für sie gehabt hatte? Sie schüttelte den Kopf über ihre Gedanken. „Daher theoretisch süß, ja, aber leider nicht mehr mein Beuteschema.“

„Was heißt denn theoretisch süß?“ Lynn runzelte die Stirn. „Hm, wenn ich mir vorstelle, dass er wieder vor dir steht und dich mit diesem umwerfenden Lächeln ansieht …“

„Dann wär gar nichts. Okay? Dieser Typ Mann kommt für mich nicht mehr infrage! Ich werde mir nicht wieder die Finger verbrennen. Offenbar habe ich ein Händchen, mir die falschen Männer auszusuchen.“ Becky klappte energisch ihr Notebook zu und verschränkte die Arme. Lynn sah sie verdutzt an.

„Gut, ich seh schon. Männer sind derzeit ein rotes Tuch für dich.“ Lynn lächelte verständnisvoll und strich Becky über den Oberarm.

„Ja, so ist es und wird es wohl für längere Zeit bleiben.“

„Gut, ich verstehe. Was hältst du davon, wenn wir eine Runde im Apple drehen, damit du wieder auf andere Gedanken kommst?“

„Ja, gerne!“

„Super, komm, wir gehen und plaudern unterwegs.“

Auf dem Weg zum Park blieb Becky an einer Kreuzung stehen. Die Sonne stand hoch, und Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. „Ich frage mich, ob ich zu naiv bin, was Beziehungen angeht. Oder ob ich Angst davor habe, wieder einen Menschen zu verlieren, der mir wichtig ist.“

„Hm.“ Lynn schnaufte ebenso und zupfte an ihrer Bluse. „Was soll ich dir sagen? Leider hab ich eben nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber was mir zu deiner Situation einfällt: Lass doch einmal los. Mir fällt auf, dass du so fixiert darauf bist, den richtigen Mann zu finden, und dabei übersiehst, dass es einer sein sollte, der zu dir passt. Und nicht du verzweifelt zu ihm.“ Sie räusperte sich. „Ich habe das Gefühl, dass du dich zu sehr anpasst, dass du dir Männer suchst, die genau das Gegenteil von dir sind, um dich zu bereichern. Aber im Endeffekt rückst du zu weit von dir ab, und das kann auf lange Zeit nicht gut gehen.“

„Meinst du?“ Becky sah Lynn nachdenklich an. Dann hörten sie das Tackern der Ampel und überquerten mit anderen Passanten die Kreuzung. Sie liefen den Gehweg entlang und nahmen den Weg zum Lakeside Inn Restaurant im Central Park.

„Ja. Du bist gut so, wie du bist, du musst dich nicht für andere verbiegen, damit du gemocht wirst.“

Becky blickte zu Boden. „Ich passe mich zu stark an, meinst du?“

„Ja, das finde ich.“

„Hm …“

„Becky, was willst du denn überhaupt? In New York bleiben oder zurück nach Berlin?“ Lynn zog ihre Augenbrauen hoch.

Becky blickte Lynn ratlos an. „Das weiß ich derzeit ehrlich gesagt gar nicht. Ich wollte unbedingt im Ausland Medizin studieren und arbeiten. Das habe ich auch geschafft. Aber nachdem das mit Steven nichts geworden ist, sehe ich wieder klarer: Es zieht mich eher nach Hause.“ Sie zuckte mit den Schultern.

Abrupt blieb Lynn mitten auf dem Gehsteig stehen und zog Becky an ihren Oberarmen zu sich. Passanten wichen ihnen aus. „Aber du kannst doch deine Lebensentscheidungen nicht von einem einzigen Mann abhängig machen, Becks! Und dann auch noch von Steven!“ Ungläubig schüttelte Lynn den Kopf, dann ließ sie Becky los und marschierte weiter.

Verblüfft über Lynns Reaktion, sah Becky ihr nach und schloss dann wieder zu ihr auf.

Sie passierten Coffeeshops und Modeboutiquen, die Lynn genau begutachtete. Becky blieb einen Moment vor einem Buchladen stehen und studierte die Bücher in der Auslage. Hinter ihr hupten Autos, es hatte sich ein Stau auf der Madison Avenue gebildet.

