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Frank Riemensperger

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Beschreibung

AUFBRUCH IN DIE DEKADE DER MUTIGEN Nach Jahren des Aufschwungs in einer scheinbar grenzenlos vernetzten Welt senken sich die Schlagbäume und die Zentren der wirtschaftlichen Macht verschieben sich nach Asien. Frank Riemensperger und Svenja Falk machen nichts weniger als eine Zeitenwende aus – ein neuer Wettbewerb der Systeme bahnt sich an, verschärft durch die Corona-Pandemie. Sieger wird sein, wer sich den technologischen Vorsprung sichert und damit radikal neue Wohlstandspotenziale. Diese Dekade fordert klare Entscheidungen von Deutschland und Europa: Was müssen Unternehmen und Politik tun, damit unsere Wirtschaft nicht zwischen den Giganten USA und China zerrieben wird?

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Frank Riemensperger | Svenja Falk

NEUES WAGEN

Frank Riemensperger | Svenja Falk

NEUES WAGEN

Deutschlands digitale Zukunft zwischen den USA und China

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

1. Auflage 2021

© 2021 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

D-80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Karina Braun

Umschlagabbildung: dobrodzei/Shutterstock

Satz: Carsten Klein, Torgau

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Print 978-3-86881-807-9

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96267-245-4

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96267-246-1

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.redline-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Einleitung

KAPITEL 1Zeitenwende: das Ende der westlichen Dominanz?

Die Pandemie als Wendepunkt

Covid-19 verändert die Welt

Die zwei Gesichter der Globalisierung

Technologie als Scheidepunkt

Die Krise als Katalysator

Innovation in Rekordgeschwindigkeit

Deutschland kann mehr!

Datenschutz neu gedacht

Auf dem Sprung in die digitale Dekade

Die Dekade des Wandels (1990 – 2000)

Das Ende der Blöcke und die Globalisierung

Radikaler Wandel: Computer und das Internet

Die New Economy

Netzwerke als Vorbild

Der Goldrausch der Dotcoms

Geschäfte als kreativer Prozess

Die Dekade der Globalisierung (2001 – 2010)

Terror polarisiert die Welt

Das Beben der Bankenkrise

Nachbeben: die Schuldenkrise

Der Aufstieg der Schwellenländer

Soziale Netzwerke und eGovernment

Die Sharing-Ökonomie

Das ubiquitäre Internet

Die Dekade der Spaltung (2011 – 2020)

Radikalisierung auf allen Ebenen

Offene Märkte – nur ein Zwischenspiel?

Die Gewichte verschieben sich

Optimismus versus Abschottung

Staatskapitalismus als Role Model?

Demokratie mit Fragezeichen

Repatriierung statt Globalisierung

Das Ende der globalen Organisationen?

Wiedererwachte Nationalgefühle

Neue Marktkonzentration

Kommt die neue Leitwährung aus China?

Technologie wird Geschichte schreiben

KAPITEL 2Der Flug des Drachen: Asiens Aufstieg

»Von der Seite sieht man klarer«

Reise nach China

Der »Lange Marsch« und die kurzen Wege

Sonderzonen und Lernen vom Ausland

Mit Tempo nach vorn

Der Masterplan

Poesie und Planerfüllung

Die »Neue Seidenstraße«

Die chinesische Meritokratie

Von der Werkbank ins Labor

Von Low-Cost zu High-End

Innovation statt Imitation

Soziales Schachspiel mit KI

Mobil mit Super-Apps

Die chinesischen Riesen

Die Rolle der Regionen

Vom »Internet Plus« zu »intelligent plus«

Das kleine Einmaleins digitaler Geschäftsmodelle in China

Neugierig, flexibel, entschlossen

Simpel, digital und skalierbar

Die deutsche Industrie ist zu kompliziert oder »Digitize and automate for scale, not for perfection!«

Kundenwünsche aus der Cloud

Mittelstand: Social Media als B2B-Medium nutzen

Die Fabrik als Dienstleistung oder »XaaS«

Daten als Rohstoff – Wertschöpfung in Netzwerken

Elektromobilität in China

Security als Service?

Lernen von China

KAPITEL 3Deutschland im Winterschlaf

Wo wir heute stehen

Tempi passati: weltweiter Fortschritt

Verschiebungen im globalen Wettbewerb

Die Rolle der Multinationalen

Vorurteile und Fakten

Die Mittelschicht ist weltweit gewachsen

Auch Deutschland hat lange profitiert

Einzigartige deutsche Industriestruktur

Weltmeister Industrie 4.0

Und jetzt – die Trendwende?

Handel im Stop and Go

Die Absatzmärkte schrumpfen

Die Produktivitätsfalle

Das Rekonfigurieren von Wertschöpfungsketten

Verkürzte Supply Chains

Das Produktionsnetz Europa

Der Innovationsdruck steigt

Europa fällt zurück

Achillesferse: Die offene Wirtschaft

Wachsende Importabhängigkeit

Effizienz oder Resilienz?

Verblasst: die Marke »Germany«

China wirkt disruptiv auf die Weltwirtschaft

Deutschland ohne Ambitionen für Neues?

Das Auto als Software-Plattform

Ausverkauf der deutschen Industrie?

Analog braucht digital

Digitale Geschäftsmodelle ohne Skalierung

Wachsende Antagonismen

KAPITEL 4Deutschlands Wirtschaft in der Dekade der neuen Machtblöcke

Die Welt nach der Pandemie

Ein anderer Lifestyle: Cocooning

Automatisierung und Virtualisierung

Chinas Rückkehr

Die nächste S-Kurve

Push der Digitalisierung

Gesundheit als Leistungsversprechen

Plattformen gegen das Virus

Digitale Infrastruktur als Wettbewerbsfaktor

Konnektivität: die Veredelung der Materie

Big Government is back!

New Leadership

Zwischen den USA und China

Die Neuvermessung der Welt

Gegenseitiges Misstrauen

Das Ende der Softpower?

Digital Bifurcation

Getrennte Ökosysteme

Das Wettrennen um 5G

Parallele Netze

Künstliche Intelligenz und Open Source

Forschung als Festung

Wie demokratisch ist Technologie?

