Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mit diversen geopolitischen Schauplätzen der Gegenwart setzt sich Vadim Schmidtheisler auseinander und wirft öfters einen Blick in die Vergangenheit. Dabei wird immer wieder deutlich, dass sich die Menschheit in eine eher zweifelhafte Richtung bewegt... Vorwort: Immer wieder bemerke ich widersprüchliche Taten sowie Aussagen in unserer Gesellschaft und besonders bei unseren sogenannten Volksvertretern. Anfangs mag es zwar nicht sonderlich relevant erscheinen, aber mit der Zeit füllt sich allmählich das Fass der Widersprüchlichkeit. Dadurch stellt sich mir oft die Frage, was wir als Menschen überhaupt darstellen. Diese Frage lässt sich übrigens auch im gleichen Sinne auf diverse andere Bereiche ableiten. In meinen Augen machen uns vor allem unsere Taten zu dem, was wir sind, und beeinflussen uns genauso dahingehend, was wir noch eines Tages sein werden. Ganz gleich, wie unser Gedanke zu einer Sache stehen mag: Letzten Endes entstehen Fakten durch unser Tun und oft ist da das Gesagte etwas gänzlich anderes. Kapitel: 1. Olympiade mit Krieg 2. Abhängige Unabhängigkeit 3. Ein leeres Gefühl 4. Eine echte Atrappe 5. Ruiniert 6. Neue Akteure, altes Spiel 7. Eine passende Alternative 1.0 8. Eine passende Alternative 2.0 9. Fußabtreter 10. Davor und Jetzt 11. Damals 12. Sackgasse am Ende
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vadim Schmidtheisler
Nicht meine Welt
Teil 1
Geopolitik > Gesellschaft
Vadim Schmidtheisler geb. am 05.06.1993 beschäftigt sich mit Phaleristik und weist einen längeren militärischen Werdegang auf.
In jüngeren Jahren sammelte er Erfahrungen im kaufmännischen sowie bautechnischen Bereich.
Er besuchte verschiedene Orte auf der Welt, um sich ein besseres Bild zu machen.
Basierend auf seinen Erfahrungen und Erlebnissen stellt er sein erstes Buch „Nicht meine Welt“ vor.
Texte: © 2020 Copyright by V. Schmidtheisler
Umschlag: © 2020 Copyright by V. Schmidtheisler
Verantwortlich
für den Inhalt: Vadim Schmidtheisler
Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Immer wieder bemerke ich widersprüchliche Taten sowie Aussagen in unserer Gesellschaft und besonders bei unseren sogenannten Volksvertretern.
Anfangs mag es zwar nicht sonderlich relevant erscheinen, aber mit der Zeit füllt sich allmählich das Fass der Widersprüchlichkeit.
Dadurch stellt sich mir oft die Frage, was wir als Menschen überhaupt darstellen. Diese Frage lässt sich übrigens auch im gleichen Sinne auf diverse andere Bereiche ableiten.
In meinen Augen machen uns vor allem unsere Taten zu dem, was wir sind, und beeinflussen uns genauso dahingehend, was wir noch eines Tages sein werden.
Ganz gleich, wie unser Gedanke zu einer Sache stehen mag: Letzten Endes entstehen Fakten durch unser Tun und oft ist da das Gesagte etwas gänzlich anderes.
Früher war ich ein begeisterter Sportfan. Dementsprechend sind die Olympischen Spiele auch für mich immer ein größeres Ereignis gewesen.
Es war der 08.08.2008 und die Eröffnungsfeier der Spiele in Beijing stand kurz bevor. Ich sah mir das Spektakel mit Freude im Fernsehen an. Zwar verstand ich nie, warum ich immer darauf bestand, mir die Eröffnungsfeier anzusehen, da mich eigentlich nur der Sport an sich interessierte, aber ich tat es einfach und hatte Freude daran.
Der olympische Gedanke war in mir allem Anschein nach tatsächlich vorhanden; genauso war für mich der sportliche Eid mehr als nur eine Bezeichnung.
Es war das gleiche schöne Gefühl wie 2000 in Sydney, 2002 in Salt Lake City, 2004 in Athen und 2006 in Turin. Allerdings war mir ein schlimmes Ereignis, das parallel mit der Eröffnungsfeier in Peking ablief, damals noch weitgehend unbekannt.
Zu jener Zeit konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, dass ich mein Interesse an den nächsten Olympischen Sommerspielen 2012 überwiegend verlieren würde.
Während der Olympischen Spiele 2008 wurde ich mit Tatsachen konfrontiert, die in mir davor noch wenig Interesse geweckt hatten. Im Nachhinein erscheint mir meine damalige Interpretation der Olympischen Spiele als naiv und generell falsch. Dennoch werde ich mich immer positiv an die Zeit erinnern, da ich zumindest bis zu jenem Moment noch deutlich hoffnungsvoller auf die Welt blicken konnte.
