2,99 €
Eigentlich bin ich ein ganz normaler Mensch.Ich lasse mir nur nichts gefallen.Am fünfzehnten Oktober 1955, in einem Kleinen, vor dem Krieg erbautem Spital in Auckland, Neuseeland war es endlich soweit.Der Messias der geringen Fertigungskosten ward geboren und rebellierte sofort gegen das grelle Licht der Arztlampe.Ich vermute, diese Lampe war der Auslöser meiner späteren Mentalität.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
erich kaiser
NICHT MIR MIR !
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
NICHT MIT MIR
Auckland
»Ab zum Friseur und schön kurz!«
Keine Antwort.
Ich rufe Charly an.
Impressum neobooks
Ein satirischer Kiwi-Krimi
K. Erikson
Eigentlich bin ich ein ganz normaler Mensch.
Ich lasse mir nur nichts gefallen.
Am fünfzehnten Oktober 1955, in einem Kleinen, vor dem Krieg erbautem Spital in Auckland, Neuseeland war es endlich soweit.
Der Messias der geringen Fertigungskosten ward geboren und rebellierte sofort gegen das grelle Licht der Arztlampe.
Ich vermute, diese Lampe war der Auslöser meiner späteren Mentalität.
Mein Vater war Bestatter in der vierten Generation und hatte sein kleines Unternehmen, am südlichen Rand der Stadt, direkt neben den Bahngleisen der Kiwi - Rail, in einem alten, rotem Backstein Gebäude.
Ich war ein dunkelblonder Junge, wie die meisten in meinem Alter und ich hatte unschuldige, große, braune Augen.
Angeblich war ich ein braves Kind, aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Aber man soll der Familie nicht wieder sprechen.
Vielleicht war ich ein so braves Kind, da mein Vater, ein sehr strenger Mann war, der die damals üblichen Strafen sofort vollzog.
Er liebte seinen Haselnuss Stock.
Das war normal.
Dass er mich, für kleinere Vergehen, in Einem, der immer im Lager befindlichen Särge sperrte, war für seine Weltanschauung vermutlich auch in Ordnung.
Keine Ahnung mehr, was ich, in der Enge und Dunkelheit dachte. Vermutlich:
»Wenn ich einmal groß und stark bin ,
bringe ich ihn um.«
Damals wusste ich noch nicht viel, später wusste ich dafür alles besser.
Aber das war ein langer Weg. Sein Selbstbewusstsein zu entwickeln, ist harte Arbeit.
Und es wurde mir aufgezwungen, denn im Grunde meines Herzens war ich ein sensibles Kind.
Aber wenn man mit Kindern aufwächst, die alle kriegsgeschädigte Väter haben, muss man sich behaupten.
Ich kann mich an meine Kindheit nur dunkel erinnern, denn es waren dunkle Zeiten, besonders die Zeit, im Sarg, die mir wie eine Ewigkeit vorkam.
Wir Kinder hatten alle Väter, die im Krieg waren, außer einige Ausnahmen, doch diese Familien galten als Drückeberger und wurden sowieso gemieden.
Doch langsam ging es aufwärts.
Aber nicht für alle. Für die Verlierer des Aufschwungs, blieb nur der Whisky, der alles noch schlimmer machte.
Harte Väter, Trinker, aggressive Kinder.
Frankie Cramer war das Schlimmste.
Als kleiner Mann, konnte ich, wenn es regnete, mich unter einem Postkasten unterstellen und wurde nicht nass.
Außer wenn Frankie kam:
»Verschwinde, dass ist mein Postkasten!«
Wir waren zwei drahtige Jungs, ungefähr gleich stark, doch ich war den ewigen Streitereien überdrüssig und gab meistens nach.
Im Rückspiegel betrachtet, ist es mir schleierhaft, wie er es geschafft hatte, alle Kinder zu terrorisieren.
Doch er hatte immer den Überraschungsmoment, plus eine große Portion Brutalität auf seiner Seite.
Jungen die einen Kopf größer als er waren, brüllte er an, haute ihnen blitzschnell eine runter und nahm sie in den »Schwitzkasten« .
Psychologische Kriegsführung, vielleicht hat er sich die von den Maoris abgeschaut. Maoris spielten aber nicht Fußball.
Wir schon.
Direkt neben den Bahngeleisen hatten wir einen holprigen Fußball Platz, sogar mit zwei kleinen Holztoren. Doch Frankie zu überspielen, war praktisch unmöglich. Wenn es gelang, schlug er von Hinten auf die Beine, oder er rempelte dich nieder.
Falls seine Mannschaft unerklärlicher weise im Rückstand war, hob er theatralisch die Hand:
»Ich muss nach Hause!«
Er konnte einfach nicht verlieren.
