Night of Wolves 3 - Lena Dietrich - E-Book

Night of Wolves 3 E-Book

Lena Dietrich

0,0

Beschreibung

Nichts ist mehr, wie es war - das muss auch Alex einsehen, als er erkennt, dass er die Macht der Dunkelheit unterschätzt hat. Schreckliche Geheimnisse kommen ans Licht, die einstige Freunde nicht nur zu Feinden machen, sondern auch die Differenzen zwischen den Rudeln anstacheln und mit jedem Tag, der vergeht, scheint ein Krieg immer unausweichlicher.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 307

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lena Dietrich

Night of Wolves 3 -

Im Angesicht des Mondes

Die Autorin

Lena Dietrich wurde am 09. Dezember 2000 in Halle (Saale) geboren. Bereits mit 10 Jahren begann sie Geschichten zu schreiben, veröffentlichte diese jedoch nicht. 2015 erschien ihr erstes Buch Night of Wolves- Die Nacht der Werwölfe beim tredition Verlag. 2016 folgte der zweite Band Night of Wolves-Im Schatten der Dunkelheit. Der dritte Band Night of Wolves-Im Angesicht des Mondes wurde 2018 veröffentlicht. Von Lena Dietrich ist bei tredition erschienen:

Night of Wolves-Die Nacht der Werwölfe

(ISBN: 978-3-7323-5811-3)

Night of Wolves 2-Im Schatten der Dunkelheit

(ISBN: 978-3-7345-3306-8)

Night of Wolves 3-Im Angesicht des Mondes

(ISBN: 978-3-7469-0850-2)

Für meine Großeltern, die immer hinter mir stehen und mich bei so vielem unterstützen.

Lena Dietrich

Night of Wolves 3

Im Angesicht des Mondes

© 2018 Lena Dietrich

Umschlag, Illustration: Lena Dietrich

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

ISBN: 978-3-7469-0850-2

Hardcover

ISBN: 978-3-7469-0851-9

e-Book

ISBN: 978-3-7469-0852-6

1. Auflage

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter

Winston Churchill

Prolog

Die Söhne des großen Lycaon symbolisierten die ersten Alphas in der Geschichte der Werwölfe. Allerdings wusste niemand mehr genau, wer von ihnen grausamer gewesen war, denn einer war schlimmer als der andere. Sie wüteten über die Welt und verwandelten all Jene, die das Gen ebenfalls in sich trugen.

Sie vermischten sich mit den Menschen, in der Hoffnung noch weitere Werwölfe zu erschaffen und so war es auch. Sie bildeten die ersten Rudel, verteilten sich auf der Welt, um noch mehr Schrecken zu verbreiten. Lediglich ihr Vater war in der Lage sie im Zaum halten, denn er hatte sie geschaffen.

Auch wenn Zeus Lycaon nur wenig zügeln konnte, hatte er alle Kontrolle über dessen Söhne, schließlich waren sie kaum mächtiger als Menschen. Um sie umzubringen brauchte es keinen weißen Wolf und keinen Dolch aus Silber.

Der Herr von Arkadien hingegen erfreute sich seiner Unverwundbarkeit, natürlich konnte er verletzt werden oder gar sterben, aber nur eine Person vermochte ihn wirklich endgültig vernichten.

1

Gedankengänge

*Alex‘ Sicht*

Wie viel Wert hatte das Leben, wenn man keinen Inhalt darin hatte oder ihn nicht finden konnte?

Die Antwort war simpel – keinen. Nicht einen Einzigen, einfach keinen. Welchen Sinn machte das Leben ohne jemanden, der es ausfüllte?

Die Antwort blieb die gleiche – keinen. So viele Ereignisse innerhalb von zwei Jahren oder waren es schon mehr?

Zweieinhalb, drei?

Nein drei auf keinen Fall, vielleicht war die Zeit schnell vergangen, aber drei Jahre, das konnte einfach nicht sein. In der Zeit war viel passiert, jedenfalls glaubte ich das, ich hatte dies doch nicht alles geträumt oder mir eingebildet?

Nein, einfach nein, einbilden konnte man sich so etwas nicht. Vielleicht zehrten schlimme Ereignisse an den Nerven, aber Einbildungen solcher Art waren einfach unmöglich. Alles hatte mit den Jägern begonnen, skrupellose Killer, die jeden Werwolf am liebsten sofort hinrichten würden Man stelle sich einmal vor ein Jäger wäre in einem Supermarkt und würde dort Werwölfen begegnen, ach, sagen wir einem Werwolf, das klingt besser. Würde dieser Jäger den Werwolf dann vor aller Öffentlichkeit töten, wäre das ein riesiges Spektakel, vermischt mit Panik und wild kreischenden Leuten, sofern beides nicht dasselbe bedeutete. Zusammenfassend konnte man sagen, dass die Jäger schreckliche Leute waren, sie hatten sogar Menschen modifiziert, sodass diese sich verwandelten, wahrscheinlich als eine Art Abschreckung oder einfach um ihre Macht über die wölfische Rasse zu offenbaren. Einmal hatte ich eines dieser Dinger gesehen und dieses Mal reichte vollkommen, für immer, ewig, was auch immer.

Ich hatte keine Ahnung wie oft ich dieses Szenario, welches sich ‘Alexander Evans Leben’ nannte, schon durchgegangen war. Zu oft vielleicht, jedoch fielen mir jedes Mal neue Dinge auf, die ich bisher nicht für wichtig erachtet hatte.

