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Beschreibung

Lange erzählten Historiker der Bundesrepublik Geschichten von wachsendem Wohlstand, Modernisierung, erlernter Liberalität und stabiler Demokratie. Deutschland schien »im Westen« angekommen. Die Herausforderungen der Gegenwart aber verändern unseren Blick auf die jüngere Vergangenheit: Klimawandel, neuer Nationalismus, Ungleichheit und zunehmende Gewalt im politischen Alltag führen vor Augen, was mit diesen Geschichten nicht stimmte – und was sie nicht erzählten. Mit Blick auf zentrale Themen der Zeitgeschichte präsentieren renommierte Historiker:innen in diesem Band neue Perspektiven auf die bundesdeutsche Geschichte seit 1945.

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Seitenzahl: 864

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Titel

3Neue Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik

Herausgegeben von Claudia C. Gatzka und Sonja Levsen

Suhrkamp

Impressum

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Wir danken der Fritz Thyssen Stiftung für die großzügige Förderung der Tagung, aus der dieser Band hervorgegangen ist.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2487.

Originalausgabe© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus und Rolf Staudt

eISBN 978-3-518-78396-2

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Claudia C. Gatzka und Sonja Levsen

:

Sehepunkte im Wandel: Die Bundesrepublik und ihre Geschichten

1. Keine Bilanz

2. Krisen erklären nicht alles. Zum Verlust der Meistererzählung über die Bundesrepublik

3. Sehepunkte und ihre Koordinaten. Zu den möglichen und wandelbaren Blickachsen auf die Geschichte der Bundesrepublik

4. Die Ausweitung des Politischen: Schluss

Camilo Erlichman

:

Besatzungszeit

1. Besatzung als Übergang: Krise und Normalität

2. Besatzung als Wandlung: Demokratisierung und Elitenreproduktion

3. Besatzung als Verflechtung: Provinzialisierung und Transnationalisierung

4. Die Ambivalenz der Transformation

Nadja Klopprogge

:

›Race‹

1. Schweigen in Geschichte und Geschichtswissenschaft

2. Schweigen brechen: Historiographie transatlantisch

3. »Besatzungskinder« und »Brown Babies«

4. Die

color-line

5. Integration

6.

Race

und Sichtbarkeit

7. Schluss

Simone Derix

:

Vergangenheit

1. Die Suche nach dem Begriff

2. Modi des

Vergangenheitshandelns

3. Ausblendungen, Asymmetrien und Ambiguitäten

Dominik Rigoll

:

Der Nationalismus und die Rechte

1. Nationalismen identifizieren

2. Nationalismus analysieren

3. Schluss

Lauren Stokes

:

Migration

1. Migrationgeschichte in der alten Bundesrepublik

2. Die »Wende« in der Migrationsgeschichte

3. Die Etablierung der Migrationsgeschichte als zeitgeschichtliche Disziplin

4. Migrationsgeschichte in der jüngsten politischen Debatte

5. Schluss

Jane Freeland

:

Gender

1. Gender und Demokratie

2. Periodisierung und Akteure des Wandels

3. Teilung und Wiedervereinigung

4. Fazit: Patriarchale Strukturen und der lange Weg zur Gleichstellung

Benno Gammerl

:

›Queer‹

1. Zweifel an der Erfolgsgeschichte

2. Normalisierung: eine weniger rosarote Alternativerzählung?

3. Andernorts: breitere Perspektivierungen

4. Schluss: Diversifizierungen

Isabel Heinemann

:

Privat – öffentlich

1. Privat – öffentlich/politisch: Definitionen und geschlechterhistorische Forschungen

2. Zugänge der Zeitgeschichte zu Privatheit und Öffentlichkeit: Das Private in Nationalsozialismus, Demokratie, Sozialstaat

3. Untersuchungsfelder einer Zeitgeschichte von Öffentlichkeit und Privatheit

4. Fazit: »Das Private ist politisch« – neue Blicke auf die Bundesrepublik

Sonja Levsen

:

Gewalt

1. Gewalt in der Vergangenheit, im Außen und als Irrweg?

2. Zyklen, Kontinuitäten, Entwicklungen?

3. Fazit

Felix Römer

:

Soziale Ungleichheit

1. Soziale Ungleichheit in historischen Narrativen

2. Kulturhistorische und interdisziplinäre Sehepunkte seit den 2010er Jahren

Winfried Süß

:

Arbeit

1. Arbeit als zeithistorisches Forschungsfeld

2. Bundesdeutsche Arbeitswelten im Wandel

3. Arbeitswelten in der Historiographie der Bundesrepublik

4. Der Impuls der Gegenwart und Irritationen von außen: neue Perspektiven auf die Zeitgeschichte der Arbeit

5. Offene Fragen, ertragreiche Forschungsfelder

Roman Köster

:

Umwelt

1. Gefährdungen

2. Umweltdiskurse

3. Politikwenden

4. Umwelt und die Zeitgeschichte der Bundesrepublik

Rüdiger Graf

:

Energie und Klimawandel

Sina Fabian

:

Autofahren

1. Das Auto als Symbol der Bundesrepublik

2. Autofahren jenseits der Meistererzählung

3. Autofahren in der Nachkriegszeit – individuelle Freiheit und erste Bedenken

4. Herausforderungen und Konsolidierungen in den 1970er Jahren

5. »Autos töten Wälder« – Enden, Wenden, Kontinuitäten in den 1980er Jahren

6. Ausblick

Frank Bösch

:

Global

1. Die Verschiebung historiographischer Sehepunkte

2. Menschen in Bewegung: Mobilität als Konzept

3. Weltmeister: Kompetitive Wahrnehmungen

4. Strukturen globaler Verflechtungen

5. Fazit

David Spreen

:

Linke

1. Die Geschichte der Sozialdemokratie und die Verwestlichung

2. Die Neue Linke und die Demokratie

3. Die Frage des Transnationalismus

4. Nach der Neuen Linken: Frieden, Umwelt und der Aufschwung der Grünen

5. Geschichte der Linken als Geschichte der Republik

6. Schluss

Marcus Böick

:

Ost – West

1. Ost-West-Verhältnisse vor 1990: Abgrenzung, Abwendung, Asymmetrie

2. 1989/90 und die Formierung des Ost-West-Gegensatzes: 1848, 1871-1990?

3. Zeithistorische Orientierungssuchen oder: der Westen ohne den Osten?

4. Das Reden über den Osten: Sozialfiguren und Rahmungen der »Vereinigungsgesellschaft«

5. Schluss

Kerstin Brückweh

:

Wohnen

1. Schlaglichter auf die Geschichte des Wohnens in der Bundesrepublik bis zum Beitritt der

DDR

2. Geschichtswissenschaftliche Abneigung gegenüber Meistererzählungen und sozialwissenschaftliche »Big History« – Forschungsstand

3. Unvorbereitet in die 1990er und der Rückgriff auf althergebrachte westdeutsche Erklärungen

4. Wohneigentum ist mehr als die Verzeichnung im Grundbuch

5. Die Geschichte des Wohnens vom Sehepunkt 2025 aus erforschen

Franka Maubach

:

Vereinigungsgesellschaft

1. Ausgangsbeobachtung

2. Kategorien der Desintegration. Zeit, Raum, Relation

3. Zentrum der Vereinigungsgesellschaft. Nationale Raumrepräsentation in Berlin

4. Die Vereinigungsgesellschaft an der Peripherie. Rechte Raumnahmen, Angsträume

5. Bewegte Vereinigungsgesellschaft. Mobilität, Migration, Zivilgesellschaft

6. Schluss

Claudia C. Gatzka

:

Demokratie

1. Lernen: Der bundesrepublikanische Modus, Demokratie zu sein

2. Westlich: Die westdeutsche Demokratisierungserzählung nach der Wiedervereinigung

3. Keine Heilsgeschichte: Die Bundesrepublik 1.0 und die latente Krise der Repräsentation

4. Ausblick: Das demokratiepolitische Erbe für die Bundesrepublik 2.0

Hinweise zu den Autorinnen und Autoren

Fußnoten

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Claudia C. Gatzka und Sonja Levsen

Sehepunkte im Wandel: Die Bundesrepublik und ihre Geschichten

Als Historiker begannen, die Geschichte der Bundesrepublik zwischen zwei Buchdeckel zu pressen (ein zu der Zeit sehr männlich geprägtes Unterfangen), war das Telos der Erfolg. Anfangs, in den 1980er Jahren, in einer Zeit polarisierter Debatten um eine konservative »Tendenzwende« in Politik, Kultur und Gesellschaft, drangen Zeithistoriker zunächst auf die Anerkennung der Bundesrepublik als positives Kapitel deutscher Geschichte. Wenig später, nach der Wiedervereinigung, verbrieften neue Synthesen einem deutschen wie internationalen Lesepublikum durchaus euphorisch, dass sich die Bundesrepublik als das vielleicht beste Kapitel deutscher Geschichte entpuppt habe. Politisch habe sie die Fähigkeit unter Beweis gestellt, eine stabile Demokratie aufzubauen und in Staat und Gesellschaft zu verankern, obwohl sie mit der Hypothek unzähliger »NS-Belasteter« zu leben hatte. Wirtschaftlich habe sie lange die im europäischen Vergleich höchsten Wachstumsraten hervorgebracht und so ersehnte Wohlstandsgewinne für alle Westdeutschen generiert, die sich auf das Leistungsprinzip einließen. Hatten letztlich nicht auch die DDR-Bürger:innen zunächst per Fuß und dann durch die Revolution von 1989 für die Teilhabe am »Modell Bundesrepublik« optiert? Sozialpolitisch galt sie als Modell für den modernen Wohlfahrtsstaat, der trotz seiner Krisendebatten doch als historische Errungenschaft gefeiert werden konnte. Kulturell schließlich schien sie dem Nationalismus zugunsten einer postnationalen Selbstdefinition entsagt und ihren Bürger:innen den vermeintlichen autoritären Habitus alter Zeiten im Zuge von Lern- und Liberalisierungsprozessen weitgehend aberzogen zu haben.

