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Was ist Ihre größte Schwäche? – Ich bin ein bisschen perfektionistisch. Dies ist die Standardantwort auf die knifflige letzte Frage im Bewerbungsgespräch, steht der Wille zu Perfektion doch allgemeinhin für Motivation, Leistungsbereitschaft und Entschlossenheit. Die Kehrseite: Der Druck zu Selbstoptimierung und Effizienz durchzieht inzwischen alle Lebensbereiche. Unsere Erfolge sollen immer noch größer sein, unsere Partnerschaften glücklicher, unsere Körper sportlicher, unsere Urlaube spektakulärer, unsere Einrichtungen stilvoller. Wir sind: nie gut genug. Der Psychologe Thomas Curran zeigt in diesem Buch eindrücklich die Schattenseiten dieser Entwicklung auf, denn durch das verbissene Streben nach Bestleistungen vernachlässigen Perfektionisten Ernährung, Schlaf und Erholung. Angst- und Zwangsstörungen, Depression und Burnout folgen. Wie können wir die fatalen Folgen dieses ungesunden Perfektionismus aufhalten? Das erklärt Thomas Curran auf bestechende Weise.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2023
Thomas Curran
Die fatalen Folgen des Perfektionismus - und wie wir uns vom Selbstoptimierungsdruck befreien können
Was ist Ihre größte Schwäche? – Ich bin ein bisschen perfektionistisch. Dies ist die Standardantwort auf die knifflige letzte Frage im Bewerbungsgespräch, steht der Wille zur Perfektion doch allgemeinhin für Motivation, Leistungsbereitschaft und Entschlossenheit. Die Kehrseite: Der Druck zur Selbstoptimierung und Effizienz durchzieht inzwischen alle Lebensbereiche. Unsere Erfolge sollen immer noch größer sein, unsere Partnerschaften glücklicher, unsere Körper sportlicher, unsere Urlaube spektakulärer, unsere Einrichtungen stilvoller. Wir sind: nie gut genug.
Der Psychologe Thomas Curran zeigt in diesem Buch eindrücklich die Schattenseiten dieser Entwicklung auf, denn durch das verbissene Streben nach Bestleistungen vernachlässigen Perfektionisten Ernährung, Schlaf und Erholung. Angst- und Zwangsstörungen, Depression und Burnout folgen. Wie können wir die fatalen Folgen dieses ungesunden Perfektionismus aufhalten? Das erklärt Thomas Curran auf bestechende Weise.
Thomas Curran ist Assistant Professor am Department of Psychological and Behavioural Science der London School of Economics. Sein Hauptforschungsgebiet ist der Perfektionismus und dessen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Currans Studie mit 40000 Absolvent:innen zeigte einen alarmierenden Anstieg des Perfektionismus in den letzten 30 Jahren und mündete in seiner Theorie der kulturellen Einflüsse auf den Perfektionismus. Curran hat für die Harvard Business Review geschrieben, und über seine Forschungen wurde im New Scientist (Coverstory), The Guardian, Telegraph und vielen anderen Medien berichtet.
Die englische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel «The Perfection Trap» bei Cornerstone, London.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2023
Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«The Perfection Trap» Copyright © 2023 by Thomas Curran Ltd
Lektorat Ana Gonzalèz y Fandiño
Abbildungen im Innenteil: © Cornerstone/PRH UK
Abbildung S. 91: nach einer Zeichnung von: Gaudreau, P. (2019). On the distinction between personal standards perfectionism and excellencism: A theory elaboration and research agenda. Perspectives on Psychological Science, 14(2), 197–215.
Covergestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
ISBN 978-3-644-00784-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Widmung
Motto
Vorwort
Teil 1 Was ist Perfektionismus?
1. Unsere Lieblingsschwäche
2. Lass mich genug sein
SELBSTORIENTIERTER PERFEKTIONISMUS wird von innen gelenkt. Er stellt das Auf-der-Welt-Sein unter die Maxime: «Ich muss perfekt sein, perfekter als perfekt.»
SOZIAL VORGESCHRIEBENER PERFEKTIONISMUS wird durch das Umfeld gesteuert. Das schließt die Überzeugung ein, dass andere von mir erwarten, perfekt zu sein.
FREMDORIENTIERTER PERFEKTIONISMUS kommt von außen. Er geht mit der Überzeugung einher, andere seien perfekt.
Teil 2 Was macht Perfektionismus mit uns?
3. Was mich nicht umbringt …
4. Wo ein Anfang, da kein Ende
5. Die unsichtbare Epidemie
SELBSTORIENTIERTER UND FREMDORIENTIERTER PERFEKTIONISMUS nehmen weiterhin zu, bei gleichbleibender Geschwindigkeit – das gilt es im Auge zu behalten
SOZIAL VORGESCHRIEBENER PERFEKTIONISMUS nimmt weiter zu, und zwar mit einer steilen Tendenz nach oben – vielleicht ist also langsam Zeit für Panik
Teil 3 Wo kommt der Perfektionismus her?
6. Manche Perfektionist:innen sind perfekter als andere
7. Was ich alles nicht habe
8. Was sie so alles gepostet hat
9. Ich habe es einfach noch nicht verdient
10. Perfektionismus beginnt zu Hause
11. Von nichts kommt nichts
Teil 4 Wie man lernt, mit «gut genug» zufrieden zu sein
12. Sich selbst annehmen
13. Post-Scriptum für eine post-perfektionistische Gesellschaft
UNKONTROLLIERTES WACHSTUM macht uns und unseren Planeten kaputt – wir sollten eine statische Wirtschaft anstreben, die andere Prioritäten setzt
DAS BRUTTOINLANDSPRODUKT IST EINE FÜR DAS WACHSTUM UNTAUGLICHE GRÖSSE – also sollten wir beim Fortschritt andere Maßstäbe ansetzen
ARBEIT WIRD SICH IN EINER STATISCHEN WIRTSCHAFT ERHEBLICH VERÄNDERN – was uns Gelegenheit gibt, sie zeitlich zu reduzieren
UNGLEICHHEIT IST DIE GROSSE GESELLSCHAFTLICHE KRANKHEIT, die sich in einer statischen Wirtschaft nur verschlimmert – also müssen wir alles daransetzen, das Gleichgewicht wiederherzustellen
EIN GRUNDEINKOMMEN GEWÄHRT DEN MENSCHEN DIE FREIHEIT, sich zu entfalten, ohne die Folgen von Schicksalsschlägen fürchten zu müssen – also sollten wir es als Ersatz für Transferleistungen einführen
Danksagung
Für June
«… vergebens die Suche danach, was innerhalb einer monolithischen Gesellschaft Ursache gewesen sein soll. Ursache ist nur noch jene selbst.»
THEODOR W. ADORNO, Negative Dialektik
Die westliche Kultur, in der wir leben, ist ein Gewebe perfektionistischer Fantasien, dem sich niemand von uns entziehen kann. Sie ist wie die holografische Simulation einer völlig übertriebenen Realität, in der Hochglanzfotos und bewegte Bilder perfekter Lebensentwürfe von City-Light-Postern, Kinoleinwänden, Fernsehbildschirmen, Werbespots und Social-Media-Feeds flackern. Dieses Hologramm feuert unablässig Partikel einer unrealistischen Wirklichkeit mit ihrer Botschaft auf uns: Wir könnten ein glückliches und erfolgreiches Leben führen, wenn wir denn nur perfekt wären – und alles wird in sich zusammenfallen, wenn wir uns zu weit von diesem Ideal entfernen. Diese Vorstellung ist real, greifbar und allgegenwärtig, und sie hat uns so durchdrungen, dass Perfektionismus zu unserem ständigen Begleiter geworden ist, der sich nicht abschütteln lässt. Andauernd zerbrechen wir uns den Kopf darüber, was wir nicht haben, wie wir nicht aussehen und was uns nicht gelungen ist.
