Niemand liebt November - Antonia Michaelis - E-Book
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Niemand liebt November E-Book

Antonia Michaelis

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Beschreibung

Schatten der Vergangenheit: ein Spiel um Leben und Tod. Kurz vor Ambers sechstem Geburtstag verschwanden ihre Eltern auf unerklärliche Weise. Jetzt ist Amber, die eigentlich November heißt, 17 Jahre alt und glaubt, eine Spur zu haben. Doch was hat es mit dem Jungen auf sich, der in dem erleuchteten Zelt ein Buch liest, sich aber in Luft auflöst, sobald sie sich ihm nähert? Welche Ziele verfolgt der Kneipenwirt, zu dem sie sich immer stärker hingezogen fühlt, und der immer für sie da zu sein scheint? Steckt er vielleicht sogar hinter den anonymen Drohungen, die sie erhält? Amber muss sich entscheiden: zwischen ihrer zerstörerischen Vergangenheit und dem Aufbruch in die Zukunft. Ein großer Roman von Antonia Michaelis: eine starke, zugleich verletzliche Heldin inmitten mörderischer Geheimnisse, soghaft zwischen Traum und Realität und atemlos spannend.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 579




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Für Franzis LächelnUnd für Heike Z., Petra N. und Silke U., die verstehen, warum

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Mit einem Dank an LISA, die mir das Bottled gezeigt hat, welches ein anderes ist

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Zwei Fragen.

Erstens: Ist es sinnvoll, weiterzuleben?

Zweitens: Ist es sinnvoll, alleine Geburtstag zu feiern?

Ein Teil von ihr hatte gedacht, sie würden an ihrem Geburtstag wieder da sein. Mit einem Geschenk. Sie waren jetzt seit einer Woche weg. Sie wusste nicht, was passiert war. Sie hatte geschlafen.

Sie hatte den Kuchen ganz allein gebacken.

Gut, dass sie die Kerzen gefunden hatte. Vier Stück. Zwei zu wenig. Sie war sechs Jahre alt.

Sie sah den Kuchen eine Weile an. Dann fasste sie einen Entschluss. Sie würde auch gehen. Wenn sie blieb, würde sie nicht überleben. Es gab jetzt nichts Essbares mehr im Haus.

Das Einzige, was sie mitnahm, war die Katze.

Draußen wartete die Welt.

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1.

Der Regen fällt, mein Kind, verborgen vor der Welt.

Nur du und ich, wir hören, wie der Regen fällt.

Die anderen, sie schlafen, im Warmen, fern von hier.

Sie träumen von sich selber und nie von dir und mir.

Der Regen fällt, mein Kind, als Schlaflied auf die Scheiben.

Nur du und ich, wir wissen, dass manche Träume bleiben.

Die anderen, sie glauben, man könnte Grenzen ziehen.

Sie träumen und sie wachen. Nur du und ich, wir fliehen.

Am Anfang war das Licht.

Ein warmes, gelbes Licht in der Dunkelheit.

Vor dem Licht waren da nur die Tropfen an der Scheibe gewesen, beleuchtet von der schmutzigen Resthelligkeit der Großstadtnacht. Die Tropfen sahen aus wie Tränen. Natürlich waren es keine Tränen, es war nur der Regen. Alles war immer nur irgendetwas anderes.

Die Scheibe war kühl. Die Heizung unter dem Fenster war warm. Dieser Hochhausflur war ein Gottesgeschenk, der Flur und die Tatsache, dass die Tür unten offen gestanden hatte. Sie glaubte nicht an Gott. Sie war sich ziemlich sicher, dass er auch nicht an sie glaubte. Niemand hatte je an sie geglaubt, außer der Katze vielleicht. Die Katze lag um ihren Nacken geringelt und schlief.

Die Katze war das Einzige, was sie mitgenommen hatte.

»November«, flüsterte sie in die Nacht. »November.«

Es war nicht nur ein Monat. Es war ein Name. November Lark. Lark wie die Lerche, November wie November. Aber im November sangen die Lerchen nicht. Oder doch? Würde es irgendwann einen November geben, in dem sie sangen?

Die meisten Menschen glaubten ohnehin, sie hieße Amber, so stand es in ihrem Pass. Sie hatte ihnen gesagt, dass sie November hieß, damals, als sie sie gefunden hatten. Aber sie hatten ihr nicht geglaubt. Sie dachte an den Pass, der jetzt in irgendeiner Schublade lag, fern von hier.

Und in diesem Moment sah sie das Licht.

Es schien sich aus der Dunkelheit zu ihr emporzurecken, gelb und rot, und schmolz lautlos ein Loch in die kalte Nacht.

Die Katze regte sich im Schlaf. November nahm sie von den Schultern und legte sie in ihren Schoß, um sich gerader hinzusetzen. Das Licht kam aus einem Zelt. Dort unten im Hinterhof, der mehr ein Schacht war als ein Hof, stand ein rot-gelbes Igluzelt. Und darin saß jemand mit einer Taschenlampe.

»Das ist irre«, flüsterte sie. »Das ist völlig irre. In einem Hinterhof zu zelten, im strömenden Regen.«

Eine Weile saß sie einfach so da und sah in den Hof hinunter. Die Wärme der Farben floss in ihren Körper, und sie fror nicht mehr so sehr. Die Heizung war, um ehrlich zu sein, nicht wirklich warm. Wenn ich dort sein könnte, dachte November. In diesem Zelt. Mit dem Menschen, der da sitzt.

»Nein«, flüsterte sie dann. »Der dort unten will alleine sein. Er wird sich bedanken, wenn ein zerzaustes fremdes Mädchen im Regen vor der Zeltklappe auftaucht.« Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht … ist es auch ein Verrückter. Oder jemand, der gesucht wird und sich versteckt hat.« Sie verbarg ihr Gesicht für Sekunden im Fell der Katze. »Ich«, flüsterte sie in das weiche Fell. »Ich werde gesucht. Amber Lark. Siebzehn Jahre alt. Die gesuchte Person trägt einen alten grauen Männerparka, Jeans und sehr alte High Docs. Sie hat schulterlanges, schwarz gefärbtes Haar, zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden, ist eins neunundsechzig groß und wiegt neunundvierzig Kilo. Haben Sie sie gesehen?«

Die Katze reckte ihre Vorderpfoten und öffnete langsam die Augen. November sah ihre Augen nicht, die Katze saß in ihrem eigenen Schatten. Aber sie spürte den Blick der grünen Smaragde auf der Haut.

Wenn man jemanden lange genug kennt, kann man ihn auch im Dunkeln sehen.

Ein Zitat aus einem Buch. Das Leben war dazu da, möglichst viele Bücher zu lesen und möglichst viele Träume zu träumen. Doch in diesem Augenblick ging es nicht um Träume und nicht um Bücher. Es ging um Fakten. Fakt ist, sagte der Blick der grünen Augen, sie suchen dich nicht. Nicht vor morgen früh. Sie kontrollieren nachts nicht.

»Manchmal«, sagte Amber.

Manchmal, sagte die Katze. Meistens nicht. Sie werden erst morgen merken, dass dein Bett leer ist. Und auch dann werden sie sich zuerst keine Sorgen machen. Sie kennen dich.

»Sie kennen mich nicht«, wisperte Amber. »Keiner kennt mich. Vor allem nicht die.«

Mag sein, sagte die Katze mit einem leisen Schnurren. Aber warum sollten sie sich so darum reißen, dich kennenzulernen? Du hast es ihnen nie leicht gemacht. Und du bist nur eine Nummer. Noch eine, um die sie sich kümmern müssen. Bis sie die Polizei einschalten, bleibt dir ein bisschen Zeit. Solange du nicht herumrennst wie eine Irre und Leuten in Zelten erzählst, wer du bist.

Die smaragdenen Augen schlossen sich, aber Amber spürte das schnurrende Vibrieren des Körpers auf ihren Oberschenkeln. Die Katze schlief nicht. Und natürlich hatte sie auch nicht mit Amber gesprochen. Nicht in Worten.

»Für wie blöd hältst du mich?«, wisperte Amber. »Dachtest du, ich erzähle dem nächstbesten Typen, dass ich abgehauen bin, damit er mich bei der Polizei abliefern kann?«

Die Katze rollte herum und sprang aufs Fensterbrett, lautlos, samten. Sie war jetzt vierzehn Jahre alt, alt für eine Katze. Dennoch hatte ihr Körper nie an Schwerelosigkeit eingebüßt; ihr graues Tigerfell war wie Federflaum.

Ich habe lediglich gesagt: Dir bleibt noch ein bisschen Zeit.

»Und das bedeutet …?«, flüsterte Amber.

Die Katze begann, sich zu putzen, scheinbar gleichgültig. Natürlich, Katzen erklären einem nie, was etwas bedeutet, das sie gesagt haben. Zumal sie, dachte Amber, wenn sie sprechen könnten, sicherlich leugnen würden, dass sie sprechen können.

Amber stellte sich vor, wie es wäre, dort unten in dem warm erleuchteten Zelt auf einer Matratze zu liegen, in einem Mumienschlafsack, eingehüllt vom Geruch nach oft gewaschenem Kunststoff. Sie merkte, dass sie zitterte. Die Heizung war jetzt wie Eis, und der Flur war ein Grab aus Schatten. Sie war so müde, und die fremde Stadt war so groß, und der November sammelte sich im Hausflur wie Schnee.

