Tour de Chambre - Tine Høeg - E-Book

Tour de Chambre E-Book

Tine Høeg

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Beschreibung

Ein Roman über Freundschaft, Liebe und Tod – und über den Wunsch zu schreiben und zu schaffen. Wie aus dem Nichts erhält Asta eine Einladung zu Augusts Gedenkfeier. Es ist mittlerweile zehn Jahre her, dass er gestorben ist. Damals wohnten Asta, ihre beste Freundin Mai, August und einige andere im selben Studentenwohnheim. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, unterstützten sich gegenseitig, feierten Partys und unternahmen alles, was das Student*innenleben so hergibt, gemeinsam. August war bis zu seinem plötzlichen Tod mit Mai zusammen, und mit Asta teilte er die Liebe zur Poesie. Jetzt schreibt die 33-jährige Asta an ihrem zweiten Roman, aber die Einladung bringt alles durcheinander und wirft sie komplett aus der Bahn. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen; Partys, Sehnsüchte und Zweifel werden zum Leben wiedererweckt. Asta irrlichtert nicht nur zwischen den Zeiten, sondern auch zwischen der Realität und den Seiten ihres neuen Buchprojekts – und eine Sache taucht an die Oberfläche, die Asta Mai niemals hat sagen können …

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Tine Høeg

Tour de Chambre

Roman

Aus dem Dänischen von Gerd Weinreich

Literaturverlag Droschl

Für meinen besten Freund

Ich bekomme eine Einladung zu einer Gedenkfeier am 29. Juni im Blomsten

heute morgen oder heute Morgen?

 

sorry, weiß ja du schreibst

 

ich stör nicht mehr

wann kommst du uns wieder besuchen?

 

Bertram vermisst dich

dein Date, war das heute?

Dein Freund ist ein Schuft weil er zu spät kommt

 

zwei alte Männer spielen Billard,

der eine hat sich vor mir aufgebaut

 

naah sage ich

 

er ist nicht mein Freund

 

ich sitze auf einer hohen Bank an der Wand,

ich habe zwei Bier gekauft und meins fast ausgetrunken

 

dann ist er nicht nur ein Schuft sondern auch ein Idiot. Prost

 

prost sage ich

 

er bleibt stehen

 

du siehst verdammt hübsch aus,

 

er lächelt

 

ein kleines Haarbüschel steht mitten auf seinem Kopf merkwürdig hoch

 

man lässt doch nicht so eine hübsche Dame warten

 

ich lächle zurück

 

es irritiert mich dass ich mit den Füßen nicht bis zum Boden reiche

 

Jørn, ruft der andere

 

du bist dran!

 

sie versuchen mich mit ihrem Spiel zu beeindrucken,

messen Abstände, kreiden eifrig ihre Queues

 

aus den Lautsprechern ertönt Wrecking Ball

und in der Ecke ist ein Tisch mit sehr jungen Leuten,

vielleicht Schüler einer Nachschule, sie würfeln und

singen mit. Über der Theke hängt Weihnachtsschmuck

 

es ist Ende April,

ich bin gerade dreiunddreißig geworden

 

dritte Phase der Jugend

 

das habe ich irgendwo gelesen

 

ich trinke aus und überlege

ob ich das andere Bier nicht auch trinken soll

 

dann kommt er

 

in einer viel zu dicken Jacke, er hat trockene Hände

 

wir haben uns über Tinder kennengelernt,

er ist Dokumentarfilmer

 

lieber Schatten als Sonne, lieber Burroughs

als »Das große Backen« und ich habe mehr Bücher gelesen

als die meisten hatte er in seinem Profil stehen

 

schrecklich

 

aber dann war da ein Foto

auf dem er auf dem einen Auge etwas schielt

 

junger Mann,

 

Jørn ist sofort da und zeigt mit seinem Bier auf ihn

 

und ich bin amüsiert

 

denn der Dokumentarfilmer

ist dreiundvierzig und geschieden und hat zwei Kinder

 

du bist einfach schlecht erzogen

 

der Dokumentarfilmer scheint verwirrt

 

man lässt so eine süße Maus nicht warten

 

ich lache laut und irgendwie fremd

und fühle mich plötzlich unwiderstehlich

 

und ich springe runter von der Bank

und möchte am liebsten alles hochfahren,

die Musik, meine Gefühle, ihn küssen,

reihenweise Shots kaufen, etwas zum Leuchten bringen

 

aber dann später

 

nach stundenlangem trägem Dialog,

 

ich frage und frage

 

und wenn ich rede lässt er den Blick gleiten

und fokussiert auf etwas irgendwo hinter mir

dass ich Lust bekomme mich umzudrehen und nachzusehen

was dort ist,

 

legt er das eine Bein über das andere und sieht mich an

 

und was ist mit Kindern?