Anscheinend wollen wir es aber auch gar nicht anders haben. Bei Bewerbungsgesprächen wird Perfektionismus kokettierend als größte Schwäche benannt. Führende Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Sport sehen in ihm den Schlüssel zu ihrem Erfolg. Prominente und Life Coaches zeigen uns, wie wir ihn kultivieren können, um Kapital daraus zu schlagen. Tatsächlich ist vieles von dem, was wir mit Blick auf Gesundheit, Arbeit, Geld, Status und «das gute Leben» in der modernen Gesellschaft für recht und billig halten, eine der treibenden Kräfte, wenn nicht die treibende Kraft des Perfektionismus: eine ungebremst wachsende Besessenheit und gnadenlose Gier nach mehr, koste es, was es wolle.
Die Kosten dieser Gier sind sprunghaft angestiegen. Wir ertrinken in unserer Unzufriedenheit, versinken im Treibsand der Unersättlichkeit, auf der Jagd nach einer Perfektion, die allen anderen außer uns zufliegt. Dabei wissen wir, dass das nicht stimmt. Wir wissen, dass niemand perfekt ist. Und dass uns das Kettenhemd des Perfektionismus auf Dauer förmlich runterzieht.
Trotzdem legen wir es nicht ab. Denn es würde bedeuten, uns zu akzeptieren, wie wir sind, als Menschen mitsamt Fehlern. Das fällt uns unglaublich schwer, erst recht wenn es gleichzeitig unsere Überzeugungen infrage stellt, was in der modernen Gesellschaft als «großartig» und «gut» gilt, und damit eine Abwendung von allen Überzeugungen bedeuten würde, wie wir in dieser Welt zu sein haben. Wann haben Sie es das letzte Mal erlebt, dass ein Mensch, geschweige denn ein ganzes Land, so viel Selbstreflexion an den Tag gelegt hätte?
Dabei ist sich selbst zu hinterfragen genau das, was wir tun müssen, wenn wir gemeinsam der Perfektionsfalle entgehen wollen. Und dieses Buch, Nie gut genug, zeichnet nach, wie ich zu den erforderlichen Schlussfolgerungen gekommen bin. Alles begann damit, dass ich über dieses Thema nachdachte, so, wie man auf einen hartnäckigen Juckreiz mit Kratzen reagiert. Doch schon bald kristallisierte sich aus diesen Gedanken ein Spannungsbogen heraus, durch den sich ein gemeinsamer roter Faden zog: Perfektionismus ist die maßgebliche Geisteshaltung eines ökonomischen Systems, das alles dransetzt, menschliche Grenzen zu überschreiten. Dieser Grundgedanke zieht sich nun durch die dreizehn Kapitel dieses Buches. Sie erklären, was Perfektionismus eigentlich ist, was er mit uns macht, wie schnell und warum er sich aktuell so rasant verbreitet und was wir tun können, um ihm zu entkommen.
Meine Argumentation stützt sich auf einen Mix aus offiziellen und inoffiziellen Daten, so zum Beispiel die Ergebnisse psychologischer Studien, klinische Fallbeschreibungen, Wirtschaftszahlen sowie psychoanalytische und soziologische Theorien. Außerdem habe ich auf die eine oder andere Anekdote direkt aus dem Leben zurückgegriffen, und zwar mehr, als man das von einem Sozialpsychologen wohl erwarten würde. Und dafür möchte ich mich auch gar nicht entschuldigen. Ich bin zwar eindeutig ein Zahlenmensch. Ich liebe Statistik. Ich verbringe die meiste Zeit des Tages damit, sie Studierenden einzutrichtern. Aber Daten allein reichen nicht aus, um eine Idee in der realen Welt zu beweisen. Sie muss sich ebenso auf konkrete Erfahrungen stützen, sonst wird sie zur bloßen Abstraktion – eine Nummer, eine Trendkurve, eine Schätzung unter vielen.
Ich möchte gleich zu Beginn auf einige Aspekte dieses Buchs hinweisen. Erstens werden darin viele psychologische, ökonomische und soziologische Ideen angesprochen, allerdings nicht näher ausgeführt, sondern anhand konkreter Erfahrungen von mir und anderen Menschen in meinem Umfeld veranschaulicht und überprüft. Zweitens – und das ist vielleicht noch wichtiger – wurden Identitäten und Umstände abgewandelt, um diese Erfahrungen anonymisiert wiedergeben zu können. Dafür habe ich Namen und manchmal das Geschlecht geändert, Orte und Zeitpunkte verlegt, Schauplätze erfunden und gelegentlich mehrere Stimmen zu einer gebündelt oder Aussagen auf mehrere Sprecher:innen verteilt. Mir ist klar, dass diese verschleierten Identitäten und Tarnmanöver den Leser:innen einiges an Vertrauen abverlangen, doch hoffentlich nicht mehr als bei einem Drehbuchautor, der einen gut gemachten Plot liefert. Daher habe ich mir vorgenommen, Sinn und Bedeutung von allem, was ich gesehen, gehört und selbst erlebt habe, so genau wie nur möglich wiederzugeben, wenn ich schon die genauen Umstände nicht offenlegen kann.
Denn ja, ich bin ein Perfektionist. Und in erster Linie ist dieses Buch als Trostpflaster für andere Perfektionist:innen gedacht. Je mehr ich mich mit meinem eigenen Perfektionismus, dem Perfektionismus der Menschen um mich herum und Forschungsergebnissen über die Auswirkungen von Perfektionismus auf Glück und Gesundheit auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde mir, dass unsere Geschichten im Wesentlichen die gleichen Wurzeln haben. Sicher, wir leiden alle auf unsere eigene Weise unter Perfektionismus. Doch wir starten unsere Reise unter den gleichen Bedingungen, nämlich in der festen Überzeugung, für andere unbedeutend oder nicht liebenswert zu sein, was auf dasselbe hinausläuft. Man kann dieses Gefühl der Minderwertigkeit an vielen Orten erleben, doch wo es uns grundsätzlich und universell vermittelt wird, ist die makellose Simulation, die uns umgibt und mit der wir völlig verwoben sind.
Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen Mut macht. Ich hoffe, es hilft Ihnen dabei, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was Perfektionismus mit uns macht und wo er seinen Ursprung hat. Ich hoffe, es tut Ihnen gut zu erfahren, dass Sie selbst keine Schuld trifft – und dass Sie keineswegs minderwertig sind, auch wenn Ihre Kultur Ihnen noch so sehr das Gegenteil suggeriert. Ich hoffe, es ebnet Ihnen den Weg zu mehr Selbst-Akzeptanz. Und ich hoffe, es regt Sie dazu an, sich für soziale und politische Anliegen einzusetzen, die eine bewusstere, achtsamere Lebensweise ermöglichen – eine, die menschliche Grenzen respektiert.
Mit anderen Worten wünsche ich mir, dass dieses Buch Ihnen zu der einen oder anderen Einsicht verhilft – über sich selbst und die Welt, in der wir leben. Und hoffe, dass es Ihnen mit diesem Wissen leichter fällt, die unvergleichliche Freude zu genießen, die sich einstellt, wenn man sich selbst voll und ganz akzeptiert und die eigenen Schwächen als die erstaunlichen kleinen Anfälle von Menschlichkeit begreift, die sie in Wahrheit sind.