Sie stand auf. Und in diesem Moment bewegte sich etwas im Zelt. Nein, nicht etwas. Jemand. Amber stand ganz still hinter ihrem Flurfenster, sie hielt den Atem an – obwohl der Schatten sie natürlich nicht sehen konnte. Sie stand im Dunkeln, hier oben, im sechsten Stock, und er, der Schatten, saß im Licht. Es war ein Junge, vielleicht so alt wie sie, siebzehn oder achtzehn.

Natürlich konnte es auch ein Mädchen mit kurzen Haaren sein oder ein alter Mensch, der so aufrecht saß wie ein junger Mensch … Nein. Es war ein Junge, und er hielt etwas in der Hand.

Ein Buch, dachte Amber. Dort unten im Zelt sitzt ein Junge und liest ein Buch, mitten in der Nacht, in einem Hinterhof, in einem rot-gelben Igluzelt.

»Er ist auch abgehauen«, flüsterte Amber.

Sie griff in die Tasche des zu großen grauen Parkas und zog etwas hervor: eine Streichholzschachtel. Eine Streichholzschachtel mit einem aufgedruckten Namen. Diese Schachtel war ihr Strohhalm, ihre Spur, ihr Rettungsseil. Sie drückte sie einen Moment lang an die Stelle, an der ihr Herz unter dem Parka zu rasch schlug. Dann steckte sie sie zurück in die Tasche.

Der Regen ließ nicht nach. Die Nacht wurde lautlos älter.

Und Amber sehnte sich. Sie sehnte sich danach, unten bei dem Jungen in dem Zelt zu sitzen, in der Wärme. Sie könnte ihm über die Schulter sehen. Mit ihm das Buch lesen. Plötzlich war sie sich sicher, dass er nichts dagegen hätte. Dass er – ein verrückter Gedanke – dass er auf sie wartete.

Sie drehte sich um und begann, die Stufen hinabzusteigen. Zuerst langsam, in die Dunkelheit tastend … rascher, zügig jetzt, ihre Füße hatten den Abstand der Stufen gelernt … und schließlich, auf dem letzten Treppenabsatz, rannte sie. Sie flog. Sie wusste nicht, was sie zu dem Jungen im Zelt sagen würde, sie wusste nur, dass sie zu ihm musste, dass sie in dieses Zelt musste.

Sie rannte den Flur entlang bis zur Tür, die zum Hinterhof führte, fürchtete einen Augenblick lang, die Tür wäre abgeschlossen – stieß sie auf. Trat in den Hof. Gleich, gleich würde sie den Reißverschluss des rot-gelben Igluzeltes von außen öffnen, sich bücken, hineintauchen in das warme Licht, geborgen sein. Sicher vor allen Gefahren, vor Hunger und Kälte und Zweifeln.

Sie ging zwei Schritte, drei, vier, torkelte hinaus in den Regen, außer Atem vom Rennen.

Es war heller hier, heller als im Flur. Aber es war nur die gleiche schmutzige Stadthelligkeit, die schon die Regenfäden am Fenster oben beleuchtet hatte.

Sie drehte sich um ihre eigene Achse, den Blick zu den vielfenstrigen Wänden erhoben, die den Hinterhof säumten wie einen Brunnenschacht. Die Fenster waren alle nachtblind. Nur hinter einem saß eine graue Tigerkatze aus Samt und wusste natürlich längst alles.

Da war kein Zelt.

Amber stand ganz alleine im Hof.

 

Sie blieb eine Weile so stehen und ließ den Regen über ihr Gesicht laufen.

Der Regen war wie ein Kuss des niemals vollkommen dunklen Himmels.

Dann sah sie die Mülltonnen, vier große, klobige Schemen. Sie war mit einem Satz dort, riss den Deckel der ersten Tonne auf. Nichts. Nichts außer Dunkelheit. Als hätte jemand versucht, alle Dunkelheit der Welt in diese Tonne zu werfen. Es war aber, dachte Amber, noch genug davon übrig. Zu viel.

Sie öffnete alle vier Tonnen, und in keiner lag ein Zelt. Amber ging zurück zur Tür, der einzigen, die zum Hinterhof führte. Der Junge konnte sie nicht benutzt haben, sonst hätte er Amber im Flur begegnen müssen … Oder war er nur sehr schnell gewesen? Hatte Amber sich noch im vierten Stock befunden, während er durchs Erdgeschoss gerannt war, auf die Haustür zu, das rasch zusammengeraffte Zelt unter dem Arm? Aber warum war er geflohen?

Nicht vor ihr. Sie hatte noch immer das unerklärliche Gefühl, dass er auf sie gewartet hatte.

Wenn sie nur früher die Treppe hinuntergerannt wäre … wenn sie schneller gewesen wäre, weniger lange gezögert hätte!

Vor der Tür lag etwas auf dem Boden. Sie hob es auf. Es waren zwei Bändsel, an den Enden verknotet, eines hell und eines dunkel. Amber steckte sie in die Tasche. In ihrem Kopf hing noch immer der Schattenriss des Jungen mit dem Buch. Und auf einmal wusste sie es mit seltsamer Gewissheit: Sie hatte diesen Jungen schon einmal gesehen. Vor sehr, sehr langer Zeit. Sie wusste nur nicht, wo.

Sie stieg die Treppen langsam wieder hoch; ihre Füße waren jetzt aus Blei. Im sechsten Stock lag die Katze auf dem Fensterbrett. Amber kauerte sich wieder an die kalte Heizung, rutschte dann bis ganz auf den Boden hinab und rollte sich in dem grauen Parka zu einem Ball zusammen, den Kopf auf einen Arm gebettet. Ein weicher grauer Fleck landete auf ihr und schmiegte sich an ihren Hals, und so schliefen sie zusammen ein: ein verloren gegangenes Mädchen und eine alte graue Tigerkatze, irgendwo in einem Hausflur, irgendwo in einer Großstadt.

»Morgen«, dachte das Mädchen. »Morgen …«

Doch der Morgen war weit.

 

Und in der Nacht geschahen Dinge.

Babys wurden geboren, Menschen flüsterten einander im Schutz der Dunkelheit Lügen zu, in Betten, in engen Umschlingungen, Menschen versteckten sich, Menschen saßen schlaflos an Tischen und starrten ins Licht von Lampen. Mütter standen vor Betten und sahen ihren Kindern beim Schlafen zu, in der absoluten Gewissheit, dass sie sie verlieren würden, weil alles auf der Welt letztendlich verloren geht, in irgendeiner Nacht. Nächte gibt es viele.

Irgendwo polierte jemand eine Waffe.

Irgendwo lackierte eine nervöse Frau zum dreizehnten Mal in dieser Woche ihre Nägel.

Und als der letzte Nagel lackiert war, die letzte Mutter zu Bett gegangen, die letzten Lügen geflüstert waren – da saß nur auf einem Balkon noch jemand, auf einem Gartenstuhl, unter einem Regenschirm. Es war ein Mann mit einer Zigarette in der Hand. Er betrachtete die Stadt und zog ab und zu an der Zigarette, und im Aschenbecher neben ihm sammelten sich die Kippen. Drinnen, hinter der Balkontür, schlief ein Hund, der im Schlaf mit den Pfoten zuckte. Vielleicht jagte er im Traum einem Ball hinterher, über eine blühende Sommerwiese.

Der Mann wünschte, er hätte träumen können wie der Hund. Von Sommerwiesen. Aber die schiere Größe der Nacht erdrückte ihn. Wer in einer solchen Nacht die Augen schloss, riskierte zu leicht, zu verschwinden und nie wiederaufzutauchen.

»Ich denke Unsinn«, flüsterte der Mann.

Dann drückte er die Zigarette aus und ging hinein. Der Hund japste leise, als er über ihn stieg.

»Geh ins Bett«, sagte der Mann zu sich selbst.

Er gehorchte sich. Er breitete die Einsamkeit der Nacht über sich wie eine Decke und befahl sich, zu schlafen.

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2.

Dein Schatten in den fremden Straßen,

lächerlich und klein.

Du bist ein Ding, das sie vergaßen,

und kannst mehr nicht sein.

Dein Schatten unter fremden Zweigen,

winzig und verloren.

Die lang vergang’nen Farben schweigen

in den Regenrohren.

Mein Schatten in der fremden Welt

ist nichts als eine Lücke,

mein Schatten fällt und fällt und fällt

und bricht in tausend Stücke.

Ich brauch nichts als den Augenblick

im Licht zwischen den Tagen.

Den Schatten lass ich gern zurück.

Er ist zu schwer zu tragen.

Amber war steif gefroren, als sie erwachte. Dunstgraues Licht lag hinter ihren geschlossenen Augenlidern. Sie bewegte mühsam ihre Beine, ihre Arme, ihre Schultern. Die Katze schmiegte sich an ihren Hals, und Amber öffnete die Augen.

Vor dem Flurfenster tasteten sich zaghafte Sonnenstrahlen zwischen zerrissenen Wolken hervor. Amber kam auf die Beine und sah hinunter in den Hof. Die vier Mülltonnen standen an derselben Wand wie nachts. Auf dem asphaltierten Boden glänzten Pfützen vom Regen.

Da war kein Zelt.

Sie atmete tief durch, schüttelte den Kopf und griff in ihre Tasche. Eines der Bändsel, die sie ans Licht hielt, war gelb. Das andere rot.

»Er ist nicht da«, sagte Amber.

Natürlich nicht, sagte die Katze und putzte ihre rechte Hinterpfote. Frühstück?