Sechs Monate, ich meine sechs verdammte Monate lang war ich mein Leben immer und immer wieder durchgegangen und hatte immer noch nicht bemerkt, welches Puzzleteil fehlte, irgendetwas war der ausschlaggebende Punkt, der den Stein in meinem Leben ins Rollen gebracht hatte. Natürlich war Sarah die erste Wahl, das war sie immer, doch irgendetwas fehlte noch, irgendein Stück meiner Erinnerung, welches ich unter Bergen von Leid, Schuld und Vorwürfen vergraben hatte.

»Ich glaube, er dreht langsam durch.« Die Stimme eines Mannes drang an mein Ohr, ließ mich wieder in meine kühle Zelle zurückkommen. Am liebsten hätte ich meinen Kopf jetzt gegen die Wand geschlagen, doch so ganz wahnsinnig war ich nicht, noch nicht.

»Es ist interessant zu sehen, was mit einem Werwolf passiert, der seine Gefährtin sechs Monate lang nicht gesehen hat. Schmerzt es so, wie alle es sagen?« Der Typ, der mit mir sprach, hieß Bertie, er war ein totaler Einfaltspinsel mit einem sehr langweiligen Tagesablauf, welcher damit begann, sich bei meinem Großvater einzuschleimen, ihm praktisch den ganzen Tag am Arsch zu kleben und ihm regelmäßig Honig ums Maul zu schmieren.

»Alter, ich rede mit dir!«

»Alter, ich scheiß auf dein beklopptes Gesprächsthema!« Meine Laune war nicht gerade die beste, was ich aber nicht unbedingt gern preisgab.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet, Evans!« Bertie glotzte wie ein Bekloppter in die Zelle hinein und grinste frech.

Würden ihn und mich nicht mit Silber überzogene, eng aneinandergereihte Stahlstangen trennen, hätte ich ihm auf der Stelle die Kehle herausgerissen. Bertie, was war das eigentlich für ein bekloppter Name?

»Willst du wirklich wissen, wie sehr es weh tut?« Der bekloppte Möchtegernwerwolf nickte.

Meine Mundwinkel zuckten. »Dann komm her und lass dir dein kleines unnützes Herz herausreißen!«

Der Kleine schluckte und machte ein ängstliches Gesicht, welches ich ihm nicht verübeln konnte, schließlich war ich gerade aus dem Schatten herausgetreten und hatte ihm mein, wohl nicht besonders ansehnliches, Äußeres präsentiert.

»Soll ich dir mal eine Geschichte erzählen, Bertie?« Zögerlich nickte der junge Mann wieder und ließ sich auf dem Boden nieder. »Die Geschichte nennt sich: Wie ich alles in meinem Leben vergeigt habe, klingt das für dich interessant?«

Von Bertie kam dieses Mal keine Reaktion, da Schweigen aber eine andere Art der Zustimmung war, fuhr ich fort. »Die Geschichte beginnt in einem kleinen Restaurant in L.A., welches sehr teuer ist, also nicht unbedingt deine Preisklasse. Jedenfalls sind da mein Rudel und ich, wir essen dort und plötzlich kommt ein Kellner, der mir einen Piña Colada in die Hand drückt und meint, er sei von einer netten jungen Dame, ein paar Tische hinter mir.«

Bertie hob die Augenbrauen, nickte dann aber aus irgendeinem Grund wieder. »Das war deine Gefährtin, richtig?«

Ich seufzte. »Lass mich doch erst einmal ausreden, verdammt! Also ja, es war meine Gefährtin, ich habe das allerdings erst erfahren, als ich mich zu ihr herumgedreht habe. Als die anderen dann gegangen waren, bin ich zu ihr herüber und hab mich kurz mit ihr unterhalten, allerdings hatte sie nicht viel Zeit und so gab sie mir ihre Nummer. Ich habe mich natürlich gefreut wie ein Honigkuchenpferd und wir haben ein Date am nächsten Tag ausgemacht.«

Sein Mund klappte nach unten. »Am nächsten Tag schon? Das ging aber schnell!«

Wieder seufzte ich. »Hättest du deine Gefährtin schon gefunden, dann wüsstest du, dass es manchmal halt etwas schneller geht, kaum hast du sie getroffen, da willst du schon mit ihr zusammen sein, sie heiraten-.«, ich stockte.

»Alles Okay?«

Abwesend betrachtete ich den kalten Steinfußboden unter mir. »Ich … ich erzähle die Geschichte ein anderes Mal weiter.«

Bertie zuckte mit den Schultern und rappelte sich langsam wieder auf. »Na gut, es ist sowieso gleich Wachwechsel, kommst du alleine klar?«

Ein Schnauben meinerseits beantwortete seine Frage, schließlich saß ich in einer Zelle, wie sollte ich da bitte nicht alleine klar kommen?

Als die Tür zum Nebenraum ins Schloss fiel, keuchte ich, mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Die Erinnerungen an all die Verluste kamen wieder in mir hoch. Ennis, Thomas, mein Vater und meine Gefährtin. Zwar war Sarah noch am Leben, so weit ich wusste jedenfalls, und doch schmerzte es so schrecklich, wenn ich an sie dachte. Ich wollte sie sehen, sie in meine Arme schließen, aber das konnte ich nicht, weil ich hier in einer Zelle saß.

Wie lange es wohl noch bis zum Urteil dauern würde?

Ich wüsste zu gern, was mein Vater jetzt getan hätte, wäre er noch am Leben. Manchmal war es schwer, die Dinge loszulassen, die einem viel bedeuteten, das wusste ich nun, da er es einmal sagte. So lang war er nun schon fort, verweilte wahrscheinlich längst unter der Erde, schwand dahin und geriet langsam in Vergessenheit. Joshua Evans, ein Mann mit Stärke, mit Weisheit und einem unwahrscheinlich großen Herzen.