September 2022
London, England
oder Der Perfektionswahn in der modernen Gesellschaft
Ich bin Perfektionistin, damit mache ich mich selbst verrückt – und andere genauso. Andererseits glaube ich, das ist einer der Gründe für meinen Erfolg. Weil mir wirklich wichtig ist, was ich tue.
MICHELLE PFEIFFER (US-amerikanischer Filmstar)
Die Erzählung Das Muttermal von Nathaniel Hawthorne aus dem Jahr 1843 handelt von Aylmer, einem angesehenen Wissenschaftler, der Georgiana heiratet, eine perfekte junge Frau, deren Vollkommenheit allein durch ein kleines Muttermal auf ihrer linken Wange getrübt wird. Dieses angeborene Mal sticht aus Georgianas ansonsten makellosem Gesicht hervor, und das stört den Perfektionisten Aylmer, der diesen einzigen Schönheitsfehler seiner Frau einfach nicht übersehen kann. «Wie ein purpurroter Schandfleck im Schnee.»
Für Aylmer ist Georgianas Muttermal ihre «fatale Schwachstelle». Nicht lange, und seine Abscheu färbt auf sie ab, sodass sie das von ihm erschaffene verzerrte Bild ihrer selbst zu hassen lernt. Sie bittet Aylmer inständig, seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu nutzen, um den Fehler in ihrer makellosen Erscheinung zu beseitigen, «koste es, was es wolle».
Also schmieden sie einen Plan. Aylmer, ein versierter Chemiker, experimentiert mit verschiedensten Substanzen, um ein geeignetes Mittel zu finden. Er arbeitet Tag und Nacht, aber die perfekte Rezeptur will nicht gelingen. Während er über seinen Reagenzgläsern brütet, erhascht Georgiana eines Tages einen Blick in Aylmers Notizen und stößt dabei auf eine Liste mit Fehlversuchen. «So viel er auch erreicht hat», stellt sie fest, «gemessen an seinen Zielen waren selbst die besten Ergebnisse so gut wie ausnahmslos Misserfolge.»
Dann plötzlich: «Heureka!» Aylmer ist es gelungen, ein alchemistisches Wundermittel zu brauen. Hastig trinkt Georgiana das «Wasser aus himmlischer Quelle», ehe sie erschöpft zusammenbricht, um am nächsten Tag ohne eine Spur ihres Muttermals zu erwachen. Aylmer kann seinen Erfolg kaum fassen: «Du bist perfekt!», erklärt er seiner nunmehr makellosen Frau.
Doch Hawthornes Geschichte hat einen Haken. Denn Aylmers Trank lässt zwar Georgianas Schönheitsfehler verschwinden, doch sie muss dafür mit dem Leben bezahlen. Nicht nur das Muttermal hört auf zu existieren – bald darauf tut es auch Georgiana.
Kurz nachdem Hawthorne Das Muttermal verfasst hatte, schrieb ein anderer Autor des Horror- und Schauergenres, Edgar Allan Poe, eine ebenso beklemmende Studie über das verhängnisvolle Wesen des Perfektionismus. In Poes Kurzgeschichte Das ovale Porträt sucht ein Verwundeter Schutz in einem verlassenen Haus in Italien. Sein Diener ist bemüht, die Wunden zu versorgen, muss aber schließlich aufgeben. Der Verletzte erkennt die Hoffnungslosigkeit seiner Situation und verkriecht sich in einem der zahlreichen Schlafzimmer des Hauses, um zu sterben.
Als er zitternd und fiebrig auf dem Bett liegt, fallen ihm plötzlich die vielen Gemälde an den Zimmerwänden auf. Auf dem Kopfkissen neben ihm liegt ein kleines Buch, das die Bilder angeblich erklärt. Als er den Kerzenleuchter zurechtrückt, um besser lesen zu können, fällt das Licht in eine dunkle Nische hinter dem Bettpfosten und gibt den Blick frei auf das Porträt einer jungen Frau in einem ovalen Rahmen. Der Mann ist fasziniert. Er blättert das Buch auf und findet den Eintrag zur Geschichte des Bildes.
Die Frau auf dem ovalen Porträt war die Braut eines ebenso begabten wie gebeutelten Malers. Sie war «ein Mädchen von seltener Schönheit», doch ihr Mann war so besessen von seiner Kunst, dass er sie kaum beachtete. Eines Tages fragte der Maler seine Frau, ob er ihr Porträt malen dürfe. Sie stimmte zu, schließlich ergab sich dadurch endlich eine Gelegenheit, kostbare Zeit mit ihrem Ehemann zu verbringen. Sie betrat also sein Atelier in einem dunklen, hohen Turmzimmer und nahm geduldig Platz, während der Maler ihre fast schon überirdische Schönheit verewigte.
Doch wie Aylmer war auch der Maler ein Perfektionist. «Er vertiefte sich in seine Arbeit, Stunde um Stunde, Tag um Tag.» Viele Wochen vergingen. Der Maler verlor sich derart in seiner Kunst, dass er gar nicht bemerkte, wie seine Frau darunter litt. «Er sah nicht, wie das Licht, das so fahl in den einsamen Turm einfiel, die Gesundheit und die Lebensgeister seiner Frau verwelken ließ, die – allen außer ihm selbst ersichtlich – dahinsiechte.»
Dennoch fügte sie sich klaglos dem Perfektionismus ihres Gatten. Und der Maler war so besessen davon, das Ebenbild seiner Frau zu erschaffen, dass er irgendwann nur noch das Porträt betrachtete. «Er registrierte nicht, dass er die Farbe, die er auf der Leinwand verteilte, von den Wangen derjenigen nahm, die neben ihm saß.» Weitere Wochen vergingen. Und die Frau des Malers wurde immer schwächer.
Dann machte er den letzten Pinselstrich an seinem Meisterwerk und rief: «Das ist wahrhaftig das Leben selbst!»
Als er sich seiner Frau zuwandte, sah er, dass sie tot war.
Es stellt durchaus eine gewisse Herausforderung dar, Hawthorne und Poe aus heutiger Perspektive zu lesen. Ihre Geschichten haben einen bitteren Beigeschmack. So ähnelt Hawthornes Georgiana den vielen Männern und Frauen, die in ihrem Streben nach Perfektion durch Schönheitsoperationen entstellt worden sind oder gar ihr Leben verloren haben. Und Poes Maler wiederum erinnert auffallend an die gestressten Banker und Juristen, die sich Tag und Nacht abrackern, um ein Geschäft oder einen Vertrag abzuschließen, wodurch ihnen keine Zeit für Familie und Freunde bleibt.
Doch noch aufschlussreicher als diese Parallelen sind die Gegensätze. Als Andrew Jackson 1829 bis 1837 Präsident der USA war, taugte Perfektionismus bestenfalls als Stoff für die damals beliebten Horror- und Schauerromane, davon abgesehen galt er aber als lächerlich und alles andere als erstrebenswert. Das hat sich von Grund auf geändert. Heute verherrlichen wir Perfektionismus als lobenswerte Eigenschaft, mit der wir uns schmücken wollen, die wir bewundern und für die wir bereit sind, hart zu arbeiten und alles zu geben.
Natürlich sind wir nicht so naiv wie Hawthornes Aylmer und Poes Maler. Uns ist sehr wohl bewusst, dass der Perfektionismus uns auch einiges abverlangt. Das unermüdliche Streben nach Perfektion, die zahllosen persönlichen Opfer, die wir bringen, und der gnadenlose selbst auferlegte Druck fordern ihren Tribut. Aber ist nicht genau das der springende Punkt? Perfektionismus ist in der modernen Kultur das Erkennungszeichen des selbst aufopfernden Erfolgs, eine Art goldene Mitgliedsnadel, mit der über eine gänzlich andere Realität hinweggetäuscht wird.