Amber nahm die Katze auf den Arm und stand noch eine Sekunde am Fenster. Sie musste weg von hier. Sobald die ersten Hausbewohner aufwachten, würde jemand sie finden und ihr Schneewittchenfragen stellen: Wer hat sich an unser Heizkörperchen gelehnt? Wer hat unter unserem Fensterchen geschlafen?

»Wir haben kein Geld für Frühstück«, sagte Amber.

Die Katze schloss nur ganz langsam die Smaragdaugen und öffnete sie wieder.

»Schön«, sagte Amber, »da ist ein Portemonnaie in der Tasche des Parkas. Aber es ist nicht meins. Ich werde es zurückschicken. Ich wollte nur den Parka mitnehmen. Ich … die Zugfahrkarte war teuer genug! Und das Geld muss eine Weile reichen.« Sie seufzte. »Komm schon. Gehen wir ein Frühstück suchen.«

 

Draußen zeigte der Himmel fünf Uhr einundzwanzig. Die Sonne ging ein wenig nach.

Amber prägte sich die Straße genau ein; sie hatte tagsüber ein anderes Gesicht als nachts, ein Gesicht mit Bäumen und einem umzäunten Kinderspielplatz aus kaltem Metall, der zwischen den Wänden der Hochhäuser wirkte wie ein großer Käfig. Der Käfig war leer.

»Die Kinder sind alle entflogen«, flüsterte Amber. »Das ist gut.«

Zwei Straßen weiter fand sie eine Bäckerei und kaufte zwei Wurstbrötchen, eines für sich und eines für die Katze. Sie trank an einem Stehtisch lauwarmen Kaffee, während die Katze sich wieder um ihre Schultern ringelte. Die Bäckereiverkäuferin war vielleicht so alt wie Amber. Sie sah Amber seltsam an. Amber sah seltsam zurück.

Sie holte die Streichholzschachtel aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch. Die Schachtel war rot und trug das Wort BOTTLED in verschnörkelten blassgelben Lettern. Darunter sah man eine ebenfalls gelbe Flasche, auf der, in winziger Schrift, eine Stadt und eine Adresse gedruckt waren. Alte Uferpromenade 12.

Es war einfach. Amber brauchte nur ein Ufer zu suchen. In der Nacht hatte sie keines gefunden, aber der Tag hatte mehr Augen. Sie erwog, die Bäckereitype zu fragen. Die Bäckereitype starrte noch immer. War die Suchmeldung schon raus? Mit ihrer Beschreibung?

Sie musste etwas mit ihren Haaren tun. Sie brauchte eine Schere. Sie brauchte eine andere Jacke.

Die Adresse war ihr geringstes Problem.

Als Amber die leere Tasse zurück auf die Theke stellte, sah sie sich in der Scheibe der Tür: die High Docs und die alte Jeans, den Parka, in dem sie halb ertrank, das strähnige, schwarz gefärbte Haar, das Piercing an der linken Schläfe. Ach ja. Und die Katze um ihren Hals.

Die Bäckereitype war blond, hatte sorgfältig türkis gemalte Augenlider und hellrosa Lippen. Ihr Starren war eine Mischung aus Furcht, Ekel und Wimperntusche.

»Pass bloß auf«, sagte Amber beim Hinausgehen leise, »dass dir die Augen nicht aus dem Kopf fallen vom Starren.«

 

Amber trieb durch die Stadt, trieb durch den Tag wie ein Blatt und suchte nach einer glänzenden blauen Wasserfläche, einem Ufer, das im Sonnenschein winkte. Dort würde sie die Kneipe finden, aus der die Streichholzschachtel stammte. Das Bottled. Und dann?

Da war eine Telefonnummer. Sie hatte versucht, die Nummer anzurufen. Es gab sie nicht mehr.

Sie erinnerte sich daran, wie jemand am Küchentisch gesessen und die Nummer auf die Schachtel geschrieben hatte. Wer war das gewesen? Ihr Vater? Ihre Mutter? Ein Fremder? Sie erinnerte sich an viel zu wenig. Sie erinnerte sich, wie sie eingeschlafen war, an einem Mittag im November, mit Sonnenflecken auf ihrer Kinderbettwäsche – und wie sie aufgewacht war. Die Sonne war fort gewesen, der Himmel grau und die Wohnung leer. Keine Geräusche. Kein menschliches Atmen. Nichts. Sie war allein gewesen, ganz allein.

Sie war auch jetzt allein. Allein mit der Katze.

Die Katze huschte im Echo von Ambers Schritten, sie folgte ihr – nicht wie ein Hund, sondern wie ein silbersamtener Schatten. Oder vielleicht war es Amber, die der Katze folgte.

Einmal fand Amber eine Reihe von Weiden. Weiden wachsen an Ufern. Doch da war kein Ufer. Nur die Bahnlinie. Einen Moment lang glaubte sie, ein Zelt zwischen den Weiden zu sehen, rot und gelb, von innen heraus leuchtend. Aber als sie genau hinsah, war keines da.

Sie schluckte ihre Enttäuschung herunter.

Schließlich ließ sich Amber vom Wind in eine Buchhandlung tragen, und dort fand sie einen Stadtplan. In der WG hatte sie ver-sucht, die Adresse im Netz nachzugucken, aber gerade an diesem Tag hatte der Computer gestreikt, und sie hatte keinem der Betreuer erklären wollen, warum sie so unbedingt Google Maps brauchte. Sie hätten sie niemals gehen lassen. Abhauen war die einzige Option gewesen.

Sie verbarrikadierte sich in der Buchhandlung hinter einem Postkartenständer, schlug den Index des Stadtplans auf und fand die Uferpromenade. Sie lag in einem kleinen Planquadrat ohne Blau. Eine Uferpromenade ohne Ufer.

»Suchen Sie etwas?«, erkundigte sich die Buchhändlerin, die hinter dem Ständer etwas einsortierte.

Die Katze hatte sich zur Abwechslung auf Ambers Kopf niedergelassen und lag dort wie eine seltsame Art von Pelzmütze.

Die Buchhändlerin kam jetzt um den Ständer herum, und Amber wich zurück, stumm.

Um den Hals der Buchhändlerin lag eine kleine silberne Kette mit einem Fliegenpilz aus Emaille daran, rot und weiß. Jemand, der sie mochte, dachte Amber, hatte ihr diese Kette geschenkt. Es musste schön sein, so jemanden zu kennen.

»Sie suchen also nichts?«, fragte die Buchhändlerin, etwas verunsichert.

Amber nahm die Katze von ihrem Kopf. Unauffällig, sei unauffällig! Sag irgendwas, etwas Belangloses, Nettes! Sie holte Luft – ließ den Stadtplan fallen, machte einen Satz vorwärts und hechtete an der Buchhändlerin vorbei aus dem kleinen Laden.

Sie rannte die Straße entlang, blieb erst hinter der nächsten Ecke stehen und fluchte.

Warum, warum, warum konnte sie sich nicht normal beneh-men?

Die Frau würde sich erinnern. Sie würde sich an das schwarzhaarige Mädchen erinnern, das sich so merkwürdig aufgeführt hatte. Zeit, dass das schwarzhaarige Mädchen verschwand.

»Komm«, sagte Amber zu der Katze. »Ich weiß jetzt, wo wir lang müssen. Aber zuerst haben wir etwas anderes zu erledigen.«

Drei Straßen weiter fand sie eine Drogerie, holte das Portemonnaie, das nicht ihr gehörte, noch einmal heraus und kaufte Haarfärbemittel. Die Haarschneidescheren waren alle zu teuer. Aber die Taschen des Parkas waren groß genug für eine Schere. Auch für ein paar andere notwendige Dinge. Eine Zeit lang war das ein Sport zwischen ihr und den anderen aus dem Heim gewesen: Dinge in Drogerien mitgehen lassen. Das Heim war schon eine Weile her.

Die Filmabende waren schön gewesen. Und im Dezember hatte im Rund der Wendeltreppe ein Weihnachtsbaum gestanden, und alles hatte nach Lebkuchengewürz gerochen. Einmal hatte eine der Frauen auf der Treppe Ambers Hand genommen und gesagt, alles würde gut werden. Seltsam, was für Erinnerungen sich in einem festsetzten.

Amber scheuchte die Erinnerungen fort.

Sie brauchte einen Ort mit einem Spiegel.

 

Der Tag rollte sich an den Rändern schon ein, er war Amber entglitten, ohne dass sie es gemerkt hatte. Die Stadt schien die Zeit zu fressen. Die Schatten schnappten jetzt nach Ambers Füßen, und die Katze war plötzlich zu schnell.

»Warte!«, rief Amber. »Menschen werden irgendwann müde!«

Sie durfte die Katze nicht aus den Augen verlieren, nicht in dieser großen, unbekannten Stadt.

Sie war nie ohne die Katze gewesen, keinen Tag, seit elf Jahren nicht.

In den Pfützen von Dunkelheit, die überall lagen, schien sich jetzt etwas zu regen, zu wachsen, was jeden Moment herausspringen konnte. Amber begann zu rennen.

Und dann öffnete ein kleiner Park seine Arme, wickelte sie in Räume von gelbem und rotem Laub, und sie wollte aufatmen, denn dort saß die Katze und wartete. Amber hob sie hoch, legte ihre Wange an das samtene graue Fell – und in diesem Moment hörte sie die Schritte.

Schritte, die unaufhaltsam näher kamen.

