Nichts was uns verbindet - Isabella Martens - E-Book

Nichts was uns verbindet E-Book

Isabella Martens

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Beschreibung

So verschieden und doch so gleich ... Schwarz und Weiß. Gut und Böse. Das ist die Welt, in der Prinzessin Honey aufwächst. Dieses Bild ändert sich allerdings schlagartig, als sie auf Baxter Bennington, Sohn des Rebellenanführers und ihren größten Feind von Kindestagen an, trifft. Von Anfang an spüren sie dieses Kribbeln, dieses heiße Prickeln, als sie sich zum ersten Mal außerhalb des Schlosses begegnen. Sie lernen sich kennen mit all ihren Stärken und Schwächen, mit dem Wissen, was in ihrer Zukunft liegt. Immer wieder bemerken die beiden, dass die Welten, aus denen siekommen, kaum verschiedener sein könnten. Ob solch eine Liebe wirklich eine Zukunft hat? Romantisch, Bezaubernd. Spannend.

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine Schwester Vanessa, der einzig

wahren Prinzessin, für Schokolade,

Gurken und meine Katze Mia

Die glücklichen Zeiten der Menschheit

sind die leeren Blätter im Geschichtsbuch

Leopold von Ranke

Inhaltsverzeichnis

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

HONEY

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

HONEY

BAXTER

BAXTER

BAXTER

BAXTER

HONEY

BAXTER

BAXTER

BAXTER

HONEY

HONEY

HONEY

BAXTER

BAXTER

HONEY

HONEY

BAXTER

BAXTER

HONEY

HONEY

HONEY

HONEY

BAXTER

HONEY

1 HONEY

Lichter blitzen. Die Alarmanlage bellt. Sirenen heulen. Meine hastigen Schritte hallen durch den menschenleeren Palastflur.

Mein Puls rast und mein Herz pocht wie wild unter meinem Korsett, das mir alle Luft aus den Lungen presst. Ich atme tief durch und eile weiter durch den Flur. Die grellen, flackernden Lichter rauben mir den Verstand. Und diese Sirenen …

Plötzlich legt sich eine eiskalte Hand auf meine Schulter und ich fahre herum. »Prinzessin, kommen Sie, sie stürmen das Schloss.«

»Von wem reden Sie?«, frage ich mit erstickter Stimme und betrachte den Wachmann mit ängstlichen Blicken.

»Die Rebellen.«

»Rebellen?« Meine Kehle ist staubtrocken, wie zugeschnürt. Die Rebellen sind im Schloss. Nein. »Wo ist mein Vater, wo ist der König?«, frage ich hysterisch und versuche hektisch, mich aus dem Griff des Wachmanns loszureißen.

»In Sicherheit.«

»Bringen Sie mich zu ihm!«, befehle ich und will eigentlich stark klingen, doch ich tue es nicht. Meine Stimme ist schrill, grell, ein Schatten ihrer selbst. »Sofort!«

»Das kann ich nicht, Prinzessin.« Beschwichtigend klammert er seinen Arm um meine Taille, doch ich stoße ihn beiseite und starre ihn an.

»Ich will zu meinem Vater, auf der Stelle!« Mir ist egal, was er von mir denkt, so sehr will ich einfach weg von hier. Weg von diesem unheimlichen Ort.

»Das geht nicht, Prinzessin. Er hat angeordnet, dass ich Sie in einen anderen Teil des Schlosses bringen soll.«

Ich schlucke. »Aber wieso?«

»Damit nicht die komplette königliche Familie stirbt, sollten die Rebellen Sie finden.«

Mit großen Augen starre ich ihn an. Sterben? Hat er gerade wirklich sterben gesagt?

»So und nun kommen Sie.« Er packt mich und schleift mich den Flur entlang.

Was ist hier bloß los? Ich kann nicht anders, als mich ganz auf ihn zu verlassen, denn mein gesamter Körper wird von einer Taubheit erfasst und nach und nach, Stück für Stück, davon eingenommen. »Wo genau bringen Sie mich hin?«

»Auf die andere Seite des Palastes.«

Fragend sehe ich zu ihm auf.

»In Ihre Gemächer«, sagt er dann und läuft schneller.

Plötzlich wird die Tür vor uns aufgerissen. Erschrocken starre ich in die Augen dreier Männer. Sie sind bewaffnet, maskiert. Einfach nur furchterregend.

»Hinter mich!«, weist mich der Wachmann an und zieht mich ruckartig hinter sich, sodass ich gar nichts mehr außer seiner blauen Uniform sehen kann.

Zuerst hält er den dreien provozierend sein Gewehr unter die Nase, doch dann schnappt er sich schnell meine Hand und rennt mit mir los.

Gerade will er eine Tür aufreißen, die in den anderen Teil des Palastes führt, da höre ich plötzlich einen lauten Knall. Der Griff um mein Handgelenk lockert sich und ich spüre, wie etwas Warmes auf meine nackte Haut spritzt. Entgeistert starre ich den Wachmann an, dessen Körper wie ein Stein zu Boden fällt. Direkt neben mir. Voller Blut. Ein paar Zentimeter in eine andere Richtung und die Kugel hätte mich getroffen …

Ich krampfe meine schweißgebadeten Hände um den Saum meines Kleides und reiße die Tür auf. So schnell ich kann, renne ich hindurch und knalle sie hinter mir zu. Auf der gegenüberliegenden Wand sehe ich, wie eine Kugel laut in die Wand donnert. Diese Wand hätte genauso gut ich sein können …

Meine Pumps reiben meine Blasen an den Füßen auf und ich ziehe mir kurzerhand die Schuhe von den Füßen und werfe sie achtlos auf den Flur. Hoffentlich stolpert einer darüber …

So schnell ich kann, renne ich durch den Flur. Immer in der Angst, getroffen zu werden.

Das Bild von dem blutigen, angeschossenen Wachmann, der leblos auf dem Boden lag, dreht mir fast den Magen um und ich muss würgen. Wann kann ich endlich aus diesem Traum erwachen?

An der nächsten Tür ringe ich nach Luft und verschnaufe kurz, bevor ich sie öffne und hinter mir wieder zu werfe.

Und da stehen vier Männer.

Einer ist recht groß, weitaus größer als die anderen. Schwarz gekleidet, doch trotzdem ist nur einer maskiert.

Ich sehe zu dem Jüngsten. Er muss ungefähr in meinem Alter sein. Seine braunen Haare streicht er hastig aus der Stirn und sieht zu dem Mann neben ihm, dann wendet er sich wieder mir zu.

Unsre Blicke treffen sich. Seine grünen Augen ziehen mich in seinen Bann und ich kann nicht anders, als ihn einfach anzustarren.

Wenn er wollte, könnte er mich in diesem Moment töten. Oder mich entführen und später Lösegeld einfordern.

Aber wir bleiben stehen. Regungslos. Und sehen uns einfach nur in die Augen.

Plötzlich geht hinter mir eine Tür auf. Drei Wachmänner stürmen herein. »Prinzessin, kommen Sie«, sagt einer davon und will mich aus der Halle ziehen, als mich wieder ein lauter Schuss zusammenfahren lässt.

Erschrocken starre ich auf den jungen Mann, den ich so angestarrt habe.

Er blutet.

Am ganzen Arm.

Schmerzverzerrt verzieht er das Gesicht und schreit leise auf, bevor er zu Boden geht.

Gerade will der Wachmann neben mir noch einmal auf ihn zielen, da schlage ich auf den Lauf des Gewehrs und gebe ihm mit einem deutlichen Kopfschütteln zu verstehen, dass er das nicht tun soll.

»Diese Männer sind … böse, Prinzessin. Sie zu töten und ihrem Leben ein Ende zu setzen, ist das einzig Richtige. Egal, wie alt sie sind.«

»Ich will in meinem Schloss nicht, dass Menschen getötet werden«, sage ich entschlossen, packe den Wachmann am Arm und renne weiter.

2 BAXTER

Ich kann immer noch die Wucht spüren, mit der die Kugel meine Haut durchbohrt hat. Schmerzverzerrt verziehe ich das Gesicht und stöhne leise auf.

Ich sehe zu dem Wachmann, der konzentriert und mit zugekniffenen Augen sein Gewehr ein weiteres Mal auf mich richtet. Gleich ist es vorbei. Gleich schließe ich meine Augen. Für immer.

Doch da greift plötzlich das zierliche, honigblonde Mädchen neben ihm ein, schüttelt den Kopf und schlägt das Gewehr weg. Was macht sie denn da? Weiß sie nicht, dass ich ihr Feind bin?

Die Schmerzen in meinem Arm werden immer unerträglicher. Leise stöhne ich und versuche, ihn zu bewegen, doch ich habe die Kontrolle über ihn, sowie meinen restlichen Körper bereits verloren. Blut klatscht in fetten Tropfen zu Boden und ich spüre, wie langsam alles vor meinen Augen verschwimmt. Meine Augenlider werden bleischwer, es fühlt sich so an, als hätte jemand Gewichte an meine Glieder gehängt, so schwer sind sie auf einmal. Krampfhaft versuche ich, den Kampf zu gewinnen, doch ich scheitere.

