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"Diese Szene lebt auch, weil in anderen Systemen Menschen über Bord geschmissen werden. Wer sich diese "Industrie" anschaut, muss sich also auch unsere Gesellschaft anschauen." Charlotte M. Raven war ausgebrannt und depressiv – und damit gefundenes Fressen für eine Szene, die genau solchen Menschen vermeintliche Lösungen in Form von Heilung, Transformation und Halt auf abstruseste Art und Weise für alle ihre Probleme verspricht. Natürlich gegen Geld. Sehr viel Geld. Denn im Geschäft mit der Hoffnung geht es um Millionen. Unseriöse Coaches, die oft keine qualifizierte Ausbildung haben, ziehen den Menschen ohne Rücksicht auf Verluste in anonymen Massenkursen systematisch das Geld aus der Tasche, indem sie ein glückliches, erfolgreiches, freies und selbstbestimmtes Leben versprechen. Dabei bedienen sie sich hochgradig toxisch-manipulativen Marketings und Psycho-Tricks. Nicht selten werden Menschen dabei nicht nur finanziell ausgenommen, sondern auch noch psychisch geschädigt. Charlotte M. Raven hat diesem Teil der Szene den Rücken gekehrt und klärt in ihrem Buch über die Methoden einiger selbsternannter Gurus auf. Zugleich nimmt sie die Leser:innen mit auf eine persönliche und lehrreiche Reise. Denn Coaching kann auch sehr bereichernd sein, wenn man den richtigen Coach erkennt. Die Ergebnisse sind dann zwar nicht so wundersam, dafür aber langfristig, ehrlich, nahbar, transparent.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Originalausgabe
1. Auflage 2023
Verlag Komplett-Media GmbH
2023, München
www.komplett-media.de
E-Book ISBN: 978-3-8312-7133-7
Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
E-Book-Herstellung: Bookwire, Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH, Frankfurt am Main
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Eine kleine Begriffsklärung
Ein paar erste einladende Worte
Inside The Bubble
Von Drogen aufs Meditationskissen
Glück auf Bedingung
Ein vermeintliches Zuhause
Die Geschichte hinter der New-Age-Spiritualität
Religiöse Wissenschaft
New Age und Kolonialismus
Religiöses Schneeballsystem
Der Hype um New Age
Kult oder Community?
Wenn Positivität toxisch wird
Der letzte Strohhalm
Mit Manipulation zu Millionen
New Age Lottery
Feier mich!
Die Kunst, Geschichten zu erzählen
Stille Post im Business Coaching und Copycatting
Fake it until you make it
Die Testimonial-Strategien
Algorithmushacking
Glaubwürdigkeit durch Bekanntheit und Medien
Künstliche Bedarfsproduktion
Kranke Systeme
Stereotype Rollenbilderverstärkung
Spirituelles Burn-out
Gesetze der Macht
Freie Entscheidungen, oder?
Buzzword-Clickbaiting
Sucht nach Spiritualität
Selbsttherapie, Herzensbusiness, Side Hustle
Die wenigsten werden erfolgreich
New Age oder Nigerian Letter Scam?
Die vielen Gesichter des Social Engineerings
Die Symbiose von Multi-Level-Marketing und New Age
Storytelling und Identifikation
High Energy
Neu, neuer, exklusiv
Regelmonopoly
Die gegenseitige »Befruchtung« von MLM und New Age
Die »Wissenschaft« von Manipulation
Hinter den Kulissen von ChakkaChakka-Events
Pseudowissenschaft
Neuromarketing
Wenn du nicht überzeugen kannst, verwirre
Argument by Gibberish
Quanten-Bullshit
DARVO
Faktenverdrehung und Strohmann-Argumentation
Lovebombing
Eigennützige Hilfe
Manifestations-Dissoziation
Spiritueller Narzissmus
Veränderung ist nötig und möglich
Ein neuer (Trauma-)sensibler Ansatz
Qualifikation und Ausbildung
Politik und Verantwortung
Marketing und (Heil-)Versprechen
Ethische Grundsätze/Ethikkodex
Heilpraktikergesetz und Begriffsschutz
Ethisch handelnde Anbieter:innen erkennen
Persönliche Eigenschaften und Skills
Arbeitsweise und Methodik
Angebote und Preise
Marketing
Rahmenbedingungen
Ein paar letzte Worte
Zur Selbstreflexion
Was ich dir noch mitgeben möchte
Danksagung
Literaturverweise
Für Carlo und eine Welt, in dem ehrlichesMiteinander was richtig Cooles ist.