Es stimmte mich ungemein traurig, dass Andrew nicht der Werwolf von uns beiden war, er hätte sicher alles anders gemacht. Ich hatte einfach alles vergeigt, hatte meinen Vater vor mir sterben sehen, ich war nicht fähig, irgendwen zu beschützen, geschweige denn ein Rudel zu führen. Ich hatte es einfach nicht verdient Alpha genannt zu werden oder eine Gefährtin wie Sarah zu haben. Nur meinetwegen war sie jetzt eine Gefangene, ein Werwolf, der ständig in Gefahr war.

Ich hatte schon seit längerem versucht meinen Seelenfrieden zu finden, jetzt hatte ich es beinah geschafft, ich erwartete meine Hinrichtung, so wie Irwin es versprochen hatte. Und dieser nervige Wachmann, Bertie, erinnerte mich irgendwie an Danny. Beide waren so nervtötend und doch auf eine gewisse Weise liebenswert. Gerade wünschte ich mir nur noch einen seiner flachen Witze, die er früher immer gerissen hatte.

*Alex' Sicht - 6 Jahre zuvor*

»Okay, okay. Also dann erzähl mal deine Geschichte.« Der blonde Beta lehnte sich lässig ins Gras zurück und betrachtete die Sterne.

»Also, wahr oder falsch, du hast die Wahl.«, meinte Danny, während er Shaun und mich genaustens musterte.

»Ja, erzähl schon!«, rief der Blonde.

»Gut, also ich bin mit meiner Mutter damals immer umhergezogen. Ursprünglich kamen wir aus Mexiko, sind dann aber nach Texas gegangen. Meine Mutter wollte für mich ein gutes Leben und so schickte sie mich hierher, da sie von einem jungen Alpha gehört hatte, der ein Rudel sucht, so bin ich hier gelandet.«

Shaun sah fragend zu mir herüber, anscheinend wollte er mogeln und irgendwie herausfinden, ob die Geschichte nun stimmte oder nicht. »Also Cowboy, ich bin mir relativ unschlüssig, aber ich würde auf wahr tippen.«

Danny seufzte und schenkte sich noch einen Shot nach. »Ich kann für nichts garantieren, wenn ich einmal betrunken bin, also Vorsicht!«

Ich verkniff mir geradeso ein Lachen, Danny hatte noch einiges zu lernen, unter anderem den Fakt, dass wir Werwölfe nur schwer betrunken wurden. »Du musst einen Witz erzählen, Kumpel!«, forderte Shaun nun grinsend.

Der junge Omega seufzte, »Wieso das denn?«

Ich legte noch ein Stück Holz ins Feuer und lehnte mich gegen einen Baumstamm, um dem Gespräch der beiden wieder zu folgen.

»Na weil ich einen Wunsch frei hab, Prinzessin.«, entgegnete er.

Danny hob eine Augenbraue und schnaubte verächtlich. »Na schön, aber nur, wenn du mich nie wieder Prinzessin nennst!«

Shaun zuckte nur mit den Schultern und wartete auf seinen Witz.

»Okay. Also klingelt man beim Metzger, dann sollte man sich nicht wundern, wenn kein Schwein aufmacht.« Den letzten Teil verstand man nur gerade so, da Danny selbst schon lachen musste.

Etwas verwirrt blickte ich erst zu Shaun und dann zu Danny herüber.

»Füße hoch, der Witz kommt flach!«, erwiderte Shaun nur kopfschüttelnd.

»Wieso? Ich fand den gut!«, rechtfertigte sich mein Omega trotzig. Es dauerte nicht lang, da fingen wir alle an zu lachen, hörten fast nicht wieder auf. Es war ein Abend, den man lange nicht vergessen würde, zumindest würde ich das nicht.

2

Wie in einer anderen Zeit

*Sarahs Sicht*

Schneeflocken fielen vom Himmel und bedeckten die Erde wie eine weiße Decke. Es schien, als würde ich das erste Mal so ein Schauspiel beobachten und dennoch kam es mir seltsam vertraut vor. Die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt, sodass die Kinder des Dorfes bereits Schneemänner und kleine Iglus bauen konnten. Sie machten Schneeballschlachten und verbrachten, so lang es noch hell war, den ganzen Tag an der frischen Winterluft. Später freuten sie sich über einen Platz am heißen Kamin und über eine warme Suppe.

Im ganzen Raum hatte sich der Geruch von frischgebackenem Kuchen verbreitet, zusammen mit dem Duft nach Tanne, die im Kamin brannte, ergab es eine interessante Mischung, die einem die Vorfreude auf das bevorstehende Fest nur noch verstärkte.

Gerade war ich noch dabei ein paar Strohfiguren im Raum aufzuhängen.

»Brauchst du noch Hilfe?« Kurz erstarrte ich, als ich das Gesicht des Werwolfs sah, lächelte aber dann. »Nein danke, Lycaon. Ich komm zurecht.«

»Wie du meinst, aber wenn du deine Meinung änderst, sag Bescheid.« Er legte seine Hände auf meine Schultern und grinste.

»Halt dich ja zurück!«, entgegnete ich schmunzelnd.

Er nickte und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Draußen konnte man einige Kinder lachen hören, anscheinend hatten sie viel Spaß beim spielen.

»Meinst du wir bleiben hier noch eine Weile?«, fragte ich mit einem hoffnungsvollen Unterton.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, aber heute ist Wintersonnenwende, da sollten wir nicht über so etwas reden, meinst du nicht?« Fast schon etwas traurig seufzte er. Lycaon wollte genauso gern hierbleiben wie ich, dass wusste ich.

»In Ordnung.«

Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen, der Wind wehte einiges an Schnee in das Zimmer und ließ das Feuer im Kamin beinah erlöschen.

»Clevas, sei vorsichtig mit der Tür!«, mahnte ich den kleinen Mann, der gerade den Raum betreten hatte.