Fight, fight – talk, talk (chin.: da da, tan tan)

Digitale Souveränität

Die Macht der Hyperscaler

Das Technologie-Dilemma

Gaia-X – die europäische Wolke

Optionen gegen den Lock-in

Der Werte-Wettbewerb

Diplomatie der Skepsis

Der Cyberwar

Europa zwischen den Stühlen

Modernisierung für neue Märkte

Transformation als Zukunftsmarkt

Deutschland muss sich modernisieren

Der Staat als Leitanwender

Öffentliche Verwaltung digitalisieren!

Den Datenschutz transformieren

Datenautonomie statt Datenschutz

Digitaler Innovationshub: Der Green Deal

Circular Economy: mehr als Recycling

Nachhaltigkeit als Exportartikel

Digitalisierung jetzt!

KAPITEL 5Der Plan für die nächste Dekade

Worum es jetzt geht

Neue Technologien, neue Chancen

Zukunft der Wertschöpfung

Eine Welt – zwei Systeme?

Globale Herausforderungen – globale technologische Lösungen

Chancen für die Industrie in Deutschland und Europa

Narrative für die Menschen

Was es jetzt braucht

Geschwindigkeit zählt

Digitale Souveränität

Territorien des Fortschritts

Finanzierung muss her!

In jedem Markt nützlich und unverzichtbar sein

Die Transformation des Unternehmens

Digitale Infrastruktur

Airbus: ein Verteidigungssystem für die Industrie

Digitale Anbindung der physischen Welt

Open Manufacturing Platform

BOSCH: Cross-Domain Computing Solutions vereint Kompetenzen

Neue Wertschöpfung: Ökosysteme und Partnerschaften

DataConnect: Interoperabilität zwischen Wettbewerbern

Siemens und SAP: neue Wertschöpfung durch neue Partnerschaften

Neue Art zu arbeiten – hohe Reaktionszeiten, kurze Zyklen

otto group – New Work mit neuen Werten

Erlebbarer Nutzen für den Menschen

AVE: Pünktlichkeit als Wertversprechen

Roche: der Patient im Zentrum

Andere Köpfe – andere Führung

NEUES WAGEN!

Dank

Stimmen zum Buch

Über die Autoren

Anmerkungen

Einleitung

Es ist Zeit. Es ist sogar höchste Zeit. Wir sollten – nein, wir müssen NEUES WAGEN! In diesem Jahrzehnt nämlich wird sich die Zukunft Deutschlands entscheiden, wird sich auch zeigen, ob die Europäische Union dem geopolitischen Druck standhält, vielleicht sogar neue Stärke entwickelt. Mit den USA und China nämlich positionieren sich zwei neue Gegenspieler, die um Vorherrschaft in der Welt ringen – um technologische Vorherrschaft. Die Fähigkeit, Innovation zu skalieren ist es, die künftig darüber entscheiden wird, wie die Welt regiert wird und wer schließlich dabei das Sagen hat.

Die Covid-19-Pandemie hat das mehr als deutlich gezeigt: Ohne digitale Technologien ist die moderne Welt nicht überlebensfähig. Zu verflochten sind Absatzmärkte und Produktion, zu mobil die Gesellschaften, zu komplex die Infektionswege und zu knapp die Zeit, um neue Therapien und Impfstoffe gegen einen bis dato unbekannten Erreger zu entwickeln. Diejenigen Nationen, die von Anfang an konsequent digitale Technologien einsetzten, um die Krise zu begrenzen, haben deshalb die geringsten Opferzahlen zu beklagen. Deutschland, das sich mit seinem hohen Niveau an wissenschaftlichem Sachverstand und Medizintechnik relativ gut geschlagen hat, hat daraus gelernt. Da es an der Digitalisierung im Gesundheitswesen leider noch »gehapert« habe, so CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn im August 2020, investierten Bundesregierung und Krankenkassen nun die Rekordsumme von 4,3 Milliarden Euro in den Ausbau der Notfallversorgung, vor allem deren digitale Basis.

Deutschland hat einiges aufzuholen, denn die Exportnation hat sich zu lange auf den bewährten Ruf und die Qualität ihrer Produkte verlassen. Der Erfolg hat träge gemacht, und zu spät wurde erkannt, dass es schon längst nicht mehr ausreicht, immer nur noch besser und schneller werden zu wollen. Die Industrie braucht stattdessen völlig neue Geschäftsmodelle und Kooperationen in digitalen Ökosystemen. Um diese Entwicklung zu machen, benötigt sie aber auch eine digitale Infrastruktur – den Ausbau von Breitbandversorgung und 5G, den Voraussetzungen für das Industrielle Internet und die Nutzung von Daten als Rohstoff für neue Ideen und Lösungen. Sie braucht eine klare politische Linie und staatliche Förderung – nicht nur finanziell, sondern auch als tägliche Praxis des eGovernment.

Weiteres Zögern ist nicht mehr hinnehmbar. Die jüngste Geschichte nämlich zeigt, wie schnell sich die Welt wandelt und wie rasch der Titelverteidiger Deutschland in der zweiten Liga landen könnte. Erst rund drei Jahrzehnte ist es her, dass hier die Mauer fiel und die Blockpolitik mit dem Zusammenbruch des Kommunismus beendet schien. Internet und Computer brachten die ganze Welt einander näher. Die Kräfte des Marktes und der kapitalistischen Wirtschaft hatten gesiegt, die New Economy löste geradezu einen Goldrausch aus. Eine neue Generation von Unternehmern eroberte mit kreativen Geschäftsideen die Szene, doch viele konnten sich nicht lange am Firmament halten. Gleichzeitig führte die entfesselte Welt zu einem spektakulären Aufstieg der Mittelschicht und zum wirtschaftlichen Aufstieg in vielen Teilen der Erde.

Doch nach der Jahrtausendwende wurde die Euphorie der Globalisierung bereits von Zerfallserscheinungen überschattet: dem Beben der Banken und der folgenden internationalen Schuldenkrise. Terrororganisationen begannen ihren asymmetrischen Krieg, soziale Netzwerke brachten die traditionsreichen klassischen Medien in Bedrängnis – die größte Revolution der Öffentlichkeit seit der Erfindung der Druckerpresse. Große digitale Plattformunternehmen wie Amazon oder Google eroberten die Poleposition der Weltwirtschaft, quer zu allen Grenzen und Hierarchien. Digitale Newcomer überholten in kürzester Zeit an der Börse Traditionsunternehmen, die viele Jahrzehnte an ihrem Aufstieg gearbeitet hatten. Disruption wurde zum hässlichen Synonym von »digital«.