Kurz darauf erreichten sie den Eingang zum Park. Links und rechts säumten hohe Bäume und Sträucher den Spazierweg. „Dort ist eine gemütliche Parkbank, Lynn.“ Becky deutete mit ihrem Kopf in Richtung der Bank im Schatten.

„Einverstanden.“ Beide nahmen Platz. Becky streckte ihre Beine aus und griff zur Wasserflasche in ihrer Tasche. Langsam bildete sich wieder ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Wieso grinst du so plötzlich?“ Lynn zog die Augenbrauen zusammen und musterte sie genau.

„Ach, weißt du …“ Becky verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

„Los, sag schon.“

„Marc. Ich musste an Marc denken. Ich habe das Gefühl, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin, Lynn. Ich will von keinem Mann mehr was wissen, trauere um Steven und heule beim Anblick von Bildern von ihm. Und seit ich weiß, dass Marc beim Kongress sein wird …“ Becky räusperte sich. „Offen gesagt macht mir das zu schaffen. Ich habe Angst, ihm wieder zu begegnen. Obwohl es damals nur ein Flirt war und er mir klar gesagt hat, dass er derzeit nichts Festes möchte.“

„Wann hattest du was mit ihm?“

„Vor zwei Jahren.“ Becky seufzte. „Ja, ich mochte ihn und hätte mir mehr vorstellen können. Aber immerhin war er ehrlich zu mir. Vielleicht wohnt er jetzt auch wieder in Schottland, wenn er beim Kongress sein wird. Er wird bestimmt seinen Facharzt schon in der Tasche haben. Und außerdem könnte es sein, dass er jetzt jemanden hat.“ In Becky machte sich Enttäuschung breit.

Lynn holte tief Luft und drückte Becky an sich. „Das ist doch okay und darf alles sein. Bitte lass dir Zeit. Mach dir weniger Druck, loslassen braucht ein Weilchen, und alte, ausgetretene Wege verlassen ebenso. Sprich noch mal mit Steven, es wird dir helfen, loszulassen.“

Becky erschrak. „Was? Mit ihm reden?“ Sie spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog und ihr Nacken sich wieder versteifte. Ein wenig panisch rieb sie sich mit ihrer rechten Hand über die Haut an ihrem Hals.

„Ja, sag ihm, was du fühlst, das hilft dir dabei, die Sache abzuschließen.“

Becky sah Lynn an. „Ob ich das schaffe?“

„Versuche es.“ Lynn legte eine Hand auf ihre.

„Ja, vermutlich hast du recht. Ich sollte nicht so feige sein wie er, sondern mich unserer Beziehung stellen. Vielmehr unserer Ex-Beziehung.“ Becky richtete sich auf, ballte eine Hand energisch zur Faust, griff entschlossen zu ihrer Handtasche, suchte nach ihrem Mobiltelefon und tippte eine Nachricht.

„Gehen wir ins Lakeside Inn, ich hab Hunger.“

Aufbruch nach Schottland

Geschafft. Becky schnappte sich singend ihre wichtigsten Habseligkeiten – ihre Kopfhörer, einen Roman und ihr Handy – und stopfte sie in das Handgepäck. Die gefalteten Kleider legte sie in einen geräumigen Koffer. Dabei stach ihr das neue Tagebuch ins Auge; es hatte einen dunkelgrünen Einband mit einer verschnörkelten, goldenen Schrift. Becky strahlte und schlug es auf, um etwas zu notieren. In dem Büchlein ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf, und wenn sie schrieb, fühlte sie sich wie neu geboren.

Es war Freitag; sie hatte ihren Dienst in der Klinik für heute absolviert und konnte nun in aller Ruhe zum Flughafen aufbrechen, um acht ging ihr Flug. Zwölf Stunden!

Überglücklich griff sie zu ihrem Parfüm, es duftete blumig-süß mit einer erfrischenden Jasminnote. Beschwingt stellte sie ihren Reisekoffer und ihren Trolley neben die Eingangstür.