»War der Herr Nikolaus schon da?« Seine großen Kulleraugen glänzten im Schein der Kerzen, als Lycaon mit den Schultern zuckte. »Ich weiß es nicht, sieh nach.«

Ich konnte nur die Augen verdrehen. Für mich waren diese Märchen, die Lycaon dem Jungen erzählte, nichts als Unfug, entsprungen aus unglaublichen Geschichten aus fernen Ländern. Womöglich hatte er es sich auch nur selbst ausgedacht, um ein besserer Vater zu sein.

Der Junge hastete, so schnell er eben konnte, zum Kamin und zog ein paar Päckchen aus einem alten Kartoffelsack hervor.

»Mama, das ist für dich!« Clevas übergab mir ein kleines Kästchen und grinste seinen Vater kurz an.

Ich seufzte. »Ihr solltet mir doch nichts schenken!«, wisperte ich, als ich das Kästchen öffnete und den hellen Stein, der an einem Lederband befestigt war, betrachtete.

»Mama, das war doch der Nikolaus!«, rief der kleine Racker etwas empört.

»Oh, ja natürlich, der Nikolaus.« Ich schmunzelte, wie jedes Mal, wenn Clevas etwas Derartiges sagte. Er war einfach wundervoll, nahezu perfekt und ich liebte ihn über alles, ebenso wie seinen Vater.

Jener trat einen Schritt nach vorn. »Lass mich dir helfen.«, entgegnete er und schob ein paar Strähnen meines Haars zur Seite, um mir die Kette umzulegen.

Ich wandte mich zum Fenster, betrachtete mein Spiegelbild und erstarrte augenblicklich. Die Person, die ich dort sah, war nicht ich. Vielleicht sah sie mir ein wenig ähnlich mit ihren blauen Augen und dem dunklen Haar, aber wer sie war, wusste ich nicht.

»Das ist nicht real. Du … du bist tot!«, wisperte ich, in meiner Bewegung erstarrt. Dieses ganze Szenario kannte ich nicht, ich war nicht diese Person, ich kannte niemanden namens Clevas und ganz sicher würde ich Lycaon niemals so nahe kommen, wie es gerade der Fall gewesen war.

Um wirklich sicher zu gehen, dass ich es bereits erwähnt hatte, wiederholte ich meinen Satz ein weiteres Mal. »Du bist tot.«

Der erste Werwolf schnaubte und zog das Band der Kette nach hinten, sodass es mir die Luft abschnürte. Er kniff die Augenbrauen zusammen und starrte mein Spiegelbild im Fenster unentwegt an. »Bist du dir da sicher?«

Keuchend schreckte ich aus meinem Schlaf. Die Zelle war dunkel, ohne jegliche Anwesenheit von Wärme oder Geborgenheit, Dinge die ich jetzt gut hätte gebrauchen können. Schon lange verfolgten mich diese Träume, realer als alles andere schienen sie zu sein. Beinah, als wären sie wirklich einmal passiert, doch Lycaon war tot, er musste es einfach sein. Warum sonst war ich noch am Leben, warum befand sich noch kein Dolch in meiner Brust?

Andererseits fragte ich mich, warum die Erinnerungen nicht verschwinden wollten, sie hatten sich tief in mein Gehirn eingebrannt und diese Träume schütteten nur noch mehr Salz in die Wunden.

Ich hätte vielleicht in dem Moment jemanden zum Reden gebraucht, eine Stütze, einen Fels in der Brandung, doch es war niemand hier. Viel lieber hätte ich von Alex geträumt, irgendeine Erinnerung wieder erlebt oder mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn wir jemals wieder das Tageslicht erblicken würden, frei wären von jeglichen Urteilen oder wütenden Blicken. Mittlerweile gab es genug von Letzterem.

Irwin kam jeden Tag hier hinunter, um mich zu demütigen, er erzählte mir von unserem Rudel, den Menschen, die mir wichtig waren, was sie taten oder planten und vor allem, wie sie niemals herausfinden würden, wo wir uns befanden. Der Vorsitzende der Alphas hatte mir eine gänzlich neue Seite von sich offenbart, seine kalte und grausame Seite, die nichts erhellen konnte und jeden Tag dieser Blick, als hätte ich sein ganzes Leben zerstört, als würde er Dinge von mir wissen, die ich nicht wusste, denn verheimlichen tat er auf jeden Fall etwas.

Wovon er mir nie erzählte, war Alex, kein einziges Wort seit sechs Monaten über meinen Gefährten. Kein ›Es geht ihm gut‹ oder ›Er vermisst dich‹, gar nichts. Ich vermisste ihn unheimlich, auch wenn ich mir das so gut wie gar nicht anmerken ließ. Die meiste Zeit über vermied ich es, zu sprechen oder anderen in die Augen zu sehen, aus Angst, sie würden erkennen wie ich mich fühlte.

Ich fürchtete mich, vor den Träumen die ich hatte und davor, nie wieder das Tageslicht zu sehen. Jeden Tag kamen Tobias und seine Gefährtin hier her, nur um mich daran zu erinnern, was ich angeblich getan hatte. Langsam beschlich mich jedoch das Gefühl, dass hier noch etwas anderes lief, warum sonst hatte man mich und Alex nicht zusammen eingesperrt oder uns wenigstens auf dem neusten Stand gehalten, wenn es ums Wohlergehen des jeweils anderen ging?

Es schien die anderen Alphas einen Dreck zu interessieren, wie es uns erging. Vielleicht amüsierte sie diese Situation auch, da sie endlich am längeren Hebel sitzen durften, bereit ihn umzulegen und uns alle verschwinden zu lassen.