Dabei wird leicht übersehen, dass in jeder Krise die Chance für einen Neuanfang steckt, und manchmal erst der Zusammenbruch überalterter Strukturen den Weg für neue Ideen bahnt. Ein Blick nach China zeigt, wie unbelastet durch frühere Erfolge sich dort neue Geschäftsmodelle in Industrie und Wirtschaft durchsetzen konnten. Im sogenannten Leapfrogging überspringen Innovationen dort technologische Zyklen – zum Beispiel die Phase der stationären Computer: China hat so mit einem Satz das mobile Zeitalter erobert. Auf diese Weise konnte der frühere Low-Cost-Produzent in kurzer Zeit in der Klasse der High-End-Hersteller landen. Chinesen sind neugierig, flexibel und optimistisch. Ihre Geschäftsmodelle sind simpel, digital und skalierbar. Natürlich spielen dabei die staatliche Unterstützung und der Datenfluss eine große Rolle, der mehr oder weniger ungebremst erfasst und der Industrie zur Verfügung gestellt wird.

Dass Deutschland und Europa andere Vorstellungen von demokratischen Rechten haben als China ist selbstverständlich. Doch die hiesige Debatte über Datenschutz fällt ideengeschichtlich in das vergangene Jahrhundert. So wie er zum Beispiel aus dem deutschen Grundgesetz abgeleitet wird, dient er ausdrücklich dem Schutz der individuellen Privatsphäre und berücksichtigt in keiner Weise das Potenzial, das die Digitalwirtschaft zum Nutzen der Allgemeinheit aus dem Rohstoff Daten freisetzen könnte. Diese Diskussion muss neu geführt werden und zwar rasch – denn ohne Daten gibt es keine neuen Geschäftsmodelle und keinen Fortschritt.

Hinzu kommt, dass Deutschland sich wieder einmal in der Pufferzone zwischen zwei Großmächten befindet – nur dass sich der atlantische Partner USA zusehends aus Europa und der Nato zurückzieht und seine Interessen eher in die pazifische Region verlagert. Wie politisch und wirtschaftlich souverän kann Deutschland, kann Europa ohne den Big Brother sein, und welche technologischen Voraussetzungen sind dafür nötig? Das Internet wird sich über kurz oder lang teilen, so die Prognosen, in eine westliche und eine asiatische Hälfte, dominiert von den USA bzw. China. Dabei geht es nicht nur um Auseinandersetzungen wie um die auch in Amerika sehr erfolgreiche Kurzvideoplattform TikTok, die auf Druck der US-Regierung den Besitzer wechseln soll. Es geht auch um Sicherheitsrisiken, wie sie die USA in der Beteiligung des chinesischen Mobilfunkherstellers Huawei am 5G-Netz sehen, dem internationalen Marktführer auf diesem Sektor. Und es geht um technologische Schnittstellen und Standards, die enorme Bedeutung für die physische Welt haben, die zunehmend digital betrieben wird.

Wo findet sich Deutschland in diesem Tech War wieder? Hier, zwischen Scylla und Charybdis, kommt die Frage nach der technologischen Souveränität Europas ins Spiel: Können wir es uns noch länger leisten, von einer kleinen Anzahl von Cloud-Anbietern abhängig zu sein? Müssen wir uns als Exportnation entscheiden, wen wir künftig mit unseren Produkten beliefern? Kann man ohne China überhaupt noch Geschäfte machen? Wollen wir das und unter welchen Voraussetzungen? Auf welchem Gebiet können wir der Macht der amerikanischen und chinesischen Hyperscaler, Cloudanbietern wie Google oder Alibaba, etwas entgegensetzen?

Ohne europäische Einigung und ohne Bündelung der wirtschaftlichen Kräfte in der EU werden sich diese Fragen nicht beantworten lassen. Wir brauchen also eine tabufreie und ungeschminkte Auseinandersetzung über die wirtschaftliche und politische Zukunft Europas. Wir brauchen mutige Ideen, wie beispielweise den Vorschlag, ein militärisches Cyber-Abwehrsystem unter Beteiligung von Airbus auf einer zweiten Schiene auch für die Industrie nutzbar zu machen. Wir brauchen ehrgeizige Ziele wie das, ein europäisches Hochgeschwindigkeits-Internet durch ein eigenständiges Satellitennetz zu ermöglichen.

Die enormen Investitionen und Kredite, die jetzt den Sturzflug der Wirtschaft als Folge der Pandemie abfangen sollen, zeigen, dass die Gefahren erkannt werden und die Bereitschaft zu handeln da ist. Diese Finanzleistungen müssen auf der europäischen Ebene mit dem Green Deal und seinem Aktionsprogramm für Kreislaufwirtschaft verschränkt werden, die ein digitaler Innovationshub sind. Nur die Verbindung von der analogen mit der digitalen Welt kann die Probleme einer Welt lösen, in der Rohstoffknappheit, Klimawandel und nicht zuletzt planetare Gesundheit die wichtigsten Herausforderungen geworden sind. Dafür brauchen wir intelligente Infrastruktur. Aus Made in Germany muss Made in und Operated by Germany werden. Nur das kann der deutschen Wirtschaft neue Wertschöpfungspotenziale eröffnen und unser Land in die Zukunft führen.

KAPITEL 1Zeitenwende: das Ende der westlichen Dominanz?

Die Pandemie als Wendepunkt

Covid-19 verändert die Welt

Anfang Dezember 2019 erkrankten vier Personen im chinesischen Wuhan an einer Art Grippe. Das fiel kaum auf in einer Elf-Millionen-Stadt, deren Bahnhof täglich von Tausenden Menschen frequentiert wurde, die hierher zur Arbeit kamen, in andere Teile Chinas weiterreisten oder einkaufen wollten. Der beliebte Seafood Market war nur zwei Straßen von dem Verkehrsknotenpunkt entfernt.

