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Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Debatte um Identitätspolitik und Rassismus keinen neuen Aufschlag bekommt. Waren es gestern noch "alte, weiße Männer", die unter Beschuss gerieten, so wird heute darüber gestritten, wer Amanda Gorman übersetzen oder wer für diverse Charaktere in Film und Theater gecastet werden darf. Der Ton: wütend, aggressiv, spaltend. Längst geht es nicht mehr um Gleichbehandlung, sondern Deutungshoheit: Wer hat hier das Sagen und darf mitreden?
Die türkischstämmige Journalistin und Autorin Canan Topçu sagt: "Das ist nicht mein Antirassismus." Sie begibt sich auf Spurensuche ihrer ganz persönlichen Identitätsentwicklung und wehrt sich gegen Denkverbote und Tabus. Stattdessen streitet sie für den Dialog, für das Besonnen-Miteinander-Umgehen und dafür, die eigene Meinung nicht zum alleinigen Maß der Dinge zu machen.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2021
Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Debatte um Identitätspolitik und Rassismus keinen neuen Aufschlag bekommt. Waren es gestern noch »alte, weiße Männer«, die unter Beschuss gerieten, so wird heute darüber gestritten, wer Amanda Gorman übersetzen oder wer für diverse Charaktere in Film und Theater gecastet werden darf. Der Ton: wütend, aggressiv, spaltend. Längst geht es nicht mehr um Gleichbehandlung, sondern Deutungshoheit: Wer hat hier das Sagen und darf mitreden?
Die türkischstämmige Journalistin und Autorin Canan Topçu sagt: »Das ist nicht mein Antirassismus.« Sie begibt sich auf Spurensuche ihrer ganz persönlichen Identitätsentwicklung und wehrt sich gegen Denkverbote und Tabus. Stattdessen streitet sie für den Dialog, für das Besonnen-Miteinander-Umgehen und dafür, die eigene Meinung nicht zum alleinigen Maß der Dinge zu machen.
Canan Topçu, geboren in der Türkei, ist Journalistin und Dozentin mit Schwerpunkt auf die Themen Migration, Integration, Teilhabe und muslimisches Leben in Deutschland. Sie arbeitet für die Hochschule Darmstadt und die Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung. Darüber hinaus engagiert sie sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in Stiftungen und Organisationen für Integration und Chancengleichheit.
Mit ihren Positionen zu Teilhabe, Zugehörigkeit und Diskriminierung eckt sie immer wieder bei sogenannten People of Color und Minderheitengruppen an, weil sie nicht bereit ist, Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben und Opfernarrative zu reproduzieren.
CANAN TOPÇU
Nicht mein Antirassismus
Warum wir einander zuhören sollten,statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten.Eine Ermutigung.
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen
Originalausgabe
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Angela Kuepper, München
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille
Einband-/Umschlagmotiv: © shutterstock: Callahan
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-1835-6
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Für Can, Melis, Mignon – und für Sie, für euch, für uns alle
Editorische Notiz
Der, die, das. Er, sie, es. Bis ich das grammatische Genus verstand, verging viel Zeit. Deutsch habe ich mir mit viel Mühe angeeignet – und dabei erfahren, wie wichtig Wörter und Worte sind. Deutsch ist die einzige Sprache, in der ich meine Gedanken und meine Gefühle differenziert ausdrücken kann. Ich weiß: Sprache ist politisch. Sprache ist aber auch Schönheit. Sprache ist Heimat.
Doppelpunkt, Unterstrich, Sternchen: Sosehr ich um deren Bedeutung weiß, mich entfremden sie von der Sprache, in der ich so richtig zu Hause bin. Aufs Gendern verzichte ich aus persönlichen und nicht aus politischen Gründen – und nenne dort, wo es sonst ausschließend verstanden werden könnte, beide Geschlechter. Mit dem Wissen, dass es kein grammatisches Genus im Türkischen gibt. Zur Gleichstellung hat es bekanntlich nicht beigetragen.
Mögen sich alle, auch wenn sie sich sprachlich nicht wiederfinden, mitgemeint fühlen.
Alle im Text genannten Personen sind real. Zum Schutz ihrer Rechte wurden einige Namen geändert.
Ende September 2020 erschien in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel »Nicht mein Antirassismus« ein Essay von mir.1 Der Text beginnt so: »Stimmt mit mir was nicht?« Diese Frage beschäftigte mich ernsthaft. In knapp zweihundert Zeilen dachte ich darüber nach, was genau mir an den gegenwärtigen Debatten über Rassismus, Diskriminierung und Identitätspolitik Unbehagen bereitet. Die Stimmen aus den postmigrantischen Gruppen, die Deutschland als durch und durch rassistisch beschreiben, decken sich nur bedingt mit meiner Wahrnehmung. In dem SZ-Beitrag positionierte ich mich gegen diese Dämonisierung, weil ich eine Lanze brechen wollte für dieses Land, in dem ich seit meinem achten Lebensjahr sehr gerne lebe. Ich bin ermuntert worden, es nicht bei den zweihundert Zeilen zu belassen, sondern mein Nachdenken in einem Buch fortzusetzen. Ich habe mich auf dieses Experiment eingelassen.