Diese Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik ist inzwischen häufig kritisiert worden. Sie missachte, so lauteten frühe Einwände, Ost-West-Verflechtungen zugunsten von Kontrastnarrativen, reflektiere zu wenig über die Kriterien des »Erfolgs«, überbetone den Wandel hin zur Liberalität und vernachlässige NS-Kontinuitäten, blende persistierende Ungleichheiten der Geschlechter aus 8oder übersehe die Erfahrungen von Angst und Bedrohung.[1]  Es gehört zum Bilanzieren in der Geschichtswissenschaft dazu, sich über die Kriterien uneins zu sein, die den »Erfolg« eines bestimmten Staatswesens, einer gesellschaftlichen Konfiguration oder einer ganzen historischen Epoche ausmachen. Demnach wäre es billig, der älteren Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik heute, angesichts einer veränderten politischen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Großwetterlage, nun eine Art Misserfolgsgeschichte entgegenzusetzen oder lediglich die Erfolgsgeschichte falsifizieren zu wollen. Das allerdings ist nicht das Vorhaben des vorliegenden Bandes. Vielmehr geht es uns darum zu fragen, welche gegenwärtigen Sehepunkte neue Geschichten der Bundesrepublik und ihrer Epoche ermöglichen – und wie diese Geschichten sich in ein größeres Bild einfügen.

1. Keine Bilanz

Dieses Vorhaben geht nicht zuletzt auf die Beobachtung einer wachsenden Kluft zurück: In den vergangenen Jahren entstand dank einer ausgesprochen dynamischen Forschung umfangreiches neues empirisches Wissen zu vielen Einzelfeldern bundesrepublikanischer Geschichte, ohne dass jedoch die zentralen Deutungen »der« Bundesrepublik aus den 1990er und 2000er Jahren an Prominenz verloren hätten. Die Zeitgeschichte begann, andere Fragen zu stellen, neue Methoden zu wählen, weiblichen und migrantischen Akteur:innen Raum zu geben, neue Quellen – von Tagebüchern über bislang nicht zugängliches amtliches Material bis hin zu Bürgerbriefen – zu erschließen und mit unterschiedlichen 9Untersuchungsräumen jenseits des Nationalstaats, mit Vergleichen, transnationalen Perspektiven, deutsch-deutschen Geschichten oder globalen Erweiterungen zu operieren. Sie erforschte die bundesrepublikanische Vergangenheit so von neuen Sehepunkten aus und regte vielfach an, Meistererzählungen in Frage zu stellen. Ein themen- und forschungsfeldübergreifendes Gespräch darüber, wie die Geschichte »der« Bundesrepublik künftig zu erzählen sein könnte, ist jedoch bisher ausgeblieben.[2] 

Trotz oder auch wegen eines beachtlichen Bergs an verfügbarem Wissen und einer Vielzahl neuer Interpretationsvorschläge gibt es keine großen neuen Debatten über die bundesrepublikanische Geschichte – ganz im Gegensatz etwa zur auch öffentlich in den letzten Jahren noch einmal kontrovers verhandelten Geschichte des Kaiserreichs. Viele Erkenntnisse und Thesen wurden jenseits der thematischen Teilfelder, zu denen sie beitrugen, kaum rezipiert; noch seltener wurden sie breit diskutiert. Ein immer wieder aufblitzendes Revisionspotenzial für die großen Linien einer Geschichte der Bundesrepublik blieb ohne Folgen. Immer noch üben die Narrative und Begriffe der Liberalisierung, Demokratisierung und »Ankunft« im Westen trotz häufig geübter Kritik eine starke Wirkung aus. Kein Buch zur Bundesrepublik kommt an ihnen vorbei, und sei es in kritischer Bezugnahme. Das verweist zunächst darauf, wie wichtig solche Interpretationsangebote sind. Breit geteilt wird aber inzwischen die Überzeugung, dass es Zeit ist für einen Kontrapunkt, für einen Aufbruch zu neuen Ufern.[3] 

Der 75.Jahrestag von Bundesrepublik und Grundgesetz schien uns daher eine passende Gelegenheit, den Wandel der Sichtachsen auf die bundesrepublikanische Geschichte und damit auch die 10Erzählungen über die jüngste Vergangenheit und ihr Verhältnis zur Gegenwart ins Gespräch zu bringen.[4]  Nun wurde 1949 nicht nur die Bundesrepublik gegründet, sondern auch die DDR. Nicht wenige Zeithistoriker:innen haben in den vergangenen Jahren argumentiert, dass eine deutsche Zeitgeschichte nach 1945 stets als deutsch-deutsche Zeitgeschichte geschrieben und verstanden werden müsse. Das war und ist eine gerechtfertigte Kritik an der älteren bundesrepublikanischen Geschichte, die häufig eher im eigenen Saft schmorte, und ist auch aus gegenwärtiger Perspektive zweifellos politisch begründbar. Das bundesrepublikanische Lesepublikum ist heute von Erfahrungen in beiden deutschen Staaten und ihren Nachgeschichten geprägt; die bundesrepublikanische Gegenwart ist nur mit Bezug auf Forschungen zur DDR und zur alten Bundesrepublik zu verstehen. Synthesen wie die ältere Christoph Kleßmanns und die jüngere von Petra Weber haben ebenso wie Ulrich Herberts Geschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert das Erkenntnispotenzial verflochtener Zugänge gezeigt.[5] 

Historiographisch aber ist ein sich durchziehender Doppelfokus auf DDR und Bundesrepublik nicht so plausibel, wie er aus den Orientierungsbedürfnissen der Gegenwart heraus erscheinen mag. Jedes Themenfeld für die Phase vor 1989 in einer deutsch-deutschen Perspektive zu debattieren, würde die Nation als Erklärungsraum (und die Fragen einer national gedachten Leserschaft) privilegieren und damit langanhaltende Bemühungen der Geschichtswissenschaft um eine Überwindung der hermetischen 11Nationalgeschichtsschreibung zumindest erschweren, wenn nicht konterkarieren. So würden deutsch-deutsche Verflechtungen, Bezugnahmen und Abgrenzungen zwar ausgeleuchtet, dafür aber andere, in manchen Aspekten prägendere Verflechtungsräume in den Hintergrund treten und vieles als vermeintlich »deutsch« konturiert werden, das sich nur in europäischer, westeuropäischer, globaler oder anderer Rahmung verstehen lässt. Das gilt in Teilen auch mit Blick auf die Gegenwart: Die heutige Bundesrepublik ist von Erfahrungsgeschichten in West und Ost geprägt, aber auch von den Erfahrungsgeschichten von Millionen von Migrant:innen; sie ist von deutsch-deutschen Vergangenheiten geprägt, aber auch von globalen Transformationen, supranationalen Akteuren und regionalen Verflechtungen. Unter diesen Prägungen ist für die Phase seit 1990 die nationale Vergangenheit in Ost und West zweifellos zu den zentralen Faktoren zu zählen. Für die Erklärung der bundesrepublikanischen Geschichte in den 1950er bis 1980er Jahren gilt das allerdings nicht gleichermaßen. Viele ihrer Entwicklungen benötigen zu ihrer Erklärung und Bewertung andere räumliche Einordnungen und Bezüge. Für die DDR-Geschichte gilt Analoges, auch sie ist nicht nur aus deutsch-deutscher Perspektive heraus zu verstehen, sondern lässt sich ihrerseits transnational und globalgeschichtlich rahmen.[6] 

