Neues Leben für Stephanie - Lisa Holtzheimer - E-Book

Neues Leben für Stephanie E-Book

Lisa Holtzheimer

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Beschreibung

Als die Beziehung zu ihrem Freund zerbricht, will Stephanie nur noch eins: möglichst weit weg von Hamburg, von den Erinnerungen und ihrem alten Leben. Da kommt ihr die Stellenanzeige aus dem südlichsten Zipfel Deutschlands ganz recht. Kurze Zeit später findet sich die junge Krankenschwester in einem völlig neuen Leben wieder. Beschauliche Kleinstadt im Voralpenland statt Millionenstadt an der Elbe, ein gewöhnungsbedürftiger Dialekt der Menschen dort und der Mangel an Freunden und Bekannten machen ihr den Einstieg nicht leicht. Erst die sich langsam entwickelnde Freundschaft zu einer gleichaltrigen Kollegin beginnt dies zu ändern. Doch als Britta sie in einen Hauskreis einlädt, ist Stephanie irritiert. Was – um alles in der Welt – ist nun das wieder? Auch ihr Vorsatz, von Männern so schnell nichts mehr wissen zu wollen, wird auf die Probe gestellt. Wird einer ihrer neuen Bekannten es schaffen, ihr Herz zu erobern? Der Leser begleitet Stephanie etwa ein Jahr lang auf der spannenden Reise in ihr ganz persönliches neues Leben.

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Seitenzahl: 741

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lisa Holtzheimer

Neues Leben für Stephanie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Stephanie schaute sehnsüchtig aus dem Fenster. Strahlender Sonnenschein über den nahen Bergen ließ sie sogar ihr seit Tagen anhaltendes Heimweh vergessen und lockte sie in den Schnee am Fuß der Berchtesgadener Alpen. Leider hatte ihr Dienst auf der chirurgischen Station im dritten Stock der kleinen örtlichen Klinik gerade erst begonnen; und wenn sie Feierabend machen konnte, würde es lange dunkel sein. Erst am Mittwoch war ihr nächster freier Tag. Bis dahin blieben ihr nur ein paar Stunden am Vormittag, um den Schnee zu genießen.

„Immerhin, davon gibt es hier genug – ganz im Gegensatz zu Hamburg“, dachte sie. Dort war es immer nur matschig und grau in grau. „Eigentlich verrückt, sich dorthin zurückzusehnen.“ Doch manchmal liefen Verstand und Herz eben doch gegeneinander. Ihre Freunde aus der Hansestadt fehlten ihr nach ihrem Umzug sehr und noch fühlte sich Stephanie ziemlich einsam hier im südlichsten Zipfel Deutschlands. Bisher beschränkten sich ihre Kontakte auf ihre Kolleginnen, den Friseur und die Verkäuferinnen im Supermarkt.

Sie ließ ihre Blicke weiter über die Berge schweifen und wusste aus Erzählungen ihrer Kollegen, dass sich am Jenner in der Saison unzählige einheimische und mindestens ebenso viele Urlaubs-Skifahrer tummelten. Ski fahren – ob sie sich das jemals trauen würde? Als bisher absolut überzeugtes Nordlicht hatte sie sich nie näher für diesen Sport interessiert, aber hier war alles so greifbar nahe, dass man tatsächlich einen anderen Blick dafür bekam. Unendlich viele Menschen trieben sich gerade in dieser Jahreszeit Ende Februar hier herum, aber Kontakte knüpfen war trotzdem nicht so einfach. Die meisten waren Urlauber, Touristen, die eine, zwei oder auch drei Wochen den Schnee genießen wollten, den ganzen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf der Skipiste verbrachten oder dem munteren Treiben an der Königssee-Bobbahn zuschauten. Abends irgendwo ein bisschen apres Ski, dann fielen sie wie tot in ihre Hotelbetten, erschöpft von der ungewohnten Bewegung an der frischen Bergluft.

„Naja“, dachte Stephanie halblaut, „jemanden von den Touristen kennen zu lernen, nützt mir ja auch nichts. Der ist gleich wieder weg, und ich wohne schließlich hier.“

Das musste sie sich noch öfter selbst sagen: ich wohne hier. Zu ungewohnt war dieser Gedanke zurzeit noch für sie. Als Teenager hatte sie einmal mit ihrer Familie Urlaub in Österreich gemacht. Damals war ihr es so langweilig gewesen, dass sie sich seither nie wieder für Berge und alles, was damit in irgendeiner Hinsicht zu tun hatte, interessierte. Als Hamburgerin kannte sie sich aus mit Wasser, Ebbe und Flut, sie konnte Krabben pulen und Plattdeutsch schnacken; schon als Kind hatte sie segeln gelernt, kannte Begriffe wie Luv und Lee und Steuerbord und Backbord aus dem Effeff und konnte mit ihrem Wissen über Seefahrt sogar in Hamburg manchen Leuten imponieren. Berge – das war eine andere Welt, so weit weg wie Australien oder die Chinesische Mauer. Sie hatte nie das Bedürfnis verspürt, diese Landschaft wiederzusehen. Doch jetzt hatte sie ihren Wohnsitz seit knapp zwei Monaten im Berchtesgadener Land. „Eine krasse Wende“, dachte sie. Doch zu ihrem eigenen Erstaunen gefiel es ihr in diesem Städtchen kurz vor der österreichischen Grenze wirklich gut; die hohen Berge faszinierten sie mehr, als sie jemals gedacht hätte. Wenn sie nur langsam einmal ein paar vernünftige Leute kennen lernen würde! Der Mangel an privaten Kontakten machte ihr zu schaffen.

Rosa, eine Kollegin, unterbrach ihre Gedanken und holte sie in die Gegenwart zurück. Die freundliche ältere Frau drückte ihr eine Tasse Kaffee in die Hand. „Ruhig heute, gell? Aber wer weiß, wie lange noch.“ Rosa konnte bei aller Anstrengung, in verständlichem Hochdeutsch zu sprechen, ihren urbayerischen Akzent nicht unterdrücken. Sie war ein netter, mütterlicher Typ. Sie bemerkte Stephanies Eingewöhnungsschwierigkeiten und versuchte ab und zu, ihr mit kleinen Gesten und Freundlichkeiten einfach etwas Gutes zu tun. Stephanie nahm es dankbar an; es tat ihr gut, dass jemand ihr das Gefühl gab, nicht ganz alleine auf dieser Welt zu stehen, und es machte ihr Hoffnung, dass auch die Zeit des sich–fremd–Fühlens ein Ende haben würde.

Eine Klingel summte. Stephanie stellte ihre Tasse ab und lief auf den langen Gang. Am anderen Ende des Flures leuchtete die Lampe über einer Tür. Stephanie betrat das Zimmer, in dem drei junge Frauen lagen. Zwei waren schon wieder recht munter auf den Beinen. Die quirlige Frau Krause aus Münster, die einen Skihang zu rasant genommen hatte und sich nun die Skiabfahrten nur noch im Fernsehen anschauen durfte, aber sämtliche Bewegungen so mitmachte, dass ihre Zimmernachbarinnen manchmal Angst hatten, sie würde gleich aus dem Bett fallen, und die eher schüchterne Asanja Mbabwe aus Ghana, die zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee live erleben wollte und die Erfahrung machen musste, dass dieser nicht nur schön, weiß und kalt, sondern manchmal auch glatt ist. „Das hat man mir am Goethe-Institut nicht beigebracht“, bemerkte sie trocken, als ihr Bein eingegipst wurde.

Gestern war Svenja Bergmann dazu gekommen. Die Studentin aus München wollte ein paar Tage lang dem Alltag entfliehen; nur kleinere Wanderungen unternehmen, die frische Bergluft genießen und einfach entspannen. Am dritten Tag wurde sie mit einer akuten Blinddarmentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Keine zwei Stunden später lag sie auf dem Operationstisch.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte Stephanie, als sie an Svenjas Bett stand. Das junge Mädchen war noch etwas blass, aber ansonsten hatte sie den Eingriff gut überstanden. „Ich möchte zur Toilette gehen, aber alleine klappt das wohl noch nicht so ganz“, grinste sie. „Na, dann gehen wir gemeinsam.“ Stephanie half ihr behutsam aus dem Bett und stütze sie beim Gehen.

* * *

Langsam wurde es dämmerig, aber die Sicht war immer noch erstaunlich klar. Berchtesgaden lag hell erleuchtet ein wenig unterhalb der Klinik – ein wirklich traumhafter Anblick. Fast von einem Moment auf den anderen verschwand die Sonne hinter den Bergen, die sich jetzt nur noch als dunkle Silhouette vor dem mondhellen Himmel abzeichneten. Noch 2 Stunden, dann war ihr Dienst zu Ende. Sie sehnte sich nach einem heißen Bad und einem gemütlichen Fernseh-Abend bei einem guten Glas Rotwein. Fehlte nur noch eine Person: Jana, ihre beste Freundin. Aber die war in Hamburg. Ihre Telefonleitung würde wieder glühen heute Abend.

