Next BANG! - Pat Mooney - E-Book

Next BANG! E-Book

Pat Mooney

4,4

Beschreibung

3, 2, 1 und rummms! Die Heilsversprechen sind verführerisch. Mit technologischen Wunderwaffen will eine Allianz aus Wissenschaftlern, Regierungen und High-Tech-Konzernen den Klimawandel stoppen, Hunger und Terror aus der Welt schaffen. Geo-Engineering, Nanotechnologie oder "konvergierende Technologien" heißen die Zauberbesen, mit denen die Probleme der Menschheit ausgekehrt werden sollen. Doch wollen wir im Kampf gegen den Klimawandel wirklich Ozeane gegen die Erderwärmung düngen? Warum der Einsatz unkalkulierbarer Technologien der falsche Weg ist, schildert der Technologie-Experte und Träger des Alternativen Nobelpreises Pat Mooney pointiert und bildreich in seinem Buch "Next Bang.

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Seitenzahl: 537

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Eine unheilvolle Allianz aus Wissenschaft, Großkonzernen und Regierungen bereitet großflächige Eingriffe in das System Erde vor – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit und ohne die dringend gebotene Risikofolgenabschätzung.

BANG – Bits, Atome, Neuronen und Gene sind die Ingredienzien dieser riskanten neuen Megatechnologien. Geo-Engineering, Nanotechnologie, Gentechnik, synthetische Biologie und »konvergierende Technologien« heißen die Zauberbesen, mit denen die Probleme der Menschheit angeblich ausgekehrt werden sollen. Das zugehörige Marketing verspricht uns Rettung vor der Klimakrise, die Abschaffung des Hungers auf der Welt und ungeahnte Erfolge in der Bekämpfung von Krankheiten.

Pat Mooney entlarvt die Absurdität solcher Behauptungen und führt uns plastisch die unkalkulierbaren Risiken vor Augen, die mit derartigen technologischen »Heilsversprechen« verbunden sind.

Zugleich ist sein Buch ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Engagement und einen stärkeren Einfluss der Zivilgesellschaft bei den dringendsten Fragen unserer Zeit. Seine Aussage ist deutlich: Es liegt nicht nur in unserem ureigenen Interesse, sondern es ist auch unser Recht, zu bestimmten technologischen Entwicklungen »Nein!« oder »Langsamer!« zu sagen.

In verschiedenen fiktiven Geschichten führt uns Mooney dabei auf alternativen »Kursen« bis ins Jahr 2035 – und fordert uns auf, uns zu entscheiden, in welcher Welt wir in dreißig Jahren leben wollen ...

Pat Mooney, ETC Groupbearbeitet von Niclas Hällström

Next BANG!

Wie das riskante Spiel mit Megatechnologien unsere Existenz bedroht

Herausgegeben von derRight Livelihood Award Foundation

Gefördert durch die

Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Dieses Buch wurde klimaneutral hergestellt.CO2-Emissionen vermeiden, reduzieren, kompensieren – nach diesem Grundsatz handelt der oekom verlag.Unvermeidbare Emissionen kompensiert der Verlag durch Investitionen in ein Gold-Standard-Projekt.Mehr Informationen finden Sie unter: www.oekom.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2010 oekom verlag, München

Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH Waltherstraße 29, 80337 München

Copyright für das Originalmanuskript mit dem Titel

»BANG! What Next? Collusion, Convergence or Changes in Course?«

by Pat Mooney, ETC Group, 2010

Herausgegeben von der Right Livelihood Award Foundation.

Geringfügige Änderungen gegenüber dem Originalmanuskript sind mit dem Autor abgesprochen.

Übersetzung aus dem Englischen: Friedrich Pflüger und Werner Roller

Titelgestaltung: www.buero-jorge-schmidt.de

Titelmotiv: Das Foto der brennenden Erde ist von Diana Sarto,

© Getty Images

Gestaltung + Satz Innenteil: Ines Swoboda

Alle Rechte vorbehalten

eISBN: 978-3-86581-368-8

Inhalt

Vorwort

Danksagung

Ein Ausblick auf 2035

China Sundown – Weiter so: Geo-Piraterie

Was ist mit der Zukunft geschehen?

BANG! Technologische Konvergenz im Nanobereich

GANG! Die Konvergenz von Politik und Wirtschaft

GONE! Gemeinsam gegen das Klima –Geo-Engineering als Geo-Piraterie

Kurswechsel: Wie sehen die Zukunftsoptionen aus?

Kurs Nr. 1: Politik – Auf dem Berggipfel Wache halten

Kurs Nr. 2: Frieden – Der Weg aus der Schlacht

Kurs Nr. 3: Menschen – Visionen von der Peripherie

Kursbestimmung: Was ist möglich?

Gemeinsamer Kurs: Gemeinschaft im Alten Haus

Über Kurswechsel und das halb volle Stundenglas

Anmerkungen

Vorwort

Ein Europäer hat heute nach Untersuchungen des WWF ungefähr 40 nachweisbare giftige Chemikalien im Blut. Ein Nordamerikaner isst inzwischen große Mengen genveränderter Nahrungsmittel. Und unsere Atomkraftwerke produzieren täglich strahlende Gifte, von denen noch in Zehntausenden von Jahren tödliche Gefahren ausgehen werden …

Wie kann es in demokratischen Gesellschaften zu solchen Fehlentwicklungen kommen? Warum haben wir gefährliche Technologien nicht einfach mehrheitlich abgelehnt?

In »Next BANG!« beschreibt Pat Mooney neue Risikotechnologien, die heute von Wissenschaftlern, Politikern und mächtigen Finanziers aktiv für den kommerziellen Einsatz vorbereitet werden: Geo-Engineering, Nanotechnologie oder die künstliche »Verbesserung« des menschlichen Körpers. Dieses Buch ist aber nicht nur Sachbuch: Anhand von fiktiven handelnden Personen blickt Mooney 25 Jahre in die Zukunft oder besser in verschiedene Zukünfte. In einer fiktiven Trendlinie folgen wir seinen Akteuren zunächst in eine Zukunft, die sich entlang schon heute absehbarer Trends zu einem Albtraum gescheiterter megatechnologischer Hybris entwickelt hat. Und in den drei darauf folgenden alternativen Szenarien treffen seine Akteure Entscheidungen, die die heutigen Trends ändern und zu hoffnungsvolleren Entwicklungen führen.

»Szenarioplanung« ist heute in der Wirtschaft ein viel benutztes Instrument, um künftige Geschäftschancen und -risiken abzuschätzen. Leider blickt die Zivilgesellschaft – und genauso die Politik – viel zu selten zehn, zwanzig oder dreißig Jahre in die Zukunft, um ihre Strategien zu planen. In der Auseinandersetzung mit Mooneys Szenarien können wir uns fragen, in welcher Art von Gesellschaft wir in dreißig Jahren leben möchten – und wie wir dahin kommen. Die Right Livelihood Award Foundation schickt das Buch an alle ihre Preisträger, um mit ihnen genau diese Diskussion zu führen.

Die Brisanz des Buches liegt darin, dass es zeigt, wie die Technologien, die unsere Zukunft bestimmen könnten, heute zum großflächigen Einsatz vorbereitet werden – und das weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Atomkraft, toxische Chemikalien oder genmanipulierte Organismen konnten deshalb nicht durch demokratische Entscheidungen verhindert werden, weil hinter ihnen bereits eine zu große ökonomische und politische Macht stand, als ihre Risiken vielen Menschen erst bewusst wurden. Deshalb dürfen wir die Diskussion über Geo-Engineering, Nanotechnologie, synthetische Biologie und die anderen neuen Risikotechnologien nicht länger den selbsternannten Experten überlassen. Die Entscheidungen über ihren künftigen Einsatz fallen jetzt – es ist eine Frage der Demokratie, dass wir alle dabei mitreden.

Ole von Uexküll

Direktor der Right Livelihood Award Foundation, Stockholm, die den sogenannten Alternativen Nobelpreis im Schwedischen Reichstag vergibt

Danksagung

Zwar bin ich als Autor für alle Fehler verantwortlich, möchte aber gleich ausdrücklich den maßgeblichen Beitrag meiner Kollegen bei der ETC Group für die Entstehung dieses Buchs würdigen. Es beruht auf gemeinschaftlicher Arbeit und Forschung und hat von zahllosen Informationen und Ideen unserer Mitarbeiter profitiert. Während der hektischen letzten Wochen und Monate bis zur Fertigstellung des Texts übernahm Molly Kane – gerade erst als stellvertretende Direktorin bei ETC eingestiegen – dankenswerterweise alle Möglichen Pflichten und verschaffte mir so den nötigen Freiraum zum Schreiben. Mein ganz besonderer Dank gilt Charlie Shymko, die immer wieder an obskuren Stellen die entscheidenden Informationsschnipsel ausgrub und gleichzeitig meinen Computer und den Rest des Büros am Laufen hielt, sowie Francesca Hyatt, die tapfer Manuskripte durchackerte und mit am Text feilte. Die undankbarste Aufgabe ist wohl den Übersetzern zugefallen: Unter ihrer Führung sollte mein mit Redewendungen überladenes und hoffnungslos verschachteltes Englisch in glasklares Deutsch übertragen werden!

Keiner hat dieses Projekt mehr unterstützt als Niclas Hällström, der während der Schreibphase seine Stellung als stellvertretender – und für das »What Next Project« verantwortlicher – Direktor bei der Dag-Hammarskjöld-Stiftung aufgegeben hat. Er wird sich nun, mit dem Segen der Dag-Hammarskjöld-Stiftung, dem Aufbau des »What Next Exchange« widmen und sein breit gestecktes, zukunftsweisendes Programm weiterentwickeln. Niclas hat während der zurückliegenden fünf Jahre an allen Entwicklungsstadien dieser verschlungenen Geschichte teilgehabt. Mein Dank geht auch an die wunderbaren Menschen, die Niclas und seine Kollegen um die Überzeugungen von What Next scharen konnten. Die Saat für dieses Buch ist in vielen Treffen und Seminaren bei What Next gesät worden. Mein Denken und Schreiben sind diskutiert und Inhalt und Folgerungen vielfach verbessert worden. Außerdem sind dabei wunderbare Freundschaften entstanden.