Deshalb entlarven gerade Vorstellungsgespräche unsere Bereitschaft für Perfektionismus. Unter all dem Druck geben wir einiges darüber preis, wie wir gesehen werden wollen und welche Masken wir tragen, um unser Gegenüber davon zu überzeugen, dass wir die Investition wirklich wert sind.
Der eindeutigste Teil des Kreuzverhörs ist immer die Antwort auf die Killerfrage: «Worin besteht Ihre größte Schwäche?» Wie wir darauf antworten, verrät, was wir für sozial akzeptable Schwächen halten – Schwächen, die unsere Eignung nur unterstreichen, Schwächen, die uns zugutekommen. «Meine größte Schwäche?», sagen wir und tun dabei so, als begäben wir uns auf der Suche nach der Antwort in die Tiefen unseres Selbst. «Ehrlich gesagt ist das wohl mein Perfektionismus.»
Diese Antwort ist abgedroschen. Laut Umfragen bezeichnen Personalverantwortliche den Satz «Ich neige manchmal zu Perfektionismus» als das am häufigsten bemühte Klischee in Vorstellungsgesprächen.[1] Doch wenn wir uns jenseits davon die Frage stellen, warum wir es verwenden, wird klar, dass wir damit unsere Eignung deutlich machen wollen. In einem Wirtschaftssystem, in dem gnadenlose Wettkämpfe und eine kompromisslose Siegermentalität der Alltag sind, verkommt «Durchschnitt» regelrecht zu einem Schimpfwort. Geben wir zu, dass wir damit zufrieden sind, einfach nur unsere Arbeit zu erledigen, gestehen wir im Klartext ein, dass wir weder den Ehrgeiz noch die Entschlossenheit haben, uns zu verbessern. Und wir glauben nun mal, dass Arbeitgeber nichts weniger als Perfektion erwarten.
Was wir im Übrigen eins zu eins von der Gesellschaft denken. Anders als noch zu Hawthornes und Poes Zeiten ist Perfektionismus in der modernen Welt ein notwendiges Übel, ein ehrenwerter Makel, unsere Lieblingsschwäche. Als Mitglieder dieser Gesellschaft sind wir so verstrickt in ihre Absurditäten, dass wir diese kaum noch als solche wahrnehmen. Doch wir sollten näher hinsehen. Hawthornes Aylmer und Poes Maler sind abschreckende Beispiele dafür, welchen Preis wir dafür zahlen, wenn wir unser Leben danach ausrichten, die schwindelerregenden Höhen der Vollkommenheit zu erklimmen. In diesem Buch werden wir gemeinsam herausfinden, was Perfektionismus wirklich bedeutet, ob er uns tatsächlich nützt, warum er eine größere Rolle spielt als jemals zuvor und wie man mit alldem umgehen kann.
Also, lassen Sie uns doch mal rational an die Sache herangehen. Dann wird nämlich deutlich, wie irrational es ist, den Perfektionismus zu verherrlichen. Im Grunde genommen ist Perfektion ein utopisches Ziel. Sie ist nicht messbar, oft subjektiv und für uns Normalsterbliche völlig außerhalb unserer Reichweite. «Wahre Perfektion», scherzte der Justizpsychologe Asher Pacht, «existiert nur in Todesanzeigen und Grabreden.»[2] Sie ist eine Illusion, ein Holzweg. Und weil Perfektion immer jenseits des Möglichen liegt und ihr nachzujagen ein völlig hoffnungsloses Unterfangen ist, zahlen diejenigen, die es versuchen, zwangsläufig einen sehr hohen Preis.
Warum erscheint uns dann Perfektion als der einzige Weg zum Erfolg? Und ist dieser Glaube berechtigt?
Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich zum 17. Januar 2013 zurückgehen. Ein zutiefst erschütterter Lance Armstrong sitzt in einem ledernen Sessel und blickt in einen geräumigen, altmodischen Lesesaal. Er hat die Beine übergeschlagen, sein Atem geht schwer, seine Hände bewegen sich fahrig zwischen Schoß und Gesicht hin und her. Er scheint zu spüren, dass sich hier eines der meistgesehenen Interviews der US-amerikanischen Fernsehgeschichte anbahnt.
Seine Interviewpartnerin, Oprah Winfrey, ist eine Meisterin ihres Fachs. Sie befindet sich nicht direkt gegenüber von ihm wie bei Interviews üblich. Stattdessen sitzt sie in einem bestimmten Winkel, sodass Armstrong ihr zwangsläufig den Kopf zuwenden muss, um sie anzusehen. Nach mehreren unverfänglichen Fragen steuert Winfrey direkt auf den Kern der Sache zu. Und dabei hält sie wirkungsvoll eine Sekunde inne, um dann den Kopf von ihren Notizen zu heben, den Blick auf Armstrong zu heften und ihn seelenruhig zu dem Bekenntnis aufzufordern, dass er seine sieben Tour-de-France-Titel dank leistungsfördernder Substanzen gewonnen hat.
«Ja», gesteht Armstrong. Er habe exzessiv gedopt.
Dann fordert Winfrey ihn auf, sich zu erklären. Und da geschieht etwas Bemerkenswertes. Armstrongs gesamtes Auftreten ändert sich. Er nimmt Haltung an und hebt das Kinn. Auf diesen Moment hat er nur gewartet. Er blickt Winfrey geradewegs in die Augen und erklärt mit fester Stimme: «Ich habe es nicht getan, um mir einen Vorteil zu verschaffen.» Doping sei für seine Begriffe bloß eine Frage der Anpassung gewesen. «Das entsprach der Kultur im Radsport», erklärte er Winfrey trotzig, «es herrschte Konkurrenzkampf, wir waren alle erwachsen, und wir haben alle unsere Entscheidungen getroffen.»
Armstrong entschloss sich zu dopen, weil alle es taten.
Unser Verhalten ist beeinflusst vom Verhalten anderer. Wir halten uns für frei wie ein Vogel und glauben, wir seien einzigartige Individuen und grundverschieden von den Menschen um uns herum. Doch in Wahrheit sind wir nicht ansatzweise einmalig. Wie Armstrong es in seinem Gespräch mit Winfrey schilderte, handeln wir rein instinktiv oft eher wie Schafe. Unsere größte Sorge ist es, gemieden, geächtet oder aus der Herde verbannt zu werden. Also überprüfen wir tagtäglich, bewusst oder unbewusst, ob sich unser Verhalten in sozial vertretbaren oder normalen Grenzen bewegt.
Letztlich ist es weniger eine gottgegebene Individualität als der soziale (Gegen-)Wind, der die Wetterfahne hin und her bewegt, an der wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Bei der Arbeit, in der Erziehung, im Studium oder beim Posten in den sozialen Medien, wann immer uns Ängste oder Zweifel beschleichen – und das ist in diesen Zeiten sehr häufig der Fall –, neigen wir dazu, mit der Herde mitzulaufen. Und zwar selbst dann noch, wenn das Verhalten der Herde zweifellos schädlich ist, wie im Fall Armstrong. Wenn alle anderen perfekt zu sein scheinen, wirkt unsere eigene Überzeugung, Perfektion sei der einzige Weg zum Erfolg, absolut rational.
