Neuraltherapie - Lorenz Fischer - E-Book

Neuraltherapie E-Book

Lorenz Fischer

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Beschreibung

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Sie möchten die Neuraltherapie in Ihre schulmedizinische oder komplementärmedizinische Praxis integrieren? Ob lokal, segmental oder als Störfeldtherapie: Nach der Lektüre dieses Titels wissen Sie, wie Neuraltherapie wirkt und können Nadel, Spritze und Lokalanästhetikum zielführend einsetzen.

Kompakte Texte und präzise Skizzen veranschaulichen alle wichtigen Untersuchungs- und Stichtechniken. Der ausführliche Indikationsteil und die konkreten Therapievorschläge machen diesen Titel zu einem echten Lieblingsbuch für Anwender.

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EPUB

Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Neuraltherapie

Neurophysiologie, Injektionstechnik, Therapievorschläge

Lorenz Fischer

5., überarbeitete Auflage

107 Abbildungen

Vorwort zur 5. Auflage

Die Systematik des diagnostischen und therapeutischen Einsatzes von Lokalanästhetika verdanken wir den Brüdern Ferdinand und Walter Huneke, die vor Jahrzehnten ihre Beobachtungen nach Anwendung von Lokalanästhetika an Patienten genial interpretierten. Die Grundlagen der Relationspathologie Rickers, der Neuralpathologie Speranskis und die Arbeiten der Wiener Gruppe (Bergsmann, Hopfer, Kellner, Perger, Pischinger, Stacher) und später Heines bedeuteten eine erste wissenschaftliche Basis für die Neuraltherapie. Dass sich die Neuraltherapie danach in vielen Praxen und Kliniken weltweit etabliert hat, ist vor allem das Verdienst von Peter Dosch, der schon in den 1960er-Jahren mit seinem Lehrbuch der Neuraltherapie zum endgültigen Durchbruch verhalf. Einen weiteren Markstein stellt das Lehrbuch von Hans Barop dar, das einerseits als anatomischer Atlas mit „Bodypainting“ besticht, andererseits in der Gradlinigkeit der Neuroanatomie und Neurophysiologie. Das Handbuch Neuraltherapie von Stefan Weinschenk (Hrsg.) ist ebenfalls zu einem wichtigen Nachschlagewerk geworden.

Vieles aus der Neuraltherapie wurde über die Jahre von der konventionellen Medizin übernommen, wenngleich meist als „diagnostische und therapeutische Lokalanästhesie“ bezeichnet.

So gibt es wahrscheinlich weltweit keine einzige Schmerzklinik, in der nicht Teile der Neuraltherapie sowohl im diagnostischen als auch im therapeutischen Bereich integriert sind.

Auch das Herd-Störfeld-Geschehen wurde weltweit weiter erforscht (wenngleich meist mit anderer Nomenklatur). Insbesondere wurde der Zahn-Kiefer-Bereich in Bezug auf entzündlich rheumatische, kardiologische und gynäkologische Erkrankungen mit zum Teil großen Fallzahlen erforscht. Die Erklärung für die statistisch signifikanten Zusammenhänge liefern neue, auf Experimenten basierende Modelle, die den Zusammenhang vegetatives Nervensystem – neurogene Entzündung – Immunsystem aufzeigen. Zudem wird vieles im Störfeldgeschehen nun erklärbar über (zum Teil variable) neuroanatomische Verschaltungen. Dadurch wurde der Segmentbegriff erweitert. Segmentgrenzen sind aufgrund moderner pathophysiologischer Erkenntnisse kaum mehr zu ziehen. Der historische Begriff „Störfeld“ wird aus didaktischen Gründen gegenwärtig noch beibehalten, wird jedoch mehr und mehr durch die wissenschaftlichen Begriffe „neuromodulatorischer Trigger“ respektive „neuroinflammatorischer Trigger“ ersetzt.

Die Neuraltherapie stellt diagnostisch und therapeutisch eine Bereicherung für fast jede Praxis und Schmerzklinik dar. Die durch neue Studien nachgewiesenen Langzeiteffekte in der Neuraltherapie bei chronischen Schmerzpatienten lassen sich mit der modernen Pathophysiologie des Schmerzes erklären. Vorgänge der peripheren und zentralen Sensibilisierung, der Neuroplastizität u.a. rufen geradezu nach einer Methode, die Engramme löschen und positive Rückkoppelungen (Circuli vitiosi) mittels Lokalanästhetika unterbrechen kann. So gesehen stellt die Neuraltherapie im chronischen Schmerzgeschehen eine logische „Desensibilisierung“ in der pathologischen Schmerzverarbeitung dar.

Die Neuraltherapie nutzt demnach die regulatorischen und plastischen Eigenschaften des Nervensystems: Gezielte Reize (durch die Nadel) und gleichzeitig selektive Reizlöschung (durch das Lokalanästhetikum) beeinflussen die Organisation im Nervensystem und die Gewebeperfusion. Im Schmerzgeschehen kann dadurch ein Circulus vitiosus durchbrochen werden und die schmerzverarbeitenden Systeme haben die Chance, sich neu zu organisieren.

Unter dem Dach der IFMANT (International Federation of Medical Associations of Neural Therapy) existieren in vielen Ländern Ärztegesellschaften für die Neuraltherapie. In Deutschland wurde die Internationale Ärztegesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke (IGNH) in den 1950er-Jahren gegründet. Die früheren Präsidenten, u.a. Holger und Jürgen Huneke, Jürgen Rehder und gegenwärtig Hans Barop, haben viel zum internationalen Ansehen der Neuraltherapie beigetragen. Jüngere Generationen durften immer ihre uneingeschränkte, große Unterstützung und Begeisterung erfahren.

Zirka 2000 Mitglieder hat die zweite, früher im Osten Deutschlands entstandene Ärztegesellschaft (DÄGfAN), die die Neuraltherapie, Akupunktur und Manuelle Therapie integriert (Rainer Wander, Horst Becke u.a.).

Auch in Österreich hat die Neuraltherapie einen hohen Stellenwert, und die Vernetzung, auch wissenschaftlich, verdanken wir einerseits den Pionieren um Alfred Pischinger und Otto Bergsmann, andererseits dem gegenwärtigen Team um den Präsidenten Helmut Liertzer und seinen Vorgänger Wolfgang Ortner.

In der Türkei haben Hüseyin Nazlikul und sein Team in wenigen Jahren eine große neuraltherapeutische Ärztegesellschaft auf die Beine gestellt und die Neuraltherapie an verschiedenen Universitäten integriert. Seine Arbeiten über die Neuraltherapie und Manuelle Medizin haben auch international, vor allem bei Rehabilitationsmedizinern, großes Interesse geweckt.

In Spanien führten David Vinyes und sein Team die Neuraltherapie an die Universität. Katia Puente de la Vega, meine ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern, hat mit viel Enthusiasmus eine Forschungsarbeit über das Ganglion stellatum geleitet. Die Publikation in „Neuroscience“ hat ein großes Echo ausgelöst.

Diskussionen mit Armando Puente de la Vega haben mir geholfen, theoretische Ideen in der Praxis umzusetzen und zu verdeutlichen, dass die wirkliche Wissenschaft am Menschen, insbesondere auch in der Schmerzmedizin, die Untrennbarkeit von Psyche und Soma berücksichtigen muss.

Spannende neurophysiologische Inputs erhielt ich immer wieder von Hans Barop, Peter Eggli, Wilfried Jänig, Hans Georg Schaible, Jürgen Giebel, Gerasimos Papathanasiou u.a.

Dass in Mittel- und Südamerika die Neuraltherapie zur Selbstverständlichkeit in unzähligen Praxen und Kliniken geworden ist, muss nach der Vorarbeit von Peter Dosch vor allem als Verdienst von Armin Reimers (Mexiko), Julio Cesar Payan de la Roche und Laura Pinilla (Kolumbien) angesehen werden, die nationale und internationale Kongresse organisieren, Kurse durchführen und die Neuraltherapie an die Universitäten gebracht haben.

Das Patronat über den Fähigkeitsausweis „Neuraltherapie“ hat die Schweizerische Ärztegesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke (SANTH) gemeinsam mit der Ärztegesellschaft (FMH).