2

„Endlich Urlaub!“ Michael Aschmann sprang aus dem Zug. Die letzten Wochen in der Firma waren mehr als stressig gewesen, Überstunden gehörten zur Tagesordnung, und nicht selten war er noch spät am Abend an irgendwelchen Computern beschäftigt gewesen, die wieder einmal alle gleichzeitig vergessen hatten, was ihre Aufgabe war. EDV-Betreuer in einer expandierenden Firma zu sein, brachte ihm zwar ein gutes Gehalt, aber manchmal auch mehr Stress, als ihm lieb war. Bis gestern Mittag war es nicht wirklich klar, ob er seinen schon lange gebuchten Urlaub auch antreten konnte. Dank seiner Doppel- und Dreifachschichten in den letzten Wochen konnte er aber alle Arbeit tatsächlich so weit abschließen, dass es möglich war, sich für zwei Wochen auszuklinken. Ihn lockte nicht die Sonne auf Mallorca oder die Karibik; für ihn begann der Urlaub dort, wo die Berge begannen.

Er schlenderte langsam zur Gepäckausgabe des Bahnhofs, um seine Skier abzuholen. Die gehörten natürlich zu einem richtigen Winterurlaub dazu. Sein Koffer würde in der Pension schon auf ihn warten, den hatte er vorher aufgegeben. Er freute sich wie ein kleiner Junge auf den Schnee, auf die Abfahrten, auf die Berge. Er war nicht zum ersten Mal hier – Berchtesgaden hatte es ihm angetan, seit er vor 7 Jahren eher zufällig hier gelandet war. Damals war Sommer gewesen, aber er hatte sich die Landschaft sofort im Winter vorgestellt, die genialen Möglichkeiten zum Wintersport entdeckt und sich in seiner Pension direkt für zwei Wochen im Februar ein Zimmer vormerken lassen. Das war inzwischen zum festen Termin geworden – zwei Wochen im Februar oder Anfang März in Berchtesgaden, manchmal auch noch einmal im Sommer. Dieses Städtchen mit seinem unverwechselbaren Charme war für ihn zur zweiten Heimat geworden. Trotzdem konnte er sich nicht entschließen, Frankfurt zu verlassen, um hier zu leben. So blieb immer die Urlaubs-Vorfreude, das Aufregende, das ihm zu schade war, um es zu seinem Alltag zu machen. Außerdem fand in Frankfurt sein Leben statt, dort waren seine Familie, seine Freunde, seine Gemeinde und ... da war Katrin.

Katrin hätte ihn eigentlich in diesem Urlaub begleiten sollen, das Zimmer war schon gebucht. Die Erzieherin war von Darmstadt nach Frankfurt gezogen, weil sie dort eine gute Arbeitsstelle gefunden hatte. In der Gemeinde hatten sie sich kennen gelernt, und Michael war schon beim ersten Gespräch verliebt. Auch Katrin fand ihn sympathisch, und schon kurze Zeit später trafen sie sich so regelmäßig, als wären sie uralte Freunde. Sie konnten über alles reden, hatten viele gemeinsame Interessen und teilten die Liebe zur Musik. Mit Klavier und Gitarre hatten sie oft zusammen musiziert. Irgendwann – keiner von ihnen konnte ein genaues Datum nennen – war es klar, dass sie mehr als nur Freunde waren.

Das war jetzt beinahe zwei Jahre her. Im Sommer waren sie zusammen in Italien gewesen und in diesem Winter wollte er ihr endlich Berchtesgaden zeigen und mit ihr Ski fahren. Katrin war ein wenig skeptisch gewesen, denn sie hatte noch nie auf Skiern gestanden. Aber schließlich hatte sie im Herbst zugesagt, mitzukommen.

Zu Weihnachten hatte Michael seiner Freundin einen Gutschein für einen Skikurs geschenkt, und noch vor Silvester gingen sie gemeinsam in ein Sportgeschäft, um auch für Katrin das passende Outfit für einen Ski-Urlaub zu suchen.

Während Michael zu Fuß zu seinem Urlaubsquartier ging, hing er seinen Gedanken nach. Selbst die strahlende Nachmittagssonne nahm er kaum wahr, und beim Überqueren der Straße wurde er beinahe von einem glücklicherweise langsam fahrenden Wagen erfasst. Das laute Hupen des erschrockenen Fahrers brachte ihn wieder zurück in die Wirklichkeit. Er sah sich um, bemerkte endlich die geliebten Berge, beobachtete eine Weile die kleine Seilbahn, die die Winterurlauber mitten aus dem Ort direkt auf den Obersalzberg brachte, und setze dann das letzte Stück Weg fort.

Die herzliche Begrüßung von Pensionswirtin Christine ließ ihn erst einmal alle traurigen Gedanken vergessen. Dass Katrin doch nicht mitkäme, hatte er ihr schon am Telefon gesagt. Christine war diskret genug, nicht weiter nach den Gründen zu fragen. Sie kochte erst einmal eine Kanne Kaffee und lud Michael zu selbstgebackenem Kuchen ein. In den vergangenen Jahren, in denen Michael immer wieder in ihrem Haus abgestiegen war, hatte sich beinahe so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Sie selbst genoss es, eine Stunde Pause zu machen, bevor die nie enden wollende Arbeit in der Pension weiter ging. Sie erzählte von den neuesten Neuigkeiten in und um Berchtesgaden, zeigte ihm Fotos von Birgit, der 16-jährigen Tochter, die das Zeug hatte, sich einen Platz in der Ski-Nationalmannschaft zu erarbeiten, und erzählte von den immer neuen Ideen ihres Sohnes. Die Pensionsgäste hatten ihren Spaß an den Streichen des Zwölfjährigen; seine Eltern hingegen fanden seinen Übermut nicht immer nur witzig. Auch Peter, Christines Mann, schaute kurz vorbei, trank einen schnellen Kaffee, musste dann aber wieder weiter. Als selbständiger Taxi-Unternehmer hatte er in der Wintersaison nicht weniger zu tun als im Sommer, und ausgerechnet jetzt hatte sein Aushilfsfahrer einen Unfall mit dem zweiten Wagen gehabt. Peter klopfte Michael zur Begrüßung auf die Schulter und deutete auf die sich langsam in der Dämmerung verkriechenden Berge: „Schönes Wetter hast du mitgebracht. Bleib nur recht lange, damit es so bleibt.“ Michael grinste und versprach, sein Bestes zu tun.

Eine Stunde später betrat er „sein“ Zimmer, begann, seine Kleidung in den Schrank zu hängen, und trat dann auf den Balkon, um jetzt erst einmal in Ruhe die Umgebung auf sich wirken zu lassen und die winterliche Bergluft zu atmen, um „im Urlaub anzukommen“.

* * *

Der „Soleleitungsweg“, von dem ein Teil über dem Städtchen verlief, war selbst an Winterabenden ein Geheimtipp. Die verschiedenen Aussichten, die sich von dort boten, riefen in Michael immer wieder ein Gefühl der Faszination hervor. Er hatte sich fast von Anfang an angewöhnt, den Urlaub in Berchtesgaden mit einem Spaziergang auf der ehemaligen Sole-Leitung von Berchtesgaden nach Bad Reichenhall zu beginnen. Hier konnte er seinen Gedanken Raum geben, hier konnte er den Zauber des schneebedeckten und hell erleuchteten Ortes genießen und die gute Bergluft atmen.

Den Rückweg ging er durch den Ortskern, der auch zu recht später Stunde noch voller Leben war. Die Urlauber, die tagsüber sämtliche großen und kleinen Skipisten in der Umgebung mit Beschlag belegten, trafen sich nun in den zahlreichen Restaurants, Bistros und Wein- oder Bierlokalen im Zentrum der kleinen Stadt oder ließen sich bezaubern von deren so ganz eigenem Flair in der Winternacht. An einer Telefonzelle konnte Michael nicht widerstehen; er trat in das Häuschen, warf ein paar Münzen ein und wählte Katrins Telefonnummer. Nach zwei Klingeltönen jedoch legte er den Hörer wieder auf die Gabel zurück, nahm eilig das zurückfallende Geld aus der Schublade und verließ beinahe fluchtartig die Zelle. Mit einem Anruf bei ihr hätte er letztendlich sich nur selbst wehgetan. Wirklich begriffen hatte er immer noch nicht, was Katrin ihm vor knapp fünf Wochen offenbart hatte. Er hatte sie seitdem nicht wieder gesehen und auch nicht mehr mit ihr gesprochen.

Der Gedanke an sie zerriss ihm beinahe das Herz. Um ihn herum überall Pärchen – Hand in Hand bummelten sie an den Schaufenstern vorbei, turtelnd saßen sie im Lokal, heftig diskutierend wohnten sie im Nebenzimmer in seiner Pension. Wie sollte er den Urlaub jemals genießen können? Nicht einmal hier würde er abschalten können.

3

Das Telefon klingelte. „Hallo? – Moment.“ Jana musste erst einmal das Radio leiser stellen, damit sie überhaupt verstand, wer am anderen Ende war. „So, jetzt kann ich ‘was verstehen. Wer? Steph! Hi! Mensch, am helllichten Tag. Hast du keinen Dienst?“ – „Grippe, na toll. Die ist an mir bisher vorüber gegangen. Hast du wenigstens eine gute Pflege?“ Jana grinste hörbar. „Nein“, hörte sie Stephanie mit kaum erkennbarer Stimme krächzen, „ich könnte dich gut gebrauchen.“ „Dabei bist du die Krankenschwester! Mensch, ich würde so gerne kommen, aber mein Chef lässt mich garantiert jetzt nicht weg.“

Fast 1 ½ Stunden telefonierten die Freundinnen miteinander – selten schafften sie es, sich kürzer zu fassen. Jana fehlte Stephanie sehr, und die neuesten Neuigkeiten aus Hamburg wollte sie natürlich auch nicht verpassen. Während sich in ihrer neuen Heimat die Urlauber die Klinke in die Hand gaben, fegte ein handfester Sturm über die Hansestadt, deckte zum Teil Dächer ab und ließ das Wasser der Nordsee und damit auch das der Elbe gefährlich hoch steigen. „Naja“, dachte sie bei sich, „wenigstens wohnt Jana im 5. Stock, da wird kein Hochwasser sie erreichen.“ Und bis zum Dach waren noch einmal 4 Stockwerke über ihr. Aber aus ihrem Wohnzimmerfenster würde sie das schaurig–schöne Schauspiel aus nächster Nähe live beobachten können, denn sie blickte über die Landungsbrücken auf den Hamburger Hafen. Keine billige Wohngegend, aber als Assistentin des Geschäftsführers einer exklusiven Werft konnte sie sich diesen Luxus leisten. Jana liebte ihren Hafen, beobachtete gerne die Schiffe und hatte hier ihre Vorliebe mit ihrem Beruf verbunden.