Wir haben deshalb davon abgesehen, alle Beiträge deutsch-deutsch anzulegen, aber die Beitragenden gebeten, für ihr Feld, sofern es die Bundesrepublik vor 1990 behandelt, auch die DDR mitzudenken. Der Band versammelt Kapitel zu 20 verschiedenen thematischen Feldern, die einen Querschnitt durch prägende Entwicklungen der Bundesrepublik bieten. Ein wichtiges Anliegen war es uns, die Bundesrepublik seit 1990, als vereinigte Bundesrepublik, möglichst deutlich zu repräsentieren, auch wenn sich das aufgrund der Spezialisierung der hier versammelten Beitragenden, angesichts der charakteristischen Zeitverzögerung, mit der sich Historiker:innen der jeweils jüngsten Vergangenheit widmen, und nicht zuletzt wegen der historiographischen Kluft zwischen der Geschichte der »alten« Bundesrepublik beziehungsweise der DDR auf der einen und der Geschichte der »Transformationsgesellschaft« auf der an12deren Seite nicht durchweg so realisieren ließ wie erhofft. Um einer konzeptionellen Vorarbeit zu genügen, sprechen wir von zwei historischen Epochen, die wir »Bundesrepublik 1.0« und »Bundesrepublik 2.0« nennen. Diese Bezeichnungen stellen in Rechnung, dass die Vereinigung bekanntlich keine wesentlichen Veränderungen auf der Ebene des politischen Systems, wohl aber für die soziale, politische und kulturelle Realität dieses Staates und seiner Gesellschaft zur Folge hatte.[7]  War die DDR für die Bundesrepublik 1.0 häufig eine Art Zerrspiegel, eine Systemkonkurrentin, mit der man sich maß, stellt sie für die Bundesrepublik 2.0 eine bedeutsame Vergangenheit dar. Wichtiger noch: Was die Bezeichnung »Berliner Republik« nicht recht einzufangen vermag, ist der Umstand, dass seit 1990 eben keine neue, hybride »dritte« Republik entstanden ist, sondern tatsächlich eine erweiterte Bundesrepublik, die zwar nun ein neues Territorium und eine »ostdeutsche« Bevölkerung integrierte, aber deshalb nicht zwingend ihre prägenden sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, ihre politischen und juristischen Verfahrensformen und ihre öffentlichen Selbstverständigungsweisen grundlegend veränderte – ebenso wenig wie ihre Verfassung. Die deutsche Geschichte seit 1990 zu schreiben und zu verstehen, erfordert deshalb nicht nur, die Vielfalt ostdeutscher Erfahrungen zu berücksichtigen. Es ist auch danach zu fragen, was die Präsenz eines neuen Teil-Demos, eines neuen Staatsterritoriums, eines neuen Marktes, aber auch neuer menschlicher Begegnungen für das weitgehend stabile Gehäuse eines konsolidierten Staates bedeutete. Historiker der Bundesrepublik haben die »Kosten der Einheit« bilanziert, uns geht es jedoch stärker um die Art und Weise, wie sich, lange vielleicht unmerklich, zentrale Modi der politischen und kulturellen Problemerzeugung, Problemwahrnehmung und Problembearbeitung in der ganzen Republik seit 1990 verändert haben (oder auch nicht).[8] 

Jubiläen bieten Anlass zum Bilanzieren, und das letzte runde Jubiläum, das 50-jährige, stand noch ganz im Zeichen der positiven 13Bilanz.[9]  Natürlich war das verständlich: Das erfreute Wundern über die relative demokratische Stabilität und den relativen Wohlstand der Republik war nachvollziehbar vor der Erfahrung der gewaltintensiven ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts und, insbesondere, des Nationalsozialismus. Die staatliche Einheit wenige Jahre zuvor schien, bei allen Problemen, die sie mit sich brachte, die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik nur zu verbriefen. Zehn Jahre später unternahm Eckart Conze, der 1999 noch den positiv bilanzierenden Jubiläumsband gemeinsam mit Gabriele Metzler herausgegeben hatte, in seiner Suche nach Sicherheit eine kritische Exegese der bundesrepublikanischen »Meistererzählung«. Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums und einer eingetrübten Stimmung – die Zeit der Agenda 2010, aber noch ohne Kenntnis der herannahenden Finanzkrise – empfahl er, »nicht schematisch Bilanz [zu] ziehen, Soll und Haben, Aktiva und Passiva, Erfolge und Probleme« einander gegenüberzustellen. Vielmehr müsse die Bundesrepublik aus sich selbst heraus auch als »Problemerzeugungsgeschichte« begriffen werden. Das bedeute auch, die Bundesrepublik weniger in Relation zu anderen deutschen Vergangenheiten als mustergültig zu bewerten und damit auch ihre inneren Konflikte und Widersprüche glattzubügeln.[10]  Conze wob hier in eine Gesamtdarstellung ein, was Hans-Günther Hockerts bereits 1992 konzeptionell gefordert hatte und andere Vertreter der Zeitgeschichtsforschung ungefähr zeitgleich unter dem Rubrum des einflussreich werdenden Konzepts »Nach dem Boom« umsetzten: eine Verschiebung des Referenzpunkts zum Verständnis der bundesrepublikanischen Geschichte, weg von 1945 und 1990, hin zur unmittelbaren Gegenwart und ihren Problemkonstellationen, die freilich nicht nur die Bundesrepublik betrafen.[11] 

Mit dieser Neukonzeption der Zeitgeschichte als »Problemgeschichte« und damit Vorgeschichte der Gegenwart wurde auch 14die nationalgeschichtliche Perspektive verabschiedet. Die Bundesrepublik wurde bei Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael zu einem Teil Westeuropas, das seit den 1970er Jahren durch die Gemeinsamkeit des Strukturwandels charakterisiert war. Den West-Bias, der in das Konzept Nach dem Boom eingelassen war, hat kürzlich Philipp Ther behoben, indem er die (vereinigte) Bundesrepublik in eine ost-westliche »Ko-Transformation« einordnet, die ihre Wurzeln im genannten Strukturwandel seit den 1970er Jahren hat.[12] 

Dieser Band zieht weder Bilanz noch beschreibt er lediglich die »Genese« oder »Vorgeschichte« gegenwärtiger Problemlagen, was die Gefahr bergen würde, sich allzu sehr auf Ursachensuche zu begeben.[13]  Jede Geschichtsschreibung ist von der Gegenwart geprägt; sie steht im Dialog mit ihr. Uns diente sie primär als Erfahrungsraum, der Impulse liefert für die Auswahl der Themen, und der Fragen hervorbringt, die dazu verhelfen, die Vergangenheit noch einmal neu und damit, so die Hoffnung, letztlich auch in sich präziser zu verstehen.[14]  Somit bleibt für uns nicht zuletzt das Bekenntnis zur Offenheit der Geschichte und die Anerkennung ihrer Fremdheit leitend. Uns interessiert der Wandel in der zeitgebundenen Blickweise, den Perspektiven, den Scheinwerfern, die man auf die Vergangenheit richtet. Wir beziehen uns dabei auf einen alten terminus technicus der historischen Methodik, den Sehepunkt. Johann Martin Chladenius beschrieb mit diesem Begriff im 18.Jahrhundert die Standortgebundenheit jeder Geschichtsschreibung. Sie geht in Chladenius’ Konzept nicht im »Blickpunkt« oder der »Perspektive« auf, sondern meint neben der sozialen und kulturellen Verortung der Sehenden noch mehr, nämlich etwas, das meist nur Historiker:innen einfangen und beschreiben können: die zeitliche Verortung einer Perspektive, die wiederum mehr als eine reine Kontextualisierung dar15stellt.[15]  Über die Standortgebundenheit jeder Forschung besteht im Fach inzwischen zwar theoretisch Konsens, doch ist gerade der Zeitgeschichtsforschung eine solche Selbstreflexion häufig schwergefallen. Nur wenige Bücher zur Geschichte der Bundesrepublik reflektieren über den sozialen, zeitlichen, politischen oder kulturellen Standort der Verfasser:innen. Das hat sich erst jüngst in Ansätzen verändert. Unser eigener Sehepunkt ist dabei von einer gewissen Selbstinfragestellung des »Westens«, zugleich aber auch von der Pluralisierung von Stimmen und Sprechermacht gekennzeichnet, die uns in den vergangenen 20 Jahren geprägt haben.

Nach den Sehepunkten der Erzählenden zu fragen, bedeutet mit Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik, sie weniger als abgeschlossenes, zu bilanzierendes Geschehen zu begreifen denn als einen gesellschaftlichen und staatlichen Rahmen, innerhalb dessen spezifische Probleme beleuchtet werden oder unterbelichtet bleiben können. Auch wer die Geschichte der Bundesrepublik als Vorgeschichte aktueller Problemlagen begreift, definiert damit, was diese wichtigen Probleme sind – und diese Definitionen können sich wandeln. Wir haben einige Felder identifiziert, die uns entweder als besonders ertragreiche aktuelle Felder zeithistorischer Forschung oder aber als wichtige Fragen der Gegenwart an die Vergangenheit (und vice versa) erscheinen, und die Beitragenden dieses Bandes eingeladen, diese Felder zu beackern und sie in Relation zu setzen zu den Meistererzählungen über die Bundesrepublik.

Statt zu bilanzieren und damit die Entwicklung einer Gesellschaft oder eines Nationalstaats gewissermaßen betriebswirtschaftlich einzuordnen, aber auch anstatt die Vergangenheit lediglich im Hinblick auf die Ursachen aktueller Krisenperzeptionen zu befragen, analysieren die Beiträge Entwicklungen und Wandlungen auf ihrem Feld und unterstreichen, dass die Wirkungen dieses Wandels keineswegs eindeutig und auch nicht linear sein mussten. Wir plädieren hier also, aus unserem zeitgebundenen Sehepunkt heraus, für einen Variantenreichtum der Urteilsbildung, je nachdem, worauf man die Perspektive richtet.

