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Tine Høegs "Neue Reisende" – ausgezeichnet als bester dänischer Debütroman – greift in einem sensiblen Minimalismus und mit subtiler Situationskomik auf, was junge Menschen heutzutage bewegt. Schnörkellos-präzise und zugleich kunstvoll und empathisch. An ihrem ersten Arbeitstag trifft die junge Lehrerin im Pendlerzug auf einen verheirateten Mann. Sie beginnen eine Affäre, die für ihn mehr Lust als Liebe bedeutet, bei ihr hingegen löst sie Gefühlsverwirrungen aus. Dazu kommt die Überforderung im Job: Routine und das nötige Selbstvertrauen fehlen ihr. Den Schüler*innen ist sie oft näher als den Kolleg*innen. Im Unterricht und auf Klassenfahrten wird deutlich, dass sie noch lange nicht in ihrer Rolle als Lehrerin angekommen ist. Innerhalb weniger Monate schlittert die Erzählerin in einen Schlingerkurs aus Orientierungslosigkeit und Wunschfantasien, Eskapismus und Betäubung, probiert sich aus, um den für sie passenden Lebensentwurf zu finden. Unvermeidbar für die »Neue Reisende« sind dabei scheinbare Irrwege, Kratzer und Zusammenstöße.
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Seitenzahl: 68
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Dank an Mads, Ingrid, Louise, Amalie, Nanna, Christina, Mette, Martin und Martin© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2020 © der OriginalausgabeNye Rejsende Tine Høeg und Rosinante & Co, Kopenhagen 2017ISBN 978-3-99059-053-9Umschlag: & Co www.und-co.at © des Autorinnenfotos: Petra Kleis Satz: AD
Die Übersetzung wurde gefördert von Danish Arts Foundation
Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz
www.droschl.com
Tine Høeg
Neue Reisende
Roman
Aus dem Dänischen von Gerd Weinreich
Literaturverlag Droschl
du kannst mir nicht schreiben
ich schreibe dir
*
ich habe mir ein Pendler-Ticket gekauft
ich habe einen neuen Namen bekommen
einen Lehrernamen
zusammengesetzt aus Buchstaben
meines Vor- und Nachnamens
ich habe den Code zum Netzwerk des Gymnasiums bekommen
der jedes halbe Jahr nach einem bestimmten Prinzip geändert wird
Sommer16 Winter16 Sommer17 Winter17
man hat mich in die Systeme
eingewiesen
es ist ein Zufall
dass wir an meinem ersten Schultag
ins Gespräch kommen
ich bin so nervös und unsere Beine
berühren sich
als wir uns setzen
du bist Grafiker in einem Reisebüro
du bist auch Pendler
du bist zehn Jahre älter als ich
du bist verheiratet und hast eine Tochter
*
ich spiegele mich in einem Schaufenster
im Hauptbahnhof – Dienstag
ich kaufe zwei Becher Kaffee
und stelle mich auf die Rolltreppe
es zeigt sich
dass du dasselbe getan hast
wir steigen mit den Bechern ein
ich schenke meine beiden zwei Teenagern
die aneinandergelehnt sitzen
und müde aussehen
sie sind überrascht und freuen sich
das Blut im Körper
ein Sausen in den Ohren
als der Zug sich in Bewegung setzt
*
das erste Mal dass ich dich nackt sehe:
Zugtoilette
irgendwo zwischen Kopenhagen und Næstved
das ist für mich ganz neu
jemand so haben zu wollen
*
es fühlt sich an als hätte ich Fieber
die Schüler sehen einander ähnlich
heißen gleich
dünne Beine große Sneaker
vier Klassen in Dänisch
und Vertrauenslehrerin in einer davon
Vertrauenslehrerin
es ist warm in den Räumen
ein Geruch von Schweiß
Parfüm
Pasta und Thunfisch
von den Brotdosen der Jungen
sie essen in den Stunden
ich kenne meine eigene Stimme nicht
wenn ich am Pult stehe und rede
die Augen der Schüler
ich kratze mich an der Wange
alle Gruppen sollen einen Campingkocher mit Zubehör mitbringen
der Kollege STAR hat meinen Unterricht unterbrochen
um über die Kennenlerntour zu informieren
er unterrichtet Dänisch und Geschichte
und läuft in einem T-Shirt herum mit dem Schriftzug:
moralischer Leuchtturm
sein Bart ist dicht und gut getrimmt
ich überlege ob es ihm jemals so ging
wie mir jetzt
es ist schwer am Anfang sagt EMO
sie unterrichtet Schauspiel und Kunst
aber nach drei vier Jahren hat man es besser im Griff
Hunderte Pfauenaugen
blicken von ihrem Rock auf mich
hallo Mama
geschrieben mit Edding
winter is coming
geschrieben mit Kugelschreiber
ich sitze in den Pausen
mit meinem Kaffee auf der Toilette
ich blicke auf das Graffiti
Herzen Sterne
ein Alien
wo bist du in der Pause abgeblieben?
EMO passt mich am Freitag an der Garderobe ab
und schleppt mich mit in die Kantine
hoher Raum und Lärm
die Lehrer sitzen zusammen
es gibt das Tagesgericht in Plastikschalen
STAR redet laut und schaufelt das Essen in sich rein
etwas Asiatisches
es gibt auch eine Salatbar – man kann selbst auswählen und mischen
dazu fünf Sorten Dressing
kommst du an die Servietten ran?
ich kann dir sagen die letzte Unterrichtsstunde gestern
sind das Tomaten aus dem Gewächshaus?