Und besonders für all die Menschen, die keineguten Erfahrungen mit Coaching gemachthaben und sogar bis heute noch mit denAuswirkungen kämpfen.
In diesem Buch verwende ich immer wieder verschiedene Begriffe, die ich vorab ausführen möchte, damit du das Buch flüssiger lesen kannst.
Hier stelle ich dir zum Verständnis einmal das Gesamtbild dar: Es gibt den »gesamten Markt«, den ich hier im Buch als Coachingszene oder Coachingindustrie bezeichne. Darin findet sich eine Art Subkultur, die »Szene der Modernen Spiritualität« – was am Ende aber nichts weiter ist als die New-Age-Spiritualität, nur anders formuliert. Wenn ich also von New-Age-Szene oder Szene spreche, rede ich von genau dieser Subkultur, die sich auch gut als Bubble bezeichnen lässt.
Das Trügerische daran ist, dass sich diejenigen, die diese Spiritualität leben und ihre Angebote darauf aufbauen, als »Coaches« und »Gurus« sehen, dabei ist New-Age-Spiritualität viel mehr eine Religion, die vorgibt, keine zu sein. Menschen werden also eigentlich nicht gecoacht, sondern ihnen wird gepredigt und gegen Geld Erleuchtung und Co verkauft. Deshalb bin ich dazu übergegangen, diese »Coaches« und »Gurus« Anbieter:innen zu nennen, um so einen einheitlichen Begriff zu nutzen.
Auch möchte ich gezielt zwischen drei Begriffen unterscheiden: Esoterik, Spiritualität und New-Age-Spiritualität. Alle drei haben eigentlich keine »feststehende« Definition, dennoch lässt sich Folgendes festhalten:
Esoterik, wie sie heute meist verstanden wird, beschreibt am ehesten, dass es sich dabei um vielschichtige Weltanschauungen handelt, in der metaphysische Lehren sowie anthroposophische und okkultistische Praktiken ein Zuhause finden und für persönliche Zwecke genutzt werden, die leider sehr oft dogmatisch werden und teilweise gefährliche Konzepte verbreiten (aber nicht zwangsläufig).
Spiritualität ist nicht Esoterik. Esoterik ist nicht Spiritualität. Ich habe dazu vor Kurzem Folgendes geschrieben, als mich Follower:innen fragten, wie ich zur Spiritualität stehe: »Ich bin fest davon überzeugt, dass Spiritualität etwas ganz Wunderbares, Wertvolles, Wichtiges und Haltgebendes sein kann. Damit meine ich aber ›echte‹ tiefe Spiritualität.« – also Spiritualität, die nicht an Bedingungen geknüpft ist und/oder als Geschäftsmodell ausgelegt ist. Ich sehe diese Spiritualität, die wir alle mainstreammäßig als »New-Age-Spiritualität« oder auch »Moderne Spiritualität« kennen, heute äußerst kritisch, weshalb ich sie in diesem Buch detailliert beleuchte. Denn sie setzt nicht nur an Bedingungen an (»wenn du etwas machst, dann bekommst du ein bestimmtes Resultat«), sondern verkauft das Resultat dann auch noch für sehr viel Geld: Erleuchtung gegen Geld. Erfolg gegen Geld. Anerkennung gegen Geld. Das ist keine Spiritualität, sondern ein knallhartes Geschäft. Oder es ist »spiritueller Narzissmus«, also eine Ausflucht in spirituelle Konzepte, um Kontrolle über sich selbst und andere zu erlangen (vgl. dazu auch das Kapitel »Spiritueller Narzissmus«, ab Seite 171). Aber es ist keine tiefe, wirkliche Spiritualität.