Es fällt schwer, dieser Einstellung zu entkommen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass wir alle eine gewisse Intoleranz gegenüber Unvollkommenheit empfinden, sei es bei der Arbeit, bei Schulnoten, im Auftreten, in der Erziehung, beim Sport oder beim Lebensstil. Der Unterschied, um die Psychoanalytikerin Karen Horney zu zitieren, «ist lediglich quantitativ»[3]. Bei den einen ist die Intoleranz etwas ausgeprägter, bei den anderen etwas weniger, die meisten bewegen sich in der Mitte. Und dieser mittlere Bereich im Perfektionsspektrum – der Durchschnitt – nimmt im Lauf der Zeit immer schneller zu. Wie schnell, das werden wir an anderer Stelle noch sehen. Hier soll es darum gehen, was sich hinter diesem kollektiven Gerangel um Perfektion verbirgt und inwiefern wir uns überhaupt Sorgen machen müssen.
Ich bin Universitätsprofessor und weltweit einer der wenigen, die zu Perfektionismus forschen. Im Laufe der Jahre habe ich mich mit Fragestellungen aller Art befasst, zum Beispiel: Was sind die charakteristischen Merkmale von Perfektionismus? Was sind die typischen Begleiterscheinungen, die häufig mit Perfektionismus korrelieren, also einhergehen? Und warum scheint Perfektionismus ein beherrschendes Kennzeichen der heutigen Zeit zu sein? Dabei habe ich mich mit vielen Klinikärzt:innen, Lehrer:innen, Manager:innen, Eltern und jungen Leuten ausgetauscht, die in unserer modernen Welt groß geworden sind. Sie alle stimmen darin überein, dass Perfektionismus der neue Zeitgeist schlechthin ist.
Die Bestätigung hierfür fand ich 2018 in meiner Mailbox. Eine Mitarbeiterin von TED (Technology, Entertainment, Design, ein Forum für interdisziplinären Austausch) namens Sheryl fragte an, ob ich Lust hätte, auf ihrer bevorstehenden Konferenz in Palm Springs, Kalifornien, einen Vortrag zu halten. Wie Sheryl mir versicherte, stieß das Thema Perfektionismus bei den TED-Mitgliedern auf enormes Interesse: «Sie begegnen Perfektionismus überall – in ihrem eigenen Leben, im Leben ihrer Kinder und im Leben ihrer Arbeitskolleg:innen.» Ich sollte auf der Konferenz einen Vortrag darüber halten, was es mit Perfektionismus auf sich hat, was dieses Phänomen mit uns macht und warum es so verbreitet ist. «Sehr gerne», antwortete ich ihr. Also setzte ich mich noch im selben Monat mit den Redenschreiber:innen von TED zusammen, um einen zwölfminütigen Vortrag mit dem Titel «Unser gefährlicher Perfektionswahn wird immer schlimmer» (Original: Our dangerous obsession with perfectionism is getting worse) auszuarbeiten.
Ich bin stolz, diesen Vortrag gehalten zu haben, aber der Titel stößt mir zunehmend auf. Er ist viel zu persönlich. Er setzt den Akzent auf uns, unsere Besessenheit von Perfektion. Die Arbeit an diesem Buch – vertieft in die knifflige Kunst, Gedanken in gefällige Sätze zu fassen und diese dann in eine lesbare Form zu bringen – war erhellend. So taten sich ungeahnte Lücken in meinem Denken auf. Und ich begann, Aspekte in den Daten zu entdecken, die ich vorher übersehen hatte oder einfach nicht sehen konnte.
Perfektionismus ist keine individuelle Besessenheit – es ist eine ausgesprochen kulturelle. Sobald wir alt genug sind, unsere Umwelt zu begreifen, werden wir uns ihrer Omnipräsenz auf unseren Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden, Reklametafeln, Computern und Smartphones bewusst. Sie ist allgegenwärtig und zeigt sich deutlich in der Sprache unserer Eltern, der Art und Weise, wie Nachrichten präsentiert werden, den Äußerungen von Politiker:innen, der Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems sowie der Strukturierung unserer sozialen und öffentlichen Institutionen. Wir strahlen Perfektionismus aus, weil unsere Welt Perfektionismus ausstrahlt.
Mein Flug zur TED-Konferenz in Palm Springs startete vom damals nagelneuen Terminal 2 des Flughafens Heathrow. Das Terminal 2 ist das Queen’s Terminal, benannt nach Königin Elisabeth II. 1955 eröffnete sie in Heathrow das ursprünglich Queen’s Building genannte Terminal 2, das 2009 abgerissen wurde, um dem neuen internationalen 3-Milliarden-Pfund-Drehkreuz Platz zu machen.
Das Queen’s Terminal ist ein atemberaubendes Stück kommerzieller Architektur. Der Journalist Rowan Moore schrieb im Guardian, der zentrale Wartebereich habe die Größe der Markthalle von Covent Garden. Und so sollen die Fluggäste das auch erleben. «Es ist ein großer gesellschaftlicher Treffpunkt», sagt der Architekt Luis Vidal, «wie eine Piazza oder eine Kathedrale.» Eine Verklärung, die man nachempfinden kann, wenn man hindurchgeht. Von der umlaufenden Galerie aus hat man freien Blick auf eine weitläufige architektonische Landschaft mit geschwungenen Bögen, klaren Linien, grellbunten Werbetafeln und bodentiefen Glasfassaden.
In diesem Monumentalbau verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination. Und Werbung spielt dabei eine tragende Rolle. Selbst nach heutigen Maßstäben stellt die Werbung im Queen’s Terminal eine äußerst eigenwillige Art kreativer Unternehmenskultur dar. «Überlisten Sie die Viren!», fordert IBM die unbedarften Fluggäste auf, die das womöglich mitten in der Pandemie auf dem Weg zum Boarding zu lesen bekommen. Microsoft wiederum versichert uns, dass ihre Cloud «aus dem Chaos ein Uhrwerk» machen kann, während HSBC beteuert, dass der «Klimawandel keine Grenzen kennt».
Was an der Werbung im Queen’s Terminal aber vielleicht am meisten auffällt, ist das konsequente Lifestyle Branding. Die eine Anzeigentafel zeigt einen eleganten und picobello gepflegten Mann, der mithilfe einer besonders nutzerfreundlichen Carsharing-App zielsicher von A nach B gelangt. Von einer anderen lächelt eine Geschäftsfrau mit einem teuren Koffer in der Hand, die strahlend am Boarding Gate einer ach so kundenfreundlichen Fluglinie begrüßt wird. Das sind nur zwei Beispiele von vielen: Von den Plakaten über die Luxusmode-Outlets bis hin zum beinahe zu geschmackvoll eingerichteten Café ist das Terminal ein Mikrokosmos aller Dinge, die wir so gerne verherrlichen: übertriebene und idealisierte Inszenierungen eines perfekten Lebens und Lebensstils.
Doch als ich so in diesem Perfektionisten-Café saß, konnte ich gar nicht anders: Die Absurdität dieses so laut ausposaunten Idealismus brachte mich zwangsläufig ins Grübeln. Denn im krassen Kontrast zu dem, was in der realen Welt vor sich geht, beschwört dieses Gebäude eine hyperfunktionale, verlockende Idylle herauf, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun hat. Der so tadellos gekleidete Anzugträger, der mich von dem City-Light-Poster hoch über mir anstrahlt, sieht nicht aus, als wäre er die dreißig Minuten gelaufen, die man vom Parkhaus bis zum Check-in-Schalter im Terminal braucht. Und das Lächeln im Gesicht der Geschäftsfrau bekommt etwas Zynisches, wenn man es endlich durch die Flugsicherheit geschafft hat, nur um festzustellen, dass der Abflug verschoben wurde.
Ist der Kaffee im Perfektionisten-Café wenigstens perfekt? Er ist nicht einmal heiß.