Aber ich auch nicht.
Als ich elf Jahre alt war, kam es zum ersten Höhepunkt in meinem jungen Leben.
Die Fußball WM in England.
Ich beschloss, auf dem Fußball Platz »Harry Kane« zu sein.
Sofort, mit hochrotem Gesicht, die wütende Reaktion Frankies:
»Harry ist der Kapitän und das bin ich! Du kannst höchstens »Peter Shilton« sein.«
»Einverstanden, er hat sowieso mehr Länderspiele und ist der bessere Spieler.«
Sofort schlägt er gegen meine Brust und nimmt mich in den »Schwitzkasten«, aber ich auch und so drücken wir uns gegenseitig die Luft ab.
Nach anstrengenden fünf Minuten, meinen die übrigen Mitspieler:
»Wir würden gerne weiterspielen.«
Wir spielen weiter, doch ich bin noch immer auf Puls »hundertachtzig«.
Aber ich atme tief durch und denke, ich werde das Problem lösen. Kommt Zeit, kommt Rat.
Wir hatten damals schon einen schwarz weiß Fernseher, die Geschäfte eines Bestatters laufen immer gut.
Gestorben wird immer.
Am Abend lief im Fernsehen der Western »Die weiße Feder«, mit John Wayne.
Cowboy und Indianer Filme konnten mich in eine andere Zeit versetzen. Doch eigentlich ist diese Zeit gar nicht solange her.
Schon beim Zubettgehen hatte ich eine tolle Idee.
Vor dem Einschlafen, dachte ich sie zu Ende.
Ein neuer Tag, noch hat sich nichts geändert.
Vor unserem Lebensmittelladen treffen wir Kinder uns, wir gehen gemeinsam in die Ordonary School.
Meine, zu dieser Zeit, gleichaltrigen Freunde, einige Mädchen, die wir meistens ignorierten und natürlich
Frankie Cramer.
Der lange Schulweg ist kein Problem, die Mädchen haben Frankie fest im Griff. Ein Satz von ihnen und Frankie wird rot wie ein Tomate und bringt kein Wort heraus. Manche Jungs der Bubenbande schielten schon auf die sich langsam entwickelnde Oberweite der Mädchen.
Frankie nicht.
Gut, er hat eine vier Jahre ältere Schwester, vielleicht kennt er das alles schon. Vielleicht kassiert er aber auch regelmäßig Prügel von seiner großen Schwester.
Keine Ahnung.
Die ist eigentlich aber recht nett.
Ich vermute, er kann Mädchen einfach nicht leiden.
Unsere Lehrerin ist ein aufgetakelte, geschiedene Mitvierzigerin, die jede Pause raucht wie ein Schlot.
Fast alle Lehrer rauchen, sie stehen am Ende des
schwarz, weiß gefliesten Ganges, diskutieren und haben augenscheinlich Spaß.
Ab und zu brüllt einer rüber, aber in der Klasse, können wir tun, was wir wollen.
Meistens gibt eine Massenkeilerei, die ist jedoch ungefährlich, etwa so, wie wenn sich junge Hunde balgen.
Außer wenn Frankie droht zu verlieren.
Dann wird es ernst.
Ich bin heute nachsichtig mit ihm, als er einen Kleineren verdrischt und frage belanglos:
»Hast du gestern, den Western gesehen, der war toll oder?«
»Ja, war super, überhaupt wie sie das Indianerdorf überfallen haben.«
Jeder hält zu den Indianern. Frankie ist ein Bleichgesicht.
Bleiches Gesicht. Gefällt mir.
Die Schulglocke läutet ein letztes Mal, die Schüler strömen aus der Schule:
»Nach dem Mittagessen, am Fußballplatz!«
Ehrensache.
Da der Fußballplatz direkt neben den Bahngeleisen liegt, es ist der Grund und Boden der Kiwi-Rail, landet der Ball, obwohl ein Maschendraht Zaun den Fußballplatz von der Bahnlinie, trennt, des öfteren auf den Bahn Geleisen.
Nach längeren Diskussionen findet wir immer Einen, der den Ball holt. Frankie holt ihn auch manchmal, um zu beweisen, dass er ein furchtloser Kerl ist.
Ich schieße den Ball absichtlich über den Zaun, Frankie verdreht die Augen.
Ich blicke mich kurz um, um zu sehen ob jemand in Hörweite ist. Dann blicke ich auf die, in einiger Entfernung stehende Kirchturm Uhr.
Ich blicke mich verschwörerisch noch einmal um:
»Frankie, hast du gestern in dem Western Film, den Indianer gesehen, der sein Ohr auf die Bahngeleise gelegt hat um den Zug schon aus der Entfernung zu hören. Toll, wie der das gemacht hat!«
»Überhaupt nicht toll! Das kann ich auch!«
»Glaub ich nicht.«
»Überhaupt nichts dabei!, meint Frankie und klettert über den Zaun.