Ein weiterer methodischer Einwand lässt sich aus der Perspektive aktueller Zeitgeschichtsforschung gegen unser Vorhaben vor16bringen: Wir wählen den Rahmen eines Staates, und das trifft in vieler Hinsicht nicht mehr die Art, wie Zeithistoriker:innen, auch wir selbst, heute arbeiten. Sosehr sich die akademische Geschichtswissenschaft zu Recht transnationalen und globalgeschichtlichen Ansätzen verschrieben hat – unsere Entscheidung ist pragmatischer, auch strategischer Natur: Neue Bücher zur Geschichte der Bundesrepublik sind auch in jüngster Zeit entstanden und werden in Zukunft weiter entstehen; die mit ihr verbundene Orientierungsfunktion für ein breiteres Publikum, aber auch ihre politische Legitimationsfunktion werden nicht verschwinden. Deshalb ist es wichtig, akademische Geschichtswissenschaft und Nationalgeschichte im Dialog zu halten und die Deutungshoheit auch über die Geschichte der Bundesrepublik nicht anderen zu überlassen. Der allfällige Versuch, aus der einen Geschichte viele Geschichten zu machen, ist einerseits richtig,[16]  andererseits bleibt die Herausforderung, sich an übergreifenden Deutungen zu versuchen, ein Anspruch an die Geschichtswissenschaft.[17]  Deshalb haben wir unsere Beitragenden, die nicht immer nur in deutscher Geschichte spezialisiert sind, gebeten, darüber zu reflektieren, wie die Befunde zu ihrem thematischen Feld zu einer Geschichte »der« Bundesrepublik in Beziehung gesetzt werden können. Das bedeutet vor allem zu fragen, inwiefern sie mit älteren Narrativen in Konflikt geraten und welche neuen Wege zu einer Geschichte der Bundesrepublik sie aufzeigen könnten. Das verbindet sich mit dem Nachdenken darüber, wie der eigene Sehepunkt vorgibt, was man in der Vergangenheit sieht, wie man diese Vergangenheit zu anderen Vergangenheiten in Relation setzt und wie man sie bewertet. Der vorliegende Band ist somit zweierlei: eine Art Handbuch zur Geschichte der Bundesrepublik, das in aktuelle Forschungsdebatten und -befunde einführt, und zugleich Reflexionsmedium darüber, wie Historiker:innen ihre Geschichten spinnen – Geschichten, die im Falle der Zeitgeschichtsschreibung nicht nur in der Gegenwart wurzeln, sondern auch immens auf die Deutungen der Gegenwart und möglicher Zukünfte zurückwirken. Wie sich zeigt, gehen die 17Beiträge unterschiedlich damit um: Viele behandeln die Bundesrepublik, einer Unterscheidung von Clifford Geertz folgend, eher als ein Dorf, in dem sie etwas erforschen, andere als ein Dorf, über das sie forschen.[18] 

Auf den folgenden Seiten blicken wir zunächst auf die Zeitgebundenheit der Erfolgsgeschichten der Bundesrepublik und widmen uns dann möglichen Koordinaten aktueller Sehepunkte auf die Geschichte der Bundesrepublik seit 1945/49. Dabei ziehen wir auf Basis der hier versammelten Beiträge einige Leitplanken ein, die künftigen Erzählungen über »die« Bundesrepublik eine Richtung geben könnten.

2. Krisen erklären nicht alles. Zum Verlust der Meistererzählung über die Bundesrepublik

Auf den ersten Blick ließe sich mutmaßen, die Erfolgsgeschichten der Bundesrepublik aus den 1990er und frühen 2000er Jahren spiegelten das nationale Selbstbewusstsein in Zeiten anhaltender Stabilität, Prosperität und wachsenden Ansehens im internationalen Rahmen. Im Umkehrschluss würden dann die vielbeschriebenen multiplen Krisen der Gegenwart einen anderen, kritischeren Blick auf die jüngste Vergangenheit bedingen: Die periodisch auftretenden Wirtschafts- und Finanz(ierungs)krisen, der Aufstieg der Rechten, ihre dabei fortgesetzte Radikalisierung und kontinuierliche Gewalt, die wachsende Instabilität demokratischer Systeme und die sich immer weiter öffnende Schere sozialer Ungleichheit sowie nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine und die Klimakrise tragen zu düsteren Prognosen einer nicht mehr zu bewältigenden Zukunft bei. Sie wandeln die Funktion der Vergangenheit, in dieser Logik, von einem Quell gegenwärtigen Glücks zu einem Steinbruch falscher Weichenstellungen.

Zwar lassen sich solche Logiken durchaus beobachten, doch erscheinen sie zugleich auch zu simpel. Grundsätzlich verleiten krisenhafte Gegenwarten gern dazu, die Vergangenheit zu verklä18ren – dementsprechend könnte die Erfolgsgeschichte der (alten) Bundesrepublik derzeit auch weitere Blüten treiben, um sie von der ungemütlichen Gegenwart der Berliner Republik abzusetzen. Ganz in diesem Sinne gebrauchten die Deutungseliten der Bonner Republik auch gern die Geschichte der Weimarer Republik als Spiegel, in dessen Zerrbild dann die eigene Gegenwart aufgewertet werden konnte.[19]  In den 1990er und 2000er Jahren nun blickte man allerdings nicht unbedingt aus einer durchweg positiv gezeichneten Gegenwart in die Zeit vor 1990 zurück, um dort die »Erfolgsgeschichte« der Bundesrepublik zu verorten. Das vereinigte Deutschland galt als »kranker Mann Europas«, die Arbeitslosenquote stieg in bislang ungekannte Höhen, kaum vergessen sein konnte die Asyldebatte der frühen 1990er Jahre und die mit ihr verbundene rassistische Gewalt in ost- und westdeutschen Städten. Die Gegenwart um 2000 hätte dem erfolgsgeschichtlichen Duktus der Demokratisierungs-, Liberalisierungs- und Modernisierungserzählungen, die zu jener Zeit entstanden, durchaus Risse zufügen können. War die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, als eine Erfolgsgeschichte der alten Bonner Republik, vielleicht gar nicht so sehr Ausweis eines gewissen Triumphalismus nach dem Ende des Ost-West-Konflikts oder, vorsichtiger formuliert, eines optimistischen Blicks auch in die Zukunft, sondern bereits Auswuchs einer krisenhafter erlebten neuen Berliner Republik und damit eine Zurichtung der verlorenen Vergangenheit in dem Sinne, dass sie als positiv konnotiertes Gegenbild zur Gegenwart dienen konnte? Oder entsprach sie einer realen, positiven Bilanzierung der Westdeutschen, die in den 1990ern lediglich durch vorübergehende Abirrungen eingetrübt schien, welche wiederum auf den Osten projiziert werden konnten? Diese Fragen verweisen auf die Historisierung zeithistorischer Erzählungen der 1990er und 2000er Jahre, die für die Erfolgserzählung und mit ihr verbundene, positiv besetzte Prozessbegriffe im Wesentlichen noch zu leisten ist.[20] 

19Die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik nahm vor allem eine räumliche Einordnung vor: Sie verortete die Bundesrepublik nun eindeutig als »im Westen« angekommen.[21]  Dem zugrunde lag eine Vorstellung, die den »Westen« als einen Sehnsuchtsort konzipierte, dem näherzustreben ein hehres Ziel war. Nun war dieser »Westen« schon immer eine Fiktion.[22]  Historisch-semantische und diskursgeschichtliche Studien haben das Konzept zu Recht dekonstruiert,[23]  und gegen die mit ihm verbundenen Annäherungsdiagnosen haben wir selbst argumentiert, weil die empirischen Befunde historischer Vergleiche zwischen westeuropäischen und westlichen Gesellschaften eine vermeintlich fortdauernde Angleichung in einem umfassenden Prozess der »Westernisierung« eben nicht bestätigen. Europäerinnen und Europäer behielten ihre jeweiligen kulturellen, politischen und diskursiven Eigenarten auch im Zuge der europäischen Einigung und der Westintegration bei.[24] 

20Inzwischen ist auch jenseits der Geschichtswissenschaft ganz grundlegend die Vorstellung ins Wanken gekommen, dass die Bundesrepublik irgendwo angekommen ist. Verloren gegangen ist darüber hinaus nun auch in der politischen Öffentlichkeit die Vorstellung eines Modells, an dem sie sich orientieren kann, eines Ortes, an dem sie ankommen will. Die Diagnose einer Krise der westlichen Demokratien ist seit einiger Zeit in der Öffentlichkeit allpräsent, die liberale Demokratie firmiert nicht mehr als »Verheißung und Ende der Geschichte«, sondern scheint »zum kranken Patienten geworden«.[25]  Man muss solche generalisierten Diagnosen nicht vollkommen teilen, zugleich ist jedoch festzuhalten, dass nach Anbruch der Ära Trump II eine Idealisierung des »Westens« als Sehnsuchtsort von jeder Anziehungskraft entleert scheint. »Liberal« und »westlich« gleichzusetzen, war historiographisch schon immer problematisch, die politische Lage macht es nur auf neue Weise evident.

Dass Narrative einer Verwestlichung der Bundesrepublik nicht mehr in der Form orientierend wirken können wie noch in den 1990er und frühen 2000er Jahren, als man sich eines globalen Siegs des westlichen Liberalismus und der Demokratie sicher war, hängt zugleich auch mit einem Wahrnehmungswandel zusammen, der nicht in den politischen Realitäten der Gegenwart aufgeht. Nachdem der »Westen« sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten geradezu rasant selbst in Frage gestellt hat, vor allem in den akademischen Geisteswissenschaften, kann eine reine Verwestlichungs-, Prosperitäts- und Modernisierungsgeschichte der Bundesrepublik nicht mehr hinreichen. Kritische Selbstreflexion westlicher Hervorbringungen und »Errungenschaften« sowie die Problematisierung des westlichen, konkret des kapitalistischen Expansionismus und Kolonialismus leiten die Heuristik aktueller historischer und geisteswissenschaftlicher Forschung an, die sich dem Paradigma des Anthropozäns geöffnet hat.[26]  Insofern ist die Neuperspektivierung der Bundesrepublik nicht nur Folge der verstörenden Gegenwart, sondern auch Folge eines selbstkritischen Diskurses, den »der Wes21ten« in Interaktion mit der globalen Wissenschaft, gerade auch im Süden, begonnen hat. Mit diesem Wahrnehmungswandel ändert sich auch die Sicht auf vergangene Realitäten.