So in etwa stellte ich mir die derzeitige Lage vor, keine Ahnung ob es so stimmte, aber es wäre eine gute Geschichte für ein Buch, keines, welches ich verfassen würde, da dann jeder von unserer Existenz

wüsste. Dann wäre die Werwolfjagd wieder eröffnet, vielleicht lachten die Menschen auch nur darüber, würden es nicht ernst nehmen, wie es so oft der Fall war.

Dies brachte mich auf die Jäger zurück. Wo waren sie und warum hatten sie nicht nochmal versucht, einen von uns anzugreifen?

Vorher ging es ja nur darum, irgendwas zu erschaffen, in dem sie die DNA von Werwölfen in normale Menschen einpflanzten und diese irgendwie mutierten. Diese Sache machte die Wahrheit nicht besser als einen billigen Film mit genveränderten Superhelden, die das Unmögliche vollbringen konnten. Nicht, dass ich solche Filme nicht mochte, aber glauben, dass eine Mutation vorrangig Gutes bewirken würde, konnte ich nicht. Wer wusste denn schon, was so ein Lebewesen mit veränderter DNA anrichten konnte?

Alex hatte mir von diesen Dingern erzählt, die die Jäger beziehungsweise meine netten Nicht-Eltern erschaffen hatten. Unkontrollierbare Kreaturen, die selbst nicht einmal genau wussten, was sie waren und wie sie sich zu verhalten hatten. Meiner Meinung nach war es wider der Natur, solche Wesen zu erschaffen. Entweder man wurde als Werwolf geboren oder als Gen-Träger gebissen, dazwischen gab es nichts oder dürfte es nichts geben. Menschen hatten einfach nicht das Zeug, was man brauchte, um sich zu verwandeln. Ihre DNA konnte sich nicht so stark verändern, ihre Knochen konnten sich nicht verformen, doch in ihren Filmen sah man gern über diese Tatsache hinweg. Entweder konnten es die Menschen oder es gab halt keine Werwölfe, Punkt. So viel zur grenzenlosen Weisheit des menschlichen Geschöpfs.

Als ich ausgiebig gähnte, versuchte ich mich wieder hinzulegen und noch ein bisschen zu schlafen. Vielleicht wollte ich aber auch nur die Realität ein wenig vergessen, da ich nicht wusste, was die nächsten Tage, Wochen oder Monate bringen würden.

3

Schweigsam

*Sarahs Sicht*

Eine schmerzerfüllte, gebrochene Stimme trat an mein Ohr, so wie jeden Tag. Immerwährendes Gejammer, unentwegt.

Das Problem an der Sache war, dass ich nicht einfach verschwinden konnte, um etwas anderes zu hören, etwas anderes als grün glänzende Augen zu sehen, aus denen literweise Wasser floss. Selbst die Niagarafälle waren ein Witz dagegen, man könnte meinen irgendwann würde die Quelle versiegen, aber nein, es wurde nur schlimmer. Tag für Tag immer dieselbe Frage – Warum?

»Bitte, ich will doch nur die Wahrheit hören.«, wieder diese schrecklich traurige Stimme. Seit einer gefühlten Ewigkeit schwieg ich, immer, egal wann. Mir half es weiter, alles Geschehene zu verarbeiten, wenn das überhaupt möglich war.

Lycaon von Arkadien, das Monster, welches meinen Eltern, Alex' Vater, Ennis und beinahe auch mir das Leben genommen hatte, war tot. Schon seit einigen Monaten, wenn man Tobias' Kalender Glauben schenken konnte. Es klang dumm, aber ich hatte durch mein stetiges Schweigen mehr mitbekommen, als sonst, wenn ich redete.

Tobias Wilson war eigentlich kein so harter, undurchdringlicher Kerl, er war ein gebrochener Mann, vom Leben gezeichnet und sehr verbittert. Ebenso sah es bei seiner Gefährtin aus, ich hatte sie mir als eine arrogante, aufgetakelte Tussi vorgestellt, doch sie war das glatte Gegenteil. Freundlich, zuvorkommend und verständnisvoll, selbst zu mir, der Frau, die angeblich ihren Sohn ermordet hatte.

Schwer zu glauben, dass selbst Tobias auf irgendeine Weise Gefühle zeigen konnte. Früher war er immer so … anders gewesen. Früher, das klang falsch meiner Meinung nach. Sechs Monate waren zwar eine lange Zeit, jedoch schienen sie sich nicht so lang hinzuziehen, wie ich es erwartet hätte.

Die Zeit verging im Flug, auch wenn ich mir eine weinende Werwölfin ansehen musste und das Tag ein, Tag aus. Schon kurz nach Sonnenaufgang, so schätzte ich jedenfalls, kam sie zu meiner Zelle und setzte sich auf den Boden, starrte mich nur an und weinte. Kein guter Start in den Tag, aber weit aus besser, als ein blutrünstiger Werwolf, der alles und jeden tötete, um seine Gelüste zu stillen.

»Sarah, bitte.«, warf nun Tobias ein. Ich konnte ihn nicht sehen, da ich meine Augen geschlossen hielt, so konnte ich besser nachdenken, aber ich konnte seine Anspannung förmlich spüren. Etwas lag in der Luft, vielleicht ein Fünkchen Hoffnung oder aber auch nur der Duft nach dem nassen Waldboden, den ich so sehr vermisste. Ich wollte wieder ein Wolf sein, mich verwandelt und mich zurückziehen.

Mir fehlte meine sichere Mauer, die ich vor Lycaons Tod um mich errichtet hatte, nur dieses Mal war kein Alex da, um sie wieder einzureißen, also ließ ich die blöde Mauer beiseite liegen und widmete mich lieber meinen wirren Gedanken, welche von leckeren Pancakes bis hin zu unsterblich erscheinenden Werwölfen wanderten, immer und immer wieder.