Allah’ ın sevgili kulu – »Gottes geliebtes Kind«, mit dieser Redewendung wird im Türkischen ausgedrückt, dass man es gut getroffen hat. Ich und auch viele andere, die wie ich Kinder von Arbeitsmigranten sind, haben es hier gut; wir bekamen Chancen, die wir in den Herkunftsländern nicht gehabt hätten. Die Geschichten der »Gastarbeiter«-Kinder ähneln sich: Die Väter und Mütter wollten nur ein paar Jahre in Deutschland bleiben, so schnell wie möglich viel Geld verdienen und wieder zurückkehren in die Heimat. Das hatten auch meine Eltern vor, sie erkannten aber glücklicherweise – im Gegensatz zu manch anderen, die noch immer von der Rückkehr träumen – schnell, dass sich dieser Plan nicht umsetzen lassen würde. Und so holten sie ihre drei Töchter recht bald zu sich. Der Wechsel von der einen Welt in die andere hat Spuren hinterlassen. Das Trauma der Migration nagt an fast allen von uns. Auch an mir. Und trotzdem empfinde ich Dankbarkeit darüber, in Deutschland zu leben und all die Freiheiten zu haben, die sehr viele Menschen in sehr vielen anderen Ländern nicht haben.
Wenn ich lese oder höre, dass man sich in dieser Gesellschaft als »Nicht-Weißer« in ständiger Lebensgefahr befinde und dass das Leben an einem seidenen Faden hänge, dann frage ich mich ernsthaft, ob ich mit denen, die solche Szenarien entwerfen, im selben Land lebe. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Antirassismus-Akteuren und eine Reihe von Menschen, die sich selbst als »People of Color« (dazu später mehr) beschreiben und in den Medien, in Workshops, Vorträgen und Podiumsgesprächen ein zu schlechtes Bild von Deutschland zeichnen. Manchmal stutze ich über das, was sie sagen und schreiben. Ich ertappe mich dabei, dass ich an mir zweifele und denke, sie haben recht und ich habe eine rosarote Brille auf, durch die ich mir dieses Land anschaue. Bei etlichen, die sich zu Wort melden, werde ich aber auch den Verdacht nicht los, dass sie zu dick auftragen mit Rassismus und Diskriminierung – aus Kalkül, Kränkung oder anderen Ressentiments heraus und möglicherweise gar, um das persönliche Scheitern zu überdecken.
Auch wenn mir vorgehalten wird, mich den Realitäten nicht zu stellen: Natürlich weiß ich um Diskriminierungen, um Mechanismen der Ausgrenzung. Keine Frage: Es gibt Rassismus, es gibt Gewalt gegen Menschen, die aufgrund ihres Äußeren oder ihres Namens als fremd wahrgenommen und vorverurteilt werden. Was mir Unbehagen bereitet: Es wird zu wenig differenziert und kaum in Erwägung gezogen, dass das wahrgenommene Schlecht-behandelt-Werden, das Benachteiligt-Werden und die Ausgrenzung – sei es schulisch, beruflich oder wo auch immer – nicht allein auf Rassismus zurückgeführt werden können. Es gibt viele andere Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Rein persönliche Animositäten etwa, diese werden aber selten in Betracht gezogen. Die vermeintlich Schuldigen sind meist schnell gefunden: die »Weißen« und der Rassismus, der in jedweder Struktur dieser Gesellschaft steckt.
Es kann, muss aber nicht jede Abweisung damit zusammenhängen, dass mein Gegenüber rassistisch ist. Dieses Menschenbild ist nicht meines. Es ist nun einmal so, dass nicht jeder grundsätzlich Sympathie für jeden anderen Menschen empfindet. Wenn jemand mir gegenüber unfreundlich ist, mich schlecht behandelt und mir Steine in den Weg legt, dann kommen mir dafür nicht sogleich rassistische Motive in den Sinn. Das ist wohl das, was mich von manchen Antirassismus-Akteuren unterscheidet. Ich diagnostiziere nicht reflexartig Rassismus als Ursache aller Missstände. Ich plädiere dafür, einen kühlen Kopf zu behalten, nachzufragen, das Gespräch zu suchen über individuelle Erfahrungen und ihre Folgen. Im besten Falle wird so ein gegenseitiger Austausch ermöglicht. Zumal es ungeheuer schwer geworden ist, diesen Begriff anzuwenden, weil inzwischen unterschiedliche Formen und Strukturen von Rassismus differenziert werden – mit biologischen, religiösen, geografischen und ethnischen Bezugspunkten wie beispielsweise antischwarzer Rassismus, antimuslimischer Rassismus, antislawischer Rassismus und antikurdischer Rassismus.