Meine Augenlider schließen sich und alles wird schwarz.

Alles.

Ich blinzle, doch ich kann meine Augen nicht öffnen. Ein Geruch nach leicht modrigem Holz und einem dominanten, herben Parfum steigt mir in die Nase und ich stöhne leise. Ich will meinen Arm ansehen; sehen, was noch von ihm übrig ist, doch ich taste ins Leere. Oder vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Jedenfalls ist da nichts, das ich spüren kann. So taub und leblos ist mein Körper.

„Baxter.“ Mein Vater. Der Ton in seiner Stimme ist keineswegs einfühlsam, sondern vorwurfsvoll. Wie immer. Sein Jackett sitzt perfekt, sein blütenweißes Hemd ist faltenfrei. Eine makellose Erscheinung.

Nun öffne ich komplett meine Lider. Mein dichter Wimpernkranz blinzelt einmal, bis das Bild endgültig scharfgestellt ist. Mein nahezu regloser Körper liegt auf einer Matratze, meinem Bett. Zu Hause. Ich bin tatsächlich zu Hause. Mit Mühe schaffe ich es, mich ohne die Hilfe meines Arms im Bett aufzusetzen und mich weiterhin umzusehen.

„Was tust du nur immer“, murmelt er und schüttelt fassungslos den Kopf. „Nicht eine Sekunde kann man dich aus den Augen lassen.“

„Ich …“ Das Bild vor meinen Augen verschwimmt ein wenig und ich falle zurück in mein Kopfkissen, das unter meinem Gewicht merklich nachgibt.

„Nimm das hier, es wird dich schnell zurück auf die Beine bringen.“ Vater reicht mir etwas, ich kann nicht erkennen, was es ist und ich kneife die Augen ein wenig zusammen. Dann spüre ich, wie er mir etwas Kaltes, Metallenes gibt; meine Finger zittern leicht, als ich versuche, das dünne Teil zu fassen und das nächste, das ich wahrnehme, sind ein unangenehm süßer Geruch und ein nasser Fleck auf meiner Bettdecke. Angeekelt verziehe ich den Mund.

„Baxter“, schnaubt er. Genervt setzt er sich an mein Bett und streicht mir die widerspenstigen, braunen Haare, wie auch er sie hat, aus der Stirn. Seine Geste ist keineswegs liebevoll, sie ist distanziert, spiegelt unser Verhältnis zueinander wider und ich schlucke schwer. Ich kann es nicht ausstehen, wenn er sich über mich setzt und auf mich herabsieht.

Mein ganzer Körper scheint von einer Taubheit durchzogen zu sein, die nicht erraten lässt, wie sehr mir die einzelnen Knochen schmerzen, doch meinen Arm spüre ich, die Schmerzen holen mich in die Wirklichkeit zurück, zeigen mir, was passiert ist.

„Nimm das, das ist ein Schmerzmittel.“ Grob schiebt er mir das metallene Etwas, das ich versucht habe, in der Hand zu halten, in den Mund. Es handelt sich um einen Löffel, wie ich erst jetzt herausfinde, jetzt wo meine Augen sich wieder an den Reiz des grellen, schreienden Lichts gewöhnt haben. Gewaltsam bohrt er mir den Löffel ins Zahnfleisch und ich schmecke etwas ekelhaft Süßes im Mund. Es betäubt meine Geschmacksknospen wie eine Betäubungsspritze einen Menschen vor einer Operation. Der Geschmack verändert sich ein wenig, als ich die ekelhafte, fast schon etwas dickflüssige Medizin hinunterschlucke. Ein metallischer, leicht salziger Geschmack. Oh nein, Blut. Vater hat es tatsächlich geschafft, mir mit dem Löffel das Zahnfleisch aufzuschneiden. Ich will das lästige Blut hinunterschlucken, doch ich kann es einfach nicht und würge.

„Baxter, verdammt nochmal, jetzt reiß dich gefälligst zusammen!“

Mein Verstand ist wie benebelt, alles in mir scheint sich unaufhaltsam zu drehen. Immer schneller und schneller. „Was ist das?“, frage ich leise. Ich erkenne meine Stimme kaum wieder. Krächzend und leise ist sie, so sehr ich mich auch anstrenge, laut zu sprechen.

„Das habe ich dir doch gerade eben schon gesagt“, macht er mich an. „Schmerzmittel.“ Entnervt klingt er und so, als hätte er etwas Besseres zu tun, als seine Zeit mit mir zu verschwenden; mir, seinem lästigen Sohn.

Vater seufzt, holt tief Luft und füllt erneut den Löffel mit der Flüssigkeit des kleinen, braunen Fläschchens, das ich erst jetzt auf meinem Nachttisch neben meinem Bett bemerke. „Ich weiß, dass es besser gewesen wäre, ins Krankenhaus zu gehen und nach deinem Arm sehen zu lassen“, sagt er und schiebt mir einen weiteren Löffel in den Mund. „Aber du weißt ganz genau, dass Rebellen nicht ins Krankenhaus dürfen.“ Mit diesen Worten zieht er den Löffel wieder heraus und mustert mich finster, als ich schon wieder würgen muss.

„Hast du es denn überhaupt schon einmal ausprobiert, ob die Ärzte dort wirklich darauf achten, ob man Royalist oder Rebell ist?“, frage ich, bekomme aber nur ein aufgebrachtes Schnauben zurück. Ja, das bin ich für meinen Vater. Der nervige, kindische Sohn, der ohne Papi nicht klarkommt und an ihm hängt als wäre er eine Klette und nur blöde Fragen stellt.

„Zeig mal deinen Arm her“, befiehlt er mir im üblich distanzierten, fast schon geschäftlichen Ton und legt den Löffel beiseite. Dann wickelt er langsam den blütenweißen Verband, der die Wunde bedeckt, von meinem Arm und betrachtet ihn eindringlich. Mit dem Abnehmen des weißen, breiten Stück Stoffs gelangt wieder Blut in meinen Arm, der Damm ist gebrochen, der Druck fällt ab; ich spüre das Blut, das plötzlich wieder durch meine Adern rauscht und auch den Schmerz, der damit verbunden ist und mich aufstöhnen lässt.

Ich will die Wunde auch sehen, aber das grelle Sonnenlicht, das durch das Fenster im Flur direkt in mein Zimmer fällt, blendet mich und ich drehe meinen Kopf zur Seite. „Und?“, frage ich, noch immer ist meine Stimme nicht mehr als ein Schatten ihrer selbst. Gebrochen.

„Er … warte.“ Sein Handy klingelt und er nimmt sofort ab. Natürlich nimmt er sofort ab. Wäre ja nicht so, dass ich ihn etwas gefragt hätte … „Ja, ja, klar. Geben Sie mir noch eine viertel Stunde.“ Mit hochgezogener Augenbraue kratzt er sich am Kopf. „Gut. Ich bin gleich da.“ Mit diesen Worten legt er auf und wendet sich wieder mir zu. Er öffnet seine Lippen um etwas zu sagen, aber ich komme ihm zuvor.

„Lass mich raten. Du musst los und kannst nicht länger bleiben.“ Ich versuche es nach einem Rateversuch klingen zu lassen, doch wir beide wissen ganz genau, dass es keiner ist. Wir beide wissen genau, dass ich das sage, um ihn zu provozieren, um ihm zu zeigen, dass ich schon weiß, dass er mich mal wieder alleinlassen wird.

„Bis heute Abend besorge ich dir einen Arzt.“

„Bist du dann dabei?“, frage ich wenig hoffnungsvoll.

„Abwarten, Baxter, abwarten. Du bist nicht der Einzige, der mich braucht.“

Wie oft ich diesen Satz in meinem Leben schon zu hören bekommen habe … Am liebsten will ich beleidigt sein oder zumindest so aussehen, aber ich kann es nicht, so sehr ich mich auch anstrenge. Leider.

Als er sich von meinem Bett erhebt, ächzt die Matratze leise. „Auf deinem Nachttisch steht noch ein Teller Suppe. Iss sie, bevor sie kalt wird und verlass das Bett nicht, ohne mir Bescheid zu sagen.“

Als würde er sich wirklich Sorgen um mich machen … „Und was, wenn ich aufs Klo muss?“

Vater dreht sich ein letztes Mal roboterartig zu mir um und rückt seine dunkelblaue Krawatte zurecht. „Auch dann musst du mir Bescheid sagen, schließlich kannst du mit deinem verletzten Arm nicht allein aufs Klo, und am besten sagst du früh Bescheid, damit ich noch genug Zeit habe, um zu kommen.“

Und um auf dem Weg noch einen Kaffee zu trinken, dichte ich mir in Gedanken dazu und verdrehe die Augen.

„Bis nachher.“ Ohne auf eine Reaktion meinerseits zu warten, wendet er sich von mir ab und verlässt mein Zimmer.

Der Tag vergeht, ich liege in meinem Bett und warte. Ich weiß nicht einmal wirklich, worauf ich genau warte. Warte ich auf den Arzt, den mein Vater vorbeischicken will oder auf meinen Vater? Warte ich darauf, dass mir jemand noch etwas zu essen macht oder mir jemand die Erlaubnis erteilt, aufs Klo zu gehen?