Ich blicke nochmals auf die Kirchturmuhr, der Fünfzehn Uhr Zug der Kiwi Rail, müsste in Kürze hinter der leichten Kurve erscheinen.
Die anderen Jungs blicken gelangweilt in die Luft, ich höre angestrengt auf die Bahn.
Der Zug rauscht durch.
Kein verdächtiges Geräusch.
Nach einigen Minuten meine ich zu meinen Kameraden.
»Na, Frankie lässt sich aber Zeit.«
Die anderen Kinder drängen mich, nach zu sehen, wo Frankie bleibt.«
Gespielt widerwillig, doch insgeheim neugierig klettere ich über den Zaun.
Als Sohn eines Bestatters, bin ich ja einiges gewohnt, aber als der abgetrennte Kopf Frankies, auf den Holzbohlen, zwischen den Geleisen, mich fragend anblickt, muss ich mich setzen:
»Freunde ruft die Feuerwehr! Die Rettung braucht Frankie nicht mehr.«
Ich kann nicht anders, ich blicke ihm nochmals in die Augen:
»Ja, ja Frankie, du Bleichgesicht, jeder richtige Indianer weiß, dass das nicht immer funktioniert.«
Die Todesnachricht verbreitet sich blitzschnell in der Nachbarschaft. Jeder ist betroffen. In einigen Gesichtern vermeine ich jedoch zu lesen,
»ein kleiner Verbrecher wird sicher einmal ein großer Verbrecher.«
Es könnte aber natürlich auch sein, dass ich mich täusche.
Vermutlich aber nicht.
Die Beerdigung ist schon morgen, unsere Klasse hat schulfrei.
Unser Lehrer ermahnt uns noch, mit angemessener Kleidung, zu solch einem Trauerfall, zu erscheinen.
Meinem Vater wurde der Auftrag erteilt, die Beerdigung auszurichten.
Ich überlege kurz, meinem Vater einen kleine Erhöhung meines Taschengeldes vorzuschlagen, schließlich hat er den Auftrag durch mich erhalten.
Nach kurzer Überlegung verwerfe ich den Gedanken jedoch.
Am Morgen der Einsegnung, ist niemand mehr in unserem Haus zu erblicken. Alle sind vermutlich mit den Vorbereitungen beschäftigt.
Nach dem Zähneputzen fällt mir die »angemessene Kleidung« ein.
Wir sind nicht arm, doch meine Bekleidung ist bescheiden.
Wir fahren einmal im Jahr zu einem Bekleidungsgeschäft.
Da wird die ganze Familie ausstaffiert.
Ich besitze eine lange Hose, einen hellblauen Pullover, einen Mantel aus zweiter Hand.
Im Sommer eine kurze Hose und einige
Feinripp Unterhemden.
Wir laufen die meiste Zeit barfuß.
Ich ziehe die lange Hose an und den hellblauen Pullover.
Der hat einen schwarzen V-Ausschnitt. Das müsste genügen.
Die ganze Klasse trifft sich vor dem schwarzem, gusseisernen, Eingangstor unseres Friedhofes. Es herrscht absolute Stille.
Sogenannte Grabesstille. Kein einziger Vogel zwitschert.
Unser Lehrer blickt mich über seine silberne Drahtbrille, streng an, sagt aber nichts. In der frisch, weiß gestrichenen Aufbahrungshalle, steht ein schlichter, heller Kiefer Sarg, seltsamerweise mit einem kleinem Glasfenster.
Mein Vater dürfte in der Nacht einiges zu tun gehabt haben.
Alle Klassenkameraden sitzen nach Bekanntgabe des »Unfallherganges«, mit einigem Abstand zum Sarg.
Ich stehe auf und blicke durch das kleine Glasfenster.
Ich möchte wissen, ob Frankie immer noch, so blöd schaut.
Doch die Augen sind geschlossen. Für Immer.
Mein Vater hat ganze Arbeit geleistet. Nach der Trauerfeier werde ich ihn fragen, wie er das mit dem Kopf hinbekommen hat.
Doch bevor ich meinem Vater fragen kann, nimmt mich beim Verlassen der kalten Aufbahrungshalle, mein Lehrer zur Seite:
»Dem Anlass entsprechende Kleidung, habe ich gesagt!
Kein hellblauer Pullover!«
»Ich habe nur den Einen. Und einen schwarzen Kragen hat er auch.«
Ich blicke ihm unschuldig in die Augen und denke:
»Sei vorsichtig, Herr Lehrer!«
Frankie wird nach einer sehr kurzen Ansprache des Pfarrers in sein kühles Grab gesenkt.. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei den meisten Schülern, die Mundwinkel nach oben zeigen.