Ende des Monats gab es bereits Dutzende von Fällen einer viralen Lungenentzündung in Wuhan. Sie sprach nicht auf die üblichen Behandlungsmethoden an. Nach heutiger Schätzung waren es damals bereits mindestens 1000 Kranke, von denen jeder zwei oder drei weitere Menschen ansteckte. Am 31. Dezember informierte China die Weltgesundheitsorganisation von einer Epidemie, die man jedoch unter Kontrolle habe. Währenddessen machten sich Hunderte Millionen Chinesen auf, um mit ihren Verwandten und Freunden das chinesische Neujahrsfest zu feiern. Allein am 1. Januar verließen 175 000 Menschen die Stadt, konnte später aus Mobilfunkdaten rekonstruiert werden.1

Rasch bahnte sich die Infektion in China ihren Weg. Aber nicht nur dort. Rund 900 Menschen fuhren Anfang Januar nach New York, 2200 nach Sidney, 15 000 nach Bangkok. In Tokio, Seoul, Singapur und Hongkong wurden die ersten Fälle der rätselhaften Erkrankung gemeldet. Später stellte man fest, dass – damals unerkannt – schon vorher erste Infektionen in Europa existierten. Aber erst am 31. Januar 2020 wurden Reisen von und nach Wuhan untersagt.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: mehrere Millionen infizierter Menschen, viele Tote – die noch offene Bilanz einer Pandemie, wie sie seit der Spanischen Grippe von 1918 nie wieder in diesem Ausmaß aufgetreten war – und hoffentlich, so die Lehren daraus gezogen werden – auch nie wieder auftreten wird.

Die zwei Gesichter der Globalisierung

Für viele Menschen war nicht nur die gesundheitliche Bedrohung ein Schock. Sondern vor allem auch die Tatsache, dass die gesamte globale Weltordnung auf den Kopf gestellt wurde. Die volks- und betriebswirtschaftlichen Lehrbücher müssen in Zukunft den bekannten Konjunkturzyklen einen bis dato neuen hinzufügen: den vollständigen Stillstand einer Volkswirtschaft. Statt freiem Warenverkehr und Reisefreiheit gab es plötzlich geschlossene Grenzen. Ausgangsbeschränkungen und Lock-downs schränkten das öffentliche Leben und auch die individuelle Selbstbestimmung ein. Waren, auch wichtige Medikamente, blieben aus, weil die Lieferketten unterbrochen waren. Gemüse verrottete auf den Feldern, weil die Erntehelfer ausblieben. Der Tourismus kam zu einem völligen Stillstand. Auch wurde deutlich, wie fragil eine Wirtschaft ist, die ihre Güter rund um die Welt transportiert, teilweise mit einem Energieaufwand, der angesichts der Klimaveränderung schon längst nicht mehr vertretbar ist. Mitten in der Krise wurde die Welt aber auch ein Stück lebenswerter: Satellitenbilder zeigten, wie schnell die Luft über den urbanen Zentren klar wurde. Delfine eroberten im Mittelmeer die verlassenen Hafenstädte zurück. »Wir sollten uns nicht nur um die akute Bedrohung kümmern«, so der Historiker Yuval Harari, »sondern auch überlegen, in welcher Art von Welt wir leben wollen, wenn der Sturm vorbei ist«.2

Technologie als Scheidepunkt

In der Welt von morgen werden es digitale Technologien sein, die mehr denn je das Leben bestimmen – Wirtschaft und Kultur, Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und Gesundheit. In bisher ungekannter Weise verdichten und beschleunigen sie die Entwicklung dieses Planeten bis zu einem Punkt, wo es darum geht, dessen Überleben zu sichern – neue Optionen zu finden angesichts von Ressourcenknappheit und Klimawandel. Diese ungeheure Dynamik konnte erst im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends einsetzen, als die Erstarrung zwischen West und Ost sich löste und einem multifokalen Denken Platz machte. Digitale Technologien vernetzten nun die Welt – quer zu physischen Grenzen und mentalen Ideologien. Ihr Fokus wandelte sich von Optimierung und Landkarten hin zu Analysen, Innovation und Gestaltung. Diejenigen Nationen, die das verstanden hatten und mutig auf die neuen Technologien setzten, machten einen riesigen Sprung – das beweist die ambitionierte Entwicklung Asiens. Die Globalisierungseuphorie, zeigt sich, war nur eine Zwischenphase auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung –mit einem starken Kontinentaldrift in Richtung Asien. Seine technologischen Ambitionen machen nun China zum zentralen Player – in Konkurrenz mit den USA.

Die Krise als Katalysator

Die internationalen Organisationen, größtenteils auf amerikanische Initiative nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen, um eine gemeinsame Richtung vorzugeben, haben schon lange keinen wirklichen Einfluss mehr. Die festgefahrene Welthandelsorganisation WTO, die Machtlosigkeit der Vereinten Nationen und die finanzielle Abhängigkeit der Weltgesundheitsorganisation WHO sind nur die prominentesten Beispiele. Auch die zwischenstaatlichen Vereinbarungen der Pariser Klimakonferenz von 2016 sind weit davon entfernt, eingehalten zu werden. Wichtige internationale Verträge, zum Beispiel zu Abrüstung und Handel, werden gekündigt. Der Nordatlantikpakt gerät in Schieflage, da das wichtigste Mitglied, die USA, den Fokus seines Interesses längst auf die andere Seite der Erde, den Pazifik, gerichtet hat (siehe Seite 41).

Das dramatische Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten während der US-Wahl 2020 machte deutlich, dass sich die Polarisierung der Politik, innen- wie außenpolitisch, fortsetzt.

Diese globale Unsicherheit führt dazu, dass viele Länder beginnen, sich vor allem um sich selbst zu kümmern. Internationale Solidarität ist zunehmend zum Fremdwort geworden. Auch der ehemals führende Westen scheint sich nicht mehr auf gemeinsame Werte einigen zu können, Allianzen bröckeln. Die Europäische Union ist nach den Worten eines ihrer Protagonisten, Jacques Delors, in Gefahr unterzugehen.3 Auch im virtuellen Raum entstehen immer mehr abgeschottete Sphären: Das World Wide Web zerfällt zusehends in zwei Domänen, die von den rivalisierenden Mächten China und USA beherrscht werden. China hat unter seinem Staatspräsidenten Xi Jinping neues Selbstbewusstsein erlangt und will mithilfe technologischer Innovationen an die historische Großmachtrolle des Landes anknüpfen. Die USA als ehemaliger »Architekt und Bauherr« einer globalen Weltordnung, wie Sigmar Gabriel das nannte4, ziehen sich auf nationale Werte zurück und schotten sich zunehmend ab. In diesem Systemwettbewerb, der auch als Tech War bezeichnet wird, geht es um die technologische Vorherrschaft. Deutschland und Europa müssen sich in diesem Spannungsfeld politisch und wirtschaftlich neu aufstellen und dringend ihr Technologiedefizit wettmachen.