Ich will mein Gesicht in meinen Händen vergraben, doch der Schmerz in meinem Oberarm hält mich zurück. Mein Vater ist kein Arzt, Wunden versorgt er so, wie er denkt, dass es richtig ist. Ahnung hat er keine. Und auch vom Kochen hat er leider keine Ahnung. Etwas missmutig rühre ich in den kalten Resten der Suppe herum.

Die Tür meines Zimmers springt mit einem ächzenden Knarzen auf und mein Vater tritt ein. Perfekt angezogen wie immer. Wüsste ich es nicht, würde ich nicht denken, dass ein langer Arbeitstag hinter ihm liegt, so perfekt wie er aussieht.

Es klingelt an der Haustür und schon verschwindet er wieder, lässt mich allein mit der Medizin und der eisigen Suppe. Was für eine Begrüßung …

Durch das Treppenhaus hallen laute Stimmen. Die meines Vaters und eine fremde, eine schrille; beide sind sie männlich. „Sicher nicht“, höre ich den Mann brüllen und meinen Vater schnauben.

„Drücken Sie einmal ein Auge zu“, sagt er in einem Tonfall, der auf seine Miene schließen lässt: rot im Gesicht vor Zorn, die Hände entweder in die Seiten gestemmt oder gar zu Fäusten geballt, Falten auf der Stirn. Ja, so kenne ich meinen Vater, wenn er wütend ist, weil nicht alles nach seinem Plan läuft.

„Ich helfe keinen Rebellen und ich werde auch sicher keinen Fuß in dieses Haus setzen, schönen Tag noch, Mr. Bennington!“, ertönt die Stimme. Die knallende Tür lässt mich zusammenzucken.

Vater betritt mein Zimmer, sieht von dem halb leeren Suppenteller zu mir und weiter zu meinem Arm. Schwer seufzt er und setzt sich zu mir auf die Matratze meines Betts, die sofort ein wenig unter seinem Gewicht nachgibt. „Der Arzt wollte nicht … er … gib mir einen Moment.“ Aus seinem marineblauen Jackett mit den schillernd silbernen Knöpfen zieht er sein Handy und tippt akribisch, bevor er es zurück in die kleine Tasche steckt und wir warten.

Schweigend.

Ein großer Mann, schlank, im schwarz-gelb karierten Anzug und mit einem kleinen Koffer betritt den Raum. Er ist bestimmt kein ausgebildeter Arzt. Kein Arzt, der wirklich Ahnung von seinem Handwerk besitzt, hilft einem Rebellen. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem hageren Mann mit dem schlechten Modegeschmack um einen der jungen Männer, die nach einem mehr oder weniger gelungenen Abschluss nur eine Weile lang einem Arzt über die Schulter geschaut und sich anschließend sofort selbstständig gemacht haben. Studienabschluss oder gar Doktortitel? Fehlanzeige.

Kritisch mustert er mich und rückt mit der freien Hand seine dünnrandige Brille gerade, bevor er einen Smalltalk mit meinem Vater beginnt. Erst dann setzt er sich neben mich und ringt sich ein falsches Lächeln auf die spröden Lippen, die zu einer schmalen Linie zusammengepresst sind. „Du bist also Baxter“, sagt er und sieht aus, als würde er auf eine Reaktion, ein kleines Nicken oder ein leises Ja warten, doch er wartet vergebens.

„Und Sie sind sicher alles, aber kein studierter Arzt.“

Abfällig schnaubt er nur, wobei sein falsches Lächeln und seine makellose Fassade ein wenig bröckelt, und betrachtet meinen Arm. „Angenehm wird es nicht, das kann ich dir versprechen“, murmelt er, legt seinen kleinen, ledernen Koffer neben meinem Kopf auf dem Kissen ab und klappt ihn auf.

Ein Geruch nach Leder, Metall und einem beißenden, zitronigen Mittel steigt mir in die Nase. Vorsichtig schiele in das Innere des Koffers und erblicke kleine Messer und Skalpelle, lange, spindeldünne Pinzetten, Verband und Pflaster. Schwer schlucke ich.

Vaters Handy klingelt und er lässt es sich nicht nehmen, abzunehmen und den Raum mit dem kleinen, verdammten Teil zu verlassen. Und so liege ich mit diesem fremden, irgendwie unheimlichen Mann mit all seinen gefährlichen Instrumenten allein da.

„Dann wollen wir doch mal“, sagt er und streift sich weiße Gummihandschuhe über. Als ob die die Sache besser machen würden … „Zieh nicht so ein Gesicht, ein paar Minuten und schon ist es vorbei.“ Mit seinen enganliegenden Gummihandschuhen zieht er meine Mundwinkel schmerzhaft weit nach oben und grinst mies.

„Nehmen Sie Ihre Finger aus meinem Gesicht“, zische ich und ernte einen bösen Blick.

„Wie du meinst.“ Er nimmt den Verband von meinem Arm ab und drückt meinen Oberarm fest zusammen, worauf ich leise stöhne und meine Augen schließe. Ich hasse es, Schwäche vor anderen Menschen zu zeigen. Vater würde wahrscheinlich wieder einmal neben mir stehen und sich fragen, was dieses Weichei, das sich seinen Sohn nennt, mit ihm gemeinsam hat. „Du hast Glück gehabt, Junge. Die Kugel sitzt nicht tief.“

Langsam öffne ich meine Lider wieder und lasse meinen Blick auf meinen Arm wandern. Kleine Hautfetzen abgestorbener, aufgerissener Haut und altes Blut kleben auf meiner Haut und ich verziehe das Gesicht.

„Gut“, sagt er, was sich nicht wie eine Feststellung, sondern eher wie eine eingeübte Phrase anhört, und zückt ein kleines Messer, dessen Schneide im letzten Sonnenlicht des Tages blitzt und blinkt. „Kurz wird es unangenehm.“

Ich schließe meine Augen und bereite mich innerlich auf die schlimmsten Schmerzen meines Lebens vor. Als Nächstes spüre ich etwas meinen Arm hinunterlaufen, anschließend den Schmerz, der sich in meinem ganzen Körper nach und nach ausbreitet. Ich schreie auf. Laut und grell.

„Jetzt stell dich doch nicht so an“, weist er mich zurecht und mustert mich mit scharfem Blick. „Ich muss mich schließlich konzentrieren!“ Zwischen Daumen und Zeigefinger, die in inzwischen blutverschmierten Gummihandschuhen stecken, nimmt er eine lange, vorne spitz zulaufende Pinzette und rückt seine Brille gerade. „Schön stillhalten, wenn du willst, dass das keine längere Angelegenheit wird!“, befiehlt er mir, beugt sich weiter zu mir herunter und weitet meine Haut an der Stelle, die er mir gerade eben aufgeschnitten hat. Der Schmerz wird immer unerträglicher und ich beiße mir auf die Zähne, um nicht noch einmal laut aufzuschreien und auch noch die gesamte Nachbarschaft von meinen Schmerzen wissen zu lassen.

Das spitze Teil stochert in meinem Fleisch herum, ich stöhne leise und will den Arm wegziehen, als er ihn festhält. „Nicht bewegen habe ich gesagt!“ Plötzlich zieht er etwas heraus, ich spüre, wie ein Loch entsteht. Er legt die kleine, blutrote Kugel auf das weiße Küchenpapier neben sich ab und presst schnell ein Stück weißen Stoffes auf meinen Arm. Sofort wird es mit Blut getränkt, verfärbt sich rot. Was auch immer er in meinem Arm gesucht hat: er hat es zum Glück gefunden.

Erschöpft beobachte ich wie er eine lange, dünne Nadel aus seinem Kasten nimmt und einen Faden hindurchführt. „Nach einer Weile löst sich der Faden von allein auf“, sagt er, während er das mit Blut getränkte Tuch von meinem Arm nimmt. Noch einmal betrachtet er den Schnitt genauer, dann sticht er mit dem dünnen Metall in meine Haut und setzt den ersten Stich.

Das kalte Etwas in meinem Arm zu spüren, ist kein schönes Gefühl, genauso wenig wie die klebrigen, mit Blut verschmierten Gummihandschuhe auf meiner Haut. Ich will schlucken, aber mein Mund ist zu trocken. Zu lange habe ich nichts mehr getrunken, geschweige denn etwas Richtiges gegessen. Nur schwer schaffe ich es, mir ein Magengrummeln zu unterdrücken und verziehe das Gesicht.

„Wir sind fast fertig, nur noch ein paar Stiche“, meint er abwesend, während er kurz seine Brille zurechtrückt. Wahrscheinlich ist er selbst glücklich darüber, dass ich seinen Eingriff überlebt habe.

Ich bemerke, dass Vater kurz den Kopf durch die Tür streckt; er beobachtet die Szene einen Moment lang, verzieht sich aber sofort wieder, als ich versuche, ihm in die Augen zu sehen.

Die letzten Stiche sind die schlimmsten. Meine Schmerzgrenze ist weit überschritten; ich spüre nichts mehr und will es auch gar nicht mehr. Mein Körper liegt völlig taub auf der alten Matratze und blutet hilflos vor sich hin.