„Dir fehlt was.“ Lynn kam strahlend aus ihrem Zimmer; ihre braunen Augen glitzerten.

„Was meinst du?“ Verwundert hob Becky ihre Augenbrauen.

„Hier! Das ist ein Geschenk. Aber erst öffnen, wenn du ein Date mit einem heißen Schotten in der Tasche hast.“ Ihre Mitbewohnerin gackerte ihr typisches Lynn-Lachen, laut und herzhaft.

Das erinnerte Becky wieder an Passanten auf der Straße, die sie von hinten deshalb oft mit Oprah Winfrey verwechselten. „Was? Das werde ich nicht brauchen.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Dann nimmst du es trotzdem mit, für den unwahrscheinlichen Fall, dass du es doch verwendest. Bitte, ich habe es selbst entworfen und anfertigen lassen. Nur für dich.“ Lynn zwinkerte verführerisch und setzte ein kokettes Lächeln auf.

„Wirklich? Na gut, ich nehme es als mein persönliches Mahnmal mit.“

Widerwillig klemmte sie sich die Tüte unter den Arm. „Was würde ich nur ohne dich tun.“

„Melde dich, wenn du gelandet bist, und halte mich regelmäßig auf dem Laufenden. Ja?“ Lynn umarmte Becky kurz und sah ihr tief in die Augen. „Lass dich mal ein wenig treiben, und was die Vorträge betrifft, hier und da alle Fünfe gerade sein. Und vergiss nicht, Schottland zu erkunden.“

„Ja klar.“ Becky musterte Lynn. „Gib du mir bitte Bescheid, wenn du dich dazu entschließen solltest, an der Modeschule teilzunehmen. Ich würde es tun an deiner Stelle, Lynn. Wirklich!“

Ihre Mitbewohnerin sah sie überrascht an. „Ja, vielleicht hast du recht. Ich sehe mir alles nochmal durch.“

„Genau, wir üben uns darin, ausgetretene Pfade zu verlassen, nicht?“ Becky griff zur geblümten Handtasche.

Es läutete an der Tür, und sie zuckte kurz zusammen. „Das Taxi, schon so früh? Bis bald, Lynn.“ Sie schnappte sich ihre Sachen und eilte aus dem Apartment, den Gang entlang zum Lift und fuhr ins Erdgeschoß. Als sie aus dem Haus trat, sah sie sich um und erblickte das Taxi. Der Fahrer telefonierte, daher blieb sie stehen und wartete. Da stand wie aus dem Nichts Steven vor ihr.

Becky erstarrte. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen lagen tief in den Höhlen, und er wirkte magerer als vorher. Ein Teil von ihr wollte in die Luft springen und ihn umarmen, aber der andere, gedemütigte Teil freute sich über sein mitgenommenes Aussehen. Warum tauchte er ausgerechnet heute hier auf? Auf Beckys Stirn bildeten sich Schweißperlen. Sie konnte nicht mit ihm sprechen, nicht jetzt.

Steven machte einen Schritt auf sie zu. „Becky, bitte … ich muss mit dir reden.“

„Jetzt nicht, Steven!“ Rasch wandte sie ihren Blick ab und flüchtete zum Taxi. Aber dann dachte sie an Lynns Worte und blieb stehen. Wütend stieß sie die Luft aus. „Verdammt noch mal!“ Sie drehte sich um und stemmte die Hände in die Hüften. „Steven!“

Er kam auf sie zu, blieb zwei Meter von ihr entfernt stehen und blickte von ihr zu ihrem Koffer.

„Ich finde es ehrlich gesagt extrem unpassend, dass du erst jetzt hier auftauchst, nach allem, was wir beide miteinander erlebt haben. Aber offenbar ist das deine Art, und ich werde dich nicht ändern können.“

„Fährst du weg?“, meinte er und verengte die Augen.