Das Schreiben der größeren und kleineren Texte im Lauf der Jahre habe ich immer als gemeinschaftliche Leistung empfunden und wollte daher nie meine Familie besonders herausstellen und für ihren Weitblick, ihre Geduld und Nachsicht loben. Da ich mich nun bald auf Mitte sechzig zubewege, muss ich das nun doch einmal klarstellen: Meine ganze Liebe und Dankbarkeit gilt meiner Frau und Partnerin Susie Walsh, meinen Kindern Robin, Kate, Sarah, Jeff, Nick und Kelsey sowie meinen beiden (bis jetzt) Enkeln Stella und Finnegan. Wenn ich über die kommenden dreißig Jahre schreibe, dann liegt das vor allem an ihnen.

Herzlich möchte ich mich auch bei meinen Freunden und Partnern beim Right Livelihood Award (RLA; Alternativer Nobelpreis) und insbesondere bei meinen Mitpreisträgern bedanken, von denen der eine oder andere als Vorbild für die in diesem Bericht vorgeschlagenen Kurswechsel gedient hat. Die Kameradschaft des RLA bedeutet für mich und andere nicht nur dauernde Inspiration, die Stiftung hat mir auch Gelegenheit gegeben, dieses Buch in Bonn im September 2010 zum 30. Jahrestag der Gründung des Alternativen Nobelpreises vorzustellen.

Pat Mooney

ETC Group, Alternativer Nobelpreis 1985

Ottawa, 25. März 2010

Die ETC Group (gesprochen: Et Cetera Group) ist eine gemeinnützige Zivilgesellschaftsorganisation zur Bewahrung und Förderung der kulturellen und ökologischen Vielfalt und der Menschenrechte. Ihre Stärken liegen in der Gewinnung und Bewertung technischer Informationen, insbesondere aus den Bereichen der Biodiversität in der Landwirtschaft, der Nanotechnologie, Biosynthese, Genomforschung und des Geo-Engineering. Hieraus entwickeln wir Strategien, um möglichen sozioökonomischen Auswirkungen neuer Technologien wirkungsvoll zu begegnen. ETC arbeitet partnerschaftlich mit Zivilgesellschaftsorganisationen und sozialen Bewegungen auf der ganzen Welt zusammen. Weiterführende Informationen über ETC und die Möglichkeit zum Herunterladen der gesamten Publikationen der Organisation auf Englisch und Spanisch finden sich unter:

www.etcgroup.org

What Next Exchange ist eine neue, unabhängige Initiative zur Fortsetzung der Arbeit von What Next, die, neben vielem anderem, den Anstoß zu diesem Buch gegeben hat. Ziel ist es, Menschen und Ideen für Wandel und Alternativen bei Tagungen, Seminaren und Projekten zusammenzubringen, und das quer über Organisationen, Kontinente und Themen hinweg. What Next Exchange fungiert dabei als Katalysator, identifiziert und untersucht neue Themen, Herausforderungen und Lösungsansätze für die Zukunft. What Next Exchange wird in enger Zusammenarbeit mit der ETC Group auf den hier vorgestellten Ideen und Perspektiven aufbauen, neue Entwicklungen anstoßen und versteht sich als breite Plattform für innovatives Denken und Handeln, vor allem in den Bereichen Klimagerechtigkeit, Ökonomie, alternative Entwicklungen, Wissenschafts- und Wissenssysteme.

www.whatnext.org

Der Right Livelihood Award wird an Personen, Organisationen und Vertreter sozialer Bewegungen vergeben, die sich mit praktikablen Lösungen und Modellen für die dringendsten Probleme unserer Zeit und für menschenwürdige Lebensweisen einsetzen. Der Preis wurde das erste Mal 1980 vergeben und wird auch als »Alternativer Nobelpreis« bezeichnet. In den dreißig Jahren seines Bestehens wurden bisher 137 Preisträger aus 58 Ländern gewürdigt (Stand 2009). Die Preisverleihung findet jährlich Anfang Dezember bei einer Zeremonie im schwedischen Reichstag statt. Im Gegensatz zu den Nobelpreisen gibt es keine strengen Kategorien. Der Right Livelihood Award setzt damit auch die Erkenntnis um, dass zur Lösung der weltweit anstehenden Probleme holistische Ansätze am vielversprechendsten sind. Er unterstützt die Preisträger nicht nur mit finanziellen und anderen Ressourcen, sondern gibt ihnen öffentliche Anerkennung und Schutz. Oft öffnen sich durch die Verleihung entscheidende Türen für die Preisträger – und die Preisträger geben den Menschen dieser Welt Hoffnung, Inspiration und Mut.

Ein Ausblick auf 2035

Die Arbeit an diesem Projekt begann im Jahr 2005 – drei Jahrzehnte, also eine ganze Generation, nach dem Erscheinen einer Arbeit, die das Denken der Zivilgesellschaft seitdem beeinflusst. »What Now?« (deutscher Titel: »Was tun?«) – der brillante Bericht der Dag-Hammarskjöld-Stiftung aus dem Jahr 1975 – verdient ausgezeichnete Noten für seine Rezepte, wagte aber nur wenige Prognosen. Das ist nicht überraschend, denn die Autoren konzentrierten sich auf das »Jetzt«, die unmittelbar bevorstehenden Schritte, und nicht auf die kommenden dreißig Jahre. »Was tun?« erschien zu einem für die weitere Zukunft entscheidenden Zeitpunkt: Der portugiesische Kolonialismus wie auch der Vietnamkrieg waren zu Ende, die OPEC begann ihren Aufstieg und die UNO verkündete eine neue Weltwirtschaftsordnung. Der Blick in die Zukunft verhieß den Autoren eine friedliche Welt des Multilateralismus, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum vorstellbar gewesen war. Als sie zusammensaßen, diskutierten und am Text feilten, konnten sie jedoch nicht ahnen, dass sie bereits am Ende einer Ära des sozialen Fortschritts und der Demokratisierung standen, die schon bald vom Neoliberalismus abgelöst werden sollte.

WAS NUN? Dreißig Jahre später taten sich die alte Dag-Hammarskjöld-Stiftung unter Führung von Olle Norberg und Niclas Hällström, ETC und andere Gruppierungen aus ihrem weiten Netzwerk innerhalb der Zivilgesellschaft (immerhin unter Beteiligung mehrerer Preisträger des Alternativen Nobelpreises) zusammen und stießen einen globalen Dialog an, um herauszufinden, ob wir uns nicht einen neuen Kurs – oder viele Kurse – hin zu einer besseren Welt vorstellen könnten. Dieses Buch baut auf den Ergebnissen dieser Diskurse auf, ist aber letztlich der Beitrag eines Einzelnen zu einem sehr viel reichhaltigeren Gedankenaustausch. Die Zusammenarbeit mit dem neu gegründeten What Next Exchange soll aus diesem Geist wachsen und die Debatten und Diskussionen weiter voranbringen, die dieses Buch hoffentlich auslösen wird.

Trotz beträchtlicher Unsicherheiten muss man wohl davon ausgehen, dass sich der Kurs für die nächste Generation in uneleganter und fantasieloser Weise aus dem Faktum ergibt, dass die Menschheit immer »Kurs halten« möchte – stetig abwärts auf der schiefen Ebene des wirtschaftlichen und ökologischen Niedergangs, der heute die Schlagzeilen bestimmt.

Wenn sich die Zivilgesellschaft eingehend mit einem solchen »Weiter so«-Szenario befasst, wie es unser folgendes Kapitel China Sundown illustriert, dann kann sie alternative »Kurse« erarbeiten, auf denen die Menschheit über die nächste Generation zumindest etwas ruhigeres Fahrwasser erreichen kann. All diese Kurse sind während der vergangenen fünf Jahre auf einer langen Reihe von What-Next-Konferenzen und -Seminaren – von Mexiko Stadt und Dehradun bis Porto Alegre und Miami, von Ottawa und Nairobi bis San Salvador und Montpellier – in langen Diskussionen auf ihre Eignung für die Zivilgesellschaft hin abgeklopft worden. Es waren Jahre voller Überraschungen, auch Meinungsverschiedenheiten, wie es unter echten Verbündeten üblich ist. So müssen zwischen diese Seiten am Ende fast zwangsläufig auch Ideen und Ansichten geraten sein, mit denen manch alter Partner nicht ganz einverstanden ist.

TECHNOLOGIE? Im Mittelpunkt dieser Debatte stand ohne Frage die äußerst strittige Bedeutung der Technologie für unsere Zukunft. Viele räumen ein, dass die Technologie unsere Zukunft bestimmen – vielleicht gar beenden – wird; manche halten sie lediglich für ein Werkzeug der Wohlhabenden zur Ausübung von Macht und nicht für eine bestimmende, unabhängig gestaltende Kraft. Andere wiederum sind davon überzeugt, dass der formende Einfluss der Technologie – so sehr sie lange Zeit der Kultur und dem Klassendenken untergeordnet gewesen sein mochte – in der beschleunigten Welt von heute unterschätzt wird. Man kann dem widersprechen, aber nach allgemeiner Überzeugung sahen die letzten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts mehr technische Neuerungen als die gesamten achtzig Jahre davor, und das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wartet noch einmal mit deutlich dramatischeren technischen Entwicklungen auf. Die Kurve des technischen Wandels führt so steil nach oben, dass der Prozess kaum zu erfassen ist. Wahrscheinlich ist die Technologie schon jetzt außer Kontrolle – zumindest jenseits der Kontrolle durch die Zivilgesellschaft.

Mancher mag einwenden, dass ein solcher Blickwinkel die Realität verzerrt. Stetig passt die Gesellschaft die Technologien an die sich wandelnden Gegebenheiten an. Ein technisches Verfahren wird neu erschaffen, ein anderes ausrangiert oder – was häufig vorkommt – absichtlich demontiert. Wenn man die Technologie abgelöst von den Machtstrukturen betrachtet, kann man sie leicht als eindimensional missverstehen, als ewig aufwärts führenden Pfad, als »Naturgewalt«, die zivilisierten Menschen nicht vorenthalten werden darf. Doch das ist absurd.

BANG? Besonders gut lässt sich die zunehmende Bedeutung der Technologie mit der »Little-BANG-Theorie« verdeutlichen, für die in den nachfolgenden Geschichten geworben wird. Ihr zufolge bewegen sich Biologie, Physik und Chemie immer näher aufeinander zu, bis es technologisch »BANG« macht, während sich gleichzeitig Politik und Wirtschaft in einem immer engeren »Korporatismus« verflechten. Dieser wird sich der Wissenschaft und der Technik bedienen, um die Gesellschaft zu beherrschen.