Meine Wahrnehmung war zwar damals eine Seifenblase, aber von der Denkweise her dennoch wohlmeinend. Ich fing erst ab August 2008 an, die Welt sowie deren Hauptakteure genauer und somit kritischer zu betrachten. Im Leben spielten für mich Anstand, Verhältnismäßigkeit, Einsicht, Menschlichkeit und Ehrlichkeit eine entscheidende Rolle. Zwar gelang es mir nicht immer, diese Ansichten exakt auszuleben, aber trotzdem beeinflussten diese Ideale mein Verhalten im alltäglichen Leben und nicht selten hatte ich damit auch Erfolg.
Je mehr ich anfing, mich mit der Geopolitik auseinanderzusetzen, desto mehr wurde ich enttäuscht, denn mein Verständnis über die genannten Ideale passte da nicht hinein. Möglicherweise setze ich zu viel Bedeutung in diese Wörter, aber in erster Linie mache ich mich trotzdem glaubwürdiger.
Denn ich versuche wirklich, diese Ansichten bei diversen Situationen anzuwenden, nicht selten auch zum eignen Nachteil, zumindest wenn man das Ganze oberflächlich betrachtet. In meinen Augen gewinnt man auf längere Sicht trotzdem – jedenfalls in moralischer Hinsicht, vom materiellen Aspekt her eher weniger.
Im Jahr 2008 war die Welt für mich noch heil. Mir waren zwar damals schon viele Probleme auf unserem Planeten durchaus bekannt, aber ich hielt sie immerhin noch für lösbar. Ich betrachtete das Land, in dem ich lebe, als einen starken, neutralen und unabhängigen Staat, der durch objektives Handeln die Welt zu einem besseren Ort machen würde.
Selbstverständlich wusste ich schon damals über das fragwürdige Verhalten der Bundesrepublik Deutschland auf der geopolitischen Bühne, allerdings verdrängte ich diese Gedanken in der Hoffnung, dass es nur an einzelnen Politikern in der Zeit läge und sich kein System dahinter verbärge.
Ein weiterer Faktor für meine damalige Wahrnehmung war zweifellos mein junges Alter sowie die daraus resultierende Denkweise treu dem Motto:
„Ich habe diese Geschehnisse in ihrer Gegenwart nicht intensiv verfolgt und kann darüber nicht viel sagen.“
Deshalb waren für mich der Jugoslawienkrieg, die Golfkriege sowie unzählige Konflikte im postsowjetischen Raum nur ein Stück trauriger Geschichte ohne größere Bedeutung für das weitere Weltgeschehen.
Dabei fing es am 08.08.2008 ausgerechnet mit einem nicht gelösten Konflikt aus dem postsowjetischen Raum an: Als die Eröffnungsfeier in Beijing zu Ende ging, wurde dieses schöne Ereignis vom sogenannten Augustkrieg überschattet. Die Sachlage in den westlichen Mainstream-Medien war selbstverständlich schon von Anfang an klar und der Schuldige schien bereits festzustehen.
Allerdings gestaltete es sich schon am Anfang äußert kompliziert, Russland als Aggressor und Georgien als Opfer in diesem Konflikt zu brandmarken. Es gab schon zu Beginn sehr viele Indizien, die eindeutig zeigten, dass die Gewalt zuerst vonseiten Georgiens ausging: In der Nacht vom 7. zum 8. August marschierten georgische Streitkräfte in die damals nicht international anerkannte Republik Südossetien ein und beschossen mit Raketenwerfern sowie schwerer Artillerie die Hauptstadt Zchinwali.
Dabei kamen über hundert südossetische Zivilisten sowie mehrere dutzend russische Blauhelmsoldaten ums Leben und gleichzeitig wurden Wohnhäuser, Autos und Infrastrukturobjekte beschossen.
Erst durch den Einmarsch georgischer Truppen sah sich die Russische Föderation gezwungen, mit ihren Streitkräften einzugreifen.
Es kam in den nächsten Tagen zu großangelegten Gefechten, bei denen sich die damals nicht international anerkannte, ebenfalls georgische Republik Abchasien dem russischen Militärvorgehen gegen Georgien anschloss und damit die Republik Südossetien unterstützte.
Diese Unterstützung ist alles andere als überraschend gewesen, da Abchasien mit seiner damaligen Position ein Spiegelbild Südossetiens war und ebenso nach Unabhängigkeit von Georgien träumte.
Schon von Anfang an stellte sich heraus, dass Georgien gegen die russische Übermacht keine Chance hatte. In den folgenden Tagen kam es weitestgehend zu einem georgischen Rückzug, der laut unterschiedlichen Berichten eher als Flucht einzustufen war, da bei dem sogenannten Rückzug haufenweise Kriegsgerät sowie weitere militärische Ausrüstung einfach zurückgelassen wurden. Eine Seeblockade gegen Georgien verhinderte eine weitere Versorgung mit Waffen durch Drittstaaten.
Georgische Städte wie z. B. Gori, Senaki, Poti usw. wurden ohne Gegenwehr den russischen Truppen überlassen. Die georgischen Streitkräfte erwiesen sich innerhalb etwa einer Woche als weitestgehend kampfunfähig, da große Stückzahlen an Kriegsgerät von russischen Streitkräften zerstört oder beschlagnahmt wurden.