Innovation in Rekordgeschwindigkeit

Covid-19 hat hier für mehr Tempo gesorgt: Längst fällige Infrastrukturen und Investitionen konnten plötzlich mobilisiert werden und haben Deutschland ein Stück weiter in die Zukunft katapultiert. Bis dato konnten im internationalen Vergleich die gesundheitlichen Folgen auch bei hohen Fallzahlen in Grenzen gehalten werden. Trotz föderalen Hickhacks und Abstimmungsproblemen hat Deutschland in diesen Zeiten der enormen Unsicherheiten seine Stärken wieder einmal bewiesen. Obwohl als Hochrisikogebiet eingestuft, gelang es, durch vorausschauende Planung die befürchtete Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Pensionierte Ärzte, Medizinstudenten, Bundeswehr und zusätzliche Pflegekräfte wurden mobilisiert. Bis zu zehn Milliarden Euro wurden in Hilfspaketen für Krankenhäuser und Kliniken zugesagt, um die Intensivkapazitäten in kurzer Zeit zu verdoppeln, auf rund 55 000 Betten.5 In kürzester Zeit wurde eine digitale Plattform geschaffen, über die Intensivpflegeplätze bundesweit verwaltet und gesucht werden können. Das hat mit dazu beigetragen, dass die Letalitätsraten im internationalen Vergleich niedrig blieben.

Die Infektionsraten konnten so weit gedrückt werden, dass das doppelte Risiko von saisonaler Grippe plus Covid-19 im Frühjahr 2020 weitgehend entkoppelt wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern kann in Deutschland auch umfangreich getestet werden. Eine Panne in Bayern im August 2020, bei der die Testergebnisse von Urlaubsrückkehrern nur mit großer Verspätung übermittelt wurden, weil die passende Software fehlte, zeigte nur, wie wichtig die Digitalisierung im Gesundheitswesen längst ist. Pharmaunternehmen wie Bayer setzten stillgelegte Produktionslinien von Medikamenten wieder in Gang. Ein neues Infektionsschutzgesetz »bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite« soll auch beim föderalen Thema Gesundheit im Krisenfall für bundesweit einheitliches Handeln sorgen.

Deutschland kann mehr!

Einen weiteren Innovationsruck stellte die Ausweitung digitaler Kommunikation dar, zum Beispiel mit Homeoffice-Plätzen: Anfang Mai 2020 arbeiteten laut der Mannheimer Corona-Studie, in der täglich über 500 Menschen befragt werden, rund 23 Prozent der deutschen Arbeitnehmer im Homeoffice.6 »Dass mobiles Arbeiten und mobiles Lernen zum Standard werden könnten, schien bislang undenkbar. Jetzt aber werden wie unter einem Brennglas die immensen Potenziale sichtbar, die digitale Technologien grundsätzlich bieten – im Kampf gegen das Virus wie auch in der Reduzierung des Berufsverkehrs und verkehrsbedingter Emissionen. Alle Unternehmen sind gefordert, Homeoffice für die dafür geeigneten Tätigkeiten einzuführen. Die Politik muss das Arbeitsrecht zwingend modernisieren, etwa indem aus der Zeit gefallene Regelungen wie die elfstündige ununterbrochene Mindestruhezeit gestrichen und der starre Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden«, so Bitkom-Präsident Achim Berg.7 Drei Viertel aller Arbeitnehmer sind nach Umfragen des Bundesverbands Digitale Wirtschaft bereit, in einem Homeoffice zu arbeiten, mehr als die Hälfte würden es sogar sehr begrüßen. Etwa die Hälfte der Arbeitnehmer gehen auch davon aus, dass ihr Arbeitgeber dafür technisch bereit ist.8

Selbst die über Jahrzehnte digitalisierungsresistenten Schulen und Universitäten sind während der Pandemie auf Onlinekurse umgestiegen. Holprig – aber ein Anfang. Gerade im Bereich der Bildung ist noch einiges zu tun, denn sie ist das Herzstück von Wettbewerbsfähigkeit und Lebensqualität.

Unternehmen haben die Besprechungen ihrer Mitarbeiter durch Videokonferenzen ersetzt. Entertainment-Anbieter wie Netflix, YouTube, Amazon und Disney haben auf Initiative der Bundesregierung ihre Streamingqualität reduziert, um die Netzkapazitäten nicht zu überlasten. Die Bundesnetzagentur hat sich mit den vier großen nationalen Netzbetreibern sowie den lokalen Glasfaseranbietern M-net und NetCologne in Verbindung gesetzt, um die Kommunikationsnetze in Gang zu halten.9 Der Wunsch nach ausreichenden Kapazitäten wird hoffentlich den in Deutschland immer noch schleppenden Breitbandausbau befördern und auch für breite Akzeptanz der 5G-Netze sorgen. Das Internet der Dinge könnte dadurch ein gutes Stück näher rücken. Deutschland kann also weit mehr, als es bisher zu leisten gewillt war.

Datenschutz neu gedacht

Die informationelle Selbstbestimmung wird unter dem Eindruck der Dynamik der Entwicklung der Pandemie neu überdacht. Ursprünglich in der Verfassung verankert als Kernbereich der Privatsphäre wird die Nutzung von Telekommunikationsdaten plötzlich zur öffentlichen Angelegenheit und zu einer, die andere Menschen schützen kann. In China, aber auch im demokratischen Südkorea ist das Smartphone zum wichtigen Instrument des Tracing geworden, das langfristig hilft, Infizierte und ihre Kontakte aufzuspüren, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Das verändert die Einstellung gegenüber der Nutzung von Daten. Das Robert-Koch-Institut hat zum Beispiel eine »Datenspende«-App auf den Markt gebracht, die über Fitness-Tracker und Smartwatches die freiwillige Übermittlung von Vitaldaten wie Blutdruck und Temperatur ermöglicht, anonymisiert, aber geografisch verortet.