Keine Frage: Es soll keine Ungleichbehandlung von Menschen geben. Dass Menschen unabhängig von ihrem Aussehen, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder welchen Merkmalen auch immer gleich zu behandeln sind: Das gibt unsere Verfassung vor. Niemand soll übersehen oder angestarrt werden. Die Gleichheit des Menschen ist als Ideal derweil noch nicht allzu lange common sense, sondern eine Errungenschaft der Moderne. Dass alle Menschen als Gleiche unter Gleichen wahrgenommen werden – das ist leider, leider aus unterschiedlichen Gründen bis heute nicht in allen Köpfen angekommen. Diese Wahrnehmung und dieses Denken gilt es einzuüben. Und eben auch darauf hinzuwirken, dass Strukturen aufgebrochen werden, die diese Ungleichheit (re)produzieren und verfestigen. Hinter Strukturen stecken aber Menschen. Wer Strukturen verändern möchte, muss Menschen überzeugen.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass nicht alles super ist in Deutschland und dass es hier eine Menge Missstände gibt, die auf rassistisches Verhalten zurückgehen. Wenn ich all die Klagen und Kritik höre und lese, dann denke ich: Ja, all das gibt es. Aber: Es gibt auch noch vieles andere in diesem Land. Und ich konzentriere mich auf das, was gut gelaufen ist. Und gut läuft. Weil nur eine nüchterne, möglichst emotionsfreie Betrachtung der Gesellschaft ohne verständliche, aber zuweilen überbordende gegenseitige Vorwürfe uns hilft, unser Zusammenleben gemeinsam zu verbessern. Fronten und Widerstände schaden am Ende uns allen.
Ich bin für das Abwägen von Für und Wider und für das Besonnen-miteinander-Umgehen. Es ist wichtig, die eigene Perspektive mitzuteilen, sie aber nicht zum alleinigen Maß aller Dinge zu machen. Eine gut funktionierende Gesellschaft braucht Begegnungen und Austausch – sowohl Plaudereien als auch tiefsinnige Gespräche und auch Streit, sofern er in guter Absicht und konstruktiv ausgetragen wird. Wenn aber die einen sich von Ressentiments leiten lassen und andere als Nazis und Rassisten beschimpfen und wenn diese sich aufgrund der Generalanschuldigung davor scheuen, in Kontakt zu treten, dann bricht die Voraussetzung für den Dialog weg. Wenn aufgeschlossene Menschen sich schon nicht mehr trauen zu sprechen, weil sie verunsichert sind, ob sie die richtigen Worte finden oder was sie fragen dürfen und wie sie was sagen dürfen, dann ist es kaum möglich, die eigenen Vorbehalte zu hinterfragen und abzulegen.
Ich beobachte im privaten und beruflichen Umfeld: Die Unbefangenheit schwindet, die Begegnungen werden krampfhaft. Gerade aus der Neugier, die Menschen dazu brachte, mir Fragen zu stellen, entstanden tolle Gespräche und auch Freundschaften, öffneten sich Fenster in andere (Gedanken-)Welten. Es haben nicht nur die, die etwas über meine Herkunft wissen wollten, so manches Neue erfahren, sondern auch ich habe sehr viel von den anderen gelernt. Nicht zuletzt bin ich die, die ich bin, auch durch diese unbefangen geführten Unterhaltungen geworden: eine akkulturierte Frau türkischer Herkunft, die ihr Zuhause in Hanau gefunden hat. Ausgerechnet in der Stadt, die zum Symbol für den allgegenwärtigen Rassismus in Deutschland geworden ist, fühle ich mich sicher und wohl!
Wie können wir die zu Recht beanstandeten politischen und gesellschaftlichen Missstände zum Positiven verändern? Hinsehen, Beobachten, Zuhören, Nachdenken, das Wahrgenommene einordnen und die eigene Bewertung prüfen. Das sind erste Schritte, die helfen können – wie auch, Theorien und Ideologien nicht unhinterfragt als Analyse von Gesellschaft und Systemen zu übernehmen. Eine andere Sicht zuzulassen, die eigene Deutung und das eigene Handeln infrage stellen: Das würde sicher helfen. Doch wie können wir das hinbekommen? Einige Antirassismus-Akteure, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler scheinen sich zu sicher, wie der Weg in eine von Diskriminierung und Rassismus befreite Gesellschaft zu verlaufen hat.
Helfen die derzeit geführten akademischen Diskurse, Hass, Diskriminierung und rassistisches Handeln einzudämmen? Führt der Weg dahin wirklich über die aus den USA importierten Ansätze »Critical Race Theory« und »Post-Colonial-Studies«, die bei genauer Betrachtung auf die deutsche Migrationsgesellschaft nur bedingt übertragbar sind? Lässt sich respektvoller und wertschätzender Umgang nur in Antirassismus-Workshops oder Diversity-Trainings lernen? Sollte man Kurse besuchen, um durch den »schmerzhaften Prozess« zu erkennen, dass man als »weißer« Mensch Teil des rassistischen Systems ist? Teil eines Systems, das »Schwarze« und Minderheiten über Jahrhunderte unterdrückt und demütigt?