Der Krieg dauerte offiziell vom 08. bis zum 16.08.2008 an, forderte etwa 850 Menschenleben auf allen beteiligten Seiten und hatte bis zu 3000 Verletzte zu verantworten. Ferner kam es zu einem Flüchtlingsstrom, der deutlich die Marke von hunderttausend überschritt.
Ein Krieg erfordert immer die Beteiligung mindestens zweier Parteien. Zwar ist in den meisten Fällen niemand zu 100 % unschuldig, aber man sollte niemals den Hauptschuldigen mit dem Teilschuldigen gleichsetzen. Der Verantwortliche müsste eigentlich für das verursachte Leid, den Tod sowie die Zerstörung nach gültigem Recht und aus menschlicher Sicht zur Rechenschaft gezogen werden – zumindest in einer gerechten Welt wäre dies der Fall gewesen. In unserer Welt spielt aber Gerechtigkeit nur nach Fall und Interesse eine Rolle.
So können wir unsere Prinzipien jeglicher Art bei geopolitischen Interessen auch mal außen vor lassen.
Dementsprechend stelle ich mir immer wieder die Frage, ob die Demokratie, das Völkerrecht und sonstige Gesetze in diesem Sinne Prinzipen oder doch nur Werkzeuge zum Durchsetzen des eigenen geopolitischen Interesses sind, die bei Bedarf auch mal ausgetauscht beziehungsweise durch andere Methoden ersetzt werden können.
Der Krieg konnte zwar unter anderem durch Vermittlung der Europäischen Union mit dem sogenannten Sechs-Punkte-Plan, der als Ziel die Beilegung des Krieges vorsah, tatsächlich eingefroren werden.
Allerdings gibt es in diesem Konflikt viele Dinge, die bis heute ungestraft geblieben sind und nicht beim richtigen Namen genannt werden.
Fairerweise muss aber auch erwähnt werden, dass die Europäische Union mehr oder weniger eine relativ objektive Position in dem ganzen Konflikt einnahm und zur Beendigung der Gewalt beitrug.
Die von ihr beauftragte internationale Untersuchungskommission IIFFMCG (Independent International Fact-Finding Mission on the Conflict in Georgia) legte im September 2009 einen Bericht zum Augustkrieg vor. Dieser Bericht bestätigte, wie schon am Anfang vermutet, Georgien als Verursacher des Krieges.
Eine wichtige Kernaussage dabei war, dass der georgische Angriff auf Südossetien sowie dort stationierte russische Blauhelme als Verletzung des internationalen Rechts eingestuft wurden.
Die russische Antwort in Form eines Einmarsches nach Südossetien zur Verteidigung der Friedenstruppen und der Bevölkerung vor dem georgischen Militär war durch das Völkerrecht gedeckt. Allerdings wurde das weitere Eindringen russischer Truppen ins georgische Land als nicht verhältnismäßig bezeichnet, da dies anscheinend durch kein internationales Recht gedeckt wurde. Fakt bleibt aber in erster Linie, dass Georgien mit seinem Handeln den Krieg ausgelöst hat.
Erwähnenswert bleibt auch die Aussage der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini, die die Untersuchung leitete und verlauten ließ, dass nicht eine der Ausführungen von den georgischen Behörden, die den Angriff erklären sollten, als juristisch gerechtfertigt zu betrachten sei.
Der Bericht bestätigte somit die bereits vermuteten Hypothesen, die schon zu Beginn des Kriegs kursierten. Interessant bleibt dabei, dass besagter Bericht niemals dazu gedacht war, einen Schuldigen zu finden.
Er diente lediglich der Klarstellung des Geschehens im August 2008.
Georgien die Hauptschuld am Krieg zu geben würde den geopolitischen Interessen des Westens keinen Gefallen tun, ganz im Gegenteil.
Dementsprechend wurde Georgien der Krieg verziehen. Allerdings blieb es nicht nur beim Verzeihen: Auch die wirtschaftliche und militärische Kooperation mit den USA sowie der Europäischen Union bleibt bis heute bestehen, vor allem ein NATO-Betritt ist immer noch in Aussicht gestellt und wird sogar gefördert.
Dass Georgien einen Krieg vom Zaun brach, wird im Westen nicht gern erwähnt. Der georgische Präsident Michail Saakaschwili, dem der Löwenanteil an der Eskalation zuzuschreiben ist, durfte seine politischen Tätigkeiten weiter ausführen. In der Zeit konnte man auch nicht erahnen, in welche Ecken der Welt es diese Person noch treiben und welche Positionen er dabei einnehmen würde. Dass er eines Tages in seiner Heimat zur Gefängnisstrafe verurteilt und zwischenzeitlich sogar staatenlos würde, konnte er während des Augustkrieges 2008 sich bestimmt nicht einmal ansatzweise vorstellen.
Sanktionen sind für andere Länder gedacht, diese müssen dazu oft auch deutlich kleinere Taten vollbringen.
Während die Europäische Union im Ganzen ein vernünftiges Verhalten in diesem Konflikt an den Tag legte, waren die Vereinigten Staaten von Amerika durchaus parteiischer, direkter und ehrlicher in Bezug auf ihre wahren Absichten; denn die US-Medien führten schon am ersten Tag des Krieges einen medialen Propagandafeldzug.