Da die Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der Neuraltherapie unbestritten sind, ist sie in der Schweiz im Obligatorischen Krankenversicherungs-Leistungskatalog definitiv verankert und als Schulmedizin deklariert. Bei diesen großen Studien im Auftrag des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit durfte ich jahrelang mit Prof. André Busaato zusammenarbeiten; wir verdanken ihm außerordentlich viel.

Das vorliegende Buch ist bereits in 4 Sprachen erhältlich und geht nun in die 5. Auflage.

Die Entstehung der 1. Auflage dieses Buches war nur möglich dank der Unterstützung durch meine Familie, der stetigen Ermunterung und Unterstützung durch Hans Barop, der Diskussionen mit dem Physiker Herbert Schwabl u.a. und der sehr engagierten und sehr präzisen Arbeit des Illustrators Hans Holzherr.

Hans Barop, dem Präsidenten der IGNH und der wissenschaftlichen und ethischen Kommission der IFMANT, bin ich dankbar für die vielen konstruktiven Diskussionen, auch in Bezug auf die Nomenklatur, die sich zurzeit in einer Übergangsphase befindet.

Bedanken möchte ich mich auch beim Georg Thieme Verlag, insbesondere bei Daniela Elsasser, Ute Haßfeld, Ulrike Marquardt und Wiebke Hüsgen.

Besonders danke ich meiner Praxis- und Universitätsmitarbeiterin Raphaela Engel, die mit außerordentlicher Präzision neurophysiologische Überlegungen in diese vorliegende 5. Auflage integriert und Verbesserungen im praktischen Teil angeregt hat.

Das Buch ist in 5 Teile gegliedert:

1. Von den Anfängen bis heute

2. Neurophysiologie

3. Definition und Wirkmechanismen

4. Therapie

5. Wissenschaftlicher Nachweis

Den Lesern wünsche ich Freude beim Studieren und Betreten von z.T. „Neuland“ und viel Erfolg bei der Umsetzung am Patienten.

Bern, Juni 2019

Lorenz Fischer

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Vorwort zur 5. Auflage

Teil I Von den Anfängen bis heute

1 Entwicklungsschritte

1.1 Die Anfänge

1.2 Das „unblutige Messer“ des Chirurgen Leriche

1.3 Die Entdeckung von Ferdinand und Walter Huneke

1.4 Die Relationspathologie von Ricker

1.4.1 „Gedächtnis“ des Sympathikus

1.5 Die Neuralpathologie von Speranski

1.6 Die Wiener Schule

1.7 Entwicklungen in der Physik

1.8 Schmerz und Sympathikus (Jänig, Baron)

1.9 Lehrbücher

Teil II Neurophysiologie

2 Neurobiologische Grundlagen

2.1 Thermodynamische Aspekte

2.1.1 Thermodynamik abgeschlossener Systeme

2.1.2 Thermodynamik energetisch offener Systeme (Nichtgleichgewichtszustände)

2.2 System der Grundregulation

2.2.1 Definitionen

2.2.2 Funktion

2.3 Funktion und Anatomie des vegetativen Nervensystems

2.3.1 Allgemeines

2.3.2 Zentrales vegetatives System

2.3.3 Peripheres vegetatives System

2.3.4 Endausbreitung des vegetativen Nervensystems

2.4 Segment – erweitertes Segment

3 Pathophysiologie des Schmerzes

3.1 Schmerzmechanismen und Projektionssymptome

3.1.1 Adler-Langer’sche Druckpunkte

3.2 Pseudoradikuläre Syndrome („Referred Pain“)

3.3 Myofasziale Triggerpunkte

3.4 Inflammatorischer Reflex des vegetativen Nervensystems

3.5 Gate-Control-Theorie nach Melzack und Wall

Teil III Definition und Wirkmechanismen

4 Definition der Neuraltherapie

4.1 Lokale und segmentale Therapie

4.1.1 Lokale Therapie

4.1.2 Segmenttherapie (inkl. „erweitertes Segment“)

4.2 „Störfeldtherapie“ (Ausschalten resp. Desensibilisieren neuromodulatorischer und neuroinflammatorischer Trigger)