Einen anderen Ansatz verfolgt die deutsche Corona-Warn-App der Bundesregierung, die über Bluetooth-Funktechnik Abstände zwischen den Usern misst und so feststellt, ob jemand in Kontakt mit Infizierten gekommen ist. Nur deren Daten sind – mit Zustimmung der Betroffenen – auf einem zentralen Server gespeichert. Die Smartphones rufen immer wieder die aktualisierten und anonymen Listen der Covid-19-Patienten ab und vergleichen diese mit den eigenen Kontakten. Die Daten werden nur auf den jeweiligen Handys gespeichert und nicht auf einem zentralen Server. Alle 15 Minuten soll sich die Bluetooth-ID ändern, um ein darüber hinausgehendes Personen-Tracking zu verhindern.10

Auf dem Sprung in die digitale Dekade

Es lernen also alle gerade sehr viel und im Schnelldurchlauf dazu – Politik, Verwaltung, Wirtschaft und die Bürger. Dabei zeichnet sich ab, dass besondere Führungsqualitäten (siehe Seite 168) gefordert sind, um diesen Crashkurs in Zukunft nicht nur mit Bravour zu absolvieren, sondern auch mit Mehrheiten hinter sich in der Praxis umzusetzen, national wie international. Der Internationale Währungsfonds geht im Jahr des Covid-19-Schocks von einem Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung um 4,4 Prozent aus, in der Eurozone sogar von 7,6 Prozent (Stand Oktober 2020).11 Das ist ein weit stärkerer Einbruch als während der Finanzkrise 2009. Damals wurde ein BIP-Rückgang von 0,1% verzeichnet. Gemeinsame Anstrengungen und Finanzinstrumente sind notwendig, um die Wirtschaft weltweit wieder in Gang zu setzen.

Mehr als jedes zweite Land der Welt wandte sich an den Internationalen Währungsfonds mit der Bitte um Hilfe.12 Die Produktion muss – vielleicht auf Jahre hinaus – unter besonderen Auflagen zum Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer gefahren werden. Die internationalen Lieferketten haben bemerkenswerterweise weitestgehend standgehalten, werden aber jetzt zunehmend auf Resilienz überprüft.13

Ein Blick in die vergangenen drei Dekaden seit der Wende macht deutlich, wie schnell sich die Welt ändert, und vor welchen Herausforderungen wir in den kommenden Jahren stehen. Vor dreißig Jahren herrschte noch Euphorie wegen des Endes des Kalten Krieges. Zehn Jahre später war die Globalisierung auf ihrem Höhepunkt, doch mit Terror, Investitionsblasen und Finanzkrise zeichneten sich auch Ermüdungserscheinungen ab. In der letzten Dekade vor der Pandemie kehrte dann Ernüchterung ein, auf allen Ebenen. Ist das das Ende der klassischen Demokratien, der freien Märkte? Dieses Buch versucht zu klären, wohin uns dieses kommende Jahrzehnt führen wird, das mit einer weltweiten Gesundheits- und Wirtschaftskrise begann. Es ist nach unserer Überzeugung die entscheidende Dekade, die für Deutschland eine Wende bringen muss – von Made in zu Made in und Operated by Germany. In der digitalen Technologie liegt der Schlüssel für unsere Zukunft.

Die Dekade des Wandels (1990 – 2000)

Drei Jahrzehnte ist es erst her, dass die Welt nach den Zerwürfnissen zweier Weltkriege und ihren Folgen zur Ruhe zu kommen schien. Die Spaltung der Welt durch den ideologischen und politischen Antagonismus zweier Blöcke samt eines ruinösen Wettrüstens schien einer neuen, friedlicheren Ordnung zu weichen, in der die Kräfte des freien Marktes wirkten. Die Wiedervereinigung Deutschlands stand im Mittelpunkt dieses Wandels. Viele hatten sie für unmöglich gehalten. Doch letztlich war sie eine Folge des Zusammenbruchs der Planwirtschaft und der Unfähigkeit der DDRFührung, sich auf die von Staatspräsident Gorbatschow geforderte neue Offenheit des Glasnost einzustellen. Auf den friedlichen und anhaltenden Protest der Bevölkerung hatte die Honecker-Regierung keine Antwort, und 1989 wurde – in einem bis heute nicht ganz aufgeklärten chaotischen Akt – die Grenze geöffnet – der Beginn des Mauerfalls. Am 3. Oktober 1990 vereinigten sich die beiden deutschen Republiken, die einander seit ihrer Gründung 1949 nie diplomatisch anerkannt hatten.

Das Ende der Blöcke und die Globalisierung

Die Unabhängigkeitserklärung der baltischen Staaten im Frühjahr 1990 leitete dann auch den Zerfall der Sowjetunion ein. Der sogenannte Augustputsch 1991 in Moskau gegen die Reformen von Michail Gorbatschow scheiterte. An die Stelle der UdSSR trat die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), die einen Teil der früheren Sowjetrepubliken repräsentierte. Der als Reformer geltende Boris Jelzin wurde erster demokratisch gewählter Präsident Russlands.

Der Zusammenbruch des Kommunismus gab der Idee einer Europäischen Union verstärkt Schubkraft. 1993 vollendete sich mit dem Vertrag von Maastricht der Binnenmarkt mit dem freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Die USA, Kanada und Mexiko gründeten 1994 das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Der Finanzmarkt erlaubte Investitionen rund um die Welt. 1995 trat in Europa das Schengen-Abkommen in Kraft, das Grenzkontrollen weitgehend abschaffte.

Es ist wichtig, sich die ungeheure Dynamik dieser Dekade noch einmal in Erinnerung zu rufen. Als die Sowjetunion und mit ihr die Wirtschaftsordnung von ganz Osteuropa zusammenbrachen, und sich gleichzeitig auch China mit Sonderwirtschaftszonen und Joint Ventures (siehe Seite 67) dem Westen gegenüber öffnete, schien der Sieg des Liberalismus gekommen: Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama verkündete das »Ende der Geschichte«;14 liberale Demokratie und freie Marktwirtschaft hätten sich, so Fukuyama, im politischen Wettbewerb durchgesetzt.