Jim Thomas von der ETC Group hat sich das Wort BANG einfallen lassen; es steht für Bits, Atome, Neuronen und Gene. Die US-Regierung benutzt dafür das vergleichsweise prosaische NBIC für die Konvergenz von Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologie und den kognitiven (engl.: cognitive) Wissenschaften. In Brüssel spricht man lieber über CTEKS – Converging Technologies for the European Knowledge Society (konvergierende Technologien für die europäische Wissensgesellschaft). Von einer parallel dazu ablaufenden Konvergenz von Politik und Industrie, wie sie in BANG enthalten ist, wollen weder die USA noch die EU etwas hören – obwohl sie doch beide eine Politik verfolgen, welche die technologische Konvergenz und damit auch den Korporatismus mehr oder minder gezielt fördert.

Längst kann die Politik infolge ihrer finanziellen Verflechtung mit Handel, Technologie und Industrie gar nicht mehr unabhängig von den großen Industriekonsortien – der »Gang« (Bande) in den nachfolgenden Geschichten – agieren.

Trotz der zentralen Rolle der Technologie in diesen Geschichten habe ich die technischen Spielereien auf ein Minimum beschränkt, um nicht den Blick aufs Wesentliche zu verstellen. Dass die Technik den Weg bestimmt, wird auch ohne zusätzliche Details klar. Kernpunkt ist aber die Frage, wie die verschiedenen Regierungen und mächtigen Industrieunternehmen die Technologie zur Beeinflussung der Gesellschaft und Verfolgung der eigenen Ziele einsetzen. Andererseits muss sich zeigen, ob die Zivilgesellschaft über genügend Verstand, Voraussicht und Mut verfügt, um eine andere Welt möglich zu machen.

2005? Egal, wie man es betrachtet – das Jahr, in dem wir die Handlung der folgenden Geschichten beginnen lassen, war ein traumatisches Jahr. Sein Beginn fällt in die Zeit kurz nach einer gewaltigen Naturkatastrophe – dem schockierenden Tsunami im Indischen Ozean. Darauf folgten die vom Menschen selbst verursachten Tragödien der Hungersnot in Darfur, Gewaltausbrüche in der Londoner U-Bahn und den Pariser Vorstädten und dann wieder (Natur?-) Katastrophen, als die Wirbelstürme Katrina und Rita den Golf von Mexiko heimsuchten und New Orleans unter Wasser setzten. Im Jahr 2005 befanden sich unter den Selbstmordattentätern in Palästina und im Irak so viele Frauen und Kinder wie nie zuvor – ein Kampf gegen die Kanonen der Unterdrücker mit den Särgen von Unschuldigen. All dies ereignete sich im (bis dahin) wärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Weltbevölkerung erreichte die Marke von 6,5 Milliarden, und zum ersten Mal lebten mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land – und alle fragten sich, ob überhaupt noch irgendetwas »natürlich« war.

Immerhin, so sagten wir uns, hatte der Tsunami so großen Schaden angerichtet, weil wir die Küsten so dicht besiedelt und die Mangrovenwälder zerstört haben. Auch New Orleans ging mit aus dem Grund unter, weil Ingenieure an Stellen gebaut hatten, auf die kein Vernünftiger den Fuß setzen würde. Doch trotz aller neuen Ängste ließ man sich Ende 2005 in Paris wieder bei erlesenem, von algerischen Einwanderern serviertem Slowfood nieder, die Globalisierung gab sich in Hongkong ihrem Wahn vom Fortschritt hin, aus den Kneipen von New Orleans drang wieder der Blues von Muddy Waters auf die Gassen, die G8 nahm sich in Russland wichtig und an den Stränden Thailands schlenderten wieder halb nackte Schweden Hand in Hand, gleich neben frisch angesäten Rasenflächen, wo nur Monate zuvor in Fischerdörfern emsiges Treiben geherrscht hatte. In Darfur (trotz einer inzwischen ausgehandelten sogenannten Friedensvereinbarung), im Kongo, in Afghanistan und im Irak änderte sich praktisch nichts – außer natürlich für diejenigen, die dort 2005 gestorben waren.

Wenn 2005 ein Schock war, so war der Anfang von 2010, als diese Arbeit zum Abschluss kam, kaum minder aufwühlend. Im Verlauf von 2008 und 2009 schossen die Treibstoffpreise gemeinsam mit den Kosten für Nahrungsmittel in die Höhe und führten zur Interessenkollision zwischen Autofahrern und hungernden Menschen; die Zahl unterernährter Menschen stieg um weitere 160 Millionen. Nach neuen und unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen hatte auch die Besorgnis über den Klimawandel einen traurigen Höhepunkt erreicht, trat aber seltsamerweise rasch in den Hintergrund, als die Panik über den bevorstehenden Zusammenbruch der Weltwirtschaft die Schlagzeilen übernahm. Die Ängste vor der schwersten Wirtschaftskrise der letzten hundert Jahre verdrängten die Sorge vor der größten Klimabedrohung der Menschheitsgeschichte. Und wieder wurde der technische Fortschritt als einzig mögliche Lösung der Öl-, Nahrungs- und sogar der Finanzkrise angepriesen, und das angesichts des absurderweise als »Kopenhagener Abkommen« bezeichneten Trümmerhaufens sowie einer weiteren Naturkatastrophe – diesmal eines schweren Erdbebens mit verheerenden Auswirkungen für die Bevölkerung von Haiti.

2035? Es braucht uns nicht zu überraschen, dass sich neo-utopische und dystopische Zukunftsszenarien fast wie ein Hautausschlag auf der Oberfläche dieses neuen Jahrtausends ausbreiten, in Schattierungen von pessimistisch bis endzeitlich. Falls, wie gewisse Wahrsager orakeln, Terroristen, Teenager oder (was wahrscheinlicher ist) übermotivierte Software-Entwickler ein Bit-Süppchen zusammenbrauen, das sich zu einem regelrechten Techno-Tsunami auswächst, dann könnte dieser kleine, elektronische Bazillus in einer Weise einschlagen, wie es der hochgejubelte Y2K-Millenniumsvirus nie getan hat, und das Internet und mit ihm die gesamte Industriekultur innerhalb von Stunden hinwegfegen. Wir würden dann aber nicht in die lässigen 1960er-Jahre zurücktrudeln oder ins Jahr 1975, als Handel und Kommunikation noch praktisch »Web-los« und ohne Mikrochips funktionierten.

Wenn das Internet zusammenbricht, dann könnte die Militärmaschinerie der Welt, so eine Theorie, den Überblick über ihre Gegner verlieren und aus Angst, auch noch die Kontrolle über die eigenen Atomarsenale einzubüßen, lieber gleich den Auslöser drücken. Doch auch wenn die Generäle an sich halten, wird der gesamte Produktions-, Transport- und Kommunikationsapparat austrudeln. In den Städten wären die Vorräte an Nahrung und Energie in kürzester Zeit erschöpft. Nur am Rand der Zentren, auf Bauernhöfen und in Dörfern jenseits der Reichweite des Internets werden Menschen, die sich vielleicht nicht einmal bewusst sind, dass die Wissensgesellschaft sie längst vergessen hat, eine Chance aufs Überleben haben.1

Ist es das, was nun kommt? Offenbar ist augenblicklich das Spiel mit unsicheren Prognosen angesagt: Wir sind erschüttert vom Tsunami im Indischen Ozean und den Erdbeben in der Karibik, erschaudern angesichts immer neuer Warnungen vor dem bevorstehenden Zusammenbruch der Zivilisation und sind geschockt über »eine unbequeme Wahrheit« bezüglich der globalen Erwärmung sowie die vermeintlich so abwegige Aussicht, von einem umherirrenden Asteroiden zermalmt zu werden.

Erstaunlich, wie leicht wir dazu gebracht werden können, nach oben zu schauen, wenn wir doch eigentlich um uns blicken sollten. Ein unausgelasteter Richter hat doch tatsächlich auf Kosten der amerikanischen Steuerzahler ausgerechnet, dass ein großer Asteroid beim Einschlag mit einer Geschwindigkeit von 40 Kilometern pro Sekunde auf der Erde eine extrem heiße Druckwelle (mit einem Vielfachen der Sonnentemperatur) vor sich herschieben würde, die schon alles verbrennt, bevor der Himmelskörper überhaupt die Erdkruste durchschlagen hat.2 Die Explosion würde die gesamte Erdoberfläche mit feurigem Schutt bedecken, die Polkappen abschmelzen und die Fotosynthese stoppen. Mindestens ein Viertel der Weltbevölkerung wäre schon nach 24 Stunden ausgelöscht, der Rest würde innerhalb von Tagen folgen. Weder Mantras noch Mikrochips würden dagegen helfen – und in diesem Fall wären entlegene Gebiete ebenso betroffen wie Ballungsräume.

Selbst hier wird uns aber versichert, dass sich auch diesem etwas unwahrscheinlichen Fall mit technischen Mitteln vorbeugen ließe: Weltraumteleskope sollen den stellaren Eindringling so zeitig erkennen, dass er mit vorsorglich im Orbit stationierten Atomsprengköpfen zu Bahnschotter zerkleinert wird, bevor er uns auf den Kopf fällt. Vielleicht hätte auch die Nanotechnologie eine – winzige – Alternative parat: »Ein kleiner Satellit (könnte) sich selbst zusammenbauende Nanoroboter auf der Oberfläche des Asteroiden absetzen« und diesen »in harmlose, möglicherweise sogar gewinnbringende Rohmaterialien zum Bau von Raumstationen umwandeln.«3

Vielen von uns versagt die Zuversicht angesichts derartiger Abschreckungsmittel – seien sie nun »nano« oder nuklear und nur gegen dicke Brocken aus dem All gerichtet. Unsere politischen und praktischen Fähigkeiten bei der Handhabe des Nukleararsenals geben allerdings nicht gerade Anlass zu übertriebenem Vertrauen. Während der Kubakrise von 1962, als die UdSSR und die USA kurz davor standen, uns alle ins Jenseits zu befördern, da schätzte der amerikanische Verteidigungsminister die Vernichtungschance auf eins zu sechs. Sein Chef, Präsident Kennedy, sah die Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen eins zu drei und eins zu eins.4 Trotzdem rasselten sie über den Köpfen der Menschheit unverdrossen weiter mit dem Säbel.