4.2.1 Chronischer Reizzustand

4.2.2 Häufige Störfelder

5 Wirkmechanismen

5.1 Einfluss auf das Schmerzgedächtnis (Neuroplastizität)

5.1.1 Neuronale Plastizität

5.1.2 Engrammierung im Sympathikus

5.1.3 Wind up

5.1.4 Neuroplastizität und Störfeldgeschehen (neuromodulatorische Trigger)

5.2 Unterbrechung mehrerer Reflexbögen

5.3 Einfluss auf die Durchblutung

5.4 Einfluss auf die Hinterhorneingangskontrolle

5.5 Einfluss auf die neurogene Entzündung

5.6 Neuorganisation der Systeme

Teil IV Therapie

6 Material

6.1 Spritzen und Nadeln

6.2 Lokalanästhetika

6.3 Praktische Anwendung

7 Indikationen (Allgemein)

8 Kontraindikationen

8.1 Absolute Kontraindikationen

8.2 Relative Kontraindikationen/Versager der Neuraltherapie

9 Nebenwirkungen und Komplikationen

9.1 Nebenwirkungen

9.2 Komplikationen

10 Neuraltherapeutisches Vorgehen

10.1 Anamnese

10.1.1 Wichtige Fragen

10.1.2 Neuraltherapeutische Anamnese

10.2 Inspektion

10.3 Untersuchung

10.3.1 Allgemeines

10.3.2 Zahn-Kiefer-Bereich

10.4 Neuraldiagnostik/Reaktionsmöglichkeiten

10.4.1 Phänomene bei Behandlungen am Erkrankungsort (lokal/segmental)

10.4.2 Phänomene bei Behandlungen am Störfeld

10.5 Allgemeiner Ablauf der Therapie

11 Injektionstechniken und Indikationen

11.1 Vorbemerkungen

11.2 Die Quaddel

11.3 Narben

11.4 Triggerpunkte

11.5 Intra- und periartikuläre Injektionen

11.6 Intra- und perivasale Injektionen

11.7 Zahn-Kiefer-Bereich

11.7.1 Zur Anatomie und Pathophysiologie

11.7.2 Indikationen

11.7.3 Injektion an die Zahnwurzel

11.7.4 Intraligamentäre Injektion

11.8 Ganglieninjektionen

11.8.1 Ganglion stellatum

11.8.2 Ganglion cervicale superius (supremum)

11.8.3 Ganglion ciliare

11.8.4 Ganglion pterygopalatinum

11.8.5 Ganglion trigeminale (Ganglion semilunare Gasseri)

11.8.6 Ganglion coeliacum

11.8.7 Lumbaler Grenzstrang

11.9 Kopf

11.9.1 Injektionen unter die Kopfhaut

11.9.2 Injektionen an die Äste des Nervus trigeminus

11.9.3 Injektion an den Nervus occipitalis major

11.9.4 Injektion an den Nervus occipitalis minor

11.9.5 Injektion an die Arteria temporalis superficialis

11.9.6 Injektion an das Kiefergelenk

11.9.7 Injektion an die Tonsillen

11.9.8 Injektionen bei Erkrankungen der Nasennebenhöhlen

11.9.9 Injektionen bei Erkrankungen des Ohres

11.9.10 Injektionen bei Erkrankungen des Auges

11.10 Hals

11.10.1 Injektionen im Bereich des Lymphabflusses am Hals

11.10.2 Injektion an die Schilddrüse

11.10.3 Injektion an den Nervus laryngeus superior

11.10.4 Injektion an den Nervus accessorius

11.11 Wirbelsäule

11.11.1 Zur Anamnese/Untersuchung

11.11.2 Quaddeltherapie

11.11.3 Injektion an die Intervertebralgelenke

11.11.4 Injektion an die Kostotransversalgelenke

11.11.5 Injektion in das Iliosakralgelenk

11.11.6 Injektion an die Nervi intercostales

11.11.7 Injektionen an die wichtigsten Äste des Plexus lumbosacralis

11.11.8 Epidural-sakrale Injektion

11.12 Obere Extremität – Schulterregion

11.12.1 Indikationen/Allgemeines

11.12.2 Untersuchung der Schulter in der Praxis

11.12.3 Quaddeltherapie

11.12.4 Infiltration in Triggerpunkte und an Sehnenansätze

11.12.5 Injektion an den Processus coracoideus

11.12.6 Injektion in den Sulcus intertubercularis

11.12.7 Injektion in das Schultergelenk

11.12.8 Injektion in das Akromioklavikulargelenk

11.12.9 Injektion in das Sternoklavikulargelenk

11.12.10 Subakromiale Injektion

11.12.11 Injektion an den Nervus suprascapularis

11.12.12 Injektion an Arteria axillaris und Plexus brachialis

11.13 Obere Extremität – Ellbogenregion

11.13.1 Injektion an den radialen und ulnaren Epicondylus humeri

11.13.2 Injektion in das Ellbogengelenk

11.14 Obere Extremität – Hand-/Fingerregion

11.14.1 Injektion in das Handgelenk

11.14.2 Injektion in das Daumensattelgelenk (Articulatio carpometacarpalis I)

11.14.3 Injektion in die übrigen Fingergelenke

11.14.4 Injektion an den Nervus medianus

11.15 Untere Extremität – Hüftregion

11.15.1 Indikationen/Allgemeines

11.15.2 Quaddeltherapie

11.15.3 Triggerpunkte

11.15.4 Insertionstendopathien

11.15.5 Injektion an den Trochanter major

11.15.6 Injektion in das Hüftgelenk

11.15.7 Injektion an den Nervus obturatorius (L2–L4)

11.15.8 Injektion an den Nervus cutaneus femoris lateralis (L2–L3)

11.15.9 Injektionen in und an die Arteria femoralis

11.16 Untere Extremität – Knieregion

11.16.1 Indikationen/Allgemeines

11.16.2 Quaddeltherapie

11.16.3 Tiefere Injektionen im Bereich des Seitenbandapparats und des Pes anserinus

11.16.4 Injektion in das Kniegelenk

11.17 Untere Extremität – Fuß-/Zehenregion

11.17.1 Indikationen/Allgemeines

11.17.2 Quaddeltherapie des oberen und unteren Sprunggelenks

11.17.3 Injektion an die Achillessehne

11.17.4 Injektion in das obere Sprunggelenk

11.17.5 Injektion in die Zehengelenke

11.17.6 Injektion an den distalen Bereich des Nervus tibialis

11.18 Segmentale Neuraltherapie innerer Organe und des urogenitalen Bereichs

11.18.1 Allgemeines/Übersicht

11.18.2 Segmentreflektorischer Bereich innerer Organe

11.18.3 Segmentale Neuraltherapie des Herzens

11.18.4 Segmentale Neuraltherapie der Lunge

11.18.5 Segmentale Neuraltherapie des Leber-Gallenblasen-Bereichs

11.18.6 Segmentale Neuraltherapie bei Erkrankungen des Magens

11.18.7 Segmentale Neuraltherapie des Pankreas

11.18.8 Segmentale Neuraltherapie des Darmes

11.18.9 Segmentale Neuraltherapie von Nieren und Ureter

11.18.10 Segmentale Neuraltherapie der unteren Harnwege und des Genitalbereichs

11.18.11 Injektion in den „gynäkologischen Raum“ (Plexus uterovaginalis)

11.18.12 Injektion an die Prostata (Plexus vesicoprostaticus)

12 Therapievorschläge häufiger Krankheitsbilder von A bis Z

12.1 Wichtige Vorbemerkungen

12.2 Therapievorschläge

12.2.1 Abszess

12.2.2 Abwehrschwäche

12.2.3 Allergie und toxisches Geschehen/Insektenstiche, Schlangenbisse

12.2.4 Amputationsstumpfschmerzen

12.2.5 Analfissur

12.2.6 Angina pectoris

12.2.7 Angstzustände

12.2.8 Apoplexie

12.2.9 Arteriitis temporalis

12.2.10 Arthritis

12.2.11 Arthrose

12.2.12 Asthma bronchiale

12.2.13 Autoimmunerkrankungen

12.2.14 Bechterew-Erkrankung

12.2.15 Chronic Pelvic Pain

12.2.16 Cluster Headache

12.2.17 Colitis ulcerosa

12.2.18 Colon irritabile

12.2.19 Commotio/Contusio cerebri

12.2.20 Crohn-Krankheit

12.2.21 CRPS (Complex Regional Pain Syndrome) I/II

12.2.22 Depression

12.2.23 Distorsion

12.2.24 Dupuytren-Kontraktur

12.2.25 Dysmenorrhö

12.2.26 Dystonie, vegetative

12.2.27 Ekzem

12.2.28 Enzephalitis

12.2.29 Epicondylitis humeri radialis und ulnaris

12.2.30 Epididymitis

12.2.31 Epilepsie

12.2.32 Erbrechen

12.2.33 Erfrierungen

12.2.34 Erysipel

12.2.35 Fazialislähmung

12.2.36 Fersensporn (Kalkaneussporn)

12.2.37 Fieber

12.2.38 Frakturen

12.2.39 Furunkel

12.2.40 Gallenblasenerkrankungen

12.2.41 Ganglion (Synovialzysten v.a. im Handgelenkbereich)

12.2.42 Geburtshilfe

12.2.43 Gehirntumor

12.2.44 Gicht

12.2.45 Glaukom

12.2.46 Gonagra

12.2.47 Gynäkologische Erkrankungen

12.2.48 Hämatom

12.2.49 Hämorrhoiden

12.2.50 Harnverhaltung

12.2.51 Hauterkrankungen

12.2.52 Heiserkeit

12.2.53 Hepatitis

12.2.54 Herpes zoster

12.2.55 Herzinfarkt

12.2.56 Herzrhythmusstörungen

12.2.57 Hirnödem

12.2.58 Hüftbeschwerden

12.2.59 Husten

12.2.60 Hyperemesis gravidarum

12.2.61 Hypertonie

12.2.62 Ileus (paralytischer)

12.2.63 Iliosakralgelenkaffektion (am häufigsten Blockierung)

12.2.64 Impotenz

12.2.65 Insektenstiche

12.2.66 Iridozyklitis

12.2.67 Ischialgie

12.2.68 Karpaltunnelsyndrom

12.2.69 Kausalgie (CRPS II)

12.2.70 Kehlkopferkrankungen (Schmerzen, Schluckbeschwerden ohne fassbare Pathologie, Heiserkeit etc.)