Trauerfeier gibt es keine. Ist mir sehr recht.
Ich sperre mit dem Schlüssel, den ich immer mit einem schwarzen Lederband um den Hals trage, die Eingangs Türe unseres Hause auf, schließe aber gleich wieder ab und gehe zu unserer Sarghalle.
Es gibt Särge in jeder Ausführung. Eiche, Eiche dunkel, Schwarz und so weiter. Der matt, schwarze Sarg gefällt mir persönlich am Besten, in diesem Modell möchte ich einmal selbst begraben werden.
Innerlich lache ich bei diesem Gedanken kurz auf.
Vor einem besonders gut riechenden Sarg aus Zirbenholz bleibe ich stehen und sauge den Duft des Holzes auf.
»Der wäre meinem Lehrer sicher recht. Na ja, diese entbehrliche Aussage über meinen hellblauen Pullover, hätte er sich sparen können, aber so schlimm ist unser Lehrer nun wieder auch nicht.«
Das Leben ist wieder erträglicher geworden. Keiner der dich beim Fußballspielen von hinten tritt, keine ewigen Streitereien ohne Grund.
Die nächsten Jahre vergehen schnell, überhaupt wenn man keine Sorgen hat. Ich meine fast keine Sorgen.
Am Anfang des neuen Schuljahres setze ich mich nach vor, in die zweite Reihe.
Die zweite Reihe ist die Beste. Man kann nicht als Streber tituliert werden, ist aber auch nicht voll im Blickfeld des Lehrers.
Aber eigentlich hat es einen anderen Grund.
Obwohl ich jetzt in der zweiten Bankreihe sitze, sehe ich, wenn der Lehrer etwas auf die Tafel schreibt, es verschwommen..
Ich muss immer ins Heft meines Nachbarn blicken, was er gerade schreibt. Das führt wieder zu unqualifizierten Aussagen unseres Nickel Brille Lehrers.
»Nicht abschreiben!«
»Ich kann es auf der Tafel nicht lesen!«
Die ganze Klasse lacht und ich sehe den Lehrer, vor meinem geistigen Auge, in schweren Ketten im Tower.
Doch er meint ganz rationell:
»Nimm dein Mitteilungsheft heraus!«
Ich verbanne ihn, in meinen Gedanken, einen Stock tiefer in den Tower.
»Schreib!
Sehr geehrte Eltern.
Ich empfehle ihnen eine Augenuntersuchung bei unserem ehrenwerten Dr. Snyder.
Ihr Sohn braucht vermutlich eine Brille.
Hochachtungsvoll.
Wir haben zwei Brillen Träger in der Klasse. Sie lächeln mich mitleidsvoll an. Mir ist es egal, vielleicht wirke ich mit Brille etwas intelligenter.
Eine Woche nach Besuch des Augenarztes, bekomme ich eine neue Brille.
Eine schwarze, mit einer stabilen Fassung.
Ich bin zufrieden, ich denke ich habe eine gewisse Ähnlichkeit mit »Buddy Holy«.
Ja, Musik und Mädchen werden allmählich interessanter, doch ich merke die Brille kommt bei den Mädchen nicht so gut an.
Das nächste Problem bereitet mir eine Musikgruppe aus Liverpool, Die Beatles haben lange Haare und keine Brille.
Meine Haare sind immer extrem kurz geschnitten.
Die Brille kann ich abnehmen und in die Schultasche stecken, mit den Haaren werde ich Schwierigkeiten mit meinem Vater bekommen.
Vorsorglich instruiere ich meine verständnisvolle Mutter:
Lange Haare sparen Kosten beim Friseur.
Als mein Vater nach einigen Wochen meine Haare betrachtet:
»Ab zum Friseur, so verwahrlost läufst du mir nicht herum!«
Meine instruierte Mutter:
»Das ist modern und außerdem spart es jede Menge Geld.«
»Mhh.«
Also nicht mehr »Buddy Holy«, jetzt George Harrison.
Der stille Beatle, so wie ich.
Die Zeit steht allerdings nicht still.
Ich bin stolze sechzehn Jahre alt, Zeit sich Gedanken über meine Ausbildung zu machen.
Dass ich das Beerdigungsinstitut einmal weiterführen werde, weiterführen muss, steht außer Frage. Meine Mutter meint allerdings, eine kaufmännische Ausbildung, wäre für mich ein großer Vorteil.
Damit meint sie wohl, dass mein Vater absolut zu blöd für Zahlen ist und sie die Buchhaltung und alle administrativen Aufgaben alleine erledigen muss.
Sie meint, ein dreijährige Commercial School, wäre das Richtige für mich.