Trotz unklarer Lage am Anfang wurde in den US-Medien Russland als Aggressor abgestempelt und Georgiens Verbrechen wurden mit keiner Silbe in den Mainstream-Medien erwähnt. Es wurden sehr fragwürdige Vergleiche gemacht: So verglich beispielsweise der bekannte neokonservative Autor und Politikberater Robert Kagan den russischen Einmarsch mit der Nazi-Invasion der Tschechoslowakei von 1938.
Die US-Medien zeigten ihren Zuschauern andauernd Bilder über angeblich zerstörte georgische Städte und Dörfer durch das russische Militär.
Dabei bedienten sich die Medien auch gerne an Bildern von Zerstörungen, die in Wirklichkeit durch georgische Truppen verursacht wurden, aber natürlich wurden diese Schäden Russland zugeschrieben.
Die Berichterstattung war nur darauf fokussiert, Russland als absoluten Aggressor darzustellen, und die Taten Georgiens wurden ausgeblendet.
Der bereits erwähnte Bericht der Untersuchungskommission IIFFMCG vom September 2009 änderte an der Berichterstattung zum Geschehen im August 2008 herzlich wenig. Er wurde nach seiner Bekanntgabe zwar medial erwähnt, allerdings nur im geringen Maßstab; anscheinend diente der Inhalt des Berichts nicht dem Leitbild der westlichen Mainstream-Medien.
Das mag auch wenig verwundern, denn die USA vertreten knallhart ihr geopolitisches Interesse auf dem Planten. Verwunderlicher ist, dass die Europäische Union die USA niemals für dieses Verhalten ernsthaft kritisiert, geschweige denn sanktioniert hat.
Da stellt sich die Frage, wie groß der Einfluss der USA auf die Europäische Union wirklich ist. Man könnte schon jetzt zur Vermutung gelangen, dass es ungleiche Partner seien. Geht man weiter mit dieser Denkweise, könnte man meinen, die Europäische Union sei nur ein Vasall der USA beziehungsweise etwas dazwischen.
Weitere Beispiele für diese äußert traurige These werden sich diesbezüglich noch häufen.
Erstaunlicherweise sehen wir am Beispiel des Augustkriegs 2008 ein gewisses System der US-Medien: Die unwahren Tatsachen gelangen in den Fokus und es entsteht eine Geschichte, die zu dem eigenen Weltbild passt. Was dabei wahr und was unwahr ist, bleibt irrelevant. Dieses Verhalten lässt erhebliche Zweifel an der Berichterstattung sowie dem Staat als Ganzem aufkommen, da vor allem dieser Staat ständig von Demokratie und Freiheit spricht. Erschreckend ist umso mehr die heutige Wahrnehmung der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland zum Augustkrieg 2008: Die Aussage
„Russland hat Georgien überfallen“
ist allgegenwärtig; nur dieses eine Bild hat sich eingeprägt, für weitere Details ist kein Platz mehr vorhanden.
Einem einfachen Menschen kann man das noch verzeihen, vor allem, wenn man sich die Berichterstattung im Lande ansieht, die eine gewisse Verwandtschaft zur amerikanischen aufweist.
Denn auch hier wird ein bereits vorgegebenes Bild über ein umstrittenes Geschehen vermittelt. Im Jahr 2008 war dies noch nicht gravierend, allerdings ging die Berichterstattung auch mit der Zeit mit.
Nicht selten wird in deutschen Medienberichten der Augustkrieg als russischer Angriffskrieg bezeichnet.
Dementsprechend braucht man sich nicht zu wundern, wenn der normale Mensch, der kein intensives Interesse am Weltgeschehen hat, sich nur dieses eine Detail einprägt und gegebenenfalls noch unter seinesgleichen verbreitet; das wiederum beeinflusst die gesellschaftliche Wahrnehmung.
Die ganzen anderen Details, die in Wirklichkeit völlig andere Tatsachen offenbaren, geraten für die meisten in die ewige Vergessenheit. Es gibt und gab nur eine Wahrheit. Diese wird auch grundsätzlich nicht zu verändern sein, selbst wenn man vor der Wahrheit eine Attrappe platziert. Manchmal hat man nur ein Fragment; dabei ist dieses Fragment nur ein Bruchstück von etwas viel Größerem. Umso bedrückender ist es für mich, wenn ein Mensch dieses Bruchstück als ganz und vollendet betrachtet, ohne dabei überhaupt etwas vom überwiegenden Großteil zu wissen.
Der 17.02.2008 war mich ein Sonntag wie jeder andere und die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos war mir zu dem Zeitpunkt noch unbekannt.
Erst als am nächsten Tag die Anerkennungen einiger Staaten, darunter der USA, Großbritannien und Frankreich, folgten, nahm ich das Geschehen überhaupt zur Kenntnis. Ich betrachtete die Angelegenheit damals unwissentlich eher positiv, da für mich der sogenannte Volkswille unabhängig von der Situation ausschlaggebend war.