Stephanies und Janas Eltern hatten in derselben Straße im Hamburger Norden gewohnt. Die beiden Mädchen waren fast wie Schwestern aufgewachsen, fuhren zusammen in die Ferien und besuchten dieselbe Schule. Später kauften Janas Eltern ein Haus im äußersten Stadtteil, gleich an der Elbe. Der Freundschaft tat dies keinen Abbruch, und durch den nahen Fluss lernten Jana und Stephanie ganz selbstverständlich den Umgang mit dem Wasser, lernten Schiffe kennen und interessierten sich dafür, woher diese kamen und wohin sie fuhren. Oft hielten sie sich in der Hafengegend auf, und mehr als einmal hatten sie sich auf ein großes Frachtschiff geschlichen, dessen Ladung gerade gelöscht wurde. Erwischt wurden sie nie. Heute war Jana sich im Klaren darüber, welche Konsequenzen gefolgt wären, hätte jemand sie doch einmal gesehen. Dass sie irgendwann einmal nicht rechtzeitig von Bord kommen könnten, davor hatten die Mädchen nie Angst gehabt. Die Abenteuerlust war so viel größer als solche Überlegungen.

Während Jana nachdenklich den stürmischen Wolken zusah, dachte sie daran, dass sie und Stephanie einmal während eines ähnlichen Sturms fast ertrunken wären. Sie wollten unbedingt das neue Segelboot ausprobieren. Es war Sommer, windstill, nur wenige Wolken tummelten sich am Himmel. Janas Vater hatte sich breitschlagen lassen und seiner einzigen Tochter zum Geburtstag die heiß ersehnte Segeljolle geschenkt. Drei Tage später endlich Sonnenschein, da hielt Jana nichts mehr. Und Stephanie musste natürlich dabei sein. Segeln konnten sie beide fast so lange, wie sie laufen konnten. Das Wasser und ein Boot waren keine Fremdkörper. Auch das Wetter konnten sie einigermaßen einschätzen, aber an diesem Tag hatten sie keinen Blick für den Himmel. Gleich nach der Schule fuhren sie mit der S-Bahn an die Alster, wo das Boot lag. Die Schwimmwesten übergezogen, die Leinen los und ab auf die Außenalster. Ein paar Stunden kreuzten sie auf dem Binnenmeer, als der Wind plötzlich drehte und dunkle Wolken schickte. Ihr Boot war mitten auf der Alster – mindestens eine halbe Stunde bis zum nächsten Ufer. In ihrem Eifer hatten sie kaum bemerkt, dass fast alle anderen Boote längst den Weg ans Ufer angetreten hatten. Jetzt waren sie völlig alleine auf dem immer mehr aufschäumenden Wasser, und zu regnen begann es auch. Am weit entfernten Ufer konnten sie jetzt die blinkenden Sturmwarnleuchten erkennen – und bald war dieses Licht das einzige, was noch zu sehen war. Der Sturm nahm zu, und kein Schiff war auf dem Wasser. Schlimmer noch, weder Janas noch Stephanies Eltern wussten, dass die Teenager auf der Alster waren.

Das kleine Boot wurde immer mehr hin und her gepeitscht, und längst hatten sie nasse Füße bekommen. Stephanie hielt sich krampfhaft am Mast fest – das Segel hatten sie gerade noch rechtzeitig einziehen können. Jana versuchte immer noch, das Boot irgendwie zu steuern, aber es war aussichtslos. Mehr als einmal drohte die Jolle umzukippen, und einmal fiel Stephanie dabei beinahe ins tobende Wasser.

Die Mädchen wussten nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie plötzlich ein Motorengeräusch hörten. Erst konnten sie es kaum glauben, doch dann kam ein Motorboot immer näher. Einige Minuten später fanden sie sich in einer warmen Kajüte wieder, registrierten wie im Traum, dass ein Mann das kleine Segelboot mit einem Tau an dem Motorboot befestigte und jemand anders sie in warme Decken hüllte. An Land im Haus der Seenotrettung begrüßte sie Janas Vater – halb verärgert, aber mehr erleichtert, dass seiner Tochter und deren Freundin außer Erschöpfung und durchnässter Kleidung nichts passiert war. Nachdem Janas Mutter bei Stephanie angerufen hatte, um zu fragen, ob die Mädchen dort seien, und Stephanies Mutter gedacht hatte, sie seien bei Jana, lag der Gedanke nahe, dass sie mit dem Boot unterwegs seien.

Jana musste fast lachen, als sie an die halbherzige Standpauke ihres Vaters dachte, der sie anschließend mit Tränen in den Augen in die Arme geschlossen hatte. Stephanie war es ein bisschen schlimmer ergangen. Ein absolutes Verbot, jemals wieder mit Jana das Segelboot zu betreten, war die Folge. Natürlich hatten sie sich nicht strikt daran gehalten und immer wieder Wege gefunden, doch dem geliebten Hobby nachzugehen.

Jetzt, mehr als 15 Jahre später, kam es Jana vor wie ein Film. Die kleine Jolle gab es immer noch. Sie stand im Garten der Eltern, wurde liebevoll gehegt und diente als Blumenbeet. Heute segelte Jana im Verein auf größeren Booten, und ein Segelurlaub mit Stephanie war für den Sommer geplant. Ob daraus etwas werden würde? Sie hatten es sich fest versprochen, als Stephanie Hamburg verließ, wussten aber beide nicht, ob sie zeitgleich Urlaub nehmen konnten.

In Berchtesgaden ging die Sonne unter, als Stephanie wieder aufwachte. Den halben Nachmittag hatte sie auf der Couch gelegen und geschlafen. Dass das Radio leise im Hintergrund lief, störte sie nicht im Geringsten. Der Schlaf hatte ihr gut getan, und sie fühlte sich ein wenig besser. Sie wollte möglichst bald wieder fit sein, darum ließ sie sich jetzt ein Erkältungsbad ein. Während das Wasser in die Badewanne strömte, kochte sie sich noch einen Erkältungstee und nahm den heißen Becher mit ins Badezimmer. Sie wollte gerade in das dampfende Wasser steigen, als das Telefon klingelte. Sie überlegte kurz und entschied sich dann, es klingeln zu lassen. Wer etwas Wichtiges wollte, würde sich wieder melden oder eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie hörte noch, wie das Gerät sich einschaltete, dann übertönte das leise Platschen die Geräusche aus dem Wohnzimmer, als sie sich langsam in die heiße Wanne sinken ließ. Erkältungsbad, Erkältungstee und Kerzen am Badewannenrand – da konnte sie doch nur noch gesund werden.

Als sie knapp eine Stunde später wieder das Wohnzimmer betrat, hörte sie den Anrufbeantworter ab. Ihre Mutter hatte versucht, sie zu erreichen. Es ging um Sandra, ihre Schwester. Die Nachzüglerin machte den Eltern immer mal wieder Sorgen. Wenn es zu arg wurde, musste Stephanie ihre Mutter beruhigen und ihr versichern, dass Sandra zwar ein Wildfang war, aber immerhin auch schon volljährig und durchaus in der Lage zu entscheiden, was sie tat. Sie hatte im Sommer kurz vor dem Abitur das Gymnasium verlassen, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, Erzieherin zu werden, „und dazu braucht man schließlich kein Abitur“. Nach drei Monaten an der Fachschule für Sozialpädagogik wurde ihr klar, dass das doch nicht ihr Traumberuf war, und heute hatte sie den Eltern in ihrer direkten Art mitgeteilt, dass sie sich dort abgemeldet hatte.

Stephanie erfuhr diese Neuigkeit, als sie ihre Mutter zurückrief. „Und was will sie jetzt machen?“, fragte sie schließlich, als ihre Mutter ihren Wortschwall beendet hatte? „Sie will doch das Abitur machen und dann Medizin studieren.“ Stephanie musste lachen. Die Liebe zur Medizin schien in der Familie zu stecken. Der Vater hatte ein Medizinstudium aus finanziellen Gründen abbrechen müssen, danach eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert und sich in harter Arbeit eine kleine, aber gut gehende Praxis aufgebaut. Stephanie wollte schon als kleines Mädchen Krankenschwester werden wie die Mutter und verfolgte diesen Weg geradlinig. Nur der ältere Bruder, Torsten, hatte mit Medizin nichts am Hut. Er hatte ein solides BWL-Studium abgeschlossen, kurz danach geheiratet und arbeitete als Geschäftsführer einer großen Firma. Und nun Sandra. Das Zeug dazu hätte sie.