Falls Ihnen das jetzt übertrieben erscheint: Wenn Sie im Internet durch das Weiterbildungsangebot der Antirassismus-Akteure scrollen und sich ein wenig in die Kritische Weiß-Sein-Forschung einlesen, werden Sie bemerken, dass deren Vertreter es sehr ernst meinen. Auch mich beschäftigt wie so viele Akteure auf dem Weiterbildungsmarkt und ehrenamtlich Engagierte die Frage, wie wir diskriminierungssensibel sprechen und handeln können. Und zwar aus Einsicht, nicht etwa, weil es verordnet wird.
Es schwirren viele Fragen in meinem Kopf herum. Und auf viele habe auch ich keine Antworten. Doch ich bin überzeugt: Der Schlüssel für ein gedeihliches Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungen, Idealen, Hautfarben, Religionen etc. ist, dass wir uns jenseits unserer kollektiven Identität als Individuen begegnen. Wir lernen uns kennen, wenn wir ohne Anschuldigungen und pauschalisierende Zuschreibungen uns unsere Geschichten erzählen und einander zuhören. Mehr Gelassenheit täte gut – auch den Antirassismus-Aktivisten.
Im Laufe meines Berufslebens habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, mit ihnen Zeit verbracht, bin – sofern sie mir Einlass gewährten – eingetaucht in ihre Lebenswelt, ich habe ihren Geschichten zugehört und diese aufgeschrieben. Es waren für mich sehr bereichernde Begegnungen, die vor allem dazu beigetragen haben, dass ich oft und vieles umräumen musste in meinen Schubladen im Kopf. Auch für dieses Buch habe ich anderen zugehört, mich mit ihnen ausgetauscht – und ja, so manches Mal mich auch gestritten. Manchmal ist Streit unvermeidbar, und es ist wichtig, hartnäckig zu bleiben … im Sinne des Sich-Verständigens. Mit dem Blick auf das gemeinsame Ziel kann Streiten auf Augenhöhe hilfreicher sein als Schweigen.
In den Identitätsdebatten wird aber inzwischen nicht nur debattiert und gestritten, sondern gekämpft. Es ist auch ein Kampf um Worte. Selbst ernannte Sprachpolizisten wollen Gendersternchen durchsetzen und rügen grundsätzlich die Verwendung des Begriffs »Neger«. Es bleibt aber nicht allein beim Bashing. Wer dem Diktat nicht folgt, riskiert Morddrohungen – wie etwa Florian Klenk, Chefredakteur des österreichischen Magazins Falter. Er hatte Ende Juli in einem Tweet dafür plädiert, »Worte in einem historischen oder politischen Kontext zu lesen und nicht so zu tun, als ob ein Wort alleine beleidigt und verletzt und nicht die Absicht, mit der es ausgesprochen wird«.2 Solch eine Entwicklung ist besorgniserregend und hat mit antirassistischem Aktivismus nichts mehr zu tun.
Was kann man jenen entgegnen, die immer neue Fronten schaffen zwischen »ihr« und »wir«, »schwarz« und »weiß«, »privilegiert« und »marginalisiert«, »Täter« und »Opfer«, den »Guten« und den »Bösen«? Es braucht die Fronten nicht, es braucht kein Entweder-Oder, ich tue mich schwer mit der Freund-Feind-Schablone und den Täter-Opfer-Zuschreibungen. Ich bin überzeugt davon, dass es Zwischentöne braucht, damit die Wortführer der Grabenkämpfe, die darauf pochen, im Recht zu sein, nicht den Diskurs bestimmen.
Es gibt inzwischen etliche Bücher über Rassismus. Karl Valentin soll einmal gesagt haben: »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.« Dieser Ausspruch ist richtig und falsch zugleich. Mir ist bewusst, dass ich all jene mit völkischen Ideen durchdrungenen Menschen in diesem Land nicht erreichen oder zum Nach- und Umdenken ermuntern werde, sodass sie beginnen, ihren Hass zu bändigen. Auch nicht die Akteure und Aktivisten, die im Antirassismus-Strudel so sehr damit befasst sind, ihre Annahmen zu bestätigen und ihre Ressentiments zu füttern.
Im Idealfall ermutigt dieses Buch aber jene, die wie ich viele Fragen haben, sich nicht mit zu einfachen Antworten zufriedenzugeben. Es möchte Mut machen, in sich hineinzuhorchen, die eigenen Borniertheiten aufzuspüren und zu hinterfragen. Es möchte aber auch darin bestärken, sich nicht einschüchtern zu lassen von wortgewaltigen Akteuren und Aktivisten, die mit Verweisen auf Wissenschaft und Geschichte die Deutungshoheit beanspruchen.