Ich beschäftigte mich damals mit viel banaleren Sachen, die mich persönlich viel eher berührten. Die bloße Kenntnisnahme solcher Ereignisse war unter meinen damaligen Freunden und Bekannten keine Selbstverständlichkeit.
Deshalb hatte ich zu der Zeit nicht einmal eine Person im Bekanntenkreis, mit der ich darüber überhaupt ausführlich hätte sprechen können.
Die neusten Handymodelle auf dem Markt waren damals ein viel begehrteres Thema unter meinen ehemaligen Kontakten als alle politischen Angelegenheiten zusammen.
Im Nachhinein ist es für mich mehr als verständlich, denn das ist einfach nur ein Beispiel für unsere Gesellschaft inklusive der weitgehend verblendeten Jugend, die eine große Interesselosigkeit für die meisten Dinge an den Tag legt. Dieses Phänomen beobachte ich bis zum heutigen Tag; dabei ändern sich je nach Ära nur die Mode und die Statussymbole. Erst ein halbes Jahr später fing ich an, mich mit dem Kosovo zu beschäftigen, da die Grundfrage der Unabhängigkeit an sich immer wieder aktuell wird.
Das Verlangen eines Volkes nach Unabhängigkeit mag in erster Linie unantastbar sein, allerdings gestaltet sich eine Abspaltung von einem Staat als äußert kompliziert.
Dabei bestätigen Ausnahmen die Regel. So können wir mit Osttimor den ersten unabhängigen Staat im 21. Jahrhundert verzeichnen, über den sich die Geister nicht großartig stritten. Dennoch war auch der Weg von Osttimor für die Unabhängigkeit mit viel Gewalt verbunden, wenn auch die geopolitischen Interessen der Großmächte an der ganzen Angelegenheit sehr gering waren.
Durch die Vermittlung der Vereinten Nationen konnte tatsächlich ein angemessenes Ergebnis erzielt werden und so wurde Osttimor im Mai 2002 unabhängig.
Wie schon bereits erwähnt, hielten sich die Großmächte mit ihrem Interesse zurück. Dementsprechend waren sich die Vereinten Nation in der Angelegenheit einig.
Hinzu kommt, dass Portugal in den 70er Jahren nach der Nelkenrevolution Osttimor ohne großes Bedenken in die Unabhängigkeit entließ, Indonesien mit seinem territorialen Anspruch hingegen die ganze Angelegenheit bis zum Ende des 20. Jahrhundert anheizte, was letzten Endes nichts an der Unabhängigkeitsbestrebung Osttimors änderte.
Der Südsudan bekam auch eine sehr weitreichende Anerkennung der Weltgemeinschaft, wobei auch seine Vorgeschichte mit viel Gewalt verbunden ist. Da auch beim Südsudan das Interesse der Großmächte weitestgehend ausblieb, gestaltete sich dessen Unabhängigkeit ohne großes Theater auf der politischen Weltbühne.
Traurigerweise scheint sich der Südsudan jedoch zu einem gescheiterten Staat zu entwickeln.
Jedenfalls entsteht dieser Andruck, wenn man sich die Lage um ihn neutral ansieht.
Dabei sollte man aber nicht außer Acht lassen, dass es immer wieder auch positive Überraschungen in Bezug auf die Entwicklung gibt.
Man könnte zu der Auffassung kommen, dass unsere Welt tatsächlich im Großen und Ganzen objektiv in der Unabhängigkeitsfrage agiert, wären da aber nicht andere Fälle, in denen plötzlich alles komplizierter und widersprüchlicher wird. Interessant und teilweise sehr suspekt wird die Unabhängigkeitsfrage, wenn die Interessen der Großmächte betroffen sind oder sogar eine Großmacht in Bezug auf ihr Territorium selbst.
Umso erstaunlicher ist, dass diese Großmächte die treibende Kraft in der UNO bilden. Bemerkenswert ist auch, dass es Länder gibt, die gelegentlich die Unabhängigkeit einer Region aus einem Staatsgebilde befürworten, aber in anderen Fällen die Souveränität eines Landes kompromisslos unterstützen. Natürlich könnte man dieses Verhalten mit der jeweiligen Situation begründen, allerdings sind die Fälle im Prinzip ähnlicher, als man sich das am Anfang denken mag.
Dieses Verhalten der Großmächte kann nur mit einem geopolitischen Interesse zusammenhängen. Dementsprechend ist es umso auffälliger, dass man bei gewissen Fällen Argumente wie das Selbstbestimmungsrecht des Volkes, Menschenrechte oder die komplizierte und oft mit Krieg verbundene Geschichte des jeweiligen Landes verwendet, aber wiederum bei einem anderen Konflikt um die Unabhängigkeit diese Sachen komplett weglässt.
Daran sehen wir erneut die Doppelmoral der Politik sowie die Tatsache, dass es grundsätzlich nicht um Gerechtigkeit, sondern nur um den eigenen Nutzen auf der geopolitischen Bühne geht.
Selbstverständlich lassen sich nicht alle Unabhängigkeitsbestrebungen in einen Topf werfen.