12.2.71 Keratitis

12.2.72 Kiefergelenkerkrankungen (kraniomandibuläre Dysfunktion)

12.2.73 Klimakterische Beschwerden

12.2.74 Knochennekrosen, aseptische (Os lunatum, Os naviculare, Morbus Osgood-Schlatter, Morbus Köhler etc.)

12.2.75 Kokzygodynie

12.2.76 Kollaps

12.2.77 Konjunktivitis

12.2.78 Kopfschmerzen

12.2.79 Koronare Herzkrankheit

12.2.80 Krebserkrankungen

12.2.81 Lateralsklerose, amyotrophe

12.2.82 Lebererkrankungen

12.2.83 Lumbago, Lumbovertebralsyndrom

12.2.84 Lungenembolie

12.2.85 Lungenerkrankungen

12.2.86 Luxationen

12.2.87 Magenerkrankungen

12.2.88 Menière-Erkrankung

12.2.89 Meralgia paraesthetica

12.2.90 Metatarsalgie (Morton-Neuralgie)

12.2.91 Migräne

12.2.92 Multiple Sklerose

12.2.93 Mykosen

12.2.94 Nabelerkrankungen

12.2.95 Nasennebenhöhlenerkrankungen

12.2.96 Nephrolithiasis

12.2.97 Neuralgien (neuropathische Schmerzen)

12.2.98 Nierenerkrankungen

12.2.99 Ödeme

12.2.100 Ohrenerkrankungen

12.2.101 Osteomyelitis

12.2.102 Otitis

12.2.103 Pankreaserkrankungen

12.2.104 Parkinsonismus

12.2.105 Parodontose

12.2.106 Peripher-arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)

12.2.107 Pelvipathia vegetativa (Chronic Pelvic Pain)

12.2.108 Periarthropathia

12.2.109 Phantomschmerzen

12.2.110 Phlegmone

12.2.111 Pleuritis

12.2.112 Pneumonie

12.2.113 Podagra

12.2.114 Polyarthritis

12.2.115 Prostataerkrankungen

12.2.116 Psychische Erkrankungen

12.2.117 Psychoorganisches Syndrom (POS)

12.2.118 Quincke-Ödem

12.2.119 Raynaud-Syndrom

12.2.120 Reizblase

12.2.121 Rheumatische Erkrankungen

12.2.122 Schilddrüsenerkrankungen

12.2.123 Schlaflosigkeit

12.2.124 Schlangenbiss

12.2.125 Schleudertrauma der Halswirbelsäule

12.2.126 Schock

12.2.127 Schulterschmerzen

12.2.128 Schwindel

12.2.129 Singultus

12.2.130 Sinusitis

12.2.131 Spannungskopfschmerz

12.2.132 Sterilität

12.2.133 Sudeck-Syndrom (CRPS I/II)

12.2.134 Tarsaltunnelsyndrom

12.2.135 Tendovaginitis

12.2.136 Thrombophlebitis (oberflächliche)

12.2.137 Tietze-Syndrom

12.2.138 Tinnitus

12.2.139 Tonsillitis

12.2.140 Tortikollis

12.2.141 Trigeminusneuralgie

12.2.142 Triggerpunkte

12.2.143 Trismus (Kiefersperre)

12.2.144 Ulcus cruris varicosum

12.2.145 Urtikaria

12.2.146 Varizen

12.2.147 Verbrennungen

12.2.148 Wirbelsäulenerkrankungen

12.2.149 Zahnerkrankungen

12.2.150 Zerebrovaskulärer Insult

12.2.151 Zervikalsyndrom

12.2.152 Zystitis/Reizblase

Teil V Wissenschaftlicher Nachweis

13 Wirksamkeit/Zweckmäßigkeit/Wirtschaftlichkeit

13.1 Wirksamkeit

13.1.1 Health Technology Assessment und Antrag

13.1.2 Weitere Studien

13.2 Zweckmäßigkeit

13.3 Wirtschaftlichkeit

13.3.1 Studien und Zahlen

13.3.2 Globale Beurteilung der Wirtschaftlichkeit

Teil VI Anhang

14 Literatur

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I Von den Anfängen bis heute

1 Entwicklungsschritte

1 Entwicklungsschritte

Die experimentelle Forschung der letzten Jahrzehnte bis heute in den Bereichen Grundregulation, vegetatives Nervensystem, Schmerzmechanismen erklärt die über Jahre beobachteten Phänomene bei der Arbeit mit Lokalanästhetika. Besonders die neuesten Erkenntnisse in der Pathophysiologie des Schmerzes und der Entzündung erklären nicht nur die Langzeiteffekte in der Neuraltherapie, sie lassen die Interventionen vielmehr als logisch abgeleitet erscheinen (obwohl der Weg historisch gesehen umgekehrt war: von der Praxis zur Theorie).

1.1 Die Anfänge

1883 führte der Ophthalmologe Koller Augenoperationen in Lokalanästhesie mit Kokain durch ▶ [298]. Die Information über die lokalanästhetische Wirkung des Kokains erhielt Koller vom Psychiater Freud.

Ein entscheidender Schritt in der therapeutischen Nutzung von Lokalanästhetika war die Synthese des Novocains (Procain) 1905 durch Einhorn. Dieses Lokalanästhetikum hatte im Vergleich zum Kokain bei gleicher lokalanästhetischer Wirkung keine toxischen Nebenwirkungen.

In jener Zeit beobachtete Spiess, Ordinarius für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der Universität Frankfurt/Main, die geringere Inzidenz von Infektionen nach Operationen in Lokalanästhesie und zusätzlich die entzündungshemmende Wirkung von Lokalanästhetika ▶ [440]▶ [441].

1.2 Das „unblutige Messer“ des Chirurgen Leriche

Die von Leriche 1920 veröffentlichte operative Entfernung des Ganglion stellatum zu therapeutischen Zwecken ▶ [311] und die in anderen Fällen durchgeführte therapeutische Infiltration des Ganglion stellatum mit dem Lokalanästhetikum stimmten im Vergleich der Ergebnisse überein, sodass die wiederholte Stellatum-Injektion als weniger traumatisierender Eingriff empfohlen wurde. Aus dieser Erkenntnis stammt der Begriff der Procain-Injektion als „unblutiges Messer des Chirurgen“.

Leriches therapeutische Empfehlungen resultierten aus eindrücklichen klinischen Versuchen, über die Infiltration von Lokalanästhetika an sympathischen Nervenstrukturen Einfluss auf Krankheiten und Schmerzen zu nehmen, die bislang nicht zufriedenstellend behandelt werden konnten. Die Stellatum-Injektion bei Lungenembolie, zerebrovaskulärem Insult und Gefäßdyskinesien nach Verletzungen oder im Rahmen des großen Gebiets der Kopfschmerzen sind nur einige Beispiele.

1.3 Die Entdeckung von Ferdinand und Walter Huneke

Durch die geniale Interpretation eines Zufalls entdeckten Ferdinand und Walter Huneke 1925, dass die Wirkung von Procain-Injektionen am vegetativen Nervensystem nicht „stofflicher“ Natur ist, sondern dass es sich um ein „informatives“, elektrophysiologisches Geschehen handeln muss. In der Folge erarbeiteten die Brüder eine Methode, um mittels Injektionen von Lokalanästhetika unter anderem über Haut-, Muskel- und Periostpunkte (Head-/McKenzie-Zonen) Einfluss auf innere Organe zu nehmen ▶ [251].

1940 beobachtete Ferdinand Huneke ein erstes sogenanntes „Sekundenphänomen“: Bei einer Patientin verschwanden die Schmerzen einer bisher therapieresistenten Kapselarthritis der Schulter nach Infiltration einer alten Osteomyelitisnarbe am Unterschenkel mit Impletol (Procain und Koffein). Mit dieser Abkoppelung des „Störsenders“, des nervalen Störfelds, vom Vegetativum gelang es fortan auch über die Segmentgrenzen hinaus, bisher therapieresistente Erkrankungen zu beeinflussen ▶ [253].

1.4 Die Relationspathologie von Ricker

Ricker zeigte 1924 mittels ausgedehnter Tierversuche, dass der pathologische Reiz, der zur Entstehung eines zellularpathologischen Befundes notwendig ist, nicht unbedingt primär an der Zelle selbst ansetzen muss (These von Virchow), sondern auch am Sympathikus ansetzen kann ( ▶ Abb. 1.1). Dabei ist es erstaunlicherweise gleichgültig, ob dieser Reiz physikalischer, chemischer oder mikrobieller Natur ist. Er wird vom perivasalen Sympathikus nicht qualitativ, sondern quantitativ beantwortet (unterschiedliche Impulsfrequenz). Somit zeigten seine Experimente, dass erworbene zellularpathologische Veränderungen in Relation zum Reizzustand des perivasalen Sympathikus stehen ▶ [401].

Diese zellularpathologischen Veränderungen stehen auch in Relation zum Grundregulationssystem, das heißt dem Zustand und der Informationsverarbeitungskapazität des Extrazellulärraums.

Allein durch abgestufte Reizungen (in Intensität und Dauer) des perivasalen Sympathikus konnte Ricker Entzündung, Degeneration, Hyperplasie und Nekrose erzielen.

Abb. 1.1 Verschiedene Betrachtungsweisen der „Wege“ zu Krankheit und Genesung: RICKER: primär über den perivaskulären Sympathikus; PISCHINGER: primär über das Grundsystem – die Parenchymzellen werden erst sekundär betroffen; VIRCHOW: primär an den Parenchymzellen angreifende Noxen oder die Genesung beschleunigende Moleküle.