Gegenseitige Beschuldigungen können überwunden werden, wenn man nicht um jeden Preis recht behalten will. Ich bin oft genug mit dieser Absicht ins Gespräch gegangen und habe mir oft genug eingestehen müssen, dass es auch ganz andere Perspektiven gibt. Mein Wunsch ist, eine Verbindung herzustellen zwischen denen, die genervt sind von Identitätspolitik und Rassismus-Debatten, und denen, die nicht müde werden, auf die nicht eingehaltenen Versprechen eines demokratischen Staates hinzuweisen und Gleichbehandlung einzufordern. Eine große Aufgabe: über so komplexe Debatten zu Rassismus und Identitätspolitik ein Buch zu schreiben, ohne dass es nur Gemeinplätze enthält oder nur Gedanken, die andere schon viel besser und klüger geschrieben und gesagt haben. »Was für eine Chuzpe!«, werden manche denken. »Mut zur Lücke«, habe ich mir gedacht. Ich melde mich zu Wort aus der Perspektive einer Mittfünfzigerin mit türkischem Migrationshintergrund, als deutsche Staatsbürgerin und Journalistin und lade dazu ein, mich bei meinem Erkundungsgang zu begleiten. Es ist eine sehr persönliche Spurensuche, ein sehr persönliches Nachdenken über Deutschland.
Das Private ist politisch: Dieser Slogan der Frauenbewegung aus den 1970er Jahren hat mich beim Nachdenken über meine journalistische Arbeit und beim Schreiben an diesem Buch begleitet. Über Privates und Persönliches habe ich oft geschrieben – und dies in politischer Absicht. Politik wird von Menschen gemacht, von Menschen mit diesen oder jenen Ansichten und Überzeugungen. Diese entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern entwickeln sich über Wissen, Erlebnisse, Erfahrungen, Einblicke in Lebenswelten anderer. Persönliche Ansichten und Erfahrungen beeinflussen politische Prozesse und Entscheidungen in hohem Maße. Wenn ich mit Menschen über ihre Ansichten gesprochen habe und der Frage nachgegangen bin, wie sie zu diesen Ansichten und Einsichten gelangt sind, dann stellte sich früher oder später heraus, dass Begegnungen und Gespräche mit anderen dazu beigetragen haben.
Kritisieren wir beispielsweise »strukturellen Rassismus« und wollen wir die Strukturen knacken, in denen Rassismus und Diskriminierung wirkmächtig sind, dann gilt es zu bedenken, dass nicht abstrakte Mechanismen, sondern Menschen den Erhalt oder das Aufbrechen dieser Strukturen verantworten. Wollen wir Strukturen verändern, gilt es, Mitstreiter und Entscheidungsträger für unsere Ziele zu gewinnen. Überzeugen können wir über Argumente und Emotionen.
Wer sich die Fähigkeit bewahrt beziehungsweise sie entwickelt, aus unterschiedlichen Perspektiven die Bedingungen des sozialen Miteinanders zu betrachten, kann empathisch und solidarisch sein und sich für eine gerechtere Gesellschaft engagieren – und das eben auch in der Politik.
Politik braucht das Persönliche. Mir geht es in diesem Buch darum, das Abstrakte mit Leben zu füllen, und zwar mit meinem Leben.
Wer bin ich? Ich bin weder »weiß« noch »Person of Color«. Ich bin vieles und ganz vieles nicht. In mir ist die Geschichte meiner Vorfahren, die Geschichte des Hafenstädtchens und des Dorfes, in denen ich eine glückliche Kindheit verbracht habe. In mir ist die Geschichte des Osmanischen Reiches. Und in mir ist die Geschichte des Landes, das vielen seiner Bürgerinnen und Bürger keine Perspektiven zu bieten hatte und sich für Devisen auf einen Deal mit Deutschland einließ. In mir ist auch die Geschichte Deutschlands, die mich nicht losgelassen hat, seit ich in der siebten Klasse im Deutschunterricht Damals war es Friedrich1 gelesen habe. Ich bin die Frau, die mit all denen trauert, die ihre ermordeten Vorfahren beklagen, und ich bin bei all denen, die auf die Anerkennung vergangenen Unrechts warten.
Für die Vergangenheit kann ich nichts, für die Gegenwart und Zukunft bin ich mitverantwortlich. Ich bin vieles und vieles nicht. Ich bin Tochter türkischer Arbeitsmigranten, Ehefrau, Schwester, Freundin, Stiefmutter, »Hund- und Hühnermutter«, Gärtnerin, Köchin, Journalistin, Hochschuldozentin und, und, und.
In mir ist auch noch immer das kleine Mädchen, dessen Herz Purzelbäume schlägt aus Freude an der Schönheit der Aubergine, die es im Gemüsebeet entdeckt. In mir ist die wütende Heranwachsende, die um sich schlägt, weil sie ungerecht behandelt worden ist. Beide habe ich aufgespürt bei der Suche nach Antworten auf die Frage, wie ich die geworden bin, die ich jetzt bin.