Was kann an die Stelle von Narrativen des Erfolgs und ihren Varianten einer mehr oder weniger linearen Entwicklung rücken? Geschichtsschreibung ist nie frei von Wertungen, und auch Beiträge in diesem Band sprechen manchmal von Fortschritten, sehen gelungene Wandlungsprozesse und Erfolge, sei es im Feld der Geschlechterbeziehungen, der Demokratie oder der Gewalteinhegung. Schließlich wäre es, so hält Rüdiger Graf in seinem Beitrag fest, »ignorant, absurd oder böswillig zu behaupten, dass das Wirken dieses Staates für die Menschen in Deutschland und anderswo nicht besser oder zumindest weniger schädlich war als das seiner drei Vorgänger in den vorangegangenen 75 Jahren«. Die jüngste Synthese zur Bundesrepublik aus der Feder des deutsch-britischen Historikers Frank Trentmann zeigt bei vielen Öffnungen hin zu breiteren gesellschaftlichen Feldern doch auch auf, dass das Bedürfnis nach Erfolgserzählungen nicht zuletzt mit Blick auf ein englischsprachiges Publikum groß ist: In Out of Darkness erzählt er die Geschichte einer moralischen »Reinigung« der Deutschen in Ost und West nach 1945 dergestalt, dass die Frage, was »gut« sei, zu einem Leitmotiv und einer Handlungsmaxime vieler auch im Alltag wurde. Dabei geht es Trentmann nicht zuletzt darum, fortwährenden Berührungsängsten mit »den Deutschen« zu begegnen – die Erfolgserzählung ist also alles andere als tot, und sie ist es vor allem nicht dort, wo Historiographie auch eine Form der Kulturdiplomatie darstellt.[27] 

Dennoch geht dieser Band auf klare Distanz zu Erfolgsnarrativen, und zwar auf verschiedenen Ebenen, die es zu differenzieren lohnt. Erstens steht im Vordergrund die Frage nach dem »Wie« und »Warum« von Wandlungsprozessen, das Bemühen, sie zu erklären, anstatt sie zu messen. Zweitens betonen die Beiträge des Bandes, wie unvorhersehbar die Geschichte der Bundesrepublik war und als wie fragil sich »Fortschritte« auf einzelnen Feldern erweisen können. Von der Analyse der Besatzungszeit bis zu jener der Vereinigung unterstreichen die Autor:innen die Offenheit des historischen Mo22ments und machen damit jene methodischen Debatten, die vor allem mit Fokus auf das frühe 20.Jahrhundert geführt wurden, auch für die Zeitgeschichte fruchtbar.[28]  Sie verweisen auf die Vorläufigkeit und Umkehrbarkeit historischer »Errungenschaften« oder auch, konkret, spezifischer Charakteristika bundesrepublikanischer Geschichte. Auf einer dritten Ebene gilt es festzuhalten, dass viele, bei genauerem Hinsehen wohl alle Entwicklungen ambivalente Konsequenzen haben. Was als Wirtschaftsaufschwung beschrieben werden kann, wird, informiert vom umwelthistorischen Blick, wie Roman Köster zeigt, zu einer Negativgeschichte des dynamisch wachsenden CO2-Ausstoßes seit den 1950er Jahren. Ähnliches gilt für die von Sina Fabian erzählte Geschichte des Autofahrens, die man im Modus von Freiheitsgewinnen, von Lärm und Verkehrstoten oder von CO2-Effekten erzählen kann. Die Ambivalenz von »energieintensivem Freiheitsgewinn und klimawandelbedingten Freiheitsverlusten« stellt nicht nur Metanarrative der Zeitgeschichte in Frage, sondern gibt ihr, so argumentiert Rüdiger Graf, auch neue Aufgaben auf. Viertens schließlich wirft die Diagnose des »Erfolgs« immer die Frage des »Für wen« auf: Erfolgsgeschichten reproduzieren die Fiktion einer homogenen Gesellschaft; dem gegenüber denken die Beiträge diese Gesellschaft als hochgradig pluralistisch. Gerade die Multiperspektivität, der sich die jüngere Geschichtswissenschaft verschrieben hat und die in diesem Band Ausdruck findet, muss »die« Erfolgsgeschichte und andere lineare Geschichten der Bundesrepublik in Frage stellen. Fünftens zeigen manche Felder bei genauem Hinsehen über die Zeit eher zyklische Entwicklungen, die auch mit Konjunkturen der Aufmerksamkeit zusammenhängen, so etwa die politische Gewalt, der organisierte Nationalismus, die Frage der Gleichstellung, aber auch Umweltdebatten.

Kann es heute noch Meistererzählungen geben oder müssen wir uns mit unverbundenen Geschichten zufriedengeben, die Wi23dersprüche und Gegenläufigkeiten beinhalten? Vielleicht, so eine Hypothese dieses Bandes, ist die Frage falsch gestellt: Denn auch Geschichten, die Brüche statt Entwicklungen, innere Widersprüche statt eindeutiger Wertungen, Problemanalysen statt Ergebnisorientierung in den Mittelpunkt rücken, können jene Orientierung geben, die Meistererzählungen für sich beanspruchen. Festzuhalten bleibt: Wandel in der Bundesrepublik war fragil, umkämpft, brüchig, manchmal wellenförmig oder zyklisch, nie unumkehrbar und in aller Regel ambig. Er bedeutete nie für alle Einwohner:innen der Bundesrepublik dasselbe.

3. Sehepunkte und ihre Koordinaten. Zu den möglichen und wandelbaren Blickachsen auf die Geschichte der Bundesrepublik

a) Räume

Lange wurden gerade in der Zeitgeschichtsforschung Fragen nach dem Zuschnitt empirischer Untersuchungsräume, nach den räumlichen Konturen expliziter und impliziter Kausalannahmen sowie nach der Prägekraft etablierter mental maps (und gerade der Nation als Container) kaum diskutiert. Die westdeutsche Zeitgeschichte nach 1945 wurde primär im bundesrepublikanischen Container gedacht und untersucht, auf politischer Ebene sicherlich eingebettet in die »internationale Politik«, auf gesellschaftlicher Ebene ergänzt um selektive transatlantische und westeuropäische Perspektiven. In den Blick kam zweifellos die Frage nach den – tendenziell hoch bewerteten – Einflüssen der westlichen Besatzungsmächte und später insbesondere die nach der – ebenfalls als prägend bewerteten – Wirkmacht US-amerikanischer Kulturtransfers und ihrer Adaption (»Amerikanisierung«). Unter dem Stichwort »Westernisierung«[29]  wurde umfassender nach wechselseitigen Austausch- und Annäherungsprozessen gefragt, dabei kam Westeuropa jedoch – anders, als der Begriff vermuten lassen würde – nur begrenztes empirisches In24teresse zu. Im Unterschied zur Historiographie zum 19.Jahrhundert blieben komparative westeuropäische Ansätze schwach entwickelt, ein historiographischer Dialog selbst innerhalb Westeuropas begrenzt. Galt damit schon für die Verflechtungen nach Westen, dass Aufbrüche zögerlich und begrenzt blieben, traf das noch stärker auf die Frage nach Bezügen zu Osteuropa und der DDR einerseits und jenseits des europäischen Kontinents andererseits zu.

Die jüngere Geschichtswissenschaft hat ihre räumlichen Rahmungen nun stark überdacht und erweitert. In welche größeren räumlichen Bezüge die Bundesrepublik oder Teile von ihr dabei einzubetten sind, ist vom jeweiligen Gegenstand und thematischen Feld abhängig, doch was sich zeigt, ist, dass eine hermetische Geschichte der Bundesrepublik, zumal der »alten«, nicht mehr überzeugen kann. Die nationale Rahmung – und damit auch der häufig gewählte politische Fokus – muss nicht nur aufgebrochen werden, um die Bewegungen und Verflechtungen zu erfassen, die vor den Grenzen der Bundesrepublik nicht haltmachten, sondern auch, um Wandlungsprozesse innerhalb der Bundesrepublik mit Blick auf endogene wie exogene Faktoren zu verstehen und zu erklären. Dafür kann es hilfreich sein, die Bundesrepublik in globale Zusammenhänge einzuordnen; es kann aber auch erkenntnisstiftend sein, im Vergleich mit anderen Gesellschaften überhaupt erst nationale politische Rahmensetzungen und damit verbundene Praktiken und Pfadabhängigkeiten zu identifizieren. Die Beiträge in diesem Band nehmen hier entsprechend unterschiedliche Skalierungen vor und zeigen auf, welche räumlichen Bezüge auf dem jeweiligen thematischen Feld für künftige Forschungen angemessen erscheinen. Denn auch das wird deutlich: Umfassende transnationale Einordnungen sind auf dem bisherigen Stand der Forschung immer noch schwierig.