 

ich trinke einen Schluck von dem Bier das er gekauft hat

 

es ist Weißbier

 

ich mag kein Weißbier,

das schmeckt eklig und gegoren

 

wie meinst du das?

 

na ja, hast du schon mal drüber nachgedacht?

 

ich trinke noch einen Schluck

 

willst du Kinder?

 

ja

 

die Nachschüler brüllen vor Lachen, irgendeiner

hat etwas Lustiges gesagt, die Billardspieler sind gegangen,

der Barkeeper blinkt mit dem Licht

 

oder nein

 

letzte Runde!

 

ich rutsche auf meinem Stuhl nach hinten

 

vielleicht

 

okay sagt er und nimmt eine Handvoll Erdnüsse

denn ich will einfach ehrlich zu dir sein

 

ich habe die Kinder bekommen die ich wollte,

 

er schüttet sie alle auf einmal in den Mund

 

also das ist einfach keine Perspektive

 

er kaut und kaut

 

für mich

 

ein Kind mit dir zu kriegen

Ich bin Schriftstellerin

 

ich schreibe an meinem zweiten Buch

 

ein Roman über den polnischen Porträtkünstler Lysander Milo

 

ich sitze mit Ohrenstöpseln am Computer,

die Wohnung nebenan wird gerade komplett renoviert

 

Milo arbeitete in einer Zementfabrik

 

in Bydgoszcz in den 1960ern

 

eines Tages verschwand er, dreiundzwanzig Jahre alt

und in einem großen Kellerraum fand man über

hundert Büsten aus Zement, in aller Heimlichkeit geformt,

sie stellen einen Teil der Angestellten der Fabrik dar

 

ein paar Jahre später tauchte Milo in Warschau auf

 

er hatte einen Riesendurchbruch

bevor er für immer verschwand

 

Bydgoszcz

 

wie spricht man das eigentlich aus?

 

ich massiere meine Schläfen

 

die Handwerker sind seit drei Wochen zugange,

schon frühmorgens stampfen sie

mit ihren Sicherheitsschuhen die Treppen rauf

 

Sweet Dreams Are Made of This

 

und dazu ein Radio auf volle Lautstärke gedreht, heute bohren sie irgendwas

 

ich blättere im Ausstellungskatalog mit den Büsten

 

die sind unheimlich schön

 

ich sah sie letzten Winter zufällig im KdW in Berlin und

war sehr begeistert. Die Gesichter sind grob und vereinfacht

 

gleichzeitig aber unergründlich

 

voller Seele

 

ich könnte sie ewig betrachten

 

lebende Menschen aus Zement

 

sie sehen mich genauso eindringlich an wie ich sie

 

ich hole tief Luft,

 

das Bohrgeräusch wird lauter

 

der Kaffee in meiner Tasse bewegt sich ein bisschen

Ich besuche Mai fast jeden Tag

 

aber erzähl ein bisschen mehr von deinem Date sagt sie

 

wir sitzen auf dem Sofa und sehen Peppa Wutz, Bertram sitzt zwischen uns

 

sie wohnt allein mit ihm

 

die Wohnung riecht nach Spülmittel

 

sie ist ein einziges Durcheinander

 

warum lief es nicht, war er hässlich?

 

nee

 

was dann?

 

ich hasse Dates sage ich,

ich bin dann innerlich eiskalt, ich habe übrigens

etwas Bolognese in die Gefriertruhe gestellt

 

du bist ein Engel sagt Mai, habt ihr euch geküsst?

 

nein

 

gevögelt?

 

nein nein

 

oh je wie langweilig, sie sucht ihr Telefon,

wie spät ist es, willst du mit uns essen?

 

ich bin eigentlich schon weg sage ich

 

ich muss nach Hause und schreiben solange es dort ruhig ist

 

über den Betonkünstler?

 

das ist Zement sage ich

 

wann bist du damit fertig?