Spiritualität ist eine Verbindung zu einem selbst, mit allem, was dazugehört. Vor allem allen Emotionen. Es sind die kleinen und großen Momente des Seins. Egal, wie man das erreicht. Es ist eine Verbundenheit mit der Welt, der Natur und all ihren Lebewesen und Existenzen. Und zwar nicht im Sinne von »wir sind alle energetischer miteinander verbunden«, sondern im Sinne von »wir sind eine Gesellschaft, und wir sind miteinander füreinander da«.
Spiritualität ist auch ein wertebasiertes Leben, zeugt von Verständnis füreinander und von Nachhaltigkeit sich selbst gegenüber. Es ist kein »Ich setze mich hin und meditiere mich jetzt ins 5D-Feld, um mir daraus mein Traumleben zu manifestieren«. Das ist keine Spiritualität. Das ist ein Kontrollwahn. Spiritualität bedeutet aber auch genau das Gegenteil: anzunehmen, dass wir nicht alles kontrollieren können, dass die Realität manchmal fies ist, dass die Welt und manche Menschen manchmal schrecklich sind. Und dann zu agieren. Sich einzusetzen für andere.
Spiritualität bedeutet also auch Aktivismus. Und vor allem ist Spiritualität nichts Festes, nichts Allgemeingültiges, sondern individuell. Spiritualität verbindet dich mit dir. Das ist auch der Grund, warum New-Age-Spiritualität eine Pseudospiritualität ist. Denn es wird immer etwas gemacht, um etwas zu erreichen. Um etwas zu werden, zu machen, zu optimieren, zu transformieren. In den endlosen Versuchen, mehr man selbst zu sein, verliert man sich immer weiter. Es »ist« nicht. Aber Spiritualität in ihrer reinsten Form ist – sie ist ein Zustand des Seins, nicht des Machens.
Gaslighting ist eine Form der psychologischen Manipulation, bei der eine Person versucht, bei einer anderen Person Zweifel zu säen und sie dazu zu bringen, ihre eigenen Erinnerungen, Wahrnehmungen oder Urteile infrage zu stellen. Oft wird versucht, jemanden dazu zu bringen, an seinen eigenen Wahrnehmungen und Überzeugungen zu zweifeln und an die Überzeugungen des anderen zu glauben. Oftmals werden dadurch Emotionen verleugnet oder auch komplette Erfahrungen ent-validiert (also valide Erfahrungen und Empfindungen als nicht valide eingestuft). Gaslighting kann subtil oder auch ganz offensichtlich sein, und es kann absichtlich oder unabsichtlich geschehen. Es ist eine Taktik, die häufig eingesetzt wird, um Macht und Kontrolle über eine andere Person zu erlangen, und kann schwerwiegende Folgen für Betroffene haben, darunter Angstzustände, Depressionen und den Verlust des Vertrauens in sich selbst (und andere).
Es ist Zeit für einen Wandel. Einen Wandel in einer Branche, die mit dem Leben, der Psyche und der Gesundheit von Menschen spielt und ein Ausmaß angenommen hat, das nicht nur spaltet, sondern Risiken für das Wohl von Menschen bildet und weder reguliert noch kontrolliert ist. Diese Branche nennt sich Moderne Spiritualität. Auch New-Age-Spiritualitäts- oder moderne Coachingszene genannt.
Ich schreibe dieses Buch, weil ich in meinem Leben vieles gesehen, vieles erlebt, vieles ausprobiert und mit vielem aufgehört habe. Besonders aber auch, weil es meine Stärke ist, Stellen zu identifizieren, an denen etwas oder ganze Systeme nicht funktionieren, sie zu analysieren und konstruktive Lösungswege zu finden. So bin ich andere Wege gegangen, ethischere, bewusstere und nachhaltigere Wege, die nicht »entweder oder« sind, sondern »miteinander füreinander«.