Auch wenn »Verflechtung« seit vielen Jahren zu den Kernbegriffen der Geschichtsschreibung gehört, sind globale Interaktionen, so zeigt Frank Bösch in diesem Band, doch für die Geschichte der Bundesrepublik lang unterbelichtet geblieben und sind es teilweise bis heute. Mutete die Bonner Bundesrepublik nicht nur zeitgenössisch, sondern auch in der älteren Zeitgeschichte manchmal provinziell an, verändern und verschieben globale Perspektiven jedoch seit einiger Zeit die Akzente. Die vorliegenden Beiträge zeigen hier einerseits Spuren des Wandels und verweisen andererseits auf noch einzuschlagende Wege. Während Migration in den Synthesen der 251990er Jahre noch ein Randthema war, ist sie inzwischen in den Mittelpunkt der Erzählungen gerückt: nicht mehr nur als Migrationspolitik, sondern als gelebte Erfahrung von Zu- und Auswanderern, von Migrierenden in verschiedene Richtungen, die selbst Mitgestalter:innen der Geschichte der Bundesrepublik wurden. Auch die Vereinigungsgesellschaft, so unterstreicht Franka Maubach, muss aus dem Blickwinkel der sich vielfach überlagernden Wanderungsbewegungen verstanden werden.

Ein zweites Feld transnationaler Vernetzung und Prägung der Bundesrepublik, das in vielen Beiträgen zur Sprache kommt, sind Wissenszirkulationen: Politische Entscheidungen in der Umweltpolitik (Köster), Wahrnehmungen der Ungleichheit (Römer) oder die Durchsetzung eines Ideals gewaltfreier Erziehung (Levsen) sind ohne transnationale Zirkulationen wissenschaftlichen Wissens nicht erklärbar. Der transatlantische und westeuropäische Raum spielte hier vor allem für die Phase bis 1989 eine besonders große Rolle. Drittens vernetzten sich Aktivist:innen, die die Geschichte der Bundesrepublik wesentlich geprägt haben. Für die Frauen- und Umweltbewegung hat die Forschung bereits differenziert gezeigt, dass sie einerseits nationale Spezifika aufwiesen, zugleich aber ihre dynamische Entwicklung in den 1970er Jahren ohne Blick auf ihre transnationalen Vernetzungen nicht erklärbar ist – was im Übrigen für die bundesrepublikanischen Bewegungen stärker gilt als für die mancher Nachbarländer.[30]  Für den Aktivismus der radikalen Rechten ist eine ähnliche Relevanz der grenzübergreifenden Vernetzung zu vermuten, diese ist jedoch, wie Dominik Rigoll darlegt, für die bundesrepublikanische Rechte bisher nur in ersten Ansätzen erforscht.[31] 

Viertens spielen auch supranationale Akteure eine Rolle: Die EU etwa wird in manchen Beiträgen explizit thematisiert, wobei 26jene, die auf sie eingehen, ihr eine (noch weiter zu erforschende) wichtige Rolle zuschreiben, etwa für die Transformation der Geschlechterverhältnisse (Freeland) oder der Umweltpolitik (Köster). Es steht zu vermuten und wäre nachzuweisen, dass hier weitere Forschung eine größere Relevanz auch für andere Felder offenbaren würde. Die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen bleiben deutlich im Hintergrund; ihre Bedeutung ist für viele Felder bundesrepublikanischer Wandlungsprozesse noch zu erforschen. Fünftens schließlich nutzen verschiedene Beiträge das Erkenntnispotenzial vergleichender Ansätze beziehungsweise der Einordnung in übergreifende Zusammenhänge für einen Perspektivwechsel. So plädiert Camilo Erlichman etwa für ein Verständnis der Besatzungszeit, das erstens koloniale Prägungen von Besatzungspraktiken in die Erklärung einbezieht und zweitens die Besatzung Deutschlands als »Teil einer breiteren europäischen Zeitgeschichte« versteht und somit Muster erkennt, die nicht spezifisch für die vermeintlich einmalige Situation des Nachkriegsdeutschlands waren. Das heuristische Potenzial einer Kombination transnationaler und vergleichender Überlegungen demonstriert auch der Beitrag von Nadja Klopprogge, die sich den Geschichten der Kinder von Schwarzen Besatzungssoldaten und weißen deutschen Frauen widmet. Sie rekonstruiert, wie die Problematisierung von Race in der Bundesrepublik auch eine transatlantische Dimension aufwies. Denn Antirassismus in Deutschland verankern zu wollen, ließ Fragen an die rassistische Ordnung in den USA aufkommen. Von der jungen Bundesrepublik als Symbol einer neuen Ordnung im Zeichen der Menschenwürde, wie sie Habbo Knoch jüngst gefasst hat,[32]  schien so eine Signalwirkung auszugehen, die über ihre territorialen Grenzen hinauswies. Für andere Felder muss Vergleichbares immer noch als Desiderat formuliert werden: Marcus Böick fordert in seinem Beitrag dazu auf, die Transformationsphase der 1990er Jahre stärker in Transformationsgeschichten Ostmitteleuropas einzuordnen, in Bezug zu setzen zu parallellaufenden Transformationsprozessen, aber auch zeitlich anders gelagerten Nation-building-Prozessen in geteilten Nationen.

Die Transnationalisierung der Zeitgeschichtsforschung in all ihren Varianten verändert das Nachdenken über Kausalität in der 27Geschichte der Bundesrepublik. Suchten ältere Darstellungen im Sinne einer eher linear gedachten Vorher-nachher-Geschichte die Gründe für Probleme und Entwicklungen der Bundesrepublik in der deutschen Vergangenheit und gerade im Nationalsozialismus, weist die Forschung inzwischen zum einen transnationalen Verflechtungen und zum anderen übergreifenden Dynamiken eine höhere Prägekraft zu. Das gilt etwa für Phänomene wie die »Neue Linke« und »1968«, deren durchaus grundlegende Neudeutung aus dem Fokus auf globale Verflechtungen David Spreen in diesem Band aufzeigt, oder auch für den Linksterrorismus der 1970er Jahre. Soziale und gesellschaftliche Herausforderungen der Nachkriegs(un)ordnung und des Wiederaufbaus, Erfahrungen des »Wirtschaftswunders« und des Strukturwandels in den 1970er und 1980er Jahren oder Wandlungsprozesse wie die Entfaltung der Massenkonsumgesellschaft, die Migration oder eine liberalisierte Familienpolitik waren keine bundesrepublikanischen Spezifika, ihr Einfluss und ihre Bewältigung nicht zwingend eine genuin bundesrepublikanische, sondern in manchen Aspekten eine westeuropäische Geschichte.[33]  Nationale Spezifika zeigen sich jedoch durchaus in der kulturellen Aneignung und politischen Bearbeitung dieses Wandels, und hier waren dann die nationale Vergangenheit und die mit ihr verbundenen Legitimationsmuster zumindest diskursiv von großem Einfluss. Die Unterscheidung von transnationalen Basisprozessen und nationalen Aneignungen und Umgangsformen hat sich als produktiv erwiesen;[34]  Abwägungen und Hierarchisierungen der jeweiligen Einflüsse bleiben allerdings herausfordernd.

Der »Westen«, der als impliziter Maßstab so lange die bundesrepublikanische Geschichte prägte, ist in den Beiträgen zu diesem Band nur noch in zweierlei Form präsent: als zeitgenössisches Konzept und Argument, etwa in Geschlechterdebatten der 1950er Jahre, und als – überholtes – historiographisches Konzept, mit dem sich die Beiträge auseinandersetzen. Konvergenz- und Ankunftserzäh28lungen sind demgegenüber eindeutig passé.[35]  Dass der »Westen« in der Historiographie heute keineswegs mehr als liberales Vorbild dient, zeigt etwa Jane Freeland mit dem knappen Hinweis, »vom Westen konnten die Deutschen in der Besatzungszeit lernen, wie sich Demokratie mit Rassismus verbinden ließ«. Dessen ungeachtet ist die Bedeutung der westlichen Selbstverortung für die Zeitgenoss:innen, nicht nur, aber auch in der Bundesrepublik nicht zu unterschätzen. Es ist bemerkenswert, dass der Ost-West-Konflikt und all seine Implikationen für die bundesrepublikanische Gesellschaft im vorliegenden Band verhältnismäßig schwache Kontextfaktoren bilden, und das hätte womöglich anders ausgesehen, hätten die Vorbereitungen zu diesem Band unter dem Eindruck der Geschehnisse von 2025 gestanden. Sein Publikationsvorlauf war länger, und er spiegelt im Hinblick auf die geopolitischen mental maps der Forschenden noch zum einen die Selbstinfragestellung des Westens und zum anderen die akademische Sozialisation in der mutmaßlich multipolaren Welt nach 1990 wider. Wenn Sicherheit oder Krieg und Frieden hier unter den thematischen Feldern fehlen, so mag das unter dem Eindruck der Entwicklungen der letzten Jahre eine bedauerliche Lücke darstellen, zugleich aber liegen dazu neben zahlreichen Detailstudien auch bereits aktuelle Monographien vor.[36] 

b) Zeiten

Die Geschichte der Bundesrepublik ist nicht zu Unrecht als »Nachgeschichte« des Nationalsozialismus (Paul Nolte) gefasst worden, und in der Tat ließ die Vergangenheit die Zeitgenossen nicht los. Allerdings wurde diese Vergangenheit immer wieder auf neue Weise repräsentiert, interpretiert und instrumentalisiert – Simone Derix 29spricht in ihrem Beitrag treffend vom »Vergangenheitshandeln«. An die Stelle der Annahme (quasi notwendiger) Folgen des Nationalsozialismus für die bundesrepublikanische Gesellschaft liegt so in der jüngeren Historiographie der Fokus auf Deutungskonkurrenzen um diese Vergangenheit. NS-Kontinuitäten in Personal und Denkmustern, Prozesse der »Aufarbeitung« und des Aneignens der Demokratie sind nach wie vor valide Kontextbedingungen einer bundesrepublikanischen Geschichte. Allerdings verkompliziert sich in der jüngeren Forschung wie in den Beiträgen dieses Bandes die Annahme, »der« Nationalsozialismus habe eindeutige »Folgen« oder »Konsequenzen« für die Bundesrepublik gehabt. Ältere Erzählungen eines langsamen Abschleifens und Überwindens der NS-Vergangenheit haben der Einsicht Platz gemacht, dass einzelne Facetten der NS-Gesellschaft und -Politik in die Bundesrepublik hineinragten, sie gar mitkonstituierten, andere jedoch dezidiert von Anbeginn überwunden werden sollten. Demokratie zu erlernen war ein Projekt, das die Bundesrepublik von ihren Ursprüngen in der Besatzungszeit an grundierte, Rassismus zu überwinden war es nicht, wie Nadja Klopprogge und Claudia Gatzka in ihren Beiträgen darlegen.