Sie presste die Katze an sich und rannte wieder los, rannte über den schnurgeraden Kiesweg des Parks, ohne sich umzusehen. Sicher war der hinter ihr nur zufällig da, es hatte nichts mit ihr zu tun, sicher war es Unsinn, zu rennen … Sie bog auf einen kleineren Weg ein, lief über rotes Laub und blieb einen Herzschlag lang stehen. Die Schritte hinter ihr bogen ebenfalls ab, gedämpft vom Laub jetzt. Aber sie waren da. Und sie folgten Amber.

Vielleicht war es jemand, der im Radio gehört hatte, dass sie gesucht wurde. Oder jemand von der Drogerie. Oder die Buchhändlerin.

Sie rannte zwischen goldenen und rubinroten Zweigen hindurch, und der Park war schön im brechenden Licht des Novembertages, aber Amber hatte keine Zeit für seine Schönheit. Sie duckte sich unter Zweigen hindurch, hetzte quer über eine Wiese, verließ den Park und tauchte in eine enge Gasse ein.

Alte Uferpromenade, sagte das Schild in ihrem Augenwinkel.

Sie blieb stehen, keuchend, und drehte sich endlich um. Da war niemand hinter ihr.

Vielleicht hatte sie sich die Schritte eingebildet. Sie war müde und hungrig, ihre Phantasie ging eigene Wege.

Sie fand das Haus Nummer 12 in der Mitte der Straße. Es trug ein Gesicht wie Regenschatten und die Abwesenheit von Morgen. Über der Tür stand in schwarzen Pinsellettern: BOTTLED.

Die Fassade war grau, aber die Tür war von einem schönen, dunklen Rot, wie Hoffnungen und Kerzenschimmer und ein bisschen auch die Schlafzimmerwand von Amélie.

Amber drückte die Klinke herunter. Nichts. Die Tür war abgeschlossen.

Natürlich, es war Jahre her, dass jemand die Streichholzschachtel aus dem Bottled mitgenommen hatte. Es gab das Bottled nicht mehr, nur die alte Schrift. Sie war zu spät gekommen. Sie trat mit dem Fuß gegen die Tür, ohne die Katze loszulassen.

»Arschloch«, sagte sie laut. Zu der Tür? Zu der Kneipe? Zu der verräterischen, verheißungsvoll freundlichen roten Farbe? »Ich muss da rein!«, zischte sie. »Ich! Muss! Da! Rein!« Sie trat noch einmal zu.

Und in diesem Moment sah sie im Augenwinkel einen Schatten. Am Ende der Straße.

Die Katze wand sich aus Ambers Griff, kam frei und sprang auf den Asphalt des Gehweges hinunter. Sie glitt an dem grauen Haus ent-lang – und verschwand.

Amber stand eine Sekunde lang da, schreckstarr. Dann begriff sie und folgte der Katze.

An der Seite des Hauses gab es einen schmalen Durchgang, der in einen Hinterhof führte. Amber sah sich einen Moment im Hof um. Es war eine andere Sorte von Hinterhof als die, in der sie nachts im Regen ein Zelt gesucht hatte. Die Häuser, die ihn umstanden, waren nur zweistöckig, und zwischen alten Pflastersteinen wuchsen drei ebenso alte Bäume. Eine verwitterte Bank lehnte schief an der Wand, daneben ein Tisch mit ein paar leeren Flaschen darauf, ein Stapel Kisten. In einem der Bäume wucherte eine Lichterkette wie eine elektrische Schlingpflanze.

Zwei kleine verdreckte Fenster blinzelten an der Rückseite des Bottled.

Eines war angelehnt.

Und auf der Straße, irgendwo in der Ferne, waren Schritte. Schritte, die näher kamen. Also doch.

Amber war mit einem Satz auf der Lehne der Bank, stellte sich auf die Zehenspitzen und zog sich hoch zum Fensterbrett. Dann streckte sie einen Arm durch den schmalen Spalt, um den Griff gewaltsam umzulegen – und quetschte sich die Haut an ihrem Unterarm. Sie fluchte lautlos. Als sie den Arm zurückzog, lief ein schräger roter Strich darüber, schmerzhaft leuchtend, an einer Stelle verfärbte er sich jetzt schon dunkelblau. Herzlichen Glückwunsch.

Aber das Fenster war offen.

Sie landete innen in einem engen, dunklen Flur, neben einem Ständer mit Umsonstpostkarten. Die Katze landete in ihrem Nacken.

Amber schloss das Fenster. Sie hatte es geschafft, zu verschwinden. Wenn die Schritte jetzt den Hinterhof des Bottled erreichten, würde die Person, der sie gehörten, niemanden mehr finden.

Hier war es still. Da waren nur ihr eigener keuchender Atem, das leise Schnurren der Katze und – noch etwas. Das Atmen einer zweiten Person, ganz in der Nähe. Amber wandte den Kopf.

In der offenen Tür am Ende des Flurs, hinter sich die leere Kneipe, lehnte ein Mann. Das schwarze T-Shirt, das er trug, ließ ihn in Kombination mit seinen kräftigen Oberarmmuskeln ein wenig aussehen wie ein Rausschmeißer. Auf dem T-Shirt gab es ein aufgedrucktes weißes Kaninchen und irgendwelche Worte, die Amber nicht lesen konnte. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Seine Nase war ein wenig zu groß für eine Nase, aber nur ein wenig. Seine Augen waren ein wenig zu ernst. Seitlich um seinen Hals liefen die Lettern einer Tätowierung, die nicht ganz unter dem Kragen des T-Shirts verschwand.

Er lehnte einfach nur so da und sah sie an, still, eine Augenbraue leicht hochgezogen.

Es war Amber, die den Anfang machen musste, sie musste irgendetwas sagen. Sie konnte nicht weglaufen wie in der Buchhandlung.

»Ist … ist hier offen oder nicht?«, fragte sie schroff, nervös.

»Erst ab sechs«, sagte der Mann, ohne seine Position im Türrahmen zu verändern. »Jetzt ist es Viertel nach fünf.«

»Ach«, sagte Amber.

Sie musste noch mehr sagen, sie musste erklären, warum sie durchs Flurfenster geklettert war. Aber sie konnte nicht. Neben dem Zigarettenautomaten gab es eine Tür mit einer stilisierten Frau darauf. Damen. Sie nickte, einen Gruß oder ein Danke oder nur ein Nicken, ging wortlos zu Damen hinüber und schloss die Tür hinter sich ab.

Eine Weile saß sie einfach auf dem Klo und versuchte, klar zu denken.

Die Streichholzschachtel.

Ihre Eltern.

Schritte.

Ein Typ im Türrahmen.

Ein Junge in einem rot-gelben Igluzelt.

Die Kunst, zu verschwinden.

Schließlich stand sie auf, breitete den Inhalt ihrer Tasche auf dem Rand des Waschbeckens aus und riss die Packung mit dem Haarfärbemittel auf. Ein letztes Mal sah sie ihr altes Spiegelbild an, die nass geschwitzten schwarzen Haarsträhnen, die auf ihre Schultern herabfielen, ihre grünen Augen, die ein wenig an die der Katze erinnerten und beinahe wimpernlos waren. Ihre blassen Sommersprossen.

»Leb wohl«, flüsterte sie. »Leb wohl, November Lark.«

 

Als sie eine halbe Stunde später die Tür aufschloss, saß die Katze wieder auf ihrer Schulter.

Amber ging den Flur entlang. Neben den Postkarten stand ein Zigarettenautomat, über dem sich auf einem alten Poster zwei nackte Männer umarmten. Alles klar.

Sie holte tief Luft und betrat den Kneipenraum.

Der Kneipenraum war leer.

Nur die Tische und Stühle standen stumm im Halbdunkel zugezogener Vorhänge, der Mann schien nicht mehr da zu sein. An den Wänden hing eine unübersichtliche Ansammlung von Dingen und Bildern, die Amber so rasch nicht identifizieren konnte. Sie setzte sich auf einen Tisch in der Mitte und zog die Streichholzschachtel aus der Tasche.

»Du bist wieder zu Hause«, flüsterte sie der Schachtel zu. »Wie fühlt sich das an, wieder zu Hause zu sein? Ich kenne das Gefühl nicht, weißt du …«

Aber die Streichholzschachtel lag nur stumm auf ihrer Handfläche.

Und auf einmal sah Amber etwas. Eine Erinnerung, wie ein Film. Sie sah die Hand eines Mannes, der diese Schachtel auf einen Küchentisch legte und eine Nummer daraufkritzelte. Sie hörte seine Stimme.

»Versuch es da«, sagte er. »Das Bottled ist okay. Grüß die Leute von mir, dann helfen sie dir weiter. Ist ’ne Weile her, dass ich vorbeigeschaut hab.«

Da war eine andere Hand, die die Streichholzschachtel vom Tisch nahm, und Amber wusste, dass das die Hand ihres Vaters war. Das Bild verschwamm und löste sich auf.

Sie schüttelte sich. Dann kletterte sie auf den Tisch und drehte sich langsam im Kreis.

Ihre Augen hatten sich an die Abwesenheit von Licht gewöhnt. Die Wände des Bottled waren im selben Amélie-Rot gestrichen wie die Tür; das Sammelsurium an Gegenständen, die daran hingen, besaß kein erkennbares System. Da war ein Wasserhahn ohne Waschbecken, ein Gummistiefel, eine Blockflöte, ein Strauß getrockneter Rosen, eine Pik-Ass-Karte, ein Drache mit zerrissenen Flügeln, ein brüchiges, altes Hundehalsband, ein Paar Damenhandschuhe, ein Billardqueue … Dazwischen klebten alte Postkarten auf der Tapete. Es gab einen schmalen Durchgang zu einem Hinterzimmer, und über allem schwebte der Geschmack von Staub und Vergangenheit. Das Bottled war wie ein Museum. Ein Museum für was?