Wird der Flug endlich aufgerufen, startet er unter Garantie von einem Gate am anderen Ende des Terminals, wofür man erst mit dem Aufzug runterfahren und dann fast zwei Kilometer zu Fuß unter dem Rollfeld zurücklegen muss. Dort angekommen findet man zwar keine Sitzgelegenheiten vor, dafür aber eine lange Schlange von Passagieren, die missmutig vor der Gangway anstehen. Ergattert man dann völlig erschöpft doch noch eine Sitzgelegenheit, könnte man nicht nur einen Schnaps gebrauchen, sondern auch eine vernünftige Antwort auf die Frage, warum das Meeting nicht genauso gut online hätte stattfinden können.
Man muss sich das einmal in aller Deutlichkeit vor Augen führen. Es ist doch atemberaubend, wie weit sich das Idealbild dieses Gebäudes von der Wirklichkeit unterscheidet. Die inspirierenden Slogans, die malerische Bilderwelt, der Zauber transatlantischen Reisens – all das verweist auf eine kulturelle Kluft, die auch jenseits dieses Ortes besteht. Häuser, Urlaube, Autos, Fitnessprogramme, Schönheitsprodukte, Diäten, Erziehungstipps, Lebensberatung, Produktivitätshacks und dergleichen mehr: Wir leben in einem Hologramm unerreichbarer Perfektion, ständig unter Zwang, unser Leben und unsere Lebensweise zu optimieren auf der Suche nach einer makellosen Existenz, die es einfach nicht geben kann.
Doch wir sind nur Menschen. Und tief in uns drin ahnen wir, mehr, als uns lieb ist, dass alle Menschen Fehler machen, Schwachstellen haben und nur begrenzt belastbar sind. Je mehr unsere holografische Kultur dafür sorgt, dass wir nach und nach unseren Sinn für die Realität verlieren, je mehr sie uns dazu drängt, gegen unsere höchst menschliche Fehlbarkeit und das gemächliche Voranschreiten von Mutter Natur anzukämpfen, desto mehr wird der Perfektionismus uns auf der Jagd nach einer Illusion gefangen halten – und uns hilflos zurücklassen, während unsere Gesundheit und unser Lebensglück dahin sind. Von den Auswirkungen des Perfektionismus wird später noch die Rede sein. Doch zunächst geht es zurück ins Queen’s Terminal, um Ihnen von meinem eigenen Kampf mit unserer Lieblingsschwäche zu erzählen.
Ich saß in besagtem Perfektionisten-Café, wartete geduldig darauf, dass mein Flug zum Boarding aufgerufen wurde, und versuchte meine strapazierten Nerven zu beruhigen, indem ich mich auf meinem Laptop durch die beliebtesten TED-Talks klickte. Ich habe Hunderte angeguckt, bevor ich selbst dran war. Und jeden einzelnen habe ich auf der Suche nach einer Zauberformel genau unter die Lupe genommen. Die besten Sprecher:innen legten eine unerschütterliche Selbstsicherheit an den Tag, als wäre das Halten von Vorträgen ihre zweite Natur, so selbstverständlich wie Essen und Trinken. Ich bin deutlich weniger selbstbewusst. Was, wenn ich nicht den Mut aufbringe, um auf die Bühne zu gehen? Was, wenn ich meinen Text vergesse? Was, wenn ich vor all diesen Leuten in Panik gerate und hyperventiliere?
Perfektionist:innen wie ich neigen dazu, sich viel zu viele Gedanken um ihre Ängste zu machen. Wir wähnen uns auf der sicheren Seite, solange wir möglichst alle Eventualitäten einkalkulieren, und übersehen dabei, dass das Grübeln selbst uns noch viel mehr lähmt. Gut, ich habe zwar noch nie eine Präsentation durch zu viel Grübeln in den Sand gesetzt – aber so richtig brilliert habe ich dadurch auch noch nie.
Im Alter von neunundzwanzig Jahren flog ich nun also trotz aller Widrigkeiten als einer der vielgepriesenen TED-Vordenker nach Kalifornien. Auf dem kreisrunden roten Teppich, auf dem die Redner:innen stehen, musste ich den Eindruck erwecken, die 5000 Dollar Teilnahmegebühren wert zu sein.
Eins meiner größten Probleme besteht darin, dass ich Erfolg nicht einfach genießen kann. Stattdessen verbuche ich ihn unter Glück oder Zufall, anstatt die Anerkennung anzunehmen, die ich meiner Meinung nach sowieso nicht verdient habe. Dieses Defizitdenken – oder diese Unsicherheit – ist vielleicht der verhängnisvollste Aspekt des Perfektionismus. Denn wenn man ständig nach noch mehr Erfolg strebt, während man gleichzeitig in permanenter Angst vor dem Scheitern lebt, kann sich auch ein relativ hohes Leistungsniveau ausgesprochen bedeutungslos anfühlen. Sogar mehr als bedeutungslos, denn im Spiegel des Perfektionismus sind unsere Träume nichts weiter als Sackgassen. Für uns Perfektionist:innen ist Erfolg ein Fass ohne Boden, an dem wir uns abarbeiten, während die Antwort auf die Frage «Bin ich gut genug?» hinter dem Horizont verborgen bleibt.
Und genau wie der Horizont entzieht sie sich jeder Annäherung.
Das konstante Gefühl, nie zu genügen, macht das Leben zur Qual. Denn wie viel man auch erreicht hat und wie aufrichtig man sich auch wünscht, ein schönes und erfülltes Leben zu führen – man ist doch nie zufrieden. Dann zieht man sich zurück, meidet schwierige Situationen und gilt irgendwann als kompliziert, unzuverlässig und bindungsunfähig. Man ist ruhelos, panisch, mal relativ ausgeglichen und dann wieder geradezu krankhaft rückfällig, neigt zu Selbstzweifeln und Selbstkritik und fragt sich, wer man wirklich ist, gefangen in einem Kreislauf aus Leistungswahn und der Jagd nach Erfolgsnachweisen, an die man im Grunde seines Herzens selbst nicht glaubt.
Soweit ich das beurteilen kann, führt der Wunsch nach Perfektion in unserem Privat- wie Berufsleben zu einer Selbstentfremdung, wenn nicht dazu, dass wir uns selbst gar nicht erst finden.
Während ich an dem lauwarmen Kaffee im Perfektionisten-Café nippte und das hektische Treiben im Queen’s Terminal beobachtete, dachte ich einen Moment lang darüber nach, ob es nicht besser gewesen wäre, bei meinem Vater auf dem Bau zu arbeiten und meine Brötchen damit zu verdienen, Löcher zu bohren, Holz zu schleifen und Ziegelsteine zu verlegen. Ein Mädchen aus der Nachbarschaft zu heiraten, ein bescheidenes Haus zu besitzen, womöglich einen Mittelklassewagen zu fahren und ein paar Kinder großzuziehen. Dann hätte ich zwar auf meine hübsche Sammlung akademischer Abschlüsse verzichten müssen, auf die Russel-Group-Professur, den TED-Vortrag und auf diesen glanzvollen Buchvertrag, aber ich müsste weder rund um die Uhr arbeiten, noch wäre ich permanent angespannt und nervös. Und vielleicht, ganz vielleicht, hätte ich diesen kaum zu fassenden Horizont des Gut-Genug doch einmal zu sehen bekommen.