Ich habe selbst sehr viele Jahre in dieser Szene, in dieser ja schon Industrie, gesteckt – in der es nicht mehr um Menschen, sondern ums Geld und egozentrischen Zugewinn geht. Ich habe die sehr dunklen Seiten dieser Szene gesehen, erlebt und leider auch mitgemacht. Anbieter:innen, die alles dafür tun, um so viel wie möglich zu verkaufen. Es wird Hoffnung auf Besserung, Fülle und Glück verkauft, durch gezieltes Brainwashing und manipulative sozial- und massenpsychologische Techniken – all das habe ich hautnah miterlebt, weil ich nicht nur Teil der Szene war, sondern auch für diese Anbieter:innen gearbeitet habe. Nur geht es hier nicht um ein physisches Produkt, sondern um ein Spiel mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und den Leben und der Psyche von denen, die in die Fänge dieser Anbieter:innen geraten – bei denen am Ende des Tages der Mensch nur ein Produkt und eine Zahl auf dem Konto ist.
Diese Szene, dieses System, lebt aber auch, weil in anderen Systemen Menschen über Bord geschmissen werden: Wer sich die Szene anschaut, muss sich also immer auch die anderen Systeme anschauen: Das geht über die Arbeitsgestaltung, über Politik und soziokulturelle Faktoren und endet beim Gesundheitssystem.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Arbeit belastet, einschränkt, leider noch viel zu oft zu steif und wenig inspirierend ist. Arbeit, von der viele gerade so oder gar nicht leben können. Gefesselt an ein unflexibles System, das nicht selten nicht nur körperlich, sondern auch psychisch krank macht. Mitunter werden einige sogar noch ausgegrenzt und ausgenutzt. Hier dockt dann ein Gesundheitssystem an, das keine Zeit und Geld für die Menschen hat, weil es völlig überlastet ist. Zusätzlich gib es noch grundsätzliche Probleme: Es werden beispielsweise bestimmte Personengruppen anders, ja sogar schlechter behandelt. So fühlen sich zum Beispiel viele weiblich gelesene Personen nicht gehört, gesehen oder ernst genommen. Und das ist nicht nur ein Gefühl, sondern etwas, das real passiert. Tagtäglich.
Auch aufgrund dieser gesellschaftsrelevanten Themen sind viele offen für alles, was Hoffnung auf Besserung verspricht – und genau da setzt die Szene der Modernen Spiritualität an.
Mit diesem Buch zeige ich einige der Probleme auf, spreche an und kläre auf. Aber vor allem möchte ich mit diesem Buch eines bewirken: Es soll bewusst machen. Für die Probleme, aber insbesondere für mögliche Lösungen, denn die gibt es. Es soll aufzeigen. Es soll anstoßen. Es soll Vorschläge liefern. Denn es ist nicht alles schlecht in der Szene und schon gar nicht alles pauschal zu verteufeln. Spiritualität bietet viele wertvolle Elemente, und auch Coaching kann, wenn verantwortungsbewusst und ethisch gestaltet, eine wundervolle Bereicherung und eine wichtige (präventive) Maßnahme und Ergänzung sein.
Am Ende geht es darum, wie sich unsere Gesellschaft und ihre Systeme, die Politik, das Miteinander insgesamt und jede:r Einzelne bewegen und verändern kann – und muss –, damit eine Gesellschaft entsteht, in der die Gemeinschaft neben der persönlichen Entfaltung gleichberechtigt stehen kann, ohne dass ganze Gruppen bis hin zu:r Einzelnen darunter leiden müssen.
Ich bin mir auch bewusst, dass so ein Wandel niemals vollständig und von heute auf morgen auf perfekte Art und Weise stattfinden wird. Es wird immer Menschen geben, die andere ausnutzen. Aber vielleicht hilft dir als Leser:in dieses Buch zumindest ein bisschen dabei, zu erkennen, wer ausnutzt und wer nicht. Zu verstehen, was dich eher positiv und eher negativ beeinflusst. Zu erkennen, was vorn gezeigt wird und was hinter den Kulissen stattfindet, damit du bewusste Entscheidungen für dich treffen kannst.