„Perfekt“, sagt der schlaksige Mann und legt die Nadel beiseite. Er tupft das restliche Blut von meinem Arm und bewundert sein Werk. Ich will es gar nicht erst sehen. „Gut hast du mitgemacht, Kleiner.“ Grinsend zwickt er mich mit seinen ekelhaften Gummihandschuh-Händen in die Wange. Der scheußliche Geruch von diesen Dingern bringt mich erneut fast zum Würgen.

„Ich bin siebzehn“, sage ich kühl.

Es folgt keine Reaktion außer einer hochgezogenen Augenbraue. „Solltest du in den nächsten Tagen Schmerzen haben, nimm das.“ Er will mir ein kleines Fläschchen reichen, doch eine Hand schiebt sich dazwischen.

Vater nimmt das Fläschchen und steckt es in die Tasche seines Jacketts. Ob er dem Arzt ebenso wenig traut wie ich? Doch sein Blick, mit dem er mich ansieht, verrät den wahren Grund. Er will bloß nicht, dass ich selbst über mich bestimme; er will, dass er derjenige ist, der die volle Verantwortung für mich trägt.

Langsam rollt der schlaksige, junge Mann die Handschuhe von seinen Händen und befreit mit einem Tuch sein Besteck von den Blutspuren. Ich betrachte die kleine Kugel, die er mir aus dem Arm operiert hat. Sie ist so winzig, so unscheinbar und trotzdem kann sie Menschen verletzen, dazu führen, dass Blut vergossen wird. Und sie kann töten. Man muss nur die richtige Stelle treffen.

Das Herz.

3 HONEY

Ganz behutsam lege ich meine Fingerknöchel an das kühle, massive Kirschholz und klopfe leise an die Tür. Rhythmisch. Genau wie mein pochender, fast schon rasender Puls.

„Herein“, ertönt die Stimme meines Vaters und ich öffne die Tür einen Spalt weit, um in sein Büro hineinsehen zu können. „Honey, komm doch rein, du bist es doch, oder?“

Langsam trete ich ein, ziehe einen der gepolsterten Stühle zurück und lasse mich langsam darauf nieder.

Vater sitzt mir gegenüber am Schreibtisch, den Blick gesenkt und auf einen Berg aus Papieren, Formularen und Briefen gerichtet. Erst jetzt legt er seinen Füller beiseite und sieht zu mir auf, sieht mir direkt in die Augen. „Du bist ja noch ganz blass“, haucht er und streichelt mir mit dem Handrücken sanft über die Wange. Es ist eine dieser sanften Berührungen, die mir zeigen, wie sehr er mich liebt.

Ich nehme seine Hand von meiner Wange und umschließe sie mit meiner. Warm und weich ist sie und groß; viel größer als meine.

„Es tut mir ja so leid, Honey.“

Verhalten nicke ich und löse unsre Hände. „Du konntest nichts dazu.“

Vater schüttelt den Kopf „Ich hätte nach dir sehen und dich nicht alleinlassen sollen.“

„Hättest du nach mir gesehen, wären wir vielleicht beide tot“, erwidere ich und sehe ihm in die Augen. Sie sind blau, genau wie meine. Blau wie kristallklares Wasser. Seine Haut legt sich darunter schon in kleine Fältchen, Augenringe lassen ihn müde wirken. Ausgelaugt. Älter. „Dann hätten die Rebellen, was sie wollen“, murmle ich leise und sehe neben Vater aus dem Fenster, dessen Vorhänge beiseite gezogen sind und den Blick auf den Schlossgarten freigeben.

„Ihnen ging es nicht darum, uns zu töten, Honey Schatz.“

„Ach wirklich nicht?“, hake ich nach und sehe zurück zu ihm.

Er nickt bedächtig, nimmt seine Tasse heißen Kaffees von der fein gemusterten Untertasse und trinkt einen großen Schluck. Dabei sieht er immer älter aus als er eigentlich ist, weil er seine Stirn immer in tiefe Falten legt. „Zumindest war das nicht ihr wirkliches Ziel. Sie haben die Bastille gestürmt. Wenn das mal nicht ein klares Zeichen ist.“ Erneut nimmt er einen großen Schluck aus der Tasse, bevor er sie zurück auf den Unterteller stellt.

„Das Gefängnis? Aber wieso das?“, hake ich nach. Der gewohnte Geruch nach Kaffee, viel Arbeit und Vaters Parfum beruhigen meinen Puls, sind wie Balsam für meine Seele und mein Herz.

„Menschen befreien, die sich gar nicht darin befinden, das wollten sie“, antwortet er fast schon ein wenig mürrisch.

Verhalten nicke ich und sehe ihm weiterhin in die kristallblauen Augen.

Schwer seufzt er, streicht sich übers Kinn, versucht den gequälten Ausdruck auf seinem Gesicht zu verbergen, doch er schafft es nicht. Wahrscheinlich kenne ich ihn zu gut, als dass er seine Emotionen vor mir verstecken könnte. „Honey, du musst weg von hier.“

Entgeistert starre ich ihn an, meine Kinnlade klappt herunter. Einen Moment dauert es, bevor ich verstehe, was das überhaupt bedeutet; diese fünf kleinen Wörtchen du musst weg von hier. „Aber …“

„Lass mich ausreden“, kommt er mir zuvor und erhebt sich von seinem Stuhl. Erst jetzt bemerke ich den blütenweißen Gips an seinem Bein. Von wegen, die Rebellen wollten nicht uns. Das hat er nur gesagt, um mich zu beruhigen.

„Es wäre egoistisch, dich hier bei mir zu behalten. Mit jedem Tag, den du länger hier im Schloss bist, gefährde ich dich mehr und setze somit das Leben der rechtmäßigen Thronfolgerin aufs Spiel“, murmelt er. Seine Stimme ist rau, ein wenig rauchig und dennoch ungewöhnlich hart und entschlossen.

„Vater, ich …“, will ich beginnen, während ich meine Finger in den Stoff meines Kleids kralle und mir einfach nur wünsche, ich hätte sein Büro nie betreten.

„Lass mich ausreden, Honey“, fällt er mir ins Wort und setzt seine Lesebrille ab.

Ich stehe auf und will ihn umarmen, doch er hält mich von sich fern, als wolle er meine Nähe nicht länger. Ein fetter Kloß bildet sich in meinem Hals und ich schaffe es einfach nicht, ihn hinunter zu schlucken.

„Du reist schon morgen ab. Sebastian bringt dich aufs Land.“ So distanziert und kühl habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Was ist bloß mit ihm los?

„Vater.“

„Glaub mir, Honey, ich wollte das auch nicht, aber es geht nicht anders.“ Er dreht sich zu mir um und ich sehe eine kleine Träne in seinem Augenwinkel schimmern. Ganz klein und unauffällig ist sie, aber es gibt sie und das zeigt mir, wie traurig er in Wirklichkeit ist und welche tiefe Trauer er zu verbergen versucht, um mir den Abschied ein wenig leichter zu machen. Die kleine Perle kullert ihm die Wange herunter und tropft schließlich auf sein blütenweißes Hemd, wo sich der kleine Fleck wie ein Tropfen Tinte auf faserigem Stoff ausbreitet. „Sebastian hilft dir, deine Sachen zu packen.“ Mit diesen Worten macht er eine bedeutungsvolle Handbewegung und ich nicke verhalten. Ich soll gehen. Er will mich nicht mehr.

Schweren Schrittes verlasse ich das Büro.

Und ich bin sicher ihn, neben dem Knarzen der sich schließenden Tür, leise seufzen zu hören.

Als ich mein Zimmer betrete, fällt mir ein kleiner unscheinbarer Zettel entgegen, den wohl jemand in den Spalt zwischen Tür und Türrahmen gesteckt haben muss. Er ist mehrmals gefaltet und als ich ihn aufhebe und auseinanderfalte, muss ich schmunzeln. Wissend gehe ich ans Fenster und sehe in den Garten.

Und da steht er schon unter dem Fenster meines Zimmers: Sebastian. „Bevor du gehen musst“, sagt er und hält grinsend einen Picknickkorb in die Höhe.

Umständlich versuche ich, aus dem Fenster zu klettern und mein Kleid nicht komplett zu ruinieren, als mich eine Hand an der Taille packt und mich behutsam zu sich nach unten zieht. Es ist Sebastian, der mich neben sich auf dem kleinen Streifen Rasen absetzt und mich anlächelt. Seine Hand streichelt mir über die Wange und ich spüre, wie sich eine Gänsehaut auf meinem nackten Arm ausbreitet. Ich berühre seine Hände auf meiner Wange. Sanft und vorsichtig berührt er mich, als wäre ich zerbrechlich, ein rohes Ei oder unendlich wertvoll.

Doch so behutsam meine Berührung auch ist, so entschlossen nehme ich seine Hände von meinen Wangen, denn ich will keine solch liebevollen Berührungen von ihm, meinem besten Freund und ich will auch, dass er das weiß.