Was jeweils als »nazi-kontaminiert« gelten konnte, war Teil der politischen Verhandlungen und Konflikte innerhalb der Bundesrepublik und in dieser Hinsicht nicht nur wandelbar, sondern auch abhängig davon, wie die SED in der DDR das sah. Der Einfluss der staatssozialistischen Vulgata der NS-Kontinuitätserzählung ist ebenso wie der Einfluss anderer ausländischer NS-Deutungen in ihrer Bedeutung hoch einzuschätzen, denn die Vergangenheitspolitik der Bundesrepublik war keine rein westdeutsche Angelegenheit, sondern deutsch-deutsch und transnational eingebunden.[37]  Zur »Vorzeige-Vergangenheitsaufarbeiterin« sollte die Bundesrepublik auch aufgrund des Drucks von außen werden. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, die nicht erst nach einer Phase des Beschweigens einsetzte, sondern bereits in den 1950er Jahren zumindest von staatlicher Seite betrieben wurde, hatte, wie Derix und Rigoll in ihren Beiträgen betonen, einen entscheidenden Fallstrick (oder eine willkommene Ablenkungskomponente): Wer sich vorrangig über die Schrecken der Vergangenheit definierte, übersah 30bisweilen die Realitäten in der jeweiligen Gegenwart. Das galt für Antisemitismus, Rassismus, aber auch, wie Rigoll unterstreicht, für nationalistische Politik, der die Ordnung des Grundgesetzes zwar weniger organisierten Raum gab, die aber etwa in »ausländerpolitischen« Kontinuitäten fortlebte. Nicht nur der Blick auf das Vergangenheitshandeln der Bundesbürger:innen, auch die transnationalen Erweiterungen verkomplizieren, wie oben dargelegt, Fragen nach »Folgen« des Nationalsozialismus für die bundesrepublikanische Geschichte. In manchen Feldern ist er als Bezugspunkt und Folie stärker zurückgetreten, deutlich etwa in der Forschung zu 1968; zugleich zeigen andere Beiträge, dass die Vergangenheit als Argument in politischen Auseinandersetzungen bedeutsam blieb.

Wenngleich sich damit die Interpretationen gewandelt haben, wie die NS-Vergangenheit in die Bundesrepublik hineinwirkte, bleibt sie zugleich unter der Vielzahl möglicher Vergangenheitsbezüge der meistgewählte. Das hat gute Gründe, zugleich ist immer wieder nach anderen Vergangenheiten zu fragen: Lange Linien ins 19.Jahrhundert werden von verschiedenen Beiträgen skizziert, mit Blick auf Nationalismus, Geschlechterordnung oder die Geschichte des Wohnens. Aspekten wie etwa der kolonialen Vergangenheit allerdings sind für die Geschichte der Bundesrepublik immer noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteilgeworden – hier gälte es, in Zukunft weiter systematisch zu bohren und das Erkenntnispotenzial auch postkolonialer Perspektiven für die deutsche Zeitgeschichte noch weiter auszuloten.[38]  Mit Blick auf die Zwischenkriegszeit zeichnet sich gegenüber der älteren »Bonn ist nicht Weimar«-Logik, die Weimar als Negativfolie nutzte, ein verstärkter Blick auf progressive Entwicklungen der 1920er Jahre ab. In der Perspektive der queeren Geschichte stand die Weimarer Republik im internationalen Vergleich gar »ganz oben auf dem emanzipatorischen Gipfel«, so pointiert Benno Gammerl (wenn man denn im Modus des Fortschrittmessens erzählen will, dem er kritisch gegenübersteht). Für viele Felder scheint eine engere Verschränkung der Zeitgeschichte nach 1945 mit jener vor 1933 noch wenig genutztes Potenzial zu bieten.

In den Beiträgen dieses Bandes zeigt sich unterm Strich, dass die Rolle der NS-Vergangenheit und weiter zurückliegender Epo31chen als Explanandum, als erklärende Variable gerade für sozial-, wirtschafts-, umwelt- und energiepolitische Themenfelder an Relevanz deutlich verloren hat. Für die DDR-Geschichte wiederum gilt das freilich nicht. Kerstin Brückweh zeigt in ihrem Beitrag auf, wie das sozialistische Verständnis vom Wohnen nicht nur als Eigentum, sondern auch als Pflege eines materiellen Habitats die Differenzen zwischen Ost und West in einem existenziellen Aspekt des menschlichen Alltags erklären kann – und wie aus dem Blick auf das Wohnen in der DDR auch ein neuer Sehepunkt auf eine künftige Geschichte (und Politik) des Wohnens in der Bundesrepublik gewonnen werden kann. Ähnlich schlägt Winfried Süß nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Transformationserfahrungen seit 1990 vor, das soziale Themenfeld Arbeit künftig auf produktive Weise mit dem kulturellen Konzept der Anerkennung zu verschränken.

Es deutet sich somit an, dass die Vergangenheit seit 1945 für die Geschichte der Bundesrepublik wichtiger wird als die Vergangenheit vor 1945. In vieler Hinsicht ragen nicht nur die 1980er, sondern auch die 1950er bis 1970er Jahre in die Realitäten der »Bundesrepublik 2.0« hinein. Marcus Böick weist in seinem Beitrag darauf hin, dass die Frage noch der Erforschung harrt, wie die Westorientierung der »alten« Bundesbürger:innen die Wahrnehmung der DDR-Bürger:innen vielleicht lange vor 1990 schon so beeinflusste, dass ein »Zusammenwachsen« nach 1990 schwer denkbar wurde. Sina Fabians Beitrag zum Autofahren zeigt indes auf, wie eine in der »alten« Bundesrepublik verfestigte Ideologie der freien Fahrt für alle nach 1990 in Ostdeutschland verfing, obgleich – oder gerade weil – die DDR kein Eldorado des Pkw gewesen war.

Welche Periodisierungen oder Periodisierungskorrekturen legt der vorliegende Band mit seiner Berücksichtigung der Offenheit bundesrepublikanischer Geschichte jenseits linearer Erzählungen nahe? Analytische Distanz zu Erfolgserzählungen erlaubt, so zeigen die Beiträge, neue Perspektiven auch auf die Zeitlichkeit von Wandlungsprozessen in der Bundesrepublik. Im Narrativ der »Annäherung« an den Westen fiel einzelnen Dekaden und Phasen eine vergleichsweise klare Rolle zu: Die Besatzungszeit galt als (je nach Standpunkt mehr oder weniger gelungene) Weichenstellung für die bundesrepublikanische Demokratie, die 1950er firmierten als eine von konservativer, und damit mutmaßlich unpolitischer, 32»Modernisierung« geprägte Epoche,[39]  die 1960er und 1970er Jahre als dynamische Phase des Wandels, der Liberalisierung und Demokratisierung[40]  – jeder Phase kam so eine spezifische Funktion in der Erfolgserzählung zu.

Die Beiträge relativieren diese Charakterisierungen und öffnen damit den Raum nicht zuletzt für neue Fragen. Erlichman verdeutlicht eindrücklich die Erkenntnisspielräume, die sich eröffnen, wenn sich die Forschung von der Frage nach den Konsequenzen der Besatzungszeit für die Bundesrepublik und »Demokratisierung« emanzipiert. Sie wird damit mehr zu einem Kapitel in der globalen Geschichte von Besatzungen; die Vielfalt der konfliktreichen Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten kann untersucht werden, ohne in ein Muster gepresst zu werden. Löst man sich von der Assoziation von Protest mit den 1960er Jahren, öffnet das den Blick auf die Konflikthaftigkeit der 1950er Jahre, sei es in Debatten und Kämpfen um Frauenrechte oder in Konflikten in der Arbeitswelt, die Süß zufolge gerade in dieser Dekade noch scharf ausgetragen wurden.[41]  Eine Konsequenz dieser Verschiebung der Sehepunkte ist ein Wandel des Verständnisses von Partizipation in der Geschichte der Bundesrepublik: Ältere Darstellungen stellten vermeintlich partizipationsarmen Dekaden wie den scheinbar »unpolitischen« und »ruhigen« 1950ern und den »politikverdrossenen« 1980ern jene Phasen gegenüber, in denen Partizipation in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte (mit 1968 als Kern des Narrativs). Der erweiterte Blick, der frühe Aktivist:innen für Frauenrechte ebenso einbezieht wie migrantische Streiks und rechte Mobilisierungen, lässt hingegen die Bundesrepublik in ihrer ganzen Geschichte als Gesellschaft sich wandelnder, aber stets intensiver Partizipationsansprüche erkennen.