Mir fehlte damals das Bewusstsein. Heute weiß ich mehr. Ich weiß, dass sowohl Coaching als auch Marketing auf ethische und nachhaltige Art funktionieren können. Ich habe gelernt. Ich habe mich rausgezogen aus einer dunklen Seite der Szene, in der so viele Mythen weitergetragen werden, und habe mich auf die Reise begeben, eine Reise zu mehr Ethik, zu mehr Verständnis für die individuelle Situation eines jeden – hin zu einem gemeinschaftlichen Ansatz, für und mit der Gesellschaft und einem Netzwerk, das für alle da ist, und ich freue mich über jede:n, die/der mit auf diese Reise kommt.
Eine Sache möchte ich erwähnen: Mir geht es mit diesem Buch weder darum, dir deine Erfahrungen abzusprechen, noch möchte ich jemanden persönlich angreifen. Mir geht es nicht um die Personen, sondern um die Methoden und Techniken, die genutzt werden. Diese spreche ich an und stelle die Auswirkungen und Mechanismen dahinter dar. Wenn ich Namen nenne, mache ich das nur, damit du gewisse Dinge nachvollziehen kannst.
Wenn du in dieser Szene steckst und vielleicht sogar zu den Anbietern oder Anbieterinnen gehörst, lade ich dich von Herzen ein, offen zu sein für andere Perspektiven und andere Erfahrungen. Denn viel zu oft, und da spreche ich aus eigener Erfahrung, blenden wir die Dinge aus, die »nicht positiv« sind, die unser Weltbild ins Wanken bringen. Aber dann sind wir nicht nur manchmal blind für das, was direkt vor uns liegt, sondern vergessen einen ganz wichtigen Teil der menschlichen Erfahrung.
»Das Universum gibt uns, was wir aussenden. Seitdem ich die Meditationen von Dr. Joe mache, hat sich mein Leben radikal transformiert. Meine Prismaverkrümmung ist nun weg, ich habe bessere Augenwerte, mein Ganglion habe ich wegmeditiert, und außerdem lebe ich nun in absoluter Fülle.«
Das war einer meiner Kommentare in einer spirituellen »New Age«-Community im Jahr 2019. Und eine grandiose Lüge. Eine Lüge, die ich mir selbst erzählt habe, um mich besser zu fühlen, um die Kontrolle über mein Leben zu haben und schlussendlich auch um dazuzugehören – denn alle in meinem Umfeld erlebten irgendwelche Wunder, nur ich nicht. Ich fühlte mich noch genauso miserabel und scheiße wie vor meinem Einstieg in die New-Age-Spiritualitäts-Szene, wenn nicht sogar noch schlimmer. Also habe ich so getan, als wenn auch ich Wunder erleben würde, denn ich wollte dazugehören.
Heute beiße ich mir noch immer in den Hintern dafür, wie viele ungeprüfte, falsche und als wahr dargestellte Annahmen, Hypothesen und Lügen ich verbreitet habe, wie viele Menschen ich habe glauben lassen, dass ich geheilt und liebenswert bin, gleichzeitig ein so schlechtes Vorbild war und die Botschaften der Szene noch weitergetragen und vermeintlich »bewiesen« und bestärkt habe. Ich frage mich bis heute, wie vielen Menschen ich wohl vorgehalten habe, dass sie es nicht wert sind, so, wie ich mich eigentlich auch nicht wertvoll gefühlt habe, weil mir überall erzählt wurde, dass ich ohne Wunder und Co nichts wert bin. Am Ende habe ich mich jahrelang selbst gegaslighted, Spiritual Bypassing betrieben und in einer Blase gelebt, die meine tiefsten Ängste bedient und mich abhängig gemacht hat.