Als hätte er das Signal nicht verstanden, greift er erneut nach meiner Hand und streichelt sanft über meine einzelnen Finger. Mit seinen blauen Augen mustert er mich tief und innig, ganz eindringlich. „Bereit für das letzte gemeinsame Picknick, bevor du gehen musst?“ Seine Stimme ist weich wie ein Stück warme Butter. Geschmeidig und elegant; charmant und liebevoll. So unfassbar liebevoll.

„Natürlich“, antworte ich und lasse mich von ihm durch den Schlossgarten leiten.

Auf der Wiese liegt eine rot-weiß karierte Picknickdecke im knöchelhohen, leicht feuchten Gras. Sebastians Hand löst sich aus meiner und wandert meinen Rücken hinauf, um sie anschließend um meine Taille zu schlingen, als ich auf die Decke zu renne und mich lächelnd darauf fallen lasse.

Weich ist das Bett aus Gras und der wollenen Decke. Wie lang es wohl schon her ist, dass wir beide einen Nachmittag zusammen hier verbracht haben? Für gewöhnlich muss er um diese Uhrzeit arbeiten, hat keine Zeit für ein Treffen mit mir. Doch heute scheint ein besonderer Tag zu sein. Genüsslich atme ich den Duft von dem Obst in seinem Picknickkorb, den seines Parfums und den des Grases ein, in dessen Halmen noch immer kleine Tautropfen vom Morgen hängen.

Sebastian grinst und setzt sich zu mir auf die Decke, bevor er Obst aus dem Picknickkorb nimmt und auf die Decke legt. Dann rutscht er ein gewaltiges Stück an mich heran, wobei sich seine Hand schon wieder um meine Taille schleicht und mich an sich zieht. Ich kann seinen Atem wie eine leichte Brise in meinem Gesicht spüren. Ein wenig nach Minze, Mittagessen und Zahnpasta riecht er und warm ist er. Sebastian kommt mir immer näher und ich halte die Luft an. Was ist mit ihm bloß los? Normalerweise sucht er nie so viel Nähe oder zumindest nicht diese Art der Nähe.

Hastig stecke ich mir eine Traube in den Mund und sehe mich um, betrachte die endlosen Reihen an Obstbäumen, die große Trauerweide unter der Sebastian und ich früher immer gespielt haben, und ich betrachte das Schloss. Mein Zuhause. Stattlich steht es da, die weiße Fassade glänzt in der Sonne, goldene Vorhänge schillern mit dem kristallklaren Wasser im Brunnen um die Wette und doch strahlt das alte Gebäude eine gewisse Unruhe aus. Als wäre es bei dem Überfall verletzt worden; als müsste es ständig auf der Lauer sein und als würde es trauern. Um mich?

Ich wende meinen Blick vom Schloss ab und Sebastian zu. Mit seinen blauen Augen sieht er mich an. Wie lang er mich wohl schon beobachtet?

„Honey … ich werde dich so unglaublich vermissen“, murmelt er und spielt zwischen seinen Fingern mit einer meiner honigblonden Haarsträhnen.

„Ich dich auch, Sebastian.“ Er pflückt ein Gänseblümchen und steckt es mir ins Haar. Verhalten schmunzle ich, worauf sich ein gedrücktes fast schon trauriges Lächeln auf seine Lippen schleicht. „Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr.“

Unsre Köpfe wandern aufeinander zu. Wir sind uns nah, dass ich jede Unebenheit, jedes kleine Fältchen, jeden Pickel, jede Sommersprosse in seinem Gesicht sehen kann. Sebastian zieht scharf die Luft ein, bevor er seine Hand in meinen Haaren vergräbt und mich auf sich zieht. Mein Körper wird steif, kann sich nicht wehren. „Du bist so … schön, so wunderschön, Honey“, wispert er leise.

Und so liegen wir auf der rot-weiß gestreiften Picknickdecke mitten im Schlossgarten.

Den Blicken aufeinander.

Hand an Hand. Brust auf Brust. Herz an Herz.

Seine Hand streicht mir über die Wange und gibt mir den Rest zur völligen Starre. Hilflos liege ich da.

Schutzlos.

Wehrlos.

Auf einmal verspüre ich ein Gefühl, von dem ich nicht einmal wusste, dass es dieses Gefühl gibt oder dass ich es empfinden kann. Dieses Gefühl, das einen schalen Geschmack auf der Zunge hinterlässt und die Kehle zuschnürt. Und vor allem hätte ich niemals gedacht, dass ich in Sebastians Nähe so ein beengendes, beklemmendes Gefühl einmal verspüren könnte. In der Anwesenheit meines besten Freundes.

Meines einzigen Freundes.

Immer näher kommt mir sein Kopf, kommen mir seine blonden Haare, kommen mir seine Lippen. Seine Hand umschließt entschlossen, fast schon beherrschend meinen Arm; seine Finger sind wie Fesseln; Fesseln, die sich um mich schlingen und festhalten. Ich wage es kaum zu atmen.

Panik überkommt mich, als Sebastian seine Lippen spitzt und ich spüre, wie mir eine kleine, unscheinbare Schweißperle die Stirn hinunterrinnt, mein Herz für ein paar Schläge schneller geht. Nicht, weil ich mich wohlfühle. Nein, ich habe Angst; schlicht und ergreifend Angst, die meinen ganzen Körper langsam, nach und nach, Stück für Stück, auffrisst.

Sebastian nimmt seine Hand von meiner Taille und bewegt sie in einer quälenden Langsamkeit auf meine Wange zu. Die kurze Unterbrechung seiner Berührung, seines Griffs, bricht den Damm und ich fahre erschrocken hoch. Unsre Blicke treffen sich und ich starre ihn bloß an. Hätte ich mich nicht losgemacht, hätte er mich dann tatsächlich… geküsst? Am liebsten will ich den Gedanken einfach verwerfen, die Berührungen vergessen und gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn ich mich nicht losgerissen hätte.

Sebastian ist ein Freund.

Nur ein Freund.

Langsam spüre ich, wie sich die pelzige, fast schon ungeheure Gänsehaut zurückzieht. Mein Körper erlangt langsam die Kontrolle über sich selbst wieder; ich erhebe mich von der Decke und bemerke im nächsten Moment, dass ich über das feuchte Gras der Sommerwiese renne.

Hektisch.

Panisch.

Und ich achte nicht darauf, dass das kleine Gänseblümchen zu Boden fällt.

Lautlos.

Leise.

Schweigend.

Meine nackten Füße schnellen über den Boden, erst über das Gras, anschließend die kleinen Kieselsteinchen, die den Weg säumen. Kein einziges Mal sehe ich zu Sebastian zurück, denn er hat eine Grenze überschritten. Er ist doch nur ein Freund. Nur ein Freund. Nur ein Freund. Dieser Satz bringt meinen Kopf zum Explodieren und ich bin erleichtert, als ich mich wieder in meinem Zimmer befinde und die blickdichten Vorhänge zuziehe.

Mit Sebastian meine Sachen zu packen tut weh, doch allein würde ich wahrscheinlich nicht rechtzeitig fertig werden. Nach dem Ereignis im Garten schweigt er mich an, als wäre ihm der Vorfall peinlich; als wäre ich ihm peinlich und als wäre es meine Idee gewesen, sich so nahezukommen und nicht seine. Während er die ersten Stücke in den Koffer gleiten lässt, hat er mir den Rücken zugekehrt, verbirgt seinen Gesichtsausdruck, seine Miene, seine Gefühle.

„Ich werde dich vermissen, Honey“, murmelt er plötzlich mit belegter, leicht rauer Stimme und dreht sich zu mir herum; in der Hand hält er einen Stapel verschieden gemusterter Blusen. „Aber dein Vater hat recht. Er will dich beschützen und da will ich ihm auch nicht im Weg stehen.“ Mit diesen Worten verfrachtet er sie als perfekten Stapel in den Koffer.

„Ich werde dich auch vermissen, Sebastian“, hauche ich. Der Satz bleibt mir fast im Hals stecken, meine Kehle ist staubtrocken, wie zugeschnürt.

„Sag nicht auch. Das hört sich an, als würdest du nur bestätigen, was ich zuvor gesagt habe.“

Meine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln und ich nicke verhalten. „Ich werde dich vermissen, Sebastian“, verbessere ich mich und sofort ist mein Lächeln wie in mein Gesicht gemeißelt. Er schafft es einfach immer, mich zum Lachen zu bringen und das schon seit meiner Kindheit.

„Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dein Zimmer ohne dich. Das … geht einfach nicht. Ohne dich … ist dein Zimmer einfach nicht dein Zimmer. Es wird so leer sein und … deine Bettwäsche und deine Kleider riechen dann gar nicht mehr richtig nach dir.“

Entrüstet stemme ich die Arme in die Seiten. „Willst du damit andeuten, dass ich stinke, Sebastian Williams?“

Jetzt lacht leise und schüttelt den Kopf. Wie ich ihn für dieses ehrliche, warme Lachen und die Fältchen, in die sich seine Mundwinkel dabei legen, liebe. „Nie im Leben, meine königliche Hoheit Prinzessin Honeyblossom. Ich, ein ganz gewöhnlicher Bürger, könnte doch niemals auf so einen Gedanken kommen.“

Augenblicklich muss ich lachen. Es ist eines dieser seltenen Lachen, bei denen man für den Bruchteil einer Sekunde alles um sich herum vergisst und verdrängt. „Du!? Ein gewöhnlicher Bürger!?“ Vor Lachen rutscht mir eines meiner Abendkleider vom Bügel und ich bücke mich, um es aufzuheben. Auch Sebastian scheint es bemerkt zu haben und bückt sich.