1.4.1 „Gedächtnis“ des Sympathikus

Weiter sagen seine Tierexperimente aus, dass auch eine weiter zurückliegende pathologische Reizung des Sympathikus in der Form „gespeichert“ wird, dass die Reizbarkeit sich anhaltend erhöht. Durch einen erneuten (physiologischen) Reiz in einem solchen System erfolgt die Antwort pathologisch (überschießend). Die gleiche Reizstärke kann somit bei verschiedenen Individuen eine unterschiedliche Reizantwort auslösen. Der Sympathikus scheint demnach eine Art „Gedächtnis“ für pathologische Reize zu besitzen (das mittels Lokalanästhetika wieder „gelöscht“ werden kann).

Wissen

Die sogenannte Langzeitpotenzierung in sympathischen Ganglien führt zu einer Potenzierung der postsynaptischen Antwort auf eine gleichbleibende präsynaptische Stimulation und kann längere Zeit anhalten und somit einem Lern- und Gedächtnisvorgang gleichgesetzt werden ▶ [16]. Dies ist 80 Jahre später eine Bestätigung der Experimente Rickers.

1.5 Die Neuralpathologie von Speranski

In großen Tierversuchsreihen hat Speranski vor Jahrzehnten artifiziell sogenannte Störfelder gesetzt ▶ [438]. Er bezeichnete diese Entzündungsherde als „Erstschlag“ für den Organismus. Dadurch wurden nozizeptive und sympathische Systeme vorbelastet. Durch Zusatzreize („Zweitschlag“) konnten die unterschiedlichsten Erkrankungen ausgelöst werden. Speranski konnte tierexperimentell zeigen, dass „Störfelder“ (neuromodulatorische und neuroinflammatorische Trigger) über jede segmentale Ordnung hinaus wirken und dass das Nervensystem nur als Ganzheit betrachtet werden kann.

Weiter folgerte Speranski, dass das Nervensystem übergeordnet humorale und biochemische Regelkreise sowie zelluläre Reaktionen steuert.

Speranski prägte auch den Satz: „Krankheit ist Reizbeantwortung des Organismus unter dem führenden Einfluss des Nervensystems.“

Wissen

Auch unzählige Beobachtungen an Patienten und neuerdings auch Studien bestätigen die Annahme, dass „Störfelder“ (beherdete Zähne, chronische Tonsillitis, Narben etc.) im nozizeptiven und sympathischen System an jeder Stelle des Organismus zu Sensibilisierungsvorgängen beitragen können.

1.6 Die Wiener Schule

Schon vor Jahrzehnten wurde an der Universität in Wien (Bergsmann, Hopfer, Kellner, Perger, Pischinger, Stacher und andere) Regulationsforschung betrieben. Pischinger lieferte die Basis mit dem sogenannten Grundregulationssystem (synonym: Grundsystem), das in der Matrix unter anderem Wasser in teilweise flüssigkristalliner Ordnung enthält. Dies ergibt eine morphologische und energetische Basis für eine eigenständige Informationsleitung und -speicherung. Weiter besteht das Grundsystem aus zellulären, humoralen und nervösen Komponenten. Das Grundregulationssystem ist neben dem Sympathikus überall im Körper vorhanden und erhielt die Bezeichnung „ubiquitäre Synapse“. Die Wiener Forscher konnten zeigen, dass Störfeldimpulse und neuraltherapeutische Impulse über dieses Grundsystem (und den Sympathikus) an jede Stelle des Körpers gelangen können ▶ [381].

Beachte

Das Grundregulationssystem reagiert zwar ganzheitlich, jedoch nicht in jeder Region einheitlich. Der Grund liegt darin, dass beispielsweise in einem belasteten Segment gegenüber den anderen Körpersegmenten eine differente morphologische und elektromagnetische Ausgangssituation vorliegt.

Alarmreaktion nach Selye Ein normal funktionierendes Grundsystem reagiert auf verschiedenartige Reize ganzheitlich und unspezifisch zunächst mit einer sogenannten „Alarmreaktion nach Selye" ▶ [425]. Diese wird erstaunlicherweise in der gleichen Art ausgelöst, und zwar unabhängig davon, ob es sich um physikalische, biochemische, infektiöse oder psychische Reize handelt. Die Alarmreaktion besteht aus einer sogenannten Schock-Gegenschock- und einer Rekonvaleszenzphase ( ▶ Abb. 1.2). Die Schockphase entspricht einem Sympathikotonus, die Gegenschockphase einem Parasympathikotonus. In diesem Phasenablauf treten rhythmisch biophysikalische, humorale ▶ [258] und zelluläre Veränderungen auf ▶ [237]. Diese Rhythmik hat den Zweck einer unspezifischen Abwehrmaßnahme. Nicht ausgelöst werden kann die Alarmreaktion bei sogenannten „Regulationsstarren“. Verursacht werden können Letztere beispielsweise durch Schwermetalle, Störfelder, bestimmte Medikamente wie hoch dosiertes Kortison etc. Das System ist dann nicht mehr fähig, äußere Reize auszuregulieren (beispielsweise Infektanfälligkeit).

Die Alarmreaktion kann je nach vorbestehenden oder zusätzlichen Belastungen auch in der Schock- oder Gegenschockphase „stecken bleiben“. Der Organismus ist dann zu ständiger Kompensationsarbeit gezwungen. Persistiert die Noxe (z.B. Infekt), führt dies nach einem Stadium des Widerstands in ein Adaptations- oder Erschöpfungsstadium ▶ [425].

Informationen (nerval, humoral) müssen bis zu den Organparenchymzellen jeweils das Grundsystem passieren („Transitstrecke“, ▶ [237]).

Abb. 1.2 Die Alarmreaktion nach Selye: unspezifische Reaktion im Grundsystem auf Reize verschiedenartiger Qualität.

Kompensation und Dekompensation Das Grundregulationssystem kann autonom eine gewisse Summe von Belastungen kompensieren ( ▶ Abb. 1.3). Kommt auf dieses „vorgeschädigte Terrain“ eine weitere Belastung hinzu, kann das Grundregulationssystem dekompensieren („das Fass läuft über“). So kann ein unter Umständen sogar geringfügiges Ereignis, wie ein viraler Infekt, eine „Störfeld“-Narbe etc., eine chronische Entgleisung auslösen (beispielsweise Autoimmunerkrankung, chronische Schmerzkrankheit etc.). Der Neurophysiologe Speranski (Kap. ▶ 1.5) nannte dies „Zweitschlag“.

Abb. 1.3 Belastung (Beispiele) und Dekompensation des Grundregulationssystems (symbolisch als Fass dargestellt).

Mittels Jodometrie, Hautwiderstandsmessungen und elektrischer Potenzialdifferenzen bei Narben wurde das Störfeldgeschehen von der Wiener Gruppe weiter erforscht ▶ [381].

Die weitere Erforschung der Grundregulation ist in Kap. ▶ 2.2 dargestellt.

1.7 Entwicklungen in der Physik

Die klassische Physik mit den Newton-Gesetzen sowie den Descartes-Koordinaten und deren Trennung von Körper und Geist verführten die Wissenschaftler lange Zeit zur Überlegung, alle Vorgänge in der belebten und unbelebten Welt könnten in einzelne mathematische und mechanische Begriffe zerlegt werden. Alles wird ausgeklammert, was nicht direkt mit der Fragestellung zu tun hat (Reduktionismus). Bei komplexen Problemen werden unter Anwendung linearer Gleichungen Teillösungen aneinandergereiht. Lineare Gleichungen erlauben die Übertragung auf andere Systeme. Eine Verallgemeinerung und Voraussagbarkeit ist damit möglich (Determinismus).

Dagegen ist das Einmalige, das Individuelle der klassischen Naturwissenschaft unzugänglich. Dennoch ist diese Art der Wissenschaft in vielen Bereichen (Technik, Akutmedizin) notwendig, um Fortschritte zu erreichen (und es wurden auch fantastische Erfolge erzielt).

Die klassische Naturwissenschaft darf jedoch nicht als prinzipiell richtig für alle Gebiete (z.B. chronische Krankheiten, komplexe Naturphänomene) angesehen werden.