»Könntest du uns wenigstens ansehen, wenn wir mit dir reden?«, die Frau kam etwas näher, berührte die Gitterstäbe jedoch nicht. Genau in diesem Moment öffnete ich meine leuchtend blauen Augen und starrte in ihre Grünen.

»Danke, ich bin Naomi.«, wisperte sie.

Ein Nicken meinerseits ließ sie aufatmen, jedoch schien sie nicht glücklich zu sein, eher verzweifelt. Eine absehbare Reaktion, schließlich war ihr Sohn tot, ohne jeglichen Grund, ohne ein Wort war Eddon von der Bildfläche verschwunden und in unserem Weinkeller wieder aufgetaucht, wirklich schön so ein Leben. Das Schlimme daran war, dass er nicht einfach nur da lag, denn überall war sein Blut verschmiert gewesen und seine Leiche sah aus, als wäre sie von einem Rudel räudiger Hunde zerfleischt worden. Als wäre das nicht schon die Krönung, dachte man auch noch, dass wir ihn so zugerichtet hätten.

Naomi schluckte, »Bitte, sag es mir. Ich bin eine Mutter, irgendwann wirst du mich sicher verstehen.«

Ein Schnauben meinerseits ließ sie kurz zusammenzucken. »Nein, ich verstehe es nicht und ich werde es auch nie, da ihr mich hier für immer einschließen werdet!« Der erste Satz seit sechs Monaten. Meine Stimme war rau, voller Hass auf den Rat und auf die Leute vor mir.

Naomi warf mir einen kurzen, verständnisvollen Blick zu und nickte. »Sie war es nicht.«

»Was?«, mischte sich nun auch Tobias in unser Gespräch ein. »Willst du mir sagen, dass du ihren Lügen glaubst? Was ist in dich gefahren?«

Seine Gefährtin streckte ihre Hand nach seiner aus und umfasste sie vorsichtig. »Sieh sie dir an, ganz genau, was siehst du?«

Was das ganze Theater jetzt sollte, wusste ich nicht. Eigenartigerweise fing ich langsam an, Naomis Worten zu glauben. Aber warum war sie auf einmal so sicher, dass wir es doch nicht waren?

»Was ich sehe, ist eine Frau, die unseren Sohn getötet hat, zusammen mit ihrem Gefährten, um genau zu sein.« Tobias war mal wieder sehr subjektiv, so wie man es von ihm kannte.

Sie schüttelte den Kopf. »Soll ich dir sagen, was ich sehe?«

Er nickte kurz, jedoch schien es ihn wenig zu interessieren.

»Ich sehe eine Frau, die stärker ist, als jede andere. Eine, die für ihre Familie töten würde, um sie zu beschützen. Eine, die Lycaon getrotzt hat, die Unmengen von Leid erfahren hat, aber ich sehe keine Mörderin. Auch Alex ist kein Mörder, aber jemand anderes schon und wenn du mich fragst, dann weiß eine Mutter, die ihre beiden Kinder verloren hat ganz genau, wer es war. Vertraust du mir?«

Ich war einfach sprachlos. Einen Satz hatte ich zu ihr gesagt und das hatte ihr gezeigt, dass ich unschuldig war. Ich konnte diesem Frieden kaum glauben, vielleicht war es ja ein Trick, um uns in die Knie zu zwingen.

»Ich weiß nicht, Naomi. Wie kannst du dir innerhalb weniger Minuten sicher sein, dass sie es nicht war, wenn du Monate lang daran gezweifelt hast?«, flüsterte der Alpha.

»Ich weiß es, weil sie es mir gesagt hat und du weißt, wie schnell ich eine Lüge erkenne. Sarah sprach davon hier nie wieder herauszukommen und nie zu wissen, wie es ist, eine Mutter zu sein. Denkst du wirklich, dass sie diese Chance aufs Spiel gesetzt hätte? Oder Alex?«

So ganz konnte ich ihr nicht folgen, aber irgendwie hatte sie recht. Ich hätte niemals eine gemeinsame Zukunft mit Alex aufs Spiel gesetzt, um jemanden wie Eddon zu töten, warum auch?

Tobias Wilson, der ach so starke Alpha, hockte sich auf den Boden und umfasste die Gitterstäbe mit beiden Händen.

Es schien, als würde Qualm entstehen, aber ich wusste, dass es das Silber war, welches ich in seine Haut einbrannte. Diesen Schmerz hatte auch ich bei meiner Verwandlung gespürt, ich hatte ihn fast neben all den anderen verdrängt, doch er war da, als sich das Silber meines Ringes in meine Haut einbrannte und ihn auf ewig damit verband.

»Hast du meinen Sohn getötet, weißer Wolf?« Der warme Atem des Alphas traf mein Gesicht, als er mir entgegenblickte und seine Augen aufleuchten ließ. Ich tat es ihm gleich, präsentierte ihm meine eisblauen Werwolfaugen und holte tief Luft. »Nein, ich habe ihn nicht getötet.« Eine einzelne Träne lief meine Wange hinunter, ließ meinen Schmerz sichtbar werden und mich so erscheinen, wie ich war – schwach.

Er zwinkerte ein paar Mal, ehe er schniefte und sich seiner Gefährtin zuwandte. »Du hattest recht, sie ist unschuldig.« Seine Hände verweilten immer noch an den Gitterstäben, es schien ihm nicht einmal aufzufallen, dass sie immer weiter verbrannten, dass sich bereits Brandblasen bildeten und sich die Haut von seinen Fingern langsam zu lösen begann.

»Was macht ihr da?« Ein grimmig aussehender Mann mit vernarbtem Gesicht hatte den Keller betreten und starrte wütend auf die Hände des Alphas vor ihm, die sich wie zuvor noch am Gitter befanden.