Das sagte sie auch ihrer Mutter. „Wenn sie begriffen hat, dass sie mit dem Abitur doch weiter kommt – warum nicht? Ich glaube, sie gäbe eine gute Ärztin ab.“ Im weiteren Gespräch konnte sie ihre Mutter ein wenig beruhigen, aber sie war gespannt, wie sich diese Geschichte weiter entwickeln würde. Bei Sandra konnte man nie ganz sicher sein. Wenn ihr morgen einfiele, als Entwicklungshelferin nach Afrika gehen zu wollen, würde sie das ebenso direkt umsetzen wie ihre anderen Ideen auch.

4

Michael stand auf dem Balkon seiner Pension und versuchte, durch das Schneegestöber die nahen Berge auszumachen. Nicht einmal der Kehlstein war zu sehen, der sonst zum Greifen nahe schien. Bei Sonnenschein konnte er mühelos einen Teil des Kehlsteinhauses, dem ehemaligen „Eagles Nest“, auf dem Gipfel ausmachen. Jetzt war nicht einmal der Berg zu sehen. Seit drei Tagen ging das schon so. Sein mitgebrachtes gutes Wetter hatte sich verflüchtigt. Michael liebte den Schnee, aber er wollte ihn nicht nur vom Himmel fallen sehen; er wollte Ski laufen. Bei diesem Wetter unmöglich. Keine fünfzig Meter Sicht, da war die Abfahrt lebensgefährlich und sämtliche Pisten gesperrt. Freilich fanden sich trotzdem immer wieder ein paar Waghalsige am Berg, die alle Warnungen und Verbote in den Wind schlugen. Nicht selten endeten solche Abenteuer im Krankenhaus, und so manchen hatte es auch schon das Leben gekostet.

Michael hatte nicht vor, sein Leben zu riskieren, und im Krankenhaus wollte er auch nicht landen. So schmerzlich es auch war, auch heute blieben die Skier stehen. Es gab ja in dieser Gegend noch genügend andere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Gestern hatte er eine kleine Wanderung zum Königssee gemacht. Ein wunderschöner Weg durch den verschneiten Wald zum saubersten See Deutschlands, der trotz seiner teilweise 190 Meter Tiefe im Winter oft zufror. Auch jetzt überzog eine leichte Eisdecke das glasklare Wasser. Überall standen Schilder, die davor warnten, das Eis zu betreten. Leider war es nicht tragfähig. Der zugefrorene See bot einen faszinierenden Anblick. Eingebettet zwischen hohe Berge, lag er dort wie im Winterschlaf. Die lautlosen Elektroboote hatten ihren Betrieb schon lange eingestellt, aber dennoch tummelten sich Hunderte von Touristen am Seeufer. Die zahllosen Andenkenläden, Geschäfte und Restaurants hatten auch im Winter Hochsaison.

„Erst einmal frühstücken.“ Michael ging in den gemütlichen Frühstücksraum, nahm an einem der von Christine liebevoll gedeckten Tische Platz, goss sich eine Tasse Kaffee ein und wollte gerade sein Ei köpfen, als Florian Mooser hereinplatzte. „Hast du schon gehört? In der Raumsau ist eine Lawine abgegangen! Alle Straßen sind gesperrt, Hunderte Autos sind unter dem Schnee begraben! Die Bergwacht schafft es gar nicht, alle zu suchen! Keiner darf das Haus verlassen!“ Einen Moment stutzte Michael – in den Nachrichten vor einer halben Stunde hatte er davon nichts gehört. Dann wurden ihm die Übertreibungen dieser Aussage bewusst, und er sah den Jungen durchdringend an. Er kannte den Sohn der Pensionswirte, aber manchmal fiel er doch wieder auf dessen Streiche herein. Florian grinste breit: „Aber zuerst hast du’s geglaubt!“ Michael gab es zu. „Aber demnächst musst du dir was Neues einfallen lassen. So langsam kenne ich deine üblichen Fallen. Hast du keine Schule heute?“ „Nein, es ist doch eine Lawine abgegangen.“ Florian duckte sich, als Michael dazu ansetzte, mit dem Ei nach ihm zu werfen. „Heute ist Samstag. Ihr Urlauber habt ja eh gar kein Zeitgefühl!“

Stimmt, heute war Sonnabend. Wenn er noch etwas unternehmen wollte, bevor das Wochenende auch in den Orten begann, sollte er sich langsam auf den Weg machen. Das Wetter versprach keine Aussicht auf Besserung. So entschloss Michael sich, mit dem Bus nach Salzburg zu fahren. Die Mozartstadt war nicht weit entfernt, und er kannte sie schon von seinen früheren Besuchen. Hier gab es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Salzburg im Winter war eine besondere Attraktion. Er beendete sein Frühstück, packte seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

* * *

Stephanie war noch krankgeschrieben, aber heute traute sie sich endlich einmal wieder nach draußen. Die klare Winterluft würde ihr gut tun. Sie wickelte sich einen dicken Schal um den Hals, schlüpfte in die gefütterten Stiefel, zog den Reißverschluss des Anoraks bis oben hin zu und setze sogar eine Wollmütze auf. Eigentlich hasste sie Mützen, aber die letzte Woche im Bett hatte ihr gereicht. Eine Verlängerung der Erkältung konnte sie gar nicht brauchen. Noch zwei Tage, dann sollte und wollte sie wieder arbeiten.

Dicke Schneeflocken flogen ihr ins Gesicht, setzten sich auf die Augenbrauen und krochen in ihre Nase, als sie die Straße betrat. Sie hatte kein bestimmtes Ziel, wollte einfach nur frische Luft tanken, vielleicht ein paar notwendige Dinge einkaufen. Außerdem hatte sie Sehnsucht nach Menschen und Leben. Sie schlug den Weg zur Stadtmitte ein. Bei diesem Wetter waren nicht so viele Menschen auf der Straße. Die Einheimischen zogen es vor, es sich zu Hause gemütlich zu machen, doch viele Urlauber ließen sich nicht abschrecken und entdeckten das Bergstädtchen im Schneegestöber. An einer Bushaltestelle standen fast 10 Personen. Alles Touristen, vermutete Stephanie. Die wollten vermutlich aus dem vermasselten Skitag das Beste machen und ein bisschen Kultur im nahen Österreich schnuppern. Am liebsten würde sie mitfahren, Salzburg kannte sie noch nicht. Aber nach einer Woche im Bett mit noch leicht wackeligen Beinen war ihr das noch zu anstrengend. Und wenn sie zufällig jemand aus der Klinik sähe, würde das sicherlich auch nicht den besten Eindruck hinterlassen.

Krankgeschrieben heißt nicht, im Bett liegen zu müssen, das wusste sie nur zu gut, und ihre Kollegen natürlich auch. Gegen einen Spaziergang in Berchtesgaden war nichts einzuwenden, aber ein Ausflug nach Salzburg könnte leicht einen anderen Anschein erwecken. Ein Bus rollte langsam an die Haltestelle heran, schluckte die Menschenmenge und fuhr weiter. Stephanie spazierte weiter bis zum Marktplatz. Aus einem Café kamen verlockende Düfte, und sie stellte freudig erstaunt fest, dass sie diese schon wieder wahrnahm. Das war das Ende der Grippe! Sie öffnete die Tür und suchte sich einen Platz. Am späten Vormittag war noch nicht viel Betrieb hier, so dass sie die freie Auswahl hatte. Am Fenster hatte sie Gelegenheit, die Menschen zu beobachten, die vorbei gingen. Sie bestellte einen Cappuccino und ein belegtes Brötchen, entdeckte die ausliegenden Zeitungen und nutzte die Gelegenheit, einmal in der örtlichen Tageszeitung zu blättern und zwischendurch immer wieder einen Blick auf den Marktplatz zu werfen. Sie liebte es, die Menschen zu beobachten.

Touristen strömten auch im Winter in die Andenkenläden, ein alter Mann bewegte sich mühsam mit einem Stock über das glatte Pflaster, eine junge Frau schob einen Kinderwagen, ein etwa fünfjähriger Junge mit einem wuscheligen Hund an der Leine trabte hinter ihr her. Ab und zu blieb der Junge stehen und ließ sich von dem Hund über den Schnee ziehen. Stephanie musste lachen, als sie das Schauspiel beobachtete. Der Hund schien auch seinen Spaß daran zu haben und zog das Kind scheinbar mühelos über den Schnee. Die Mutter dagegen musste den Kinderwagen manchmal mit ziemlicher Anstrengung vorwärts bewegen. Ein bis zum Rand gefüllter Korb unter dem Wagen ließ auf einen größeren Einkauf schließen.

Eine Stunde später verließ Stephanie das Café, entschloss sich zu einem kleinen Einkauf und machte sich langsam wieder auf den Heimweg. Für den Anfang war dieser Ausflug genug.