„Ja, ich fahre auf einen Kongress.“

„Alles klar.“

„Was willst du jetzt hier, Steven? Ich wollte mit dir reden und dir klarmachen, dass mich dein Verhalten sehr verletzt hat. Ich fand es feige und erbärmlich. Du hättest mir sagen können, dass du Schluss machen willst. Aber mittlerweile bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich wohl naiv war und du wohl nicht zum ersten Mal eine andere hattest. Oder?“

Steven blickte beschämt zu Boden. „Es tut mir leid, Becky.“

Sie schüttelte den Kopf. „Was soll ich drauf erwidern? Es ist schon alles gut? Steven, ich habe dich gemocht und so genommen, wie du warst, aber ich kann das jetzt nicht mehr. Dein Verhalten war zutiefst kränkend, als ich dich mit dieser Frau in deiner Wohnung erwischt habe.“ Becky sah sich zum Fahrer um, der mahnend auf seine Armbanduhr zeigte. „Ich muss jetzt los.“

„Ja, ich verstehe.“ Er presste die Lippen aufeinander und steckte seine Hände in seine Taschen. „Hab eine gute Reise.“

„Danke, Steven.“ Becky schnappte sich ihren Koffer und ging auf das Taxi zu.

„Guten Tag. Brauchen Sie Hilfe?“ Der Fahrer kam hinter dem weißen Mercedes hervor.

„Ja, bitte.“ Becky zeigte auf den Trolley und den Reisekoffer. „Ich habe es eilig.“

„Warte, Becky!“, rief Steven ihr hinterher, aber sie stieg ein und zog die Tür zu. Als der Mercedes sich in den dichten Verkehr einfädelte, blickte sie zurück. Steven wurde immer kleiner. Traurigkeit und Erleichterung überfielen sie. Sie blinzelte. An ihr zogen Straßen, Häuser, Hochhäuser und Brücken vorbei. Becky atmete tief durch; mit diesem Wiedersehen hatte sie nicht gerechnet. Wenn sie ehrlich zu sich war, gab es nichts mehr, worüber sie hätten sprechen können.

„Geht es Ihnen gut?“, erkundigte sich der Fahrer.

Becky sah seine blaugrünen Augen im Rückspiegel. An einer Ampel drehte er sich kurz um. Seine Sommersprossen erinnerten sie an Farbkleckse auf einer Leinwand, und die rötlichen Haare schimmerten leicht im Tageslicht.

„Das war mein Ex. Danke, es geht wieder. Ich hab nur nicht mit ihm gerechnet.“

„So sah es aus.“ Er lächelte sie freundlich an. Die Ampel wechselte auf Grün, und er fuhr schnell weiter.

„Kommen Sie aus Schottland?“, erkundigte sich Becky, weil ihr sein Akzent bekannt vorkam.

Der Mann griff sich mit der Hand an den Hinterkopf. „Ja, woher wissen Sie das?“

„Naja, ich bin auf dem Weg nach Schottland, Edinburgh, und ich habe Ihren Akzent erkannt.“ Becky erwiderte sein Lächeln.

„Tatsächlich?“ Der Fahrer grinste und blickte in den Rückspiegel. „Ich hab in Glasgow gelebt. Wohin fahren Sie genau?“

Da beugte sie sich weiter nach vorne. „Zu einer Fortbildung in Dunbar, in der Nähe von Edinburgh.“

„Ja, dort war ich auch schon, hab Familie dort. Ein schönes Fleckchen Erde, besuchen Sie den Leuchtturm.“ Ein verträumtes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.

„Ja, mache ich. Danke für den Tipp.“ Erleichtert über das nette Gespräch lehnte sich Becky zurück in den Sitz.

Am Flughafen schnappte sie sich ihre Koffer und beeilte sich, damit sie rechtzeitig zum Gate kam. Es war Zeit, das Kapitel mit ihrem Ex abzuschließen. Die Auszeit in Schottland würde ihr dabei helfen.