MODERNE ZEITEN? Selbst nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 – auf halbem Weg zwischen »Was tun?« und »Was nun?« – waren die USA und andere reiche Länder weiterhin eher zur Auslöschung allen Lebens bereit, als gegenüber dem ohnehin schon auf dem Sterbebett liegenden politischen Regime der UdSSR auch nur eine Handbreit nachzugeben. Noch 1995 entging die Welt nur knapp einer Katastrophe, als russische Aufklärer eine norwegische Wetterrakete fälschlicherweise für einen amerikanischen Raketenangriff hielten, und es blieb dem instabilen russischen Präsidenten Boris Jelzin überlassen, den Abzug zu betätigen oder auch nicht.5 Sind wir inzwischen so vernünftig und wohlinformiert, dass so etwas nicht mehr passieren kann? Besteht nicht das Risiko, dass wir angesichts von Terror oder Klimawandel überreagieren und die Menschheit wieder in Gefahr bringen? Unsere Regierungen haben der Stratosphäre Tausende von Atomtests zugemutet; ist es möglich, dass so wenig daraus gelernt wurde, dass sie nun erwägen, den Himmel mit Sulfatpartikeln zur Reflexion von Sonnenlicht anzufüllen? Darf man zur Linderung des Klimawandels in dieser Weise ins Geschehen des Planeten eingreifen, nur um Unternehmen und Verbraucher nicht belasten zu müssen?

Mit Viren, die das Internet bedrohen, und mit Atomwaffen werden wir uns ohne Frage ganz konkret auseinandersetzen müssen; Asteroiden dagegen stören eher unsere Träume, als dass wir ernsthaft fürchten müssten, dass ein streunender Brocken bei uns das Licht ausdreht. Wir suchen den Himmel nach neuen Bedrohungen ab, wo doch tagtäglich konkrete Gefahren zu unseren Füßen lauern.

Kriege und Klimachaos werden auf lange Sicht viel eher durch Bekämpfung von Armut und Ungerechtigkeit beendet werden, als mit technischen Tricks. Schon jetzt wird praktisch jedes soziale Problem nur noch im Hinblick auf technische Lösungen betrachtet. Das ist keine besonders ermutigende Entwicklung.

EIN HINWEIS ZU DEN FOLGENDEN GESCHICHTEN: Die Personen der Handlung sind frei erfunden, aber die beschriebenen Vorgänge vor dem 1. Februar 2010 beruhen größtenteils auf tatsächlichen Ereignissen. Auch viele Geschehnisse weit nach 2009 sind an Vorgängen angelehnt, die sich bereits ereignet haben, doch haben bisher leider weder die politischen Entscheidungsträger noch die breite Öffentlichkeit deren wahre Bedeutung erkannt. Spekulative Vorgänge in den Erzählungen beruhen auf meiner eigenen Einschätzung von Trends und Situationen, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen lassen.

Vielleicht sollte man diese Geschichten als nicht ganz ernst gemeinte Science Fiction lesen, die dennoch näher an der Realität sein könnte, als uns lieb ist.

Im Anschluss an die einleitende Erzählung China Sundown wollen wir zu einigen zentralen Themen Stellung nehmen und weitere Informationen liefern. Darauf folgen – mit Agierenden, die bereits aus der ersten Geschichte bekannt sind – die Schilderungen der Alternativszenarien. Diese basieren auf der Eingangsgeschichte und führen uns in bestimmte Situationen, in denen gerade die Zivilgesellschaft eine aktivere Rolle übernehmen könnte; dabei werden verschiedene Eingriffsmöglichkeiten für die Zivilgesellschaft aufgezeigt. Die drei geschilderten Szenarien laufen am Ende in einem vierten zusammen. Durch diesen fiktionalen Ansatz lassen sich der soziale Wandel und die komplizierte Vernetzung der Probleme in sehr viel feineren Nuancen erforschen. Patentlösungen und ungerechtfertigter Optimismus werden nicht geboten. Wunder ebenfalls nicht. Es mag sein, dass ich die Zivilgesellschaft unterschätze und dass sie mit ihrer Energie und ihrem Einfallsreichtum auch kurzfristig sehr viel mehr erreichen kann. Hoffentlich!

Jetzt aber erst einmal herzlich willkommen im Leben von Suyuan Wu, Qi Qubìng und Alitash Teferra – machen wir uns auf den Weg zum ersten »Kurs« ins Jahr 2035 …

China SundownWeiter so: Geo-Piraterie

Dass sie die sechzig überschritten hatte, war der kleinen, stämmigen Suyuan Wu nicht anzumerken, als sie sich im Dezember 2035 energisch ihren Weg durchs Gedränge auf den Straßen von Peking bahnte – das Haar noch immer eher schwarz als grau und im Gesicht nur gerade so viele Fältchen, dass die Blicke der Passanten auf ihre gütigen, vielleicht etwas aufmüpfigen Augen gelenkt wurden. Mit der politisch inkorrekt nach hinten gedrehten Mao-Kappe und dem überdimensionierten, von alten Büchern ausgebeulten Rucksack pflügte die Journalistin durch die in Wellen anbrandende Jugend – wie ein flippiger kleiner Teddybär einen halben Meter unterhalb der wogenden Oberfläche, in ständiger Eile zur nächsten, wichtigen Besprechung.

In der uralten Stadt mit ihren neuen Gebäuden und dem steten Strom von Zuwanderern hatte der Anblick der legendären Bloggerin, die in den Teehäusern und an den Bücherständen der Hauptstadt fast zu Hause war, etwas Vertrautes. Selbst wenn man sie nicht sah, hörte man ihr Lachen meist umso lauter (eine Kinderkrankheit hatte sie fast taub gemacht). Oder sie war gerade wieder einmal dabei, flammende Reden über all das zu halten, was die Menschheit aus der Geschichte noch immer nicht gelernt hatte – ein Thema, das sie niemals losließ.

Ihr allgewaltiger Humor und ihre unerschöpfliche Energie bezauberten auch Kinder, die sich abends, wenn es in Peking Bindfäden regnete, ohne große Aufforderung in die Falten ihres blauen Wollmantels kuschelten und gespannt darauf warteten, was die Journalistin zum Geschehen des Tages zu sagen hatte, während sie ihnen übers Haar strich.

Alle ihre Freunde schätzten sie für ihr politisches Gespür, ihre Schlagfertigkeit und Wärme, aber sie machten sich in diesem Winter 2035 auch Sorgen um sie, weil sie allein lebte. Manchmal war Suyuan die Trauer darüber anzumerken; dann erstarb ihr Lachen unversehens und ihr Körper sank in sich zusammen, sodass sogar die Kinder das Unglück spüren konnten …

WAHLTAG, NOVEMBER 2035: Die Wahl war im Grunde eine bis zum letzten Moment spannende Bollywood-Satire einer orientalischen Thronrevolution. Während des 21-tägigen Wahlkampfs waren die chinesischen Medien völlig außer Rand und Band und prophezeiten, der Ausgang könnte den wirtschaftlichen (wenn nicht gar kosmischen) Zerfall, oder doch zumindest die Spaltung des Landes bedeuten. Die derzeitige Regierungspartei der Nationalen Demokratischen Allianz hatte nach Kräften versucht, den Wahltermin hinauszuzögern, mit dem Argument, es sei besser für das Land, wenn zuvor die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchungskommission vorlägen. Die Altkommunisten von der Opposition bestanden auf dem verfassungsgemäßen Wahltermin; immerhin habe die Regierung selbst den Untersuchungsausschuss eingesetzt – und damit auch den über den Wahltermin hinausreichenden Zeitplan zu verantworten. Die Medien schlossen sich überwiegend der Argumentation der Kommunistischen Partei an.

Woche für Woche kamen neue Gesetzesverstöße und Dienstvergehen ans Licht, und in der Bevölkerung wuchs die Wut. Eigentlich hätte sich die Nationale Demokratische Allianz mühelos an der Macht halten müssen, doch eine Woche vor der Wahl sah es ganz so aus, als könne sie von einer Koalition linksliberaler und linksextremer Parteien unter Führung der Kommunisten geschlagen werden. Es drohte eine Minderheitsregierung. Vielleicht würde China nach 16 Jahren wieder von angeblichen Sozialisten regiert werden.

Erst in den Tagen unmittelbar vor der Wahl besserte sich die Lage der Regierungspartei. Eine hoch angesehene Enthüllungsjournalistin der China Independent News Agency CINA, Suyuan Wu, entdeckte E-Mails, aus denen hervorging, dass der Skandal schon Jahre zuvor seinen Ausgang genommen hatte, als noch die Kommunisten an der Macht gewesen waren. Drei Minister dieser Regierung hatten damals nach der verlorenen Wahl dafür gesorgt, dass der Kuhhandel mit Tibet auch unter der neuen Regierung fortgeführt wurde. Das mit der (zu General Electric gehörenden) Firma GEnome assoziierte, gewaltige chinesische Firmenkonglomerat Zhou Xī hatte sowohl die Führungsspitze beider politischer Lager als auch zahlreiche tibetische Regierungsvertreter bestochen und sich damit den alleinigen Zugriff auf die tibetische Datenbank für Biodiversität samt deren Zell- und Genarchiv gesichert.

Zwei Tage vor der Wahl prangerten die Kommunisten die E-Mails in scharfem Ton als politisch motivierte Sabotageakte an. Die Aktion sei von der indischen Regierung angeordnet oder zumindest angeregt, um den indischen Einfluss auf Tibet zu verstärken. Suyuan Wu wurde geheimer Absprachen mit der Regierungspartei bezichtigt. Die Bevölkerung indessen glaubte der Journalistin. Und in einer lächerlichen, nur als Kniefall vor dem weltweiten Medienzirkus begreifbaren Entscheidung rief der Oberste Gerichtshof am Wahltag die Armee in Alarmbereitschaft. Die in Peking allgegenwärtigen Überwachungskameras übertrugen an diesem Tag also in endloser Wiederholung folgende Bilder in die Wohnstuben: Kolonnen gelangweilter junger Männer in Kampfanzügen, die »zum Schutz der Demokratie« ohne Sinn und Zweck leere Straßen auf- und abmarschierten.