Auch wenn die Beschleunigung von Wandlungsprozessen in den 1960er und 1970er Jahren insgesamt von den Beiträgen dieses Bandes bestätigt wird, zeigt doch etwa Freeland, dass in der Praxis der 33Geschlechterverhältnisse die 1990er Jahre eine wichtigere Dekade des Wandels darstellten. Mit Blick auf die Vereinigung erweist sich die Fruchtbarkeit des Konzepts der Ko-Transformation, ohne die Zäsur 1989/90 dabei absolut zu setzen: Maubach, Brückweh und Gatzka zeigen in ihren Beiträgen zu Vereinigung, Wohnen und Demokratie auf, dass es sinnvoll ist, die 1980er und die 1990er Jahre in Verschränkung zu denken. Die Probleme, die die Bundesrepublik 2.0 bearbeiten musste, waren in vieler Hinsicht im geteilten Deutschland der 1980er Jahre vorgeprägt.[42]  Das relativiert die politische Zäsur von 1989/90 für eine Gesellschaftsgeschichte der gesamten Bundesrepublik, und darüber gilt es weiter zu diskutieren.

c. Wessen Geschichte(n)? Akteure und ihre Stimmen

Liest man die Bücher zur westdeutschen Nachkriegsdemokratie, fällt bei genauem Hinsehen ins Auge, wie häufig von »den« Deutschen die Rede ist, so, als ob sie nichts im Inneren getrennt hätte. Das mag stilistisch nicht immer zu vermeiden sein, steht aber gerade in der deutschen Zeitgeschichtsforschung auch für eine problematische Wahrnehmungs- und Erzähltradition. Wenn Historiker:innen Geschichten erzähl(t)en von der Ablehnung »der« Deutschen gegenüber der Entnazifizierung, von der anfangs mangelnden Bereitschaft »der« Deutschen zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, von einer Umkehr »der« Deutschen oder auch der Wandlung »der« Deutschen zu vermeintlichen Weltmeistern der Aufarbeitung, dann erscheint als Kollektiv meist jener – zweifellos nicht kleine – Teil der Bevölkerung, der vor 1945 das NS-Regime unterstützt oder von ihm profitiert hatte, nach 1945 eher widerwillig, aber – so die Erzählung – meist dann doch langfristig von ihm Abstand nahm. Das ist aus einer Reihe von Gründen problematisch, von denen hier vier genannt werden sollen:

Auch wenn der historiographische Blick auf dieses gedachte Kollektiv häufig mit der wohlmeinenden Intention einherging, problematische Haltungen einer Bevölkerungsmehrheit zu betonen, brachte er doch erstens eine sekundäre Marginalisierung jener hervor, die im Nationalsozialismus verfolgt und entrechtet wurden 34oder ihm auch nur nach 1945 dezidiert distanziert gegenüberstanden.[43]  Wer, so fragt etwa Derix, ist das »Wir« auf Schildern des »Wir gedenken«? Zweitens reproduziert die Rede von »den« Deutschen das in den 1950er Jahren entworfene harmonische Bild einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Schelsky) und unterschlägt die Prägekraft von Konfliktlinien nicht zuletzt entlang von class. Ungleichheit wurde gerade in der deutschen Zeitgeschichte lang vernachlässigt, wie Römer in diesem Band zeigt. Sie charakterisierte die Gesellschaft der Bundesrepublik in höherem Maße, als zeitgenössische Soziologen und spätere Historiker:innen es wahrhaben wollten, wenngleich immer wieder Wissen über sie produziert wurde. Drittens exkludiert(e) die Rede von »den« Deutschen in vielen Narrativen implizit Migrant:innen (auch jene, die eine deutsche Staatsbürgerschaft annahmen). Maria Alexopoulou hat die Frage nach den verdeckten Konturen des »Wir« in westdeutschen Selbstbeschreibungen jüngst präzise aufgeworfen.[44]  Lauren Stokes geht in diesem Band einigen Konsequenzen dieser Exklusion nach und zeigt Wege eines notwendigen Wandels. Schon die narrative Struktur vieler Darstellungen, die »Wandlungen« der Deutschen nach 1945 verfolgten, ließ die nach 1945 Zugewanderten nicht als Teil dieser Geschichte erscheinen, allenfalls den »Umgang« mit ihnen. Viertens schließlich war auch Geschlecht als Konfliktlinie in den älteren Synthesen kaum präsent; so waren mit der Rede von »den« Deutschen häufig Männer gemeint. Dass sich der methodologische Kollektivismus der Zeitgeschichte dann in der ebenfalls unzulänglichen Rede von »den« Ostdeutschen fortsetzte, die natürlich ebenso wenig homogen waren wie die westdeutsche Gesellschaft, ist wenig überraschend. Treffend spricht Franka Maubach mit Blick auf konkrete Orte und Räume dann auch von der »Vereinigungsgesellschaft im Plural« und weist auf die Mannigfaltigkeit des Wan35dels hin, der Menschen in den Landschaften der ost-westdeutschen Transformation erfasste.

Von besonderer Schärfe als neue Linse der Zeitgeschichtsschreibung ist die Kategorie »Geschlecht«. Als die Bundesrepublik vor 15 Jahren ihren 60. Geburtstag feierte, konstatierte der bereits erwähnte Jubiläumsband, die Geschichte der Bundesrepublik sei »in stärkstem Maß« vom »weitreichenden, tiefgreifenden Wandel der Rolle der Frau« gekennzeichnet.[45]  Im Widerspruch zu dieser männlichen Diagnose lag gerade die Geschichtsschreibung in diesem Band wie über ihn hinaus fest in männlicher Hand. Das galt insbesondere für die deutsche Zeitgeschichtsforschung: In dem Jubiläumsband selbst waren neben 29 Männern gerade einmal vier Frauen vertreten, drei Sozialwissenschafterinnen und eine einzige Historikerin, die sich dem Thema »Hausarbeit und Karriere« widmen durfte.[46]  Die frühen deutschsprachigen Gesamtdarstellungen der Bundesrepublik waren allesamt aus männlicher Perspektive geschrieben; weibliche Perspektiven in Buchform kamen zunächst nur aus dem Ausland.[47] 

Das Personal der Zeitgeschichtsforschung hat sich mit Blick auf Geschlecht nach einer vielen Dekaden prägenden männlichen Dominanz in den letzten zehn Jahren sehr deutlich diversifiziert; der Wandel der Themen und Fragen in der Zeitgeschichtsforschung steht mit einem Generationswandel und auch mit diesem Geschlechterwandel in Verbindung. Noch vor 15 Jahren akzeptierte, homogenisierende und letztlich realitätsfremde Fortschrittserzählungen, wie auch die oben zitierte Formulierung von dem Wandel der Rolle der Frau, sind passé. Ihnen entgegen stellt Freeland in ihrem Beitrag die Analyse verschiedener Phasen, Konturen und Facetten von feministischem Aktivismus sowie den Verweis auf widersprüchliche und ungleichzeitige Entwicklungen in verschiedenen Aspekten der Geschlechterrollen. Die Fragilität und Um36kehrbarkeit des jeweils Erreichten werden bei ihr sehr deutlich. Sie zeigen sich aber auch in den Entwicklungen der Gegenwart – der gesunkene Frauenanteil im neuen Parlament nach der Bundestagswahl 2025 mag das nur unterstreichen. Viel kritischer als bisher aber muss die Zeitgeschichtsforschung vor allem nach den Gründen und Folgen mangelnder Diversität mit Blick auf Nationalität, Sozialisation oder »Ethnie« ihres Personals fragen; hier zeigt sich noch kaum Wandel. Böick vertieft in seinem Beitrag dieses Problem mit Blick auf die Asymmetrie westlicher und östlicher Sozialisierungen in der »Zunft«.

Die Frage, wer spricht, lässt sich sodann darauf beziehen, wer zeitgenössisch gehört wurde, wem Historiker:innen heute eine Stimme geben und welche Konsequenzen das für ihre Darstellungen hat. Die Beiträge dieses Bandes versuchen, (zumindest) reflektierte Distanz zu homogenisierenden Kollektiverzählungen zu wahren. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf multiple Akteursgruppen auch unterhalb der politischen Elite, beziehen eine neue Breite von Perspektiven ein – Fragen nach Konfliktlinien entlang von class, race und gender, nach der Kluft zwischen Geschichten politischen Wandels und den manchmal konträren Erfahrungsgeschichten einzelner oder ganzer Gruppen. Das bleibt herausfordernd und unvollkommen, denn in vielerlei Hinsicht stehen wir noch am Anfang neuer Erzählungen, die von der Vielfalt anstatt von der gedachten Homogenität ausgehen. So skizzieren die Beitragenden in jenen Feldern, in denen diese Linien bisher nur begrenzt mitgedacht wurden und die Stimmen vieler nicht gehört wurden, mögliche Wege für zukünftige Forschungen. Klarer als zuvor wird: Die Deutschen gibt es nicht.

4. Die Ausweitung des Politischen: Schluss

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis dieses Bandes lässt im Vergleich zu älteren Jubiläumsbänden klar einen Wandel in der Hierarchisierung des »Relevanten« erkennen. Traditionelle Politikgeschichte tritt hier in den Hintergrund, das zeigt nicht zuletzt einen Wandel des Geschichtsverständnisses von Zeisthistoriker:innen an. Die deutsche Zeitgeschichtsforschung war länger als die Forschung zu anderen Epochen und in der Tendenz auch stärker als die His37