Wir knallen mit den Köpfen aneinander und sehen uns an. Einen Moment lang gibt es nur uns zwei. Einen kurzen, fast schon zu kurzen Moment lang.

Und dann erinnere ich mich an den Moment, an dem wir auf der Picknickdecke im Schlossgarten lagen und unsere Köpfe sich langsam, Stück für Stück, näherkamen. Der Gedanke daran lässt mich frösteln.

„Hier“, sagt er, reicht mir mein Kleid und kratzt sich verlegen am Nacken.

Ich tue es ihm gleich und nehme ihm das Meer aus Tüll, wertvollen Stoffen, Perlen und Stickereien ab. „Weißt du was? Wenn ich es mir recht überlege, lasse ich es lieber zu Hause.“ Ohne weiter nachzudenken, schiebe ich es zurück auf den Bügel und hänge es in meinen Kleiderschrank.

„Du willst dein Lieblingskleid nicht mitnehmen?“

„Woher willst du wissen, dass das mein Lieblingskleid ist?“, frage ich belustigt und sehe kurz zu ihm über meine Schulter, während ich ein Eck für Unterwäsche in meinem Koffer freiräume.

„Du trägst es sehr oft“, antwortet er knapp und unsere Blicke treffen sich. Blau trifft blau.

„Und das fällt dir auf?“, hake ich leise nach und spiele mit einer meiner honigblonden Haarsträhnen.

Unschlüssig wiegt er mit dem Kopf. „Nun ja, immer wenn ich dich im Schlossgarten oder deinem Zimmer sehe, trägst du dieses Kleid. Und jetzt erzähl mir nicht, dass du als Prinzessin nur dieses eine Kleid hast.“

Ich verdrehe die Augen. „Okay, ich mag das Kleid. Die anderen aber auch.“

Sebastian tritt an mich heran und hält mir das Kleid unter die Nase. „Zieh es zu deinem Abschied morgen an, ja? Ich will dich zumindest ein letztes Mal so sehen, bevor du in ein paar Wochen völlig verändert zurückkommst.“ Er stemmt einen Koffer hoch und hievt ihn auf eine Kommode.

„Du denkst, ich werde mich verändern?“

Er nickt knapp und geht schweigend zur Tür. Die Koffer sind gepackt. Ich seufze etwas traurig, denn nun ist Sebastians Auftrag vollendet und das heißt, dass er wieder an die Arbeit muss. „Du wirst dich verändern. Angefangen von deiner käsigen Haut, die noch nie die Sonne gesehen hat, bis zu dem, was unter der Haut steckt. Wenn du wieder zurückkommst, wirst du Dinge gesehen haben und Erfahrungen gesammelt haben, von denen ich nur träumen kann. Du wirst dich entwickelt und deinen Horizont erweitert haben, während ich stehenbleibe.“

Sebastian seufzt und spielt an dem Türknauf, der die Form eines Löwen hat. „Wir werden nicht mehr auf einer Wellenlänge sein. Das waren wir vorher sicher auch schon nicht – ich meine, du bist die Prinzessin. Aber danach wird der Unterschied … größer sein.“

Gerade will ich noch etwas erwidern, da öffnet er schon die Tür und verlässt mein Zimmer.

Ich bin sprachlos, will ihm am liebsten noch schnell hinterherrennen, aber ich bin von den Zehen bis zu den Haarspitzen betäubt.

Ob er das alles ernst gemeint hat?

Zu wissen, dass diese Nacht für lange Zeit die letzte in meinem eigenen Bett in meinem eigenen Zimmer sein wird, ist ziemlich beängstigend. Der Wind peitscht gegen die Fenster, Blitze zucken, Donner grollt.

Ich sitze in meinem Bett, in meine zwanzig Decken eingewickelt, und sehe dem Spektakel, das sich außerhalb des Schlosses ereignet, zu. Wir werden nicht mehr auf einer Wellenlänge sein. Sebastians Satz geht mir immer und immer wieder durch den Kopf und hält mich wach. Wir werden nicht mehr auf einer Wellenlänge sein. Hat er das wirklich ernst gemeint?

Das Bettgestell knarzt leise, als ich aus meinem Bett krieche und barfuß zum Fenster tapse.

Mein Nachtkleid geht mir nur knapp über die Knie und ich beginne ein wenig zu frösteln. Eine pelzige Gänsehaut zaubert sich auf meine nackten Beine und ich ziehe ein wenig an dem weichen Saum meines Kleides.

Vor dem Fenster bleibe ich stehen. Wir werden nicht mehr auf einer Wellenlänge sein. Du wirst dich entwickelt und deinen Horizont erweitert haben, während ich stehenbleibe. Wieder und wieder gehen mir seine Äußerungen durch den Kopf und ich schüttle mich ein wenig, um die Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben.

Neben dem Fenster steht ein wenig im Abseits meines Zimmers meine Harfe. Sie ist eingepackt, für ihre Reise bereit. Wahrscheinlich mehr als ich. Normalerweise steht sie vor dem Fenster. Jeden Morgen spiele ich auf ihr nach dem Aufstehen und vor dem Einschlafen.

Langsam setze ich mich auf den Schemel und lege das hölzerne Instrument über meine Schulter, bevor ich meine Finger behutsam auf die Saiten lege.

Ich zupfe die erste Saite an, ein Ton erklingt, dessen Vibration sofort über meinen Zeigefinger in meinen ganzen Körper geleitet wird. Die Bewegungen meiner Finger werden schneller, energischer, kraftvoller. Ich schließe die Augen und spüre, wie mein ganzer Körper mit der Musik eins wird.

Meine Harfe, wenigstens eine vertraute Sache, die ich in mein neues Leben mitnehmen darf.

Am Ende des Stücks nehme ich sie von meiner Schulter, erhebe mich und gehe erneut an das Fenster.

Meine leicht lockigen, honigblonden Haare wirbeln um mich herum und ich streiche mir eine Locke hinters Ohr, bevor ich wieder zu meinem Bett gehe und mich fallen lasse.

Am nächsten Morgen bin ich nicht wirklich wach. Ich gähne und betrachte mich im Spiegel und muss feststellen, dass ich ziemlich mitgenommen aussehe. Müde reibe ich mir den Schlaf aus den Augen und sehe zu meinem Lieblingskleid, das über meinem Schreibtischstuhl hängt.

Zieh es zu deinem Abschied morgen an, ja? Plötzlich ist der Satz da und will nicht mehr verschwinden. Ich nehme das teure Kleid in die Hand und streiche über das mit etlichen Stickereien und Glitzersteinen verzierte Dekolleté.

Ich will dich zumindest ein letztes Mal so sehen, bevor du in ein paar Wochen völlig verändert zurückkommst.

Ohne weiter nachzudenken, ziehe ich mein Nachtkleid aus und schlüpfe in mein angebliches Lieblingskleid.

4 BAXTER

Früher hätte ich nie gedacht, dass es schlimmer ist, ignoriert zu werden als von einer Kugel den Arm zerlöchert zu bekommen. Beides sind Schmerzen. Verschiedene Schmerzen.

Vater redet nicht wirklich viel mit mir, schweigt mich an, sieht traurig und enttäuscht aus.

Ich verkrümle mich den ganzen Tag auf mein Zimmer, schotte mich von der Außenwelt ab. Nichts hat sich verändert.

Wortlos starre ich die Wand an und betaste den Verband um meinen Arm.

Die Tür meines Zimmers geht auf und mein Blick schießt wie ein Pfeil in Richtung Tür. Vater. Er tritt ein und setzt sich zu mir. »Tut er noch sehr weh?«, fragt er und sieht mich mitfühlend an.

Unschlüssig wiege ich zuerst ein wenig den Kopf, schüttle ihn anschließend aber. Mein Vater hat wesentlich Besseres zu tun als sich auch noch Sorgen um meinen Arm zu machen.

»Komm in fünf Minuten bitte ins Wohnzimmer, ich muss etwas mit dir besprechen.«

Mit diesen Worten verlässt er mein Zimmer und lässt mich allein. Wie so oft.

Mein Blick verfinstert sich, als ich Charles erblicke. Er sitzt in einem Sessel, Vater gegenüber. Breitbeinig und die Hände auf die Lehnen gelegt. Als gehöre ihm das Haus …

»Hallo Baxter«, begrüßt er mich mit spöttischem Blick.

Ich nicke ihm finster zu. Charles in meinem Zuhause, nein, das geht entschieden zu weit.

»Ja, was ist denn, willst du mir gar nicht hallo sagen?« Dieses Lächeln … ich könnte ihn …

Missmutig stapfe ich auf ihn zu und will ihm die Hand geben, als er sich mit einem leisen Stöhnen erhebt und wie immer auf mich hinabsieht. »Sind wir heute mal wieder schlecht drauf, Kleiner?« Seine Hände bohren sich in meine Wangen und ich spüre einen pochenden Schmerz. Er hat sie doch nicht mehr alle.