Endlich hatten sich die beiden großen antagonistischen Blöcke aufgelöst, die Schlagbäume geöffnet, und Wohlstand und Weltfrieden schienen ein ganzes Stück näher gerückt. So endete 1994 auch die seit Beginn des Jahrhunderts herrschende Apartheid in Südafrika. Nelson Mandela, der 27 Jahre in politischer Haft verbracht hatte, wurde zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt. Doch andernorts ließen veränderte Machtverhältnisse bis dahin unterdrückte ethnische Konflikte aufbrechen – wie 1994 in Ruanda beim Völkermord an den Tutsi oder im ehemaligen Jugoslawien, dessen Teilnationen sich in mehreren Kriegen gegenseitig das Erbe Titos streitig machten.

Die Wirtschaft aber war optimistisch. Die Globalisierung verbreitete einen neuen hoffnungsvollen Spirit, den einer neuen Weltwirtschaftskultur. Viele Unternehmen wollten nun grundsätzlich alles internationalisieren: ihre Kunden, ihre Produktion, ihre Finanzierung und ihr Management. Der wachsende Strom grenzüberschreitender Güter und Gelder, Ideen und Menschen sollte drei Jahrzehnte lang die Welt prägen. Er gab der Wirtschaft enorme Schubkraft: 85 Prozent der in den vergangenen 100 Jahren getätigten Investitionen entstanden (inflationsbereinigt) nach 1990.15

Radikaler Wandel: Computer und das Internet

Die Dynamik spiegelte sich auch auf der Ebene der technologischen Entwicklung wider. Computerisierung und Kommunikationstechnologien bewirkten seit den 1980er-Jahren einen radikalen Wandel in beinahe allen Lebensbereichen, der sich bis heute fortsetzt. Eine völlig neue Dimension erhielt diese Entwicklung aber erst durch das Internet. Durch Forschungsförderung des amerikanischen Militärs wurde Anfang der 1970er-Jahre das Internet-Protokoll TCP/IT erarbeitet, das Verbindungen auch über Mobilfunk und Satelliten ermöglichte. Im Europäischen Forschungszentrum CERN wurde dann 1989 das World Wide Web geschaffen. Das WWW vernetzte die bis dahin verstreuten Informationen im Internet zu einem Hypertext, über den weltweit Computer vernetzt werden konnten. In diesem konnte man bald navigieren und suchen. Das öffnete das WWW für einen viel breiteren Anwenderkreis, zum Beispiel ließ sich darüber eine neue Art von Post verschicken – die ersten E-Mails. 1996 gehörte das Internet bereits zur Massenkultur und zum Ende des Jahrzehnts nutzte es beinahe die Hälfte der US-Bürger; in Deutschland waren es 28 Prozent.16 Mobiltelefone fanden weite Verbreitung, ab 1997 setzte sich das Messaging mit SMS durch.

Ähnlich eroberten Computer, die kleiner, handlicher und leichter zu bedienen waren, nun auch Privathaushalte. In den 1990er-Jahren setzten sich grafische Benutzeroberflächen durch, und das von Apple geprägte »Schreibtisch«-Konzept wurde zum Industriestandard.17 Die Windows-Versionen 3.0, 95 und 98 von Microsoft verbreiteten sich rasch, Linux kam ab Mitte des Jahrzehnts als wichtiges Open-Source-Betriebssystem auf den Markt. Farbmonitore galten nun als Standard bei Computern. Bürotechnik- und EDV-Kenntnisse wurden schon zu Beginn der 1990er-Jahre für Angestellte im Büro unabdingbar. Auch in Deutschland wurden nun Roboter in der Fertigung eingesetzt.18

Die New Economy

Die technologische Entwicklung ermöglichte ganz andere Geschäftsmodelle – und verlangte sie auch. Die Dynamik der globalen Märkte, vor allem aber auch der technologische Wettbewerb zwangen auch bis dahin erfolgreiche Unternehmen zum radikalen Umdenken und zur Neustrukturierung. Das betraf nicht nur das Personal und den Vertrieb, sondern auch Produktionsweise und Organisation. Auf so gut wie jeder Unternehmensebene sahen sich die Verantwortlichen mit völlig neuen Fragen und Herausforderungen konfrontiert: Das bedeutete Qualitätsmanagement, Optimierung, Downsizing, Outsourcing, Neudefinition der Kernkompetenzen und Business Process Reengineering.

Was unterscheidet die New Economy von der alten, fragte die Harvard Business Review damals?19 Dabei geht es im Kern um eine Wissensrevolution, war die Antwort – neues Wissen, das vermittelt durch die neuen digitalen Technologien keiner Hierarchie mehr folgt, sondern von allen Seiten fließt, von Kunden, Lieferanten, Geschäftspartnern und Kollegen. Die gewonnenen Informationen seien das eigentliche Kapital im Wettbewerb zwischen den Unternehmen und nur wer ihren freien Fluss anrege und gewährleiste, mache einen guten Job. Die wichtigsten Qualitäten dabei seien es, Ängste zu nehmen und Vertrauen zu stärken.

Unternehmen wie Xerox, Boeing, Apple und Motorola begannen also in den 1990ern, ihre Produkte neu um die Konsumenten herum aufzustellen und diese aktiv in die Entwicklung einzubeziehen.

Dienstleistungen wurden immer wichtiger und es wurde zunehmend deutlich, dass die digitale Wirtschaft einer radikal anderen Logik folgt als die der industriellen: Sie ist keine durch Knappheit bestimmte Ökonomie, sondern eine des Überflusses.20

Netzwerke als Vorbild

Gleichzeitig machte sich Kevin Kelly, Gründer der Zeitschrift Wired, Gedanken zur Netzwerk-Ökonomie. Vor dem Hintergrund der Komplexitäts- und Chaosforschung legte der Digital-Pionier lineare Extrapolationen und Erfolgsmodelle ad acta und forderte stattdessen, sich an den Erfolgsmodellen der Natur zu orientieren, ihrer Flexibilität und Agilität.