Ich kann mich mit diesem Gedanken gut anfreunden, denn so könnte ich mich gut, von jeder Arbeit bei den Leichen drücken.
Ich genieße die letzten Ferien mit meinen Freunden, im Bewusstsein, dass jetzt, relativ gesehen, der Ernst des Lebens beginnt.
Am achten Februar beginnt die Schule, in einem altem, aber neu renovierten, grauen Gebäude.
Es gibt zwei erste Klassen. Ich mustere die neuen Mitschüler aufmerksam und stelle mich in die Gruppe, der augenscheinlich sympathischeren.
Umsonst. Ein ältliches, leicht grauhaariges Fräulein erscheint und liest ihre eigene Liste vor.
Na, von mir aus, der erste Eindruck von Schülern, kann sicher auch täuschen.
In der Klasse mustere ich nochmals unauffällig meine neuen Kameraden. Drei, vier Typen machen das ebenfalls, sie sind mir sofort sympathisch.
Ein Großer, fetter, mit strohblonden, fettigen Haaren fällt mir auch sofort auf.
Sein dickes Akne Gesicht blickt unruhig hin und her, wie wenn er jemand zum Abschreiben suchen würde.
Der neue Klassenvorstand ist ist ein Ex rothaariger Typ, Professor »Pripadlo«, jetzt mit mit einem rotem Haarkranz ausgestattet
Seltsamer Name, vermutlich ist sein Vater aus Transsylvanien eingewandert.
Er ist ungefähr vierzig Jahre alt, mit Glatze, aber starkem Bartwuchs, dem er mit einer extrem scharfen Rasierklinge zu Leibe rückt, die aber im Gesicht roten Schorf hinterlässt. Sein Rasierwasser treibt jedem Schüler die Tränen in die Augen.
Er schreibt an die, durch weiße Linien unterteilte, grüne Tafel, welche Bücher zu kaufen sind.
Die Tafel der Commercial School ist ziemlich groß, ich sitze in der zweiten Reihe und kann alles, auch ohne Brille lesen. Mein Sitz Nachbar, ebenfalls mit etwas längeren Haaren meint,
»Die Bücher kann man auch bei den Schülern, der Klasse ober uns abkaufen.«
»Danke.«
»Komm morgen schon etwas früher, dann machen wir einen neuen Sitzplan. Ich bin Charly.«
»Ich bin Eric!«, der Junge ist clever.
Nachdem es keine Fragen mehr gibt, dürfen wir die Klasse verlassen.
Wir schnappen unsere Fahrräder und jeder fährt seines Weges. Ich kaufe mir noch eine Jugendzeitschrift, da ich erfahren habe, dass ein zusammenlegbares Poster von George Harrison, aufgenommen nach seinem Indien Trip, in der neuesten Ausgabe beiliegt.
Sofort nach dem Bezahlen, noch im Geschäft entfalte ich das Poster.
George vor orange, gelben Hintergrund, mit einer langen Mähne, dass ich vor Neid erblasse. Der wilde Bart, wird von der grauhaarigen Dame, an der Kasse, mit erschrecktem Gesichtsausdruck registriert.
Toll.
Zu Hause, pinne ich das Poster, mit Reißnägel sofort an die Wand, meines kleinen Zimmers.
Die Türe steht offen und mein Vater schlurft gerade vorbei:
»Runter damit! Solch langhaariges Gesindel kommt mir nicht ins Haus!«
Ich weiß, protestieren hat keinen Sinn, aber es gibt ja noch ein zweites Poster in der Zeitschrift.
Ich werde mich rächen und Frank Zappa an die Wand heften. Der ist ein noch wilderer Typ.
Die Haare hat Zappa streng nach hinten gekämmt, den Pferdeschwanz sieht man nicht, doch der charakteristische, schwarze Bart provoziert.
Doch die Türe meines Zimmers habe ich vergessen zu schließen, mein Vater kommt aus der anderen Richtung
an geschlurft:
»Den kannst du lassen, der schaut dem Opa ähnlich!«
Ich setze mich neben die Bettkante.
Am nächsten morgen freue ich mich schon, Charly wiederzusehen. Er ist ein angenehmer Typ, er ist sportlich und ein sehr friedfertiger Mensch.. Charly kennt noch zwei weitere Schüler, die unsere Werte vertreten. Wir vier setzen uns in die letzte Reihe.
Aber nur eine Woche. Da es immer etwas zu erzählen gibt, sind wir sofort auf der Abschussliste unseres Klassenvorstandes.
Ich weiß, das geht nicht gut und tausche mit einem Schüler in der zweiten Reihe:
»Charly glaub mir,wenn wir die Schule schaffen wollen, ist es so gescheiter, wir treffen uns ja sowieso im Pausengang. Der »Pripadlo« hat es auf uns abgesehen. Vermutlich weil wir lange Haare haben.«
Lange Haare ist eigentlich lächerlich, wir sparen nur etwas beim Friseur.