Oder auch nicht. Um den britischen Psychoanalytiker Josh Cohen zu zitieren: «Bleiben heutzutage irgendjemandem in der modernen Welt die perfektionistischen Fantasien erspart, die unser Konsumentendasein heimsuchen?»[4]
So wie es aussieht, bin ich mehr oder weniger in dieselbe Falle getappt wie eigentlich jede:r in diesen modernen Zeiten, verheddert in einem Gewirr aus Nie-gut-Genug, unfähig zu verstehen, wozu all dieses unermüdliche Perfektionieren überhaupt gut sein soll. Wir verbringen endlose Stunden damit, zu arbeiten, über unsere Grenzen hinauszugehen und uns selbst zu optimieren, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben. Ja, Perfektionismus ist in gewisser Weise erblich. Und ja, Härte und Strenge, die wir in der Kindheit erlebt haben und die womöglich traumatisierend waren, spielen auch eine Rolle, eine sehr große sogar. Doch während unsere Gene und solche Erfahrungen die Karten mischen, verlangt unsere Kultur, dass wir ununterbrochen ein Ass nach dem anderen ausspielen.
Lance Armstrong stand vor dem Dilemma: Sauber bleiben und hinten im Pulk mitfahren oder aber mit der Hilfe von Doping ganz vorne mitmischen. «Die Bedingungen standen fest … wir haben alle unsere Entscheidungen getroffen.» Für Armstrong machte sich die Entscheidung damals zunächst mehr als bezahlt, für andere Radsportler war Doping jedoch eine riskante Option. Einige verloren sogar ihr Leben. Und wofür? Wenn – wie Armstrong behauptet – jeder Fahrer dopte, dann gefährdete dieses Wettrüsten die Gesundheit aller, ohne auch nur einen einzigen von ihnen dem Erfolg näher zu bringen.
Dasselbe vernichtende Wettrüsten ist in unserer modernen Kultur ganz generell zu beobachten. Wenn alles um uns herum wie die verworrene Realität einer grenzenlosen Perfektion erscheint, dann ist es kaum zu ertragen, dass wir bloß menschlich sind. Und so wird unser Leben zu einer tagtäglichen Gerichtsverhandlung über unsere Schwächen. Die meiste Zeit sind wir erschöpft, leer und angsterfüllt. Und was auch immer wir in den Ring werfen – unermüdliches Streben, Entspannungstechniken, Lebensberatung, Frustshoppen, Wegfiltern, Kaschieren und Flickschustern –, das Gesetz der Herde will es, dass nichts davon uns dem Erfolg näher bringt, oder um es auf den Punkt zu bringen, dass wir den Ansprüchen niemals genügen können.
Das ist die aktuelle Lesart von Hawthorne und Poe: Wir sind dazu verdammt, das Schicksal von Aylmer und dem Maler zu teilen. Wobei ich mir da gar nicht mal so sicher bin. Vielmehr glaube ich, dass wir eher den missachteten Frauen in diesen Geschichten gleichen. Wie diese könnten wir eigentlich mit unserem erstaunlichen Dasein recht zufrieden sein, wenn wir uns unsere Blößen, Schwächen, Ecken und Kanten nur offen eingestehen würden, statt dem Druck nachzugeben, diese eigentlich so unscheinbaren Makel wegretuschieren zu müssen – womit wir sie überhaupt erst überproportional aufblähen.
Je tiefer wir in diese kulturelle Perfektionsfalle geraten, desto mehr Lebensfreude opfern wir dem Perfektionismus. Es ist höchste Zeit, dass wir ernsthaft über unsere Lieblingsschwäche reden und der Sache auf den Grund gehen: Was hat es damit auf sich, und wie wirkt sie sich tatsächlich auf uns aus?
oder Warum Perfektionismus so viel mehr ist als extrem hohe Ansprüche
Was ich bin, wird an jedem einzelnen Punkt meiner Persönlichkeitsentwicklung durch meine Beziehungen zu den Menschen um mich herum bestimmt, die mich mögen oder die mich ablehnen.
HARRY STACK SULLIVAN[5] (US-amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut)
Raffertys Bar & Grill befindet sich im Zentrum von Toronto nur einen Steinwurf von der Union Station entfernt. Es ist ein beliebtes Café-Restaurant, in dem tagsüber Geschäftsleute in Business-Outfits ihren Kaffee schlürfen und abends elegant und gut gekleidete Menschen ihre Shoppingtour mit einem angesagten, bunt verzierten Cocktail krönen. Von der vorderen Terrasse hat man freien Blick auf eine belebte Kreuzung: Menschen hasten aneinander vorbei, Ampeln springen von Grün auf Rot und zurück, Straßenbahnen rattern in beide Richtungen über die Ost-West-Achse.
Es war ein sonniger Sommerabend im Jahr 2017, und ich saß mit den renommierten Professoren Gordon Flett und Paul Hewitt auf der Terrasse des Rafferty’s. Bei dem einen oder anderen kühlen Bier erzählten sie mir von ihrem beruflichen Werdegang. Gords Kleidung verrät den Akademiker: sorgfältig in die Chinohose gestecktes Karohemd und Laufschuhe, die so bequem wie zweckmäßig sind. In Verbindung mit seinem verschmitzten, freundlichen Gesicht und seiner aufgekratzten Art könnte man ihn fast für einen lokalen Touristguide halten.
Paul strahlt eher etwas Versonnenes aus. Er ist eine stille, nachdenkliche und ausgesprochen komplexe Persönlichkeit mit wachem Blick hinter einer trendigen runden Brille und einem akkurat gebügelten weißen Hemd, das in der Abendsonne schimmert. Er spricht nur, wenn es absolut notwendig ist, und ist dann erfüllt von einer sanften Intensität, als sei er kurzzeitig völlig verzaubert von einer bedeutsamen Einsicht. Das verleiht ihm die Aura eines grübelnden Psychologen, und genau das ist er auch.
Diese grundverschiedenen Männer verfolgen ein gemeinsames Ziel. Seit gut drei Jahrzehnten haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die Funktionsweise des Perfektionismus zu erforschen und herauszufinden, warum er in ihren Therapieräumen und Hörsälen so oft eine Rolle spielt. Während ich ihnen zuhörte, konnte ich förmlich spüren, dass ihre Tätigkeit viel mehr ist als nur ein Job. Es ist eine höchstpersönliche Angelegenheit, als sei das Studium des Perfektionismus ihr Ziehkind geworden. Ich war nach Toronto gereist, um diese Koryphäen über Perfektionismus sprechen zu hören. Die Hingabe, mit der sie sich ihrem Forschungsgegenstand verschrieben haben, faszinierte mich, und so saß ich nun mit ihnen zusammen, um mehr zu erfahren.
Paul stellte ihren langen Weg ganz sachlich dar. Anscheinend war ihm bewusst, dass sich ihre zielstrebige, heilige Mission für moderne akademische Verhältnisse ziemlich ungewöhnlich darstellt. «Ich war Feuer und Flamme für diese Sache und kam nicht mehr davon los», erklärte er. Mitte der 1980er, als angehender klinischer Psychologe, hatte Paul mit Patient:innen gearbeitet, deren Stress und Überlastung – in der Schule, bei der Arbeit, in der Erziehung – damit einherzugehen schien, dass sie meinten, alles perfekt machen zu müssen. Seine frühen Fallbeschreibungen wiesen Perfektionismus als bösartigen Zwang aus. «Wird nichts unternommen», führte er aus, «setzt Perfektionismus eine Abwärtsspirale in Gang, und zwar eine, die sich kaum stoppen lässt.»
Er fuhr fort: «Doch nur wenige meiner Patient:innen sahen im Perfektionismus etwas Zerstörerisches, jedenfalls nicht an und für sich.»
«Und daran hat sich überhaupt nichts geändert!», warf Gord ein, während ein wissendes Grinsen sich auf seinem Gesicht breitmachte. «Dabei sollte es das.»