Jemand räusperte sich hinter Amber, und sie fuhr herum. Der Typ mit dem schwarzen T-Shirt stand hinter der Theke. Er schien schon eine ganze Weile dazustehen, sie hatte ihn nur in den Schatten nicht bemerkt. In der einen Hand hielt er ein Geschirrhandtuch, in der anderen ein Bierglas, das er offenbar abgetrocknet hatte.

Amber sprang vom Tisch, gefolgt von der Katze.

Der Typ stellte das Bierglas weg und ging wortlos an ihnen vorbei, um die Vorhänge aufzuziehen, einen nach dem anderen. Draußen lag die Dämmerung des Novemberabends. Niemand stand dort. Wer immer Amber gefolgt war, hatte aufgegeben. Für den Moment.

Schließlich trat der Typ mit dem Fuß auf den Schalter einer Mehrfachsteckdose, und ein Dutzend kleiner schummriger Lampen flackerte gleichzeitig auf. In dieser Mischung aus Dämmerungslicht und Lampenlicht sah er Amber an, die noch immer mitten im Raum stand. Hinter ihm hing ein weiteres Poster von einem nackten Mann.

»Alles okay mit dir?«, fragte er.

Amber nickte langsam. Nie, dachte sie, war ein Nicken eine solche Lüge gewesen.

»Blond«, sagte der Typ und betrachtete sie nachdenklich. »Warum gerade blond?«

Sie fuhr sich mit der Hand durchs nasse Haar. Es war jetzt kurz. Streichholzkurz. In einem alten Spiegel, der ebenfalls an der Wand hing, sah sie ihr Gesicht: ein Gesicht mit langen, dunklen Wimpern, stark geschminkten Augen, ohne Piercing und frei von Sommersprossen. Sie hatte gespürt, wie sich die Sommersprossen gewunden hatten, ehe sie unter dem Abdeckpuder verendet waren.

»Blond … war da«, sagte Amber und fischte die Streichholzschachtel vom Tisch. »Deshalb.«

Der Typ nickte langsam. »Blond war da«, wiederholte er.

»Ich … ich bin … jemand ist hinter mir her«, sagte Amber. »Ich weiß nicht, wer. Es gibt eine Menge Möglichkeiten.«

»Es gibt eine Menge Möglichkeiten«, wiederholte der Typ.

Sie fragte sich, ob er sich lustig über sie machte. Er sah sie die ganze Zeit über sehr aufmerksam an, wie ein Rätsel, das vielleicht nicht gelöst werden konnte, vielleicht aber doch.

»Bitte«, sagte Amber, und das war ein Wort, das sie selten sagte. »Bitte … können Sie vergessen, wie ich ausgesehen habe, als ich durchs Fenster reingekommen bin?«

»Wie hast du denn ausgesehen?«, fragte der Typ.

»Ich meine die schwarzen Haare und …«

Er lächelte jetzt, ein wenig schräg. »Die Sache ist«, sagte er, »ich habe es schon vergessen.«

Damit ging er zur Bar hinüber, stellte zwei Gläser darauf und goss sie randvoll mit einer goldenen, irgendwie schweren Flüssigkeit, durch die das Schummerlicht der Kneipe fiel wie durch fließende Kristalle. Die Katze sprang auf einen Barhocker, und Amber kletterte auf einen anderen. Der Typ schob ihr eines der Gläser hin.

»Was ist das?«, fragte Amber vorsichtig.

»Apfelsaft«, sagte der Typ.

Sie hoben ihre Gläser gleichzeitig, um zu trinken. Es war wirklich Apfelsaft. Und Amber dachte, dass erstaunlicherweise Apfelsaft genau das war, was sie in diesem Moment brauchte. Sie fragte sich, woher er das gewusst hatte. Sie hatte seit dem Morgen nichts getrunken als eine Tasse lauwarmen Bäckereikaffee.

»Willst du was loswerden?«, fragte der Typ und begann, Gläser in ein Regal zu ordnen.

Vermutlich, dachte Amber, war er es gewohnt, dass Leute hierherkamen, um ihr Herz auszuschütten und ihre Probleme zusammen mit der notwendigen Ration Alkohol wieder hinunterzuschlucken, weil sie letztendlich doch nicht ohne ihre Probleme leben konnten.

»Nein«, sagte Amber. »Ich will nichts loswerden. Ungefähr das Gegenteil. Ich suche etwas.«

Sie steckte die Hand in ihre Tasche und fand in der Tiefe ein altes, zerknittertes Foto, das sie auf den Tresen legte. Es war ein Hochzeitsfoto, und es zeigte einen glücklichen jungen Mann und eine glückliche junge Frau, die sich an ihn schmiegte. Sie waren wirklich sehr jung.

»Die? Die suchst du? Die beiden?«

Amber nickte. »Sie waren hier. Glaube ich. Vor elf Jahren.«

»Ich bin erst seit fünf Jahren hier«, sagte der Typ. »Tut mir leid. Ich muss jetzt die Kneipe aufschließen.«

Amber atmete langsam wieder aus und merkte, dass sie die Luft angehalten hatte. Natürlich. Es wäre zu einfach gewesen. Sie nahm die Katze von der Theke und vergrub ihr Gesicht in ihrem Tigerfell.

Dies ist erst der Beginn des Beginns, sagte die Katze. Du brauchst Geduld, wenn du etwas erreichen willst. Du musst warten. Das ist es, was wir Katzen tun. Auf der Lauer liegen, beobachten, warten, bis die Beute sich aus ihrem Bau wagt.

Als Katze ist es leichter, antwortete Amber lautlos.

Selbstverständlich, sagte die Katze.

Und während die Kneipe sich langsam füllte, zog sich Amber in sich selbst zurück, wurde eine Katze und beobachtete. Sie kletterte in ihrem Katzenkörper auf den alten Mantelständer und sah sich von dort aus die Leute an, die hereinkamen, kletterte wieder hinunter, lautlos, strich durch den Raum, sprang auf Tische, sah in Gesichter. Keiner der biertrinkenden, feierabendgesprächenden Leute sah aus, als wäre er der Richtige. Keiner von ihnen sah aus, als käme er schon seit elf Jahren in dieselbe Kneipe.

Schließlich sprang Amber auf die Bar, setzte sich neben die echte Katze und begann, sich zu putzen. Sie sah den Typen mit dem schwarzen T-Shirt Gläser füllen und Tabletts tragen; er bewegte sich mit einer gewissen Seiltänzereleganz, die nicht zu seiner Rausschmeißerfigur passte, so als müsste er auf etwas balancieren, einem Seil oder einer Messerschneide oder den Kanten der Wirklichkeit. Sie sah ihn an der Sammlung aus Spielkarten, Hüten und alten Instrumenten vorbeibalancieren, die die Tapete zierten, und an mehr Postern von schwarz-weißen, nackten Männern. Sie sah die Zeit auf der Uhr an der Wand vorwärtsfließen. Sie sah sich selbst auf dem Barhocker sitzen, reglos. Das Blond ihrer Haare sah merkwürdig aus. Es passte nicht zu ihr. Die langen Wimpern ebenso wenig. Sie hätte sich selbst kaum erkannt, wenn sie sich auf der Straße begegnet wäre. Sie sah, wie der Typ eine Flasche Bier vor sie hinstellte. Er sagte etwas zu ihr, und sie schüttelte sich und war wieder da, wo sie hingehörte: in ihrem Körper.

»Bitte?«

»Ich habe dich gefragt, wie alt du bist. Und ob du Hunger hast.«

»Einundzwanzig«, sagte Amber.

Der Typ stellte eine Schale mit Erdnüssen vor sie und sah zu, wie sie die Nüsse aß. Sie wollte sie nicht essen. Aber es ging nicht anders. Es dauerte ungefähr drei Minuten, bis die Schale leer war. Er füllte sie nach. Dann sah er zur Tür und nickte jemandem zu.

»Der«, sagte er leise. »Den könntest du fragen.«

Amber spürte, wie ihr heiß wurde vor Aufregung, als der Mann sich an den Tischen vorbeischlängelte, auf die Bar zu. Er sagte irgendetwas zu dem Typen mit dem schwarzen T-Shirt, und der Typ sagte auch etwas, aber Amber hörte es nicht. Sie versuchte, die richtige Frage in ihrem Kopf zu formulieren. Der Mann trank aus einem Schnapsglas. Seine Haut war leicht gelblich, die Augen hatten sich in den Kopf zurückgezogen, als interessierte die Außenwelt sie nicht. Sein Haar war schütter und seltsam farblos. Der Mantel, den er nicht ausgezogen hatte, war ihm zu groß.

Und Amber dachte, dass man diesen Mann zu den anderen Museumsstücken an die Wand hängen könnte, er war nicht mehr als eine Erinnerung an sich selbst. An Zeiten, in denen er den Mantel ausgefüllt hatte. Sie fragte sich, ob sie jemals so aussehen würde. Ob es unweigerlich jedem passierte, dass er zu einer Erinnerung wurde.

»Das ist …«, sagte der Bartyp. Sie hörte ihn jetzt wieder.

»Lucy«, sagte sie.