Es ist also eine Illusion, zu glauben, zwecks Erklärung und Voraussagbarkeit für alles in der Natur müssten nur noch die kleinsten Subsysteme und Bausteine isoliert, erforscht und wieder mosaikartig „zusammengesetzt“ werden. Denn mittels kleinster Bausteine (subatomare Teilchen) und ihrer einfachen Eigenschaften und Wechselwirkungen können komplexe Naturphänomene nicht mehr erklärt werden. Es müssen stets neue, ergänzende Teilchen mit zunehmend komplizierteren Eigenschaften postuliert werden. In der experimentellen Teilchenphysik sind jedoch Beobachtung, Messung und Theorie stärker miteinander verflochten, als man wahrhaben will ▶ [143]▶ [487].

Somit ist der Materiebegriff stark relativiert worden: Die subatomaren Teilchen sind keine eigentlichen Substanzen, sie sind keine Entitäten für sich. Sie können nicht unabhängig von ihrer Wechselwirkung mit der Messapparatur erfasst werden, das heißt, es gibt sie eben unabhängig von der Messapparatur nicht. Mit anderen Worten: Die vermuteten subatomaren Teilchen entstehen erst als Folge der Eigenschaften des Teilchendetektors, nachdem die Wellen, die zu einem ganzheitlichen Quantensystem gehören, „kollabiert“ sind ▶ [143].

In der „Quantenwelt“ können demzufolge keine Teile aus der komplex verflochtenen Ganzheit ohne Fehler isoliert werden. Somit müssen stets neue, ergänzende Teilchen mit zunehmend komplizierteren Eigenschaften postuliert werden. Damit stößt diese partikularistische, klassische Naturwissenschaft an Grenzen: Je umfassender die Erklärungsmöglichkeit der Modelle sein soll, desto komplexer und erklärungsbedürftiger muss das Modell selbst werden ▶ [290].

Mit dem Aufkommen der Quantentheorie und der mathematischen Chaostheorie wurde deutlich, dass der Reduktionismus nicht ohne Fehler möglich und die eindeutige Voraussagbarkeit in der Natur unmöglich ist. Nichtlinearität, positive Rückkoppelung und Indeterminismus herrschen in komplexen Naturphänomenen und in lebenden Organismen vor ▶ [155]▶ [159]▶ [170].

Die Chaostheorie wurde zu einem neuen mathematisch-physikalischen Forschungsgebiet. Sie ist eine Theorie der komplexen, nichtlinearen Systeme. Damit können die Naturvorgänge wirklichkeitsgetreuer beschrieben werden als mit der klassischen, linearen, idealisierten Physik. Es ist der klassischen Physik nicht gelungen, mithilfe der linearen Mathematik beispielsweise die (einmalige) Form eines Baumes, den Fall eines Blattes oder die Komplexität einer Wolke zu beschreiben. Auch zum Beispiel die Geometrie des Bronchialbaums „gehorcht“ keiner linearen Geometrie. Vielmehr haben beispielsweise unsere Formen in der Lunge nicht ganzzahlige, sondern gebrochene (fraktale) Dimensionen ▶ [510] und diese sind nur mittels nichtlinearer Mathematik, wie sie der Chaostheorie entspricht, berechenbar.

Beachte

Sowohl die Entwicklungen in der Quantenphysik als auch die Chaostheorie lehren uns, dass Systeme nur ganzheitlich betrachtet werden können und jede Isolierung daraus mit Fehlern behaftet ist.

Weiter zeigt uns die nichtlineare Chaostheorie, dass geeignete, kleinste Energiemengen gewaltige Auswirkungen haben können (wegen der positiven Rückkoppelung!). Die Auswirkungen sind jedoch nicht exakt voraussagbar (Indeterminismus). Dies gilt für sowohl die Natur (z.B. Wetter) als auch für Lebewesen. Die positive Rückkoppelung dient einer raschen Anpassung und Selbstorganisation der Systeme, entgeht jedoch einer exakten Voraussagbarkeit.

Sie ist auch Voraussetzung für die Thermodynamik energetisch offener Systeme (Kap. ▶ 2.1).

Wissen

Positive Rückkoppelungen können beispielsweise zur Schmerzchronifizierung beitragen ▶ [155]▶ [159]▶ [162], wenngleich dies vorerst nur im Modell ▶ [272] gezeigt werden kann. In der Neuraltherapie sprechen wir einerseits mit dem Nadelstich (Reiz), andererseits mit dem Lokalanästhetikum (Unterbrechung) die Rückkoppelungen und damit die Selbstorganisation im Grundregulationssystem und im Nervensystem an.

Die Chaostheorie (positive Rückkoppelungen) lehrt uns, dass das Prinzip „Mehr Reize und mehr Menge bedeutet mehr Wirkung“ nicht gilt.

Geringe, gezielte Reize und Unterbrechungen können unter Umständen eine große, lang anhaltende Wirkung haben durch Unterbrechung und Gegenirritation von positiven Rückkoppelungen (Circulus vitiosus).

1.8 Schmerz und Sympathikus (Jänig, Baron)

In den vergangenen Jahren konnten Baron ▶ [36]▶ [39]▶ [41]▶ [43] und Jänig ▶ [36]▶ [270]▶ [272] vieles aus der empirisch entstandenen Neuraltherapie auf eine plausible neurophysiologische Basis stellen. Obwohl zum Teil noch hypothetisch, präsentiert Jänig eine bestechend logische Herleitung, dass manualtherapeutische, physiotherapeutische, neuraltherapeutische, an peripheren Geweben ansetzende Verfahren und verhaltenstherapeutische, zentral ansetzende Verfahren (oder auch zentrale pharmakologische Interventionen) in der Behandlung tiefer somatischer und viszeraler Schmerzen Rückkoppelungssysteme unterbrechen können ▶ [272].

1.9 Lehrbücher

Konnte man aus den frühesten Lehrbüchern von Ferdinand Huneke▶ [253] und Ernesto Adler▶ [2] die Vorgehensweise in der Neuraltherapie aus ausführlichen und präzise geschilderten, eindrücklichen Kasuistiken ableiten, hat Peter Dosch in seinem Lehrbuch ▶ [121] die Ergebnisse bei Patientenbehandlungen untermauert mit den damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen (1. Auflage 1964). Das Verdienst von Hans Barop mit seinem Atlas und Lehrbuch ▶ [46] war die präzise Anatomie in Bild und Wort, wobei interessante neuroanatomische Verschaltungen dargestellt wurden, die zum besseren Verständnis des Störfeldgeschehens führten.

Im Buch von Lorenz Fischer 1997 (3. Auflage 2007) ▶ [170] werden – ausgehend von der modernen Physik – positive Rückkoppelungsmechanismen im Schmerzgeschehen und deren logische Unterbrechung mittels Lokalanästhetika hergeleitet. In Österreich entstand 2009 unter der Führung von Kurt Gold-Szklarski ein Arbeitsbuch Neuraltherapie ▶ [213] und in Deutschland erschien 2010 das Nachschlagewerk von Stefan Weinschenk (Hrsg.) mit verschiedenen Autoren ▶ [507].

Diese Lehrbücher, insbesondere in den Anfängen, waren nötig, damit das Praxiswissen der Neuraltherapie nicht verloren ging. Mithilfe dieser Lehrbücher und verschiedener Studien ist es gelungen, dass die Neuraltherapie nun an verschiedenen Universitäten auf der ganzen Welt ins Studiensystem integriert ist.

Teil II Neurophysiologie

2 Neurobiologische Grundlagen

3 Pathophysiologie des Schmerzes

2 Neurobiologische Grundlagen

Das Verständnis der Vorgänge in der Grundregulation (extrazelluläre Matrix), der Neuroanatomie mit den übersegmentalen Verbindungen und der Neurophysiologie hilft zum besseren Verständnis des komplexen chronischen Schmerz- und Entzündungsgeschehens.

2.1 Thermodynamische Aspekte

2.1.1 Thermodynamik abgeschlossener Systeme

Energiezufuhr bedeutet hier (z.B. Gas in einem abgeschlossenen Behälter) Zunahme der Entropie (= Unordnung). Nach jeder Veränderung der Energiezufuhr stellt sich mit der Zeit ein thermodynamisches Gleichgewicht ein. Die Vorgänge sind umkehrbar (reversibel, reproduzierbar). Demnach bedeutet Energiezufuhr in einem abgeschlossenen, klassischen thermodynamischen System Strukturzerstörung. Hier besteht kein Raum für die Entstehung von neuen Ordnungszuständen durch Energiezufuhr. Leider wird diese Art Thermodynamik weiterhin zu stark in biologischen Systemen berücksichtigt. Genau genommen gelten die klassischen Gesetze der Gleichgewichtsthermodynamik nur für tote Systeme. Leben, lebendige Ordnungsstruktur, ist nur möglich weit weg vom thermodynamischen Gleichgewicht.