»Wir ziehen die Anklage gegen Sarah Daniels und Alex Evans zurück.«, sprach Naomi mit entschlossener Stimme, doch den Mann schien das wenig zu interessieren.

Er zuckte mit den Schultern und drehte ein Schlüsselbund in seiner Hand herum. »Das ist nicht mehr wichtig, die Befehle kommen von oben, sie wird heute sterben.« So monoton wie er redete, sprach nicht einmal jemand in Hypnose, es war beinah unheimlich.

»Was? Nein, sie ist unschuldig!« Nun war es Tobias, der sich ihm in den Weg stellte.

»Die Befehle kommen von oben, sie wird heute sterben. Die Befehle kommen von oben, sie wird heute sterben. Die Befehle-.«

»Genug! Ich scheiß auf die Befehle, halten Sie also endlich die Klappe!«, rief ich ihm zu, irgendetwas stimmte hier hinten und vorn nicht.

»Was ist mit ihm?« Die Luna hob eine Augenbraue und berührte vorsichtig den Arm des Mannes, der hielt in seiner Bewegung inne und starrte sie böse an. Was war nur los mit diesem Kerl?

Jemand anderes betrat den Raum. »Ganz ruhig, Charles scheint heute etwas neben der Bahn zu sein, kein Grund gleich auf ihn loszugehen oder irre ich mich?«

Ein Knurren entwich meiner Kehle, als ich die Stimme des Mannes hörte, der uns erst hier reingebracht hatte, indem er sein Urteil vor allen Alphas verkündet hatte – Irwin Evans.

»Was ist los mit ihm?«, warf Tobias ein.

Der älteste Alpha zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht genau, wahrscheinlich hat er einen schlechten Tag. Nicht wahr, Charles?«

»Mmh.«, hörte man nur von dem Angesprochenen, der einen Schritt zurück trat und Irwin Platz machte. Letzterer verschränkte seine Arme hinter seinem Rücken und spazierte gelassen zu meiner Zelle herüber.

Ich knurrte wieder, nur dieses Mal noch lauter als zuvor. »Was willst du hier?«

Er lächelte amüsiert und schnalzte mit der Zunge, ein hässliches Geräusch, ich hasste es abgrundtief.

»Ich wollte reden, allerdings hatte ich erwartet, dass wir diese Unterhaltung allein führen.« Bei den letzten Worten sah er kurz zu Tobias und Naomi herüber, womit er ihnen deutlich machte, zu gehen.

»Wir wollten unsere Anklage fallen lassen, jemand anderes hat Eddon getötet, da bin ich mir sicher.«, erwiderte der andere Alpha auf die Aufforderung Irwins.

»Interessant, ich werde diese Meinungsänderung in das Urteil mit einschließen. Jetzt möchte ich noch etwas mit Sarah bereden, es wäre also besser, wenn ihr nun geht, sofort.« Die aufgesetzt nette Stimme änderte nichts an den Worten, die seinen Mund verließen, es klang wie eine Drohung, zweifellos. Die beiden waren die Einzigen, die mir nun glaubten, ich sollte sie also nicht unnötig in Gefahr bringen. Kurz nickte ich den beiden zu, um mich dann Irwin zuzuwenden.

Er wartete, bis dieser Charles die anderen hinausbegleitet hatte und lächelte dann. Er schien ein ganz falsches Spiel zu treiben, das spürte ich.

»Lassen wir die Nettigkeiten beiseite. Ich hoffe, dass die beiden nicht zu viel wissen,«, dabei sah er zu der Tür herüber, aus der Tobias und Naomi vor ein paar Sekunden verschwunden waren, », denn Wissen ist gefährlich, selbst für einen Alpha, aber das weißt du ja schon.«

»Du drohst mir? Was hast du vor?« Zorn machte sich in mir breit, ich hasste ihn so unglaublich sehr. Vor sechs Monaten war das noch ein wenig anders, doch so sehr ich alles durchdacht hatte, war ich auf den Schluss gekommen, dass es hier um mehr ging, als um den Tod von Eddon Wilson.

»Vielleicht tue ich das, wer kann das schon einschätzen? Was ich vorhabe, ist simpel, Sarah Daniels wird sterben, doch den weißen Wolf brauche ich noch. Doch erst einmal ist es wichtig, dass du weißt, was mit den Leuten passiert, die zu viel wussten, willst du es sehen?«

4

Vor Gericht

*Alex' Sicht*

Ein Schlüssel wurde in einem Schloss herumgedreht, das Metall quietschte etwas, das Schloss musste wohl wieder einmal geölt werden.

»Aufstehen, Evans!«, rief jemand lautstark.

Ich rührte mich nicht vom Fleck, hätte Bertie heute nicht die Morgenschicht übernehmen können?

Auf einmal klirrte etwas. Mit dem Schlüssel, mit dem vorher noch die Tür aufgeschlossen wurde, streifte jemand an den Gitterstäben entlang, und das nicht nur einmal. Das Kratzen des Metalls ließ mich fast wahnsinnig werden. »Hör schon auf! Ich bin wach.«

Der Wachmann lachte, er war ein groß gebauter Kerl mit wenig Haar auf dem Kopf und einem Gesichtsausdruck, der dem eines wiehernden Pferdes gleichkam, der einzige Unterschied dazwischen war, dass Pferde bei weitem besser aussahen, als er. »Steh auf oder willst du dein Urteil verschlafen?«

Ich seufzte und rappelte mich auf. »Hast du nicht gehört? Ich sagte, ich bin schon wach, aber danke.«

»Maul halten! Mach ja keine Mätzchen auf dem Weg, sonst hast du einen Pfahl zwischen den Rippen stecken!«

Vielleicht war es noch erwähnenswert, dass er nicht unbedingt die hellste Lampe am Leuchter war und außerdem das Wort ›Freundlichkeit‹ nicht zu kennen schien.