Befreit atmete Becky durch, der Flug wurde aufgerufen, und endlich stieg sie ins Flugzeug. Draußen wurde es langsam dunkel. Sie lächelte die Stewardess an, die sie an Bord willkommen hieß. Blaues Kostüm, rotes Halstuch, etwas molligere Figur. „Miss, möchten Sie eine Zeitung? Die New York Times? New York Post oder The Wall Street Journal?“

Im Gang vor ihr wartete ein junges Pärchen darauf, weitergehen zu können. Der Mann grinste schelmisch und zog seine Freundin stürmisch in die Arme. Der Kuss besaß pure Leidenschaft. Becky wurde von den beiden regelrecht in ihren Bann gezogen.

„Miss, sind Sie angewurzelt?“, hörte sie eine verärgerte Männerstimme hinter sich. Ein blonder Anzugträger, der einen exotischen Zitrusduft verströmte, drängte sich an ihr und dem Pärchen vorbei. Was für ein unverschämter Lackaffe! Der nimmt wohl an,er sei wichtiger als alle anderen.

„Ähm, ja bitte. Die Times.“ Becky nahm sich die Zeitung.

Langsam bahnte sie sich ihren Weg durch den Flieger. Vor ihr stolperte ein Kind zu Boden und weinte. Seine Mutter nahm es hoch und redete leise auf ihr Kind ein, während sie ihm tröstend über den Kopf strich. „Ich bitte um Entschuldigung“, sagte sie dann.

„Kein Problem.“ Reihe 10, Platz A. Endlich!

Mit Schwung hievte sie den kleinen Koffer in das offene Fach über der Sitzreihe. Ihre Handtasche behielt sie bei sich. Ein Mann saß schon auf dem Platz neben ihrem, gepflegt mit gestylten Haaren, der Anzug maßgeschneidert. Das ist der Typ von eben! Komischer Kauz. Gott sei Dank trug sie ihren bequemen Jumpsuit. Sie blieb im Gang stehen und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Seinen Blick hatte er in seinem Terminkalender vergraben, die Stirn in Falten gezogen. Er rümpfte die Nase und grummelte vor sich hin. Da wurde sie unsanft von hinten angerempelt, strauchelte, verlor das Gleichgewicht … und landete direkt im Schoß des Anzugträgers. Ihre Tasche landete unsanft in seinem Gesicht, und der Terminplaner fiel zu Boden.

„Verdammt noch mal, was soll denn das?“, rief er. „Mein Kalender!“

Becky lachte kurz und rappelte sich wieder auf. „O Gott, das ist mir furchtbar peinlich. Ich bitte um Entschuldigung!“

„Was zum Teufel?“

„Warten Sie, ich habe den Kalender gleich.“

„Was? Nein, bitte helfen Sie nicht, stehen Sie auf. Sofort!“ Der Mann klang entrüstet.

Beckys Blick fiel auf die pulsierende Ader auf seiner Stirn, sein Gesicht rötete sich zunehmend, aber er half ihr hoch. „Kommen Sie schon.“

„Danke.“ Die Fluggäste der gegenüberliegenden Sitzreihe wohnten dem Spektakel belustigt bei.

„Filmt dieser Mann da vorn etwa?“, fragte sie.

„Was?“, rief der große Blonde. „Lassen Sie mich vorbei!“ Er rempelte sie unsanft an und sprang auf. „Sie schalten sofort Ihr Video aus. Haben Sie gehört? Finden Sie das etwa witzig, oder was? Ich verklage Sie!“

Beckys Wangen glühten. Der junge Mann mit dem Smartphone schluckte und verstaute das Telefon in seiner Hemdtasche.

„Und Sie löschen das Video, haben Sie gehört? Wenn Sie glauben, dass Sie das auf Instagram, Facebook oder sonst wo posten können, haben Sie sich geirrt. Niemand macht sich auf meine Kosten lustig“, zischte er dem jungen Mann zu.

„Schon gut, ich lösche es ja schon wieder, wissen Sie, es war nur zu lustig“, lenkte der ein. Eine Stewardess quetschte sich zwischen den ankommenden Fluggästen zu den beiden durch. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein, danke“, erwiderte der Blonde knapp und drehte sich zu seinem Sitzplatz um. Er griff nach dem Kalender, der am Boden lag, und erhob sich wieder.