Ein Blick zu Vater verrät mir, dass ich mir das besser gefallen lassen sollte, wenn ich auf eine abendliche Diskussion in meinem Zimmer verzichten will, und ich stöhne leise.

»Warum ist er hier?«, frage ich schließlich und löse mich.

»Dein Unfall im Schloss hat mir gezeigt, dass du noch nicht bereit bist, an meine Stelle zu treten«, beginnt Vater. »Baxter, ich will dich nur schützen, vergiss das nicht.« Er leckt sich über die spröden Lippen und grübelt darüber nach, was er als Nächstes sagen soll. »Du ziehst weg von zu Hause, bis du bereit bist und dein Arm vollständig verheilt ist.«

Entgeistert starre ich ihn an.

»Und wieso Charles hier ist? Nun ja … ich dachte, vielleicht könntest du zu ihm ziehen.«

Meine Augen weiten sich fassungslos. Mein Kiefer klappt herunter und ich nehme einen Moment lang nur Charles schadenfrohes Kichern wahr.

»Du könntest auch zu deiner Großmutter ziehen, wenn dir das lieber ist.«

Meine Miene hellt sich kaum auf, als der Name meiner Oma fällt. Was habe ich im Leben eigentlich falsch gemacht?

»Bei Charles hättest du auf jeden Fall ein eigenes Zimmer«, lenkt er ein.

Ja welches denn? Die Besenkammer, oder was?

»Ein paar Tage bei ihm würden dir sicher guttun.«

Mit hochgezogenen Brauen sehe ich zwischen den beiden hin und her. Das hat er doch nicht ernsthaft gesagt. Und wieso hat Charles da überhaupt zugestimmt, wo er mich doch genauso wenig leiden kann, wie ich ihn?

»Ja, ein paar Tage unter meiner Aufsicht würden dem Bengel tatsächlich nicht schaden«, stimmt Charles zu.

Aufsicht? Bengel? Hat der sie noch alle?

»Also Baxter, für wen entscheidest du dich? Charles oder deine Großmutter?«

Zwischen den beiden auszuwählen ist ungefähr so wie sich zwischen Pest und Cholera zu entscheiden. »Gibt es wirklich keine Alternative?«

»Nun ja … ich könnte dich auch zeitweise auf ein Internat schicken. Aber das sind die einzigen drei Möglichkeiten, ja.«

Na super, also fällt meine Entscheidung zwischen Pest, Cholera und Corona. Mega.

»Lieber eine Woche Internat als einen Tag mit Charles in einem Haus leben zu müssen«, murmle ich und ernte einen mahnenden Blick meines Vaters.

»Also gut, Baxter«, zischt er, doch ich mache, als würde ich die Botschaft in seiner Stimme nicht erkennen und gehe aus dem Wohnzimmer.

Mit denen bin ich fertig.

Es ist schon recht spät am Abend, als mein Vater mein Zimmer betritt und sich ohne meine Aufforderung auf mein Bett setzt.

»Und du willst wirklich auf ein Internat? Hast du dir das gut überlegt? Du könntest deine Großmutter mal wiedersehen oder eine Weile mit Charles verbringen. Reizt dich das denn nicht?«

Der einzige Reiz, den ich dabei empfinde, ist der Reiz zu kotzen, will ich am liebsten erwidern, verkneife mir es aber und schüttle nur den Kopf.

»Nun gut, dann eben ein Internat.« Erwartungsvoll sieht er mich an als warte er darauf, dass ich meine Meinung doch noch ändere, doch ich bleibe hart. »Aber glaube nicht, dass ich das gut von dir finde. An deiner Stelle wäre ich zu deiner Großmutter oder Charles gegangen. Seit wann stehst du eigentlich darauf, die Schulbank zu drücken? Soweit ich mich erinnern kann, bist du nicht oft in die Schule gegangen.«

»Ja«, presse ich zwischen den Zähnen hervor. »Ich bin nicht oft in die Schule gegangen, das lag aber daran, dass du nie wolltest, dass ich auf eine Schule gehe, die vom König finanziert wird.«

»Wie auch immer. Es ist ja auch nur eine vorübergehende Lösung, bis dein Arm wieder ganz funktionstüchtig ist. Und da du ja auf ein Internat und nicht zu Charles oder deiner Großmutter gehst, brauchst du auch keine Sachen außer deiner Zahnbürste mitzunehmen. Den Rest bekommst du dort.«

Ich stöhne und sehe ihm hinterher, wie er mein Zimmer verlässt. Ob es nicht doch besser gewesen wäre, zu meiner Oma zu ziehen?

Mein Vater fährt mich mit dem Auto. Charles sitzt vorne neben ihm, ich hinter meinem Feind.

»Wenn du es dir doch noch anders überlegen solltest, dann …«, beginnt Vater, doch ich unterbreche ihn.

»Ich werde es mir nicht anders überlegen«, halte ich eisern dagegen und sehe aus dem Fenster. Wo dieses Internat wohl ist?

Wir verlassen die Stadt, fahren an Feldern vorbei, durch einen kleinen Ort. Und plötzlich bleiben wir stehen.

Erschrocken knalle ich mit dem Kopf an Charles Lehne und ernte einen bösen Blick.

Vater und die miese Schlange tuscheln und zeigen auf etwas vor uns. Ich recke meinen Hals, um zu sehen, was sie sehen, doch ihre verdammten Dickköpfe versperren mir die Sicht. Mist.

Ich reibe mir meinen schmerzenden Kopf und schnalle mich ab. »Was ist da los? Warum fahren wir nicht weiter?«, frage ich und erhebe mich hastig von meinem Sitz.

»Sitzengeblieben, Kleiner!« Charles feuert mich zurück auf meinen Platz, sodass ich mir erneut den Kopf anstoße. Autsch.

Noch bevor ich etwas sagen kann, hat mein Vater den Blinker gesetzt und das Gaspedal gedrückt. Das Navi faselt irgendetwas von bitte wenden und ich frage mich nur eins: Was verdammt noch mal ist hier los?

Charles und Vater tuscheln erneut, doch ich kann mich nicht zu ihnen vorbeugen, sondern muss mich zurücklehnen, um nicht wieder gegen Charles Lehne zu knallen.

So schnell wie jetzt ist mein Vater noch nie gefahren. Vor uns taucht ein Blitzer auf und ich nehme eine mehr oder weniger schöne Pose ein. Wenn das nicht nach Strafzettel riecht …

»Baxter«, weist Vater mich genervt zurecht und sieht zu mir nach hinten.

»Ähm … Vater«, sage ich und zeige auf einen Zebrastreifen, den gerade eine ältere Dame mit ihrem Rollator überquert.

»Sei leise, ich muss mich auf die Straße konzentrieren!«

Jap, also auf genau das, was er gerade nicht tut.

Endlich scheint er die Dame zu bemerken und macht eine Vollbremsung, sodass ich wieder mit dem Kopf nach vorne schieße. Diese Fahrt werde ich so schnell nicht mehr vergessen…

»Schauen Sie gefälligst auf die Straße«, kreischt die Frau mit schriller, durchdringender Stimme und postiert sich breit vor der Motorhaube. »Solchen Rasern wie Ihnen sollten die Führerscheine abgenommen werden!«, schimpft sie und schüttelt ungläubig den Kopf.

Ich kann nicht anders, als auf meinem Rücksitz leise zu kichern.

Vater seufzt, tritt auf das Pedal und rast über den Zebrastreifen.

Und ich lache lauter. So lange, bis mir Charles wieder einen bösen Blick zuwirft.

»Wäre ich dein Vater, wäre ich froh, dich endlich los zu sein«, zischt er und mein Lachen verstummt augenblicklich.

»Du bist aber nicht mein Vater«, entgegne ich ernst und sehe aus dem Fenster.

»So ist es.« Auch Charles dreht sich wieder nach vorn und beginnt, sich mit Vater zu unterhalten. Scheinbar hat der gar nichts von unserer Unterhaltung mitbekommen. Vielleicht auch besser so.

Wir schießen durch die Straßen und ich frage mich, was er da eigentlich vorhat.

Und dann …Vollbremsung. Jetzt fahren wir wieder langsam, zu langsam. Zuerst denke ich, wir bremsen wegen einer roten Ampel, doch dann sehe ich, dass da nichts ist. Nichts außer einem Auto vor uns.

Das Navi scheint alle Hoffnung aufgegeben zu haben und hat sich inzwischen von selbst ausgeschaltet. Läuft.

Vater klemmt sich hinter den anderen Wagen und so schleichen wir weiter. Was ist denn mit dem los?

Die beiden Männer tuscheln leise. »Ich glaube, das ist es«, höre ich meinen Vater sagen und Charles nickt.

»Aber wieso ist es hier?«

Keine Reaktion meines Vaters.

»Was ist denn los?«, frage ich und lehne mich nach vorne.