Suyuan Wu empfand das Ganze als Komödie. In ihrem Blog, das am folgenden Tag von mehreren überregionalen Zeitungen übernommen wurde, bemerkte sie bissig, die Wahl sei in den Städten durch die Online-Stimmabgabe nach einer Stunde praktisch gelaufen. Und auch draußen auf dem Land, wo manche zum Wählen zu Nachbarn hinübergehen müssten, dauere es nur unwesentlich länger. (Es bestand zwar keine Pflicht zur Stimmabgabe, der Zugang zu den wenigen verbliebenen Sozialleistungen war jedoch an die Registrierung als Wähler gekoppelt, was praktisch einer Wahlpflicht gleichkam.) »Wen sollten die Truppen denn schützen, wenn doch niemand auf der Straße war?«, fragte Suyuan Wu ihre Leser. Wahrscheinlich, argwöhnte sie, war das nur ein Rückfall in die Vergangenheit, als die Regierung schon bei den geringfügigsten Anlässen die Armee aufmarschieren ließ.

Suyuan Wu war noch dabei, ihre Geschichte an CINA zu schicken und ihr Blog zu bearbeiten, als in der Hauptstadt die Meldung eintraf, eine Gruppe chinesischer Klimaforscher sei an der Grenze von Simbabwe und Sambia von halb verhungerten Dorfbewohnern fälschlicherweise für Landvermesser gehalten und getötet worden. Afrikanischen Diplomaten in Peking wurde umgehend nahegelegt, sich von den Straßen fernzuhalten, aus Furcht, wie es hieß, vor ethnisch motivierten Vergeltungsmaßnahmen – eine aufgrund ihrer panischen Reaktion und der weitgehenden Duldung rassistischer Hasstiraden auf nationalistischen Blogs durch die Regierung selbst angefachte Furcht. Und wieder ließ man die Armee in den Straßen aufmarschieren. Den Afrikanern jagten die Soldaten ebensolchen Schrecken ein wie die Gerüchte von Racheakten jugendlicher Banden.

Für den Wahlausgang hatte Suyuan Wu nur beißende Bemerkungen übrig. Der Absturz der Kommunisten in letzter Sekunde hatte einem Zusammenschluss mehrerer mittelgroßer, bürgerlicher Parteien zur Mehrheit im Kongress verholfen. »Die werden dort weitermachen, wo die Vorgänger aufgehört haben«, verkündete sie. »Selbst über zwei oder drei Legislaturperioden hinweg wird keine Regierung das Vertragsnetz entwirren können, das China an die globalen Konzerne kettet. Der hiesige Ableger von GEnome (und damit auch der Mutterkonzern) wird Zugriff auf das tibetische Genarchiv erhalten«, prophezeite sie. »Es ist die einzige Firma – genau genommen ein ganzes Konsortium von Genanalyse- und Datenverarbeitungsunternehmen –, die einem derartigen Projekt gewachsen wäre.«

Nur wenig milder urteilte sie über die neuen Machthaber. In den vierzig Jahren ihrer journalistischen Tätigkeit hatte sie viele von ihnen persönlich kennengelernt. »Reformer sind sie schon«, räumte sie ein, »und einige haben sicher gute Absichten«, fügte sie an, »aber wenn sie erst im Amt sind, werden sie erkennen, wie schmal der Handlungsspielraum ist, und sich im Status quo einrichten. Manche werden sich bestechen lassen. Die meisten sind wie hypnotisiert von der Illusion, sie könnten etwas bewirken, und werden sich mit kosmetischen Korrekturen zufrieden geben.«

Ihre schonungslose Sichtweise hatte sich die Journalistin hart erarbeitet. Als politisch unbedarftes Kind voller Erwartungen hatte sie sich 1989 mit ihren Eltern begeistert auf den Weg gemacht, um sich der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz anzuschließen. Sie hatten die Außenbezirke der Stadt erreicht, als sie von der brutalen Niederschlagung erfuhren. Erschüttert fuhren sie wieder nach Hause.

In den Jahren darauf verbesserte das junge Mädchen trotz zunehmender Schwerhörigkeit beharrlich (mit Hilfe der Eltern, die beide die Sprache unterrichteten) sein Englisch. Bis zu den Protesten von 1999 in Seattle gegen die Auswüchse der von der Welthandelsorganisation WTO geförderten Globalisierung hatte sie noch USA-freundliche Ansichten. Doch schon das, was im offiziellen Fernsehen über die Rolle Amerikas durchdrang, riss sie zurück in die Realität.

Um die Jahrtausendwende zog sie zu Hause aus und arbeitete sich nach oben bis an die Börse in Schanghai, wo sie als Berichterstatterin für Rupert Murdoch Erfahrungen sammelte. Als regimekritisch galt sie zu dieser Zeit noch nicht, ihre mit viel Fingerspitzengefühl recherchierten Reportagen zeichneten jedoch bereits ein plastisches Bild der Kreativität und Korruption, die Chinas Wirtschaft damals in immer neue Höhen trieb. Bald schon ließ News Corp die junge Reporterin auch über Unruhen in ländlichen Gebieten und die wachsende Unzufriedenheit der immer westlicher eingestellten Mittelklasse in den Vorstädten berichten.

GLENEAGLES 2005: Suyuan Wus Leben nahm im Jahr 2005, und nicht etwa 1989 oder 1999, eine entscheidende Wende. Wegen ihres beruflichen Aufstiegs bei News Corp war sie nach Peking umgezogen und sollte bald darauf vom G8-Gipfel im schottischen Gleneagles berichten – ihr erster Auslandseinsatz. Ihren Berufskollegen blieb das Gipfeltreffen von Gleneagles vor allem wegen der Bombenanschläge auf die Londoner U-Bahn in plastischer Erinnerung. Die Terrorattacke überschattete den Gipfel und raubte der von Oxfam und anderen Hilfsorganisationen sowie einer Reihe von Stars aus Musik und Film so hoffnungsvoll gestarteten Kampagne »Make Poverty History – Deine Stimme gegen Armut« gleich zu Anfang allen Schwung.

In Gleneagles räumte die vom zweiten Präsidenten Bush geführte US-Regierung zum ersten Mal ein, dass die globale Erwärmung vom Menschen ausgelöst werde. Ein weiteres Thema des Gipfels lautete »Wissenschaft zum Nutzen der Armen«, und die G8 verschrieben sich dem Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheiten mithilfe neuer Technologien. Wenige Wochen nach dem Treffen verkündeten die USA, Japan, Australien, China und Südkorea ein gemeinsames Programm zur Entwicklung neuer Verfahren zur Vermeidung der globalen Erwärmung. Geradezu schrill wurden die Rufe nach einer technischen Lösung für das Klimaproblem, als nur wenige Tage später New Orleans und weite Teile der texanischen Küste nach Überflutungen evakuiert werden mussten, und die Forderungen verstummten nun nicht mehr. Manche Aktivisten meinten damals, man hoffe offenbar, der technische Fortschritt könne zu jedem sozialen Problem als Lösung die passende Silberkugel liefern, und spotteten: »Make Poverty Chemistry – Macht Armut zu einem chemischen Problem.«

Für Suyuan Wu markierte das G8-Treffen den Beginn einer Reihe außerordentlicher Ereignisse, zu denen nicht nur die Wirbelstürme von New Orleans und Texas oder die Krawalle der Immigranten in den Pariser Vororten gehörten, sondern auch die moralische Preisgabe der UN-Millenniumsziele beim World Summit im September und besonders beim Ministertreffen der Welthandelsorganisation zum Jahresende.

HONGKONG 2005: Den Auftrag zur Berichterstattung vom WTO-Ministertreffen in Hongkong erhielt ebenfalls Suyuan Wu. Die großzügigen Tagesspesen sparte sie größtenteils für den Kauf einer Wohnung in Peking auf und kam deshalb zufällig in genau dem billigen Hotel unter, das die Globalisierungsgegner zu ihrem Hauptquartier erkoren hatten. Ein merkwürdiges Volk war das – mal fröhlich und beinahe unbekümmert, aber schon im nächsten Augenblick konnten sie in ihrer Überheblichkeit kaum zu ertragen sein. Klug waren sie, daran war kein Zweifel, aber ob sie wirklich Akteure waren oder doch eher nur Publikum, da war sich Suyuan Wu nicht sicher – waren sie nun Meister der Diplomatie, der Haarspalterei oder der Selbstbefriedigung? Keine Frage, ihre Informationen verbreiteten sie sehr effektiv, aber ein klares Ziel war in diesem Treiben nicht auszumachen.

Abends in den Kneipen – wo es oft spät wurde – witzelten manche über ihr »Stockholm-Syndrom« und nahmen sich damit auf erfrischende Weise selbst auf die Schippe. Suyuan wusste zwar, dass damit eine psychologische Schutzreaktion von Opfern gemeint war, die mit »ihren« Tätern sympathisierten, konnte aber keine Verbindung zu Hongkong oder der WTO erkennen. Mit der Zeit wurde die Journalistin auf gewisse Spannungen zwischen den beiden Flügeln der Bewegung aufmerksam, mit Bauern und Gewerkschaftsvertretern auf der einen und den Aktivisten der Nichtregierungsorganisationen auf der anderen Seite. Der Ton war freundlich, aber gleichzeitig distanziert. Auch die Überzeugungen waren im Grunde sehr ähnlich, doch wurden die Inhalte kaum einmal einstimmig vorgetragen, und gerade die NGO-Anführer kamen ihr häufig wie Möchtegern-Weltverbesserer vor – eine Erkenntnis, die ihr später einmal von Nutzen sein würde.

Im Verlauf des folgenschweren Ministertreffens in Hongkong kam es zu einem von kühnen südkoreanischen Bauern angeführten Straßenkampf. Die Polizeitruppe stürmte schon heran, als ein junger brasilianischer Bauer namens João Sergio die Journalistin und ein schwedisches Ehepaar samt ihrer Tochter Inga in letzter Sekunde in einen Hauseingang zog. Als wieder Ruhe eingekehrt war, steuerte die kleine Gruppe eine Teebude an, wo der Brasilianer sie mit Schilderungen der Heldentaten eines Bauernkomitees in Nordwestchina unterhielt, das mit einem eigenen Weblog landesweit Widerstand gegen die Enteignungspolitik der Regierung mobilisiert hatte. Irgendwie war das Blog unter dem Radar der chinesischen Zensur geblieben, und die Bauern konnten zumindest einen Etappensieg verbuchen. Sofort begriff Suyuan Wu das subversive Potenzial von Internet-Blogs.