„Ich bitte um Entschuldigung.“ Befangen stand Becky noch immer im Gang und sah ihn an. „Jemand hat mich angerempelt, ich wollte Sie eigentlich nur fragen, ob Sie mich zu meinem Sitzplatz am Fenster durchlassen?“

Er musterte sie abwartend. Da traf sie die Erkenntnis wie ein Blitz. Das war Doktor Wayne Franklin, ein Oberarzt in der Klinik. Mit verengten Augen baute er sich vor ihr auf. „Ich kenn Sie doch, arbeiten wir nicht im selben Krankenhaus?“

Becky räusperte sich und warf einen kurzen Blick zur Stewardess, die sich wieder den anderen Fluggästen widmete. „Ja, Sie sind Doktor Wayne Franklin, nicht wahr?“ Sie reichte ihm die Hand. „Entschuldigung, dieser Vorfall ist mir schrecklich peinlich.“

Angesäuert ergriff er ihre Hand. „Bitte schön.“

„Danke.“ Becky setzte sich erleichtert auf ihren Fensterplatz.

„Machen Sie Urlaub?“ Wayne hielt seinen Kalender wieder in Position und zog den Kuli aus der Jackentasche.

„Nein, ich fliege nach Schottland, zu einer Fortbildung.“ Sie trocknete ihre Hände an ihrem Jumpsuit. Ihr Puls stieg, ihre Atmung beschleunigte sich, und sie fühlte sich wie in einer Prüfungssituation.

„Ich ebenso, das heißt, Sie besuchen den neurochirurgischen Kongress in Dunbar?“ Dabei verengte er seine Augen wieder.

„Ja, genau.“ Becky nickte und lächelte.

Wayne lachte.

Becky fragte sich, warum er das lustig fand. Das hatte ihr noch gefehlt, den ganzen Flug einen Oberarzt aus der Klinik neben sich, der zum selben Kongress unterwegs war. Er fragte sich bestimmt, was sie dort zu suchen hatte als komplette Anfängerin.

„Sie sind die Ärztin aus Deutschland mit dem Stipendium, richtig?“ Akribisch begutachtete er sie, klickte dabei einige Male mit seinem Kuli und rollte ihn dann zwischen seinen Fingern.

„Die bin ich“, antwortete sie und hoffte, dass das Gespräch bald ein Ende finden würde.

„Sie sind ehrgeizig, wenn Sie in Ihrer Freizeit zu einer Fortbildung nach Schottland fliegen.“ Seine grauen Augen studierten sie aufmerksam, und nachdenklich strich er sich über die Lippen.

War das jetzt ein Kompliment? Oder machte er sich lustig? Beckys Lächeln verrutschte. Da meldete sich Waynes Handy, und er wandte sich ab. Sie verstaute ihre wichtigsten Sachen vor dem Sitz und atmete tief durch. Einige Minuten später nahm sie ihre Kopfhörer und ihren iPod, wählte Pink mit Trustfall, und kurz nachdem das Flugzeug gestartet war, döste sie ein.

Als ein Ruck sie aus ihrem Traum riss, kippte sie ihren Getränkebecher um. Der Tomatensaft ergoss sich auf ihren Schoß. Na, bravo. Wayne schlief und bekam nichts mit. Sie versuchte, zu retten, was zu retten war. Für solche Fälle sollte man Reservekleidung im Handgepäck haben.

Seit Steven sie verlassen hatte, schien es so, als hätte er jedes Glück aus ihrem Leben gestohlen, und die Malheure des Alltags klebten an ihr wie zähes Harz.

Bei dem Gedanken beschlichen sie Zweifel. Ob sie nicht doch die falsche Entscheidung getroffen hatte mit ihrer Schottlandreise? Sie kannte niemanden dort, sollte sie überhaupt zu dem Seminar gehen? Aber dann würde sie keine Bestätigung für die Fortbildung bekommen und sicher Ärger auf der Arbeit.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte Wayne plötzlich. Als sie ihn anblickte, runzelte er die Stirn. Wie peinlich! Er musste sie für komplett unfähig halten! Hitze stieg wieder in ihr auf.