Spiritual Bypassing ist die Tendenz, spirituelle Ideen und Praktiken zu verwenden, um ungelöste emotionale Probleme, psychologische Wunden und unerledigte Entwicklungsaufgaben zu umgehen oder zu vermeiden.1
Ich war irgendwann so überzeugt davon, diese Wunder würden auf jeden Fall passieren, dass eine magische Lösung vom Universum (aka Gott) geschickt wird, weil ich es nun endlich wert bin, vom Universum zu empfangen. Genau das ist es, was einen die New-Age-Szene beispielsweise mit dem »Gesetz der Anziehung« lehrt: Du ziehst an, was du aussendest. Damit spricht sie Menschen wie mich an, die aufgrund ihrer Erfahrungen genau das magisch anzieht.
Das erste Mal kam ich mit der Szene 2016 in Kontakt, nachdem ich eine – wie man es in der Szene so schön nennt – »dark night of the soul« hatte. Ein Konzept, das als Moment des Erwachens der Seele durch schlimme Erfahrungen verbreitet wird. In Neudeutsch: rock bottom. Oder anders gesagt: der tiefste Punkt, an dem man landet, wenn nichts mehr geht und man mental, emotional und auch finanziell am Boden liegt.
Es war der 5. Februar 2016. Ich war ausgebrannt, depressiv, aufgefressen von (Kindheits-)Traumata. Zu viel Alkohol, zu viel Drogen, um irgendwie die Leere in mir zu füllen. Mein Herz und auch meine Psyche haben diesem Tag nicht standhalten können. So fand ich mich wieder auf dem Badezimmerfußboden meiner Freunde liegend: Herzrasen. Panik. Erbrechen. Schwindel. Blackout. Am nächsten Tag, ich wollte es nicht wahrhaben, ging alles von vorn los. Herzrasen. Panik. Mein Leben, alles zog an mir vorbei. Blackout. Was folgte, waren Monate der Panik: Herzaussetzer. Blackouts. Schwindel. Ich habe kaum mehr Essen vertragen. Ständig bin ich umgekippt. Irgendwann ging ich nicht mehr raus. Fast 15 Kilo habe ich abgenommen. Es gab einen Moment, da lag ich in meinem Bett und dachte: So kann ich nicht mehr weiterleben. Rock bottom eben.
So wandte ich mich – die in einer Atheistenfamilie groß geworden ist und an nichts und niemanden glaubte, schon gar nicht an irgendwas »da oben« – an eine »höhere Macht« – wenn es sie denn doch gibt, mit der Bitte, mir zu helfen, weil ich so nicht mehr weiterleben konnte. Was ich bekam – zumindest erzählte ich mir das –, war eine Werbeanzeige zu einer Meditationsapp. Mein Einstieg in Meditation. Was folgte, war ein tiefes Eintauchen in eine Welt, die mir auf abstruseste Art und Weise all die Erklärungen für meine Fragen lieferte:
»Diese Erfahrung ist Teil deiner Seelenerfahrung, du hast dir das auf Seelenebene ausgesucht.«
»Du wurdest von deinem Vater emotional missbraucht, weil das euer Seelenvertrag ist und er diesen damit erfüllt, sodass du in deine Kraft kommst.«
»Du ziehst solche Menschen an, weil du dich damit identifizierst und nicht geheilte Schattenanteile in dir hast.«
»Du hast dir das alles selbst erschaffen, um endlich in dein Potenzial zu kommen.«
Gleichzeitig lieferte mir diese Welt auch direkt alle Lösungen für meine Probleme. Kurse und Programme, die einem gegen Geld – mitunter sehr, sehr viel Geld – die magische Lösung für ein glückliches, erfolgreiches, freies und selbstbestimmtes Leben verkaufen. Und natürlich sagte ich, als Mensch, der sein Leben lang unglücklich, nie genug war und von den Eltern fremdbestimmt wurde – ja. Denn die Hoffnung auf Besserung, auf Freiheit, auf Selbstbestimmung, sie war so groß.