 

das weiß ich nicht. Das dauert

 

deine Frage nervt, Mai

 

dann wird ordentlich gefeiert!

 

sie bewegt Bertrams Arme als würde er tanzen,

er schaut nicht weg vom Fernseher

 

und heute Abend gibt es Pizza,

 

sie küsst ihn aufs Haar

 

weil deine Mama faul ist, kannst du Pizza sagen?

 

ich rede zu wenig mit ihm sagt sie,

man soll ja die ganze Zeit reden

 

einfach ständig

 

damit er einen Riesenwortschatz bekommt

 

und Singspiele spielen damit er ein Rhythmusgefühl bekommt

 

er ist nicht mal zwei sage ich

er hat einfach keine Lust Dinge auf Kommando zu sagen

 

und wir lesen ihm ganz viel vor

 

du liest ihm vor sagt sie

 

Bertram legt seine pummelige Hand auf meinen Schenkel

 

Asta muss jetzt nach Hause sagt Mai,

 

kannst du Asta sagen?

Asta?

 

ich treffe Hannibal aus meinem alten Studentenwohnheim

am Ende der Holmbladsgade

 

ist ja lustig sagt er

 

verdammt lange her,

wohnst du jetzt hier draußen?

 

seine Akne ist weg, ansonsten ist er wie immer

 

ach ja zum Teufel, Glückwunsch,

 

er schlägt mir auf die Schulter. Zu deinem Buch!

ich habe dich in allen möglichen Zeitungen gesehen, hatte keine Ahnung

dass du schreibst, hast du damals auch schon geschrieben?

 

naja sage ich und zeige

 

was hast du da in der Tasche?

 

ach das ist so ein Windeleimer,

 

er kratzt sich unter der Mütze

 

ich werde Vater

 

im September, das ist total verrückt

 

Putzgewebe anbringen

 

Stahlträger und Brandschutzisolierung

 

er redet lange und voll begeistert, seine Freundin

ist Hebamme, es lag also auf der Hand, sie haben gerade

eine Wand rausgerissen, das ist eine Wissenschaft für sich

 

und wie sieht es mit dir aus was das betrifft?

 

weniger sage ich

 

aber das ist ganz in Ordnung

 

das ist nicht gerade das was mich beschäftigt

 

klar sagt er

 

du hast bestimmt genug andere spannende Sachen um die Ohren,

ach! kommst du übrigens ins Blomsten?

 

ich kann leider nicht

 

schade. Und Mai?

 

sie hat auch irgendwas vor sage ich

 

na

 

ja,

 

er hebt die Tasche hoch und lächelt

 

ich seh mal zu dass ich mit dem hier nach Hause komme

Pierre 41, Lehrer

sitzt auf einem Einrad

 

Karl-Kristian 39, Schlachter

umarmt seine Mutter

 

Søren 37, Lebenskünstler und Berater

 

ich habe den ganzen Abend geswipet,

ich sollte lieber an meinem Roman schreiben

 

aber ich mache immer weiter

 

Sebastian 42, selbstständig

macht Seitstütz am Wasser

 

Lasse 36, verspielter Sportmasseur

 

Marco 44, Optiker. Kein Anal

 

no anal, pas d’anal, geen anale

sem anal, brez anal

 

ich pfeffere mein Handy weg, empfinde Ekel

 

vor der ganzen Menschheit

 

ich hole das Handy wieder und lösche Tinder

 

ich könnte weinen

oder jemanden beschimpfen

 

aber ich weiß nicht wen

schläfst du?

 

noch nicht

 

hast du die Einladung gesehen

 

warum hast du nichts gesagt?

 

was für eine Einladung?

 

von Sif. Auf Facebook

 

habe ich nicht gesehen

 

zu was lädt sie ein?

 

Gedenkfeier

für August im Blomsten

weil es zehn Jahre her ist

 

wir alle aus der Küche

 

bist du noch da?

Anfangs glaubte ich oft ich hätte ihn gesehen

 

Mai richtet das Verdeck

 

in Føtex zum Beispiel oder

mit dem Rad auf der Knippelsbro, scheint

ihm die Sonne ins Gesicht?

 

alles in Ordnung sage ich

 

das könnte an den Haaren liegen

 

oder an der Schulter sagt sie

 

an der Art sich zu bewegen

 

wir spazieren auf dem Bispebjerg Friedhof

 

um Bertram die Kirschbäume zu zeigen,

sie blühen. Er schläft wie ein Stein

 

weißt du noch damals im IKEA,

 

Mai zieht an ihrer E-Zigarette

 

als es plötzlich nach seinem Parfüm roch?