»Das ist Lucy«, sagte der Bartyp. »Sie sucht jemanden. Zwei Leute, die vor elf Jahren hier waren. Glaubt sie.«

»Ach was«, sagte der Mann, der nur eine Erinnerung war. »Lucy mit dem lebendigen Kragen.« Er nickte zu der Katze hin, die sich um Ambers Hals geschlungen hatte, und machte ein Geräusch, das vermutlich ein Lachen sein sollte. »Lucy spielt Privatdetektiv?«

Amber sagte nichts. Sie schob ihm nur das Foto hin, kniff die Augen zusammen und starrte ihn an, während er es, eher widerwillig, betrachtete. Würde er sie erkennen? Würde er ihr etwas sagen? Ambers Eingeweide versuchten, sich nach außen zu stülpen. Der Mann sah auf.

»Tatsache«, sagte er. »Doch. Die Kleine hat recht.« Er zeigte auf ihren Vater. »Der hat hier gekellnert, ewig her. Die Frau … nee, die kenn ich nicht, glaub ich. Aber er war hier.«

Amber schluckte. Die Luft flirrte.

»Er war alleine? Ohne sie?«

»Denke schon.«

»Wo … ist er jetzt?«, fragte Amber. Die Worte waren sehr schwer auszusprechen, aber sie schaffte es.

Der gelbe Mann zuckte die Schultern. »Was weiß ich? Irgendwann war er weg, und jemand anders hat gekellnert. War nicht lange da. Paar Monate. Ist ziemlich plötzlich weg, das weiß ich noch. Der Pajak, der war noch jung damals, der hat immer mit ihm am Spieltisch gesessen, damals war viel hier mit Kartenspielen, schön gegen Bargeld, das hat sich noch gelohnt … aber ich hab mich da rausgehalten.« Er sah sich um. »Der Pajak nicht da heute? Na, irgendwann kommt der schon vorbei, dann kannste ihm dein Foto unter die Nase halten.« Er lachte. »Keine Garantie, dass er reden will. Der redet nicht gern. Aber sag mal, Lucy-mit-dem-lebendigen-Kragen, was willst du denn von den beiden auf dem Foto?«

Amber zuckte die Schultern.

»Lucy hat Geheimnisse«, flüsterte der gelbe Mann, grinste und hielt Amber eine Zigarettenpackung hin. Sie wollte den Kopf schütteln. Sie mochte den gelben Mann nicht. Aber ihre Finger griffen wie von selbst nach der Zigarette.

Sie inhalierte den Rauch tief und merkte, wie sie ruhiger wurde. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, aufzuhören. Zigaretten waren zu teuer. Sie hörte jedes Mal auf zu rauchen, wenn sie von irgendwo weglief. Aber es wurde schwerer.

Die Katze mochte es nicht, wenn sie rauchte, und schlich sich fort.

Der Mann erzählte jetzt alte Geschichten von früher, in denen ihr Vater nicht vorkam.

Und dann war es vier Stunden später.

 

»Lucy?«

Sie blinzelte und sah in ein Gesicht mit einer etwas zu großen Nase und freundlichen Augen. Sie musste mit den Armen auf der Theke eingeschlafen sein. Sie war unendlich müde.

»Wie heißt du wirklich?«

»November«, murmelte Amber. »November Lark. Lark wie Lerche, November wie November. Die meisten sagen Amber …«

Warum erzählte sie ihm das? Warum erzählte sie ihm die Wahr-heit?

»Hör mal, Amber … ich muss abschließen. Geh nach Hause.«

Nach Hause. Haha. Ich wohne im Flur eines Hochhauses. Falls die Haustür noch offen steht.

Sie fühlte sich schwer wie Blei, als sie von dem Barhocker rutschte. Die Stühle standen jetzt auf den Tischen. Der Typ trat auf den Schalter am Boden, und die Lichter gingen aus. Einen Moment lang war es stockdunkel. Die Katze landete auf Ambers Schulter und rieb den weichen Kopf an ihr.

Dann tauchte der Lichtkegel einer Taschenlampe auf dem Boden auf.

»Komm«, sagte der Typ. Aber er hatte nicht Amber gemeint. Er schnalzte mit der Zunge, und da kam etwas hinter der Theke hervor, was Amber bisher nicht bemerkt hatte. Es besaß vier Beine und sehr viel sehr unordentliches Fell, und jetzt schüttelte es sich und sah zu ihr auf.

»Ein Hund«, sagte Amber.

»Sieht so aus«, sagte der Typ.

Die Katze war sich zu gut zum Fauchen, aber Amber spürte ihre Anspannung. Sie traten zusammen in die Nacht, und Amber wartete, während der Typ die Tür abschloss. Die Schatten waren sehr schwarz und sehr dicht. Sie fragte sich, ob jemand dort saß und wartete. Jemand, der ihr heute gefolgt war.

»Ich gehe da lang«, sagte der Typ.

»Ich auch«, sagte Amber.

Vielleicht war sie neben ihm sicherer als allein.

Ein leiser Nieselregen fiel durch die Nachtluft. Der Hund lief voraus, schnüffelte, witterte, besaß die Nacht. Er war ein Teil der Schatten, ein Teil der Straße, er war, auch von hinten, glücklich in der Dunkel-heit.

»Wohin gehst du jetzt?«, fragte der Typ.

»Nach Hause«, sagte Amber. »Das haben Sie doch gesagt. Dass ich nach Hause gehen soll.«

»Du musst nicht ›Sie‹ sagen … November.«

»Sie machen sich Sorgen. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Sie haben keine Verantwortung für mich.«

»Oh, sicher nicht«, sagte er. »Zigarette?«

»Danke«, sagte sie, und eine Weile rauchten sie wortlos, gingen nebeneinander her und rauchten.

»Ich weiß nicht mal, wie Sie … wie du heißt«, sagte Amber.

Er blieb stehen, im Lichtkreis einer Straßenlaterne, und zog den Kragen seiner Jacke und seines T-Shirts mit zwei Fingern ein wenig hinunter. Amber sah die schwarz tätowierten Buchstaben jetzt deutlich und ganz.

»Sie haben sich … du hast dir … eintätowiert, wie du heißt, damit du es nicht vergisst?«, fragte sie und lachte.

Er zuckte die Schultern.

Und sie las. »KATJA. Nein. Unsinn. Das ist ein Frauenname.«

Noch ein Schulterzucken. »Jedenfalls nennen sie mich so. Kann ja sein, dass erst die Tätowierung da war und dann der Name.«

Katja. Jemand, der einen Frauennamen trug, stand vermutlich nicht auf Frauen. Sie dachte wieder an die Poster im Bottled; die schön fotografierten nackten Männer. Es passte. Irgendwie passte es. Vielleicht gerade deshalb, weil er aussah wie ein Rausschmeißer.

»Katja.« Sie lauschte dem Wort nach. »Verrückt. Und der Hund?«

Der Hund schnupperte an der Laterne und hob dann das Bein.

»Schlimmer«, sagte Katja. »Der Hund heißt Daisy.«

»Bitte?«

Das dritte Schulterzucken war voraussehbar. »Ich hab ihn aus dem Tierheim. Sie dachten erst, er wäre ein Weibchen. Er hieß schon Daisy, als ich ihn geholt habe. Es bringt Pech, Namen zu ändern.«

»Katja, ich …«

Sie stand jetzt direkt vor ihm und blickte zu ihm auf. Er war ein ganzes Stück größer als sie. »Was denkst du über mich?«

»Ich denke«, antwortete er langsam, »dass du die merkwürdigste Person bist, die mir je begegnet ist.«

»Es war einmal«, flüsterte Amber und trat ihre Zigarette aus. »Es war einmal ein kleines Mädchen, das stellte sich an einem Tag im November zwei Fragen. Erstens: Ist es sinnvoll, weiterzuleben? Zweitens: Ist es sinnvoll, alleine Geburtstag zu feiern? Ein Teil von ihr hatte gedacht, sie würden an ihrem Geburtstag wieder da sein. Mit einem Geschenk. Sie waren jetzt seit einer Woche weg. Sie wusste nicht, was passiert war. Sie hatte geschlafen. Sie hatte den Kuchen ganz allein gebacken. Gut, dass sie die Kerzen gefunden hatte. Vier Stück. Zwei zu wenig. Sie war sechs Jahre alt.«

Er sah sie an, sehr ernst. »Und? Was hat das kleine Mädchen sich auf die beiden Fragen geantwortet?«

»Oh, sie hat den Kuchen eine Weile angesehen. Dann hat sie einen Entschluss gefasst. Den, dass sie auch gehen würde. Wenn sie geblieben wäre, hätte sie nicht überlebt. Es gab nichts Essbares mehr im Haus. Das Einzige, was sie mitgenommen hat, war die Katze.«

Sie wusste nicht, wie es geschah, aber jemand streckte ihre Arme aus und legte dem völlig fremden Mann, der Katja hieß, ihre Hände auf die Schultern. Nicht um den Hals, nur auf die Schultern, als müsste sie eine physische Verbindung zu ihm herstellen, damit er sie verstand. Sie wusste nicht einmal, warum es ihr so wichtig war, dass er sie verstand.

Er tat nichts, nahm ihre Hände nicht weg und fasste sie auch nicht an, er stand nur da.