Systematisch wurde immer und überall das Gleiche gepredigt: Wenn du diese Methode und Technik anwendest, wirst du endlich ein bestimmtes Resultat erreichen. Wenn du dein inneres Kind heilst, dann wirst du endlich frei und glücklich sein. Wenn du alle Energievampire aus deinem Leben streichst, wirst du endlich selbstbestimmt leben. Wenn du genug in dich investierst, wird das Universum dich belohnen. Wenn du die verletzten Anteile in dir heilst, wirst du endlich selbstbestimmt sein. Wenn.
Doch was es eigentlich ist, und das weiß ich heute, ist eine subtile Anspielung psychologischer Mechanismen, die Kontrolle suggerieren, zum Kaufen anregen und dafür sorgen, dass Dinge nicht hinterfragt werden und man genau das macht, was die Anbieter:innen einem (indirekt) vorgeben. Gleichzeitig wirst du von den Anbietern/Anbieterinnen, aber auch von ihren Communitys, dazu angehalten, Kontakte, die dir als ehrlicher Spiegel dienen und andere Bilder zeichnen könnten, als »noch nicht erleuchtete Energievampire« zu eliminieren. So wird systematisch dafür gesorgt, dass du dich mit bestimmten Ideologien identifizierst und komplett offen bist für die wildesten Erklärungen – ohne auch nur ein bisschen davon zu hinterfragen.
Dadurch wird denen, die (vermeintlich) wenig Kontrolle in ihrem Leben haben/hatten, mit toxisch manipulativem Marketing eine, was man in der Psychologie Kontrollillusion2 nennt, verkauft. Aber es ist eben nur eine Illusion, denn über manche Dinge haben wir einfach keine Kontrolle. Deshalb ist es eine Illusion, die Kontrolle suggeriert und damit Hoffnung und vermeintlich Sicherheit und Halt gibt.
Die Kontrollillusion ist die menschliche Tendenz zu glauben, gewisse Vorgänge kontrollieren zu können, die nachweislich aber nicht beeinflussbar sind.3
Menschen, die offene Lebensfragen haben, werden mit toxisch manipulativem Marketing Lösungen verkauft, die vermeintliche Antworten liefern. Doch auf manche Fragen gibt es keine Antworten.
Menschen, die vom Gesundheitssystem allein gelassen wurden, werden durch manipulative Erklärungen aufgefangen und mit alternativen und energetischen Heilmethoden dazu angehalten, ihre schulmedizinischen Behandlungen abzubrechen. Doch manche Krankheiten benötigen medizinische Begleitung und Intervention, und manche lassen sich weder heilen noch erklären.
Menschen, die traumatische Erlebnisse hatten, werden – obwohl es rechtlich nicht erlaubt ist – gezielt mit toxisch manipulativem Marketing angegangen, und es wird ihnen Heilung versprochen. Doch leider gibt es diese Heilung nicht in solcher Form und schon gar nicht durch anonyme Massenkurse von Anbietern/Anbieterinnen, die meist keinerlei therapeutische und traumabezogene Ausbildungen haben.
Menschen, die sich in schwierigen finanziellen Situationen befinden, werden davon überzeugt, dass sie hohe Summen in bestimmte Kurse investieren müssen, notfalls sogar durch einen Kredit oder die Oma gedeckt, nur um dem Universum zu signalisieren, dass sie bereit und es wert sind, Fülle zu empfangen. Doch leider interessiert sich das Universum herzlich wenig für die finanzielle Fülle eines Menschen, und es wird dadurch einfach nur ein Mangelgefühl produziert, um Lösungen zu verkaufen, an denen sich die Anbieter:innen bereichern.
In den letzten Jahren sind diese Arten von Angeboten, Überzeugungen und Ideologien überall aus dem Boden geschossen. Und weil so viele davon reden und es bei so vielen auch – vermeintlich – funktioniert, ist das menschliche Gehirn eher dazu geneigt, etwas als »wahr« anzusehen, obwohl es eigentlich nicht so ist. Diesen Effekt nennt man übrigens den Illusory Truth Effect.