2.1.2 Thermodynamik energetisch offener Systeme (Nichtgleichgewichtszustände)

Völlig anders präsentiert sich die Situation in offenen Systemen (z.B. in Lebewesen, die Energie und Materie mit der Umwelt austauschen): Hier befinden wir uns weit weg von einem thermodynamischen Gleichgewicht. Die Vorgänge sind irreversibel, nicht mehr umkehrbar. Den Gesetzen der nichtlinearen Chaostheorie folgend, ist an den Bifurkationsstellen jeweils eine „Entscheidung“ in eine der möglichen Richtungen (Ordnungszustände) gefallen. Die Empfindlichkeit und Instabilität der Zustände eines Systems an den Bifurkationsstellen gegenüber geringsten Störungen (geeigneter Energiezufuhr) ist die Voraussetzung für das Auftreten neuer Strukturen ▶ [296].

Dissipative Strukturen Die Zufuhr geeigneter Energie begünstigt also die Entstehung dynamischer Strukturen (neuer Ordnungszustände).

Der Nobelpreisträger Ilya Prigogine prägte 1979 den Ausdruck der „dissipativen Strukturen“ (lat. dissipare: verteilen): Die Energie, die den „Umschlag“ in einen bestimmten Ordnungszustand bewirkt, verteilt sich blitzartig informativ über das ganze System und verbindet alle Teile zu einem Ganzen. Bei den dissipativen Strukturen im Experiment handelt es sich um eine Art Selbstorganisation chemischer Reaktionen. Es ist dies sozusagen die nichtlineare Thermodynamik energetisch offener Systeme im Experiment.

Die wichtigste Aussage ist die: Ein solches System muss als Ganzes handeln können. Prigogine sagt, jedes Molekül müsse über den gesamten Zustand informiert sein. Hier denken wir wieder an den ganzheitlichen Feldbegriff der Physiker Bohm ▶ [71] und Sheldrake ▶ [428]. Damit sind wir erneut bei der holografischen Betrachtung angelangt.

Beachte

Lebewesen sind als offene Systeme weit weg vom thermodynamischen Gleichgewicht zu betrachten. Das bedeutet, dass die lineare Mathematik und Physik hier nicht anwendbar sind. Es gelten bei der Nichtgleichgewichtsthermodynamik die Gesetze der nichtlinearen Mathematik, der Chaostheorie ( ▶ Tab. 2.1).

Positive Rückkoppelung Ein wesentliches Merkmal nichtlinearer Gleichungen der Chaostheorie ist die positive Rückkoppelung (oder „Iteration“). Dies bedeutet mathematisch, dass Teile einer Gleichung wiederholt mit sich selbst multipliziert werden. Somit hängt das Resultat stark von den Ausgangsbedingungen ab (momentaner individueller Zustand des Organismus). Weiter bedeutet dies, dass sogar eine winzige Änderung des initialen Zustands oder einer Variablen das System in eine völlig andere Richtung treiben kann. Eine eindeutige Voraussagbarkeit (Determiniertheit) ist nicht mehr gegeben, denn das System arbeitet nach einer bestimmten Eingabe selbst weiter (organisiert sich selbst). Zudem können wegen der positiven Rückkoppelung schon geringste, geeignete Reize eine große Auswirkung zeigen (Kap. ▶ 1.7).

Beachte

An bestimmten Stellen (sogenannte Bifurkationen, Phasenübergänge) reagieren offene, vernetzte Systeme wegen innerer Rückkoppelung schon auf geringste Reize (Energiemengen) äußerst empfindlich. Hier hat das System die „Wahl“ unter neuen Ordnungszuständen ( ▶ Abb. 2.1).

Abb. 2.1 Dynamische, rückgekoppelte Systeme sind an den Phasenübergängen äußerst empfindlich. Bei geringsten, geeigneten Reizen entstehen hier neue, nicht exakt voraussagbare Ordnungszustände.

Tab. 2.1

 Zusammenfassung der Thermodynamik geschlossener und energetisch offener Systeme.

Thermodynamik geschlossener Systeme („technische“ Systeme)

Thermodynamik energetisch offener Systeme (Natur, Lebewesen)

lineare Mathematik

nichtlineare Mathematik (Rückkoppelung, Chaostheorie)

Energiezufuhr bedeutet Entropiezunahme

Zufuhr geeigneter Energie bedeutet neue Strukturen (dissipative Strukturen)

Einstellung eines Gleichgewichts

Zustände weit entfernt vom Gleichgewicht

Reversibilität

Irreversibilität

Wissen

Bedeutung für die Neuraltherapie

Die Erkenntnisse der Experimente Speranskis (bezüglich Störfeldern im Tierversuch) und Prigogines (bezüglich positiver Rückkoppelung und Selbstorganisation) sowie positive rückgekoppelte Reflexbögen im Nervensystem bilden unseres Erachtens eine wichtige Teilerkenntnis zum Verständnis chronischer Schmerzen und für die Einordnung des übersegmentalen Störfeldgeschehens in der Neuraltherapie. Mit der Neuraltherapie wird in das nichtlineare, komplexe System ein Impuls gegeben (und mit dem Lokalanästhetikum ein Circulus vitiosus unterbrochen). Anschließend hat das System die Chance, sich neu zu organisieren.

Diese Zusammenhänge verdeutlichen ebenfalls, dass kein Lokalanästhetikum von langer Wirkdauer verwendet werden muss, da einerseits der Reiz (Nadelstich) und andererseits nur die kurzzeitige Unterbrechung der Leitungsbogen notwendig sind. Die anschließende Langzeitwirkung beruht dann auf der Selbstorganisation des Organismus und nicht mehr auf der Wirkung des Lokalanästhetikums.

2.2 System der Grundregulation

2.2.1 Definitionen

Grundsubstanz (= extrazelluläre Matrix) Netzwerk aus hochpolymeren Zucker-Protein-Komplexen: Proteoglykane, Glykosaminoglykane (vor allem Hyaluronsäure), Strukturglykoproteine (Kollagen, Elastin), Vernetzungsproteine (Fibronektin, Laminin). Darin befindet sich Wasser teilweise in strukturierter räumlicher Anordnung, auch Ionen etc.

Abb. 2.2 Das Grundsystem nach Pischinger und Heine (schematisch).

2.2.2 Funktion

Experimentelle Pionierarbeit hat die Wiener Gruppe geleistet (siehe Kap. ▶ 1.6), fortgesetzt von Heine ▶ [237].

Das System der Grundregulation durchzieht den gesamten Extrazellulärraum. Es ist eine Funktionseinheit („ubiquitäre Synapse“). Jede Stelle des Organismus ist über das Grundsystem mit jeder anderen Stelle verbunden.

Das Grundsystem ist allen Organparenchymzellen vorgeschaltet. Es ist unter anderem zuständig für Ernährung, Abwehr und Information. Information bedeutet nicht nur „Nachrichtenübermittlung“ über Nerven und Hormone; vielmehr besitzt die Grundsubstanz die Fähigkeit zu einer eigenständigen Informationsleitung und -speicherung. Diese ist insbesondere beim chronischen Krankheitsgeschehen von größter Wichtigkeit: Die Parenchymzellen der Organe arbeiten nur bei morphologisch und funktionell intaktem Grundsystem einwandfrei. Chronische Organ- und Systemerkrankungen entstehen somit oft – falls nicht genetisch determiniert – als Folge einer Dysfunktion des Grundsystems. Eine Dysfunktion kann als Folge von – meist mehreren – verschiedenartigsten Grundsystembelastungen auftreten.