* * *

Der Anrufbeantworter zeigte an, dass jemand eine Nachricht hinterlassen hatte. Stephanie warf ihre Jacke achtlos auf einen Sessel, stellte den Einkaufsbeutel vor dem Küchentisch ab und drückte die Wiedergabetaste an dem Gerät. „Hallo Stephi, ich wollte mal hören, wie es dir im tiefen Süden geht.“ Der Anrufer hatte keinen Namen genannt, doch das war auch nicht nötig. Es verschlug Stephanie auch so die Sprache. „Melde dich doch mal. Vermisst du Hamburg nicht?“ „Doch“, dachte sie, „im Moment sogar sehr. Musst du ausgerechnet jetzt anrufen, wo ich dich fast vergessen hatte?“ Seit ihrem Umzug hatte sie von Carsten nichts mehr gehört. Woher hatte er überhaupt ihre Telefonnummer? Sie hatte sie ihm nicht gegeben. Schon vor 5 Monaten hatten sie sich getrennt, und Stephanie wollte ein ganz neues Leben beginnen. Da kam die Stellenannonce in der Zeitung gerade recht. Sie bewarb sich spontan, und kurz darauf fuhr sie nach einem Vorstellungsgespräch im Kreiskrankenhaus Berchtesgaden mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche zurück nach Hamburg. Bevor sie sich richtig besinnen konnte, wurde es Zeit, sich um Kündigung, Wohnung und Umzug zu kümmern, und zum Jahresbeginn hatte sie ihren ersten Dienst-Tag auf der chirurgischen Station im südöstlichsten Zipfel Bayerns angetreten.

Erinnerungen kamen hoch, Erinnerungen an schöne Zeiten mit Carsten, an Urlaub an der Ostsee, in Spanien und auf Mallorca. Immer musste es am Wasser sein, Carsten konnte ohne dieses Element nicht leben. Auch Stephanie mochte das Wasser, doch für sie war es nicht derartig lebensnotwendig. In ihrer neuen Heimat hatte sie gleich am ersten freien Wochenende den Chiemsee besucht und festgestellt, dass dieser ausreichend groß war, um ihr Wasserbedürfnis zu stillen. Eine knappe Stunde Autofahrt war eine angemessene Entfernung. Für sie war schon klar, dass sie im Sommer öfter einmal dort zu finden sein würde. Für Carsten jedoch würde das niemals ausreichen.

Im letzten halben Jahr ihrer Beziehung hatten beide gemerkt, dass sie sich immer mehr voneinander entfremdeten. Jeder begann mehr und mehr, seine eigenen Wege zu gehen, seine eigenen Interessen stärker zu verfolgen, ohne auf den Partner zu achten. Als sie es endlich merkten, war es im Grunde schon zu spät. Alle halbherzigen Versuche, die Beziehung wieder zu kitten, blieben am Ende erfolglos. Eines Tages setzten sie sich zusammen und beschlossen offiziell, als Freunde auseinander zu gehen.

Während Carsten mit diesem Status weniger Probleme zu haben schien und sich auch ab und zu bei Stephanie meldete, fiel es ihr sehr schwer, plötzlich eine lockere Freundschaft zu ihrem ehemaligen Partner zu unterhalten. Sie ging ihm lieber aus dem Weg, das ermöglichte ihr, die Trennung erst einmal zu begreifen und auch zu akzeptieren. Seitdem sie 1000 km von Hamburg entfernt war, fiel ihr das ein bisschen leichter, zumal Carsten sich seitdem auch nicht mehr gemeldet hatte. Und nun diese Nachricht. Stephanie entschloss sich, den Anruf erst einmal zu ignorieren und nicht zurückzurufen. Sie drückte die Löschtaste an dem Gerät.

* * *

„Die Stadt der Liebe“, dachte Michael bitter, als er durch die schöne Innenstadt Salzburgs bummelte. Wie gerne hätte er diese Stadt mit Katrin erkundet, hätte ihr die Plätze gezeigt, die er so liebte, wäre mit ihr zur Festung hinaufgestiegen, hätte ihr das große Naturkunde–Museum gezeigt und die Gemütlichkeit der österreichischen Kaffeehäuser nahegebracht. Heute machte Salzburg ihm keine Freude. Gedankenversunken ließ er seinen Blick hoch zur weißen Festung schweifen, die im immer noch fallenden Schnee kaum zu sehen war. Der Weg hinauf würde heute gesperrt sein, außerdem war bei dem Wetter auch keine gute Aussicht zu erwarten.

Michael betrat das nächste Café, bestellte sich eine Melange und hing seinen Gedanken nach. Katrin wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Er griff nach einer der Ansichtskarten, die er vorher gekauft hatte, und schrieb ihr einen Urlaubsgruß. „Wer weiß, vielleicht wirkt das ja doch“, hoffte er im Geheimen. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass eine Freundschaft nach zwei Jahren von einem Tag auf den anderen zu Ende sein sollte, ohne Hoffnung auf eine Wiederbelebung. Thomas, der zusammen mit Katrin im Gospelchor Frankfurt sang, hatte es geschafft, dass sie alles über den Haufen warf und sich nicht mehr sicher war, ob sie Michael wirklich liebte. Thomas faszinierte sie, auch wenn sie, wie sie sagte, nicht direkt in ihn verliebt sei. Aber alleine, dass er diese Faszination in ihr auslöste, brachte sie dazu, über ihre Beziehung zu Michael nachzudenken. Sie wollte Michael nicht betrügen, auch nicht mit falschen Karten spielen, deshalb schenkte sie ihm sofort reinen Wein ein. Auf der einen Seite war Michael dankbar für ihre Ehrlichkeit, aber auf der anderen Seite tat es einfach nur weh. Er liebte Katrin, er hatte sie heiraten und mit ihr eine Familie gründen wollen. Nie wieder würde er eine andere Frau lieben können. Keine würde dem Vergleich mit Katrin standhalten. Aber alleine bleiben? Das war nun auch nicht gerade das, was er sich wünschte. Noch hoffte er, dass Katrin sich gerade in der Zeit der Trennung über ihre Gefühle klar wurde – natürlich für ihn. Doch es waren fast 6 Wochen vergangen, seitdem sie sich von ihm getrennt hatte, und mit jedem Tag schwand seine Hoffnung ein Stückchen mehr.

Der Ober kam auf Michaels Winken eilig an seinen Tisch. „3 Euro 20, der Herr.“ Michael gab ihm fünf: „Stimmt so.“ Die Dankesworte des alten Kellners hörte er schon gar nicht mehr. Beinahe fluchtartig verließ er das Lokal, lief zielstrebig auf den nächsten Briefkasten zu und warf die Karte ein, bevor er es sich vielleicht doch noch anders überlegen würde. „Gott, bitte lass Katrin die Karte richtig verstehen!“ betete er im Stillen. Dies war sein einziger Halt in dieser Zeit, wenn er auch wusste, dass Gebete keinen Menschen gegen dessen Willen beeinflussen. Aber es half zu wissen, dass er nicht gegen eine Wand reden musste, sondern dass seine Gedanken, Gefühle und Worte gehört und ernst genommen werden.

5

„Guten Morgen!“ Stephanie öffnete die Tür zum Stationszimmer. Eine Kollegin erwiderte ihren Gruß gähnend, während die Nachtschwester die Übergabe vorbereitete. „Wieder fit?“ Stephanie nickte und vertiefte sich in die Aufzeichnungen. Keine außergewöhnlichen Ereignisse in der letzten Nacht, aber sie musste erst einmal über eine Reihe neuer Patienten informiert werden, denn während sie selbst krank im Bett lag, hatte es einen fast vollständigen Wechsel in der Belegung gegeben. Eine halbe Stunde später ging die Nachtschwester müde nach Hause, während Stephanie und zwei Kolleginnen begannen, die Patienten zu wecken.

Stephanie war froh, wieder gesund zu sein und durch die Arbeit unter Menschen zu kommen. Sie nahm sich fest vor, jetzt endlich etwas zu unternehmen, um Leute kennen zu lernen. Sicher wussten ihre zum Teil gleichaltrigen Kollegen Möglichkeiten, wo man zwanglos andere Menschen treffen konnte. In einer ruhigen Minute setzte sie ihren Vorsatz gleich in die Tat um und ging auf Britta, eine etwa gleichaltrige Kollegin, mit der sie sich recht gut verstand, zu. „Britta, ich muss dich mal was fragen. Ich wohne jetzt fast zwei Monate hier, und ich kenne außer euch einfach keinen Menschen hier. Wenn sich das nicht bald ändert, dann halte ich es vermutlich nicht lange hier aus. Hast du nicht eine Idee ...?“ Britta hatte eine: „Klar, komm doch heute Abend einfach mit mir. Wir treffen uns jeden Mittwoch mit ein paar netten Leuten, trinken Tee, essen Kekse, machen Musik und unterhalten uns so nebenbei über interessante Themen aus dem Buch der Bücher.“ „Dem Buch der Bücher??“ „Klar, dem Buch der Bücher – der Bibel.“ Britta grinste breit, aber freundlich. „Ich weiß nicht ...“ Stephanie suchte nach einer Ausrede. So etwas hatte sie sich eigentlich nicht vorgestellt. Auf der anderen Seite – Britta war wirklich eine nette Kollegin, mit der sie sich auch gut verstand. „Da kann ich doch nicht einfach so mit reinkommen. Ihr seid doch bestimmt eine Art geschlossene Gesellschaft“, fiel ihr schließlich ein. Britta musste laut lachen. „Geschlossene Gesellschaft! Das ist gut, das hat noch keiner gesagt!“ prustete sie. „Nein, wenn wir alles sind, DAS sind wir bestimmt nicht. Im Gegenteil. Wir freuen uns über jedes neue Gesicht. Du bist herzlich eingeladen!“