 

ja sage ich

 

so ein bisschen nach Harz sagt sie

 

wir schweigen eine Weile

 

ich finde du musst damit

aufpassen sage ich dann

 

und nicht immer wieder diese Tür öffnen

 

was stand da noch?

 

wo?

 

na an der Küchentür sagt sie,

 

diese Zeitungsausschnitte

 

daran kann ich mich nicht erinnern

 

doch das kannst du sagt sie. Du kannst dich an alles erinnern

 

sind hier Mutter und Tochter unterwegs?

 

ein verwahrloster Mann auf einer Bank lächelt uns zu

 

nein lacht Mai

 

doch sagt der Mann, er hat rote Hände,

er fummelt an einer Plastiktüte

 

wir sind Freundinnen sage ich

 

nein sagt er plötzlich mit scharfer Stimme

 

das ist die Mutter mit den Augen

und die Tochter mit den Haaren

und das Enkelkind im Wagen

 

das sind Mutter und Tochter sagt er

 

und noch einmal, lauter:

 

das sind Mutter und Tochter

 

er steht auf, jetzt ist er wütend

 

Mutter und Tochter!

 

wir gehen schneller, ich blicke über meine Schulter,

er schwingt die Tüte im Kreis über seinem Kopf

 

wir fangen an zu laufen

 

Mutter und Tochter ruft er

 

und das Enkelkind im Wagen!

Golonka, babki

 

ich habe gute Laune,

 

ich google polnisches Essen

 

und habe einen Gehörschutz bestellt

der für Leute auf Bohrplattformen gedacht ist

 

kapusta, piernik

 

ein Schlaraffenland voll schöner Wörter!

 

sernik ist ein Käsekuchen, kluski eine Art Mehlkloß

 

ich schiele auf die Uhr

 

ich soll heute Nachmittag als Gast in einer Fernsehsendung

über Bücher auftreten. Vorher möchte ich gern noch eine Passage abschließen,

in der es ums zweite Frühstück in der Zementfabrik geht

 

vier Stunden später stehe ich vor dem Spiegel

 

wütend und deprimiert

 

ich habe es jetzt unglaublich eilig

 

ich habe fettiges Haar und Hausschuhe an, ich habe mich in Rezepten

und Essenstraditionen verloren, ich habe nur eine Zeile geschrieben:

 

es sind keine kluski in der klaren Suppe

 

ich schaffe es nicht rechtzeitig zum Studio von Danmarks Radio,

das ist völlig unrealistisch

 

ich muss anrufen und sagen dass ich krank bin

 

es sind keine kluski in der klaren Suppe

 

das kann ich ja dem Publikum vorlesen

 

ein abgebrochener Zahn, es muss etwas Akutes sein

 

ein Magen-Darm-Infekt

 

damit wollen sich die Leute nicht anstecken

Und du hast es offenbar schon selbst probiert wie ich sehe

 

die Maskenbildnerin umfasst mein Kinn

 

ich versuche zu lächeln, mein Rücken ist schweißnass

ich bin mit dem Rad gerast und habe Believe

von Cher gehört um mich zu pushen

 

sie betrachtet kritisch mein Gesicht

 

dann seufzt sie tief

 

na ja all right, sie dreht sich um

und wühlt in einer Schublade mit Pinseln

 

wir packen da einfach was drauf

 

und du bist wohl gerade mit was Neuem beschäftigt?

 

die Maskenbildnerin rollt ein Stück mit ihrem Stuhl,

man hat mir eine Art Umhang umgelegt

 

dein erstes habe ich wirklich geliebt,

 

sie zieht den Stöpsel von einem flüssigen Eyeliner

 

aber am Ende war es ein Jammer

für sie, wird das die Fortsetzung?

 

nicht wirklich, ich räuspere mich

 

ich beschäftige mich gerade mit einem polnischen Porträtkünstler

 

okay sagt sie, halt den Kopf still

 

aus den 1960ern

 

okay sagt sie wieder. Schau nach unten

 

ist das nicht etwas anstrengend?