So werden z. B. in den Mainstream-Medien angebliche gravierende Unterschiede aufgezeigt. Damit ist die vorgeworfene Doppelmoral auf den ersten Blick zwar noch nicht vorhanden, jedoch sollte man immer noch genauer hinsehen.
Im wissenschaftlichen und philosophischen Sinne gibt es auch überhaupt kein gleich: Nichts ist identisch und somit weist alles im Leben einen Unterschied auf.
Da verwundert es eigentlich niemanden, dass die ganzen Regionen auf dem Weltglobus, die nach Unabhängigkeit streben, Unterschiede aufweisen.
Was man aber grundsätzlich machen könnte, ist das Prinzip der territorialen Wahrung eines Staates oder die komplette Unterstützung jeglicher separatistischen Bestrebungen. Ganz knapp und kurzgefasst: Entweder unterstützt man den Separatismus oder distanzierst sich von diesem Vorgehen. Solche Prinzipien würden einen glaubwürdiger aussehen lassen. Nichtsdestoweniger galt die Anerkennung einer Region, in der die Gegenseite direkt oder indirekt eine größere Macht darstellte, eigentlich als ein verbotener Akt, denn solch eine Handlung könnte sich im Nachhinein als eine Art Büchse der Pandora herausstellen.
In dieser Hinsicht brach die westliche Welt mit der Anerkennung des Kosovos das erste Mal dieses Tabu.
Zweifellos wurde damit ein Präzedenzfall geschaffen. Kein halbes Jahr später wurden im August 2008 durch Russland die beiden Republiken Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten anerkannt. Bemerkenswert ist, dass die westlichen Staaten den Kosovo in seiner Unabhängigkeit unterstützen, sich jedoch im Fall Abchasien und Südossetien auf die georgische Souveränität stützen; umgekehrt trifft dies aber im gleichen Sinne auch auf Russland zu.
Die Doppelmoral ist erneut in vollem Glanze sichtbar, denn beide Seiten vertreten zwei unterschiedliche Positionen in einer Grundfrage, je nachdem, wann die eine Position und wann die andere praktischer für einen ist.
Russland ist allerdings laut westlicher Ansicht ein autokratischer Staat mit einer eingeschränkten Freiheit. Da verwundert es auch nicht sonderlich, dass dieses Land die Dinge mit zweierlei Maß handhabt.
Man kann der Russischen Föderation vieles zu Recht vorwerfen, allerdings sollte man auch Folgendes beachten: Russland versucht nicht, die Welt mit Demokratie zu bekehren, und predigt auch nicht großartig Freiheit.
Der Westen dagegen präsentiert sich als Vorreiter der Demokratie auf der Welt und nimmt sich das Recht heraus, andere Staaten in diesem Bereich ständig zu belehren.
Außerdem wird im Namen der Demokratie das eigene außenpolitische Interesse durchgesetzt – eine äußerst fragliche Methode für Länder, die sich als Vorreiter der Demokratie ausgeben.
Das Völkerrecht wird besonders oft erwähnt, vorausgesetzt, es dient dem eigenen Vorteil in einer Angelegenheit. Ist dies hingegen nicht der Fall, wird es gerne außen vor gelassen.
Der Jugoslawienkrieg 1999 ist dabei nicht wegzudenken, denn da wurde das Völkerrecht gnadenlos verletzt, da es dem Westen in seinem Vorhaben nicht nützlich war.
Der Kosovo und sogar Montenegro sind Produkte dieses Krieges. Dementsprechend ist rein sachlich gesehen die Entwicklung nach dem Krieg nicht rechtens, da die Entstehung des Kosovos sowie Montenegros durch diesen illegalen Krieg begünstigt wurde.
Es stellt sich generell die Frage, wie es sein kann, dass sich die westliche Welt solch eine Doppelmoral in Bezug auf den Separatismus erlaubt.
Nach der Anerkennung Abchasiens und Südossetiens durch Russland wurden in westlichen Mainstream-Medien ausführlich Vergleiche gezogen. Letzten Endes oder schon zu Beginn kam man zu dem Entschluss, dass die Unterschiede angeblich zu groß seien, sodass man Abchasien und Südossetien nicht mit dem Kosovo gleichsetzen könne.
Der Unterschied bezieht sich überwiegend auf Abweichungen in den Zeiträumen sowie in den Verhandlungen. Interessant war auch, häufiger von der Doppelmoral Russlands über den Kosovo zu lesen.
Doch dass dabei der Westen die gleiche Doppelmoral nur andersherum an den Tag legt, war anscheinend nicht erwähnenswert.
Letztlich kann man natürlich nicht sagen, dass Äpfel und Birnen das Gleiche seien. Jedoch sind deutliche Gemeinsamkeiten doch vorhanden, da beide Obstsorten bzw. Kernobstgewächse sind und beide auf Bäumen wachsen.
Genauso hatten Abchasien, Südossetien und der Kosovo ein großes Verlangen nach Unabhängigkeit; zudem wurden all diese Regionen mit großen Kriegen konfrontiert. Deshalb herrschen da sehr wohl gravierende Gemeinsamkeiten und die Versuche, dieses Offensichtliche mit kleinen Unterschieden wegzuretuschieren, um dadurch ein anderes Gesamtbild zu präsentieren, ist an Heuchelei kaum zu überbieten.