In der dritten Reihe sitzt allerdings ein Typ, dem die Haare bis zur Schulter reichen.
Und er ist das erste Opfer des Klassenvorstandes.
Der Professor erscheint zehn Minuten zu spät im Klassenraum, er isst sorgfältig einen Apfel.
Als er fast fertig ist, nimmt er den ihn in beide Hände und knabbert ihn, wie ein Biber, bis zu Kerngehäuse ab.
Der Lärmpegel der Klasse scheint ihn nicht zu stören.
Er wirft den Rest des Apfels in den Mistkübel und stellt sich direkt vor den Tisch unseres langhaarigen Mitschülers, deutet, auf das am Tisch liegende Buch.
»Das ist das falsche Buch, du wirst die Schule nicht schaffen, das verspreche ich dir.«
Es ist auf einmal still in der Klasse.
»Buch Seite vierzehn, Währungspolitik.«
Er beginnt wortlos einige Fachbegriffe auf die grüne Tafel zu schreiben.
»Das wird nächste Stunde geprüft!«
Wortlos setzt er sich an seinen, auf einem kleinen Podium stehenden Professoren Tisch und holt mehrere Endlosformulare aus seiner braunen Aktentasche.
Den Rest der Stunde studiert er die Ausdrucke, ab und zu lächelt er zynisch.
Als die Schulglocke läutet, blickt er noch einmal langsam durch die ganze Klasse.
Ich blicke angestrengt in mein Schulheft, um direkten Augenkontakt zu vermeiden. Ich bin bis heute überzeugt, er sucht sich die Schüler aus, bei denen er vorhat, ihnen das Leben schwer zu machen.
Den strohblonden, fetten Jack Halper, mit dem
Akne Gesicht lächelt, lächelt er jedoch seltsamerweise an.
Man soll einen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen. Ich allerdings mache das.
Und liege immer richtig.
Kaum ist der Lehrer aus der Klasse, boxt Jack seinen Sitznachbar in die Rippen:
»Ich hab mein Schriftverkehrslehrbuch vergessen, gib mir Deines!«
Anschließend gibt es einen Schlag auf den Hinterkopf.
Ich bin sofort auf wieder auf hundertachtzig, zwinge mich aber, aus dem Fenster zu blicken.
Erst einmal die Lage sondieren.
In der Pause vor der Turnstunde stehe ich mit meinen Freunden im Gang vor unserer Klasse, als Jack Halper vorbei schlendert. Er rempelt einen Freund von mir an, ich lächle ihn an:
»Entschuldige dich, du fette Sau!«
»Was hast du gesagt, Kleiner? Willst du eine aufs
Maul?«
»Du und dein Vater haben noch nie irgend jemanden eine
aufs Maul gehaut.«
Er wird unsicher und zeigt mir den Mittelfinger, geht aber weiter.
Die Pause ist zu Ende und die ganze Klasse wandert in den Keller, zu unserem Turnsaal. Es riecht nach Teenager Schweiß.
Normalerweise sind wir die ersten umgezogen, doch Charly erzählt mir von einem tollen Mädchen, das vis a vis in die Mädchen Commercial school geht.
Wir stehen neben der Sprossen Wand, als ein großer Schlüsselbund, neben uns einschlägt.
In fünf Meter Entfernung steht unser Turnlehrer,
»Keine Debatten!«
Charly hebt den Schlüsselbund auf, ich nehmen ihn und schieße ihn zurück.
Der Turnlehrer hebt ihn auf und kommt forsch auf uns zu.
»Na, du traust dich was.«
Aber er nimmt uns beide freundschaftlich an der Schulter.
»Aber jetzt, hop, hop.«
Wir spielen Basketball. Mein Freund Charly spielt bei einem tollem Basketball Verein in Auckland und so tritt er auch auf.
Wir alle haben, kurze schwarze Hosen und ein
weißes T-shirt an.
Charly spielt in einer großen, weiten, langen, Trainingshose und einem Amerika Shirt.
»So spielen alle in Amerika, in der Bronx!«
Mir erscheint der Aufzug als sehr gewöhnungsbedürftig, aber Charly gibt die Richtung vor.
Und diese Richtung ist, alle düpieren und
flott Richtung Korb.
Rechts neben dem Korb springt er mit den Füßen voran an
die Wand, läuft einen Schritt hoch und versenkt den Ball im Korb.
Sogar unser Turnlehrer hat keine Ahnung, ob das zulässig ist.
Den fetten Jack Halper überspielt er so schnell, dass dieser von einer Ball Berührung nur träumen kann.