Auf indirektem Weg bemängeln diese Männer – durchaus wohlwollend –, dass die Psychologie sich lange vornehm zurückgehalten hat, anstatt den Perfektionismus ernst zu nehmen, genauer gesagt ernst genug. Nach vorherrschender Meinung ist Perfektionismus eine populärpsychologische Angelegenheit, also etwas, dem man im Zweifelsfall auch mit Küchenpsychologie beikommen kann. Sicher, Perfektionismus kann problematisch werden, genauso wie ein übertriebenes Pflichtgefühl, aber es verdient gewiss nicht, dass man sich damit ernsthaft und systematisch auseinandersetzt.
Das wissen wir, weil die Bibel der Psychiatrie – das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – Perfektionismus für keine sonderlich bedenkliche Charaktereigenschaft hält.[6] In den seltenen Fällen, wo man ihn als diagnostisches Kriterium erwähnt findet, gilt er lediglich als eins von vielen Symptomen der Zwangsstörung (OCD).
Gord schilderte das Problem: «Die gängige Sicht auf Perfektionismus ist viel zu begrenzt. Es ist bekannt, dass Perfektionismus viele Gesichter hat, von denen manche für Zwangsstörungen relevant sind, andere wiederum nicht. Und wir wissen auch, dass Perfektionismus an allen möglichen psychologischen Erkrankungen beteiligt ist, nicht nur an denen, wo Zwänge eine Rolle spielen.»
Paul beugte sich vor und sprach in meine Richtung. «Das ist das Eine, und dann kommt noch hinzu, dass Perfektionismus viel weiter verbreitet ist, als die Leute annehmen. Es stellt weniger eine Dichotomie oder eine Klassifizierung dar als vielmehr ein Spektrum. Wenn wir über Perfektionismus sprechen, dann geht es nicht nur um einige wenige Betroffene, und nicht einmal darum, ob jemand Perfektionist:in ist oder nicht, sondern es geht um alle und um das Ausmaß, in dem jede:r Einzelne mehr oder weniger perfektionistisch ist.»
Er fuhr fort: «Unsere Untersuchungen zeigen, dass Perfektionismus sich durch eine enorme Bandbreite und Tiefe auszeichnet. Und trotzdem ist es schwer, Fortschritte zu machen, wenn der vorherrschende Konsens ist, wie er ist.»
Wenn Pauls Beobachtungen in der Therapie ihm eines vor Augen geführt haben, dann das: Um den Perfektionismus voll und ganz zu verstehen, muss man dessen gesamte Bandbreite und Tiefe berücksichtigen. Dementsprechend fußt die bahnbrechende Arbeit von Paul und Gordon darauf, das Verständnis von Perfektionismus zu erweitern und systematisch zwischen verschiedenen Arten zu unterscheiden. Einer der Gründe für meinen Aufenthalt in Toronto: alles darüber herauszufinden.
Was genau ist diese Bandbreite und Tiefe, von der Paul da sprach? Und welche Rolle spielt sie? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zurückgehen bis zu dem Zeitpunkt, als Paul sich zum ersten Mal diesem eigenartigen Persönlichkeitsmerkmal widmete. «Die meisten denken, dass Perfektionismus mit hohen Anforderungen gleichzusetzen ist», erklärte er, «aber schon in der Anfangsphase meiner klinischen Arbeit wurde deutlich, dass das einfach nicht stimmt.» Pauls Aufzeichnungen legten ein Geflecht von Symptomen frei, die weit über persönliche Standards oder selbst auferlegten Druck hinausgingen.
«Bei einem Fall nach dem anderen sah ich mich Menschen gegenüber, die glaubten, perfekt sein zu müssen, nicht bloß, um ihren eigenen unerreichbaren Maßstäben zu genügen, auch wenn sie das in hohem Maße taten. Doch sie mühten sich genauso ab, die unmöglichen Standards zu erfüllen, die ihnen mutmaßlich von anderen auferlegt wurden und die sie ihrerseits wiederum auf ihr Umfeld übertrugen.»
Diese verschiedenen Gesichter des Perfektionismus – selbstbezogen, gesellschaftlich gesteuert und fremdbezogen – brachten Paul ins Grübeln. Was, wenn Perfektionismus mehr war als nur eine Reihe hoher Ziele oder Standards? «Sehr bald wurde klar, dass es bei Perfektionismus nicht wirklich um das Streben an sich geht, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man eine Prüfung mit Auszeichnung bestehen oder beim Baseball den perfekten Fastball werfen möchte. Es geht um ein komplettes Weltbild – eine Lebensweise, die definiert, wie wir uns selbst wahrnehmen und die Äußerungen und Handlungen anderer interpretieren.»
Diese Feststellung öffnete mir die Augen und brachte mich dazu, über meinen eigenen Perfektionismus nachzudenken. Ich hatte immer geglaubt, dass es sich dabei nur um harte Arbeit, Engagement und Akribie drehte. Ich nahm an, dass ich mir ganz einfach selbst zu hohe Maßstäbe setzte, Maßstäbe, die mich als Perfektionisten auswiesen. Doch bei näherem Hinsehen entpuppen sich hohe Ansprüche nur als die halbe Wahrheit, denn fast genauso entscheidend ist, warum Leute wie ich meinen, überhaupt solche hohen Ansprüche an sich stellen zu müssen. Paul ist der Meinung, dass wir uns selbst in die Mangel nehmen, um von anderen die Bestätigung zu bekommen, dass wir etwas wert sind. «Erst wenn uns die simple Tatsache bewusst wird, dass es beim Perfektionismus um zwischenmenschliche Beziehungen geht», erklärte er mir, «hören wir auf, ihn im falschen Licht zu sehen.»
Diese Worte beschworen Erinnerungen an meinen verstorbenen Großvater herauf. Er war in verschiedener Hinsicht ein perfektes Beispiel für die Unterscheidung, die Paul im Sinn hatte – zwischen hohen Ansprüchen einerseits und Perfektionismus andererseits. Als Kind saß ich oft stundenlang mit großen staunenden Augen da und sah Pappy, dem gelernten Zimmermann, dabei zu, wie er tagtäglich Geländer, Stühle und Fensterrahmen herstellte, vom ersten Brett bis zur letzten Schraube.
Ich bewunderte sein handwerkliches Geschick. Jeden Sonntag stapfte ich über das Grundstück zu seinem Bungalow und sah genau zu, wenn er mir zeigte, wie man nicht mehr benötigte Holzbauteile wiederverwerten kann, indem man passende Leisten daraus zuschneidet. Dann schnitzte er diese liebevoll zurecht, konturierte, markierte und sägte sie akkurat zu, bevor er sie zusammensteckte. Er schraubte sie zusätzlich fest aneinander, bevor er das fertige Teil erst mit Sandpapier abschliff und dann polierte. Die Konturen seiner Werkstücke waren stets perfekt geformt, das Holz herrlich glatt, das Endergebnis ein Stück einwandfreier, funktionaler Handwerkskunst.
Hierbei handelt es sich unzweifelhaft um Merkmale einer Person mit extrem hohen Ansprüchen. Aber es sind nicht die Merkmale eines Perfektionisten. Wenn mein Großvater in der Werkstatt fertig war, nahm er die Stücke, die er mit so viel Liebe angefertigt hatte, und brachte sie an ihre Bestimmungsorte, wo er sie einfach übergab, ohne auf großes Lob oder eine 5-Sterne-Bewertung zu warten. Er brachte Alltagsgegenstände in die Welt, damit andere sie nutzen und sich dran erfreuen können. Was ihn anging, war es sehr viel wichtiger, dass es diese Dinge gab, als dass man demjenigen, der sie hergestellt hatte, zu großem Dank oder besonderer Anerkennung verpflichtet gewesen wäre.