Die Frage der Zugehörigkeit von Tibet zeigt uns eine weitere neue Position in einer Grundfrage: Anhand verschiedener Berichte lässt sich nicht über die komplizierte Menschenrechtslage in Tibet durch China hinwegsehen. Da die Menschenrechte im Westen ganz groß geschrieben werden, wäre eine weitreichende Unterstützung für Tibet angebracht.
Allerdings begrenzt sich die westliche Unterstützung auf eine leise Verurteilung in schriftlicher sowie mündlicher Form und selbst da hält sich die Kritik sehr weit zurück. Das Einführen von Sanktionen oder gar ein lautes Verurteilen ist nicht möglich, da die Angst im Westen vor einer wirtschaftlichen Konfrontation mit China viel zu groß ist. Somit sehen wir, dass das wirtschaftliche Interesse eben doch über dem Menschenrecht steht – ein Verfahren, an dem sich alle bei Gelegenheit bedienen, sogar der Westen. Diese Angst und Scheinheiligkeit des Westens lassen sich aber um noch eine Stufe steigern, und zwar im Umgang mit Taiwan.
Ein nach westlicher Ansicht demokratischer Staat wird nicht in seiner Unabhängigkeit unterstützt, obwohl Taiwan in jeder Hinsicht unabhängig ist, sei es die Politik, Wirtschaft oder das Militär. Der überwiegende Teil der Bevölkerung Taiwans wünscht sich ebenfalls keine Wiedervereinigung mit China.
Die offene Unterstützung des Westens hält sich aber auch hier mehr als nur in Grenzen; viel zu groß ist die Sorge vor wirtschaftlichen und diplomatischen Konsequenzen durch China. Die Angst vor Chinas Wut ist sogar so groß, dass Taiwan selbst als schon in jeder Hinsicht unabhängiger Staat Angst davor hat, sich offiziell für souverän zu erklären. Da China nach der westlichen Auffassung ein unfreies Land ist, macht es das ganze umso trauriger.
Somit kommt man zum folgenden Bild: Das unfreie China macht, was es will, zumindest auf seinem Territorium, und der freie Westen guckt nur zu, da ihm sein wirtschaftliches Interesse wichtiger ist.
Ein weiteres Messen mit zweierlei Maß in einer bereits vorhandenen Doppelmoral können wir auch in Europa nur zu gut sehen. So stimmte Schottland 2014 über die Unabhängigkeit von Großbritannien ab und wählte letzten Endes knapp für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Schottland bekam die Möglichkeit, frei darüber zu entscheiden. Zwar dauerte es viele Jahre, bis es zum Referendum kommen durfte, aber Fakt bleibt, es wurde seitens Großbritanniens ohne großen Vorbehalt ermöglicht. Glücklicherweise sehen wir hier, dass es nicht immer einen Krieg benötigt, um an die Unabhängigkeit zu kommen bzw. die Möglichkeit zu erhalten.
Ironischerweise ist Schottland in seiner Mehrheit für die weitere Mitgliedschaft in der Europäischen Union, allerdings stimmte Großbritannien 2016 im EU-Mitgliedschaftsreferendum für einen EU-Austritt. Somit geht auch Schottland in seinem heutigen Zustand aus der EU, wobei man aber erwähnen muss, dass die Austrittsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU müheselig erscheinen; zu groß ist die Bürokratie dahinter. Daran sieht man ein weiteres Mal, dass ein Referendum und der damit bekundete Wille des Volkes in Wirklichkeit nur eine sekundäre Rolle spielen. Der Wunsch geht erst dann in Erfüllung, wenn alle wirtschaftlichen bzw. bürokratischen Angelegenheiten geklärt sind.
Das, was für einen geht, ist für den anderen nicht möglich. Zumindest ist dieses Motto auf Katalonien bezogen.
Der Wille der katalanischen Bevölkerung nach Unabhängigkeit ist sogar in ihrem Bestreben deutlich größer als bei den Schotten. Jedoch bekommt die Region Katalonien nicht einmal die Möglichkeit, ein von allen Seiten anerkanntes Referendum über die Unabhängigkeit durchzuführen. So blieb im Jahr 2017 auch das Referendum über die Abspaltung nur ein formaler Akt. Die Katalanen werden einfach alleingelassen, denn die internationalen Akteure sprechen sich grundsätzlich für die Souveränität Spaniens aus. Der Wille der Katalanen, zumindest von deren Mehrheit, findet kein richtiges Gehör und so wird auch die brutale Polizeigewalt an Demonstranten nach dem Referendum 2017 im Grunde toleriert.
Zwar wird wie üblich zur Besonnenheit und Vernunft aufgerufen, jedoch können die mit Knüppel niedergeschlagenen Befürworter der Unabhängigkeit in Katalonien herzlich wenig mit diesen inhaltslosen Worten anfangen. Erstaunlich ist, dass bei der Unabhängigkeitsfrage weltweit sehr viele Antworten zur Auswahl stehen. So kann man diese Angelegenheit mit „ja“, „nein“, „vielleicht“, „ja, aber nicht möglich“, „jein“, „nein doch“ und „erst einmal nicht“ beantworten.