»Halt dich da raus«, zischt Charles. »Kind.«

Meine Mundwinkel fallen augenblicklich nach unten und ich sehe missmutig aus dem Fenster. Wie ich diesen Menschen hasse …

»Doch, das ist sein Auto. Ich weiß es«, flüstert Vater.

»Der König hier? Hier mitten in der Pampa?«, wispert Charles und rückt seine Krawatte ein wenig zurecht.

Vater zuckt bloß mit den Schultern, während er eine scharfe Kurve fährt. »Vielleicht ja nicht der König persönlich …«

Krampfhaft versuche ich in das Auto, eine Limousine, hineinzusehen. Vorne sitzt ein junger Mann. Und er sieht nicht gerade begeistert von der Situation aus. Er ist angespannt, seine stechend blauen Augen blicken fast schon ängstlich in den Rückspiegel.

Meine Augen wandern weiter. Und da sehe ich den Umriss einer zierlichen Dame auf dem Rücksitz. Mehr nicht, dank der getönten Scheiben. Jetzt dreht sich der Schatten in meine Richtung um und ich spüre ganz klar, wie sich unsre Blicke treffen. Und das ganz ohne, dass ich ihre Augen wirklich sehen kann. So durchdringend ist ihr Blick.

»Und jetzt?«, fragt Vater an Charles gewandt, der nur auf mich zeigt und leise flüstert.

Endlich überholen wir die königliche Limousine und fahren weiter. »Planänderung, Baxter«, sagt er und dreht sich zu mir um. »Du ziehst zu deiner Großmutter hier im Dorf.«

Ich starre ihn an. Und ich weiß sofort, es hat mit der Limousine zu tun, mit dem glotzenden Fahrer und dem Mädchen; dem Mädchen, das einen so durchdringenden Blick hat, um mich sogar durch getönte Scheiben in seinen Bann zu ziehen.

5 HONEY

Ich sehe noch lange dem Auto vor uns nach. Und genauso lange schwirrt mir noch der Blick dieses Jungen im Kopf herum, den ich durch die getönten Scheiben gesehen habe. Irgendwoher kenne ich ihn. Aber woher?

»Nicht mal hier wird man in Ruhe gelassen«, murmelt Sebastian und trommelt angespannt mit den Fingerspitzen vor sich auf das Lenkrad.

Mein Blick wandert erneut aus dem Fenster. Ganz sehnsüchtig. Das wird also mein neues Zuhause.

Vor einem großen Haus kommt das Auto zum Stehen. Sebastian hilft mir aus der Limousine und … ich werde von zwei kleinen Kindern fast überrannt.

»Hallo, Honey«, sagen die beiden im Chor und ich kann nicht anders als ihnen ganz überrumpelt über die Köpfe zu streicheln.

»Hallo …«, murmle ich und stecke mir komplett überfordert eine Haarsträhne hinters Ohr.

»Oh, du bist ja schon da«, begrüßt mich eine freundliche Damenstimme und ich sehe auf. »Wie ich sehe, haben die beiden dich schon in Beschlag genommen. Das sieht ihnen mal wieder ähnlich.« Eine Frau mittleren Alters, leicht rundlich, mit Lockenwicklern in den Haaren und mit sonnigem Lächeln auf den Lippen tritt auf mich zu und befreit mich von den beiden Lockenschöpfen, die an meinem Bein kleben, bevor sie mich in ihre Arme schließt. »Ich bin Rebecca.«

Sofort umhüllt mich eine Wolke ihres Geruchs. Sie riecht nach Parfum und … Mittagessen?

»Ich komme gerade aus der Küche«, sagt sie entschuldigend und wischt ihre Hände an der fleckigen Schürze ab. »Eigentlich haben wir mit dir erst in einer Stunde gerechnet.«

»Oh, das …«

»Es muss dir nicht leidtun, Schätzchen.«

Irritiert von dieser Bezeichnung glotze ich sie an.

»Komm doch rein.«

Noch bevor ich etwas sagen kann, zieht sie mich hinter sich her. Diese Frau hat Temperament. Und wie. Unbeholfen stolpere ich ins Haus und haste hinter ihr her.

»Mami, schau mal!« Ein kleines Mädchen, vielleicht zwischen drei und fünf Jahren, rennt auf die Dame zu und zeigt ihr ein Bild, wahrscheinlich ein selbstgemaltes.

Ein älterer Junge stapft die Treppen herunter. Wie viele Kinder leben hier bitte schön? Er mustert mich ausgiebig, bevor er sich an seine Mutter wendet. »Ich dachte, die kommt erst in einer Stunde, Mum.«

Was für eine Begrüßung …

»Das dachte ich auch, mein Schatz, aber jetzt ist sie schon da. Und hör auf, schlechte Laune zu verbreiten«, weist sie ihren Sohn zurecht.

Der Junge schnaubt nur und mustert mich ein weiteres Mal. Dieser Blick ist mir so … unangenehm. So prüfend und abfällig. Und irgendetwas in mir drin sagt mir: wir werden schon mal nicht die besten Freunde werden.

Endlich nimmt er seinen Blick von mir. Prüfung vorbei. Aber ich glaube ganz ehrlich nicht, dass ich bestanden habe. »Darf ich mich vorm Essen noch mit Gabriel treffen? Wir wollen skaten gehen.«

»Nein, Arian! Du gehst jetzt unserer neuen Mitbewohnerin erst mal ihr Zimmer zeigen und führst sie durchs Haus!«

Arian, okay, interessant.

Der Junge fährt sich genervt durch die braunen Locken. »Aber Mum, …«

»Es reicht, Arian. Sei höflich und nett zu ihr, schließlich ist das hier ihr neues Zuhause«, trichtert seine Mutter ihm ein letztes Mal ein, bevor sie uns beide allein im Flur stehen lässt und in der Küche verschwindet.

Seite an Seite gehen wir die Treppen hinauf.

»Also, das ist das Bad«, sagt er im Vorbeigehen. »Das hier ist das Zimmer meiner kleinen Brüder.« Er zeigt lustlos auf eine weitere Tür. »Und das ist das Zimmer meiner kleinen Schwester.«

An den Flurwänden hängen überall alte Kinderfotos, was ziemlich ungewohnt für mich ist. »Bist du das auf dem Foto da, Arian? So heißt du doch, oder?«

Kurz hält er inne und dreht sich zu mir um. »Wie du heißt brauche ich ja nicht zu fragen, Prinzessin.« Ganz bewusst legt er die Betonung auf Prinzessin und sieht mich noch abfälliger an als zuvor. Hab´ ich was falsch gemacht?

Wir gehen stumm weiter und er öffnet eine Tür. »Da wohnst du ab jetzt. So fertig. Job erledigt, ich habe dir alles gezeigt.« Und mit diesen Worten düst er ab.

Ist der mit dem falschen Fuß aufgestanden oder ist der immer so mies drauf?

Vorsichtig spähe ich in den Raum und gehe hinein. Ein Bett steht vor einem Fenster, ein Schreibtisch daneben. Die Wände sind leer. Komplett leer. Nur klitzekleine, reißzweckengroße Löcher lassen darauf schließen, dass dort einmal Bilder gewesen sind.

Das ist also mein Zimmer.

»Dein Gepäck.« Plötzlich steht Sebastian hinter mir, die Koffer in den Händen. So froh bin ich noch nie gewesen ihn zu sehen. Vor allem nicht so erleichtert. Wenigstens einer, der keine schlechte Laune hat.

»Brauchst du noch Hilfe beim Auspacken?«

Ich schüttle ablehnend den Kopf. »Ich bekomme das auch allein hin. Aber trotzdem danke.«

»Wie ist dein erster Eindruck?«

Unschlüssig zucke ich mit den Schultern. »Weiß nicht.«

»Dein weiß nicht hört sich das aber nicht sehr überzeugend an.«

»Nicht sehr überzeugend?«, frage ich verwirrt und verfrachte die ersten Kleider aus dem Koffer in den leeren Kleiderschrank.

»Du weißt genau, was ich meine.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und sehe ihn an.

»Du bist nicht glücklich hier«, setzt er nach und macht einen Schritt auf mich zu.

»Es ist schön hier«, entgegne ich und drehe mich von ihm weg, denn ich will ihn nicht ansehen, will ihm nicht ins Gesicht lügen.

Sebastian lacht rau auf. »Erzähl das jemandem, der dich noch nicht so lange kennt wie ich.« Plötzlich legt sich ein Arm um meine Taille. »Honey«, wispert er mir ins Ohr. Beim Hören seiner Stimme überkommt mich ein ganz besonderes Gefühl. Eines von Geborgenheit, Sicherheit und ich schmiege mich in seine Arme. »Ich muss jetzt gehen, Honey«, sagt er und löst sich von mir. Sofort fehlt etwas. Die Wärme, sein Atem in meinem Nacken, seine tröstenden Arme.

Er verlässt den Raum … und wird fast von den zwei kleinen Jungen überrannt. »Honey, komm, wir spielen!« Einer der beiden, es ist der mit den wilden, roten Locken, zieht mich hinter sich her in sein Zimmer.

Es ist wesentlich kleiner als meines und der ganze Boden ist von einer Schicht Spielzeug überzogen.