Dieser Illusory Truth Effect, auch »truth effect« genannte Effekt, beschreibt die Tatsache, dass in der Vergangenheit häufig wiederholte Informationen den Eindruck vermitteln, dass sie wahrer sind als aktuelle Informationen.4
Dazu kommt, dass Menschen, wie ich in diesem Fall, unbedingt einer Peergroup angehören möchten – insbesondere, wenn es sich um Personen handelt, die wie ich ihr ganzes Leben lang schon Ausgrenzung und Ablehnung erfahren haben. Plötzlich findet man sich in einer wertschätzend wirkenden Community wieder – in der man aber nur so lange wertgeschätzt wird und dazugehört, wie man die gleiche Meinung hat und keine Kritik äußert.
Die New-Age-Spiritualitäts-Szene ist aus dem New Thought Movement in den USA entstanden, welches durch drei große Freikirchen in den USA begründet wurde (Unity Church, Church of Divine Science und Religious Science). Das gesamte Konstrukt New Age und New Thought besteht also aus Abspaltungen religiöser Formationen. Sie geben eine Glaubensrichtung weiter, die sich an Gott (oder »dem Universum«) orientiert.
Das Universum wird dabei als eine »höhere spirituelle Macht« gesehen, und es werden sogar Elemente der Physik, Mathematik und Mechanik herangezogen, um die Göttlichkeit des Universums »quantenphysikalisch« darzulegen, was aber am Ende des Tages pseudowissenschaftlich ist (vgl. Kapitel »Die Wissenschaft von Manipulation«, ab Seite 143) und den religiösen Glauben an Gott im christlichen Sinne in eine spirituell-wissenschaftliche Hülle steckt, um Menschen auf andere Art und Weise abzuholen. Nur wird meist keine klassische Bibel genutzt, sondern das Buch »Ein Kurs in Wundern« (A Course in Miracles, Foundation for Inner Peace), was schon von Art, Aufmachung und Papier sehr viel Ähnlichkeit mit einer Bibel hat, verwendet. Wenn man dann inhaltlich einsteigt, wirkt es wie eine anders formulierte »moderne« Bibel.
Schaut man sich die Mitbegründer des New-Thought-Movements an, findet man bekannte Namen, die bis heute noch die Selbsthilferegale in den Buchhandlungen füllen und als Standardlektüre in der New-Age-Szene gehandelt werden. Meistens handelt es sich dabei um vorrangig weiße, heteronormative Personen mit privilegiertem Hintergrund, die positives Denken und »Fülledenken« als vermeintlich wissenschaftlich basierte Lösung predigen. Allen voran stehen hier Namen wie William Walker Atkinson, Mary Baker Eddy, Louise Hay, Napoleon Hill und Bruce MacLelland. Kernaussagen sind, dass Gedanken Krankheit wie Heilung produzieren, alles mit allem verbunden ist, dass Wunder möglich sind, Gott die universelle Kraft ist und der Mensch ist, was sie oder er denkt und glaubt.5
Hieraus wurde ein Konstrukt geschaffen, das sich selbst als religiöse Wissenschaft bezeichnet – was unter der geltenden Definition von Wissenschaft ein Oxymoron ist, denn Religion ist weder geordnet noch als gesichert erachtet, was aber die Grundvoraussetzung von Wissenschaft ist.
So bringt es nicht nur privilegierten Personen, die es sich leisten können, »Erleuchtung« gegen Geld, sondern schiebt auch denen, die in nicht so privilegierten Umfeldern leben, und denen, denen es schlecht geht, systematisch die Schuld an der eigenen Lage in die Schuhe. Relevante Umweltfaktoren, die immer eine Rolle in der Situation eines Menschen spielen, werden ausgeblendet. Hier kann man also von systematischem »victim blaiming« sprechen, einem Vorgang, dem Opfer die (Mit-)Schuld an der Tat/Situation zu geben.