In der Netzwerkökonomie ging es laut Kelly nicht mehr bloß um Optimierung, sondern um Innovation. Statt Erfolgreiches weiter zu perfektionieren, müsse der Schritt auf unbekanntes Territorium gemacht werden. Dafür sei am besten gewappnet, wer in Netzwerken agiere und sie stärke, denn sie böten Alternativen, Umwege, Informationen und neue Wertschöpfung. Das alte Wissen hingegen müsse hinter sich gelassen, vielleicht sogar zerstört werden. Und: Das Tempo des Werdens und Vergehens neuer Ideen, Projekte und Produkte, so Kelly, beschleunige sich schneller denn je.21

Der Goldrausch der Dotcoms

Das galt auch für die wirtschaftliche Entwicklung: 1995 zum Beispiel wurden in den USA 24 Prozent mehr als im Vorjahr in Computer und Kommunikationstechnologien investiert und das trug zu annähernd einem Drittel des US-Wirtschaftswachstums bei. Der Standard&Poor’s Aktienindex legte in zwei Jahren um 65 Prozent zu. »Die US-Wirtschaft«, lobte damals der Wirtschaftsdienst Bloomberg, »hat sich einem fundamentalen Wandel unterworfen.«22 Der Technologieindex NASDAQ stieg innerhalb von nur vier Jahren von 1000 Punkten (1996) bis auf 5000 Punkte (März 2000).

In den 1990er-Jahren explodierte die Zahl der Internetnutzer weltweit: von 16 Millionen 1995 auf 304 Millionen im Jahr 2000.23 Das neue Medium ermöglichte bis dahin unbekannte Vertriebsmodelle und eröffnete den Onlinehandel. Eine Firma wie Amazon, ursprünglich für den elektronischen Buchhandel konzipiert, eroberte rasch die unterschiedlichsten Produktsegmente und Verkaufssparten. Damals wurden Risikokapital und Börsengänge der Grundstock für die heutige Wirtschaftskraft einiger der Internetpioniere.

Besonders spektakulär war die Unternehmensgeschichte von Yahoo. 1996 ging Yahoo mit nur 46 Angestellten an die Börse, ein Jahr später war der Aktienwert auf 517 Prozent gestiegen. 1998 verdreifachten sich die Gewinne und die Aktienerlöse stiegen von einem auf 13 Cent pro Anteil.24 Die Euphorie hielt jedoch nur wenige Jahre an, und heute ist Yahoo, inzwischen vom Kommunikationsriesen Verizon gekauft, eher glücklos. Nur wenige Onlineunternehmer konnten sich letztlich durchsetzen. Der Anlage-Guru Warren Buffett warnte Ende der 1990er-Jahre bereits vor der Spekulationsblase, die dann nach 2000 auch platzte und etliche der Newcomer wie auch ihrer Anleger mit sich riss. Auch in Deutschland verloren vor allem Klein- und Privatanleger, die dem Internet-Hype aufgesessen waren, ihr Geld.

Doch diejenigen Unternehmen, die die Blase überstanden, expandierten weiter – etwas langsamer, aber mit Erfolg. »Die Herren der alten Wirtschaft haben den jungen Eroberern wenig entgegenzusetzen – sie sind zu arm«, kommentierte der SPIEGEL im Jahr 2000 die Mega-Fusion zwischen dem traditionellen Medienkonzern TIME-Warner und dem Internetanbieter AOL. Und schon damals dämmerte auch in Deutschland, dass das Internet weit mehr bot als nur einen neuen Vertriebskanal: »Die neue Ökonomie basiert auf totaler Transparenz. Im Netz konkurriert jeder Anbieter mit jedem anderen, virtuelle Marktplätze entstehen, auf denen der Käufer – vom Privatmann bis zum Großkunden – das günstigste Angebot auswählen kann. Das wird weitreichende Folgen haben.«25

Das Internet sei wie die Kambrische Explosion vor 550 Millionen Jahren, sagte der Amazon-Gründer Jeff Bezos, heute der reichste Mensch der Welt – der Sprung vom Ein- zum Vielzeller. Auch ein anderer Gigant des Internetzeitalters wurde in den 1990er-Jahren gegründet: Google. 1997 ging die Suchmaschine online und hängte rasch ihre Mitbewerber ab. Die Kombination von einer übersichtlichen Oberfläche, Schnelligkeit und kontextsensitiver Werbung macht Google zur derzeit am häufigsten genutzten Suchmaschine der Welt, das Unternehmen bietet inzwischen eine Vielzahl weiterer Dienstleistungen an (z. B. Google Maps). Google (seit 2015 unter dem Dach von Alphabet) ist seit 2012 durchgehend auf der Liste der Top-10-Unternehmen nach Marktkapitalisierung weltweit und hält heute 44 Prozent des globalen Online-Werbemarktes.26

Geschäfte als kreativer Prozess

Damals wandelte sich übrigens der Terminus »business model« in den Begriff für eine neue Art von Geschäft, dessen Erfolgsaussichten sich erst noch herausstellen müssen, quasi learning by doing. Der amerikanische Wirtschaftsjournalist Michael Lewis beschrieb das so: »Das Geschäftsmodell der meisten Internetunternehmen bestand darin, eine große Menschenmenge auf eine Webseite zu ziehen und gleichzeitig anderen anzubieten, dort Werbung zu schalten. Anfangs war nicht klar, ob das funktionieren würde.«27

Geschäftsmodelle sind aber vor allem auch Ideen, deren Erfolgschancen sich dank moderner Kommunikationstechnologien relativ rasch testen und verändern lassen – wenn man in Kategorien der Netzwerkökonomie, ihrer potenziell endlosen Skalierbarkeit und niedriger Grenzkosten denkt. Die Entwicklung drahtloser und internetbasierter Kommunikation hat den Weg für neue Geschäftsideen freigemacht, die zur Umorganisation von Unternehmen führen – zum Beispiel weg von einer rein auf Produktion basierenden Wertschöpfung hin zu Dienstleistungen. So stellen mittlerweile Unternehmen wie Amazon oder Alibaba den Kontakt zwischen Anbietern und Usern her, mithilfe mehrseitiger Plattformen. Mit ihrer Position an der Schnittstelle zwischen Angebot und Nachfrage gelingt es ihnen, den Zugang zum Kunden zu besetzen.