Die Zucker-Eiweiß-Komplexe der Grundsubstanz befinden sich aufgrund ihrer Negativladung (gegenseitige Abstoßung) in gestrecktem Zustand. Dies ergibt das „Gerüst“, sodass ein Teil des Wassers in flüssigkristalliner Ordnung gebunden werden kann. Bestimmte Ionen und Metaboliten wirken als „Strukturmacher“, andere als „Strukturbrecher“ ▶ [79]▶ [237]. Bei Körpertemperatur liegen ca. 60% des Wassers in flüssigkristalliner Form vor ▶ [79]. Die Struktur des Wassers scheint hier teilweise den Gesetzen der fraktalen Geometrie zu gehorchen.

Beachte

In den Flüssigkristallen kann sowohl physiologische als auch pathologische Information weitergeleitet und gespeichert werden. Bei höheren Körpertemperaturen werden Flüssigkristalle zum Teil aufgelöst. Dadurch kann pathologische Information (beispielsweise bei Virusinfekten) wieder gelöscht werden. Aus diesem Grund ist z.B. die medikamentöse Fieberunterdrückung nicht in jedem Falle sinnvoll.

Die Protein-Zucker-Komplexe der Grundsubstanz bilden ein „Molekularsieb“ ▶ [237]. Je nach ultrastrukturellem und energetischem Zustand der Grundsubstanz hat dieses „Sieb“ eine bestimmte mechanische und elektrische Porengröße. Die Porengröße wird unter anderem durch Größe und Konzentration der Proteoglykane, pH-Wert, Elektrolytkonzentration etc. bestimmt. Auf diese Weise wird geregelt, welche Stoffe von den Kapillaren bis zu den Organparenchymzellen passieren können: „Transitstrecke“ ▶ [237].

Aus thermodynamischer Sicht ist die Grundsubstanz ein energetisch offenes System. Somit schwingen die Strukturen weit entfernt von einem Gleichgewicht. Wegen der dissipativen Struktur (Kap. ▶ 2.1) kann sich geeignete zugeführte Energie (Information) schlagartig über das gesamte System verteilen. Dabei findet eine Strukturänderung (z.B. im Ordnungszustand des Wassers) statt. Den Gesetzen der Chaostheorie folgend ist auch hier – gerade an den Phasenübergängen (Bifurkationsstellen) – eine äußerst hohe Empfindlichkeit gegenüber kleinsten, geeigneten Energiemengen gegeben.

Beachte

Die Grundsubstanz besitzt eine eigenständige Fähigkeit zur Informationsleitung und -speicherung.

Im Grundsystem finden sich endigungslose sympathische Elemente als „Terminalretikulum“ ▶ [485]. Somit konvergieren humorale und nervöse Regelkreise in der Peripherie. Veränderungen werden also stets registriert und zum zentralen Nervensystem geleitet. Über die Kapillaren ist gleichzeitig das Hormonsystem angeschlossen. Im Hypothalamusbereich konvergieren Hormon- und Nervensystem ebenfalls.

Weiter dient das Grundsystem auch der Abwehr. Letztere ist wiederum abhängig vom Zustand des vegetativen Nervensystems ▶ [136]▶ [474].

Das komplexe Ineinandergreifen der verschiedenen Regelsysteme dient der Strukturerhaltung und der Homöostase. Als dissipative Struktur (und thermodynamisch offenes System) unterliegt das Grundsystem ebenfalls einer positiven Rückkoppelung. Dadurch ergibt sich der Vorteil einer großen Anpassungsfähigkeit.

Beachte

Im „Nature“ wurde kürzlich das Grundsystem erneut beschrieben als „Unrecognized Interstitium“ ▶ [57].

Regulationsstörung und Regulationsstarre Chronische Grundsystembelastungen (wie beispielsweise Stress, Störfelder, Schwermetallbelastungen, Stoffwechselstörungen etc.) können eine Labilisierung der Regelkreise bewirken (Regulationsstörung). Erst nach längerem Zeitintervall kommt es zur Funktions- und eventuell Strukturstörung der „nachgeschalteten“ parenchymatösen Organe oder des Abwehrsystems.

Ein zu stark belastetes Grundsystem ist einerseits nicht mehr fähig, äußere pathogene Reize auszuregulieren (Beispiel Infektanfälligkeit), andererseits kann ein in solcher Art verändertes Grundsystem auf regulationsmedizinische Impulse nicht mehr reagieren („Regulationsstarre“).

Zusammenfassung

Das Grundsystem hat als Funktionseinheit unter anderem folgende Aufgaben:

Stützfunktion,

Ernährung,

Abwehr,

Anpassung an veränderte Bedingungen,

Informationsspeicherung und -leitung.

2.3 Funktion und Anatomie des vegetativen Nervensystems

2.3.1 Allgemeines

Das vegetative Nervensystem ist eine funktionelle Einheit. Die beiden Anteile, die wie 2 Zügel jeweils mittels Afferenzen und Efferenzen die Funktion aller Organe regulieren, sind der Sympathikus und der Parasympathikus.

Bei Stress oder größerer körperlicher Leistung haben wir einen erhöhten Sympathikotonus (Beschleunigung von Herz- und Atemfrequenz, vermehrte Schweißabsonderung, Verminderung der intestinalen Motilität, vermehrter Wachheitsgrad etc.). Ein erhöhter Parasympathikotonus hat „gegenteilige“ Wirkungen und dient vor allem der allgemeinen Regeneration.

Eine gewisse Autonomie besitzt das Nervensystem des Darmes, das enterische System. Dennoch wird dieses System unter anderem vom Sympathikus und vom Parasympathikus gesteuert.

Das vegetative Nervensystem durchdringt mittels feinster Geflechte die Grundsubstanz (der Sympathikus im ganzen Körper, der Parasympathikus fehlt in den Extremitäten und in der Rumpfwand). Die Hauptaufgabe ist die Erhaltung der Konstanz des inneren Milieus und die Abstimmung der Organfunktionen aufeinander. Dies scheint nach den kybernetischen Prinzipien von Homöostase und Ökonomie zu erfolgen. Voraussetzung ist eine ständige Informationszufuhr und -verarbeitung. Sowohl peripher (Grundsystem) als auch zentral (Hypothalamus) ist das Hormonsystem einbezogen.

Das vegetative Nervensystem besitzt mehrere Integrationsstufen, die miteinander in vertikal angeordneten Rückkoppelungsschleifen in Verbindung stehen:

autonome Peripherie (Grundsystem),

peripher-spinale Stufe („segmentreflektorischer Komplex“),

rhombomesenzephale Stufe (Medulla oblongata, Pons, Formatio reticularis, Tectum etc.): Herz-Kreislauf-Funktionen, Vigilanz, Rhythmik, Gammamotorik etc.,

dienzephale Stufe (Thalamus, Hypothalamus),

kortikale Stufe (limbisches System, psychische Phänomene bei somatischen Krankheiten etc.).

Bei einem peripheren Reiz versucht zuerst die unterste Integrationsstufe (Grundsystem), diesen auszuregulieren. Bei zunehmender Reizdauer oder Reizstärke wird die nächsthöhere Integrationsstufe einbezogen. Die Trennung in verschiedene Integrationsstufen erfolgt aus didaktischen Gründen. In Wirklichkeit ist wahrscheinlich jedes Teilsystem über alles informiert.

2.3.2 Zentrales vegetatives System

Die zentralen Kerngruppen des Sympathikus und des Parasympathikus sind in verschiedenen Abschnitten lokalisiert ( ▶ Abb. 2.3). So liegen die sympathischen Kerne thorakolumbal, die parasympathischen Kerne kraniosakral.

Die thorakolumbalen sympathischen und sakralen parasympathischen Kerne liegen im Seitenhorn des Rückenmarks. Die parasympathischen Kerne im Hirnstamm sind unter anderem der Nucleus Edinger-Westphal, die Nuclei salivatorii und der dorsale Vaguskern ( ▶ Abb. 2.3).

Abb. 2.3 Topografie des vegetativen Nervensystems.1 sympathische Kerne (thorakolumbal)2 parasympathische Kerne (kraniosakral)3 Truncus sympathicus (Grenzstrang)4 Ganglion stellatum5 Ganglion cervicale medius6 Ganglion cervicale superius7 Arterien8 Ganglion ciliare9 Ganglion pterygopalatinum10 Ganglion submandibulare