In mir ist weit mehr, als andere sehen. Ich habe viele Rollen – und nicht nur eine Identität. Und manchmal bin ich die Fliege an der Wand, die aus einem ganz anderen Blickwinkel auf das Leben schaut. Ich möchte mich auf keine Rolle festlegen und auch von anderen nicht auf eine festgelegt werden. Ich bin viele und nichts im Verhältnis zur Menschheitsgeschichte.
Eine glänzende Aubergine. Das ist die erste Erinnerung an meine Kindheit. Ich bin mit meinem Vater im Gemüsegarten, stehe neben ihm, helfe ihm beim Gießen. Mit einer kleinen Schüssel schütte ich Wasser auf die Pflanzen; sie sind fast so groß wie ich. Unter den grünen Blättern entdecke ich eine glänzende Frucht. Ich bin außer mir vor Freude. So schön die Frucht, ihre Farbe, ihre Form. Ich fasse sie an, spüre die glatte Oberfläche. Ich möchte sie pflücken. Das darf ich aber nicht. Vater sagt: Die Frucht muss noch reifen.
Patlıcan. »Das aufgeplatzte Leben.« So heißt Aubergine auf Türkisch.
Nun bin ich 55 Jahre alt und lebe in Deutschland. Ich liege an einem sonnigen Apriltag im Garten meines Hauses, beobachte von der Chaiselongue aus meine scharrenden Hühner. Sie gackern, und ich versuche, mich zu erinnern. Wie bin ich die geworden, die ich bin? Was hat dazu beigetragen, mich aus kollektiven Identitätskonstruktionen loszulösen? Was war gut und hilfreich bei der Suche nach Antworten auf die Frage, wer ich bin und worauf ich gerne verzichtet hätte? Diese Fragen beschäftigten mich schon früher, tauchten immer mal auf, verschwanden dann aber wieder. Von ganz allein. Jetzt werde ich sie nicht los, die Frage, wer ich bin und was meine Identität ausmacht.
Ich liege im Garten meines Hauses in Hanau und sehe das kleine Mädchen im Garten des Hauses in einem Fischerdorf am Marmarameer. Das Mädchen im weißen Kleidchen steht am Gemüsebeet und will bersten vor Freude über die Schönheit der Aubergine. Beim Erinnern spüre ich diese Freude.
Das Mädchen muss um die vier Jahre alt gewesen sein, als es die Aubergine entdeckt hat. Jetzt dämmert es mir, warum ich Auberginen so mag. Die großen, dicken lilafarbenen lieber als die schmalen, langen und violetten, obwohl diese viel delikater sind.
Vater hat neulich am Telefon gesagt, dass wir 1969 aus dem Haus mit dem Gemüsegarten wegzogen, vom Fischerdorf Armutlu in das Hafenstädtchen Gemlik, weil er als Lehrer dorthin versetzt wurde. Auf weitere Fragen will er nicht antworten, er legt auf. Er will nicht reden über die Zeit in Gemlik, über die ich mit ihm reden möchte. Ich würde sie gerne abgleichen, meine und seine Erinnerungen.
Ich denke sehr gern an meine Kindheit in Gemlik zurück, einer Kleinstadt, die einst von Olivenhainen umgeben war. Mein Elternhaus lag direkt am Wasser. Wann immer ich den Geruch vom Meer in der Nase habe, wird das kleine Mädchen in mir wach, das die ersten acht Jahre seines Lebens am Meer verbrachte.
Gemlik, erfuhr ich erst während meines Geschichtsstudiums, war einst der Hafen des antiken Nicäa. Wer sich mit der Kirchengeschichte auskennt, der weiß um die Bedeutung dieses Ortes. Das erste Konzil von Nicäa, die erste ökumenische Debatte der frühen christlichen Kirche, wurde von Konstantin I. im Jahre 325 n. Chr. einberufen. Mit dem Bekenntnis von Nicäa wurde die Grundlage des westlichen Christentums geschaffen, und viele dogmatische Streitigkeiten wurden beigelegt.
Gemlik hieß aber auch mal Kios, zu Zeiten, als die Bevölkerung griechisch war. Nach dem Griechisch-Türkischen Krieg, der im Oktober 1922 endete, wurden die alteingessessen griechischen Bewohner aus ihren Häusern vertrieben.
Von all dem weiß ich nichts, als wir – meine beiden älteren Schwestern und die Kinder aus der Nachbarschaft – heimlich die unbewohnten Häuser im Viertel zu unserem Spielplatz machen. Wir laufen in den mehrgeschossigen Gebäuden hin und her, verstecken uns in den verwilderten Gärten mit Granatapfel- und Feigenbäumen. In einem der Häuser entdecke ich eine Wandmalerei, eine Landschaft mit Bergen, Bäumen und Meer. So etwas kenne ich nicht; Teppiche, Hochzeitsfotos oder eingerahmte Bilder von Atatürk hängen an den Wänden der Wohnzimmer der Leute, die ich mit den Eltern besuche.