Noch am selben Abend besuchte sie auf Anraten des Bauern zusammen mit den Schweden ein von einer Nichtregierungsorganisation veranstaltetes Seminar über neue Technologien. Die Referenten mühten sich – größtenteils vergeblich –, das Publikum davon zu überzeugen, dass der Kampf gegen den Kapitalismus schon bald nicht mehr im Handel, sondern auf dem Gebiet der Technologie ausgetragen würde. »Die Technologie übertrumpft den Handel« war nicht nur der Titel des NGO-Seminars, sondern auch das gebetsmühlenhaft wiederholte Motto fast aller Beiträge.

Die Redner beschrieben, wie sich Physik, Chemie und Biologie im Bereich der Nanotechnik (»Nanometer« bedeutete das Milliardstel eines Meters, wie einige noch unwissenden Teilnehmer des Seminars erfuhren) einander immer mehr annäherten. Diese Konvergenz im Bereich von Atomen und Molekülen, so warnten sie, bedrohe die gesamte Natur und – was für die Verhandlungsführer der WTO noch wichtiger sei – den gesamten Produktionssektor und die Versorgung mit Verbrauchsgütern. Der Hauptredner aus Uruguay sprach leidenschaftlich und mit starkem Akzent über die »Little-BANG-Theorie« – molekulare Selbstvernetzung und Konvergenz von Bits, Atomen, Neuronen und Genen. Der Uruguayer beschwor das Ende des Rohstoffhandels und die wachsende Bedeutung von Patenten herauf. Patente dienten seiner Überzeugung nach schon längst nicht mehr der Innovation, sondern waren vielmehr Teil einer Unternehmensstrategie zur Schaffung technologischer Oligopole und zur Umgehung der Wettbewerbsregeln. Das Publikum des Abends war jedoch zu sehr vom Abbau von Handelsschranken, dem Kernthema der WTO-Verhandlungen, in Anspruch genommen, spendete den Rednern daher höflichen Applaus und wandte sich wieder dem Verschicken von SMS an Freunde und Kollegen zu.

Suyuan Wu begriff schnell, dass der Umgang mit den Aktivisten ihrer Karriere nicht gerade förderlich war. Hongkong starrte vor Sicherheitskräften, und sie zog sich in ein noch billigeres Hotel zurück, das in ausreichender Entfernung sowohl vom Tagungsort der Welthandelsorganisation als auch von den Aktivisten die gewünschte Anonymität bot. Von dort aus berichtete sie über einen weiteren umstrittenen und zweideutigen Beschluss, dessen wahrer Zweck im Verborgenen blieb. Die Bekanntschaft mit den Aktivisten war befremdlich, aber gleichzeitig auch anregend gewesen.

Beim Zusammenstellen eines Jahresrückblicks – sie spannte nach der WTO-Konferenz für einige Tage bei ihren Eltern in einem Vorort von Schanghai aus – ging ihr allmählich die Bedeutung der technischen Entwicklung für die Ereignisse auf, von denen sie berichtet hatte. »Schon Stunden nach den Bombenanschlägen zum G8-Gipfel«, schrieb sie, »waren aus einer halben Million Gesichter auf Aufnahmen tausender Überwachungskameras in London die Bilder der mutmaßlichen Terroristen herausgefiltert worden. Vierzehn Stunden nach den Explosionen sichteten Londoner Bobbys 450 mit Handys aufgenommene Fotos der Anschläge, die auf Flickr.com eingestellt worden waren. Dank der modernen Technik verging nicht einmal eine Woche, bis die Namen der Selbstmordattentäter ermittelt waren. Der einzige Grund, warum George W. Bush die Tatsache der globalen Erwärmung – trotz der Katastrophen an der amerikanischen Golfküste – akzeptiert, ist: Die Industrie hat eine technologische Leitlinie vorgestellt, die den Regierungen selbst bei Anstrengungen zur Verringerung des Ausstoßes an Treibhausgasen ein Wachstum der Wirtschaft in Aussicht stellt. Durch Technologie, heißt es, ließen sich Armut und Hunger ›managen‹. Mit Technologie sei der ›Krieg gegen den Terror‹ zu gewinnen. Und mithilfe von Technologie können die Reichen weiterhin mit großen SUVs herumfahren«. News Corp lehnte den Text ohne weitere Begründung ab.

Im Verlauf ihrer Reisen der folgenden Wochen begriff Suyuan Wu allmählich, was die Referenten des Technologieseminars gemeint hatten. BANG war ja nur der Anfang der Geschichte. Nicht nur die technischen Verfahren um Bits, Atome, Neurone und Gene rückten zusammen, sondern auch Wirtschaft und Verwaltung. Konfrontiert mit Klimachaos, Ölfördermaximum, Terrorismus und Hungersnöten, legte die verängstigte Mittelklasse der Welt ihre demokratischen Rechte nur zu bereitwillig in die Hände einer Elite aus Industrie und Politik, die versprach, den Lebensstandard mithilfe riskanter neuer Technologien aufrechtzuerhalten.

Dazu brauchten diese neuen Technologien noch nicht einmal zu funktionieren; es genügte schon die Ankündigung technischer Neuerungen, die – zentrales Risikomanagement vorausgesetzt – Abhilfe schaffen würden. In einer neuen Kolumne kam die Journalistin zu dem Schluss, hinter dem »Little BANG« stecke der Versuch, die globale Paranoia mittels einer Zangenbewegung zur Errichtung einer neuen Hegemonie zu benutzen.

News Corp lehnte auch diesen Artikel ab, und Suyuan kündigte ihre Stelle. Wirklich riskant war das zugegebenermaßen nicht, da ihre Ersparnisse bei ihrem genügsamen Lebensstil in China mindestens für ein Jahr ausreichten. Nur den Kauf einer Eigentumswohnung musste sie erst einmal aufschieben.

2007: Suyuan Wu blieb nicht lange arbeitslos. Drei Monate nach ihrer Rückkehr vom WTO-Ministertreffen griff sie auf, was der brasilianische Bauer in der Teebude erzählt hatte und startete ihr eigenes Blog. Schon ein Jahr später verbreitete die frisch gegründete China Independent News Agency CINA ihr Blog über Pressedienste in Hongkong, Vancouver und Singapur – durchaus bemerkenswert angesichts von bereits mehr als 160.000 Blogs in China im Jahr 2005 und jährlicher Verdoppelung dieser Zahl.

2008: Die Ereignisse von 2008 verstärkten Suyuans Furcht vor einer globalen Ökophagie. Als Wirtschaftsjournalistin hatte sie den Verbrauchsgüterindex – und dabei insbesondere Nahrungswerte wie Reis – schon seit dem Beginn der Preissteigerungen von 2005 im Auge behalten. Bis 2008 war der Preis für Grundnahrungsmittel gegenüber 2005 um fast drei Billionen US-Dollar hochgeschnellt, und in mehr als 30 Ländern waren wegen Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung Unruhen ausgebrochen. Zur Ernährungskrise kam die Treibstoffkrise, doch als sich der Preis für saudi-arabisches Rohöl Mitte des Jahres der Marke von 150 Dollar pro Barrel näherte, geriet die Weltwirtschaft insgesamt ins Wanken.

Im September standen nicht nur Banken sondern ganze Länder vor dem Zusammenbruch. Zum Jahresende pumpten die G8 und China Billionen von Dollars und Euros als Stütze in die Finanzsysteme. Eigentlich hätten sich die Führer der Welt dringend um den Klimawandel und die Ernährungskrise kümmern müssen, fand Suyuan Wu, doch jetzt fuhren sie wegen der Krise einen ausschließlich von nationalen politischen Interessen bestimmten Überlebenskurs.

Ein Hoffnungsschimmer hatte sich in diesem Jahr allerdings am Horizont gezeigt: Bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November war ein Schwarzer ins Weiße Haus gewählt worden. Die chinesische Journalistin hatte den Wahlkampftross persönlich und in ihrem Blog begleitet – von der Nominierung des Kandidaten in Denver bis zu seinem Sieg in Chicago. Selbst eine ausgemachte Zynikerin wie Suyuan konnte sich der Begeisterung nicht entziehen.

CHICAGO 2009: Es war bei einer von GEnome Corp ausgerichteten Cocktailparty anlässlich der Amtseinführung von Barack Obama, als sie zum ersten Mal mit Qi Qubìng zusammentraf. Suyuan Wu war sofort klar, dass der jugendlich wirkende Wissenschaftler nicht unbedingt das war, was sie als guten Menschen bezeichnet hätte. Seine Eltern stammten aus Sichuan, waren aber während der Kulturrevolution aus China geflohen. Er war in Vancouver geboren, hatte in Medizin promoviert und sich auf Genomforschung spezialisiert. Da er fließend Mandarin sprach und im Bergland von Sichuan Verwandtschaft hatte, war er als junger Hochschulabsolvent sofort bei GEnome untergekommen und ins Heimatland seiner Eltern zurückverpflanzt worden.

Zhou Xī (das mit der zu General Electric gehörenden Firma GEnome assoziierte chinesische Firmenkonglomerat) und GEnome hatten in Chengdu ein Forschungslabor aufgebaut. Hier lebte Qi Qubìng, er reiste aber häufig in die Hauptstadt und genoss dort das offizielle Flair. Neben der kleinen Suyuan Wu ragte er auf wie ein Turm, er kleidete sich mit sorgfältig, aber leger vorgetragener Eleganz, war geistreich, Single, komplett verwestlicht und wäre sehr viel lieber im Hauptquartier der Firma in der Nähe von Chicagos Jazzclubs stationiert gewesen als im rückständigen, südchinesischen Hinterland.

Suyuan Wu fand Qi Qubìngs politische Ansichten verabscheuungswürdig, ihn als Person jedoch hochinteressant und seine Gesellschaft äußerst unterhaltsam. Der chinesisch-kanadische Wissenschaftler nannte sie seit ihrer ersten Begegnung hartnäckig »Su«, was bislang nur die australischen Reporter von News Corp mit ihrem breiten Slang gewagt hatten. Bei der Cocktailparty nahmen sich die beiden ständig gegenseitig auf den Arm und unterhielten die anderen Gäste damit prächtig.