Stephanie gingen die Argumente aus. „Und was seid ihr dann?“ Ihre Neugierde siegte doch über die Skepsis. Britta machte jedenfalls den Eindruck, als würde sie wirklich gerne zu diesem Abend gehen. Und die Einladung klang auch echt und überzeugend. „Wir sind ein Hauskreis.“ „Hauskreis. Aha.“ Stephanie schaute Britta fragend an. Was war das nun schon wieder? „Ja, wir sind ein paar junge Leute aus zwei Gemeinden, sich einmal in der Woche abends treffen, um über das interessanteste aller Bücher zu reden. Aber keine Angst, wir reden auch noch über andere Dinge.“ Der letzte Satz beruhigte Stephanie ein bisschen. „Gemeinden? Meinst du damit Kirchen?“ „Ja, richtig. Freikirchen, um genau zu sein.“ „Hier in Berchtesgaden?“ „Nein, hier gibt es leider noch keine …“ „Wie – hier gibt es keine?“, unterbrach Stephanie. „Hier stehen mindestens zwei Kirchen mitten in der Stadt.“ „Stimmt schon, aber beide sind katholische Kirchen. Die dritte etwas außerhalb ist eine evangelische. Eine Freikirche gibt es hier leider noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“

Stephanie war ein bisschen verwirrt und traute sich nicht, noch weiter zu fragen. Britta hingegen machte Nägel mit Köpfen. „Ich hole dich um halb acht zu Hause ab, okay!?“ Stephanie nickte, noch nicht ganz überzeugt, aber auf die Schnelle fiel ihr keine Ausrede ein. Britta merkte ihre Unsicherheit und stieß sie freundschaftlich in die Seite. „Hey, das wird wirklich gut. Da sind lauter liebe, nette Leute – so wie ich“, grinste sie, bevor sie sich das Medikamenten–Tablett schnappte und sich auf Austeilrunde begab.

* * *

Pünktlich um 19.30 Uhr klingelte es an Stephanies Haustür. Sie zog ihre Jacke über und wickelte sich einen Schal um den Hals, schloss die Tür ab und stieg in Brittas Kleinwagen. „Wohin fahren wir eigentlich?“ Das hatte sie heute Morgen in der Verwirrung ganz vergessen zu fragen. „Nach Salzburg.“ „Salzburg? Das ist in Österreich ... „Richtig. Genauer gesagt, nach Anif, das liegt direkt vor der Stadt.“ „Wieso müssen wir so weit fahren, um zu so etwas wie einer Kirche zu kommen?“ „Es ist überhaupt nicht weit. Dichter als Bad Reichenhall zum Beispiel. Ich sagte ja, hier gibt es leider noch keine Freikirche.“ „Ist das irgendein Unterschied – Freikirche und Kirche?“ Stephanie wollte wissen, worauf sie sich eigentlich eingelassen hatte. „Ja und nein“, versuchte Britta zu erklären. „Ja, weil eine Freikirche eben nicht zu den evangelischen oder katholischen Kirchen, also den großen und eher bekannten Kirchen, gehört. Nein, weil es um dieselbe Sache geht.“ Viel schlauer war Stephanie jetzt auch nicht, aber sie entschloss sich, alles einfach auf sich zukommen zu lassen. Ihre Mutter hatte sie früher manchmal vor Sekten gewarnt, die auf Seelenfang gingen. Britta machte allerdings nicht den Eindruck, als ob sie sich von irgendjemandem hatte „fangen“ lassen, sondern sie schien sehr freiwillig in diese Freikirche zu gehen. „Sekte scheidet aus“, entschied Stephanie im Stillen.

Während des Gespräches hatte sie gar nicht gemerkt, dass sie schon die Grenze hinter sich gelassen hatten. Erst, als Britta den Wagen in einer Nebenstraße parkte, registrierte sie, dass es nun ernst wurde. Sie sah sich um, konnte aber nirgends etwas entdecken, das einer Kirche ähnelte. Dies schien eine reine Wohngegend zu sein. Schon ging Britta zielstrebig auf eins der Häuser zu und öffnete die Gartenpforte. Plötzlich war Stephanie sich ganz sicher, dass sie in dem Kreis nichts verloren hatte. Das war ihr zu privat. „Britta, ich ...“ Britta schien Gedanken lesen zu können. „Nichts da, ich habe dich schon angekündigt.“ Sie schob Stephanie in den Hauseingang, öffnete die Tür, die nicht verschlossen war, und schon standen sie in der Wohnung. Aus dem Wohnzimmer drangen fröhliche Stimmen, und jetzt öffnete sich die Tür, ein neugieriger kleiner Hund beschnupperte die beiden Gäste sofort schwanzwedelnd und ein junger Mann begrüßte die beiden Frauen herzlich. „Hallo, ich bin der Max. Du bist bestimmt Stephanie. Herzlich willkommen!“ „Danke“, murmelte Stephanie nur leise. Ihr war mulmig zumute. Da drin saßen fast 10 völlig fremde Leute, die sich alle kannten – und sie kam als Außenstehende in einen Kreis, von dessen Zielen sie keine Ahnung hatte und bei dessen Themen sie garantiert nicht würde mitreden können.

Es blieb keine Zeit mehr, sich auszumalen, was alles Peinliches passieren könnte, denn im nächsten Moment fand sie sich in einem sehr gemütlich eingerichteten Wohnzimmer wieder, ließ sich von Britta auf das Sofa schieben, nahm dankend eine Tasse Tee entgegen und wartete darauf, dass alle sie anstarren und ihr Fragen stellen würden. Doch nichts dergleichen geschah. Außer dem einen oder anderen freundlichen „Hallo Stephanie“ passierte erst einmal gar nichts. Die jungen Leute widmeten sich wieder ihren Gesprächen, tranken schweigend Tee oder blätterten in den verschiedensten Büchern. Jemand zupfte leise an einer Gitarre, und eine junge Frau rief ihm irgendetwas zu, woraufhin der Gitarrist eine Melodie intonierte. Langsam konnte Stephanie ein wenig entspannen. Vielleicht war es ja wirklich ganz nett hier. Der erste Eindruck war zumindest schon mal nicht schlecht.

* * *

Es war beinahe 23 Uhr, als Britta und Stephanie ins Auto stiegen. Stephanie schwirrte der Kopf. Der Abend war wirklich schön gewesen, sie hatte sich wohl gefühlt, und das Gefühl des Fremdseins war schnell verflogen. Max und Heidi, das Ehepaar, dem das Häuschen gehörte, waren sehr nett, und auch die anderen jungen Leute hatten einen bleibenden Eindruck bei Stephanie hinterlassen. So etwas hatte sie noch nie erlebt, dass in so gemütlicher Atmosphäre und unter viel Fröhlichkeit und auch Gelächter über Gott geredet wurde. Das letzte Mal, dass sie eine Kirche betreten hatte, war bei der Konfirmation ihrer jüngeren Schwester gewesen. Das war viele Jahre her. Sie hatte nie das Bedürfnis verspürt, ohne Grund zu irgendetwas Kichenähnlichem zu gehen. Dort war es immer nur kalt, dunkel und so still, dass man kaum zu atmen wagte. Während der Zeit ihres eigenen Konfirmanden-Unterrichts nahm sie gerade so oft am Gottesdienst teil, dass sie noch die Zulassung zur Konfirmation bekam, und sie konnte sich kaum erinnern, sich irgendwo mehr gelangweilt zu haben als in diesen Stunden.

Aber das hier war völlig anders. Nichts, absolut nichts hatte Ähnlichkeit mit dem, was sie bisher mit Kirche verbunden hatte. Selbst die Lieder, die an diesem Abend gesungen wurden, waren frisch, peppig und sogar Englisch. Sie erinnerte sich dunkel an Liedzeilen wie „Großer Gott, wir loben dich“, die sie damals hatte auswendig lernen müssen und die sie ebenso schnell wieder vergessen hatte. Hier hieß das dann „Lord, I lift your name on high“ – und wenn man es genauer betrachtete, ähnelten sich die Textzeilen sogar ein bisschen – nur das eine war altes Deutsch, das andere neues Englisch. Mehr Gemeinsamkeiten konnte sie allerdings nicht feststellen.

Dann schlug ein junger Mann aus der Runde, Konrad, ein Buch auf. Erst als er ein paar Zeilen vorgelesen hatte, merkte Stephanie, dass es wohl eine Bibel sein müsste. Richtig, deshalb waren sie ja hier, erinnerte sie sich an Brittas Einladung auf Station. Auf die Idee wäre sie nie gekommen – der bunte Einband erweckte eher den Eindruck eines Romans. Sie schaute sie vorsichtig in der Runde um und merkte plötzlich, dass die verschiedenen Bücher, die sie zu Anfang registriert hatte, auch Bibeln waren – und fast alle sahen anders aus. Sie traute sich nicht zu fragen, ob es da Unterschiede gäbe – alle gingen so selbstverständlich damit um, als hätten sie nie etwas anderes getan. Konrad nannte einen Namen und ein paar Zahlen, und alle blätterten in ihren Bibeln und fanden offensichtlich die Seite, die er meinte. Britta schob ihr ihre aufgeschlagene Bibel herüber und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, und so konnte Stephanie mitlesen, was Konrad vorlas.

Ja, es war ein interessanter und eigentlich schöner Abend gewesen. Trotzdem – ihr war ein bisschen komisch zumute. Alle waren wirklich sehr nett gewesen, aber dennoch hatte sie hatte sich ein Stückweit ausgeschlossen gefühlt. Das, über das die anderen redeten, war ihr fremd; und wenn es auch interessant klang, so wollte sie doch den nötigen Abstand wahren. Ein bisschen auf Distanz zu bleiben, schien ihr sicherer sein.