»Kannst du für fünf Minuten mal nett sein? Vielleicht ist das mein letzter Tag heute und da möchte ich nicht schon wieder von schlechtem Karma umgeben sein.«

Er verzog fragend das Gesicht. »Karma?«

Seufzend schüttelte ich den Kopf. »Nicht so wichtig.« Manchmal war es echt traurig zu sehen, auf welchem geistigen Stand sich die Gefolgsleute meines Großvaters befanden. »Wer wird alles anwesend sein?«

Der Typ, dessen Name mir leider entfallen war, zuckte unwissend mit den Schultern, lief einfach weiter. Natürlich vermied er es nicht, mich alle vier Meter nach vorn zu stoßen, sodass ich fast jedes Mal kurz davor war, den Boden zu küssen, also im negativen Sinne.

»Ich kann selber laufen, keine Sorge.«, zischte ich genervt.

»Und?« Er starrte stur weiter gerade aus, als wäre am Ende des Ganges etwas, was er im Auge behalten müsste. »Wir sollten uns besser beeilen, die Alphas warten nicht gern.«

Ich schnaubte und blickte ihn an. »Das weiß ich, schließlich bin ich auch ein Alpha.«

Er lachte. »Nein, du warst einer, jetzt bist du nur noch ein einfacher Werwolf ohne jegliche Rechte. Tragisch, oder?«

Wenn ich sagen würde, dass ich ihn hasste, dann wäre das maßlos untertrieben, ich verabscheute diese Person, zwar nicht so sehr wie meinen gottverdammten Großvater, allerdings kam es dem schon sehr nahe. »Kannst du einen Moment mal aufhören, mich zu beleidigen?«

Es kam keine Antwort, warum auch, ich war es ja schließlich nicht wert. Der Gang erhellte sich, wir mussten also fast unser Ziel erreicht haben. Ich konnte eine Tür erkennen, vor welcher sich drei Personen befanden, zwei uninteressante Wachen und James.

»Ich würde ja sagen, dass es schön ist dich zu sehen, aber so wie du aussiehst, lass ich es lieber.« Der Alpha grinste und legte mir eine Hand auf die Schulter, so wie er es irgendwie immer tat. »Ich muss dir etwas sagen, bevor-.« Weiter kam mein Freund nicht, da unterbrach ihn ein lauter Knall, welcher vom Inneren des Raumes kam.

»James, setz dich bitte. Wir würden gern anfangen.« Beim Klang von Irwins Stimme stellten sich mir sämtliche Nackenhaare auf.

Kaum war die schwere Tür ins Schloss gefallen, da wurde es ruhig im ganzen Raum. Auf einer Empore saßen die Alphas nebeneinander und starrten auf mich hinab. Eigenartigerweise waren sie nur zu neunt, Chris und Bruce fehlten.

»Ihr seid heute mal nicht ganz so zahlreich erschienen wie sonst, habt ihr meine Sympathisanten etwa ausgeschlossen?«

Kyle erhob sich kopfschüttelnd. »Es werden keine Verräter und Mörder im Rat geduldet.«

Ein wenig verwirrt kniff ich die Augenbrauen zusammen. »Genaugenommen ist jeder hier im Raum mindestens eins von beiden, oder nicht?« Ich verstand die Logik nicht, warum sollten sie Chris ausschließen?

Bei Bruce konnte ich es nachvollziehen, er stand mir zu nahe, außerdem war er ein Teil der Familie, also wurde er als voreingenommen abgestempelt, möglicherweise sogar als Verräter, wie Kyle es gesagt hatte. Chris jedoch war, genau wie James, ein guter Freund, mehr aber nicht, was also war der Grund?

»Bruce Evans’ Meinung ist voreingenommen und Chris Leighton hat jemanden getötet, der dir sehr nahe stand, darüber wollten wir jetzt reden.«, meinte Irwin etwas besorgt. Natürlich war das alles nur gespielt, er war gar nicht fähig irgendwelche Gefühle zu zeigen.

Ganz abgesehen davon, verstand ich nicht, worauf er hinauswollte. Chris sollte jemanden getötet haben, der mir nahe stand, wer sollte das denn sein?

Vielleicht ein Rudelmitglied?

Möglicherweise war das auch nur eine Lüge und niemand war tot, denn Chris war nicht wirklich einer der Leute, die einfach irgendjemanden umbrachten. »Und wen soll er getötet haben?«, fragte ich ungläubig.

»Er hat den weißen Wolf getötet, deine Gefährtin.«, entgegnete er.

Ich erstarrte augenblicklich, das konnte nicht sein. Ich hätte es bemerkt, wenn sie nicht mehr am Leben wäre. »Das glaube ich nicht, ich wüsste es, wenn sie tot wäre! Hört auf zu lügen!«, rief ich, so laut ich konnte. Sie wollten mich hinters Licht führen, mich brechen, doch da hatten sie den Falschen gewählt.

Ein lautes Seufzen kam von Irwin. »Ich wusste, dass du die Wahrheit nicht glauben würdest. Daher wird Chris es dir selbst sagen.«

Die Tür öffnete sich wieder und ein Mann wurde hineingestoßen, seine Kleidung war blutbefleckt und dreckig, sein Gesicht von tiefen Schnitten durchzogen und seine Nase gebrochen.

»Was ist mit dir passiert?«, flüsterte ich, entsetzt über seinen Zustand.

»Ich … ich habe sie angegriffen, sie hat sich gewehrt, es … es tut mir so leid. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist.«

Ungläubig betrachtete ich ihn, wieso sollte er das getan haben?