»Es sind deine Eltern auf dem Foto, ja?«, fragte er leise. »Deine Eltern, die du suchst.«

Sie nickte. »Ich habe diese Streichholzschachtel gefunden … Das ist die erste Spur, die ich habe.«

»Wo hat das kleine Mädchen gewohnt? All diese Jahre?«

»Hier und dort«, flüsterte Amber. »Zuletzt in einer betreuten WG für schwierige Jugendliche. Bevor sie … bevor sie einundzwanzig geworden ist.«

»Ich habe ein bisschen Angst«, sagte der Mann, der Katja hieß, »dass hier irgendetwas anfängt, was furchtbar schiefgeht. Mit einundzwanzig ist man natürlich erwachsen. Die Polizei hätte also keinen Grund, nach dem Mädchen zu suchen. Den hätte sie nur, wenn es jünger wäre. Wo … schläft das Mädchen?«

Sie kniff die Augen zusammen, sah ihn an und schwieg.

»Ich mag die Polizei nicht besonders«, sagte der Mann, der Katja hieß. »Nur falls jemand denken sollte, dass ich sie jemandem auf den Hals hetze.«

»Gut«, sagte Amber.

Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, gab dem Mann, der Katja hieß, einen Kuss auf die Nasenspitze, drehte sich um und rannte, die Katze noch immer im Nacken wie einen Schal.

 

Die Tür stand offen.

Sie schien zu klemmen, man konnte sie gar nicht schließen. Amber rannte die sechs Stockwerke hinauf und sah aus dem Fenster. Das Zelt. Das rot-gelbe Igluzelt. Es musste da sein.

Sie hatte das seltsame Gefühl, dass das Zelt nur da sein konnte, wenn sie selbst sich im sechsten Stock befand. Sie sehnte sich nach dem warmen Licht, sehnte sich nach der Silhouette des Jungen, der dort saß und ein Buch las.

Aber das Zelt war nicht da. Der Hinterhof lag leer im stärker werdenden Regen.

Die Katze sprang aufs Fensterbrett. Amber seufzte und wollte sich hinsetzen, so dicht an die Heizung wie möglich. Dort lag etwas. Ein weißer, unfrankierter Umschlag, der am Morgen ganz bestimmt noch nicht da gewesen war. Sie riss ihn auf und zog ein Blatt Papier heraus. Im Flur war es gerade hell genug, um die Kugelschreiberworte darauf zu lesen. Großbuchstaben.

NOVEMBER!

ICH WEISS, WO DU BIST. ICH BEOBACHTE DICH.

DU BIST LÄCHERLICH MIT DEINER SUCHE NACH EINER WAHRHEIT, DIE DU NIE BEGREIFEN WIRST.

ABER DAS BLOND IST GAR NICHT SCHLECHT. ICH MAG AUCH DIE WIMPERN.

ICH WÜSSTE GERNE, WAS SICH UNTER DEM PARKA VERBIRGT. DU WIRST ES MIR ZEIGEN.

NOVEMBER. ES TUT MIR BEINAHE LEID, DIR DIES MITZUTEILEN.

ODER VIELLEICHT TUT ES MIR ÜBERHAUPT NICHT LEID.

DER TAG, AN DEM DU DEINE ELTERN FINDEST, WIRD DEIN LETZTER SEIN.

ICH WARTE AUF DICH.

Im Aschenbecher auf einem weit entfernten Balkon lag in dieser Nacht nur eine einzige Kippe. Der Mann, der davorsaß, starrte in die Dunkelheit und vergaß zu rauchen. Er vergaß auch den Regen. Der Regen fiel auf den Mann, fiel auf den Tisch, fiel auf den Betonboden, wo die Tropfen zersprangen wie Glas. Manchmal kraulte der Mann mit einer Hand den Hund, der unter seinem Stuhl lag und leise hechelte.

»Gott«, sagte der Mann, und dann, nach einer Weile, wieder: »Gott!« Nach einer noch längeren Weile sagte er: »Wer soll das denn sein, Gott?« Und schließlich: »Es hat alles nichts zu bedeuten.«

Er wischte sich über den Nacken, vielleicht wischte er die Tropfen weg oder vielleicht Buchstaben, die sich nicht wegwischen ließen.

»Sie war hungrig«, sagte der Mann. »Erdnüsse. Dumm. Ich hätte ihr etwas Richtiges zu essen geben sollen. Warum habe ich das nicht getan? Warum habe ich nicht irgendetwas getan?«

Er hielt das Gesicht empor, hielt es dem Regen entgegen und ließ die Tropfen darüberlaufen. »Im November ein Mädchen zu treffen, das November heißt, ist abstrus«, sagte er zum Regen. »Vier Kerzen. Sechs Jahre. Ein Kuchen. Gott. Ich hätte sie mitnehmen sollen. Ihr die Gästematratze beziehen, im Wohnzimmer. Sie viel mehr fragen.« Er stand auf und sah an sich hinab. Er hatte nur in Hosen und T-Shirt draußen gesessen, das T-Shirt war klatschnass. »Ach was«, sagte er laut. »Ich bin nicht verantwortlich. Dieses Mädchen geht mich nichts an. Gar nichts.«

Aber als er im Bett lag, sehr viel später, trug er ein seltsames Lächeln auf dem Gesicht.

Nur der Hund sah seine Träume.

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3.

Es gibt nichts zu verstehen. Es gibt auch nichts zu sehen.

Die Nacht ist schwarz und dicht.

Nur Täuschung ist das Licht,

in dem zur Dämmerstunde, mit rot gemaltem Munde,

sich bunte Tänzer drehen.

Es gibt nichts zu begreifen. Die roten Lampions reifen,

die Nacht ist hell und leicht,

und wer den Rand erreicht,

der darf sich aus den Lücken der Welt ein Leuchten pflücken,

mit Glitzerkitsch und Schleifen.

Es gibt nichts zu kapieren. Die letzten Bilder frieren

angesichts des Nichts.

Wenn Fakten nichts mehr taugen, dann schließe deine Augen,

und mal dir eine Wahrheit voll absoluter Klarheit.

Und dann vergiss das Ganze. Und tanze, tanze, tanze.

Es gibt nichts zu verlieren.

Frühe Tropfen von zaghaftem Sonnenschein klebten an der Scheibe, als Amber erwachte. Sie war so steif gefroren wie nach der ersten Nacht. Einen Moment lang blieb sie mit geschlossenen Augen liegen und stellte sich vor, wie es sein würde, wenn sie ihre Eltern fand:

Da war ein weiches, warmes Bett, in dem sie erwachte. Weiße Bettwäsche mit einem Muster aus Blüten. Eine blaue Vase mit frischen Blumen auf dem Nachttisch. Es roch von ferne nach frischem Kaffee. Die Tür öffnete sich einen Spalt, und darin stand ihre Mutter, ebenfalls in Weiß, in einem weißen, wunderschönen Nachthemd. Sie lächelte, beinahe verlegen.

»Amber«, flüsterte sie. »Ich … wollte nur nachsehen, ob es auch wirklich wahr ist. Dass du wieder da bist.«

Noch jemand tauchte hinter ihrer Mutter auf, ein großer, verschlafener Mann mit einem großen, verschlafenen Lächeln und einem Dreitagebart.

»Natürlich ist sie da«, sagte er. »Wir werden sie nie mehr verlieren. Aber ehe wir damit anfangen, sie nie mehr zu verlieren, sollten wir frühstücken. Ich habe Rühreier gemacht …«

Etwas strich über Ambers Wange, und sie öffnete die Augen. Die Katze zog ihre Pfote zurück und musterte sie mit ihrem Smaragdblick. In ihrem Wachtraum hatte es keine Katze gegeben. Warum nicht? Amber schüttelte sich den Schlaf aus dem Kopf und kraulte sie hinter den Ohren. Neben der Katze lagen Dinge, die aus Ambers Tasche gefallen waren. Ein Kajal. Lidschatten. Lippenstift. Ein kleiner runder Handspiegel. Ein zerknickter Umschlag.

Deine Suche nach einer Wahrheit, die du nie begreifen wirst … Ich wüsste gerne, was sich unter dem Parka verbirgt … Der Tag, an dem du deine Eltern findest, wird dein letzter sein.

»Unsinn«, flüsterte sie. »Irgendein Idiot versucht, mich einzuschüchtern.«

Und wenn es kein Idiot ist?, fragte die Katze. Wäre es nicht klug, darüber nachzudenken, von wem diese Botschaft stammt?

»Nein«, sagte Amber und stand auf. »Stell dir vor, du schreibst einen Drohbrief und keiner liest ihn. Ich habe keine Angst vor diesem Typen! Nicht vor einem, der so schwülstige Briefe schreibt.«

Sie wischte mit dem Ärmel des Parkas über die Scheibe und sah hinaus. Über dem Hof hing eine Hoffnung von schönem Wetter. Und unten, wo alles noch dunkel war, stand das Zelt.

Amber machte innerlich einen Satz.

»Er ist da!«, flüsterte sie. »Er ist wieder da. Guck, er liest auch wieder! Ich … ich könnte ihn fragen, ob das Buch spannend ist. Ich könnte …«

Sie schnappte sich den Handspiegel und sah hinein. Das Gesicht, das ihr daraus entgegenblickte, war ein Bild des Jammers. Die Farbe um die Augen herum war verlaufen, beinahe so, als hätte jemand in der letzten Nacht geweint. Die Sommersprossen drängten ans Licht wie verendende Käfigtiere.

Sie fand ein altes Taschentuch, um die Reste der gestrigen Maske abzuwischen. Sie musste eine Routine entwickeln, abends abschminken, morgens sofort alles neu auftragen – sie konnte es sich nicht leisten, etwas dem Zufall zu überlassen. Und so, wie sie jetzt aussah, durfte der Junge im Zelt sie auf keinen Fall sehen.