Ich bin ein sehr neugieriges Kind, das den Eltern immerzu Fragen stellt, sich nicht begnügt mit ihren Antworten und das beim gemeinsamen Essen aufgefordert wird, endlich mal den Mund zu halten. Aus Trotz will ich dann nichts mehr essen. »Am Tisch sitzen nur die, die Hunger haben«, sagt daraufhin die Mutter und fordert mich auf, in mein Zimmer zu gehen. Ich folge ihrer Ermahnung und warte darauf, zurückgeholt zu werden. Aber keiner kommt. Der Hunger bringt mich dazu, mich wieder an den Tisch zu setzen.
Schweigen fällt der kleinen Canan schwer, genauso wie Sachverhalte nur hinzunehmen, wenn sie nicht versteht, warum etwas so und nicht anders ist. So bin ich auch heute noch: Ich gehe den Leuten auf die Nerven, weil ich diskutiere und die Dinge nicht einfach hinnehmen kann. Mutters Standardspruch über viele Jahre: »Werde Anwältin, dann kannst du gegen Ungerechtigkeiten vorgehen!«
Doch längst liegt mir eine neue Frage auf der Zunge. Warum heißt »Corc amca« (ausgesprochen: George Amdja) so komisch? Der fremd klingende Name des Mannes, der Uhrmacher ist und einen kleinen Laden am Marktplatz hat, irritiert mich, ich traue mich aber nicht zu fragen. Fremdländisch wie der Name klingt auch Corc amcas Türkisch; er spricht so, als wäre er ein Ausländer und hätte Türkisch nicht von klein auf gesprochen.
Erst viele Jahre später erfahre ich, welche Geschichte der Ort meiner unbeschwerten Kindheit hatte. Viele Menschen dieses Städtchens mussten wegen ihrer Herkunft und ihrer Religion ihre Heimat verlassen. Diese Bewohner, in der Türkei als rumlar bezeichnet, wurden im Zuge des sogenannten Bevölkerungsaustausches aus Kleinasien vertrieben, so auch aus Gemlik.2 Sie mussten alles zurücklassen, was sie im Handgepäck nicht mitnehmen konnten. Onkel Corc war vermutlich einer der wenigen, die blieben.
Der Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland basierte auf der 1923 mit der Lausanner Konvention beschlossenen »Entmischung der Bevölkerung des Nahen Ostens«. Während mehr als eine Millionen orthodoxe griechischstämmige Menschen ihre Heimat in der Türkei verlassen mussten, wurden aus Griechenland rund 400000 Muslime in die Türkei vertrieben. Der »Bevölkerungsaustausch« war eine institutionalisierte Deportation.
Dieser Teil der türkischen Geschichte, mit der ich mich erst als Studentin befasste, wird in der offiziellen Geschichtsschreibung verherrlicht; das Leid, das den Menschen zugefügt wurde, hingegen wird verschwiegen. Auch von meinem Vater. Mit ihm über Gemlik und Corc amca zu sprechen ist nicht möglich. Mein vorsichtiges Nachfragen am Telefon, ob er denn von den Vertreibungen gewusst habe, blockt er ab. Er murmelt etwas vor sich hin und legt auf. Ohne sich zu verabschieden. Seine Reaktion deute ich so: Es ist ihm unangenehm, darüber zu sprechen.
Vielleicht hat es auch etwas mit seiner Familiengeschichte zu tun, mutmaße ich später. Vater ist Nachkomme einer Familie, die aus Prizren in die Türkei umgesiedelt wurde – in die Gegend von Eskişehir. Wenn wir in den Sommerferien in das Dorf fuhren, freute ich mich sehr. Denn ich dachte immer, dass es ins Ausland ginge. Die Großeltern, die Tanten und Onkel, die Cousinen und Cousins, alle im Dorf sprachen untereinander eine Sprache, die ich nicht verstand. Heute weiß ich, es war Serbokroatisch.
Als Zwanzigjährige fuhr ich mit meinem Freund in einem VW-Passat für sechs Wochen in die Türkei; ich wollte Wolfgang meine Heimat zeigen, mit ihm die Orte meiner Kindheit besuchen. Wollte in Gemlik unbedingt im Tibel Otel übernachten. In den Garten des Hotels linste ich früher als Kind bei den abendlichen Spaziergängen mit den Eltern hinein. Versteckt hinter den Oleanderhecken beobachtete ich die Gäste, die an weiß gedeckten Tischen saßen. Ich träumte davon, in diesem Hotel zu übernachten, in dem Pool im Garten zu schwimmen und an einem der gedeckten Tische zu sitzen und zu essen.
Als Studentin lebte ich diesen Traum, saß mit Wolfgang im Garten des Hotels unter einem Pinienbaum an einem gedeckten Tisch, trank Rakı mit ihm, aß gegrillten Fisch und Patlıcan Salatası, Auberginensalat. Die leeren Teller räumte ein Junge ab, gerade mal zwölf, dreizehn Jahre alt. Er arbeitete in den Sommerferien in dem Restaurant und verdiente sich das Schulgeld. Als Junge wäre ich vielleicht in einer ähnlichen Situation gewesen, dachte ich, während ich ihm ein großzügiges Trinkgeld gab.
