Neue Reisende - Tine Høeg - E-Book

Neue Reisende E-Book

Tine Høeg

0,0

Beschreibung

Tine Høegs "Neue Reisende" – ausgezeichnet als bester dänischer Debütroman – greift in einem sensiblen Minimalismus und mit subtiler Situationskomik auf, was junge Menschen heutzutage bewegt. Schnörkellos-präzise und zugleich kunstvoll und empathisch. An ihrem ersten Arbeitstag trifft die junge Lehrerin im Pendlerzug auf einen verheirateten Mann. Sie beginnen eine Affäre, die für ihn mehr Lust als Liebe bedeutet, bei ihr hingegen löst sie Gefühlsverwirrungen aus. Dazu kommt die Überforderung im Job: Routine und das nötige Selbstvertrauen fehlen ihr. Den Schüler*innen ist sie oft näher als den Kolleg*innen. Im Unterricht und auf Klassenfahrten wird deutlich, dass sie noch lange nicht in ihrer Rolle als Lehrerin angekommen ist. Innerhalb weniger Monate schlittert die Erzählerin in einen Schlingerkurs aus Orientierungslosigkeit und Wunschfantasien, Eskapismus und Betäubung, probiert sich aus, um den für sie passenden Lebensentwurf zu finden. Unvermeidbar für die »Neue Reisende« sind dabei scheinbare Irrwege, Kratzer und Zusammenstöße.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dank an Mads, Ingrid, Louise, Amalie, Nanna, Christina, Mette, Martin und Martin© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2020 © der OriginalausgabeNye Rejsende Tine Høeg und Rosinante & Co, Kopenhagen 2017ISBN 978-3-99059-053-9Umschlag: & Co www.und-co.at © des Autorinnenfotos: Petra Kleis Satz: AD

Die Übersetzung wurde gefördert von Danish Arts Foundation

Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz

www.droschl.com

Tine Høeg

Neue Reisende

Roman

Aus dem Dänischen von Gerd Weinreich

Literaturverlag Droschl

du kannst mir nicht schreiben

ich schreibe dir

*

ich habe mir ein Pendler-Ticket gekauft

ich habe einen neuen Namen bekommen

einen Lehrernamen

zusammengesetzt aus Buchstaben

meines Vor- und Nachnamens

ich habe den Code zum Netzwerk des Gymnasiums bekommen

der jedes halbe Jahr nach einem bestimmten Prinzip geändert wird

Sommer16 Winter16 Sommer17 Winter17

man hat mich in die Systeme

eingewiesen

es ist ein Zufall

dass wir an meinem ersten Schultag

ins Gespräch kommen

ich bin so nervös und unsere Beine

berühren sich

als wir uns setzen

du bist Grafiker in einem Reisebüro

du bist auch Pendler

du bist zehn Jahre älter als ich

du bist verheiratet und hast eine Tochter

*

ich spiegele mich in einem Schaufenster

im Hauptbahnhof – Dienstag

ich kaufe zwei Becher Kaffee

und stelle mich auf die Rolltreppe

es zeigt sich

dass du dasselbe getan hast

wir steigen mit den Bechern ein

ich schenke meine beiden zwei Teenagern

die aneinandergelehnt sitzen

und müde aussehen

sie sind überrascht und freuen sich

das Blut im Körper

ein Sausen in den Ohren

als der Zug sich in Bewegung setzt

*

das erste Mal dass ich dich nackt sehe:

Zugtoilette

irgendwo zwischen Kopenhagen und Næstved

das ist für mich ganz neu

jemand so haben zu wollen

*

es fühlt sich an als hätte ich Fieber

die Schüler sehen einander ähnlich

heißen gleich

dünne Beine große Sneaker

vier Klassen in Dänisch

und Vertrauenslehrerin in einer davon

Vertrauenslehrerin

es ist warm in den Räumen

ein Geruch von Schweiß

Parfüm

Pasta und Thunfisch

von den Brotdosen der Jungen

sie essen in den Stunden

ich kenne meine eigene Stimme nicht

wenn ich am Pult stehe und rede

die Augen der Schüler

ich kratze mich an der Wange

alle Gruppen sollen einen Campingkocher mit Zubehör mitbringen

der Kollege STAR hat meinen Unterricht unterbrochen

um über die Kennenlerntour zu informieren

er unterrichtet Dänisch und Geschichte

und läuft in einem T-Shirt herum mit dem Schriftzug:

moralischer Leuchtturm

sein Bart ist dicht und gut getrimmt

ich überlege ob es ihm jemals so ging

wie mir jetzt

es ist schwer am Anfang sagt EMO

sie unterrichtet Schauspiel und Kunst

aber nach drei vier Jahren hat man es besser im Griff

Hunderte Pfauenaugen

blicken von ihrem Rock auf mich

hallo Mama

geschrieben mit Edding

winter is coming

geschrieben mit Kugelschreiber

ich sitze in den Pausen

mit meinem Kaffee auf der Toilette

ich blicke auf das Graffiti

Herzen Sterne

ein Alien

wo bist du in der Pause abgeblieben?

EMO passt mich am Freitag an der Garderobe ab

und schleppt mich mit in die Kantine

hoher Raum und Lärm

die Lehrer sitzen zusammen

es gibt das Tagesgericht in Plastikschalen

STAR redet laut und schaufelt das Essen in sich rein

etwas Asiatisches

es gibt auch eine Salatbar – man kann selbst auswählen und mischen

dazu fünf Sorten Dressing

kommst du an die Servietten ran?

ich kann dir sagen die letzte Unterrichtsstunde gestern

sind das Tomaten aus dem Gewächshaus?