„Nein, danke. Dürfte ich bitte kurz raus?“ Sie hielt ihre Handtasche vor den Fleck.

„Aber ja.“

„Vielen Dank.“ Beflissen achtete sie darauf, dass sie keinen Körperkontakt mit ihm hatte, verließ die Sitzreihe und ging zur Toilette.

Sie versuchte, die Spuren der Katastrophe zu bewältigen, indem sie die Flecken mit Wasser entfernte und die nasse Stelle mit dem Händetrockner föhnte. Im Spiegel bemerkte sie die Schatten unter ihren Augen, griff zu ihrer Handtasche und holte ihr Make-up heraus. Glücklich atmete sie tief durch. Die Not machte erfinderisch, und sie erreichte erfrischt ihren Platz.

Dort setzte sie erneut ihre Kopfhörer auf. In Gedanken war sie in Schottland; motiviert zog sie den Reiseführer aus der Tasche. Als Erstes wollte sie zu den rauen Klippen und zum Strand. Genau das brauchte sie, frische Luft, Salz auf den Lippen und Wind in den Haaren. Als sich der Essenswagen klappernd näherte, erwachte Becky aus ihren Tagträumen.

Nach dem Abendessen durchsuchte sie das Filmprogramm. Wayne war in seine medizinische Literatur vertieft.

Gut so, dann konnte sie wenigstens ihren Gedanken nachhängen. Sie versank in der romantisch-lustigen Liebesgeschichte von Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück und ließ ihre eigene Vergangenheit an sich vorbeiziehen. Langsam schlief sie ein.

Landung in Schottland

Das Flugzeug setzte zur Landung in Edinburgh an, und diesmal erwachte Becky sanfter. Vom Schlaf noch halb umfangen, nahm sie ihre Umgebung und die anderen Fluggäste, die ihre Sicherheitsgurte wieder anschnallten, nur verschwommen wahr.

Wayne nickte ihr zu und schwieg. Beckys Blick schweifte aus dem Fenster, und sie bemerkte das grüne Land unter ihnen, umgeben vom dunkelblauen Meer. Staunend betrachtete sie die Küste und entdeckte das eine oder andere Gebäude auf der Insel. Sie lächelte. In ihrer Vorstellung atmete sie die salzige Meeresluft ein und spürte den leichten Wind in ihrem Gesicht.

Unter ihnen breitete sich bereits Edinburgh aus. Das Flugzeug steuerte den Flughafen an, landete ruckelnd und bremste ab. „Doktor Franklin? Ich will mich bei Ihnen entschuldigen. Als Wiedergutmachung übernehme ich Ihre Taxikosten. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie sich eines mit mir teilen wollen“, erkundigte sich Becky vorsichtig.

„Danke, das ist nett von Ihnen, aber ich habe in einer Stunde einen Termin im Spire Murrayfield Hospital. Ich fahre erst später nach Dunbar zum Kongress.“ Hastig öffnete er seinen Gurt. „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich hatte heute nicht meinen besten Tag.“ Er stand auf und holte sein Gepäck aus der Lade. „Darf ich Ihnen mit Ihrem Handgepäck helfen, damit Sie nicht wieder jemandem in den Schoß fallen?“

Peinlich berührt räusperte sie sich. „Ja, gerne. Es liegt direkt daneben. Es ging übrigens nicht nur Ihnen so, Wayne, denn nachdem ich das Flugzeug betreten hatte, wurde ich von einem gestressten, großen Blonden im Anzug angerempelt. Er hatte es eilig und hat mir nur den exotisch-zitronigen Duft seines Aftershaves hinterlassen“, sagte sie beiläufig.

Überrascht über ihre Worte, grinste er. „Der Punkt geht an Sie.“

Becky genoss diesen Moment und strahlte. Wayne streckte seine Hand in Richtung Gepäckablage; mühelos holte er ihren Trolley hervor. „Hier bitte.“ Er stellte ihn vor Beckys Füße. „Ihr Handgepäck.“