In der folgenden Zeit traf Suyuan häufiger mit Qi Qubìng zusammen, als für ihre Nachforschungen über die Machenschaften von GEnome in China notwendig gewesen wäre. Sie wusste sehr genau, was sie zu dem Wissenschaftler hinzog, fragte sich aber, aus welchem Grund er jedes Mal bei ihr vorbeischaute, wenn er in Peking war. Aus Schuldgefühl? Oder um sich bei ihr seiner ideologischen Überlegenheit zu versichern?

Zum Diskutieren trafen sie sich meist in einer Pizzabude der Stadt, wie sie Qi für sein Leben gern besuchte. Immer wollten Freunde bei den unterhaltsamen Treffen dabei sein, und selbst wildfremde Leute spendeten spontan Beifall, wenn einer ihrer rhetorischen Hiebe besonders gut gesessen hatte. Unter der Hand gab Suyuan jedoch zu, dass sie beide bei allem Widerstreit mindestens ebenso viel Spaß hatten.

Der Taubheit der Journalistin war es zu verdanken, dass die Auseinandersetzung nicht allzu erbittert geführt wurde. Qi indessen betrachtete ihre Schwerhörigkeit geradezu als Beleidigung für die medizinische Forschung und versorgte sie mit den allerneuesten Hörimplantaten, kaum dass sie auf dem Markt waren. Suyuan hatte sich dagegen längst mit ihrer Schwerhörigkeit arrangiert und war gekränkt, dass Qi sie als »Beschädigung« ansah. Bei gemeinsamen Abendessen wurden unweigerlich heftige Worte gewechselt, wenn dieses Thema aufkam. Trotzdem blieb der Grundton so herzlich, dass Qi am Ende doch wieder die Zeche übernahm und Suyuan ihn wegen des geradezu unanständigen Spesenrahmens bei GEnome tadelte – ein Widerspruch, der keinem der beiden entgangen war.

2011: Für den Großteil der Welt brachte der Sommer 2011 die entscheidende Wende des noch jungen Jahrhunderts – nicht 2005, als die chinesischen Journalistin ihre persönliche Identitätskrise hatte. Zur weltweiten Erwärmung kam ein extremes, von 2009 bis 2011 andauerndes El Niño-Phänomen, das im Sommer der gemäßigten nördlichen Breiten seinen Höhepunkt erreichte. Die Hitze war so groß, dass sich im Juni und Juli 2011 riesige Gletschermassen von Grönland ablösten und in den Nordatlantik drifteten. An den Wochenenden setzten sich die wohlhabenden Bewohner von Cape Cod, eine Autostunde von Boston gelegen, mit Picknickkörben an den Strand und genossen das skurrile Schauspiel vorüberziehender Eisberge.

Millionen von Zuschauern verfolgten im Satellitenfernsehen den Zug eines gewaltigen, flachen Eisbergs, der größer war als Rhode Islands und unter dem Namen »Big Mac« zum Medienstar wurde. Die US-Luftwaffe war in Alarmbereitschaft und hatte den Auftrag, Big Mac gegebenenfalls zu Eiswürfeln zu zerbomben. Als sich der Gigant dann tatsächlich der Küste näherte, verhinderte ein plötzlich aufziehender Sturm diesen Einsatz. So wurden die Bewohner der östlichen Teile von Long Island am folgenden Morgen von einem gewaltigen Knirschen geweckt. Der Eisberg pflügte weit ins Küstenland vor und ließ bis ins entfernte Manhattan die Fensterscheiben erzittern.

Die Hitze war gnadenlos. Ob in dampfigen Mansarden in Paris, protzigen Wolkenkratzern in New York oder schäbigen Wohnungen im Londoner East End – Alte und Kranke starben zu Tausenden. Nordamerika war von endlosen Stromausfällen und Spannungsschwankungen geplagt. Am schlimmsten traf es die US-Ostküste just vor dem Wochenende des 4. Juli. Tausende saßen drei Tage lang in steckengebliebenen U-Bahnen und Aufzügen fest, was angesichts der Hitzewelle Hunderte von Todesopfern forderte. Neun Monate später wurden besonders wenige Geburten registriert – auch das kein Wunder angesichts der drückenden Hitze. Auch in Europa und Asien brach die Stromversorgung sporadisch zusammen, wenn auch weniger häufig. In Tokyo, London und Paris stellten die U-Bahnen vorsorglich den Betrieb ein. In London fuhren die Banker mit dem Rad zur Arbeit.

Mit dem Beginn der Wirbelsturmsaison in der Karibik begann für 30 Millionen Amerikaner eine sechsmonatige 24-Stunden-Alarmbereitschaft für die Evakuierung der Wohngebiete. Das verrückte Wetter beflügelte Fundamentalisten und Endzeitpropheten jeder Couleur.

Nachdem die letzten Klimakonferenzen so grandios gescheitert waren, hatte sich unter den Bürokraten der OECD – und auch manchen Staatenlenkern – in aller Stille die Furcht breitgemacht, eine folgenschwere Umweltkatastrophe sei nicht mehr zu vermeiden und stehe, selbst nach den kurzsichtigen Zeitperspektiven gewählter Volksvertreter, höchstwahrscheinlich unmittelbar bevor. Nachdem die Konferenzen nichts erbracht hatten, setzten die reichen Länder alle ihre Hoffnungen auf das Weihnachtsgeschäft und die wenigen positiven Anzeichen für ein baldiges Ende der Finanzkrise. Gezielt lenkten die Apparatschiks in Brüssel, Paris und Washington die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vom Klimawandel auf die dünn gesäten Hinweise auf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch wenn sie im Rat zusammensaßen, war die Stimmung gedrückt, und sie wurde immer verzweifelter. Nach den Ereignissen von 2011 ließ sich die globale Erwärmung allerdings nicht länger leugnen.

Noch agierte der junge US-Präsident vorsichtig, drängte aber darauf, die UN-Vollversammlung solle im September die Klimabeschlüsse verwerfen und die eingeschlafenen Verhandlungen zügig wieder aufnehmen. Zur Linderung der Klimaerwärmung müssten auch drastische Maßnahmen ins Auge gefasst werden. Zeitlich klug abgestimmt erschien in den Medien über Sommer und Herbst verteilt eine Unzahl wissenschaftlicher Studien mit immer neuen Szenarien der Klimakatastrophe. Als Abhilfe rieten die Autoren meist zu technischen Lösungen. Eine vom Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung WBCSD zusammengestellte Gruppe von wirtschaftsnahen Wissenschaftlern legte zwei Wochen vor der Vollversammlung – in Abstimmung mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen – ihr Gutachten vor. Die Expertengruppe kam zu dem Ergebnis, dass die derzeitigen Bemühungen zur Vermeidung der globalen Erwärmung – der allgemein verunglimpfte Handel mit Emissionsrechten eingeschlossen – bei weitem nicht ausreichte, um den CO2-Gehalt der Atmosphäre unter den von den meisten Wissenschaftlern geforderten Wert von 350 ppm zu drücken.

Die Industrieexperten schlugen ein technologisches Notprogramm vor, nach Art des Manhattan-Projekts zur Entwicklung der ersten Atombombe im Zweiten Weltkrieg. Nur mit einem neuen, technologischen »Plan B« sei der Klimawandel noch abzuwenden. Außerdem befürworteten sie, die von der Biodiversitätskonvention der UNO 2008 praktisch auf Eis gelegten Versuchsprojekte zur Ozeandüngung wieder aufzunehmen. In einer international abgestimmten Aktion sollten in weiten Gebieten des Pazifiks und des Südpolarmeers Eisen-Nanopartikel ausgebracht werden, was nach Überzeugung der Gutachter zu Algenblüten führen musste. Davon würde nicht nur die Fischerei profitieren, sondern durch das in der Biomasse gebundene CO2 würde auch die Temperatur gesenkt.

Die Wissenschaftler schlugen außerdem vor, die ENMOD-Konvention, also das Umweltkriegsübereinkommen aus den 1970er-Jahren zu kündigen, das Geo-Engineering-Experimente untersagte. Damit waren groß angelegte klima- und umweltverändernde Eingriffe an Boden, Wasser und Luft gemeint.

Die Experten rieten, den »Thermostaten« der Erde durch ein Spektrum von in der Stratosphäre ausgebrachten, reflektierenden Nanopartikeln »herunterzudrehen«. So könne die Menschheit vor schädlicher UV-Strahlung geschützt und einer weiteren Verschlechterung der Atmosphäre vorgebeugt werden. Theoretisch sei es möglich, »intelligente« Nanopartikel vom Boden aus wie eine Jalousie zu regulieren und damit zu steuern, wann und wie viel Sonnenlicht den Boden erreichte. »BANG«, dachte die chinesische Bloggerin sofort.

Der Bericht explodierte förmlich in den Medien, sodass sich die Öffentlichkeit in einer Art Rauschzustand befand, als dann im September die Vollversammlung zusammentrat. Die »Jalousie« – auch »Sonnenschirm« genannt – wurde zur cause célèbre. In seiner Rede vor der Versammlung gelobte Barack Obama, sein Land werde seine gesamten technischen Fähigkeiten für die Rettung der Umwelt zur Verfügung stellen. Mit Blick auf seine Chancen auf eine Wiederwahl versprach er weiterhin, auf der Suche nach dem optimalen wissenschaftlichen Know-how weltweit mit der Industrie zusammenzuarbeiten. Geo-Engineering nannte der Präsident explizit als möglichen Lösungsansatz für den Fall, dass andere Methoden versagten. »Die BANG-Gang kommt voran«, dachte Suyuan.

Die Rede des Präsidenten erhielt ungewöhnlich zurückhaltenden Applaus. Obama, der früher auf jeder Bühne unbezwingbar gewirkt hatte, sah nach den Krisen von Umwelt und Wirtschaft, die seine erste Amtszeit überschattet hatten, grau und zermürbt aus. Delegierte aus Europa und südlichen Ländern nahmen den Vorschlag mit Skepsis auf und äußerten Zweifel daran, dass ihn der Präsident während seiner Wiederwahl-Kampagne auch umsetzen könnte.