„Wir sind zu Hause“, riss Britta sie aus ihren Gedanken. „Schlaf gut, wir sehen uns morgen. Hast du Frühdienst?“ „Ja, leider“, antwortete Stephanie mit einem Blick auf die Uhr. „Ich auch. Da können wir uns ja gegenseitig aufmuntern. Gute Nacht.“ „Gute Nacht! Komm gut nach Hause.“ Stephanie stieg aus dem Wagen, schlich die Treppe zu ihrer Wohnung hoch und spazierte ohne große Umwege ins Bett.

* * *

Jana versuchte, den Wecker auszuschalten, aber das penetrante Geräusch, das sie aus dem Schlaf gerissen hatte, ließ sich nicht abstellen. Genervt öffnete sie schließlich die Augen. Das Klingeln kam aus dem Wohnzimmer vom Telefon. Sie warf einen Blick auf den Wecker. 9 Uhr 13. Und das am Samstagmorgen. Wer um alles in der Welt war diese Nervensäge? Das Klingeln hörte einfach nicht auf, und so warf Jana die Bettdecke zur Seite und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer. „Hallo?“ bellte sie in den Hörer – der Anrufer sollte ruhig merken, dass er störte. Doch am anderen Ende meldete sich niemand mehr. Jetzt war sie so richtig geladen. „Wenn dieser Unmensch schon so dreist ist, mich zu dieser nachtschlafenden Zeit aus dem Bett zu holen, soll er wenigstens den Mut haben, so lange zu warten, bis ich aufgestanden bin!“ schimpfte sie halblaut vor sich hin, während sie in der Küche die Kaffeemaschine anstellte. Kaum hatte sie das Wasser eingefüllt und das Kaffeepulver in die Filtertüte geschüttet, klingelte der Apparat wieder. Schnell drückte sie den „Ein“–Schalter der Maschine, dann nahm sie das schnurlose Telefon von der Halterung.

„Schlafstudio Berghüser!“ Jana war immer noch sauer, dass ihr jemand das Ausschlafen vermasselt hatte, und konnte sich diese Anspielung nicht verkneifen. „Und dies ist der telefonische Weckdienst. Sie wollten geweckt werden!“ hörte sie eine vergnügte Stimme am anderen Ende der Leitung. „Mensch, Frau Harmsen! Aber nicht mitten in der Nacht! Seit wann gehörst du zu den Frühaufstehern?“ „Es ist halb zehn in Deutschland – Zeit fürs Frühstück“, grinste Stephanie hörbar. Sie kannte Janas Schlafrhythmus recht gut. Aber sie wollte endlich ihre Neuigkeiten loswerden, außerdem hatte sie Spätdienst und musste um 12 Uhr auf Station sein. „Wenn man dich auch nie erreicht! Wo treibst du dich denn immer rum abends?“ „Musst du alles wissen?“ Jana hatte ihre gute Laune mit einer Tasse schwarzem Kaffee geweckt. Bei aller Störung – ihrer besten Freundin konnte sie nicht wirklich böse sein. „Aber was ist so wichtig? Hast du einen Mann kennen gelernt?“ „Du denkst auch wohl an nichts anderes! Nein, ich habe auch keinen Bedarf. Der Letzte reicht mir fürs Erste.“ Jana kannte Carsten und natürlich die ganze Geschichte bis in alle Einzelheiten. „Obwohl“, hörte sie Stephanie dann nachdenklich sagen, „der hat sich vor ein paar Tagen auf meinem AB verewigt. Ich hab’ aber nicht zurück gerufen. Ich will das einfach nicht mehr.“ „Gratuliere!“

Jana wusste, wie es einem nach einer solchen Trennung ging. Auch sie kannte das Gefühl in diesem Zustand. „Nee, Jana, Männer – nein danke. Jedenfalls im Moment. Aber weißt du, wo ich am Mittwochabend war?“ „Nee, woher? Etwa Ski laufen?“ „Klar, am Abend bei Vollmond! Du lebst zu lange in der Großstadt! In – und vor allem auf – den Bergen ist es abends wirklich dunkel“, klärte sie Jana scherzhaft auf. „Ich war bei einem Hauskreis.“ „Bei einem – was?“ „Hauskreis. Das sind ‘ne Menge Leute in unserem Alter, zu irgendwelchen Freikirchen gehören.“ So ganz genau hatte Stephanie gar nicht verstanden, was genau das war – aber es klang einfach zu gut, um Jana zu irritieren, denn selbstverständlich konnte Stephanie sich die Reaktion ihrer Freundin an fünf Fingern abzählen. Diese kam dann auch prompt: „Freikirche? Seit wann gehst du zur Kirche? Und was ist eine Freikirche?“ „Das kann ich dir auch nicht so genau erklären, hab’ ich selber noch nicht so richtig verstanden. Auf jeden Fall war es ganz anders als die Kirche bei uns. Und soll ich dir was sagen: Das war richtig gut!“ „Willst du jetzt etwa fromm werden?“ Jana war überhaupt nicht begeistert. „In der Kirche verbieten sie dir doch nur alles, was Spaß macht.“ „Also, hier hat mir niemand irgendetwas verboten. Außerdem war ich ja überhaupt nicht in der Kirche. Nur bei diesem Hauskreis.“

„Und was habt ihr da gemacht?“ „Tee getrunken, Lieder gesungen und über irgendwas aus der Bibel diskutiert.“ „Bibel. Du??“ Jana prustete vor Lachen. „Sorry, aber die Vorstellung ist zu witzig! Dieses alte Märchenbuch!?“ „Du kannst lachen, Jana, aber die Leute dort scheinen das wirklich ernst zu nehmen, was darin steht.“ „Aber du hoffentlich nicht!“ Jana bekam langsam Angst, dass Stephanie es ernst meinen könnte. Bisher waren beide sich immer einig gewesen, dass Kirche und alles, was damit zu tun hat, total verstaubt war und in der heutigen Zeit nichts mehr verloren hatte. „Ich weiß nicht, Jana, eigentlich nicht. Aber andererseits machen die allesamt nicht den Eindruck, als würden sie spinnen. Eine von ihnen ist meine Kollegin. Britta, von der ich dir schon erzählt habe. Sie ist wirklich nett, gar nicht weltfremd, und spinnen tut sie ganz bestimmt nicht.“ „Ist das nicht die, die nicht mit ihrem Freund zusammen in einem Zimmer schläft?“ erinnerte Jana sich an ein früheres Gespräch.

Brittas Freund Oliver war Assistenzarzt in Innsbruck, lebte aber seit kurzem in den USA, wo er einen Teil seiner Facharztausbildung absolvierte. Britta hatte kurz nach Stephanies Arbeitsbeginn auf Station von ihrem Besuch über Weihnachten bei Oliver erzählt und dabei erwähnt, dass sie im Gästezimmer übernachtet habe. Dieses für Stephanie ungewöhnliche Detail hatte sie seinerzeit Jana erzählt. „Genau die“, antwortete Stephanie jetzt, „aber die ist echt schwer in Ordnung.“ „Naja, aber meinst du nicht, dass genau das das Ergebnis dieser Kirche ist?“ „Kann sein, aber auf der anderen Seite ist es schließlich ihre eigene Entscheidung. Ich würde das sicher anders entscheiden, aber das muss sie doch selber wissen.“ „Stimmt schon“, gab Jana zu, „trotzdem: lass dich bloß nicht einwickeln.“ „Keine Sorge, ich weiß, was ich will. Aber die Leute waren wirklich nett, und ich will endlich Kontakt. Was ist dabei, wenn Leute zur Kirche gehen?“ „Nichts, so lange sie dich nicht mitschleppen wollen.“ „Davon hat jedenfalls keiner was gesagt. Und wenn – wer weiß, vielleicht würde ich es mir sogar mal anschauen.“ „Anschauen! Steph, du redest schon bayerisch! Die sind doch alle katholisch da und glauben an Maria oder so ähnlich – und noch ein paar Heilige.“ „Also, katholisch sind sie jedenfalls nicht. So viel habe ich verstanden. Und von Maria hat auch keiner was gesagt. Eher von Jesus.“ „Der war doch der Sohn von Maria.“ So viel wusste Jana noch aus dem Konfirmandenunterricht. Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, jemals wieder freiwillig eine Kirche zu betreten. Nicht mal zum Ansehen. Hoffentlich würde Stephanie sich nicht doch einwickeln lassen. Diese Britta mochte ja nett sein – in Janas Augen war sie aber doch ein bisschen weltfremd. „Keine Angst, Jana“, unterbrach Stephanie ihre düsteren Vorahnungen, „ich habe absolut nicht vor, Nonne zu werden oder irgendwelche komischen Ansichten anzunehmen. Aber ich möchte anderen auch ihre Meinungen lassen und vielleicht auch wissen, warum sie diese Meinung haben. Immerhin müssen sie sehr überzeugt sein, wenn sie sonntags in die Kirche gehen anstatt auszuschlafen.“ „Ja, das müssen sie wirklich sein.“ Jana war ebenso überzeugt, dass ihr eine solche Peinlichkeit niemals passieren würde. Sie würde auf ewig den Spott ihres gesamten Freundeskreises auf sich ziehen. „Willst du denn wieder zu diesem – wie hieß der Kreis noch mal?“ „Hauskreis.“ „Gut, also willst du wieder dahin gehen?“ „Weiß ich noch nicht. Vielleicht. Es war echt ganz nett – und wenn ich mich entscheide, da nicht wieder hinzugehen, will ich wenigstens wissen, warum ich mich dagegen entscheide.“

Jana war verwirrt. Was war mit ihrer Freundin los? Stephanie hatte immer genau gewusst, warum sie von Kirche nichts wissen wollte. Zu verstaubt, zu viele Verbote, zu langweilig, zu unwissenschaftlich – sie als Medizinerin glaubte nur, was die Wissenschaft beweisen konnte. Die Märchen aus der Bibel gehörten nicht dazu. Und jetzt? Das, was Stephanie am Telefon erzählt hatte, klang anders. Noch nicht direkt befürwortend, aber sie hatte diese Frommen doch tatsächlich verteidigt! Jana konnte es nicht fassen. Bayern schien der Freundin nicht gut zu bekommen – oder war es die Einsamkeit? Jana beschloss, so bald wie möglich mindestens eine Woche Urlaub zu nehmen und nach Berchtesgaden zu fahren. Stephanie musste auf andere Gedanken kommen und wieder normal werden.