BROM haut sich Krabbensalat auf ein Stück Schwarzbrot
ihr Mann hat ein Fischrestaurant
LUST unterrichtet Mathematik und Physik
sie schlägt ein Ei auf dem Tisch auf
EMO fragt: sind die von euren Hühnern?
ich sage nichts
ich blicke auf die Münder der anderen
und aus dem Fenster:
der Parkplatz und Bilka
STAR sagt etwas Lustiges und alle lachen
ich sitze da mit einem Birnenstängel
du schraubst den Verschluss einer Cola auf
du wickelst ein Sandwich aus
einer Alufolie
etwa fünf Kilometer von hier
mein Puls steigt wenn ich daran denke
deine Hände ums Brot
ein kleiner Speichelfaden aus deinem Mund
als du einen Bissen nimmst
*
das zweite Mal dass ich dich nackt sehe:
zwischen Büschen eines Parks
wir sind in Ringsted ausgestiegen
ich habe früh frei
du hast im Büro gesagt
du musst zu einer Sitzung
dein Körper ist weicher
als die Körper die ich gewohnt bin
aber dein Schwanz ist unglaublich hart
du ziehst meinen Finger
über dein Gesicht
und nimmst ihn in den Mund
der August beginnt zu strahlen
du hast breite Hände
schmutzige Fingernägel
du sperrst die Augen auf wenn wir uns küssen
als wärest du überrascht mich zu sehen
du hast eine Tätowierung
auf der Innenseite des Oberarms
ein kleiner Kranz mit einem Namen darin
was steht da? frage ich
und drehe deinen Arm um
Evy sagst du
das ist meine Tochter
ich habe das selbst gezeichnet
wir erschrecken beide
weil ich mich irgendwie runterbeuge
und die Tätowierung küsse
*
das dritte Mal als ich dich nackt sehe
reißt mir ein Stacheldrahtzaun
meine Stirn auf
als wir uns in einen Schuppen
für Gartenabfälle hineinzwängen
dann regnet es
Sperma Blut Sommerregen
*
was ist mit deiner Stirn?
holt eure Texte raus sage ich
die Schüler der Klasse in der ich Vertrauenslehrerin bin fragen viel:
hast du Kinder?
bist du verheiratet?
wo wohnst du?
gehst du gern aus?
hast du einen Freund?
ich sage:
ich wohne auf Amager
die Schüler chatten in den Stunden
heimlich auf Facebook
sie schmunzeln plötzlich zur selben Zeit
ich weiß nicht – wegen mir
über etwas was ich sage
meine Kleidung
ein bisschen Spucke fliegt aus meinem Mund
als ich am Pult stehe und etwas über den
Essay erzähle
ich tue so als wäre nichts
und rede weiter
während die Spucke mir
in Slow Motion durch den Kopf geht
*
hier ist kein Zutritt für Schüler
der Hausmeister steht in der Tür zum Kopierraum
ich bin Lehrerin sage ich
und zeige ihm meine Chipkarte
er schaut lange drauf
vergiss nicht hinterher aufzuräumen sagt er
*
ich verteile Begrüßungsschreiben an die Eltern
sie sitzen an den Tischen der Schüler
die Schüler sitzen auf den Fensterbänken
wem danach ist
kann sich Kaffee und Kuchen nehmen
STAR breitet die Arme aus
er ist wie ein Fisch im Wasser
er ist fünfunddreißig und hat eine Tweedjacke an
das verleiht Autorität sagte er lachend
als wir weitere Stühle holten
ich erzähle vom Bücherkeller
von Rauchervorschriften
vom Fach Dänisch
wenn die Eltern Fragen stellen
blicken sie nur auf STAR
er erzählt von der Lernberatung
der Kennenlerntour
der Aufgabenoase
oder im Volksmund:
dem Hausaufgabengefängnis
die Eltern lachen
er berichtet dann von der Klassenreise
wir fahren im November
Kolosseum
das Essen
Roms Metrosystem
die Augen
die Nasen
die unterschiedliche Art zu sitzen
ich versuche herauszubekommen welche Schüler
zu welchen Eltern gehören
ich versuche zu verstehen dass die Schüler
Kinder von jemand sind
*
erreichst du die Herzen?
meine Schwester ist mit dem Klebestift zugange
sie wohnt in Valby
sie studiert Medizin
und ist anderthalb Jahre jünger als ich
und wie weit bist du schon mit den Namen?
das geht voran sage ich
bis November brauchen wir die Tischkarten
Thomas ist Koch
er hatte den Ring in einen Teigkorb gelegt
sollen wir Brautmutter und Brautvater schreiben
oder ihre Namen? frage ich
weiß ich echt nicht
Thomas! ruft sie in Richtung Küche
nein Namen sagt sie dann
egal! ruft sie
und pult Plastikfolie von einem Goldfilzer
na und wie geht es auf dem Gymnasium?
sie fragt ohne hochzuschauen
sie steckt die Kappe hinten auf den Stift
und legt das Papier und den Kopf schräg
wie früher als Kind
es ist schwer sage ich
manchmal verstehe ich nicht
wie das passieren konnte
was?
dass ich Lehrerin von jemand bin
sie blickt hoch und lacht
das ist nicht zum Lachen sage ich
geht es dir nicht auch so
Ärztin von jemand zu sein?
nee sagt sie
so ist das eben
he! was ist mit deiner Stirn?
sie beugt sich über den Tisch
ich rücke auf dem Stuhl nach hinten
ich bin auf dem Weg zum Hauptbahnhof mit dem Rad gegen einen Ast gefahren
soll ich mir das mal ansehen?
nein schon in Ordnung
ich streiche mir den Pony zurecht
Apfelmost und Cookies sagt Thomas
und kommt mit einem Tablett ins Wohnzimmer
er verbeugt sich tief vor uns
Discovery