Aus den Augenwinkel beobachte ich Jack, wie er immer ärgerlicher wird.
Das Spiel endet mit einer kolossalen Punktedifferenz.
Wir überlegen beim nächsten Spiel Charly gegen den Rest der Klasse spielen zu lassen.
Im Umkleideraum rempelt Jack, zuerst Charly an. Charly könnte ihm sicher eine verpassen, doch er ist der friedfertigste Mensch, den ich kenne. Ich mische mich ein.
»Suchst du noch immer den Basketball?«
Er versetzt mir einen Stoß, gegen die Brust, dass es mich gegen die Wand, unserer am Metall Haken, aufgehängten Kleider wirft.
Es ist die letzte Stunde und meine schwere Schultasche steht auf der Umkleidebank. Ich bekomme sie am Verschluss zu fassen und werfe sie in seine Richtung.
Leider rutsche ich ab und treffe ihn nur auf der Schulter.
Soviel Gegenwehr ist Jack nicht gewohnt, er hält inne und schaut mich wütend mit seinen blauen Schweins Augen an. Unser Turnlehrer hat bis jetzt interessiert zugeschaut, doch jetzt schreitet er ein.
»So geht es nicht! Nächste Turnstunde, nehme ich zwei paar Boxhandschuhe aus unserem Fundus mit.
Nächste Turnstunde startet der Boxkampf des Jahrhunderts. Gebt euch die Hand!«
»Nein!«
Bis zur Turnstunde, sind wir uns aus dem Weg gegangen.
Mein Hauptproblem ist leider, dass ich im Grunde meines Herzens, ein friedfertiger Mensch bin.
Ich kann nur zur Höchstform auflaufen, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.
Der Boxkampf hätte sofort nach dem Streit, stattfinden müssen. Wenn gewisse Zeit vergeht, beginne ich zu überlegen.
Der Kerl hat sicher fünfundachtzig Kilo.
Einsteins blöde Formel geht mir durch den Kopf.
Masse mal Geschwindigkeit zum, Quadrat, oder so ähnlich.
Na gut, Geschwindigkeit ist bei mir in Ordnung, aber der fette Jack hat tauf jeden Fall mehr Masse.
Also versuchen, kein K.O. zu erleiden. Damit würde ich nicht fertig werden. Also was tun? Alles auf eine Karte setzen?
Lieber nicht.
Charly klopft mir auf die Schulter,
»Zieh meine Bronx Trainingshose an, mit der legst du an Gewicht zu.«
Ich weiß, er versucht mich aufzuheitern, doch ich bin ehrlich gesagt nicht in der Stimmung dazu.
Jack Halper zieht seine schwarze Turnhose an, sein weißes
Shirt, das er unter seinem rosa Hemd getragen hat,
lässt er an.
Die dicken, weißen Arme sehen etwas bedrohlich aus.
Unser Turnlehrer zieht uns beide, alte, braune Boxhandschuhe an. Er klopft uns auf die Handschuhe grinst und meint:
»Fair sein. Boxen!«
Die restlichen Schüler stehen auf gereiht, am Turnsaal Rand und feuern alle mich an.
»Gib`s ihm. Schlag ihn K.O.! Du schaffst es!«
Ich bin da etwas weniger optimistisch, ich tänzle um ihn herum, wie Cassius Clay, und ab und zu gebe ich ihm einen Jab.
Eine Runde, drei Minuten sind lang, keine Ahnung, wie Profiboxer fünfzehn Runden durchhalten.
Die erste Runde ist zu Ende, die Zunge klebt mir am Gaumen, die verbrauchte Luft in der Turnhalle ist nicht gerade optimal.
Doch ich sehe, Jack Halper schwitzt wie eine Sau.
Ich sammle meinen Speichel im Mund und der Turnlehrer brüllt,
»Zweite Runde!«
Durch die erfolgreichen Jabs, die ich ihm verpasst habe, werde ich etwas mutiger und verpasse ihm zwei rechte Hacken, die Meute schreit,
»Bravo, noch eine!«
Ich bin einen Moment abgelenkt, und ich kassiere einen ordentlichen Schwinger von Jack.
Sofort muss ich wieder an die blöde Einstein Formel denken:
»Das war die Masse!«
Nebenbei höre ich die Schulglocke, obwohl sie nicht läutet.
Ich schalte einen Gang zurück, bis die Schulglocke verstummt, aber dann gebe ich ihm etwas vorsichtiger noch zwei Jabs auf das linke Auge.
Unser Turnlehrer blickt auf die Uhr.
»Aus!«
Zwei Runden nur, aber das ist mir sehr Recht. Meine Zunge fühlt sich an wie Löschpapier.