 

überhaupt nicht sage ich

 

eigentlich ist es eine sehr dankbare Arbeit,

man bekommt ja eine Menge Stoff geschenkt

 

über Polen. Und den Zeitraum

 

und über Zement

 

sie runzelt die Stirn

 

also er fing an mit Zement zu arbeiten

 

aha sagt sie. Schau nach oben

 

und dann ist es eine Riesenbefreiung

über jemand anderen zu schreiben sage ich

 

ganz und gar aus dem eigenen Kopf auszuziehen

 

ich bin schön als sie fertig ist

ich sehe mir gar nicht ähnlich

 

bei meiner Gynäkologin ist zum Beispiel immer der Nagellack abgeblättert

 

sage ich kurze Zeit später zum Moderator,

 

wir sitzen auf Designerstühlen und sprechen darüber

wie man als Autorin Details für spätere Verwendung

sammelt und aufbewahrt

 

das Publikum lacht, die Kamera fährt

 

jetzt möchte ich überhaupt nicht wieder runter von der Bühne

 

aber in Wirklichkeit ist es Mais Gynäkologin

 

das hat sie mir erzählt

ich kann Bertrams Geruch nicht ausstehen

 

nachmittags

wenn wir nach Hause kommen

 

dieser spezielle Geruch

in öffentlichen Einrichtungen

 

der erinnert mich an damals

als ich mein Praktikum in Tårnby machte

 

Die Zeitmaschine

 

stell dir vor ich wäre Erzieherin geworden

 

hieß die Kita nicht so?

 

da wo du gearbeitet hast

 

ja

 

wer denkt sich so was aus?

Ich bin ins Café geflüchtet um in Ruhe zu arbeiten

 

neben mir sitzt ein Typ

der sich einen Film über fliegende Autos ansieht

 

das stört gewaltig

 

ich scrolle durch mein Manuskript

 

ich habe nur sieben Seiten eigentlichen Text

 

aber vierundzwanzig Seiten

über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Polen,

eine Mappe über Zement plus Essays

und Analysen von Milos Porträts

 

ich beschäftige mich intensiv mit einer Büste von einem älteren Mann

 

mit tief liegenden Augen

und einem Blick aus dem ich nicht schlau werde,

er gleitet hin und her

zwischen melancholisch und schalkhaft

 

wie kann man aus Zement solch ein Gesicht erschaffen?

 

die Eleganz in den groben Zügen

 

ich google mein altes Studentenwohnheim,

es ist eine plötzliche Eingebung

 

das Gebäude sieht aus wie immer

 

es geht mir ein Stich durchs Herz

 

der Typ mit den Autos isst unglaublich langsam

 

Cappuccinoschaum mit einem Teelöffel

Geht es mit deinem Buch voran?

 

wir nehmen ein paar Drinks

 

wir kennen uns von einem Schreibkurs,

Monicas erste Gedichtsammlung wurde gerade angenommen

und sie hat Sørensen aus ihrem Namen getilgt

 

die Gedichtsammlung heißt Methusalem, Methusalem

 

ich möchte lieber mehr von deinem hören

sage ich und schlürfe meinen Mojito

 

wann erscheint es?

 

also wir denken im Oktober,

 

sie lächelt und dreht an ihrem Lippenstift

aber es kommt darauf an wie lange das

mit dem Umschlag dauert, ich bin in Kontakt mit einem Kunstfotografen

der sehr auf Heidekraut steht. Hallo,

 

sie wedelt vor meinem Gesicht

 

hörst du zu?

 

entschuldige sage ich

 

ich glaube ich kenne den dort drüben

 

wo?

 

hinter dir. Nicht hinschauen

 

sie dreht sich mit ihrem Glas um

 

der Große?

 

ja

 

wer ist das?

 

einer den ich mal kannte

 

einer aus meinem alten Studentenwohnheim

 

die sitzen ganz schön dicht zusammen sagt Monica

 

weil er so leise spricht sage ich

 

er heißt Niels Kitzler

 

sie zieht eine Augenbraue hoch

 

so kann man doch nicht heißen

 

kurz darauf verlässt er die Bar mit einer jungen Frau mit lockigem Haar

 

er sieht mich nicht

Es ist bald so weit, Asta

 

meine Mutter ruft mich an, ihre Stimme ist schwach

 

meine Tante war schon lange krank

 

plötzlich ging es ganz schnell

 

ich gehe mit dem Telefon im Kreis,

ich öffne alle Fenster der Wohnung