Es zählt, wo die Region liegt, welches Interesse eine Unabhängigkeit mit sich bringt und ob man dadurch profitiert. Mit ein wenig Glück kann eine eher wenig nutzbare Region zur Unabhängigkeit gelangen, was auch von der Welt ganz oder überwiegend akzeptiert wird.
Regionen mit brauchbarem Potenzial unter anderem für Drittstaaten erhalten solche Prioritäten grundsätzlich nicht, es sei denn, man geht den Weg der Gewalt; dann lässt sich möglicherweise etwas ändern.
Im Falle der Unabhängigkeit diverser Regionen lässt sich nicht nur die einfache Doppelmoral erkennen, sondern auch eine abgrundtiefe Scheinheiligkeit, die ihresgleichen sucht. Es kommt darauf an, wer du bist, was du besitzt und woher du kommst; erst dann kann man dich kategorisieren. Sollte man aus dir einen Nutzen ziehen können und du stellst allgemein keine Gefahr dar, ist dir deine freie Entfaltung gewährleistest. Bei etwas anderem wird es hingegen deutlich komplizierter. Früher habe ich dieses Denken nur auf die Gesellschaft allgemein angewandt, um auf die Missstände hinzuweisen. Jetzt aber sehe ich, dass es sich auch auf die Weltpolitik im weiteren Sinne anwenden lässt. Dabei ist es auch kein Wunder, dass die Gesellschaft gravierende Defizite aufweist. So spiegelt es auch die Politik wider, denn wir alle sind nur Menschen.
Ich saß am Tisch und guckte überwiegend auf meinen leeren Teller. Manchmal ging mein Blick auf die Menschen vor Ort, doch kurze Zeit später fixierte ich ihn zumindest rein optisch immer wieder zurück auf meinen Teller. In diesem Moment spürte ich eine unbeschreibliche Leere. Dabei fand gerade meine Abschlussfeier statt, weshalb es eigentlich genug Anlass zur Freude geben sollte.
Es war ein Gefühl der Perspektivlosigkeit. Ich dachte, es wäre einfach auf mein persönliches Leben bezogen. Damals erschien mir diese Erklärung schlüssig, denn mir stand ein neuer Lebensabschnitt bevor, der auch schon zuvor Bedenken in mir hervorgerufen hatte.
Ich spürte, dass es nichts würde, weil die Vorgeschichte bereits das ganze Vorhaben belastet hatte. In der Zeit vor dem Abschluss habe ich mich durch mein politisches Interesse von meinem Freundeskreis distanziert; unsere Ansichten über das Leben als Ganzes haben sich zu sehr auseinandergezogen. Ich habe diese Tatsache damals sehr bedauert, blieb jedoch meinem Interesse treu und opferte es nicht, um zu einem fragwürdigen Freundeskreis dazuzugehören.
Zudem muss hinzugefügt werden, dass ich mich nicht selbst ausgeschlossen habe, sondern diese Initiative von meinen damaligen Freunden ausging.
Anscheinend war ich als naturwissenschaftlich, geschichtlich und politisch begeisterter Mensch nicht erwünscht, denn all dies unterschied sich zu sehr von den eher banalen Interessen der anderen. Diese Entwicklung zog sich über ein Jahr, bis ich schließlich im indirekten Sinne verbannt wurde.
Daher hatte ich im zweiten Halbjahr der zehnten Klasse deutlich weniger Freunde als die Jahre davor. Ich wollte mir zu keinem Moment ausmalen, was für Unwahrheiten über mich verbreitet wurden und wie über meine Person allgemein geredet wurde. Das Ganze nahm ich sogar damals relativ auf die leichte Schulter, denn die Menschen werden immer reden und verbreiten dabei gewollt oder ungewollt Unwahrheiten über jeden und alles Mögliche. Im Zeitalter des Internets war es für mich einfach, die weggefallenen Freunde durch für mich interessantere Bekanntschaften zu kompensieren.
Dennoch empfand ich die Tatsache als sehr bedauernd, dass langjährige Freunde aus meinem Leben weitgehend verschwanden. Ich versuchte grundsätzlich, bei jedem Thema mitzureden, wenn ich gesehen habe, dass der Gesprächspartner darauf besteht; sowas habe ich persönlich leider während meiner Schulzeit auf mich bezogen selten erlebt. Dementsprechend war auch verständlicherweise mein Selbstwertgefühl etwas angeschlagen, da ich danach auch Zweifel an mir selbst hegte.
Das Gefühl der Leere auf der Abschlussfeier war mir also bei Weitem nicht unbekannt.
Es war knapp ein Jahr vor dem Abschluss, ich bemerkte eines Tages eine besondere Verbindung zu einer Person. Ich blickte ihr ein erstes Mal in die Augen und verliebte mich in sie. Dieses Gefühl war echt und wiederholte sich im späteren Verlauf meines Lebens bei keiner einzigen Beziehung wieder, unabhängig davon, wie viel Freude und Spaß vorhanden waren.