6

Michael steckte sein Handy in die Hülle zurück. Er hätte es nicht zu hoffen gewagt, aber sein Chef hatte ihm tatsächlich eine weitere Woche Urlaub genehmigt. So würde er doch noch zum ausgiebigen Ski fahren kommen. Nachdem ihm in der letzten Woche das Wetter so oft einen Strich durch diese Rechnung gemacht hatte, versprach der Wetterbericht für die nächste Woche Sonne und Neuschnee. Das hatte ihn bewogen, doch einfach vorsichtig nachzufragen, ob er noch eine Woche bleiben könne. Und tatsächlich, sein Chef hatte nichts dagegen, wünschte ihm eine schöne Zeit und verabschiedete sich nach knapp einer Minute Gespräch schon wieder. Michael war fassungslos.

Sein nächster Weg führte zur Christine in die Küche. „Christine, kann ich das Zimmer noch eine Woche behalten?“ „Natürlich! Hast du tatsächlich noch Urlaub bekommen?“ Michael nickte. „Problemlos sogar.“ „Schön! Da wird besonders der Florian sich freuen.“ „Ja, dann können wir doch noch die versprochene Skitour zusammen machen.“ „Erzähl ihm das lieber nicht, bevor es klar ist“, riet Christine ihm, „sonst lässt er dich Tag und Nacht nicht mehr in Ruhe.“ „Ich denke mal drüber nach, wann wir das machen könnten. Am besten wahrscheinlich am nächsten Wochenende, sozusagen als Abschluss.“ „Ja, an den anderen Tagen hat Florian ja Schule. Er würde sie zwar ohne Gewissensbisse schwänzen, aber da spiele ich nicht mit.“ „Na, ich auch nicht!“ beruhigte Michael sie. „Aber jetzt werde ich mal das schöne Wetter ausnutzen, auch wenn’s zum Ski fahren schon zu spät ist. Aber mit der Seilbahn auf den Obersalzberg und dann zum Jenner rüberwandern, das muss jetzt schön sein.“ „Bestimmt“, stimmte ihm Christine zu. Sie war hier aufgewachsen und kannte alle Wege wie ihre Westentasche. „Einen schönen Tag. Komm heute Abend doch auf ein Bier bei uns vorbei.“ „Gerne, das mache ich!“ Michael packte seinen Rucksack, schnürte die Wanderschuhe und marschierte zügig los. Es war schon später Vormittag, eigentlich schon fast zu spät für eine solche Wanderung. Kurz nach 18 Uhr würde es stockdunkel sein. Aber wenn er sich nicht lange aufhielt, konnte er es schaffen. Er machte diese Wanderung nicht zum ersten Mal.

Als er das Grundstück der Moosers verließ, lief ihm Florian direkt in die Arme. „Wohin willst du denn? Du wolltest doch heute nach Hause fahren.“ „Ich habe meinen Urlaub verlängert und habe noch eine ganze Woche zum Ski fahren.“ „Klasse, dann gehen wir doch noch zusammen auf Tour, ja!?“ „Ja, Florian, machen wir. Aber jetzt hab’ ich’s ein bisschen eilig, sonst komme ich in die Dunkelheit.“ „Okay!“ Florian war auch ein Kind der Berge, er kannte die Gefahren und ließ Michael gehen. „Wann?“ rief er plötzlich aus voller Kehle, als Michael schon einige Meter entfernt war?“ Michael wollte nicht so zurück brüllen, er hob 7 Finger. Florian hatte verstanden. Am Samstag, heute in einer Woche. Fröhlich pfeifend lief er ins Haus.

* * *

Stephanie hätte den Postboten küssen können. Gerade hatte er ihr eine Postkarte im Telegrammstil in die Hand gedrückt. Aber was darauf stand, reichte aus, um die junge Frau in Hochstimmung zu versetzen. „Chef bestochen – 10 Tage Urlaub – Ankunft in zwei Wochen“. Keine Unterschrift, aber die Schrift und die Ausdrucksweise sprachen für sich. Sie drehte die Musik in ihrer Wohnung auf Diskolautstärke. Irgendwo musste sie jetzt hin mit ihrer Freude. Jana würde kommen – endlich! Nach der langen Zeit vermisste sie die Freundin unendlich. Und auf einmal – völlig ungeplant – wollte sie kommen. Was würde sie ihr alles zeigen wollen – ihre neue Umgebung! Jana sollte haarklein wissen, wie Stephanie jetzt lebte. Und was würden sie sich alles zu erzählen haben. Endlich ohne heiße Ohren am Telefon und nach dem Auflegen immer mit dem Gefühl, das Wichtigste gerade vergessen zu haben. Sie musste sofort in Hamburg anrufen. Jana sollte fliegen. In Salzburg war ein Flughafen, keine 30 km entfernt. Die fast 1000 km mit der Bahn lohnten für die kurze Zeit gar nicht. Und mit dem Auto ins verschneite Hochgebirge – das sollte Jana lieber lassen. Sie wählte die Hamburger Nummer, bekam jedoch nur ein endloses Tuten zur Antwort. Jana war nicht zu Hause. Ausgerechnet jetzt, wo Stephanie fast platzte. Und ihr technischer Mitarbeiter versagte wieder einmal seinen Dienst. Die Freundin sollte sich endlich einen neuen Anrufbeantworter anschaffen!

Urlaub! Sie würde noch keinen bekommen, dazu war sie noch zu kurz beschäftigt. Aber vielleicht konnte man ein wenig am Dienstplan drehen, damit sie in der Zeit möglichst viele freie Tage und möglichst wenige Spätdienste bekam. Den Nachmittag nach dem Frühdienst könnte man auch gut nutzen, um etwas zu unternehmen. Am liebsten wäre sie sofort auf Station gelaufen, um zu sehen, was man tun konnte. Aber die Stationsschwester hatte sowieso frei. Frühestens übermorgen war hier etwas zu machen. Wie sollte sie diese Ungewissheit nur aushalten?

* * *

Noch vor sechs Uhr war Stephanie auf Station. Die Nachtwache sah sie erstaunt an. Keine Tagschwester kam freiwillig auch nur eine Minute vor Dienstbeginn, und bis dahin waren noch fast 10 Minuten Zeit. „Grüß dich, Stephanie. Was ist denn mit dir los? So früh?“ „Ich muss dringend mal in den Dienstplan schauen und dann mit Margot darüber reden. Ich krieg’ nämlich Besuch aus Hamburg!“ Sie konnte ihre Vorfreude nicht für sich behalten. Nachdem sie Jana überzeugt hatte, nach Salzburg zu fliegen, wartete sie sehnsüchtig auf deren Rückmeldung mit ihrer Ankunftszeit. Der Tag stand fest – 11 Tage musste sie sich noch gedulden – eine Ewigkeit! Nun wollte sie endlich möglichst viel freie Zeit für sich selbst herausschinden – die 10 kurzen Tage waren zu kostbar, um sie mit Arbeit zu verbringen. Wenn sie bis dahin durcharbeiten würde und danach gleich wieder 14 Arbeitstage anhängte, dann könnte sie es auf 6 Tage bringen. Wenn nur Margot mitspielen würde. In Bezug auf den Dienstplan nahm die es sehr genau, und der war ja auch gar nicht so einfach zu koordinieren. Trotzdem – es musste einfach klappen!

So nach und nach trafen die Kolleginnen ein, mit denen Stephanie ihren Dienst teilen würde. Bei einer Tasse starken Kaffees wurde die übliche Dienstbesprechung abgehalten, danach ging die Nachtwache nach Hause und der Frühdienst begann mit der Arbeit. Stephanie blieb im Dienstzimmer stehen. „Margot, ich würde gerne etwas mit Ihnen besprechen.“

Eine Viertelstunde später begann Stephanie strahlend, das Frühstück für die Patienten vorzubereiten. Margot hatte ohne viel Aufhebens ein paar Dienste getauscht, und tatsächlich bekam Stephanie einmal 4 Tage und einmal 2 Tage frei – dazwischen musste sie 3 Tage arbeiten, doch das war nicht weiter tragisch. Frühdienst – da blieb der halbe Tag, um mit Jana etwas zu unternehmen. Sie hatte sich beherrschen müssen, Margot nicht um den Hals zu fallen – das wäre doch etwas befremdend gewesen. Doch offensichtlich hatte Margot verstanden, dass mit Stephanie in den bewussten Tagen sowieso nicht sehr viel anzufangen gewesen wäre, wenn sie normal hätte arbeiten müssen. Ihre freudige Aufregung sprach Bände.

* * *