Jack Halper jedoch wankt in eine Ecke des Turnsaales, lässt sich auf eine dunkelblaue Kunststoffmatte fallen und ringt nach Luft.
Als ich das sehe, blicke ich unseren Turnlehrer an,
»Bitte noch eine Runde.«
Er grinst und klopft mir auf die Schulter.
Na ja, das war ein Patt, würde man beim Schach sagen.
Jack und ich, gehen uns in den nächsten Tagen wieder aus dem Weg, doch ein unauffällig mitgehörtes Gespräch Jacks, mit seinem Sitznachbar erstaunt mich.
»Hast du die Hausaufgabe, von gestern? Darf ich mir dein Heft ausborgen?
Seltsam.
Nächste Stunde: Betriebskunde.
Professor Pripadlo knallt das dunkelbraune Klassenbuch auf den Tisch:
»Buch, Seite zwanzig. Die Notenbanken.
Durchlesen. In zehn Minuten, wird geprüft.«
Ich blicke überflüssigerweise, angestrengt in mein Lehrbuch, denn ich denke ich weiß, wen er sich aussucht.
Richtig.
Unseren Super Langhaarigen.
»Instrumentarien, der Notenbanken, was meinen sie könnte das sein?«
»Sie sagten nur Notenbanken. Nichts von Instrumenten.«
»Instrumente hat ein Orchester, ich sagte, Instrumentarien! Aber davon haben sie anscheinend keine
Ahnung! Es gibt so viele handwerkliche Berufe.
Verlassen sie die Schule, sie werden, so wie es aussieht, das erste Halbjahr nicht überleben. Nicht genügend!«
Doch mein Mitschüler schüttelt einmal kurz seine langen Haare und brüllt:
»Das lasse ich mir nicht gefallen, sie haben nichts von Instrumenten, äh, Instrumentarien gesagt!
Der Professor baut sich direkt vor seinem Tisch auf.
»Nichts wissen und laut werden!«
Er dreht sich um, schlägt das Klassenbuch auf.
»Das gibt einen Eintrag. Will noch jemand etwas
sagen?«
Ich blicke angestrengt in mein Buch und registriere unauffällig, die ganze Klasse folgt meinem Beispiel.
Außer Jack, der lächelt den Professor an.
Die nächste Stunde wandert die ganze Klasse in den ersten Stock. Hier befindet sich, das spartanisch eingerichtete Schreibmaschinen Zimmer.
Ein Lichtblick.
Nicht die Remington Schreibmaschinen, sondern die Professorin. Eine gutgebaute ungefähr dreißigjährige Lady, die immer mit überkreuzten Beinen, auf einem Sessel ihres Podiums die Klasse überwacht. Es ist ihr klar, dass alle auf ihre schönen Beine starren.
Im Maschine schreiben Unterricht, sitzen Charly, Joseph und ich nebeneinander. Bei diesem Gegenstand, sollte das kein Problem sein.
Joseph ist ebenfalls ein ruhiger, introvertierter Freund, der unsere Werte teilt.
Besonders die Beine unserer Lehrerin.
Die Interessieren mich auch, aber mein Schulerfolg noch mehr. Denn, ich habe eine Schwachstelle, bei der Notengebung entdeckt.
Aber eine Riskante.
Ich habe das Maschine schreiben, von Anfang an sehr langsam und gewissenhaft erlernt. Alle anderen, versuchen möglichst viele Anschläge zu erzielen.
Doch als unsere Lady, das Berechnungssystem für die Notengebung verlautbarte:
Anschläge mal hundert dividiert durch die Fehler, war mir sofort klar, wenn ich keinen Fehler mache, habe ich immer die Bestnote. Gut, das ist riskant, man muss sich bei einer Zehn Minuten Abschrift hundertprozentig konzentrieren.
Aber ich brauche zu Hause auf meiner alten, grünen, von meiner Tante geschenkten Schreibmaschine, nicht so viel zu üben.
Dass unsere Lady, bei mir ein Auge zudrückt finde ich sehr nett von ihr. Vermutlich, da mir des öfteren ein Bleistift oder ähnliches zu Boden fällt und ich ihr unter den Rock blicke.
Leider imitieren mich jetzt einige Mitschüler und das ewige Geklapper, von auf den Boden fallenden Bleistiften nervt langsam.
Joseph, finde ich, übertreibt es total, aber er ist der männlichste unter uns. Er trägt schon einen Backenbart, wie Joe Cocker, der neue Rockstar, seit Woodstock.
Charly und ich sind glatt rasiert, mit dem Bartwuchs ist uns unser Freund weit überlegen.
Sein Manko ist seine Schüchternheit, gegenüber den Mädchen. Charly und ich beschließen, wir heiraten erst, wenn Joseph in den heiligen Stand der Ehe getreten ist.