BROM haut sich Krabbensalat auf ein Stück Schwarzbrot

ihr Mann hat ein Fischrestaurant

LUST unterrichtet Mathematik und Physik

sie schlägt ein Ei auf dem Tisch auf

EMO fragt: sind die von euren Hühnern?

ich sage nichts

ich blicke auf die Münder der anderen

und aus dem Fenster:

der Parkplatz und Bilka

STAR sagt etwas Lustiges und alle lachen

ich sitze da mit einem Birnenstängel

du schraubst den Verschluss einer Cola auf

du wickelst ein Sandwich aus

einer Alufolie

etwa fünf Kilometer von hier

mein Puls steigt wenn ich daran denke

deine Hände ums Brot

ein kleiner Speichelfaden aus deinem Mund

als du einen Bissen nimmst

*

das zweite Mal dass ich dich nackt sehe:

zwischen Büschen eines Parks

wir sind in Ringsted ausgestiegen

ich habe früh frei

du hast im Büro gesagt

du musst zu einer Sitzung

dein Körper ist weicher

als die Körper die ich gewohnt bin

aber dein Schwanz ist unglaublich hart

du ziehst meinen Finger

über dein Gesicht

und nimmst ihn in den Mund

der August beginnt zu strahlen

du hast breite Hände

schmutzige Fingernägel

du sperrst die Augen auf wenn wir uns küssen

als wärest du überrascht mich zu sehen

du hast eine Tätowierung

auf der Innenseite des Oberarms

ein kleiner Kranz mit einem Namen darin

was steht da? frage ich

und drehe deinen Arm um

Evy sagst du

das ist meine Tochter

ich habe das selbst gezeichnet

wir erschrecken beide

weil ich mich irgendwie runterbeuge

und die Tätowierung küsse

*

das dritte Mal als ich dich nackt sehe

reißt mir ein Stacheldrahtzaun

meine Stirn auf

als wir uns in einen Schuppen

für Gartenabfälle hineinzwängen

dann regnet es

Sperma Blut Sommerregen

*

was ist mit deiner Stirn?

holt eure Texte raus sage ich

die Schüler der Klasse in der ich Vertrauenslehrerin bin fragen viel:

hast du Kinder?

bist du verheiratet?

wo wohnst du?

gehst du gern aus?

hast du einen Freund?

ich sage:

ich wohne auf Amager

die Schüler chatten in den Stunden

heimlich auf Facebook

sie schmunzeln plötzlich zur selben Zeit

ich weiß nicht – wegen mir

über etwas was ich sage

meine Kleidung

ein bisschen Spucke fliegt aus meinem Mund

als ich am Pult stehe und etwas über den

Essay erzähle

ich tue so als wäre nichts

und rede weiter

während die Spucke mir

in Slow Motion durch den Kopf geht

*

hier ist kein Zutritt für Schüler

der Hausmeister steht in der Tür zum Kopierraum

ich bin Lehrerin sage ich

und zeige ihm meine Chipkarte

er schaut lange drauf

vergiss nicht hinterher aufzuräumen sagt er

*

ich verteile Begrüßungsschreiben an die Eltern

sie sitzen an den Tischen der Schüler

die Schüler sitzen auf den Fensterbänken

wem danach ist

kann sich Kaffee und Kuchen nehmen

STAR breitet die Arme aus

er ist wie ein Fisch im Wasser

er ist fünfunddreißig und hat eine Tweedjacke an

das verleiht Autorität sagte er lachend

als wir weitere Stühle holten

ich erzähle vom Bücherkeller

von Rauchervorschriften

vom Fach Dänisch

wenn die Eltern Fragen stellen

blicken sie nur auf STAR

er erzählt von der Lernberatung

der Kennenlerntour

der Aufgabenoase

oder im Volksmund:

dem Hausaufgabengefängnis

die Eltern lachen

er berichtet dann von der Klassenreise

wir fahren im November

Kolosseum

das Essen

Roms Metrosystem

die Augen

die Nasen

die unterschiedliche Art zu sitzen

ich versuche herauszubekommen welche Schüler

zu welchen Eltern gehören

ich versuche zu verstehen dass die Schüler

Kinder von jemand sind

*

erreichst du die Herzen?

meine Schwester ist mit dem Klebestift zugange

sie wohnt in Valby

sie studiert Medizin

und ist anderthalb Jahre jünger als ich

und wie weit bist du schon mit den Namen?

das geht voran sage ich

bis November brauchen wir die Tischkarten

Thomas ist Koch

er hatte den Ring in einen Teigkorb gelegt

sollen wir Brautmutter und Brautvater schreiben

oder ihre Namen? frage ich

weiß ich echt nicht

Thomas! ruft sie in Richtung Küche

nein Namen sagt sie dann

egal! ruft sie

und pult Plastikfolie von einem Goldfilzer

na und wie geht es auf dem Gymnasium?

sie fragt ohne hochzuschauen

sie steckt die Kappe hinten auf den Stift

und legt das Papier und den Kopf schräg

wie früher als Kind

es ist schwer sage ich

manchmal verstehe ich nicht

wie das passieren konnte

was?

dass ich Lehrerin von jemand bin

sie blickt hoch und lacht

das ist nicht zum Lachen sage ich

geht es dir nicht auch so

Ärztin von jemand zu sein?

nee sagt sie

so ist das eben

he! was ist mit deiner Stirn?

sie beugt sich über den Tisch

ich rücke auf dem Stuhl nach hinten

ich bin auf dem Weg zum Hauptbahnhof mit dem Rad gegen einen Ast gefahren

soll ich mir das mal ansehen?

nein schon in Ordnung

ich streiche mir den Pony zurecht

Apfelmost und Cookies sagt Thomas

und kommt mit einem Tablett ins Wohnzimmer

er verbeugt sich tief vor uns

Discovery