Die Spurensuche war enttäuschend und auch erschreckend. Ich stand vor der Moschee am Fischmarkt und konnte es nicht fassen: Die Moschee war gar keine Moschee, es war eine Kirche. Nachdem ich mich auf dem Gymnasium für Kunstgeschichte zu interessieren begonnen hatte, erkannte ich die byzantinische Architektur. Vieles aus dem Stadtbild war verschwunden. Ich fand nichts Vertrautes mehr vor. Von den prächtigen Holzvillen, die am Wasser aneinandergereiht gewesen waren, war nur noch eine übrig.
Das Haus meiner Kindheit war nicht mehr da, verschwunden aus dem Stadtbild auch der Bazar, wo es damals einen Laden gab, in dem ich sehr gerne stöberte. Dort kaufte mir mein Vater die Bücher, die von Ayşegüls Abenteuern handelten. Ayşegül auf dem Bauernhof. Ayşegül beim Segeln. Ayşegül beim Schlittschuhlaufen. Der Bauernhof, auf dem Ayşegül die Ferien verbrachte, sah ganz anders aus als der meiner Großeltern. Dass es so kalt werden konnte, bis ein See gefriert, dass auf dem Eis mit seltsamen Schuhen gelaufen werden konnte – all das faszinierte mich als Mädchen. Schnee hatte ich noch nie gesehen. Wusste davon nur vom Hörensagen und eben von Ayşegül, der Heldin in den Kinderbüchern.
Auch das wurde mir viel später bewusst: Ayşegüls Abenteuer waren Geschichten aus den USA, sie stammten aus Kinderbüchern, die ins Türkische übersetzt und auf dünnem Papier gedruckt wurden. Ich entdeckte diese Kinderbücher 2001 in einer Buchhandlung in Iskenderun, einer Stadt unweit der syrischen Grenze. Dort verbrachte ich während einer Tour durch die Türkei ein paar Tage.
Nun bin ich hier in Hessen, liege an einem warmen Apriltag im Garten, erinnere mich an die Kindheit in Gemlik und spüre eine ganz starke Sehnsucht. Eine kaum auszuhaltende Sehnsucht nach diesem Ort, der schon lange nicht mehr so ist, wie ich ihn in Erinnerung habe. Erst das Aufstöbern der Erinnerungen an glückliche Kindertage hat sie freigelegt: die Sehnsucht nach der Heimat, die mir schon lange keine mehr ist. Heimat heißt auf Türkisch yurt. Dasselbe Wort – »Jurte« auf Deutsch – bezeichnet die Zelte der Nomaden in Zentralasien. Die Menschen nehmen ihre Heimat mit, wenn sie von Ort zu Ort ziehen. Meine Heimat habe ich in mir und mein Zuhause in Hanau – in dem Haus mit Garten, in dem ich Hühner halte und einen Feigenbaum gepflanzt habe.
Ich höre das Gackern meiner Hühner und sehe vor mir das Mädchen Canan, wie es vor Kindern des Viertels ein Konzert gibt – auf dem freien Grundstück gleich neben dem Haus am Meer. Ich habe mir eine Gitarre gebastelt – aus einer Holzlatte, an deren beiden Enden ich je drei Nägel eingehauen und auf diesen Gummibänder gespannt habe. In meiner Fantasie bin ich eine berühmte Sängerin, habe einen Auftritt in einem Gazino in Istanbul. Die Kinder aus der Nachbarschaft sind die Gäste im teuren Lokal. Sie applaudieren und rufen: »Zugabe!«
Und ein weiteres Bild taucht auf: Mein Vater hält mich im Wasser auf seinen Händen, ich breite die Arme aus, und mein Körper bewegt sich ganz leicht im Wasser. Dann spüre ich, wie mein Vater mich loslässt. Ich schwimme, Angst und Freude spürend – die Freude darüber, nicht abzutauchen, und die Angst, unterzugehen, liegen ganz nah beieinander. Von diesem Tag an werde ich mit all den anderen Kindern aus dem Viertel die warmen Tage am oder im Wassser verbringen.
Mühselig trage ich die Puzzlestücke meiner Kindheit zusammen. Manche lassen sich schnell auffinden, manche sind verloren gegangen, andere wiederum sind so beschädigt, dass nur schemenhaft zu erkennen ist, was auf dem Puzzlestück drauf ist. So wie dieses: Ich sitze mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden, auf den Knien habe ich einen schweren Katalog abgelegt.
Bis heute weiß ich nicht, wie der Katalog aus Deutschland in unser Haus in Gemlik gekommen war. Jedenfalls war er da, der Katalog. In der Familie hatte sich herumgesprochen, dass all das, was auf den Seiten abgebildet war, bestellt werden konnte und nach Hause geliefert wurde. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das ablief, war mir aber sicher: Deutschland musste ein paradiesisches Land sein.