Sie beeilte sich, doch Eile verträgt sich nicht mit Konzentration, und sie musste dreimal von vorn beginnen.

Du willst schön sein, sagte die Katze von der Fensterbank aus. Erst wolltest du nur anders sein, und jetzt willst du schön sein. Setz deine Ziele nicht zu hoch.

»Ich weiß«, wisperte Amber. »Nur Katzen sind schön. Aber als Katze kann ich ihm nicht begegnen. Er würde mich nicht sehen. So wie die Leute gestern im Bottled. Sie haben mich nicht als Katze gesehen. Sie haben nur ein merkwürdiges Mädchen gesehen, das reglos auf einem Barhocker saß.«

Die Katze sah weg. Unwichtige Dinge wie die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung langweilten sie.

In dem kleinen runden Spiegel war jetzt ein Mädchen von einundzwanzig Jahren zu sehen, das nie Sommersprossen gehabt hatte. Sein Blick war novembergrau und scharf, aber die langen, dunklen Wimpern und der silberhelle Lidschatten ließen ihn weicher scheinen. Die Magerkeit des Gesichts wirkte ohne die Sommersprossen nicht mehr versehentlich, sondern … schön.

Amber steckte den Spiegel ein und ging die Stufen hinunter. Diesmal rannte sie nicht.

Draußen kroch das Licht über die Dächer herauf. Wenn sie den Hof erreichte, dachte Amber, würde das Himmelsviereck darüber blau sein, eine gläserne Art von Sechs-Uhr-Blau.

Sie holte tief Luft und öffnete die Tür zum Hof, bemüht um eine perfekte Körperhaltung.

Als ich heute den Reißverschluss meines Igluzeltes aufzog, stand eine schöne junge Frau davor. Sie wollte, dass er das später dachte. Es war genau so ein Satz, wie er in den Büchern stand, die Amber liebte. Sie trug einen Männerparka, aber ihr Körper darunter war geschmeidig wie der einer Katze und …

Sie trat in die Morgenhelligkeit des Hofes.

Natürlich war da kein Zelt.

 

Katja hob nur eine Augenbraue, als sie das Bottled betrat. Er stand hinter der Theke und schüttelte irgendetwas, was vermutlich trinkbar war. Diesmal kam sie durch die Vordertür. Und sie kam erst, als die Vordertür offiziell – und seit einer ganzen Weile – offen war.

Sie nickte Katja zu und sah sich um. Von der Wand aus blickte ein schwarz-weißer, nackter Mann sie an. Hinter der Bar war ein Stück von Daisy zu sehen, eine Pfote, ein Ohr oder ein Teil vom Schwanz, es war schwer zu sagen. Die Katze lag um Ambers Schultern geringelt und sah sich mit ihr um, und die Stühle schienen unter dem scharfen Blick der beiden Augenpaare ein wenig in sich selbst zurückzukriechen. Aber natürlich gehörte das zu den Dingen, die Amber sich nur vorstellte.

Sie hatte den ganzen Tag damit verbracht, durch die Stadt zu laufen und sich Dinge vorzustellen. Sie hatte lange auf einer Parkbank gesessen. Sie hatte klingende Worte gesammelt, was sie häufig tat. Worte lagen überall herum, Worte wie »Glutblätterrot« und »Herbstpark« und »Wiederfinden«. Worte kosteten nichts, nicht so wie zum Beispiel Zigaretten. Sie war kurzzeitig eine Katze gewesen, um auf einen Baum zu klettern, und sie hatte eine Weile vor den Fenstern eines Cafés gestanden, das sich in einer Ecke des Parks befand, in einem runden Pavillon. Die Leute drinnen hatten ausgesehen wie Fische in einem Aquarium. Halb hatte sie sie verachtet – und halb hatte sie sich gewünscht, sie wäre ein Fisch unter Fischen. Es war ein typischer Amber-Tag gewesen.

In dem Portemonnaie, das nicht ihr gehörte, waren vier Euro zwanzig weniger. Man konnte weder Worte noch Parkbäume essen.

Das Bottled war voll an diesem Abend, schon um acht Uhr. Natürlich, es war Freitag. Sie fragte sich, ob einer der Biertrinker, Tischsitzer, Erdnussesser Pajak hieß. War das ein Vorname oder ein Nachname?

Katja winkte sie zur Bar herüber. Sie spürte den dringenden Wunsch, ihren Körper an der Tür stehen zu lassen und als Katze zwischen den Tischen durchzuhuschen, es waren wirklich viele Leute hier. Aber sie ließ es. Ich bin schön. Ich bin das Mädchen mit dem blonden Haar und den langen, dunklen Wimpern. Ich bin nicht November Lark, ich bin Lucy, und Lucy ist einundzwanzig und selbstbewusst. Lucy trägt den Männerparka, weil es cool ist, zu große Parkas zu tragen. Lucy …

»November«, sagte Katja, als sie bei ihm ankam, und Amber legte den Finger an den Mund.

Katja sah sich um. »Das ist nur ein Monat«, sagte er und lächelte. »Apfelsaft oder Bier?«

Er schob ihr eine Schale Erdnüsse hinüber, aber sie schüttelte den Kopf.

»Warte. Ich habe das Bier gestern nicht bezahlt.«

Katja zuckte die Schultern. »Mir nicht aufgefallen.«

»Ich werde das Bier heute auch nicht bezahlen«, sagte Amber. »Hast du einfach ein Glas Wasser für mich?«

Er zuckte noch einmal die Schultern, goss wortlos ein Glas voll Leitungswasser und stellte es vor sie. Dann öffnete er eine Flasche Bier und stellte sie daneben.

»Er sitzt übrigens da drüben«, sagte er. »Falls es dich interessiert. Andrusch Pajak.« Katja nickte zu einem Tisch nahe dem Durchgang zum Hinterzimmer. An diesem Tag war selbst das Hinterzimmer voll, ein Strom von Menschen schien ständig durch den Durchgang unterwegs, ihre Körper wie seltsam bewegte Kunstwesen zwischen Zigarettenqualm und Kneipenlicht.

An dem Tisch in der Ecke neben dem Hin und Her saßen zwei Jungs, die ab und zu ihre Blicke durch den Raum schickten wie herrenlose Hunde. Die Blicke witterten nur, nahmen interessante Fährten auf, folgten ihnen ein Weilchen und ließen sie dann wieder fallen. Die Fährten von Mädchen. Amber ertappte sich dabei, wie sie lächelte. Die beiden wirkten wie Schuljungen. Der Jüngere trug eine Schirmmütze, wie Straßenjungen sie in alten Filmen tragen. Er war hübsch. Der andere hatte zerzaustes blondes Haar und hielt sich an seinem Bier fest. Sie schätzte die beiden auf Mitte zwanzig.

»Der Blonde«, sagte Katja.

Amber nickte. Sie schob sich eine Handvoll Erdnüsse in den Mund, nahm ihre Bierflasche und schlängelte sich durchs Gewühl hinüber zu dem Ecktisch. Der Parka schützte sie vor den witternden Blicken, er war blickabweisend, wie andere Dinge wasserabweisend sind. Eine ganze Weile stand sie neben Pajak, ohne dass er oder der andere sie bemerkte, ihre Augen waren anderswo unterwegs. Schließlich legte sie das alte Foto einfach auf den Tisch.

»Ich suche jemanden.«

Beide sahen zu ihr auf, verwirrt. Pajak fragte: »Was?«, und der andere Typ verschränkte die Arme und lehnte sich zurück, ruhig, abwartend. Er hatte Sommersprossen, wie Amber sonst, aber bei ihm passten sie ins Bild. Amber zeigte auf den jungen Mann auf dem Foto, der so unbeschwert in die Kamera lächelte.

»Wolf Lark«, sagte sie. »Er war hier. Vor elf Jahren.« Sie sah Pajak an. Seine Augen waren blau. »Jemand hat mir gesagt, du kennst ihn?«

Pajak beugte sich über das Bild, betrachtete es eine Weile und schob es dem anderen Typen hinüber.

»Ich hab keine Ahnung«, sagte er.

Amber zwang sich, in seine Augen zu sehen, obwohl sie ungerne in Augen sah. Katzen sehen nur in Augen, wenn sie kampfbereit sind. Im Blau von Pajaks Iris schwamm ein Fremdkörper. Ein Stück Furcht.

»Bitte«, sagte sie. »Denk noch mal nach. Es ist wichtig. Er hat hier gearbeitet. Ich muss wissen, wo er ist. Und ich glaube, sie war auch hier. Die Frau auf dem Bild. Sie muss hier gewesen sein. Auch wenn sich der andere Typ nicht an sie erinnert hat.«

»Mädchen, glaub mir«, sagte Pajak. »Ich habe sie nie gesehen. Beide.« Er fuhr sich mit der Hand durchs blonde Haar, und genau diese Geste strafte ihn Lügen.

»Was willst du von denen?«, fragte der andere.

Sie nahm das Bild und steckte es ein. Drehte um. Ging zur Bar zurück und kletterte auf einen der hohen Hocker. Die Katze saß zwischen den Gläsern wie ein Stück Dekoration.

»Und?«, fragte Katja.

»Nichts und«, sagte Amber, plötzlich ärgerlich. »Er sagt, er weiß nichts. Aber das ist eine Lüge.«

»Die meisten Dinge sind eine Lüge«, sagte Katja. »Kann ich dich etwas Persönliches fragen?«

»Nein«, sagte Amber.