Jahre später wurde bekannt, dass die Bush-Administration während der ersten Amtszeit von George W., als Obama noch ein aufstrebender Jungpolitiker war, ein Treffen von Klimaforschern zur Untersuchung des Umbaus der Erde organisiert hatte. Die Vorschläge reichten von einem 1.500.000 Quadratkilometer großen Schutzschild (aus 20 Nanometer kleinen Aluminiumpartikeln) bis zu einer Flotte hochseetüchtiger Turbinen, die Wolken aus Salznebel aufwirbeln sollten, um mehr Sonnenlicht zurückzuwerfen.

»Das ist ein Trick«, wetterte Suyuan in ihrem Blog. »Die wollen nur Geld in ihre heimischen Firmengeflechte pumpen und Einfluss gewinnen, genau wie während der Finanzkrise. Diesmal gaukeln sie uns vor, die Technologieunternehmen würden uns vor der Klimakatastrophe bewahren. Und Geo-Piraterie ist es außerdem. Auf eine weltweite Verminderung der Emissionen können sie sich nicht einigen, aber auf dem eigenem Staatsgebiet kann jede Supermacht, ja eigentlich jedes halbwegs technisierte Land, nach Belieben Geo-Engineering betreiben – ganz egal, ob der Rest der Welt darunter leidet. Internationale Abkommen sind dazu gar nicht mehr nötig.« Niemanden schien das zu interessieren.

NEW YORK 2012: Ein Jahr nach Ratifizierung des US-Antrags trafen sich die Staatsoberhäupter in New York. Die weltweit agierenden Konzerne hatten sich inzwischen zu zwei – zumindest dem Anschein nach – rivalisierenden Gruppen zusammengeschlossen. Sonybishi, Rio-BHP Minerals, das chinesische Zhou Xī-Konglomerat, British-BASF Energy und GEnome bildeten das »Terra-Forma-Konsortium«. Ihnen gegenüber stand ein Zusammenschluss der Exxon Siemens Corp., dem indischen Riesen Tata-Pharma und Microbe-Soft unter dem Namen »Atom-Sphere«. Politische Beobachter äußerten besorgt, dass die neuen Supermächte Indien und China in konkurrierenden Konsortien vertreten waren. Die beiden Gruppierungen versprachen jedoch, ihre technischen Fähigkeiten zum Wohl der Weltgemeinschaft zu bündeln, sofern die Politik die Kartellgesetze dahin gehend modifizierte, dass die Firmen Patente und Geschäftsgeheimnisse ungehindert und exklusiv zwischen den Gruppen austauschen konnten.

Sie forderten außerdem, dass die Regierungen Terra-Forma und Atom-Sphere von jeglicher Haftung ausnahmen oder die entsprechenden Versicherungen abschlossen. Wegen der zu erwartenden Risiken bestanden die Konsortien auch auf staatlichen Garantien für die Jahresrendite der Aktionäre auf dem Niveau der jährlichen Top-Indizes des NASDAQ. Zuletzt verlangten die Gruppen Garantien, dass sie für Unglücksfälle gemäß der ENMOD-Konvention gegen Umweltkriegsverfahren in keinem Fall haftbar gemacht würden – sollte dieses Abkommen nicht außer Kraft gesetzt werden. Die Nationalregierungen fügten sich ohne Diskussion und größeren Widerstand.

»Nicht vor dem ›Terrorismus‹ sollte die Welt erzittern«, feixte Qi Qubìng eines Abends nach dem Essen in seiner Lieblings-Trattoria in Peking und ließ den Rotwein im Glas kreisen, »sondern vor dem ›Terra-ismus‹. Hütet euch vor den Massenaufbauwaffen!« Suyuan spürte eine gequälte Anspannung in seinem Lachen, die den anderen am Tisch entgangen war. Wahrscheinlich belastete ihn die aktuelle Firmenpolitik. Der chinesische multinationale Konzern Zhou Xī betrieb gerade die Übernahme seines US-Partnerunternehmens – ein Versuch mit machohaften Zügen, sich zum ersten Superkonglomerat Chinas aufzuschwingen. Als Kanadier mit chinesischem Hintergrund in den Diensten von GEnome fand sich Qi unvermittelt zwischen den Fronten.

Die allgemeine Aufregung über den Klimawandel und die rasche Reaktion der Industrie und der Supermächte stürzte die Umweltbewegung in ein ideologisches Chaos. Viele begrüßten es, dass sie und ihre Anliegen nun im Zentrum des Interesses standen. Andere fanden schon den Gedanken an Geo-Engineering abschreckend, hatten aber auch keine tragkräftigen Alternativen auf Lager. Die meisten großen Umweltorganisationen sahen Geo-Engineering als einzigen, zugegebenermaßen beklagenswerten Weg, den dramatischen Verlust an Artenvielfalt im Meer und an Land wenigstens einzudämmen. Kritik an der Technisierung und Machtkonzentration äußerten sie nicht.

Schon bei der gescheiterten Klimakonferenz von 2009 – die El Niño-Katastrophe bahnte sich damals gerade erst an – hatten sich die Führer der Umweltbewegung über einem von der Industrie unterstützen Antrag zerstritten, der Experimente zur Umweltmodifikation möglich machen sollte. Nachwehen dieser Auseinandersetzung lähmten die Bewegung auf Jahre, und das zu einer Zeit, in der klare Aussagen zum Schutz der Umwelt ganz besonders nötig gewesen wären. Als Titel für das Blog zu diesem Thema wählte Suyuan Wu: »Das Stockholm-Syndrom«.

2015: Ob es nun an El Niño lag oder nicht, die Temperaturrekorde von 2010/2011 fügten sich nahtlos ein in die seit Ende der 1980er-Jahre verzeichnete Reihe außerordentlich heißer Jahre. Als die Vollversammlung der UNO im September 2015 die Millenniumskampagne in aller Förmlichkeit abschloss, war das eklatante Verfehlen der Entwicklungsziele kaum noch eine Meldung wert – so groß war die Bestürzung über den Klimawandel. Regierungschefs, von denen nicht allzu viele die Versammlung mit ihrer Anwesenheit beehrten, nutzten das Podium, um ihre Bemühungen zur finanziellen Entlastung der von Trockenheit und von klimabedingt auftretenden Krankheiten gebeutelten industriellen Landwirtschaft ins rechte Licht zu rücken. Präsidenten und Premierminister vertraten die Ansicht, die Bedeutung dieser Anstrengungen mache den Fortschritt bei den Millenniumszielen weniger notwendig. Die Aufwendungen für die Linderung der Folgen des Klimawandels müsse als Beitrag für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit der OECD gesehen werden.

»Wenn der Himmel einstürzt, muss man die Leute mit etwas Spektakulärem ins Boot holen. Der Klimawandel bietet dazu den perfekten Vorwand«, verriet Suyuan ihren Lesern. »Es ist fast zu schön, um wahr zu sein – eine Gelegenheit, all das zu tun, was man schon immer wollte, sich aber nicht zu fragen traute. Der Klimawandel erlaubt es der Staatsmacht, die Gesellschaft zu kontrollieren. Dank geheimer Absprachen und Verschleierung können Unternehmen und Regierung der Kritik entgehen, dass sie das Problem überhaupt erst geschaffen haben. Immerhin wurde die globale Erwärmung durch die vom Kapitalismus geförderten ungeregelten CO2-Emissionen überhaupt erst verursacht. Und das haben die Regierungen nicht nur passiv geschehen lassen; sie haben es den Unternehmen genau genommen überhaupt erst ermöglicht, und jetzt verlangen sie dreist mehr Befugnisse, um das Problem zu lösen.«

Von den schlafwandelnden Medien unbehelligt, strichen unterdessen draußen vor dem Sitzungssaal die Konsortien von Terra-Forma und Atom-Sphere ungeheure staatliche Subventionen und Kredite ein. Terra-Forma verkündete ein von der PR-Abteilung der Gruppe als »Biosynthese« bezeichnetes Versuchsprogramm. Neuartige Mikroorganismen sollten Verschmutzungen an der Meeresoberfläche auffressen und/oder Schadstoffe zu harmlosen Molekülen zersetzen, die sich dann am Grund ablagern konnten. Vor dem Beginn der Experimente zur Düngung des Ozeans machten verschiedene NGOs die Regierungsvertreter darauf aufmerksam, dass bereits zwei Jahrzehnte zuvor vergleichbare Versuche mit Mikropartikeln beunruhigende Resultate erbracht hatten. Der Theorie nach sollte das Verstreuen von Eisenspänen an der Meeresoberfläche eine künstliche Blüte des Phytoplanktons auslösen. Das Phytoplankton würde Kohlendioxid aufnehmen, das dann mit der Biomasse zum Meeresboden sinken und dadurch die globale Temperatur senken würde.

Bei einem Versuch hatte die US-Regierung den Humboldtstrom in der Nähe der Galapagosinseln mit Eisenpartikeln geimpft. In einem anderen Experiment der Scripps Institution of Oceanography im Jahr 2002 waren südlich von Neuseeland tonnenweise Eisenspäne ins Südpolarmeer geschüttet worden. Und eine dritte Partikel-Blüte ereignete sich mit Unterstützung der kanadischen Regierung vor Vancouver Island. Alles in allem waren es zwischen Kapstadt, Galapagos und dem Golf von Mexiko etwa ein Dutzend Experimente, die von mindestens ebenso vielen Regierungen – häufig in Kooperation – in Auftrag gegeben worden waren. Die Experimente misslangen, und viele Wissenschaftler warnten, weitere derartige Aktionen könnten die tropischen Meere möglicherweise sterilisieren oder andere unerwünschte Nebenwirkungen zeigen. »Gebt mir einen halben Tanker voll Eisen«, hatte ein Ozeanograf geprahlt, »und ich gebe euch eine Eiszeit.«

Im Jahr 2007 hatten mehrere fragwürdige Unternehmen die Aufnahme an den führenden Börsen der Welt erreicht, doch aufmerksame Leute in den NGOs hatten Alarm geschlagen. Die Firmen versprachen, CO2 am Meeresboden zu binden und wollten die damit erworbenen Emissionsrechte an europäische Firmen verkaufen. Sie hofften auch, in den USA und Australien zusätzliche Kunden für den freiwilligen Emissionsausgleich zu gewinnen. Mitte 2008 hatten die 191 Vertragsländer der UN-Biodiversitätskonvention einstimmig ein Verbot sowohl kommerzieller als auch wissenschaftlicher Projekte zur Ozeandüngung in großem Maßstab verabschiedet.